Persönliches Interesse an diesem Thema erwuchs aus Erfahrungen in einer Einrichtung der Wohnungslosenhilfe.
Fragen zur Entwicklung von Konzepten für wohnungslose Frauen wurden kontrovers diskutiert. Erlebt wurde einerseits Orientierung an Marktwirtschaftlichkeit, der „PlusSeite“, der „HabenSeite“, andererseits an klientelorientierten Bedürfnislagen, der „defizitären Seite“, „Verlierer-Seite“.
Vorwiegend Männer, Leiter, Chefs argumentierten mit prospektiven schwarzen Zahlen. Konzepte und Angebote für wohnungslose Männer stehen auch für Frauen offen, es braucht nicht zusätzliche kostenverursachende neue Konzepte: „Frauen sind schließlich auch Menschen, sie sollen gleich behandelt werden“.
Bedürfnisorientierte, visionsorientierte, am Individuum Frau orientierte Argumentationen stellten die sozialethische Frage, „Was sollen wir mit diesen Menschen, in ihrem Frau-Sein, heute tun?“ Geschlechtsspezifischer Bedürfnislage mit entsprechendem Konzept begegnen wird sich als Ressourcennutzung in Nachhaltigkeit bezahlt machen. Es wird die Grundfrage der Ethik der sozialen Arbeit, „Was sollen wir Menschen tun?“, mit Menschen, die vordergründig nicht zur Gewinnerseite gehören, gestellt. Selbst die berufsethischen Prinzipien des DBSH haben zwar für alle Gültigkeit, was die Methodik des Handelns betrifft, können aber nicht das konkrete WAS und WIE vereinheitlichen.
Schwerpunkt der Arbeit liegt beim Aufspüren von Frauenfragen und –Antworten zur (Sozial)Ethik, so zum Beispiel:
Ist „Sozialarbeit ...vergesellschaftete Weiblichkeit “?
Dies führt auf die Spur der feministischen Ethik. Die aktuelle Situation der Wohnungslosenhilfe stellt den Kontextbezug zu Frauen ohne Wohnung her.
Eine nähere Bestimmung des Begriffs „feministische Sozialethik“, welche unterschiedlichen Frauenfragen sich dahinter verbergen, woher die Ansätze kommen und was deren Intentionen sind, schließt sich im dritten Abschnitt an.
Dies schafft Zugangsvoraussetzung zu verschiedenen Positionen von Frauen zur ethischen Frage im sozialen Feld im vierten Abschnitt mit Antworten von Carol Gilligan, Frigga Haug, Beverly Wildung Harrison, Ruth C. Cohn, Ina Praetorius.
Zu weiterführenden praktischen Schlussfolgerungen bezüglich meiner Praxis-Frage, basierend auf feministisch sozialethischen Reflexionen, komme ich im fünften Abschnitt.
Persönliches Fazit zu feministischer Ethik heute schließt mit zukunftskritischen und hoffenden Fragen ab.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Konkrete Frauenfrage aus der sozialen Arbeit
3. Feministische (Sozial)Ethik, Hinführung und Begriffsbestimmung
4. Frauenantworten
4.1 Carol Gilligan
4.2 Frigga Haug
4.3 Beverly Wildung Harrison
4.4 Ruth C. Cohn
4.5 Ina Praetorius
5. Schlussfolgerungen aus den Konzepten feministischer Ethik als Antworten zur konkreten Praxisfrage
6. Fazit und kritischer Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Relevanz feministischer sozialethischer Ansätze für die Wohnungslosenhilfe, mit dem Ziel, neue Handlungsoptionen und Konzepte zur besseren Unterstützung wohnungsloser Frauen zu entwickeln und die bestehenden, oft männlich geprägten Strukturen kritisch zu hinterfragen.
- Analyse der geschlechtsspezifischen Situation wohnungsloser Frauen.
- Einführung in die Grundbegriffe der feministischen (Sozial)Ethik.
- Diskussion zentraler Positionen bedeutender Theoretikerinnen.
- Ableitung praktischer Schlussfolgerungen für die soziale Arbeit.
- Kritische Reflexion der Vereinbarkeit von Ökonomie und Ethik.
Auszug aus dem Buch
4.1. Carol Gilligan, Psychologin
„Der moralische Imperativ, der in Interviews mit Frauen wiederholt auftaucht, ist das Gebot der Anteilnahme (Care), eine Verantwortung, die > wirklichen und erkennbaren Nöte < dieser Welt wahrzunehmen und zu lindern. ......
„Für Männer erscheint der moralische Imperativ eher als ein Gebot, die Rechte anderer zu respektieren und dadurch das Recht auf Leben und Selbstverwirklichung vor Beeinträchtigungen zu schützen.“23
Die 1936 in New York geborene Psychologin, Schülerin von Erik Erikson, wissenschaftliche Mitarbeiterin von Lawrence Kohlberg, wurde bei der gemeinsamen Arbeit (1958: 6 stufiges Modell der moralischen Urteilsfähigkeit, Reife) auf geschlechtsspezifische Unterschiede in Moralvorstellungen aufmerksam. Basierend auf kritischer Analyse seiner empirischen Vorgehensweise (zum „Heinz-Dilemma“ wurden als Versuchsgruppe nur Jungen befragt, die Interviewer und Auswertende waren Männer ; Wirklichkeit als deren Konstrukt ?) und seinen Schlussfolgerungen (moralisches Urteilen rangiert auf seiner Skala umso höher, umso abstrakter, prinzipieller die Beurteilung ausfällt, Frauen erreichen höchstens „nur“ das dritte Stadium), entdeckt sie aufgrund eigener Studien eine „weibliche moralische Urteilskraft“ und benennt diese in ihrem 1984 in Deutschland erschienenen Buch: die „andere Stimme“ der Moral.
Sie hat interdisziplinär „anstössig“ für die feministische Ethik gearbeitet und gilt als die Begründerin der Fürsorge- oder Careethik. Dass diese zu den Frauen gehöre, sei ein empirischer Sachverhalt. Sie stellt dar, dass Frauen schlichtweg eine andere Sichtweise der Probleme haben. Frauen gehen von einer Welt aus, die aus Beziehungen besteht, die vorrangig durch menschliche Bindungen, nicht durch Regelsysteme zusammengehalten wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Autorin legt ihr persönliches Interesse dar, das aus Erfahrungen in der Wohnungslosenhilfe erwuchs, und thematisiert die Kontroverse zwischen marktwirtschaftlicher Orientierung und bedürfnisorientierter sozialethischer Fürsorge.
2. Konkrete Frauenfrage aus der sozialen Arbeit: Es wird die Forschungsfrage nach der Notwendigkeit spezifischer Angebote für wohnungslose Frauen formuliert, basierend auf der Erkenntnis, dass aktuelle Hilfesysteme oft an den Lebensrealitäten von Frauen vorbeigehen.
3. Feministische (Sozial)Ethik, Hinführung und Begriffsbestimmung: Dieses Kapitel definiert feministische Ethik als herrschaftskritische Reflexion gelingender Lebensführung aus weiblicher Perspektive, die sich von traditionellen, androzentrischen Ethikmodellen abgrenzt.
4. Frauenantworten: Verschiedene Theoretikerinnen wie Carol Gilligan, Frigga Haug und Ina Praetorius werden vorgestellt, deren Konzepte als Grundlagen für eine neue, geschlechtergerechte Sozialethik dienen.
5. Schlussfolgerungen aus den Konzepten feministischer Ethik als Antworten zur konkreten Praxisfrage: Die Autorin überträgt die theoretischen Ansätze auf die Praxis der Wohnungslosenhilfe und fordert den Ausbau geschlechtsspezifischer Angebote sowie eine enthierarchisierte Beziehungsarbeit.
6. Fazit und kritischer Ausblick: Das Fazit fasst zusammen, dass eine ganzheitliche, feministisch geprägte Sozialethik essenziell für zukunftsfähige soziale Arbeit ist, und endet mit einem Ausblick in Form kritischer, hoffnungsvoller Fragen.
Schlüsselwörter
Feministische Sozialethik, Wohnungslosenhilfe, Care-Ethik, geschlechtsspezifische Angebote, Soziale Arbeit, Gleichbehandlung, Lebensrealität, Empowerment, Enttrivialisierung, Beziehungsarbeit, Androzentrismus, Bedürfnisorientierung, Identität, Moral, gesellschaftliche Teilhabe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Studienarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Relevanz feministischer (Sozial)Ethik für die Wohnungslosenhilfe und reflektiert, wie die Praxis der sozialen Arbeit gerechter und bedürfnisorientierter gestaltet werden kann.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Autorin?
Zentral sind die Themen Wohnungslosigkeit aus Frauenperspektive, die Kritik an androzentrischen Moralvorstellungen sowie die Entwicklung neuer, frauenspezifischer Unterstützungsansätze.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu klären, ob spezielle Angebote für Frauen in der Wohnungslosenhilfe notwendig sind, um deren spezifische Bedürfnisse und Lebensbedingungen angemessen zu berücksichtigen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin nutzt eine explorative, interdisziplinäre Herangehensweise, bei der sie die Konzepte namhafter Theoretikerinnen analysiert und mit ihren eigenen Praxiserfahrungen aus der Wohnungslosenhilfe abgleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Hinführung und Begriffsbestimmung feministischer Ethik sowie der detaillierten Vorstellung verschiedener theoretischer Positionen, die dann auf die konkrete Situation in der Wohnungslosenhilfe angewendet werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Care-Ethik, Enttrivialisierung, geschlechtsspezifische Bedürfnisse und Beziehungsarbeit maßgeblich charakterisiert.
Welchen Stellenwert nimmt Carol Gilligan in dieser Arbeit ein?
Carol Gilligan fungiert als eine zentrale theoretische Referenz für die Care-Ethik, deren Betonung von Fürsorge und menschlichen Beziehungen die Autorin für die soziale Arbeit als unverzichtbar erachtet.
Warum ist das Konzept der "Enttrivialisierung" nach Ina Praetorius so wichtig für die Autorin?
Die Enttrivialisierung dient als Methode, um den Frauenalltag in seiner Relevanz aufzuwerten und festgefahrene, androzentrische Sichtweisen zu überwinden, was die Grundlage für eine eigenständige Definition der Lebenswelt wohnungsloser Frauen bildet.
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- Gisela Jung (Author), 2005, Frauenfragen "Was sollen wir Menschen tun?" - Frauenantworten. Ansätze feministischer Sozialethik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45696