Die Insel als Ort des Neuanfangs in Tove Janssons Roman "Pappan och havet"


Hausarbeit, 2018
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Insel als Ort des Neuanfangs

2. Der Einfluss der Insel auf die Muminfamilie
2.1. Muminvater
2.2. Muminmutter
2.3. Mumin
2.4 Mü

3. Resümee

4. Literaturverzeichnis
4.1. Primärliteratur
4.2. Sekundärliteratur

1. Die Insel als Ort des Neuanfangs

Das literarische Motiv der Insel ist ein äußerst vielseitiges, denn es kann die unterschiedlichsten Aspekte verkörpern: Sie kann Paradies und Gefängnis sein, Abenteuer und Rückzugsort. Miteinander gemein haben all diese Aspekte, dass sie gleichzeitig auch Trennung bedeuten. Trennung vom Alltag, von der Gesellschaft, vom Festland. Eine solche Trennung bringt jedoch stets auch etwas Neues mit sich, eine veränderte Situation, in der wir uns wiederfinden. Abhängig von unserer subjektiven Bewertung der Trennung, wird aus der Insel eben jenes Paradies oder jenes Gefängnis. „Erleiden“ wir die Trennung vom Alten oder suchen wir sie? Ziehen wir uns bewusst aus der gewohnten Umgebung zurück oder werden wir ihr entrissen? Empfinden wir diesen Neuanfang als positiv oder negativ?

Somit ergibt sich für die Insel das übergeordnete Motiv des Neubeginns. Dieser wird in der Literatur unter anderem mit den oben genannten Aspekten aufgegriffen, bietet jedoch auch Spielraum für wesentlich komplexere Bewertungen und Empfindungen als die genannten Extreme. Ida Hegazi Høyer etwa stellt die Insel in ihrem Roman Fortellingen om øde als auserkorenen Rückzugsort dar, während August Strindberg sie in seinem Roman I havsbandet mit Vereinsamung verbindet.

Komplexer wird die Deutung des Inselmotivs, wenn es sich um eine ganze Gruppe von Personen handelt, welche sich diesem Neuanfang ausgesetzt sieht. Denn sie alle können ihre Situation unterschiedlich bewerten: Für die einen mag die Insel das Paradies darstellen, für die anderen jedoch unwillkommenes Exil.

Eine solche Situation stellt Tove Jansson im Roman Pappan och havet dar, welcher in dieser Arbeit behandelt werden soll. Dabei soll untersucht werden, wie die vier Protagonisten mit der neuen Situation auf der Insel umgehen, wie sie sie empfinden und wie sie selbst durch die Insel beeinflusst werden.

2. Der Einfluss der Insel auf die Muminfamilie

Der erste Satz des Romans Pappan och havet lautet wie folgt: „En obestämt eftermiddag i slutet av augusti gick en pappa omkring i sin trädgård och kände sig onödig.“1 Genau dieses Gefühl der eigenen Nutzlosigkeit ist es, welches den Muminpapa dazu veranlasst, mit seiner Familie das gewohnte Mumintal zu verlassen und einen Neubeginn auf einer einsamen Insel zu wagen. Dass der Muminvater ausgerechnet eine Insel als Ort des Neuanfangs auserwählt, erscheint aufgrund der eingangs erwähnten Inselaspekte schlüssig:

Es wundert nicht, dass ein derartig rätselhafter, zwischen Wasser und Himmel schwebender Ort wie die Insel seit alters vielfältige Wunschprojektionen auf sich gezogen hat.2

Die Insel erscheint hier also als der ideale Ort, um aus dem eingefahrenen Gefühl der Alltäglichkeit auszubrechen und ein neues, befriedigenderes Selbstgefühl zu entwickeln.3

2.1. Muminvater

Durch das bereits erwähnte Gefühl der Nutzlosigkeit gerät der Muminvater in eine Identitätskrise. Er vermisst das Gefühl, von seiner Familie wirklich gebraucht und als wichtig erachtet zu werden, was ihn letztlich dazu verleitet, gemeinsam mit dieser auf eine einsame Insel zu ziehen. Von dieser Veränderung erhofft er sich, für die anderen unverzichtbar zu werden, seine Selbstzweifel abzuschütteln und stattdessen die Rolle eines Helden einzunehmen.4

Durch anfängliche Misserfolge vertieft sich seine Krise jedoch eher, als dass sie sich bessert: Der Umstand, dass er es nicht schafft, das Licht des Leuchtturms zu entfachen, nimmt ihn derart mit, dass er nachts davon träumt und infolgedessen keine weiteren Versuche unternimmt, es doch noch zu entzünden.5

Anschließend kommt er zu dem Schluss, dass er das Meer verstehen müsse, ehe es ihm besser gehen könne. Um das dem Meer eigene System zu entschlüsseln, führt er verschiedene Versuche an diesem durch und hält seine Gedanken und Ergebnisse quasi therapeutisch in einem Heft fest.6 Es wird deutlich, dass diese Auseinandersetzung mit dem Meer in Wirklichkeit eine Auseinandersetzung mit seinem eigenen Unterbewusstsein darstellt:7 In der Tiefe des Meeres erkennt Muminvater das Spiegelbild seiner Seele. Indem er also das Rätsel, welches das Meer ihm aufgibt, zu entschlüsseln versucht, erhofft er sich insgeheim, Erkenntnisse über sich selbst zu gewinnen.[8]

Am Tiefpunkt seiner Krise angelangt, vertraut er sich schließlich Mumin an. Dieser behauptet, dass das Meer keinem System folge und daher seiner Natur gemäß auch nicht verstanden werden könne.8,9 Dieser Gedanke erleichtert den Muminvater, welcher daraufhin in einer direkten Konfrontation mit dem Meer die eigenen Selbstvorwürfe auf eben dieses projiziert: „Det är en sak som du inte har begripit, sa han. Du borde ta hand om denhär ön. Du borde beskydda och trösta den istället för att göra dig merkvärdig.“10 An dieser Stelle wird deutlich, dass der Muminvater sich bereits im Klaren darüber ist, dass er sich allzu selbstsüchtig verhält, während er eigentlich für das Wohlergehen seiner Familie sorgen sollte. Er scheint verstanden zu haben, dass er allen anderen diesen Neuanfang auferlegte, nur um sein eigenes Selbstwertgefühl zu steigern. Das Meer dient hier erneut als Spiegelbild seiner selbst: Ihm kann er diese Vorwürfe machen und somit seine Fehler eingestehen, ohne dabei das Gesicht zu verlieren.11

Dies ermöglicht es ihm, seine Krise hinter sich zu lassen und zu seinem eigentlichen Wesen zurückzufinden. Symbolisiert wird dies abschließend dadurch, dass er auch seinen Zylinder wieder an sich nimmt, welchen er gleich nach seiner Ankunft auf der Insel gegen den Hut des Leuchtturmwärters eingetauscht hatte.12 Der Zylinder steht dabei stellvertretend für seine Persönlichkeit, zu der er nun zurückgefunden hat.13

Mit dem Neubeginn auf der Insel verbindet der Muminvater also die Hoffnung darauf, der bewunderte und stets gebrauchte Held der Familie zu werden. In der Praxis gelingt ihm dies jedoch nicht, was ihn in eine umso tiefere Krise stürzt. Am seinem Tiefpunkt erkennt er letztlich im Meer den Spiegel seiner Seele[15] und indem er versteht, dass auch das Meer keinem festen Schema folgt, lernt er, auch die eigenen Wirren zu akzeptieren und sich so zu respektieren, wie er eben ist.14

Die Insel hat also einen starken Einfluss auf Muminvaters Selbstwertgefühl, indem sie ihm zunächst nichts gelingen lässt, ihm dann in Form des Meeres jedoch die Möglichkeit bietet, seine Identitätskrise zu überwinden und zu sich selbst zurückzufinden.

2.2. Muminmutter

Um dem Muminvater die Verwirklichung seiner Hoffnung, zum unverzichtbaren Mittelpunkt der Familie zu werden, zu ermöglichen, nimmt sich die Muminmutter in der neuen Inselumgebung gänzlich zurück.15 Zwar hegt sie Bedenken wegen des Neuanfangs, verschweigt diese ihrem Mann gegenüber jedoch, um diesen nicht damit in seiner Selbstverwirklichung zu beeinträchtigen.16,17

Um sich wirklich heimisch zu fühlen, benötigt Muminmama ihren Garten, denn sie fühlt sich tief mit der Erde und allem, was wächst, verbunden.18 Es ist daher nicht überraschend, dass sie nach der Ankunft der Familie auf der Insel umgehend damit beginnt, sich einen Garten anzulegen. In der Gartenarbeit blüht sie vollkommen auf und erscheint glücklich und zufrieden mit der neuen Situation.[21] Der Verlust dieses Gartens an das Meer trifft sie daher besonders schwer. Als sie schließlich auch noch ihren zweiten Garten, in welchen sie viel Mühe und Arbeit investiert, durch die Morra verliert, versinkt sie endgültig in Melancholie und Heimweh. Trotz allem hält sie sich jedoch davon zurück, diese Gefühle auch laut zu äußern.19

Der Anblick des Meeres mag ihr Heimweh vielleicht sogar noch verschlimmern,20 denn ist man nicht auf einer Insel geboren worden, kann es durchaus schwer fallen, sich dort auch heimisch zu fühlen: Jeder Blick über das Meer kann die Frage aufwerfen, ob man jemals wieder in die Heimat zurückkehren wird.21

Um dieses Heimweh zu kompensieren, malt die Muminmutter schließlich den Garten aus dem Mumintal – ganz ohne Meer und Felsen - an die Wände des Leuchtturms. Das Heimweh erscheint gar so stark, dass es ihr die Fähigkeit verleiht, sich in ihre Malerei hineinzuversetzen. Dabei bleibt unklar, ob sie lediglich dazu in der Lage ist, ihr Bild zu betreten, oder ob sie damit einen tatsächlichen Weg ins Mumintal geschaffen hat, denn sie kann zwar ihre Familie von dort aus sehen und beobachten, diese jedoch nicht sie.22 Ihre Fähigkeit, ihre Bilder betreten zu können, verwundert die Muminmutter dabei überhaupt nicht. Sie nimmt dieses Wunder, das aus ihrer starken Sehnsucht nach dem heimischen Mumintal heraus entsteht, einfach hin.23

Anders als im Mumintal, beginnt Muminmutter auf der Insel damit, Dinge nicht nur für ihre Familie zu tun, sondern zunehmend auch für sich selbst. Neben der Wandmalerei, welche allein ihrem geistigen Wohlergehen dient, hat sie auch noch das Sägen von Treibholz für den Kamin ganz für sich allein: „Dethär är mitt.“24

Ähnlich wie beim Muminvater, welcher sich zuweilen völlig in seiner Identitätskrise verliert und mit seinem Zylinder das Symbol seine Persönlichkeit abgibt, so schwindet auf der Insel durch ihr phasenweises Verschwinden in das Bild und ihre vermehrte Selbstbeschäftigung auch einer der prägendsten Charakterzüge der Muminmutter, nämlich ihre Rolle als Quelle der Geborgenheit.25,26

[...]


1 Jansson, Tove: Pappan och havet, Helsinki 1965, S. 9.

2 Richter, Dieter: Das Meer. Geschichte der ältesten Landschaft, Berlin 2014, S.128.

3 Vgl. Hubli, Kathrin: Tove Janssons Mumins wundersame Inselabenteuer als psychologischer Kinderroman? In: Mairbäurl, Gunda et al.: Kinderliterarische Mythen-Translation. Zur Konstruktion phantastischer Welten bei Tove Jansson, C.S. Lewis und J.R.R. Tolkien, Wien 2013, S. 215-225 (= Kinder- und Jugendliteraturforschung in Österreich, Bd. 14 / Beiträge zur Kinder- und Jugendmedienforschung, Bd. 2), hier: S. 219.

4 Vgl. Ebd.

5 Vgl. Jansson: Pappan, S. 51.

6 Vgl. Hubli: Tove, S. 216.

7 Vgl. Müller-Wille, Klaus: Kartographien des Unbewussten. Tove Janssons Poetik des Raumes. In: Mairbäurl, Gunda et al.: Kinderliterarische Mythen-Translation. Zur Konstruktion phantastischer Welten bei Tove Jansson, C.S. Lewis und J.R.R. Tol-kien, Wien 2013, S. 251-275 (= Kinder- und Jugendliteraturforschung in Österreich, Bd. 14 / Beiträge zur Kinder- und Jugendmedienforschung, Bd. 2), hier: S. 268. 8 Vgl. Richter: Meer, S. 107.

8 Vgl. Hubli: Tove, S. 221.

9 Vgl. Jansson: Pappan, S. 146.

10 Ebd., S. 160.

11 Vgl. Hubli: Tove, S. 222.

12 Vgl. Jansson: Pappan, S. 173.

13 Vgl. Holländer, Tove: Från idyll till avidyll. Tove Janssons illustrationer till muminböckerna, Turku 1983, S. 18. 15 Vgl. Müller-Wille: Kartographien, S. 268.

14 Vgl. Hubli: Tove, S. 222.

15 Vgl. Ebd.

16 Vgl. Ebd., S. 219.

17 Vgl. Jansson: Pappan, S. 28.

18 Vgl. Westin, Boel: Familjen i dalen. Stockholm 1988, S. 113. 21 Vgl. Jansson: Pappan, S. 48.

19 Vgl. Hubli: Tove, S. 221.

20 Vgl. Jansson: Pappan, S. 115.

21 Vgl. Richter: Meer, S. 125.

22 Vgl. Leichsenring, Jan: „Es ist alles sehr unsicher; und gerade das beruhigt mich.“ Zum Verhältnis von Örtlich- keit, Imagination und Wirklichkeit in den Mumin-Geschichten. In: Mairbäurl, Gunda et al.: Kinderliterarische Mythen-Translation. Zur Konstruktion phantastischer Welten bei Tove Jansson, C.S. Lewis und J.R.R. Tolkien, Wien 2013, S. 275-285 (= Kinder- und Jugendliteraturforschung in Österreich, Bd. 14 / Beiträge zur Kinder- und Jugendmedienforschung, Bd. 2), hier: S. 276.

23 Ebd., S. 279.

24 Jansson: Pappan, S. 123.

25 Vgl. Jansson: Pappan, S. 15.

26 Vgl. Holländer: Idyll, S. 18.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Insel als Ort des Neuanfangs in Tove Janssons Roman "Pappan och havet"
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Fennistik und Skandinavistik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V456747
ISBN (eBook)
9783668889064
ISBN (Buch)
9783668889071
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mumin, Moomin, Inselliteratur, Schwedische Literatur, Finnische Literatur, Tove Jansson, Inseln in der Literatur
Arbeit zitieren
Finja Heeger (Autor), 2018, Die Insel als Ort des Neuanfangs in Tove Janssons Roman "Pappan och havet", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456747

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