Diese Arbeit entstand im Rahmen eines Hauptseminars, das sich mit der Geschichte der Geburt und der darum entstandenen Kultur beschäftigte.
Wenn man sich nun diesem Thema historisch nähert, fällt auf, dass dieser Bereich bis ins hohe Mittelalter hinein weiblich besetzt war. Nun verhält es sich aber heutzutage so, dass es überwiegend männliche Frauenärzte gibt und auch – besser gesagt: gerade – an den Universitäten sind die gynäkologischen Institute männlich dominiert. Dieser Befund verwundert stark.
Aus diesem Grund versucht die Arbeit, diese Verwunderung aufzuklären und zu erläutern, wie es Männer geschafft haben, sich diesem Gebiet zu nähern, sich dort zu etablieren und es sogar ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zu dominieren. Kurz: Wie entstand und entwickelte sich die männliche Geburtshilfe?
Gliederung
1. Einleitung
2. Medikalisierung
3. Wo beginnt männliche Geburtshilfe?
4. Erste Einmischungen in die Geburtshilfe durch Männer
4.1. Die ersten Hebammenordnungen
4.2. Männer werden zur Kontrollinstanz
4.3. Reglementierungen bei der Hebammenwahl
5. Männer übernehmen die Geburtshilfe
5.1. Hebammenausbildung durch Männer
5.2. Männer werden zu Geburtshelfern ausgebildet
5.3. Die endgültige „Verdrängung“ der Hebammen aus der Geburtshilfe
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht historisch, wie es Männern zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert gelang, die bis dahin weiblich dominierte Geburtshilfe zu übernehmen und zu einem medizinisch dominierten Fachgebiet zu entwickeln. Dabei wird insbesondere der Prozess der Medikalisierung sowie die strategische Allianz zwischen Staat und Ärzteschaft beleuchtet.
- Prozess der Medikalisierung von Geburt
- Männliche Einflussnahme und Etablierung als Kontrollinstanz
- Die Rolle der Hebammenordnungen
- Wandel in der Hebammenausbildung durch Ärzte
- Entstehung der Gynäkologie als akademisches Fach
Auszug aus dem Buch
3. Wo beginnt männliche Geburtshilfe?
Wenn man eine Arbeit zum Thema der männlichen Geburtshilfe schreibt, könnte man leicht in den Gedanken verfallen – und ich muss zugeben, dass es auch mir so erging – die männliche Geburtshilfe erst mit dem praktischen Begleiten von Entbindungen durch Männer beginnen zu lassen. Dies würde allerdings einen folgenreichen Trugschluss beinhalten, da so auf keinen Fall die Bedingungen erfasst werden können, die zur Vermännlichung eines Faches führten, das über lange Zeit von Frauen dominiert wurde.
Aus diesem Grund soll besonders in diesem Kapitel erläutert werden, wo genau sich männliche Geburtshilfe zeitlich ansetzen lässt. Dass diese angestrebte Vollständigkeit notwendig ist, hat nach Beaufays den Grund, dass die Geschichte der Geburtshilfe „den Wandel von Geschlechterverhältnissen“ widerspiegele. Ähnlich kann auch Fischer-Homberger verstanden werden. Sie stellte fest, dass die Emanzipation der Geburtshilfe zum medizinischen Fach wesentlich früher vollzogen worden wäre, als die Emanzipation der Frauen.
Um also diesen Wandlungsprozess im Verhältnis der beiden Geschlechter darzustellen, dürfte es notwendig sein, zu untersuchen, wie die Ausgangsbedingungen aussahen.
Diese lassen sich wohl recht knapp umreißen, wenn man Seidel zitiert: „Die Geburt war eine Frauensache und eine Angelegenheit der weiblichen Öffentlichkeit. [...] Männer hatten zu der Geburtsstube zumeist keinen Zugang. Lediglich wenn sich eine schwierige Geburt ankündigte, wurde der Ehemann hinzugezogen, aber nicht, um seine Frau zu beruhigen, sondern weil man seine Kraft benötigte, um die Gebärende festzuhalten.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die historische Entwicklung der männlichen Geburtshilfe ein und stellt den Ausgangspunkt der Untersuchung sowie die theoretische Grundlage der Medikalisierung vor.
2. Medikalisierung: In diesem Kapitel wird der sozialgeschichtliche Prozess erläutert, durch den die akademische Heilkunde zur beherrschenden Schulmedizin aufstieg und Ärzte zunehmend Kontrollfunktionen übernahmen.
3. Wo beginnt männliche Geburtshilfe?: Es wird geklärt, dass der Beginn der männlichen Geburtshilfe bereits weit vor der praktischen Entbindungstätigkeit durch theoretische Schriften und erste Reglementierungen im 15./16. Jahrhundert liegt.
4. Erste Einmischungen in die Geburtshilfe durch Männer: Dieser Abschnitt analysiert die obrigkeitlichen Hebammenordnungen, die Einschränkungen für Hebammen und die Etablierung von Männern als Kontrollinstanzen.
5. Männer übernehmen die Geburtshilfe: Es wird die Übernahme der Ausbildung durch Ärzte sowie die Gründung von Entbindungsanstalten beschrieben, die den Übergang zur endgültigen Dominanz der männlichen Geburtshelfer markieren.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Verwissenschaftlichung zwar medizinische Fortschritte brachte, dies jedoch mit der Verdrängung der weiblichen Hebammenkultur und einer Unterordnung der Frauen unter ärztliche Autorität einherging.
Schlüsselwörter
Geburtshilfe, Medikalisierung, Hebammen, Geschlechtergeschichte, Medizingeschichte, Professionalisierung, Gynäkologie, Gebäranstalt, Geburtshilfe-Instrumente, Frauengeschichte, Ärzteschaft, Sozialgeschichte, Geburtszange, Kontrollinstanz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den historischen Übergang der Geburtshilfe von einer weiblich dominierten Tätigkeit zu einem von männlichen Ärzten kontrollierten medizinischen Fachgebiet zwischen 1500 und 1900.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen der Prozess der Medikalisierung, die Rolle staatlicher Hebammenordnungen, der Wandel der Hebammenausbildung sowie die institutionelle Etablierung der Gynäkologie.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist es, aufzuklären, durch welche Mechanismen Männer es schafften, sich in einem ursprünglich fremden, weiblich besetzten Fachbereich zu etablieren und diesen ab dem 19. Jahrhundert zu dominieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Autorin/der Autor nutzt eine historische Analyse, basierend auf der Auswertung zeitgenössischer Quellen, Hebammenordnungen und relevanter medizinhistorischer Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Definition der Medikalisierung, die zeitliche Einordnung des Beginns männlicher Geburtshilfe und die konkrete Analyse der Verdrängungsprozesse, inklusive der Ausbildungssituation in Entbindungsanstalten.
Welche Begriffe charakterisieren diese Arbeit?
Begriffe wie "Medikalisierung", "Professionalisierung", "Verdrängung" und die "Entstehung der Gynäkologie" sind zentral für das Verständnis der Arbeit.
Warum war der Widerstand von Frauen gegen Entbindungen in Anstalten so groß?
Frauen empfanden die Untersuchungen durch Studenten und Ärzte als unangemessen, da sie den intimen Geburtsraum verletzten und ihre Scham verletzten. Zudem war das Sterblichkeitsrisiko durch Infektionen (Kindbettfieber) in den Anstalten ein entscheidender Faktor.
Welche Rolle spielte die Zange in diesem Prozess?
Die Geburtszange diente als Symbol und konkretes Instrument der medizinisch-wissenschaftlichen Geburtshilfe, das nur von akademisch ausgebildeten Ärzten angewendet werden durfte, was den Hebammen ihre operative Kompetenz absprach.
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- Marko Schulz (Author), 2005, Entstehung und Entwicklung der männlichen Geburtshilfe und Gynäkologie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45687