Sitzen ist das neue Rauchen! Die Auswirkungen vom Sitzen im arbeitsbedingtem Kontext auf die Gesundheit


Bachelorarbeit, 2018
50 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkurzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abstract

1 Einleitung

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Gesundheit und Krankheit
2.2 Bewegungsmangel
2.2.1 SitzendeTatigkeit
2.2.2 Metabolisches Aquivalent
2.3 Biomechanische Wirkmechanismen wahrend des Sitzens

3 Gegenwartiger Forschungsstand
3.1 Pathophysiologische Auswirkungen des Sitzens auf den Korper
3.2 Erkenntnisse zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen
3.3 Erkenntnisse zu Muskel-Skelett-Erkrankungen

4 Methode
4.1 Fragestellung
4.2 Einschlusskriterien
4.3 Literaturrecherche
4.4 Ergebnis

5 Ergebnis
5.1 Ergebnisse Herz-Kreislauf-Erkrankungen
5.1.1 van Uffelen etal.2010
5.1.2 Dunstan, Thorp & Healy 2011
5.1.3 Biswas et al. 2015
5.1.4 Zusammenfassung bezuglich Herz-Kreislauf-Erkrankungen
5.2 Ergebnisse Muskel-Skelett-Erkrankungen
5.2.1 Chen et al. 2009
5.2.2 Roffey et al. 2010
5.2.3 Janwantanakul, Sitthipomvorakul & Paksaichol 2012
5.2.4 Zusammenfassung bezuglich Muskel-Skelett-Erkrankungen
5.3 Schlussfolgerung

6 Diskussion

7 Fazit/Ausblick

8 Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1. PAL-Werte

Tabelle 2. MET-Werte bei verschiedenen korperlichen Aktivitaten

Tabelle 3. Das PICO Format

Tabelle 4. Suchsyntax PubMed - 1. Selektion

Tabelle 5. Suchsyntax PubMed - 2. Selektion

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1. Vereinfachte Darstellung des Salutogenese-Modells nach ANTONOVSKY

Abbildung 2. Osmotisches System

Abbildung 3. Sitzhaltungen

Abbildung 4. Sitzen und seine Folgen

Abbildung 5. Der runde Rucken

Abstract

Sitzen ist das neue Rauchen. 1st das Sitzen wirklich so schadlich?

Hinsichtlich der Thematik „Rauchen“ sind sich Wissenschaft und Gesellschaft mittlerweile einig, der Tabakkonsum ist gesundheitsschadlich. Ob dieser Konsens auch auf das Sitzen zutreffen kann soil durch eine Literaturrecherche festgestellt werden.

Das Ziel dieser Literaturanalyse ist demnach zu bestimmen, welche Konsequenz das Sitzen auf den menschlichen Organismus aufweist. Im Zuge der Digitalisierung verbringen immer mehr Menschen ihren beruflichen Alltag im Sitzen. Aufgrund dessen wurde folgende Forschungsfrage aufgestellt: Welche Auswirkungen hat das Sitzen im arbeitsbedingtem Kontext auf die Gesundheit?

Urn jene Forschungsfrage beantworten zu konnen, wurden mit Hilfe festgelegter Einschlusskriterien wissenschaftliche Artikel aus den Datenbanken PubMed, CINAHL Oder Medline ausgewahlt und ausgewertet. Fur die Recherche wurden sechs geeignete wissenschaftliche Artikel bzw. Reviews und Meta-Analysen gefunden. Die Artikel befassten sich damit, ob Sitzen im beruflichen Kontext fur Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Muskel-Skelett- Erkrankungen verantwortlich sein kann. Die Ergebnisse aus diesen Studien konnten deutlich signifikante Zusammenhange zwischen dem Sitzen und den Auswirkungen auf das Herz- Kreislauf-System feststellen. Insbesondere fur die Erkrankung Diabetes mellitus (vgl. Hu et al., 2003a; Sargeant et al., 2003; Hu et al., 2003b) und fur die Mortalitat (vgl. Stamatakis et al., 2011) konnten eindeutige Erkenntnisse geliefert werden. Bezuglich der Ergebnisse zum Muskel-Skelett-System konnten keine signifikanten Zusammenhange herausgestellt werden. Es konnten jedoch tendenzielle Zusammenhange von langerem Sitzen hinsichtlich der Arbeit, der Freizeit und von Ruckenschmerzen aufgezeigt werden (vgl. Nourbakhsh et al., 2001).

Betrachtet man das Sitzen im Gesamtkontext, lasst sich die Aussage „Sitzen ist das neue Rauchen" bestatigen. Die gewonnenen Erkenntnisse aus den ausgewahlten Studien weisen jedoch hinsichtlich des beruflichen Kontexts Lucken auf. Aus diesem Grund ist es schwierig, eindeutige Aussagen fur die vorliegende Forschungsfrage zu treffen. Auf dieser Grundlage ist es empfehlenswert, das Sitzen am Arbeitsplatz zukunftig detaillierter einzugrenzen und zu untersuchen.

1 Einleitung

Sitzen ist das neue Rauchen. Dass Rauchen gesundheitsschadlich ist, ist allseits seit Jahren bekannt. Erschreckende Bilder auf Tabakwaren sollen den Kaufer und Raucher standig daran erinnern. Ein Zusammenhang zwischen dem Tabakkonsum und dessen Gesundheitsschadigung konnte in den letzten Jahrzehnten unweigerlich bestatigt werden. Christoph B. Kroger und Bettina Lohmann (2007) gehen in ihrem Buch „Tabakkonsum und Tabakabhangigkeit" sogar noch weiter und schreiben: „Rauchen ist wohl die in der Geschichte der medizinischen Forschung am intensivsten untersuchte Ursache korperlicher Erkrankungen und es gibt kaum ein physisches Leiden, das nicht durch Zigarettenrauchen ausgelost Oder verschlimmert werden kann“ (Kroger & Lohmann, 2007, S. 1).

Ob das Sitzen jedoch genauso schadlich fur die Gesundheit sein kann wie das Rauchen, ist immer wieder Thema in der aktuellen Gesundheitsforschung. Diese These gilt es weiterhin zu belegen. In der Literatur sowie in der Wissenschaft lassen sich noch keine eindeutigen Belege fur die Behauptung „Sitzen ist das neue Rauchen" finden. Einige wissenschaftliche Beitrage lassen bereits jetzt Zusammenhange zur Bekraftigung dieser Fragestellung erkennen. Ob diese Aussage auf das Sitzen und den daraus resultierenden Bewegungsmangel zutreffen kann, soil in der vorliegenden Literaturarbeit recherchiert werden.

Sitzen. Arbeiten. Gesundheit. Krankheit. In welcher Beziehung stehen diese Begriffe zueinander? Gibt es kausale Zusammenhange? Inzwischen verdichten sich die Erkenntnisse, dass kausale Zusammenhange zwischen dem Sitzen bzw. den sitzenden Tatigkeiten, dem Arbeitsplatz, der Gesundheit und Krankheitsbildern existieren.

Unsere Gesellschaft sieht sich einem wachsenden Leistungsdruck ausgesetzt, welcher insbesondere den Arbeitsplatz betrifft. Anforderungen im arbeitsbedingten Kontext wirken sich physisch wie psychisch auf Arbeitnehmer aus. Dieser Trend hat Auswirkungen auf die Gesundheit und lasst sich deutlich in den Jahresberichten der Krankenkassen beobachten. In einem 2017 veroffentlichten Bericht des BKK Dachverbands geht man einem aktuellen Problem auf den Grund, der Digitalisierung. Der zunehmenden Digitalisierung ist es zuzuschreiben, dass die Anzahl der sitzenden Berufe steigt (Knieps & Pfaff, 2017). Prof. Dr. Ingo Frobose und Dr. Birgit Wallmann-Sperlich haben in einer von der DKV angelegten Studie aus dem Jahre 2016 herausgefunden, dass „Schreibtischarbeiter“ wochentags 11 Stunden sitzen (vgl. Frobose & Wallmann-Sperlich, 2016). Die vermeintlich daraus resultierenden Krankheitsbilder wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus, koronare Herzerkrankungen sowie „Ruckenleiden“ sind mittlerweile keine Seltenheit mehr, sondern scheinen erschreckender Alltag. Sich darauf beziehend konnte in den letzten Jahren eine steigende Entwicklung von krankheitsbedingten Ausfallen beobachtet werden.

Anhand der Gesundheitsberichte der DAK-Gesundheit lassen sich negative Auswirkungen des Sitzens auf die Gesundheit in Bezug auf Muskel-Skelett-Erkrankungen herausstellen. Die DAK- Gesundheit gehort zu den groBten gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland, die, aufgrund ihrer historischen Entwicklung, unter anderem Arbeitnehmer in Berufen mit einer sitzenden Beschaftigung (z.B. Buroberufen und Verwaltung) versichert (Marschall et al. 2018). Eine Erhohung der Falldauer von Krankheitstagen bei Muskel-Skelett-Erkrankung zwischen den Jahren 2009 und 2017 unterstutzt die zuvor erwahnte Entwicklung. Im Jahre 2009 wurden noch 259 Tage pro 100 Versichertenjahre gemeldet. Wobei es aktuell 326,9 Tage pro 100 Versichertenjahre sind. Dies stellt einen Anstieg von 67,9 Tagen pro 100 Versichertenjahre dar (DAK-Gesundheit, 2010; Marschall et al., 2017). Zur Validitat dieser Daten ist zu berichten, dass sich die vorgelegten Zahlen und deren daraus resultierenden Entwicklungen mit den bundesweiten Datenlagen der gesetzlichen Krankenversicherungen decken (Statista, 2018).

GemaB den Gesundheitsreporten der gesetzlichen Krankenkassen verursachen neben den Muskel-Skelett-Erkrankungen grundsatzlich auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen lange Ausfallzeiten. Dem Bericht des BKK Dachverbandes zu Langzeiterkrankungen aus 2015 ist zu entnehmen, dass laut der Weltgesundheitsorganisation 42% aller Todesfalle weltweit von nicht ubertragbaren chronischen Erkrankungen, wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs verursacht werden. Laut des Berichts werden diese Erkrankungen haufig durch wenig gesundheitsforderliche Verhaltnisse und durch ungesundes Verhalten, wie Rauchen und Bewegungsmangel verursacht (Knieps & Pfaff, 2015).

Das Problem besteht darin, eindeutige Beweise fur einen Zusammenhang zwischen dem Sitzen und der erwahnten Entwicklung zu finden. Der Betrachtung der Auswirkungen vom Sitzen im arbeitsbedingten Kontext, sowohl auf das Muskel-Skelett-System als auch auf das Herz-Kreislauf-System, soil daher im Rahmen der vorliegenden Literaturarbeit eine hohe Bedeutung beigemessen werden.

Kernaspekt dieser Arbeit ist es dementsprechend, im weiteren Verlauf herauszustellen, inwieweit aktuelle Studien und wissenschaftliche Erkenntnisse den aktuellen Forschungsstand zu den Auswirkungen des Sitzens auf das Muskel-Skelett-System sowie das Herz-Kreislauf- System widerspiegeln und damit die These ,,Sitzen ist das neue Rauchen" zu bekraftigen.

2 Theoretischer Hintergrund

Gesundheit, Krankheit, Bewegungsmangel, sitzende Tatigkeit und biomechanische Wirkmechanismen, Begriffe die nachfolgend naher beschrieben werden, um Zusammenhange fur die dieser Arbeit zugrundeliegende Forschungsfrage entsprechend zu verdeutlichen.

2.1 Gesundheit und Krankheit

Gesundheit ist ein Begriff, welcher kontrovers diskutiert wird und wofur es keine einheitlich geltende Definition gibt. Unterschiedliche Erklarungen, Beschreibungen Oder Definitionen zu diesem Begriff existieren. Die WHO erklart den Gesundheitsbegriff als einen Zustand des vollstandigen korperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens, welcher nicht nur das Fehlen von Krankheiten aufweist (vgl. Blattner, 2018). Diese Beschreibung stoBt in der Wissenschaft auf Kritik. Federfuhrend hierbei ist der anerkannte Sozial- und Gesundheitswissenschaftler Klaus Hurrelmann. Die Erklarung des Gesundheitsbegriffes der Weltgesundheitsorganisation wird von Hurrelmann (2000, zitiert nach Blattner, 2018) als utopisch charakterisiert, da ein vollstandiger Zustand des Wohlbefindens nicht dauerhaft realisierbar ist. Er versteht den Begriff der Gesundheit als ein Gleichgewichtsstadium von Risiko- und Schutzfaktoren, welches jederzeit in Frage gestellt werden muss (vgl. Hurrelmann, 1999).

In der Gesundheitswissenschaft wird das Salutogenese-Modell von Aaron Antonovsky zur allgemein anerkannten Beschreibung des Gesundheitsbegriffs genutzt. Die Salutogenese versteht sich als Prozess, welcher die Ausrichtung von attraktiven, motivierenden Gesundheitszielen sowie das ErschlieBen von Ressourcen zur Orientierung nutzt. Antonovsky schafft somit ein ganzheitliches Bild mehrdimensionaler Gesundheit (vgl. Petzold, 2011). Um ein besseres Verstandnis fur das Salutogenese-Modell zu bekommen ist die nachfolgende Abbildung 1 abgebildet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1. Vereinfachte Darstellung des Salutogenese-Modells nach ANTONOVSKY (BSA Akademie, 2018, S.14)

Der Kernpunkt von Antonovsky ist, dass er jedes Individuum als gesund und gleichzeitig auch als krank betrachtet. Zu welcher Richtung ein Individuum tendiert hangt von den biologischen, psychosozialen Oder gesellschaftlichen Risiken ab. Antonovsky beschreibt des Weiteren, dass jene Risiken sich entweder zu Schutzfaktoren Oder Risikofaktoren entwickeln konnen. Personale sowie soziale Schutzfaktoren konnen die Wirkung der Risiken minimieren und haben somit einen direkten Einfluss auf die Gesundheit. Urn die Gesundheit zu fordern sollten die Risikofaktoren und die Schutzfaktoren ausbalanciert sein. Aus diesem Grund sind die Ziele einer Gesundheitsforderung die Reduzierung von Risiken bei gleichzeitiger Steigerung der Ressourcen (BSA Akademie, 2018).

Krankheit wird in der Wissenschaft nicht so kontrovers diskutiert wie der Gesundheitsbegriff und die Gesundheitsforderung. Wie zu Anfang erwahnt wird Gesundheit als vollstandiger Zustand des korperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens seitens der WHO beschrieben. „Krankheit ist dementsprechend jeder Zustand, der nicht diesem Gesundheitsbegriff entspricht" (Schoppmeyer, 2011, S. 1). Diese Definition bzw. Beschreibung von Krankheit ist ein logischer Ansatz, welcher jedoch keine wissenschaftlichen Belege mitliefert. Der biologische Ansatz hierzu ist klarer. Erkrankungen sind Reaktionen des Organismus auf eine Schadigung (vgl. Schoppmeyer, 2011).

Subjektive Empfindungen spielen demnach fur die Einordung von Gesundheit und Krankheit bei jedem Individuum eine entscheidende Rolle. Ob sich ein Mensch als gesund Oder krank bezeichnet kann bei individuellen auf das subjektive Befinden bezogenen Befragungen demnach nicht zwingend vereinheitlicht werden.

2.2 Bewegungsmangel

Gesundheit wird assoziiert mit Begriffen wie Balance, Gleichgewicht Oder Ausgleich. Immer haufiger kommt es zu einer Dysbalance dieser Begriffe. Inaktivitat ist ein Verursacher dieses Ungleichgewichts und fuhrt unweigerlich zu Erkrankungen. Bewegungsmangel ist ein unterentwickelter Zustand an korperlicher Bewegung bzw. korperlicher Aktivitat und wird als ein zentrales Gesundheitsproblem beschrieben. Da Bewegung ein unabdingbares Lebensprinzip ist, fuhrt Bewegungsmangel zwangslaufig zu chronischen Erkrankungen, insbesondere im Hinblick auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Muskel-Skelett-Erkrankungen (vgl. Lagerstrom, 2002a). Die WHO empfiehlt folgendes MindestmaB an Bewegung, urn einem Bewegungsmangel vorzubeugen und die Gesundheit zu erhalten:

Die Mindest-Empfehlungen der WHO fur Erwachsene sehen 150 Minuten korperliche Aktivitat mit moderater bis intensiver Auspragung pro Woche vor (z. B.5 · 30 min/pro Woche) Oder 75 Minuten pro Woche korperliche Aktivitat mit hoherer Intensitat. Dabei sollten die einzelnen Einheiten mindestens 10 Minuten betragen (z.B.3 · 10 min/Tag an funf Tagen einer Woche).

(Eisenacher-Abelein, 2018, S.11)

Aus gesundheitlicher Sicht kann die Bedeutung von Bewegung in zwei Grundprinzipien gegliedert werden. Zum einen muss das Kalorienungleichgewicht durch mehr Aktivitat wieder ausgeglichen werden und zum anderen sollen die Organe und Organsysteme vermehrt Reizsetzungen ausgesetzt werden (vgl. Lagerstrom, 2002a). Somit ist fur die Entwicklung und Erhaltung der korpereigenen Strukturen sowie Funktionen von Organen und Organsystemen die Bewegung unabdingbar. Bewegungsaktivitaten weisen direkte Wechselbeziehung zwischen Funktionen des Immunsystems und der Aufrechterhaltung eines psychosomatischen Gleichgewichts auf (vgl. Lagerstrom, 2002b).

2.2.1 Sitzende Tatigkeit

Der Begriff „sitzende Tatigkeit" lasst sich nicht eindeutig beschreiben bzw. definieren. In der Literatur sowie in der Wissenschaft gibt es keinen klaren Ansatz zur Klarung jenes Begriffs. Eine einheitlich anerkannte Zuordnung konnte diese Forschungslucke schlieBen. Untersuchungen konnten dann validere Ergebnisse bei Zusammenhangen mit Sitzverhalten liefern. Eindeutige Zuteilungen, wie Dauer des Sitzens Oder Art des Sitzens konnten dann geklart werden, aktuell ist dies nicht moglich. Ein moglicher Ansatzpunkt zur einheitlichen Beschreibung der sitzenden Tatigkeit ist der Energieumsatz bzw. Leistungsumsatz.

Die DGE teilt Energieumsatze verschiedenen Aktivitaten zu. Es ist eine detailliertere Kontrolle uber den Energieumsatz durch die PAL-Einheit. Die PAL-Werte fur sitzende Tatigkeiten schwanken je nach Grad zwischen 1.2 und 1.7 PAL. Buroangestellte kommen dementsprechend auf einen PAL-Wert zwischen 1.4 und 1.5. In Tabelle 1 werden jene PAL- Werte strukturiert dargestellt. Jene Werte mussen dann mit den individuellen Grundumsatzen multipliziert werden. Somit ergeben sich individuell gemessene Leistungsumsatze bzw. Arbeitsumsatze fur den Tag (Schnur, 2013).

Tabelle 1. PAL-Werte (modifiziert nach Schnur, 2013)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2.2 Metabolisches Aquivalent

Das metabolische Aquivalent beschreibt den Energieverbrauch fur unterschiedliche korperliche Aktivitaten. Ainsworth (2000) definiert das metabolische Aquivalent als Verhaltnis zwischen einem Arbeitsumsatz und einer standardisierten Stoffwechselrate im Ruhezustand. Somit lassen sich korperliche Aktivitaten in verschiedene Kategorien klassifizieren. Laut Ainsworth entspricht 1 MET > 4,184 kJ (1 kcal) pro Kilogramm Korpergewicht pro Stunde. Die MET Werte bzw. Einheiten reichen von 0.9 MET bis 18 MET. Die nachfolgende Tabelle 2 soil hinsichtlich sitzender Aktivitaten dargestellt werden (vgl. Ainsworth et al., 2000).

Tabelle 2. MET-Werte bei verschiedenen korperlichen Aktivitaten (modifiziert nach Ainsworth, 2000, pp 509-510)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Analyse des Metabolischen Aquivalent kann fur die Einordnung bzw. Untersuchung von sitzenden Tatigkeiten in Bezug auf Arbeits- bzw. Energieumsatze dazu beitragen objektivere Messergebnisse zu liefern.

2.3 Biomechanische Wirkmechanismen wahrend des Sitzens

Die Wissenschaft der Biomechanik ist die, welche „die Reaktionen der lebenden Gewebe des Bewegungssystems auf mechanische (innere und auBere) Krafte beschreibt" (Schomacher, 2011, S. 67). Im Folgenden werden unterschiedliche Sitzhaltungen bzw. Sitzpositionen beschrieben und verglichen. Jene Ausfuhrungen und Erkenntnisse werden durch das Werk von Schoberth (1989), den Buchabschnitt von Schomacher im Werk von Huter-Becker und Dolken (2011) sowie durch das Werk von Kramer, Matussek und Theodoridis (2014) gestutzt.

Zur Aufklarung von biomechanischen Wirkmechanismen wahrend des Sitzens sind die funktionellen Eigenschaften der Wirbelsaule und die Aktivitat der Muskulatur unerlasslich. Bestehend aus ubereinander liegenden Wirbelkorpern, die durch Bandscheiben miteinander verbunden sind, kommt der Wirbelsaule eine groBe Bedeutung zu. Die Bandscheiben bestehen aus einen hyalinen Knorpel, welche von einem Faserring mit vielen Kollagenfasern umschlossen sind. Jene Kollagenfasern umschlieBen den Nucleus pulposus, der einen zellarmen gallertartigen Kern darstellt. Somit besteht eine Bandscheibe aus uber 70% Wasser und weist damit eine hohe Elastizitat und Widerstandsfahigkeit auf. Hierbei entsteht durch den Wechsel von Druck und Entlastung ein Nahrstoffaustausch (vgl. Schomacher, 2011). „Rhythmische Bewegung ist daher ein wichtiger Faktor fur die Verbesserung der Ernahrung der Bandscheiben" (Schomacher, 2011, S. 86). Dies wird in der Abbildung 2 vom osmotischen System der Bandscheibe anschaulich dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2. Osmotisches System (Kramer; Matussek & Theodoridis, 2014, S. 350)

Das osmotische System der Bandscheibe kommt durch eine langanhaltende Sitzhaltung ins Ungleichgewicht. Nicht nur der Stoffaustausch ist von einem langeren Sitzverhalten betroffen. Durch bestimmte Sitzhaltungen erhohen sich die intradiskalen Druckwerte, jene Werte beschreiben den Bandscheibeninnendruck. In Abbildung 2 und 3 werden die verschiedenen Druckbelastungen in unterschiedlichen Sitzhaltungen dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3. Sitzhaltungen (Kramer et al., 2014, S. 352)

Mit (a) wird jeweils die vordere Sitzhaltung und mit (b) die hintere Sitzhaltung beschrieben. Die vordere Sitzhaltung stellt mit einem lumbalen intradiskalen Druck von 0,65 MPa eine hohe Belastung dar. „Die vermehrte Vorderkantenbelastung fuhrt zusammen mit dem hohen Belastungsdruck auch leicht zu Verlagerungen von Bandscheibengewebe nach dorsal, ..." (Kramer et al., 2014, S. 352). In dieser Position befindet sich die Wirbelsaule in einer physiologisch kyphotischen Haltung. Ahnlich verhalt es sich mit der hinteren Sitzhaltung. Dabei entsteht eine Haltung mit zuruckgedrehtem Becken. Durch fehlende muskulare Unterstutzung entsteht in Folge dessen eine Totalkyphose. Der lumbale intradiskale Druck jedoch ist mit 0,3 MPa deutlich geringer als in der vorderen Sitzhaltung. Es sollte erganzt werden, dass die zuvor erwahnten Ausfuhrungen bei kurzzeitigen Sitzhaltungen kaum negative Auswirkungen auf den Korper darstellen. Im Gegenteil, durch die Streckstellung der Lendenwirbelsaule vergroBert sich der Wirbelkanal und sorgt dabei fur eine Entlastung in diesem Bereich (vgl. Kramer et al., 2014).

Wie zu Anfang erwahnt, sollte man im weiteren Verlauf den Muskelaktivitaten mehr Bedeutung schenken. Schoberth (1989) weist auf die Unterbeanspruchung der Skelettmuskulatur hin und fuhrt weiter aus, dass dadurch die Muskulatur atrophieren kann. Er fasst dementsprechend die Thematik der Muskelaktivitaten wie folgt zusammen: ,,Es hat sich gezeigt, daB bei verschiedenen Sitzhaltungen unterschiedliche Muskelanspannungen in Erscheinung treten, was wiederum auf einen erhohten Oder verminderten Stoffwechsel schlieBen laBt“ (Schoberth, 1989, S. 96).

Interessant und aufschlussreich fur die vorliegende Arbeit sind daher in den folgenden Kapiteln Untersuchungsergebnisse, welche die Sitzdauer und deren Haufigkeit mit den verschiedenen Sitzhaltungen untereinander vergleichen und gleichzeitig gegenuberstellen.

3 Gegenwartiger Forschungsstand

In diesem Kapitel wird der aktuelle Forschungsstand der Wissenschaft auf die Zusammenhange zwischen dem Sitzen und deren Auswirkungen auf die Gesundheit untersucht.

3.1 Pathophysiologische Auswirkungen des Sitzens auf den Korper

Eine sitzende Haltung kann eine Vielzahl von Auswirkungen auf den menschlichen Korper haben. Diese Annahme muss zunachst durch die Forschung nachgewiesen werden. Im Kontext dieser Fragestellung sollte der Begriff des Bewegungsmangels genannt werden. Er ist die logische Folgerung einer sitzenden Haltung. Im Kapitel ,,Theoretischer Hintergrund" wurde der Begriff Bewegungsmangel bereits naher erlautert, auf die Zusammenhange und Auswirkungen des Bewegungsmangels auf den Korper soil nun in diesem Kapitel naher eingegangen werden.

Die Auswirkungen des Bewegungsmangels bilden sich zu verschiedenen Krankheiten aus. Daraus resultierend ist das metabolische Syndrom eine immer haufiger werdende Erkrankung. Bestehend aus Stoffwechselstorungen wie Adipositas Oder Hyperlipoproteinamie sowie arterielle Hypertonie und Insulinresistenz konnen sich GefaBverengungen entwickeln, welche zu koronaren Herzerkrankungen fuhren (vgl. Brusis, 2002).

Auch die passiven und aktiven Strukturen des Bewegungsapparats konnen betroffen sein. Haufig sind Verspannungen und somit muskulare Dysbalancen verantwortlich fur chronische und degenerative Veranderungen von Gelenkstrukturen. In Abbildung 4 und in Abbildung 5 wird dies nur zu deutlich. Ausloser hierfur ist die damit einhergehende Fehlhaltung wahrend des Sitzens. Eine haufige Fehlhaltung ist der sogenannte „Runde Rucken". Dieser entwickelt sich zu einer kyphotischen Wirbelsaule. Dadurch kommt es haufig zu einer Fehlfunktion des Zwerchfells. Jene Fehlfunktion wird durch die resultierende Verengung des Brustkorbes unterstutzt (vgl. Starrett, 2017).

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Sitzen ist das neue Rauchen! Die Auswirkungen vom Sitzen im arbeitsbedingtem Kontext auf die Gesundheit
Autor
Jahr
2018
Seiten
50
Katalognummer
V455787
ISBN (eBook)
9783668885035
ISBN (Buch)
9783668885042
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sitzen, rauchen, auswirkungen, kontext, gesundheit
Arbeit zitieren
David Rohkohl (Autor), 2018, Sitzen ist das neue Rauchen! Die Auswirkungen vom Sitzen im arbeitsbedingtem Kontext auf die Gesundheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455787

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