Ausgangspunkt für diese wissenschaftliche Arbeit ist die in der empirischen Forschung bislang ungeklärte Frage nach den Gründen, weswegen sich Erwerbstätige im Krankheitsfall nicht für eine Krankschreibung und Auszeit entscheiden, sondern mit ihrer Erwerbstätigkeit fortfahren. Im Gegensatz zu Absentismus ist die Befundlage hinsichtlich Präsentismus relativ übersichtlich. Präsentismus kann nicht allein als Gegenstück von Absentismus betrachtet werden, sondern erfordert eine eigenständige Analyse, da möglicherweise andere Mechanismen hierfür ursächlich sind. Die Relevanz des Themas ergibt sich aus mehreren gesellschaftlichen Veränderungen. Zum einen ist der Krankenstand in Deutschland in den vergangenen Jahren überwiegend gesunken. Es kann jedoch nicht davon ausgegangen werden, dass eine bessere Gesundheit der Arbeitnehmer ausschließlich hierfür verantwortlich ist. Zudem nehmen psychische Erkrankungen wie beispielsweise Überlastung und Ausgebranntsein, das so genannte Burnout, tendenziell zu. Zum anderen sind deutsche Arbeitnehmer im Krankheitsfall nicht notwendigerweise einem Verdienstausfall ausgesetzt, da nach bestehender Gesetzgebung ein soziales Absicherungssystem zumindest im Normalarbeitsverhältnis besteht. Des Weiteren wurden bislang überwiegend Aspekte als Gründe für das Arbeiten trotz Krankheit analysiert, die in negativem Zusammenhang stehen.
Dabei ist Präsentismus ein auch genuin soziologisches Phänomen, da die Soziologie danach fragt, wie soziale Ordnung hergestellt wird und unter welchen Bedingungen Akteure sich in welcher Weise verhalten. Die Erwerbstätigkeit nimmt einen großen zeitlichen Anteil am Leben ein. Daher - und auch im Zuge der Humanisierung von Arbeit - ergibt sich die Relevanz dieses Themas. Auch die propagierten und teilweise empirisch festgestellten Konsequenzen des Arbeitens trotz Krankheit, beispielsweise dauerhafter Absentismus, chronischer Stress und Burnout, unterstreichen die Wichtigkeit und Dringlichkeit der Ursachenforschung auf diesem Gebiet. Präsentismus kann als Frühwarnindikator fungieren, um möglicherweise ungesunde Arbeitsweisen und -umgebungen identifizieren zu können, die zu Überlastung und möglicherweise einem dauerhaftem Ausfall führen können. Die bisherige empirische Forschung hat keine eindeutige Befundlage ergeben.
Die zentrale Leitfrage schließt sich an bisherige Studien zu Präsentismus an: Welche Einussfaktoren führen zu Präsentismus?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Stand der Forschung
2.1. Terminologie
2.2. Darstellung des aktuellen Forschungsstands
2.2.1. Auswirkungen von Präsentismus
2.2.2. Soziodemografische Merkmale
2.2.3. Organisationale Faktoren
2.2.4. Persönliche Merkmale
2.2.5. Absentismus
2.3. Kritische Beurteilung der Operationalisierungen
2.4. Zwischenfazit zum Forschungsstand
3. Fokus der Forschungsarbeit
3.1. Entgrenzung und Flexibilisierung der Arbeit
3.2. Persönlichkeit
3.3. Motivation
3.4. Arbeitszufriedenheit
3.5. Charakteristiken des Untersuchungsfelds
3.6. Ableitung der Forschungsfrage
4. Stichprobe und Methode
4.1. Stichprobe und Design
4.2. Operationalisierungen
4.2.1. Präsentismus
4.2.2. Arbeitszufriedenheit und Autonomie
4.2.3. Persönlichkeit
4.2.4. Entgrenzung
4.2.5. Intrinsische Motivation
4.2.6. Kontextmerkmale
4.3. Statistisches Vorgehen
5. Ergebnisse
5.1. Plausibilitätsanalyse und fehlende Werte
5.2. Modellierung und Kennwerte der Indizes
5.2.1. Präsentismus
5.2.2. Entgrenzung
5.2.3. Autonomie am Arbeitsplatz
5.2.4. Intrinsische Motivation
5.2.5. Persönlichkeitsdimensionen nach BFI-10
5.3. Deskriptive Ergebnisse
5.3.1. Soziodemografie und Kontextmerkmale
5.3.2. Präsentismus
5.4. Bivariate Ergebnisse
5.4.1. Korrelationsmaße zur Bestimmung bivariater Zusammenhänge
5.4.2. Geschlechterunterschiede
5.4.3. Mittelwertunterschiede
5.5. Multivariate Analyse
5.5.1. Mediation und Moderation der Persönlichkeitsdimensionen
5.5.2. Prädiktoren für das Präsentismusrisiko
5.5.3. Modelle für das Ausmaß an Präsentismus
5.5.4. Prüfung der Modellvoraussetzungen
5.5.5. Einflussmerkmale und Modellgüte für Gesamt- und Teilstichproben
5.6. Vergleich der Messinstrumente
5.7. Zusammenfassung der Ergebnisse
6. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen Präsentismus – das Arbeiten trotz Krankheit – im wissenschaftlichen Umfeld. Ziel ist es, bisher unzureichend betrachtete Einflussfaktoren wie Persönlichkeit, Arbeitsmotivation und Entgrenzungstendenzen zu analysieren, um besser zu verstehen, welche Mechanismen zu diesem Verhalten führen.
- Analyse von Präsentismusquoten und Einflussfaktoren an der Universität
- Untersuchung der Rolle von Entgrenzung und Flexibilisierung der Arbeit
- Einfluss der Persönlichkeit auf das Präsentismusrisiko
- Bedeutung der intrinsischen Motivation im wissenschaftlichen Arbeitskontext
- Vergleich verschiedener Messinstrumente für Präsentismus
Auszug aus dem Buch
3.1. Entgrenzung und Flexibilisierung der Arbeit
Der aktuelle Fehlzeiten-Report (2012) thematisiert die Bedeutung der Entgrenzung der Arbeit für das Erwerbsleben respektive die Erwerbstätigen. Entgrenzung meint „primär einen Prozess der Veränderung der betrieblichen Organisation von Arbeit” (Sauer 2012: 5). Entgrenzungsprozesse werden als Ausdruck einer neuen, arbeitskraftorientierten Rationalisierungsstrategie verstanden. „Ziel dieser Rationalisierung ist die erweiterte betriebliche Verwertung von bislang nur begrenzt zugänglichen Ressourcen und Potenzialen von Arbeitskraft. [..] Den Betrieben geht es bei der Entgrenzung von Arbeit um die erweiterte betriebliche Nutzung, die erweiterte ‘Inbetriebnahme’ der subjektiven Potenziale und lebensweltlichen Ressourcen von Arbeitskraft” (ebd.: 6). Mit Rekurs auf das Normalarbeitsverhältnis (NAV) und der Normalarbeitszeit spielt die Flexibilisierung hier eine wesentliche Rolle. Das Individuum sieht sich mit Vereinbarungen konfrontiert, die situativ gestaltbar werden. Arbeitsabläufe sind häufig nicht mehr standardisiert, sondern können zunehmend situationsabhängig gestaltet werden. Dies trifft besonders auf wissensintensive Erwerbstätigkeiten zu. Die bereits thematisierte Telearbeit bzw. Heimarbeit verkörpert diese Tendenz. Die Telearbeit wurde hinsichtlich potentieller gesundheitlicher Folgeschäden bereits kritisch untersucht (Flüter-Hoffmann 2012: 73; vgl. auch Minssen 2006). Ein Risiko dieser Form der Arbeit ist beispielsweise Überlastung durch fehlende Rahmenbedingungen oder einer immerwährenden Verfügbarkeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Phänomen des Präsentismus und Darstellung der Relevanz für das wissenschaftliche Umfeld.
2. Stand der Forschung: Überblick über bisherige Definitionen, Studien und Einflussfaktoren auf den Präsentismus in verschiedenen Arbeitskontexten.
3. Fokus der Forschungsarbeit: Herleitung der spezifischen Forschungsfragen unter Berücksichtigung von Entgrenzung, Persönlichkeit und Motivation.
4. Stichprobe und Methode: Erläuterung des Studiendesigns, der Stichprobenerhebung und der verwendeten Messinstrumente.
5. Ergebnisse: Auswertung der Daten hinsichtlich Deskription, bivariater Zusammenhänge und multivariater Analysen.
6. Schluss: Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse und Ableitung praktischer Implikationen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer.
Schlüsselwörter
Präsentismus, Absentismus, Entgrenzung, Arbeitszufriedenheit, Persönlichkeit, Big-Five-Modell, Motivation, wissenschaftliches Personal, Arbeitsplatzunsicherheit, Gesundheitsmanagement, Telearbeit, psychische Gesundheit, Arbeitsmarkt, Forschung, akademisches Umfeld.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen des Präsentismus, also das Arbeiten trotz Krankheit, speziell innerhalb des universitären Umfelds.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die soziologischen und psychologischen Einflussfaktoren von Präsentismus, wie etwa Persönlichkeitsmerkmale, Arbeitsmotivation, Entgrenzungstendenzen und arbeitsplatzspezifische Bedingungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das primäre Ziel ist es, herauszufinden, warum wissenschaftliches Personal trotz Krankheit arbeitet und welche Faktoren, jenseits rein medizinischer Aspekte, dieses Verhalten begünstigen oder verhindern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wurde eine vollstrukturierte Online-Befragung unter Erwerbstätigen an zwei deutschen Hochschulen durchgeführt und die Daten wurden mittels statistischer Verfahren wie Regressionsanalysen ausgewertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt den theoretischen Hintergrund, die methodische Herangehensweise, die deskriptive Auswertung der Daten sowie die multivariate statistische Analyse der verschiedenen Hypothesen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Präsentismus, Entgrenzung, Persönlichkeit, Motivation, wissenschaftliches Personal und Arbeitsplatzunsicherheit sind zentrale Begriffe.
Warum wird die Universität als Untersuchungsfeld gewählt?
Die Universität wird als besonders interessantes Feld betrachtet, da sie eine Mischung aus hoher Autonomie, atypischen Beschäftigungsverhältnissen und zunehmendem Wettbewerbsdruck aufweist.
Welche Bedeutung hat die Entgrenzung für den Präsentismus?
Die Ergebnisse zeigen, dass Entgrenzung, wie etwa durch Telearbeit oder ständige Erreichbarkeit, ein starker Prädiktor für Präsentismus ist, da sie die Trennung von Arbeit und Privatleben erschwert.
- Citar trabajo
- Nadine Wendle (Autor), 2013, Präsentismus am Arbeitsplatz. Ausgewählte Aspekte zum Einfluss auf das Arbeiten trotz Krankheit im wissenschaftlichen Umfeld, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456795