Otto von Freising und seine Beurteilung der karolingischen Dynastie in der "Chronica sive historia de duabus civitatibus"


Akademische Arbeit, 2010
12 Seiten

Leseprobe

Titel der Arbeit: Otto von Freising und seine Beurteilung der karolingischen Dynastie in der Chronica sive historia de duabus civitatibus

1. Einleitung

2. Otto von Freising: Person und Werk

3. Beurteilung der Karolingerherrschaft in der Chronik

Zusammenfassung

Literatur

1. Einleitung

Diese Arbeit soll das Geschichtsbild des mittelalterlichen Historiographen Otto von Freising am Beispiel seines Berichtes über die Herrschaft der karolingischen Dynastie, enthalten in der Chronica sive historia de duabus civitatibus, verdeutlichen. Im ersten Kapitel wird zunächst in gegebener Kürze die Person Ottos von Freising insbesondere im Hinblick auf seine kirchliche und historiographische Arbeit dargestellt. Dabei soll sein Hauptwerk, die Chronik, hinsichtlich ihrer Struktur und ihres Inhalts dargestellt werden. Insbesondere seine heilsgeschichtlichen und Aussagen zu Macht und Herrschaft werden hier genauer betrachtet. Im Hauptteil der Arbeit wird Ottos Schilderung und Urteil über die karolingische Dynastie, enthalten im 5. Buch seiner Chronik, mit Bezugnahme auf Kapitel 2 dargestellt.

2. Otto von Freising: Person und Werk

Otto von Freising wurde um das Jahr 1112 als Sohn des Markgrafen Leopold III von Österreich und der Salierin Agnes geboren. Seine Geburt bedingte engste verwandtschaftliche Verbindungen zum Kaiserhaus. Otto war der Onkel Friedrich Barbarossas und übte sowohl in seiner kirchlichen als auch seiner weltlichen Position diplomatische Funktionen aus. Nach einem Studium in Paris und eventuell in Chartres trat Otto in Morimond dem Zisterzienserorden bei und wurde 1138 Abt des Klosters. Im gleichen Jahr wurde er Bischof von Freising und musste in diesem Amt die kirchlichen Ansprüche gegenüber dem Hause Wittelsbach verteidigen (Nagel 2005: 33f). Vor seiner Teilnahme am zweiten Kreuzzug (1143-1146) verfasste er die Chronica sive historia de duabus civitatibus, eine Geschichte von der Erschaffung der Welt bis zu ihrem Zeitenende. Das vollständige Werk der Chronik umfasst 8 Bände, wobei sich Band 8 mit dem Ende der Welt befasst. Kapitel 1-7 handeln, nach dem Vorbild des biblischen Glaubens von den ersten irdischen Tagen der Menschheit bis zum Sündenfall, von der Erschaffung der Welt bis in Ottos Gegenwart, wobei biblische und außerbiblische Geschichte als Einheit verstanden werden. Nach einer kurzen Einführung berichtet das erste Buch von den Anfängen der Menschen bis zur Zerstörung Babylons. Im Sinne einer Chronologie werden Mythen und biblische Geschichten dargestellt, wobei die Bibel als Geschichtsquelle und Gerüst für die Einordnung außerbiblischer Ereignisse dient. Die Weltreiche der Meder und Perser finden kaum Beachtung. Im 2. Buch findet hinsichtlich des Reiches der Griechen lediglich Alexander Erwähnung in einem eigenen Kapitel. Stärkere Beachtung findet das Römische Reich, welches Otto als Kontinuum bis in seine Zeit begreift. Das 2. Buch endet mit dem Ende der Republik und dem Tode Caesars. Das 3. Buch beginnt mit dem Aufstieg des Augustus und behandelt in Kürze das Leben Christi. Die folgenden Kapitel berichten vom Schicksal der Christenheit unter den wechselnden Herrschern des Römischen Reiches. Das vierte Buch beschreibt die Etablierung des Christentums als Staatsreligion, insbesondere durch den dafür wichtigsten Herrscher Konstantin. In den daraufhin chronologisch dargestellten Ereignissen fokussiert Otto neben der weltlichen auch die kirchliche Geschichte, deren Konflikte um den rechten Glauben und die Konzilsbeschlüsse, sodass Kirchenvätern dieselbe historische Bedeutung zukommt wie Herrschern oder Feldherren. Am Ende des 4. Buches stehen die Eroberung des Römischen Reiches durch die Odoaker und die wachsende Macht der Franken im Römischen Reich. Das fünfte und für diese Arbeit wichtigste Buch berichtet abwechselnd über die Ereignisse im Oströmischen und Weströmischen Reich und den Machtzuwachs der Karolinger gegenüber den Merowingern. Der Höhepunkt dieser Epoche ist die Kaiserkrönung Karls des Großen und der Niedergang der Dynastie wird besiegelt durch die Reichsteilung. Auch in diesem Buch spielen Theologen und Heilige eine wichtige Rolle. Im 6. Buch wird der Machtverlust der Karolinger und der Aufstieg der Ottonen behandelt. Der Abstieg von der Macht erfolgt auf ihrem Höhepunkt und Otto bringt diese Ereignisse in Verbindung mit den Weissagungen Daniels. Daniel hatte darin vorausgesagt das vierte Weltreich werde durch einen ohne Hände geborgenen Stein zerschlagen, was er auf den Kirchenbann gegen Kaiser Heinrich IV bezieht. Im siebenten Buch schildert Otto Ereignisse, die er aus Erzählungen kennt oder selbst miterlebt hat und schließt aus ihnen, dass das Ende der Welt kurz bevorstehe. Das Mönchsbild wird als irdische Realisierung des Gottesstaates den Verfehlungen der weltlichen Mächte gegenübergestellt und als auf die Ewigkeit gerichtete Lebensform dargestellt. Im 8. Buch stellt Otto das Ende der Welt mit der Herrschaft des Antichristen und dem Höllenfeuer für die Verdammten dar (Nagel 2005: 33f). Im Prolog des 1. Buches nennt Otto mit dem Kirchenvater Augustinus und dem Historiographen Osorius seine Quellen. Die antiken und spätmittelalterlichen Autoren, aus denen er seine historischen Angaben bezieht, verschweigt er jedoch weitestgehend. Vom Kirchenvater Augustinus entlehnte er die Zweistaatenlehre und von Osorius die theologische Interpretation historischer Ereignisse. So stehen sich bei Augustinus die civitas dei und die civitas terrena als konkurrierende Gemeinwesen gegenüber. Sind sie bei ihm jedoch abstrakte Konzepte, die zwar eine Wirkung auf die Welt haben aber nicht in ihr realisiert sind, sieht Otto sie als weltlich existent. Er benutzt dabei häufiger den Term civitas mundi, den er als Gegenkonzept zur civitas dei begreift. Da beide Staaten weder als rein metaphysisch noch rein empirisch gedeutet werden, hat der Begriff ecclesia einen irdischen (institutionellen) und einen überzeitlichen Aspekt. Die Zustände beider Staaten finden sich in ständiger Veränderung. In Gestalt der civitas dei greift das göttliche Prinzip in das Weltgeschehen ein und teilt die Geschichte in drei Phasen: die Zeit ante gratiam wird von heidnischen Herrschern bestimmt, die Zeit sub gratia beschreibt jene nach der Geburt Christi und die Phase post praesentem vitam ist die Zeit nach dem Jüngsten Gericht. Während sich jedoch der Zustand der civitas terrena ständig verschlechtert, erstarkt die civitas dei in gleichem Maße (Lammers 1977: 20). Der Einfluss der Geschichtsschreibung des Orosius auf die Ottos lässt sich insbesondere an dem Prinzip der mutibilitas oder mutatio rerum erkennen. Dem ständigen Auf und Ab hinsichtlich der Machtverhältnisse in der civitas terrena, mit der Tendenz zur ständigen Verschlechterung, steht die stabilitas der civitas dei gegenüber. Der Sinn der Geschichte (der „göttliche Plan“, Anm. D. Verf.) besteht also in der Überwindung des Weltstaates und der Einrichtung des Staates Christi in seiner Unwandelbarkeit (Lammers 1977: 22). Die Mischform beider Gemeinwesen bezeichnet Otto als civitas permixta. In ihr wird die weltliche Macht unter dem gemeinsamen Dach der Kirche ausgeübt und daher in ihrer Gesamtheit vom Verfasser auch als ecclesia im Sinne einer irdischen Glaubensgemeinschaft bezeichnet. In ihr sind Kaiser (imperium) und Papst (sacerdotium) die entscheidenden Pole der Macht (Nagel 2005: 36). Während einer Zeit war der Dualismus in der civitas permixta nahezu aufgehoben und zu einem Staat zusammengewachsen. Für Otto von Freising hat jedoch die wechselhafte Geschichte der Reiche und letztlich die Katastrophe des Investiturstreits zum Bruch der Einheit geführt, woraufhin die Welt nun unabänderlich in ihre Endzeit eintritt (Lammers 1977: 23). Da jedes irdische Geschehen Teil eines göttlichen Heilsplanes ist, ist es Aufgabe der Geschichtsschreibung diesen Plan zu ergründen. Doch kann die Geschichtsschreibung des hohen Mittelalters und insbesondere jene Ottos von Freising, nicht mit den Maßstäben und Zielrichtungen der heutigen Geschichtsschreibung verglichen werden. Otto von Freising war Geschichtstheologe und versuchte daher nicht historische Zusammenhänge von Ursache und Wirkung zu erklären, sondern anhand der beschriebenen Ereignisse, die ihm als Signale gelten, das Wirken Gottes nachzuweisen. Der Geschichtstheologie kommt demnach die Aufgabe zu, dem Leser den Sinn der Heilsgeschichte zu erklären. Die Frage nach der Vorbestimmung bzw. den individuellen Gestaltungsmöglichkeiten des Einzelnen beantwortet Otto mit dem Streben des Einzelnen von der mutabilitas zur stabilitas. Dazu hat Gott dem Menschen drei Gaben mit auf den Weg gegeben: die ratio um den göttlichen Heilsplan zu erkennen, die Handlungsfreiheit liberum arbitrium, um dies zu erstreben und den Glauben fides als Vorraussetzung dieses Ziel zu erreichen (Nagel 2005: 37). So wird der freie Wille für Otto Bestandteil des göttlichen Heilsplans indem der Einzelne durch Vergleich der Zeit vor der Geburt Christi und der Herrschaft der Heiden, mit der der sub gratia daraus seine Schlüsse zieht und versucht in Letzterer die stabilitas zu ertreben. Walther Lammers hat die Herangehensweise Ottos als „figurales Geschichtsdenken“ bezeichnet, in dem geschichtliche Ereignisse als sichtbare Zeichen zur Deutung des göttlichen Heilsplanes herangezogen werden. So werden historische Figuren historischen Strukturen zugeordnet, die immer wiederkehrend letztlich den göttlichen Heilsplan erfüllen. Dabei sind die Begriffe der mutatio rerum und translatio imperii von zentraler Bedeutung als zwei ineinander verschränkte Handlungsstränge. T ranslatio imperii meint den Übergang der Macht von einem Volksstamm zu einem anderen (Nagel 2005: 37). Werner Goez hat in seiner Publikation Translatio imperii darauf hingewiesen, dass der Translationsbegriff in keinem Geschichtswerk des Mittelalters von so zentraler Bedeutung ist wie in der Chronik Ottos. Zunächst fasst er mit ihm den weltgeschichtlichen Prozess zusammen, in dem die menschliche Vormacht und Befähigung vom Osten zum Westen übergeht. Zudem hilft Otto diese Formel die Zahl der Weltreiche auf vier zu beschränken, um sie auf die Weissagungen Daniels zu beziehen. Dabei ist entscheidend, dass Otto zwar wie Orosius als erstes das assyrische und als viertes das römische als Weltreich anerkennt, Otto jedoch betont zudem, dass nur diese mehrere mutationes durchlebt haben (Goez 1958: 113). So ging die Macht im Babylonischen Reich von den Assyrern zu den Medern über und das Römische Reich von Rom nach Byzanz und später zu den Franken (Goez 1958: 114). Der Begriff mutatio rerum umfasst nicht nur die Unbeständigkeit weltlicher Macht, er beinhaltet vielmehr den ständigen Auftrieb Machtgieriger zu tyrannischer Größe und den anschließenden „Absturz in die Sinnlosigkeit“. So erwähnt er als Beispiele für den Aufstieg und Fall der Tyrannen Cyrus, Alexander und Caesar (Lammers 1977: 23). Otto zieht sogar die Möglichkeit in Betracht, dass der Antichrist in Gestalt des römischen Kaisers die Macht übernimmt, womit er den Sturz der civitas terrena in die ewige Verdammnis einleiten wird. Nach Lesart Ottos ging bei der Translation unter Konstantin (320) die Herrschaft vom Kaiser auf den Papst über, jedoch weist er auch darauf hin, dass Konstantin seinen Nachkommen auch Byzanz vererbt habe, was letztlich zueinander im Widerspruch steht. Otto kommentiert jedoch in Buch 4, dass er über diese Frage nicht zu entscheiden habe (Goez 1958: 114). Zentrales Thema der Chronik ist der Zustand des Römischen Reiches, welches er seit römischer Zeit in Kontinuität zu seiner eigenen Epoche begreift. Dieses Reich jedoch befindet sich in Auflösung:

„Es ist das Römische Reich nicht nur altersschwach und vergreist, sondern es hat sich auch durch seine Unbeständigkeit – wie leichter Sand, der von den Wellen hin und her geworfen wird – vielerlei Schmutz und mannigfache Schäden. So zeigt sich selbst am Haupte der Welt der Erdenjammer und sein Fall kündet dem ganzen Körper drohend den Untergang an“ (Lammers/Schmidt 1960: 12f).

Als Beispiel dieses Verfalls nennt Otto den Kampf zwischen Kaiser Heinrich IV und seinem Sohn Heinrich V am Regenfluss im Jahre 1105. Diese Wendung entgegen der Natur ist Otto Ausdruck der Verderbtheit, Herrschgier und des Ungehorsams (Lammers 1977: 17). Die apokalyptische Grundanschauung der Chronik kann zudem mit den Wirren der zeitgenössischen Salingerdynastie, sowie mit Schwierigkeiten in seinem eigenen Bistum erklärt werden (Lammers 1977: 19).

Als Kaiser Friedrich Barbarossa seinen Onkel im Jahre 1156 bat, ihm ein Exemplar der Chronik zu überlassen, wurde dieser Bitte natürlich entsprochen und Otto begründete in einem Begleitschreiben, warum ein Herrscher sich mit der Geschichte der Völker beschäftigen sollte und warum er die Chronik so verfasste, wie er es tat. Er betont, dass es einem Herrscher angemessen sei, die Unternehmungen früherer Herrscher zu studieren, um Einsichten zu gewinnen, die dem Staatswesen nutzen. Die Lehren die daraus gezogen werden können betreffen zum einen die Verteidigung, zum anderen die Organisation des Staatswesens. Die Erzählung historischer Ereignisse bietet demnach eine Reihe von heroischen und verabscheuungswürdigen Taten, um dem Leser einen Katalog der Tugenden und Untugenden anzubieten. Somit enthält sie Beispiele für gerechte Herrschaft, für Praxis und Moral (Lammers 1977: 9). An mehreren Stellen hat Otto darauf hingewiesen, dass er die Chronik in anderer Weise verfasst hätte, wäre Friedrich zur Zeit seiner Entstehung schon an der Macht gewesen. Das apokalyptische Denken von der weltlichen Macht in der Chronik ist in der Gesta Friderici einem Herrscherbild gewichen, welches von Lobpreisungen erfüllt ist. Die Stärke der Stauferherrschaft veranlasst die barbarischen und heidnischen Völker zur Ruhe und Lammers weist darauf hin, dass diese Schilderungen stilistisch mit der antiken und pathetischen Schilderung des Imperiums vergleichbar ist (Lammers 1977: 13). In ihm treten die alten, klassischen Kardinaltugenden hervor: das Glück (temperus), die Tapferkeit (fortis), die Gerechtigkeit (iustus) und die Klugheit (prudens). Im dritten Kapitel werden wir betrachten müssen, inwieweit nach Ottos Urteil auch Herrscher der karolingischen Dynastie mit diesen Kardinaltugenden ausgestattet waren.

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Details

Titel
Otto von Freising und seine Beurteilung der karolingischen Dynastie in der "Chronica sive historia de duabus civitatibus"
Autor
Jahr
2010
Seiten
12
Katalognummer
V456310
ISBN (eBook)
9783668869899
ISBN (Buch)
9783668869905
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Charlemagne, Karl der Große, Karolinger, Rezeption, Bewertung, Urteil, Kritik, Herrschaft, Mittelalter, Europa, Frankreich, Otto von Freising, Beurteilung, Kaiser, Karl, karolingische Dynastie, Chronik, Macht, Bibel, Quellen, Kloster, Salier, Mythologie, Römisches Reich, Christentum, Staatsreligion, Mönche, Mönchsbild, Kirchenväter, Gemeinwesen, Geschichtstheologie, Papst, Moral, Tugenden, Karolingerherrschaft
Arbeit zitieren
MA Guido Maiwald (Autor), 2010, Otto von Freising und seine Beurteilung der karolingischen Dynastie in der "Chronica sive historia de duabus civitatibus", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456310

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