Lukas 20, 20-26. Der Zinsgroschenspruch. Exegese


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

30 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Übersetzungsvergleich

3. Textanalyse
3.1. Abgrenzung des Textes und Kontextanalyse
3.2. Sprachlich-syntaktische, semantische, narrative und pragmatische Analyse
3.3. Feststellung der Kohärenz

4. Synoptischer Vergleich und Literarkritik
4.1. Synoptischer Vergleich
4.2. Literarkritik

5. Formkritik

6. Traditionskritik
6.1. Zeitgeschichte
6.2. Traditionsgeschichte
6.3. Religionsgeschichtlicher Vergleich

7. Rückfrage nach dem historischen Jesus

8. Überlieferungsgeschichte

9. Redaktionsgeschichte

10. Zusammenfassung

11. Literatur- und Abkürzungsverzeichnis
11.1. Monographien
11.2. Kommentare
11.3. Lexika
11.4. Sonstige Hilfsmittel und Sammelbände
11.5. Kurztitel

1. Einleitung

Das Thema „Steuerzahlungen“ stellt eine durch die Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte relevante politisch-ökonomische Problemstellung dar. Dabei dreht es sich stets um die Frage, so wenig wie möglich Abgaben an den Fiskus leisten zu müssen, unabhängig davon ob sich in früheren Zeiten unterjochte Völker gegen zu hohe Tributzahlungen ihrer Besatzer wehrten oder ob in der Gegenwart Menschen Steuerbetrug begehen, um den individuellen Wohlstand zu wahren bzw. zu maximieren. Die Frage nach Steuern polarisiert bis heute und mündet in einer sozialethischen Diskussion, die zwischen der unbestrittenen Sinnhaftigkeit von Abgaben an den Staat zur Sicherung des Gemeinwohls und der ebenfalls berechtigten Frage nach einem angebrachten Ausmaß von Steuerbelastungen abwägen muss. Schon Jesus Christus wird in Lk 20,20-26 mit der „Steuerfrage“ konfrontiert und bezieht zu ihr Stellung. Bereits im Religionsunterricht der gymnasialen Oberstufe habe ich mich mit dem vorliegenden Bibelabschnitt das erste Mal näher auseinandergesetzt. Neben weiteren neutestamentlichen Texten, wie z.B. Röm 13,1-7, gilt der „Zinsgroschenspruch“ bei Lukas als einer der klassischen Texte für das Verhältnis von Christentum und Staat. Deswegen habe ich mich für die Auswahl dieses biblischen Textes entschieden.

2. Übersetzungsvergleich 1 2

Bereits zu Beginn der Perikope in V.20 verwenden die Übersetzungen unterschiedliche Formulierungen, um zu beschreiben, dass Hohepriester und Schriftgelehrte Jesus „belauerten“ (LUT), „beobachteten“ (ELB) bzw. „ihm auflauerten“ (EU) und bestimmte Personen „aussandten“ (LUT/ELB) bzw. „schickten“ (EU). Auffällig ist dabei die unterschiedliche Bezeichnung dieser Personen,3 wobei in allen drei Übersetzungen das Motiv des „Auflauerns“ in irgendeiner Form, als Verb oder Substantiv, auftaucht. Zum anderen wird der genaue Auftrag dieser Spitzel im Gegensatz zur EU („bei einer unüberlegten Antwort ertappen“) bei LUT und ELB mit „ihn ‚in seinen Worten’ (LUT) bzw. ‚in seiner Rede’ (ELB) fangen“ wiedergegeben. Außerdem ist bei der EU im Gegensatz zu LUT („Obrigkeit und Gewalt“) und ELB („Obrigkeit und Macht“) lediglich von der „Gerichtsbarkeit des Statthalters“ die Rede. Das bei LUT vor dem Objekt stehende Verb „überantworten“, befindet sich bei ELB und der EU jeweils hinter dem Objekt und wird alternativ mit „überliefern“ (ELB) oder „übergeben“ (EU) ausgedrückt. Während LUT und ELB V.21 mit einer Dopplung aus Fragen und Sprechen einleiten und dabei nur das Personalpronomen „sie“ verwenden, belässt es die EU bei der Übertragung „Die Spitzel fragten“. Weiterhin weicht die ELB-Übersetzung in diesem Vers insofern von LUT und der EU ab, dass sie die Anrede der Spitzel an Jesus mit „Lehrer“ anstatt mit „Meister“ übersetzt und darüber hinaus das Reden und Lehren Jesu als „recht“ (ELB) statt „aufrichtig“ (EU/LUT) charakterisiert. Eine Gemeinsamkeit zwischen der ELB und EU zeigt sich in der Feststellung der Spitzel, dass Jesus „die Person nicht ansieht“, wohingegen LUT diesen Umstand mit „das Ansehen der Menschen nicht achtet“ beschreibt. Im letzten Satz des Verses differieren alle Übersetzungen voneinander, indem sie das jesuanische Lehren des Weges Gottes als „recht“ (LUT), „in Wahrheit“ (ELB) bzw. „wirklich“ (EU) darstellen. Der bei allen drei Übersetzungen als Frage mit der rhetorischen Ergänzung „oder, nicht?“ konzipierte V.22 zeigt nur geringfügige Differenzen zwischen den Übersetzungen.4 V.23 verwendet in allen drei Übersetzungen die Begrifflichkeit der „List“, wenn auch in jeweils unterschiedlichen Ausprägungen.5 Die deutlichsten Unterschiede in V.24 bestehen zum einen aus der Bezeichnung des vorzuzeigenden Geldstücks als „Silbergroschen“ (LUT) bzw. alternativ als „Denar“ (ELB/EU) und zum anderen aus der abweichenden Formulierung der Frage „Wessen Bild und Aufschrift ‚hat er’ (LUT/ELB) bzw. ‚sind darauf’ (EU)?“. Die Übersetzung nach LUT und die ELB stimmen bei V.25 nahezu identisch überein und weichen von der EU lediglich im Versbeginn ab sowie bei der Formulierung „was des Kaisers ist,...was Gottes ist“ anstelle von „was dem Kaiser gehört,...was Gott gehört“. In V.26 dagegen sind erhebliche Gegensätze bezüglich des verwendeten Vokabulars zwischen EU und ELB/LUT zu verzeichnen.6 Die LUT-Übersetzung weist bei diesem Vers zudem eine Eigenheit auf, indem sie das auf den Ausspruch Jesu folgende Schweigen der Menschen als einzige Übersetzung mit dem Attribut „still“ näher klassifiziert. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die LUT-Übersetzung an einigen Stellen einen etwas komplizierten Satzbau aufweist.7 Des Weiteren greift sie in der vorliegenden Perikope als einzige Übersetzung auf die Begriffe „Gewalt“ (V.20) und „Silbergroschen“ (V.24) sowie die dramatischere Ergänzung „schwiegen still “ (V.26) zurück. Auffallend ist außerdem, dass diverse Begrifflichkeiten wie „Worte“ (V.20 und 26), „Steuern“ (V.22) oder „das Ansehen der Menschen “ (V.21) häufig im Plural statt Singular formuliert sind. Die ELB formuliert ähnlich wie LUT und orientiert sich insbesondere bezüglich der Syntax sehr stark an ihr. Dies verdeutlicht u.a. der bei beiden nahezu identische V.25. Jedoch stimmt die ELB auch an einigen Stellen mit der EU gegen LUT überein.8 Dennoch liefert die ELB-Version in vorliegender Perikope auch einige Ausdrücke, die einzig bei ihr vorliegen, wie z.B. „Lehrer“, „in Wahrheit“ (jeweils V.21), „Auflauerer“ oder „in der Rede“ (jeweils V.20). Bei der EU liegen sowohl Übereinstimmungen nur mit LUT, z.B. „Meister“, „aufrichtig“ (V.21) oder „zahlen“ (V.22), als auch wie bereits oben erwähnt nur mit der ELB vor. Gerade aber Satzbau und Vokabular betreffend hebt sich die EU in den Rahmenversen 20 und 26 deutlich ab. Generell ist wahrzunehmen, dass die EU metaphorische bzw. schwer zugängliche Phrasen der anderen Übersetzungen tendenziell sprachlich umschreibt und konkretisiert, um somit ein Abschleifen der Sprache zugunsten eines besseren Leseverständnisses zu erzielen.9 Die hier miteinander verglichenen Übersetzungen der LUT, ELB sowie der EU sind grundsätzlich dem formalen Übersetzungstyp zuzuordnen.10 Dieser stellt eine texttreue Übersetzung dar, d.h. er versucht Wortfolge sowie syntaktische Struktur des Originaltextes möglichst genau in der Zielsprache zu rekonstruieren und scheut nicht vor unrund und konstruiert wirkenden Textpassagen zurück, die bei LUT aber auch bei der sehr urtextnahen ELB zu Tage treten.11 Die EU lässt sich nicht ausschließlich als formal-texttreue Übersetzung verorten, sondern weist zusätzlich Elemente einer wirkungstreuen bzw. funktional-äquivalenten Übersetzung12 auf.13 Diese ist nicht rein textorientiert, sondern verfolgt das Ziel, dass der zu übersetzende biblische Text beim heutigen Leser14 die selbe Wirkung wie beim damaligen Adressaten entfaltet.15 Dieses Anliegen, dass sich „wichtige Aussagen der Bibel dem Ohr der Gläubigen dauerhaft“16 einprägen sollen, wird bereits im Vorwort der EU deutlich und erklärt die Tendenz zur Vereinfachung komplizierter Wendungen.

3. Textanalyse

3.1. Abgrenzung des Textes und Kontextanalyse

Bei der Perikope „Die Frage nach der Steuer“ in Lk 20,20-26 lässt sich das Ende des Textabschnittes eindeutig vom Beginn der nachfolgenden Perikope unterscheiden. Denn in V.26 liegt ein „Chorschluss der Menge“17 vor, der sich in diesem Fall als Verwunderung und stilles Schweigen der Zuhörerschaft äußert. Weitere Anhaltspunkte für das Eintreten einer neuen Handlungssituation sind das Auftreten der Sadduzäer als neue Personengruppe (ab Lk 20,27) und die Behandlung einer gänzlich anderen Fragestellung, die Frage nach der Auf-erstehung. Der Anfang des Textabschnitts ist nicht ganz eindeutig bestimmbar, da er sich bezüglich Personen, Ort und Zeitangabe auf die vorangehenden Perikopen bezieht. Es werden keine neuen Personen eingeführt, sondern die handelnden Personen, „Hohepriester, Schriftgelehrte mit den Ältesten“ (Lk 20,1) bzw. „Jesus“ (Lk 19,5), werden lediglich mit „sie“ und „er“ wiedergegeben. Auch die Ortsangabe „im Tempel“ sowie die Zeitangabe „es begab sich eines Tages“ (jeweils Lk 20,1) ist unverändert. Dies lässt den Schluss zu, den Beginn bereits ab Lk 20,1 zu verorten. Gleichwohl die vorliegende Einteilung aufgrund der Berücksichtigung der Unterschiedlichkeit der behandelten Probleme (Jesu Vollmacht, Steuern, Auferstehung) und Gattungen (Streitgespräche, Gleichnisse) nachvollziehbar ist. Bezüglich der Stellung der Perikope innerhalb von Lk, lässt sich aussagen, dass sie sich nach Pokorny/Heckel18 im vierten Teil des Evangeliums „Auseinandersetzungen in Jerusalem“ (Lk 19,28-21,38) verorten lässt.19 Jerusalem stellt den geographischen Rahmen des Schlussteils dar, in welchem sich Jesu feierlicher Einzug, die Tempelreinigung, eine Reihe letzter Streitgespräche sowie schlussendlich Passion und Auferstehung Jesu vollziehen.20 Im Mikrokontext bildet die Perikope einen Teil besagten Streitgesprächkomplexes (Lk 19,45-20,44).21 Die Stellung der Perikope zwischen dem Gleichnis der bösen Weingärtner und der Frage nach der Auferstehung ist insofern kompositorisch interessant, dass zum einen das die jesuanischen Gegner verärgernde Gleichnis eine wichtige Voraussetzung für deren niedere Motive darstellt (siehe Lk 20,19) und zum anderen die sich anschließende Frage nach der Auferstehung eine im Gegensatz zur Steuerthematik eschatologische Problematik behandelt.22

3.2. Sprachlich-syntaktische, semantische, narrative und pragmatische Analyse

Der Autor des Lk-Evangeliums gilt als überdurchschnittlich begabter Erzähler, der sich durch seinen reichen Wortschatz23 und durch die Verwendung einer großen Anzahl im Neuen Testament selten verwendeter Wörter auszeichnet.24 Dies zeigt sich auch in vorliegender Perikope, wenn Lk25 im griechischen Urtext den Begriff εγκαθετος („Auflauerer“, „Agent“, „Spitzel“) verwendet, welcher nur an dieser Stelle des Neuen Testaments auftritt und ein Hapaxlegomenon darstellt.26 Der in der Perikope verwendete Wortschatz ist stimmig zum Wortschatz des übrigen Evangeliums. Bezüglich der auftretenden Wortarten ist der häufige Gebrauch von Verben des Interagierens, festzuhalten, was Rück-schlüsse auf einen dynamischen Erzähltext zulässt. Adjektive und Adverbien treten nur vereinzelt auf und charakterisieren dabei nahezu allesamt Aspekte eines frommen Lebens. Das verwendete Tempus zeichnet sich durch einen Wechsel von Präteritum (im Erzähltext) und Präsens (in den Dialogteilen) aus, wobei die Verben fast durchgängig im Indikativ gebraucht werden.27 An zwei weiteren Stellen (V.24: „Zeigt“; V.25: „So gebt“) findet sich ein von Jesus ausgehender Imperativ, welcher seine Dominanz in der Interaktion mit seinen Gegnern illustriert. Bei der Syntax ist ein Wechsel zwischen Parataxe und Hypotaxe zu verzeichnen.28 Für die Umschreibung Jesu wird bis auf die einmalige direkte Anrede als „Meister“ durchgängig auf Proformen („er“, „ihn“) zurückgegriffen. In der Perikope kommen des Weiteren diverse Stilmittel zum Einsatz, wie z.B. ein antithetischer Parallelismus im Logion Jesu in V.25, welcher eine Aneinanderreihung von Gegensätzlichem (hier: Kaiser und Gott) durch einen parallel gewählten Satzbau meint. Die schmeichelnde Anrede Jesu in V. 21 stellt eine Captatio benevolentiae29 dar. Weitere Stilmittel wären die Inklusion der Perikope durch den Ausdruck „in seinen Worten fangen“ (V. 20 und 26), sowie die zweimalige Rekurrenz „lehrst“ (V.21) und die damit verbundene Anrede Jesu als „Meister“ bzw . „Lehrer“30, welche die Lehrtätigkeit Jesu an dieser Stelle herausstellen soll. Eine semantische Analyse zeigt eine häufige Bedienung aus dem Wortfeld der Sprache (z.B. Worte, fragten, sprachen, lehrst usw.). In diesem Zusammenhang ist die dramatische Ergänzung „schwiegen still“ (V.26) auffällig, mit deren Hilfe eine thematische Gegenüberstellung des wahrhaftigen Redens Jesu und dem erstaunten Schweigen seiner Gegner erzeugt wird. Eine weitere thematische Gegenüberstellung lässt sich zwischen Gott und Mensch bzw. zwischen Gott und Kaiser beobachten.31 Nach Vollzug einer narrativen Analyse ist festzustellen, dass vor allem Dialoge die Handlung32 vorantreiben. Als Handlungsträger fungieren in erster Linie Jesus sowie seine Gegner, wobei auch das „Volk“ in V.26 als Zeuge des Ereignisses Erwähnung findet. Die Verteilung der Redeanteile zwischen den Hauptakteuren ist insofern interessant, dass sich der Redeanteil der Gegner mit dem Fortgang der Handlung immer mehr zu verringern scheint und schließlich in einem stillen Schweigen gipfelt.33 Jesu Redeanteil verhält sich eher konstant, wobei auffällt, dass er das letzte Wort behält. Die Erzählung wird durchgängig aus der Perspektive eines auktorialen bzw. allwissenden Erzählers entfaltet, der umfassendes Wissen über die Vorgeschichte, die Pläne der Gegner und ihre Verwunderung mit sich bringt und andererseits Einblick in die Gedankenwelt Jesu bekommt, indem er feststellt, dass dieser die List seiner Gegner durchschaut hat. Die Kommunikationsabsicht des Textes zielt darauf, die Überlegenheit Jesu sowie das Scheitern seiner Gegner herauszustellen. Dies geschieht durch die Vermittlung von Jesu Allwissenheit und dem konträren Schweigen der Gegner, aber ebenso implizit durch die Verteilung der Redeanteile sowie die Imperative Jesu. Kurz gesagt: Jesus verwendet jene Fangfrage, welche ihn ursprünglich in Schwierigkeiten bringen sollte, um seine Gegner stattdessen in Verlegenheit und zum Schweigen zu bringen. Insofern verfolgt die Perikope das Ziel gleichzeitig Bewunderung für Jesus und seine „Cleverness“ beim Leser zu erzeugen als auch Missachtung und Schadenfreude für seine Gegner.

3.3. Feststellung der Kohärenz

Der Textabschnitt weist große Kohärenz auf. Die Abfolge der Handlungen und Dialoge ist in sich schlüssig, eine einheitliche Verwendung von Wortarten liegt vor. Die Perikope ist stimmig in den Mikrokontext eingebettet.

4. Synoptischer Vergleich und Literarkritik

4.1. Synoptischer Vergleich

Die „Frage nach der Steuer“ in Lk 20,20-26 findet jeweils in den beiden anderen synoptischen Evangelien in Mt 22,15-22 sowie Mk 12,13-17 eine Entsprechung,34 während im Joh-Evangelium nichts von dieser Begebenheit berichtet wird. Zunächst lässt sich festhalten, dass die drei Evangelien nach Mt, Mk und Lk einige Gemeinsamkeiten aufweisen. Dies zeigt sich bereits zu Beginn der Perikope, da die Ausdrücke „sandten“, „ihn in Worten“ und „sprachen“ trotz teilweise unterschiedlichem Satzbau bei allen dreien zum Einsatz kommen. Vor allem aber als sich Jesu Gegner in V.21 an ihn wenden, fällt die fast identische Wortwahl und Satzstruktur der drei Synoptiker auf, welche die Anrede der Gegner Jesu als „Meister“ sowie ihr Wissen über sein Nicht-Ansehen der Menschen und sein rechtes Lehren des Weges Gottes in der gleichen Wortwahl, aber in teilweise abweichender Reihenfolge wiedergegeben. Gleiches ist bei der Formulierung der Frage nach der Steuer zu beobachten, bei welcher aus-schließlich das verwendete Subjekt und Prädikat („man...zahlt“ bei Mt/Mk bzw. „wir...zahlen“ bei Lk) voneinander abweichen. Auch bei der Umschreibung von Jesu Reaktion auf diese Frage wird in allen drei Fällen auf die Begriffe „merkte ihre“, „sprach“ und „Silbergroschen“ zurückgegriffen. Eine besonders hohe Deckungsgleichheit der drei Evangelien weist der Schlussteil der Perikope auf (ab „Wessen Bild und Aufschrift...“), welcher den Lehrspruch Jesu („So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“) vollkommen über-einstimmend präsentiert. Darüber hinaus wird in den jeweils letzten Versen, die teilweise einige Ergänzungen enthalten, gleichermaßen von der Verwunderung der Zuhörerschaft („sie verwunderten sich“) gesprochen. Mt und Mk vereinigen gegenüber Lk und über die bereits oben aufgeführten Gemeinsamkeiten noch weitere Übereinstimmungen. So ist zu Beginn nur bei ihnen beiden konkret von den „Pharisäer(n)“ und „den Anhängern des Herodes“ die Rede. Des Weiteren erwähnen nur Mt und Mk bei der Frage nach der Steuer die Gegenfrage Jesu („Was versucht ihr mich?“) und verwenden als einzige das Motiv der Heuchelei, welches bei Mt durch die direkte Anrede der Gegner mit „ihr Heuchler“ und bei Markus mit „er aber merkte ihre Heuchelei“ aufgegriffen wird. Die Antwort Jesu (ab „Wessen Bild und Aufschrift...“) auf die Anfrage seiner Gegner wird bei Mt und Mk im Gegensatz zu Lk mit den Teilversen „Und sie reichten ihm/brachten einen Silbergroschen“ bzw. „Und er sprach zu ihnen/Da sprach er“ eingeleitet. Anschließend wird die Frage nach Bild und Aufschrift des Groschens mit „ist das“ statt wie bei Lk mit „hat er“ abgeschlossen. Wörtliche Übereinstimmungen, die nur zwischen dem Mk- und Lk-Evangelium bestehen, sind dagegen weniger zahlreich. Jesu Reaktion auf die Frage nach der Steuer weist bei beiden nahezu identische Struktur auf („Er aber merkte ihre...und sprach zu ihnen“). Die ausschließlich bei Mt und Lk auftretenden Gemeinsamkeiten sind ebenfalls sehr

[...]


1 Als grundlegende Basis des Übersetzungsvergleichs wird die Luther-Bibel (Die Bibel nach Martin Luther, revidierter Text 1984, Stuttgart 1999; im Folgenden mit „LUT“ abgekürzt.) verwendet und mit der Elberfelder Bibel (Revidierte Elberfelder Bibel (Rev. 26), Witten 2008; im Folgenden mit „ELB“ abgekürzt.) sowie der Einheitsübersetzung (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Stuttgart 1980, im Folgenden mit „EU“ abgekürzt.) verglichen.

2 Tabellarische Aufstellung der drei unterschiedlichen Übersetzungen siehe angehängtes Dokument „Übersetzungsvergleich der Bibelstelle Lukas 20, 20-26“.

3 Bei LUT „Leute“, in der ELB „Auflauerer“, in der EU „Spitzel“.

4 z.B. die Einleitung der Frage mit „Ist’s recht...“ bei LUT im Gegensatz zu „Ist es uns erlaubt...“ (ELB/EU). Außerdem verwendet LUT den Begriff der Steuer als einzige der Übersetzungen im Plural und spricht gemeinsam mit der EU von „Steuer(n) zahlen“ anstatt „Steuer geben“ (EU).

5 Bei LUT: „List“, ELB: „Arglist“, EU: „Hinterlist“. Die Satzstruktur ist jeweils sehr ähnlich, wobei die verwendeten Verben „merkte...und sprach“ (LUT), „nahm...wahr und sprach“ (ELB) sowie „durchschaute...und sagte“ (EU) nicht komplett deckungsgleich sind.

6 So beginnt die EU diesen Vers mit der Wendung „...gelang...ihnen nicht...“ statt „...sie konnten...nicht“ (LUT/ELB) und umschreibt darüber hinaus den sowohl bei LUT als auch ELB auftretenden Ausdruck „ihn in seinen Worten bzw. in seinem Wort...fangen“ analog zu V.20 mit „ihn...bei einem (unüberlegten) Wort ertappen“.

7 Beispiele dafür finden sich in V.20 („überantworten könnte der Obrigkeit“) sowie in V.26 („nicht fangen vor dem Volk“).

8 z.B. V.21 („Person nicht ansiehst“), V.22 („Ist es uns erlaubt“ und „Steuer“), V.24 („Denar“).

9 z.B. „ertappen“ statt „in seinen Worten fangen“ (V.20 und 26), „öffentlich“ statt „vor dem Volk“ (V.26), „Spitzel“ statt „Leute/Auflauerer“ (V.20), „überrascht sein“ anstatt „verwundern“ (V.26).

10 Vgl. Egger/Wick, Methodenlehre, 94.

11 Vgl. Egger/Wick, Methodenlehre, 92-93.

12 Weitere Bezeichnungen wären: dynamisch/funktional-gleichwertig oder dynamisch-äquivalent.

13 Vgl. Egger/Wick, Methodenlehre, 98.

14 Anmerkung: In diesem Text wird der Einfachheit halber nur die männliche Form verwendet. Die weibliche Form ist selbstverständlich immer mit eingeschlossen.

15 Vgl. a.a.O., 94.

16 Vgl. Vorwort der Einheitsübersetzung.

17 Vor allem an Ende einer Wundergeschichte steht häufig ein sogenannter „Chorschluss“, der die Reaktion der umstehenden Personen auf das vollzogene Wunder beschreibt. (Vgl. www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/themenkapitel-nt/wunder-im-nt/; Aufruf am 11.05.16)

18 Vgl. Pokorny/Heckel, Neues Testament, 490-491.

19 Pokorny/Heckel untergliedern Lk des Weiteren in folgende Teile: Prolog (Lk 1,1-4), 1. Teil: Die Vorgeschichte (Lk 1,5-4,13), 2. Teil: Das Wirken in Jesu in Galiläa (Lk 4,14-9,50), 3. Teil: Der Weg nach Jerusalem (Lk 9,51-19,27), 5. Teil: Passion und Auferstehung (Lk 22-24).

20 Vgl. Niebuhr, Grundinformation Neues Testament, 114-115.

21 Der Streitgesprächkomplex wird durch Jesu Tempelreinigung (Lk 19,45-48) eingeleitet, durch sein Gleichnis „Von den bösen Weingärtnern“ (Lk 20,9-19) unterbrochen und umfasst neben der Frage der Steuer, die Frage nach Jesu Vollmacht (Lk 20,1-8), die Frage nach der Auferstehung (Lk 20,27-40) sowie die Frage nach dem Davidssohn (Lk 20,41-44).

22 Darüber hinaus interessant: Vor Pilatus (Lk 23,1f) wird ebenfalls direkt auf die zugrundeliegende Perikope Bezug genommen.

23 Vgl. Pokorny/Heckel, Neues Testament, 487.

24 Vgl. Klein, Lukasevangelium, 48.

25 Die fachlich korrekte Bezeichnung wäre eigentlich „auctor ad Theophilum“. Vgl. Klein, Lukasevangelium, 62. Im Folgenden wird aber auf „Lk“ zurückgegriffen.

26 Vgl. Bovon, Evangelium nach Lukas, 94.

27 Abweichungen finden sich nur bei der hypothetischen Beschreibung der Pläne der jesuanischen Gegner (siehe V.20; „wären“, „könnte“).

28 Zu den Ausführungen zu Wortarten, Wortformen und Konjunktionen: Siehe angehängtes Dokument „Tabelle zu Wortarten und Konjunktionen“.

29 Eine „Captatio benevolentiae“ meint eine „rhetorische Figur zur Gewinnung der Publikumsgunst mittels einer Redewendung.“ (Vgl. de.pons.com/übersetzung/deutsche-rechtschreibung/Captatio+Benevolentiae; Aufruf am 11.05.16)

30 διδασκαλος im griechischen Urtext.

31 In V.21 ist von einer Nichtachtung des menschlichen Ansehens und dem gleichzeitigen Lehren des Weges Gottes die Rede. Zum anderen findet in V.25 eine Gegenüberstellung vom rechten Geben an den Kaiser mit dem rechten Geben an Gott in klimatischer Art und Weise statt.

32 Die Handlung in vorliegender Perikope vollzieht sich gemäß folgender chronologischer Reihenfolge: Im einführenden V.20 wird vom Aussenden der Spitzel berichtet, die in V.21 mit der Schmeichelei und einer als Fangfrage konzipierten Problematik mündlich in das Geschehen eingreifen. Jesu Reaktion darauf ist eine Anweisung zum Vorzeigen eines Silbergroschens sowie eine Gegenfrage. Nach der Antwort der Spitzel, folgt der Ausspruch Jesu in V.25, der seine Gegner schweigend und verwundert zurücklässt. Vgl. Bovon, Evangelium nach Lukas, 89.

33 Am Anfang steht eine verhältnismäßig lange Anrede Jesu mit der anschließenden Anfrage, während am Ende der Perikope die Antwort der Gegner nur noch aus zwei Worten besteht.

34 Tabellarische Aufstellung der Synopse siehe angehängtes Dokument „Synopse zu ‚203. Die Frage nach der Steuer (Der Zinsgroschen)’“ in: Peisker, Luther-Evangelien-Synopse, [126]-[127].

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Lukas 20, 20-26. Der Zinsgroschenspruch. Exegese
Hochschule
Universität Augsburg  (Institut für Evangelische Theologie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
30
Katalognummer
V456571
ISBN (eBook)
9783668869394
ISBN (Buch)
9783668869400
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Exegese, Lukas 20, Zinsgroschen
Arbeit zitieren
Tobias Ruoff (Autor), 2016, Lukas 20, 20-26. Der Zinsgroschenspruch. Exegese, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456571

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