Nach eigenem Gusto leben

und andere Lebenskonzepte


Essay, 2019

88 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1. Was ist das Leben, was der Mensch?
Das Leben
Vom Sinn des Lebens
Werte, Vorbilder
Das Leben gestalten
Vom glücklichen Leben

2. Lebenskonzepte
Die antike Philosophie als Lebensform
Das christliche Glaube
Jesus war Jude
Nächstenliebe
Die zehn Gebote Gottes
Martin Luther
Die 95 Thesen
Luther und der Ablasshandel
Luthers Glaubensversion
Diogenes von Sinope und das kynische Lebenskonzept
Epikur und das selbstbestimmte Lebenskonzept
Kerngedanken Epikurs
Selbstgenügsamkeit: Aus Epikurs „Brief an Menoikens“:
Eudämonie – die Lehre vom gelingenden Leben
Eudämonie in der Gegenwart – Freude oder Lebenssinn?
Erfüllende soziale Beziehungen
Gelungenes Leben – Soren Kierkegaard
Authentisch sein – was heißt das?
Der authentische Mensch: Eine Chimäre?
Sind Gefühle authentisch?
Authentisch kommunizieren (Beispiel)
Erich Fromm: Authentisch leben
Echtsein, Kongruenz
Beispiel 1: Der Menschenfeind – absolut authentisch (Enzensberger)
Beispiel 2: Ruth Cohn: Die Themenzentrierte Interaktion (TZI)

3. Die Arbeit
Vom Goldenen Zeitalter zur harten Arbeit
Arbeit – das höchste Glück?
Die Büchse der Pandora
Wie es anfing mit dem Schuften
Erziehung zur Arbeit
Erfolg ist das Höchste
Der Antrieb

4. Scheitern
Was sind Verlierer?
Die Angst vor dem Scheitern
Von der Angst, Fehler zu machen
Erfolgreich gescheitert
Es gibt kein Leben ohne Angst
Im Scheitern liegt Größe - Beispiele
Professionelle Verlierer: Schelme, Narren, Clowns
Saul Bellow: Das Geschäft des Lebens, Humboldts Vermächtnis
Arthur Miller: Tod des Handlungsreisenden
Tragödie: Die Kunstform „Scheitern“
E.M. Cioran: Der Philosoph des Scheiterns
Wenn Manager scheitern

5. Das Recht zu leben – das Recht zu sterben
Das Selbstbestimmungsrecht
Patientenverfügung
Was darf ein Arzt?
Der Patientenwunsch
Das Gute und das Böse
Lebensentwurf
Verstand und Gefühl in Einklang bringen (Rousseau)
Sind Gefühle authentisch?

6. So sterben wie wir gelebt haben
Sterbefasten
Sterbebegleitung

Literatur

Vorwort

Was „Leben“ bedeutet muss man nicht erklären. Nach eigenem Gusto leben heißt nichts anderes als „selbstbestimmt“ leben. Ich treffe meine Entscheidungen selbst, ohne fremde Hilfe. Was aber auch bedeutet, dass ich vor meinen Entscheidungen die Meinung Dritter einhole, wie etwa die meiner Partnerin oder meines Partners, von Freunden, Lehrern und Kollegen.

Nach eigenem Gusto leben bedeutet nicht, machen was man will, ohne Rücksicht auf andere. Wer noch zur Schule geht, muss sich nach der Schulordnung richten und regelmäßig und pünktlich zum Unterricht erscheinen. Angestellte müssen ins Büro oder in die Fabrik, um dort Aufgaben zu erledigen, die häufig fremdbestimmt sind. Wer als Selbständiger arbeitet, muss sich nach den Wünschen seiner Auftraggeber richten.

Wer ist schon frei bei seiner Arbeit? Wer vom Schreiben lebt, braucht Abnehmer für seine Texte, es sei denn, er ist auf Honorare nicht angewiesen, weil er andere Einkünfte oder Vermögen hat.

In diesem Buch werden Konzepte vorgestellt wie zum Beispiel der Ansatz des Griechen Epikur, ein konkreter Entwurf einer Lebensform. „Glückseligkeit“ sei für jedermann unter allen Umständen realisierbar, weil es nur auf die innere Einstellung ankomme. Epikurs Konzept biete die Chance, ein Leben in Luxus zu führen. Luxus bei Epikur bedeutet Ruhe, Stille, Natur, aber auch die Freiheit, gegen den Strom zu schwimmen.

„Epikur lebt!“ So hat es der Philosoph und Epikureer Friedrich Nietzsche formuliert. Nach eigenem Gusto leben bedeutet nicht unendliche Freiheit. Wir leben nicht alleine und autonom und müssen demzufolge Rücksicht nehmen auf die Mitmenschen und die Umwelt. Epikurs Ansatz ist aktuell. Er befreit in wichtigen Dingen von der Angst: Vor dem Tod, vor Schmerzen, vor den „Mythen einer abergläubischen Religion“. Das heißt, von den Ängsten, die uns daran hindern, ein von Angst befreites, glückliches Leben zu führen.

1. Was ist das Leben, was der Mensch?

Das Leben
Vom Sinn des Lebens
Werte, Vorbilder
Das Leben gestalten
Vom glücklichen Leben

Das Leben

Manche fragen sich: Was ist das Leben?

Das ist, als fragtest du, was ist eine Mohrrübe? Eine Mohrrübe ist eine Mohrrübe, und mehr weiß man nicht davon. (Anton Tschechow).

Salomon, den wir aus dem Alten Testament kennen, suchte nach einem bleibenden Wert, der das Leben lebenswert macht. Er kommt zu der Erkenntnis, dass dem Menschen ein „Sinnganzes“ versagt ist. Er fragt sich deshalb, was noch bleibe außer essen, trinken und fröhlich sein? Seine Antwort:

Ich besah mir alle Werke, die unter der Sonne geschehen, und siehe da, alles ist Wahn und ein Jagen nach Wind.

Aristoteles fragt: Was ist der Mensch? Seine Antwort:

Ein Denkmal der Schwäche, eine Beute des Augenblicks, ein Spiel des Zufalls; der Rest ist Schleim und Galle.

Die alten Griechen haben sich die Welt nicht als Jammertal vorgestellt, obwohl sie keine Hoffnung auf eine bessere Welt hatten. Auch der Glaube an den Fortschritt war ihnen fremd. Sie waren Individualisten, verehrten die olympischen Götter und liebten das Leben.

Für Shakespeare ist Leben ein See voller Plagen, für Erasmus von Rotterdam ein Schauspiel unter Maskierten, für Albert Camus ein immer wieder von der Bergspitze herabrollender Felsblock, der nach oben geastet werden muss.

Herodot schreibt in seinen „Historien“ über die Thraker (zitiert von R. Kapuscinski) u.a.

Die Thraker machen es sonst ganz wie die übrigen Menschen, bei der Geburt und beim Tode eines Menschen aber haben sie besondere Bräuche. Wird ihnen ein Kind geboren, so kommen die Verwandten zusammen und bejammern es der Leiden wegen, die ihm im Leben bevorstehen, wobei sie alle Leiden aufzählen, die einem Menschen zustoßen können. Wenn aber einer stirbt, bringen sie ihn fröhlich mit Sang und Klang unter die Erde, weil er nun aller Leiden ledig und zum seligen Leben eingegangen sei.“

Vom Sinn des Lebens

„Sinn muss gefunden werden, kann nicht erzeugt werden“, schreibt Victor Frankl in seinem Buch „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“ (München 2006). Und weiter:

Sinn geben würde auf Moralisieren hinauslaufen. Und die Moral im alten Sinn wird bald ausgespielt haben. Über kurz oder lang werden wir nämlich nicht mehr moralisieren, sondern die Moral ontologisieren – gut und böse werden nicht definiert werden im Sinne von etwas, das wir tun sollen beziehungsweise nicht tun dürfen, sondern gut wird uns dünken, was die Erfüllung des einem Seienden aufgetragenen und abverlangten Sinnes fördert, und für böse werden wir halten, was solche Sinnerfüllung hemmt. Sinn kann nicht gegeben, sondern muss gefunden werden.

Werte, Vorbilder

Sie rufen nicht, sie schreien nach Werten: Wickert, Hahne, Gottlieb. Fernsehfiguren, die jeder kennt. Wirtschaftliches Wachstum reiche nicht aus, um glücklich zu werden, wichtig seien darüber hinaus Werte, meint der Ökonom Horst Köhler, ehemaliger Bundespräsident. Sein Vorgänger im Amt Roman Herzog fordert „Vorfahrt für Werte.“ Wir wissen bis heute nicht, wie das neue Verkehrsschild aussieht.

Der ehemalige SPD-Vorsitzende Mathias Platzeck bemüht die Tugenden, die man heute noch als „preußisch“ ansieht: Anständigkeit, Verlässlichkeit und Pflichterfüllung. Der Preußenkönig Friedrich der Große wollte als Stoiker gelten. Es sei nicht nötig, dass er lebe, wohl aber, dass er seine Pflicht tue. Friedrich dachte daran, Ciceros Buch „Über die Pflichten“ an allen preußischen Schulen als Lehrbuch der Moral einzuführen, wozu es dann doch nicht kam.

Vollkommene Pflichterfüllung bestehe in „Handlungen aus vernunftgemäßer, rechtschaffener Gesinnung. Gesinnungs-, nicht Erfolgsethik lehrt die Stoa. Die Verantwortlichkeit des Menschen wird zum Maßstab seiner gesamten Existenz“.

Der ehemalige Verfassungsrichter Udo di Fabio sagt uns wo´s langgeht:

Markt, Leistung, Wettbewerb, Freiheit, Fleiß, Erfolg, das zählt, aber vor allem müsse an den Leistungswillen appelliert werden, damit „jeder nach seinen Fähigkeiten hart und mit Freude arbeitet - wie in den „Goldenen Fünfzigern.

So sind sie also unsere Leistungsträger in den höchsten Ämtern, die eine Regierung zu vergeben hat. Sie tun so, als gäbe es nichts Wichtigeres als Arbeit, Leistung, Disziplin und Kinderkriegen.

Der frühere Bundespräsident Roman Herzog sieht die Ursachen für den Verlust der Werte darin, dass die Eltern ihre Kinder nicht mehr in diesem Sinne erziehen und ihren Erziehungsauftrag an die Schule und Ausbilder in den Betrieben abgeben.

Am 11. September 2001 war Schluss mit Lustig. Es wird Zeit, so der Autor und Fernsehjournalist Peter Hahne, dass wir Abschied nehmen von den Vorstellungen der 68er-Bewegung, wo man die falschen Werte vermittelt habe. Die anti-autoritären Kinderläden führten unmittelbar in die Abtreibungskliniken. Eine solche Erziehung müsse unweigerlich dazu führen, dass Ordnung und Pünktlichkeit keinen Stellenwert mehr hätten. Die „richtige Erziehung“, so Hahne, sei die „Vermittlung des Wertefundaments des christlichen Glaubens.“

Hahne plädiert für einen „kompromisslos radikalen, an der Bibel orientierten Lebensstil.“ Man möge doch endlich „Gott“ zurück in die Politik holen. (Er muss folgerichtig schon einmal dort gewesen sein, aber niemand hat es bemerkt.) Wie schon große Philosophen vor ihm bedauert Hahne den Mangel an Vorbildern. Die größte Bedrohung sei der „atheistische Fundamentalismus“.

Hahne ist ein christlicher Eiferer, der die Welt erlösen will: Mit seinen Büchern, den Botschaften im Internet und öffentlich-rechtlichem Fernsehen, das auch von Atheisten finanziert wird.

Wer Deutscher werden will, muss auch noch deutsche Kulturwerte verinnerlichen: Gartenzwerge, Boßeln, Fußball und Volksmusik.

Werte sind Einstellungen, Grundüberzeugungen und Urteile. Über die Richtigkeit sagen Urteile über das Leben nichts aus.

Wenn wir von Werten reden, meinen wir nichts anderes als das, was man für richtig hält und denkt an ein Leben, das man führen möchte.

Das Leben gestalten

Wir können unser Leben selbst gestalten. Das Leben als Kunstwerk? Friedrich Nietzsche ermuntert zur Lust an der Selbstgestaltung. Er erhoffte sich von der Lust keine Erlösung, aber eine Lebenssteigerung. Man soll sein Leben zu einem unverwechselbaren Kunstwerk machen. Wenn das Leben auch keinen Sinn hat, meint Nietzsche, so können wir doch einen hineinlegen. Kunst sei radikal und biete vorübergehende Entlastung von der Tüchtigkeit und dem Realitätsprinzip. Sein Credo: Bleibt der Erde treu, aber kultiviert sie und kultiviert euch.

Zudem gibt es noch die Sehnsucht nach dem ewigen Leben. Wer daran glaubt, sollte sich ausmalen, was das wohl für ein Leben sein könnte, dort oben im Himmel: Täglich Hosianna singen, dieses Eiapopeia, das immerwährende Glück. Die Frage ist, wie lange man das aushält.

Vom glücklichen Leben

Du großes Gestirn, du tiefes Glückes Auge, was wäre all dein Glück, wenn du nicht die hättest, denen du leuchtest. (Friedrich Nietzsche, Zarathustra)

Heute wollen alle glücklich sein und ihren Spaß haben. Aber länger als drei Tage hält dieses Glück niemand aus.

Ob Gott glücklich ist, wissen wir nicht. Was ist Glück überhaupt? „Dumm sein und Arbeit haben, das ist Glück“, meint der Schriftsteller Gottried Benn. Glück, schreibt Sigmund Freud, sei im Plan der Schöpfung nicht vorgesehen. Jede Lebensgeschichte, so Freud, ist eine Leidensgeschichte, denn „Glück ist nur Schein, der Mensch kann nie glücklich sein. Das Glück ist eine Chimäre.“

Die Formulierung „Jeder ist seines Glückes Schmied“ stammt von dem römischen Konsul Appius Claudius und ist heute noch so geläufig wie der Satz „Freie Bahn dem Tüchtigen“. Manche nehmen das wörtlich und fahren auf der Autobahn ständig auf der linken Spur.

Beim Pflichtmenschen Immanuel Kant gibt es keine Anleitung zum glücklichen Leben, sondern bekanntlich nur eine für das moralische Leben. Dass gute Menschen per se glücklich sind, mochte auch Kant nicht a priori annehmen.

Nach der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung gehört das „Streben nach Glück“ (pursuit of happiness) zu den unveräußerlichen Menschenrechten. Das staatliche Alkoholverbot, so der oberste Gerichtshof von Indiana 1855, verletze das Menschenrecht auf Glück und sei deshalb verfassungswidrig.

Das Recht auf Glück in der amerikanischen Verfassung bedeutet nichts anderes als Verheißung auf Eigentum und Wohlstand, die Realisierung des amerikanischen Traums: Jeder kann es schaffen, wenn er sich nur anstrengt.

Bedeutet Glück Lust auf Leistung? Oberstes Ziel des Handelns kann nur der Nutzen sein, sagen die Utilitaristen. Wenn auch nicht in unserer Verfassung, so doch in unseren Köpfen ist das größte Glück der größten Zahl verankert. Das Glück heißt Leistung. Jeder wetteifert mit jedem. Alle wollen das gleiche: ihren Vorteil, den Vorsprung, die größere Beute, mehr Geld. Der Staat müsse nur die Voraussetzungen schaffen, so die Utilitaristen, damit möglichst viele in den Besitz der Güter kämen.

Das Recht auf Glück ist ein Versprechen der Aufklärung. Dahinter steht das Menschenbild, das Beste aus seinem Leben zu machen, womit das Recht zur Pflicht mutiert. Wer ein Recht auf Glück hat, der müsste auch das Recht haben, unglücklich zu sein. Aber Unglück bedeutet in einer Erfolgsgesellschaft, dass es mit dem Glück nichts geworden, dass man gescheitert ist.

Schon die alten Griechen haben sich Gedanken über das Glück gemacht. Für Aristoteles war Glück („Eudaimonia“), was man sich selbst verdankt, weil man tüchtig ist. Klingt wie eine Begründung für eine Gehaltserhöhung. Für den Griechen Epikur bedeutete glücklich sein, im Verborgenen leben, keinen Besuch empfangen zu müssen, der einen nichts angeht, kein Geschwätz ertragen müssen, das einen langweilt.

Das ist das Carpe diem von Horaz: Genieße den Tag! Glücklich ist, wer jeden Tag sagen kann: Ich habe gelebt! Sich der Lust des Augenblicks hingeben und nicht an die Vergangenheit denken, wenn sie unerfreulich war oder an die Zukunft denken, wenn sie zu Befürchtungen Anlass gibt.

Den Augenblick leben, davon können viele nur träumen.

Heute nimmt man allgemein an, dass eine wichtige Voraussetzung für das Glücklichsein eine optimistisch-positive Einstellung notwendig sei.

Ludwig Marcuse widerlegt diese These. Auch radikale Pessimisten, wie Arthur Schopenhauer, liebten das Leben.

Nur Pessimisten wollen die Welt verändern und erfüllen die Anforderungen, die heute an Politiker und Unternehmer gestellt werden, sehr viel besser als Optimisten.

Was ist Glück? Arbeit, Freizeit, Gott, Sex, Macht, Erfolg, Reichtum, Kurzweil, Freiheit, Vergnügen, keine Angst haben, bewundert oder beneidet, lieben und geliebt werden, das innere Gleichgewicht, am Strand liegen, wilde Partys feiern, in Talkshows sich selbst darstellen, im Kaufrausch sein?

Was ist Glück? In den Garten gehen und arbeiten (Voltaire) oder müssen wir uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen (Albert Camus)?

Heute wollen alle glücklich sein. Was tun sie eigentlich, wenn sie es tatsächlich sind? Langweilen sie sich zu Tode?

Der Schweizer Tennisprofi und Olympiasieger 1992 Marc Rousset gehörte zu den zehn besten Tennisspielern der Welt. Ein Journalist hat ihn einmal gefragt, ob er glücklich sei? Seine Antwort:

Ich bin jetzt 32 Jahre lang nie glücklich gewesen und es gibt keinen Grund, weshalb ich es sein sollte.

Arthur Schopenhauer meint (Paränesen und Maximen):

Kommt zu einem schmerzlosen Zustand noch die Abwesenheit der Langenweile; so ist das irdische Glück im Wesentlichen erreicht.

2. Lebenskonzepte

Die antike Philosophie als Lebensform
Der christliche Glaube
Jesus war Jude
Nächstenliebe
Die zehn Gebote Gottes
Martin Luther
Die 95 Thesen
Luther und der Ablasshandel
Luthers Glaubensversion
Diogenes von Sinope und das kynische Lebenskonzept
Epikur und das selbstbestimmte Lebenskonzept
Kerngedanken Epikurs
Selbstgenügsamkeit: Aus Epikurs „Brief an Menoikens“:
Eudämonie – die Lehre vom gelingenden Leben
Eudämonie in der Gegenwart – Freude oder Lebenssinn?
Erfüllende soziale Beziehungen
Gelungenes Leben – Soren Kierkegaard
Authentisch sein – was heißt das?
Der authentische Mensch: Eine Chimäre?
Sind Gefühle authentisch?
Authentisch kommunizieren (Beispiel)
Erich Fromm: Authentisch leben
Echtsein, Kongruenz
Beispiel 1: Moliere: Der Menschenfeind – absolut authentisch
Beispiel 2: Ruth Cohn: Die Themenzentrierte Interaktion (TZI)

Die antike Philosophie als Lebensform

Die westliche Zivilisation beginnt mit den heiteren Griechen, schreibt der Philosoph Ludwig Marcuse (Philosophie des Unglücks, 1981).

Die Kernfrage der Philosophie der alten Griechen lautete:

Wie soll der Mensch leben?

Die antike Philosophie war eine Lebensform, eine bestimmte Art zu leben, bewusste Lebensführung. Die Philosophen, allen voran die Kyniker, lebten ihre Philosophie.

Der allgemeine Charakter der philosophischen Lebensform ist die Muße, die nicht als müßige Untätigkeit, sondern als Ungebundenheit und Selbstbestimmung verstanden wird.

Damals wie heute geht es um Bedürfnisbefriedigung und wie man dieses Ziel erreicht. Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder ist das Ziel, möglichst viel Befriedigung zu erlangen oder wenig Bedürfnisse zu haben, das heißt ein bedürfnisloses Leben in Askese führen wie die Kyniker es getan haben oder eine Lebensform nach Epikur.

Der christliche Glaube

Jesus war Jude

Jesus und seine Jünger waren Juden. Sie lebten in einem besetzten Land (Römer). Jesus wird nach und nach vergöttert, auch wenn er immer noch ein Mensch ist. Der wunderwirkende, göttliche Jesus, der Wasser in Wein verwandelte, Lahme wieder gehend und Hungernde satt machte, über das Wasser ging, Kranke gesund und Blinde sehend und Tote wieder lebendig machte.

Jesus wurde von den Römern unter Herodes als politischer Aufwiegler hingerichtet. Die Juden wollten seinen Tod nach den jüdischen Gesetzen: Verstoß gegen das Gebot der Sabbatruhe. Zudem heilte er am Sabbath. Und wer den Sabbath entheiligt, der „soll des Todes sterben“.

Jesus wurde auf Betreiben der Juden und gegen den Willen der Römer hingerichtet. Der Messias im Heiligen Land sollte das Regime der Römer beenden und die Israeliten von der Knechtschaft befreien. Der neue Messias wurde als Erlöser gesehen.

Nächstenliebe

Nächstenliebe kam schon im alten Testament vor:

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!

Doch Jesus geht noch weiter: Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde! Jesus predigte nichts Neues, ging aber wesentlich über das Alte hinaus. Das Alte Testament verlangte auch die Nächstenliebe, änderte aber nichts an der gesellschaftlichen Hierarchie.

Die von Jesus gepredigte Gleichheit aller stand im Gegensatz zur alltäglichen Wirklichkeit zu Zeiten des Alten wie des Neuen Testaments. Der Gott des Alten Testaments forderte Anbetung, der Gott des Neuen Testaments verachtet jene, die fromm tun, aber nicht die Liebe im Herzen haben.

Die zehn Gebote Gottes

1. Ich bin der Herr, dein Gott! Du sollst nicht andere Götter haben neben mir.
2. Du sollst den Namen des Herrn, Deines Gottes, nicht missbrauchen.
3. Du sollst den Feiertag heiligen.
4. Du sollst Vater und Mutter ehren.
5. Du sollst nicht töten.
6. Du sollst nicht ehebrechen.
7. Du sollst nicht stehlen.
8. Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen gegenüber deinem Nächsten.
9. Lass dich nicht Gelüsten deines nächsten Weibes.
10. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Hof, Vieh.

Die zehn Gebote stammen aus der Bibel. Wie war das im Mittelalter, wo es weder Strom noch Müllabfuhr gab? Es gab Kreuzzüge. Man hat den kleinen Jungen die Hoden abgeschnitten, damit sie als fistelnde Kastraten im Kirchenchor singen konnten. Das ganze Leben war vom Christentum geprägt. Hat der Bürger ein gottesfürchtiges Leben nach den Geboten der Kirche gelebt, so konnte er auf das ewige Leben hoffen.

Fester Bestandteil der christlichen Lehre war das Ende der Welt und das „Jüngste Gericht“, bei dem Jesus Christus als Richter die Gerechten von den Sündern scheiden wird.

Martin Luther

Die 95 Thesen

Luther hat seine 95 Thesen am 31. Oktober 1517 am Hauptportal der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen. Der Papst erließ 1520 eine Bannbulle, seine Bücher wurden verbrannt. Luther reagierte mit der Verbrennung der Bulle. Daraufhin wurde er exkommuniziert. Im Reichtag zu Worms wurde er angehört und zum Widerruf aufgefordert, den er verweigerte.

Die 32. These Luthers lautet:

Wer glaubt, durch einen Ablassbrief seines Heils gewiss sein zu können, wird auf ewig mit seinen Lehrmeistern verdammt werden.

„Luther als Prediger des Untertanengeistes?“ Unter diesem Titel veröffentlichte Romedio Graf von Thun-Hohenstein in der Zeitschrift DAMALS Heft 11/1983 eine Antwort auf diese Thesen:

- Nur der gewaltlose Widerstand ist christlich
- „Jedermann ordne sich der obrigkeitlichen Gewalt unter; denn es gibt keine Gewalt, die nicht von Gott ist.“ (Paulus in Römer 13)
-In einer Predigt zwischen 1514 und 1520 fordert Luther generell Gehorsam gegenüber der Obrigkeit, jedoch mit der Einschränkung, dass man ihr den Gehorsam verweigern dürfe, wenn sie gottlose Befehle erteile.
- Wenn ein Christ einen gottlosen Befehl der Obrigkeit befolgt, droht ihm ewige Verdammnis. Er muss laut gegen die Übergriffe seine Stimme erheben, er darf keinesfalls zum Unrecht schweigen, aber er darf sich nicht gewaltsam widersetzen. Seine Waffen sind das Wort Gottes, das Evangelium.
- Die 1525 aufflammenden Bauernaufstände stellen Luther vor schwerwiegende Probleme, denn die Bauern beziehen sich auf das Evangelium und Luthers Schrift: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, als sie mit Gewalt ihre Forderungen durchsetzen wollten.
- Luther lehnte den Bauernaufstand entschieden ab. Die Obrigkeit ermuntert Luther, guten Gewissens von ihrem Schwert Gebrauch zu machen, denn die Bauern besorgten das Geschäft des Satans. Luther meinte, man müsse die Bauern wie tolle Hunde erwürgen. Das gleiche galt für Thomas Müntzer, den Prediger von Allstedt, der in Luthers Augen vom Teufel besessen war.
- Gott und Satan kämpfen um die Seele des Menschen und der Christ müsse sich in diesem Kampf für Gott entscheiden.

Luther und der Ablasshandel

Der Mönch Martin Luther (1520) war empört über das Gewinnstreben der Katholischen Kirche, die mit den Ablassbriefen einen schwunghaften Handel trieben. Gegen Geldzahlungen konnten sich reuige Sünder eine Verkürzung der Qualen in den läuternden Flammen des Fegefeuers erkaufen.

Luthers Glaubensversion

Unter dem Titel Von der Freiheit eines Christenmenschen veröffentlichte Luther 1520 seine Glaubensversion im Vergleich zur katholischen Kirche. Anlass für die Schrift war die gegen Luther gerichtete päpstliche Bann-Androhungsbulle vom 15. Juni 1520.

1) Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.
2) Wer an mich glaubt, der lebt ewiglich.
3) Allein der Glaube ohne alle Werke macht gerecht, frei und selig.
4) Willst du alle Gebote erfüllen, deine böse Begierde und Sünde loswerden wie die Gebote erzwingen und fordern, suche den Glauben an Christus, in welchem ich dir alle Gnade, Gerechtigkeit, Friede und Freiheit zusagen.
5) So sehen wir, dass ein Christenmensch an den Glauben genug hat, dass er kein Werk braucht, um gerecht zu sein. Bedarf es aber keines Werkes mehr, dann ist er gewiss von allen Geboten und Gesetzen entbunden, so ist er
gewiss frei.
6) Man kann Gott keine größere Unehre antun, als ihm nicht zu glauben, womit die Seele ihn für einen Untauglichen, Lügenhaften, Leichtfertigen hält, und ihn, soviel an ihr liegt, mit solchem Unglauben verleugnet und einen Abgott aus eigenem Sinn im Herzen gegen Gott aufrichtet, als möchte sie es besser
wissen als er.
7) Wer an Christus nicht glaubt, dem dient kein Ding zugute, er ist ein Knecht aller Dinge und muss an allen Dingen Schaden nehmen.
8) Wer an Christus nicht glaubt, dem dient kein Ding zugute, er ist ein Knecht aller Dinge und muss an allen Dingen Schaden nehmen.

Diogenes von Sinope und das kynische Lebenskonzept

Die Leitfigur des autonomen Menschen ist der Grieche Diogenes von Sinope, den sie auch den „Hund“ nannten. Er gehörte zu den „Kynikern“, den „Humoristen des Altertums“ (Nietzsche). Sie strebten nach einem tugendhaften, glücklichen Leben.

Sie glaubten es dadurch zu erreichen, dass sie der Natur gemäß lebten und nicht nach den Erwartungen der anderen Menschen. Sie entsagten jedem Besitz. Die Kyniker strebten Unabhängigkeit im weitesten Sinn an. Selbstgenügsamkeit gehörte zu ihren Tugenden.

Ihre Zeit brachten sie mit Ruhen, Umhergehen, Reden mit allen Menschen, viel Spotten, Lachen und Scherzen zu: ihr Charakter war Sorglosigkeit und große Heiterkeit. (Schopenhauer).

Diogenes war in Athen ein stadtbekanntes Original. Er war Aktionskünstler, Selbstdarsteller, Bürgerschreck und ein kompromissloser Moralist. Er sagte, was er dachte und ließ seinen Gefühlen freien Lauf:

Sieh´ auf mich, ich habe kein Heim und kein Vaterland, weder Besitz noch Gesinde; ich schlafe auf der bloßen Erde, habe weder Weib noch Kind noch eine Leibwache, sondern nur die Erde unter und den Himmel über mir und einen einzigen alten Rock. Und was bleibt mir? Habe ich etwa Kummer oder Angst? Bin ich noch wahrhaft frei? Wann hätte je einer von euch gesehen, dass ich etwas begehrte und doch nicht erlangte, etwas mied und ihm doch verfiel? Wann hätte ich je mit Gott oder Menschen gehadert? Wann hätte ich je auf einen geschimpft? Hat mich jemals einer von euch mit finsterer Miene gesehen? Und wie verkehre ich mit denen, die ihr fürchtet und anstaunt? Nicht wie mit Sklaven? Meint doch jeder, der mich, seinen eigenen König und Herrn zu sehen.

Warum ist Diogenes heute noch aktuell? Es ist wohl weniger die Selbstgenügsamkeit und das Leben nach der Natur, als vielmehr seine Autonomie und Individualität. Der große Alexander soll Diogenes gefragt haben: „Sag´, was du begehrst, und der Wunsch sei dir erfüllt.“ Und Diogenes antwortete: „Geh´ mir aus der Sonne!“

Für diese Antwort bewundert man ihn noch heute. Diogenes sagte, was er dachte und ließ seinen Gefühlen freien Lauf, ein authentischer Mensch! Die heutigen Erfolgsmenschen sind fasziniert von der Selbstbeherrschung dieses Mannes, der die Macht über sich selbst den einzigen Erfolg nannte. Sie bewundern heute noch die Kraft und Energie, die von ihm ausging, um das Leben zu gestalten. Nicht zufällig war Herkules sein Vorbild.

Der Weltbürger Diogenes wäre heute ein begehrter Gast in den Abend-Talkshows des Fernsehens. Man würde ihn gerne einladen, sei es als Underdog, Dog oder Top- Dog (Hund bleibt Hund), weil er begnadeter Selbstdarsteller ist, ein Meister des Selbstgesprächs, witzig und schlagfertig.

Man stelle sich das vor: Der Entertainer Diogenes unter all diesen bedeutenden und außergewöhnlichen Menschen: Den Serien-Helden des deutschen Fernsehens, den Tatortkommissarinnen, Schönheitsköniginnen und den unvermeidlichen Politikern, die alle aus ihrem aufregenden Leben auf der Bühne oder im Parlament erzählen. Diogenes inmitten von gebildeten Leuten, die Bücher geschrieben haben:

Eine Nachrichtensprecherin, die einen Roman verfasst oder ein Soziologie-Professor, der eine Abhandlung über Arschkriecher geschrieben hat.

Wäre Diogenes ein Außenseiter unter den Talkgästen? Nein. Es gibt keine Außenseiter mehr, keine Einzelgänger, Spinner und Nonkonformisten. In der Fernseh-Gesellschaft gibt es nur Individualisten mit einem Naturrecht auf ihren Spleen. Der Bürgerschreck ist tot. Es lebe das Original.

Sie bewundern heute noch die Kraft und Energie, die von Diogenes ausging, um das Leben zu gestalten.

Epikur und das selbstbestimmte Lebenskonzept

Friedrich Nietzsche schreibt, dass Epikur nicht tot sei, sondern immer gelebt habe und immer noch lebe. (Der Wanderer und sein Schatten).

Bei meiner Betrachtung liegt der Schwerpunkt auf Epikurs praktischer Lebensweisheit. Epikur bejaht das Leben, sein carpe diem entspringt nicht einer gierigen Unersättlichkeit. Die Lebenslust und die Freude, die ein Tag zu bieten hat, gilt es zu nutzen. Epikur denkt an die „Lust der Ruhe“.

Alles, was man im Leben tue, soll man aus Lust tun. Man interpretiert Epikur falsch, wenn man an einen genusssüchtigen Menschen dabei denkt, der Drogen konsumiert und Orgien feiert. Lust bedeutet bei Epikur Freundschaft, innerer Friede und heitere Ruhe. Die geistige Lust ist der körperlichen vorzuziehen. Voraussetzung ist allerdings, dass niemand hungert, dürstet oder friert.

Epikurs Philosophie bestärkt uns in der Haltung, den Erwartungen zu widerstehen, Erfolg zu haben und alles erreichen, wozu wir mit unseren Fähigkeiten in der Lage wären. Epikur lehrt uns, sich selbst zu akzeptieren und das Leben als lebens- und genießenswert zu betrachten, und zwar unabhängig davon, ob man kompetent oder erfolgreich und von anderen geschätzt wird.

De Montaigne war ein Epikureer. Er schreibt:

Genug nun für andere gelebt – leben wir zumindest dies letzte Stück des Lebens für uns. Die größte Sache der Welt ist, dass man sich selbst zu gehören weiß.

Wir haben heute die Chance, ein Leben in „Luxus“ zu führen. Denn Luxus ist heute alles, was selten geworden ist: Ruhe, Stille, Natur, aber auch die Freiheit, gegen den Strom zu schwimmen und seine Meinung kompromisslos zu vertreten. Sein Leben selbst bestimmen sei der größte Luxus. Epikur spricht von der „wahren Lust“. Sie besteht aus der inneren Ruhe (Ataraxia) und der Schmerzlosigkeit (Aponia) bei einem Leben in Freundschaft im Kreise Gleichgesinnter. Wie alle soziale Beziehungen, so Epikur, hat die Freundschaft ihren Ursprung im Nutzen.

Jeder Mensch strebt nach Lust, sobald er geboren ist und vermeidet den Schmerz. Diese Behauptung, so Epikur, bedürfe keiner Begründung. Lust bedeutet Freisein von seelischer Unruhe und seelische Unbeschwertheit, die Epikur mit der Meeresstille verglich. Sie ist mit asketischer Selbstgenügsamkeit verbunden. Sinnlos aber sei das Streben nach Reichtum, öffentlichen Ehrungen und politischen Ämtern, da ein solches Streben mit demütigender Abhängigkeit von anderen, ewiger Unruhe und ständigen Gefahren verbunden sei und das eigentliche Lebensziel gefährde.

Auf Erfolg komme es nicht an. Entscheidend sei die geistige Haltung gegenüber den Ereignissen.

Es hat immer Menschen gegeben, die Epikur falsch verstanden haben und „Lust“ im Sinne eines ausschweifenden Lebens deuteten. Die Position Epikurs war, sich nicht den Lüsten unterwerfen, aber auch nicht die Lüste verteufeln, sondern die Lüste als Fähigkeit zur Lustempfindung begreifen.

Ob die Epikureer nach Glück strebten, ist nicht eindeutig. Im Brief Epikurs an Menoikus heißt es u.a.:

Alles Wählen und Streben geht doch auf das Wohl des Leibes und der Ruhe der Seele, denn das ist das Telos eines glücklichen Lebens. Und was wir tun, tun wir, um der Unlust zu entgehen und die Ruhe der Seele zu finden.

Ob damit dasselbe gemeint ist, was viele heute unter Glück verstehen, darf man bezweifeln. Erfolg, Reichtum, Wohlstand hat Epikur sicher nicht gemeint. Im Menuikus-Brief heißt es:

Wir halten die Selbstgenügsamkeit für ein großes Gut, nicht als ob wir ohne weiteres mit dem Dürftigen zufrieden wären, sondern weil wir nicht vieles haben können, uns mit dem weinigen begnügen, überzeugt, dass der den Reichtum am glücklichsten genießt, der seiner am wenigsten bedarf.

Kerngedanken Epikurs

- Sein Motto zur Lebensführung lautet: Ein von Angst befreites, glückliches Leben führen.
- Selbst für die Alten, die Greise ist das Leben etwas Angenehmes, denn ein anständiges Leben ist gleichzeitig eine Vorbereitung auf ein anständiges Sterben, da der Mensch den Tod nicht zu fürchten braucht. Der Tod geht uns nichts an. Alles Gute und Schlimme beruht auf der Wahrnehmung. Der Tod ist der Verlust der Wahrnehmung. Der Tod ist kein Übel.
- „Du fragst, wohin wir nach dem Tod enteilen? Zur Ruhe dort, wo alle Ungeborenen weilen.“ Das hat ein Epikureer geschrieben, Michel de Montaigne, im 16. Jahrhundert.
- Den Wahlspruch Epikurs „Lebe verborgen!“ beherzigen heute selbst die „Jünger“ des Meisters, die Epikureer nicht, weil die Versuchung groß ist, in der Mediengesellschaft seine Eitelkeit zu befriedigen. Doch politische Einmischung ist dann notwendig, wenn unsere Freiheit bedroht ist. In diesem Punkt unterscheiden sich heute die Epikureer von der reinen Lehre, was schon deshalb nicht verwunderlich ist, weil wir Kinder der Aufklärung sind.
- Wie für Epikur gibt es auch für seine Anhänger keine Götter.
- Das Individuum setzt sich seine Werte selbst. Werte können letztlich nur auf Empfindungen beruhen, nicht auf Vernunft. Bei den Epikureern geht es nicht um das Glück aller Menschen, sondern um das Glück des Einzelnen. Glück ist Privatsache. Das höchste Glück des Einzelnen ist der innere Friede und die Lust der Ruhe.
- Es komme nur auf die innere Einstellung an, lehrt Epikur. Was sollte man schon dagegen sagen? Wer hat, so Epikur, der möge genießen, aber wer nichts hat, soll nicht traurig sein. Das hört sich an wie eine Philosophie für arme Schlucker, entworfen von reichen Leuten. Selbst für uns, die wir die Vorzüge des sozialen Netzes durchaus zu schätzen wissen, klingt das wie die neue Beschwichtigungsformel zum Abbau des Sozialstaats. Doch bei Epikur steckt etwas anderes dahinter, eine Philosophie: Wer im Geld schwimmt, ist unter dem Strich auch nicht glücklicher. Was heißen soll: Die Selbstgenügsamkeit (autarkeia) ist ein hehres Ziel bei Epikur. Einfache Suppen können die gleiche Lust herbeiführen wie ein opulentes Mahl. Körperlich und seelisch sind wir in einer besseren Verfassung für den Genuss feinerer Dinge, wenn sie uns nur selten zuteil werden.

Epikurs Ansatz macht es den Menschen möglich, sich in den wichtigen Dingen von der Angst zu befreien: Von der Angst vor dem Tode, vor Schmerzen, vor dem Überirdischen und den Mythen einer abergläubischen Religion, d.h. von Ängsten, die ihn daran hindern, das Lebensziel zu erreichen, nämlich den inneren Seelenfrieden und die unverfälschte Lust.

Es gibt keine an sich gültigen Normen, an denen das Individuum sein soziales Verhalten ausrichten könnte. Gerechtigkeit zum Beispiel ist kein Wert an sich.

Ein Übel, so Epikur, ist die Notwendigkeit, aber es besteht keine Notwendigkeit, unter einer Notwendigkeit zu leben.

Selbstgenügsamkeit: Aus Epikurs „Brief an Menoikens“:

() Wir halten auch die Selbstgenügsamkeit für ein großes Gut, nicht um uns in jedem Falle mit Wenigem zu begnügen, sondern damit wir, wenn wir das Viele nicht haben, mit dem Wenigen auskommen, in der echten Überzeugung, dass jene den Überfluss am süßesten genießen, die seiner am wenigsten bedürfen, und dass alles Naturgemäße leicht, das Sinnlose aber schwer zu beschaffen ist, und dass bescheidene Suppen ebensoviel Lust erzeugen wie ein üppiges Mahl, sowie einmal aller schmerzende Mangel beseitigt ist, und dass Wasser und Brot die höchste zu verschaffen mögen, wenn einer sie aus Bedürfnis zu sich nimmt. Sich also zu gewöhnen an ein einfaches und nicht kostspieliges Essen verschafft nicht nur volle Gesundheit, sondern macht den Menschen auch unbeschwert gegenüber den notwendigen Verrichtungen des Lebens, bringt uns eine zufriedene Verfassung, wenn wir in Abständen uns einmal an eine kostbare Tafel begeben, und erzeugt Furchtlosigkeit vor den Wechselfällen des Zufalls. Wenn wir also sagen, dass die Lust das Lebensziel sei, so meinen wir nicht die Lüste der Wüstlinge und das bloße Genießen, wie einige aus Unkenntnis und weil sie mit uns nicht übereinstimmen oder weil sie uns missverstehen, sondern wir verstehen darunter weder Schmerz im Körper noch Beunruhigung in der Seele. Denn nicht Trinkgelage und ununterbrochenes Schwärmen und nicht Genuss von Knaben und Frauen und von Fischen und allem anderen, was ein reichbesetzter Tisch bietet, erzeugt das lustvolle Leben, sondern die nüchterne Überlegung, die die Ursachen für alles Wählen und Meiden erforscht und die leeren Meinungen austreibt, aus denen die schlimmste Verwirrung der Seele entsteht. (...)

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Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Nach eigenem Gusto leben
Untertitel
und andere Lebenskonzepte
Autor
Jahr
2019
Seiten
88
Katalognummer
V456431
ISBN (eBook)
9783668901094
ISBN (Buch)
9783668901100
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Meine Preisvorstellung: Unter 10,-- EURO
Schlagworte
Selbstbestimmung, Entscheidungen, Epikur, Lebenskonzepte, Lebensgestaltung, Glück, Eudämonie, authentisch, antike Philosophie, Werte, Vorbilder, Arbeit, scheitern, Sterbefasten, Sterbebegleitung
Arbeit zitieren
Karl-Heinz List (Autor), 2019, Nach eigenem Gusto leben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456431

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