Der alltägliche Blick zurück. Zum Umgang mit der DDR-Geschichte, am Beispiel der Ostalgie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
17 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitiiiig

2 Erinnerungstheorien
2.1DassozialeGedachtnis
2.2Das kollektive Gedachtnis

3 Das Phanomen der Ostalgie
3.1 Begriffsbestimmung - Zeitliche Einordnung - Definition
3.1.1 Ostidentitat
3.1.2 (DDR-)Nostalgie
3.1.3 Ostalgie
3.2 Auspragungen der Ostalgie
3.2.1 Film/TV
3.2.2Konsumguter

4 Heutige Bilder von der DDR

5 Resumee

Literatur

1 Eiiileitimg

„Thepast is never dead. It's not evenpast.“

-William Faulkner-

Welche Folgen hat es fur den Alltag eines Burgers, wenn dieser permanent beobachtet und abgehort wird? Was bedeutet es, niemandem trauen zu konnen, - auch nicht der eigenen Familie - da der Gegenuber moglicherweise mit der Stasi zusammenarbeitet? Was heiBt es, wenn man aus Angst vor Verurteilung und Inhaftierung seine Meinung nicht laut bzw. offentlich auBern kann? Diese und weitere Fragen haben mich dazu veranlasst, mich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Der in einigen Teilen der Gesellschaft und der Literatur verbreitete verklarende Ruckblick auf die DDR erzeugte bei mir ein Unverstandnis und regte mich an, uber diese Thematik nachzudenken. Getreu der Redewendung "Es ist nicht alles Gold was glanzt", muss aber auch nicht alles bezuglich der DDR schlecht gewesen sein. Der andere deutsche Staat ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert Geschichte. Nach Martens (2011) lebt die DDR aber in vielen Erinnerungen und Erzahlungen weiter und wirkt als scheinbar Vergangenes weiterhin auf die Gegenwart, indem sie die Menschen in ihren Vorstellungen und ihrem Handeln noch heute pragt. In diesem Kontext verdeutlicht das Zitat des US-amerikanischen Schriftstellers W. Faulkner sehr zutreffend, dass die Vergangenheit niemals wirklich vergangen oder gar endgultig abgeschlossen sei. Fast 27 Jahre nach dem Mauerfall von 1989 sind die Fragen nach dem Umgang mit der DDR-Vergangenheit und nach dem Verhaltnis der (Ost-)Deutschen gegenuber dem ehemaligen Diktaturstaat ebenso zahlreich wie auch vielfaltig. Diesbezuglich sind eine Vielzahl von joumalistischen Publikationen sowie wissenschaftlichen Veroffentlichungen zur DDR-Geschichte vorzufinden. Dabei geht es nicht ausschlieBlich um die faktenbegrundete Auseinandersetzung mit der DDR. Vielmehr stehen hier Aspekte der Vergangenheitsaufarbeitung, der Identitatssuche oder des emotionalen Erinnerns im Vordergrund (vgl. Berth & Kollegen 2010), wie beispielsweise in den sog. Ostalgie-Shows, die kurz nach der Jahrtausendwende ihren Hohepunkt im TV erlebten (vgl. Neller 2006). Diese Shows spiegeln dabei eine kollektive „positive Orientierung gegenuber der ehemaligen DDR“ (ebd., S. 37) wider, welche von Neller (ebd.) als DDR-Nostalgie bezeichnet wird und die im Zentrum dieser Ausarbeitung stehen soil. Es soil an dieser Stelle auBerdem herausgearbeitet werden, welches Bild der ehemaligen DDR heutzutage in der deutschen Bevolkerung existiert? Da diesbezuglich vor allem der

Beschaftigung mit Erinnerung und Gedachtnis eine groBe Bedeutung zukommt, befasst sich diese Arbeit in Kapitel 2 zunachst mit zwei grundlegenden Erinnerungstheorien, um zu verdeutlichen wie Wahrnehmung und Erinnerung sowohl auf individueller, als auch auf gesellschaftlicher Ebene im Kontext der Ostalgie stattfindet. Im Anschluss daran wird in Kapitel 3 und seinen Unterkapiteln zum einen die historische Entwicklung der Nostalgie uber die DDR-Nostalgie bis hin zur Ostalgie in den Blick genommen und zum anderen eine definitorische Unterscheidung der Begriffe Ostidentitat, Nostalgie sowie Ostalgie vorgenommen. Diese Differenzierungen erscheinen fur die Wissenschaftlichkeit dieser Arbeit von hoher Bedeutung, da die Begriffe im offentlichen Diskurs oft falschlicherweise als Synonym verwendet werden (vgl. Neller 2006). Auf diese Weise sollen inhaltliche Irrtumer vermieden werden. Kapitel 3.2 und die anschlieBenden Unterkapitel geben einen zusammenfassenden Uberblick uber die okonomischen Auspragungen der Ostalgie am Beispiel von Filmen, Serien sowie Unterhaltungsshows und anhand typischer Ostprodukte. Daruber hinaus werden in Kapitel 4 Befragungsergebnisse verschiedener Studien vorgestellt, die zum einen das vermittelte romantische Bild mancher Medien uber die DDR widerspiegeln und zum anderen auch kritische Ansichten hervorbringen. Abgeschlossen wird diese Arbeit schlieBlich mit einem Resumee in Kapitel 5, in dem die Ergebnisse zusammengefasst und geordnet werden.

2 Erinnerungstheorien

Wie vollzieht sich das Erinnem und wie werden Erinnerungen weitergegeben? Wie wird etwa im Familiengesprach Vergangenheit gebildet? Und wie verandert sich zum Beispiel die Wahrnehmung und Geschichtsschreibung der DDR mit wachsendem Abstand?

Um die Ruckblickseuphorie, die kennzeichnend fur die Ostalgie ist (vgl. ebd.), besser verstehen zu konnen, soil die Beschaftigung mit der Erinnerung den zentralen Ausgangspunkt dieses Kapitels darstellen. Insbesondere bei historischen Transformationsprozessen wie der deutschen Wiedervereinigung, erscheint es sinnvoll sich mit der sozial- und kulturwissen-schaftlichen Gedachtnisforschung intensiver zu beschaftigen (vgl. Moller 2010). Aber auch im Hinblick auf die Aufarbeitung der diktatorischen Vergangenheit und Erinnerungskultur der (Ost-)Deutschen kann es hilfreich sein, gedachtnistheoretische Uberlegungen mit einzubeziehen. Zwar ist das Unrechtsregime DDR schon relativ lange beendet, jedoch tragen auch noch heutzutage die Gespenster der DDR-Vergangenheit zu gesellschaftlichen Debatten bei. Prof. Dr. Osterle (2002), der Sprecher des Sonderforschungsbereich Erinnerungskulturen sagte einst: „Die Erinnerungskultur einer Gesellschaft ist der Spiegel ihrer Gegenwart“ lhttps://idw-online.de/de/news56845. letzter Zugriff: 29.04.16). Um den personlichen wie auch den kollektiven Umgang mit der Vergangenheit sowie im weiteren Verlauf dieser Arbeit die Sehnsucht nach der DDR besser nachvollziehen zu konnen, werden nun die Erinnerungstheorien von drei ausgesuchten Wissenschaftlem vorgestellt. Dabei zahlen Harald Welzer und die Eheleute Jan und Aleida Assmann zu den zentralen deutschsprachigen Forschem in diesem Bereich. Ihre Uberlegungen werden im Folgenden als theoretische Grundlage vorgestellt.

2.1 Das soziale Gedachtnis

Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen unterscheiden zwischen unterschiedlichen Formen des Gedachtnis. Die bekanntesten sind das individuelle, das soziale, das kollektive, das kulturette und das kommunikative Gedachtnis. Aufgrund des inhaltlich gelegten Schwerpunktes dieser Ausarbeitung, wird sich in diesem Kapitel auf das soziale Gedachtnis fokussiert und das individulle Gedachtnis stattdessen ausgeblendet, da es in das soziale wie auch das kollektive Gedachtnis eingebettet ist und von diesen geformt wird (vgl. J. Assmann 2005). Und er (2007) erganzt, dass im strengen Sinne nur die Empfindungen individuell sind, nicht aber die Erinnerungen des Einzelnen. Die Erinnerungen sind stattdessen sozial vermittelt (vgl. J. Assmann 2005). Der Begriff des sozialen Gedachtnis wurde von Harald Welzer gepragt und umfasst die kurzfristigen Erinnerungen, die sich mit dem Tode der lebendigen Trager immer wieder auflosen. Das soziale Gedachtnis "lebt vom und im kommunikativen Austausch am Leben", so A. Assmann (o. J., S. 2). Es beschreibt all das, was in sozialen Gruppen unbewusst sowie absichtslos bzw. nicht-intentional Vergangenheit transportiert und vermittelt, also nicht zu Zwecken der Traditionsbildung entstanden ist (vgl. Welzer 2001). Anders als bei Peter Burke (1991), konzentriert sich bei Welzer das soziale Gedachtnis auf die folgenden vier Medien: Interaktionen, Aufzeichnungen, Bilder und Raume (vgl. Welzer 2001.), "[D]enn alle vier Medien transportieren und bilden Vergangenheit, ohne dass ein bewusstes - intentionales - Moment von Geschichtsvermittlung oder Traditionsbildung damit verknupft sein musste." (ebd., S. 16). Unter Interaktion(en), dem wichtigsten und starkstem Medium (vgl. Assmann o. J.), versteht Welzer (2001) kommunikative Praktiken, die per se oder aber en passant Vergangenheit thematisieren. Die Kommunikation bzw. das thematisieren vergangener Ereignisse, Erlebnisse und Handlungen bezeichnet er als memory talk und orientiert sich dabei an dem von K. Nelson gepragten Begriff (vgl. ebd.). Zur besseren Ilustration nennt er Familientreffen bzw. -gesprache, in denen "(...) im Hintergrund des intentionalen Plots zugleich so etwas wie ein historischer Assoziationsraum der Umstande, des Zeitkolorits, des Habitus der historischen Akteure etc. vermittelt wird." (S. 17). Dabei wird vom Erzahler unbewusst, beilaufig sowie absichtslos Geschichte tradiert, da mit den Erzahlungen ein Subtext bzw. ein Bild der Vergangenheit transportiert wird. Dasselbe gilt fur Aufzeichnungen, Bilder und Raume (vgl. ebd.). Wobei zum einen Fotos und Videos "diese subtextuelle Eigenschaft in besonders hohem MaBe(...)" (S. 17) besitzen und zum anderen Raume "in Beton, Stein und Asphalt materialisierte historische Zeiten reprasentieren" (S. 17), so Welzer. Am Beispiel der DDR kann dann im Gesprach mit dem GroBvater uber seine Jugendzeit in Vereinen und Gruppen, wie etwa der FDJ, bei dem Zuhorer das Bild von Menschlichkeit, Solidarity und sozialem Zusammenhalt entstehen, welches der Zuhorer infolgedessen mit der DDR automatisch und unbewusst assoziiert. Fotos in FDJ-Uniform in geselliger Runde am Lagerfeuer konnen diese und ahnliche positive Assoziationen mit der DDR dann entsprechend verstarken.

2.2 Das kollektive Gedachtnis

Das kollektive Gedachtnis wurde zum einen vom franzosischen Soziologen M. Halbwachs und zum anderen durch die Eheleute A. Und J. Assmann gepragt. Im Gegensatz zum sozialen Gedachtnis ist das kollektive Gedachtnis darauf angelegt langere Zeitraume zu uberdauem. Wie aber kann das Gedachtnis, welches jedes Individuums besitzt, kollektiv sein? "Zwar haben Kollektive kein Gedachtnis, aber sie bestimmen das Gedachtnis ihrer Glieder." (2007, S. 36), halt J. Assmann in seinem Werk Das kulturelle Gedachtnis: Schrift, Erinnerung und politische Identitat in fruhen Hochkulturen fest. In einem fruheren Werk fuhrt er (2005) aus, dass jedes Individuum die Gesellschaft als Innenwelt in sich tragt, etwa in Form von Sprache, Bewusstsein oder eben Gedachtnis. Infolgedessen stellt das Gedachtnis des Kollektivs die Bedingung fur die individuelle Erinnerung dar. A. Erll (2005, S. 6) definiert es besipielsweise als: "Oberbegriff fur all jene Vorgange organischer, medialer und institutioneller Art, denen Bedeutung bei der wechselseitigen Beeinflussung von Vergangenem und Gegenwartigem in soziokulturellen Kontexten zukommt." Das Kollektiv bzw. die sozialen Gruppen werden von M. Halbwachs als soziale Rahmen bezeichnet (vgl. Halbwachs in J. Assmann 2005). Durch den Austausch mit anderen Menschen entstehen so die Inhalte der jeweiligen Gruppe, des kollektiven Gedachtnis. Die Erinnerungen der sozialen Gruppe festigen sich dabei durch ihren emotionalen Gehalt. Erinnert wird das, was als auffallig wahrgenommen wurde, was einen tiefen Eindruck gemacht hat oder was durch bzw. fur die soziale Gruppe als bedeutsam erfahren wurde (vgl. A. Assmann o. J.).

Auch eine (ehemalige) Nation wie die DDR stellt in diesem Kontext einen sozialen Rahmen dar, in dem sich die Ostdeutschen etwa in antiquarischer Weise an ihren Versorgungsstaat erinnern und sich beispielsweise die Versorgung mit kostenfreien Gesundheitsleistungen oder die umfassenden staatlichen Kinderbetreuungsangebote zurucksehnen. SchlieBlich entsteht durch den verklarenden (Ruck-)Blick auf die DDR eine Vemiedlichung und damit zugleich eine Bagatellisierung des fruheren Unrechtsstaates.

3 Das Phanomen der DDR-Nostalgie

Die DDR und die damit verbundene Sehnsucht nach ihr sind laut Neller (2006) immer noch wichtiger Bestandteil im Alltagsleben mancher Burger. Das Phanomen der Ostalgie ist dabei ein noch recht junges Ereignis, welches sich durch die und nach der deutsche(n) Wiedervereinigung entwickelt hat. Allerdings haben Berth & Kollegen (2010) festgestellt, dass nicht etwa die DDR als solche zuruckgewunscht wird, sondern vielmehr ihre Kultur, typische Ostprodukte oder dass landescharakteristische Rituale und Traditionen im Mittelpunkt der Ruckorientierung zur DDR stehen. Die Grunde fur die positive Retropesktivbewertung der (Ost-)Deutschen variieren, konnen aber in einigen Aspekten zusammengefasst und auch verallgemeinert dargestellt werden. Sie sollen fur die Arbeit nicht von all zu groBer Bedeutung sein und werden deshalb nur am Rande zur Untermauerung einzelner Aspekte herangezogen. Grundsatzlich lasst sich aber festhalten, dass je negativer sich die Gegenwart des Einzelnen gestaltet, desto mehr braucht das Individuum den Glauben an eine positive Vergangenheit. Neller nennt in ihrem Werk DDR-Nostalgie. Dimensionen der orientierungen der Ostdeutschen gegenuber der ehemaligen DDR, ihre Ursachen und politischen Konnotationen noch einen anderen Grund: "Um negativen Lebensphasen nachtraglich einen Wert zu verleihen, werden unangenehme Aspekte verdrangt und die in diesem Zeitabschnitt erlebten Dinge systematisch aufgewertet." (2006, S. 46). Daruber hinaus besitzt die nostalgische Hinwendung zur DDR eine identitatsstiftende Eigenschaft, die immer ein (sich) Erinnern impliziert - ganz gleich ob im personlichen Rahmen oder im Kollektiv - und deshalb immer auch in einem sozialen Kontext, genauer in einem sozialen Rahmen stattfindet.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der alltägliche Blick zurück. Zum Umgang mit der DDR-Geschichte, am Beispiel der Ostalgie
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal  (Hochschule)
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V455789
ISBN (eBook)
9783668883628
ISBN (Buch)
9783668883635
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politik, Politisches System DDR, Nostalgie, Ostalgie, DDR geschichte
Arbeit zitieren
Dominik Eichert (Autor), 2016, Der alltägliche Blick zurück. Zum Umgang mit der DDR-Geschichte, am Beispiel der Ostalgie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455789

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