Politische Sprachstrategien. Wie sieht die Sprache der Politik aus?


Hausarbeit, 2016

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die verschiedenen Sprachstrategien
2.1. Sprachstrategien im Europawahlprogramm 2014 der CDU
2.2. Sprachstrategien im Europawahlprogramm 2014 der LINKEN
2.3. Vergleich der Wahlprogramme im Hinblick auf Sprachstrategien

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wie sieht die Sprache der Politik aus? Besteht in der Sprache die Möglichkeit, uns Menschen zu beeinflussen oder gar zu manipulieren? Wenn ja, durch welche Mittel macht die Sprache dies möglich? Diesen Fragen möchte ich in meiner vorliegenden Seminararbeit auf den Grund gehen.

Bereits mehrmals wurde anhand bestimmter Beispiele erforscht, wie die Sprache der Politik aussieht. Zunächst werde ich mich auf verschiedene Sprachstrategien fokussieren, wobei ich mit der Unterscheidung zwischen Institutionsvokabular, Ressortvokabular, Ideologievokabular und allgemeinem Interaktionsvokabular beginnen werden. Da das Ideologievokabular viele weitere Aspekte enthält, werde ich dieses vertiefen und mit der Denotation, Konnotation und Deontik von Begriffen fortfahren. Danach möchte ich Schlagwörter sowie deren Merkmale vorstellen und die Hochwertwörter, Fahnenwörter, Stigmawörter und Unwertwörter definieren. Da um Wörter stets eine bestimmte Konkurrenz herrscht, werde ich anschließend darauf eingehen und mich auf die Bezeichnungskonkurrenz, Bedeutungskonkurrenz, konzeptuell-konzeptionelle Konkurrenz und die Konkurrenz um konnotativen Glanz fokussieren. Da diese Konkurrenzen alle der Konkurrenzstrategie angehören, werde ich neben dieser auch die Basisstrategie sowie die Kaschierstrategie erklären, bevor ich abschließend auf die Parteiprogramme und deren Funktion eingehe.

Anschließend werde ich die Sprachstrategien auf die Europawahlprogramme der CDU und der LINKEN aus dem Jahr 2014 beziehen. Dabei soll auch herausgestellt werden, ob, und wenn ja, wie die Parteien uns Menschen beziehungsweise Wähler durch Sprache beeinflussen oder gar manipulieren. Danach möchte ich die beiden Europawahlprogramme im Hinblick auf die Sprache vergleichen.

Allerdings, um den Rahmen etwas einzugrenzen, steht in meiner Arbeit die Flüchtlingspolitik im Vordergrund. Entschieden habe ich mich für ein aktuelles Europawahlprogramm, da dies wenig erforscht und durch die anhaltende Flüchtlingsdebatte zu einem interessanten Thema geworden ist.

Ausgewählt habe ich diese Themenbereiche, da die Flüchtlingspolitik durch die aktuelle Lage sehr in den Vordergrund gerückt ist. Des Weiteren habe ich mich oftmals gefragt, inwiefern uns Politiker beeinflussen, und ob wir Wähler dies ganz bewusst oder weniger bewusst wahrnehmen.

2. Die verschiedenen Sprachstrategien

Dass Politiker und Parteien versuchen, Wähler für sich zu gewinnen und sie von ihren Einstellungen, Vorhaben und vor allem Wahlprogrammen zu überzeugen, ist wohl bekannt. „Dies geschieht im Wesentlichen in und durch Sprache. Sprache ist nicht nur irgendein Instrument der Politik, sondern überhaupt erst die Bedingung ihrer Möglichkeit.“ (Girnth 2002: 1).

Thomas Niehr bezieht sich in seiner Einführung in die Politolinguistik auf Dieckmann, der zwischen Institutionsvokabular, Ressortvokabular, Ideologievokabular und allgemeinem Interaktionsvokabular unterscheidet (vgl. Niehr 2014: 65). Das Institutionsvokabular dient dem Reden und Schreiben über politische Sachverhalte und wird daher in der Binnenkommunikation und in der Kommunikation zwischen Bürgern und Politikern genutzt. Mit dieser Art von Vokabular werden beispielsweise politische Ämter bezeichnet oder Sachverhalte, Prozesse und Personen neutral benannt (vgl. ebd.). Das Ressortvokabular ist ein Expertenvokabular und dient der Binnenkommunikation zwischen politischen Funktionsträgern. Zwischen dem Ressortvokabular und dem Ideologievokabular gibt es laut Niehr Überschneidungen (vgl. ebd.). Das Ideologievokabular weist zwei Eigenschaften auf: „Neben ihrer denotativen (deskriptiven) Bedeutung haben die Ausdrücke […] meist gleichzeitig auch ein starkes evaluatives (bewertendes) und deontisches (handlungsanweisendes) Potenzial.“ (ebd.: 66). Mit der Bezeichnung von Sach- und Problemverhalten kann durch dieses Vokabular zeitgleich eine Bewertung vorgenommen werden. Wörter mit positivem Bewertungspotenzial sind Hochwertwörter und Fahnenwörter (vgl. ebd.), auf die ich im weiteren Verlauf genauer eingehen werde. Die zweite Eigenschaft ist die Bedeutungs- und Bezeichnungskonkurrenz, welche daher stammt, dass die Bedeutung meist ideologiegebunden ist. Bei der Bedeutungskonkurrenz unterscheidet sich die Bedeutung eines Ausdrucks in verschiedenen Meinungsgruppen. Bei der Bezeichnungskonkurrenz hingegen wird derselbe Sachverhalt mit unterschiedlichen Bezeichnungen belegt, welche schließlich verschiedene Aspekte des Bezeichneten in den Vordergrund stellen (vgl. ebd.). Zum allgemeinen Interaktionsvokabular gehört der „Rest“, welcher den drei zuvor genannten Teilbereichen nicht zuzuordnen ist (vgl. ebd.).

Da das Ideologievokabular mehrere wichtige Aspekte enthält, soll hier einmal genauer darauf eingegangen werden. Heiko Girnth bezieht sich auf das Agitationsmodell von Georg Klaus aus dem Jahre 1971. Der Agitator – der Benutzer politischer Sprache (vgl. Girnth 2002: 17) – kann demnach Zeichen in dreifacher Weise verwenden: werden Sachverhalte beziehungsweise Dinge bezeichnet, stellt dies die designative Komponente dar. Dabei beeinflusst ein bestimmtes Wort „im Sinne einer Zu- oder Absprechung von Eigenschaften der Dinge“ (ebd.: 18) den Empfänger. Sachverhalte bewerten steht in Einklang mit der appraisiven Komponente, wodurch Vorlieben oder Abneigungen für oder gegen Dinge erzeugt werden. Ein bestimmtes Verhalten vorschreiben geht mit der preskriptiven Komponente einher. Diese erzeugt und verstärkt die Bereitschaft zum Handeln (vgl. ebd.: 18). Des Weiteren erwähnt Klaus in seinem Modell hochaggregierte Symbole, wobei es sich um „Bezeichnungen für sehr allgemeine, auf hoher Abstraktionsstufe bezeichnete ökonomische, politische oder geistige Sachverhalte“ handelt (Klaus 1971: 169, zitiert nach Girnth 2002: 19). Josef Klein unterscheidet, ähnlich wie Girnth, fünf Haupttypen des sprachlichen Zeichens: zusätzlich zum deskriptiven, deontischen und konnotativen Bedeutungsaspekt stehen der Ausdruck und das Referenzobjekt. Der Ausdruck ist die Wortform, das Referenzobjekt der mit dem Wort bezeichnete Sachverhalt (vgl. Klein 1991: 50). Der deskriptive Bedeutungsaspekt sind die inhaltlichen Merkmale, der deontische Bedeutungsaspekt ist die Bewertung des bezeichneten Sachverhalts und der konnotative Bedeutungsaspekt ist „das assoziative, [unter Umständen] emotional wirkende Flair, das mit der Verwendung des Wortes verknüpft ist.“ (ebd.). Girnth unterscheidet zwischen denotativen, evaluativen und deontischen Bedeutungskomponenten (vgl. Girnth 2002: 51), auf die sich auch Niehr bezieht: Niehr bezeichnet den deskriptiven Bedeutungsaspekt als denotative Bedeutungskomponente, den konnotativen Aspekt als evaluative Komponente und für den deontischen Bedeutungsaspekt wählt er die selbe Bezeichnung wie Klein (vgl. Niehr 2014: 67f.). Die denotative Bedeutungskomponente stellt die begriffliche Grundbedeutung dar. Die evaluative Komponente ist bewertend und kann spezielle Konnotationen hervorrufen (vgl. ebd.: 67). Die deontische Bedeutungskomponente drückt nicht immer explizit Handlungsanweisungen aus und macht deutlich, was wir nicht dürfen, dürfen oder sollen (vgl. ebd.: 67f.). „Gelingt es einer Partei […], Wörter, deren Bedeutungsbestandteile allgemein als deontisch positiv eingeschätzt werden, mit dem eigenen Programm zu identifizieren, dann haben es die politischen Gegner schwer, Gegenpositionen zu verbalisieren.“ (ebd.: 68).

Wie bereits erwähnt, gehen mit der Bezeichnung von Sach- und Problemverhalten durch das erklärte Vokabular Bewertungen einher. Hochwert-, Fahnen-, Unwert- und Stigmawörter sind verschiedene Arten von Schlagwörtern. Doch was genau sind Schlagwörter überhaupt? Laut Girnth gilt das Schlagwort „als auffälligste sprachliche Erscheinung in der öffentlich-politischen Kommunikation.“ (Girnth 2002: 52f.). Niehr definiert das Schlagwort als einen Ausdruck, der zu einer bestimmten Zeit besondere Aktualität gewinnt und mit dem ein Programm oder eine Zielvorstellung öffentlich propagiert wird. S. sollen sowohl das Denken wie auch die Gefühle und das Verhalten von Menschen steuern (Niehr 2007a: 496).

Melani Schröter hat verschiedene Merkmale von Schlagwörtern dargestellt, die auf Dieter Felbick beruhen. So sind Schlagwörter diskursgebunden und brisant, da sie zu bestimmten Zeiten besonders häufig auftreten, nämlich dann, wenn ein mit ihnen verbundener Diskurs gerade sehr bedeutend ist. Mit der Veränderung von Diskursen ändert sich auch der Gebrauch bestimmter Schlagwörter (vgl. Schröter 2009: 21f.). Ein weiteres Merkmal ist der Meinungsgehalt. Schlagwörter bezeichnen immer positiv oder negativ bewertete Sachverhalte (vgl. ebd.: 22). Dadurch geht Gruppengebundenheit einher, da die verschiedenen Perspektiven die Meinung unterschiedlicher Gruppen repräsentieren. Im Hinblick auf diesen Aspekt ist die Umstrittenheit zu erwähnen, bei der verschiedene Meinungen zu ein und demselben Sachverhalt und damit verschiedene Bewertungen aufeinander stoßen (vgl. ebd.: 23). Steht ein Schlagwort in sehr enger Verbindung mit einer bestimmten Gruppe und wird zur Selbstdarstellung im positiven Sinne genutzt, wird dieses als Fahnenwort bezeichnet (vgl. ebd.). Des Weiteren seien Schlagwörter, so Niehr, auf die emotionale und intellektuelle Beeinflussung der Öffentlichkeit gerichtet (vgl. Niehr 2014: 72). Er bezieht sich bei der Unterscheidung zwischen Affirmationswörtern und Stigmawörtern, welche Untergruppen von Schlagwörtern sind, auf Hermanns. Stigmawörter markieren demnach einen Parteistandpunkt dadurch, dass sie etwas Negatives, das bekämpft werden soll, bezeichnen (vgl. ebd.: 73). Der politische Gegner wird laut Girnth durch ihre Hilfe diffamiert (vgl. Girnth 2002: 54). Demgegenüber stehen Affirmationswörter, welche sich in Fahnenwörter und andere positive Schlagwörter kategorisieren lassen. Durch Fahnenwörter sollen sowohl Parteifreunde, als auch –gegner den jeweiligen Parteistandpunkt erkennen. Wörter, die als Fahnenwörter genutzt werden, sollen dabei wie eine Fahne wirken, den politischen Gegner provozieren (vgl. Niehr 2014: 73) und gleichzeitig die Eigengruppe aufwerten (vgl. Girnth 2002: 54). Stigmawörter und Fahnenwörter gehören zum Abgrenzungsvokabular (vgl. ebd.). Andere positive Schlagwörter bewerten das Programm zwar positiv, markieren jedoch den Parteistandpunkt nicht (vgl. Niehr 2014: 73). Hochwertwörter sind in der Gesellschaft nicht umstritten. Für mit dieser Art von Wörtern verbundene Programme sprechen sich alle Gruppierungen aus (vgl. ebd.). „Hochwertwörter haben grundsätzlich eine positive Deontik, […] Unwertwörter haben eine unangefochten negative Deontik […].“, merkt Schröter an (Schröter 2009: 27). Zudem fasst sie die gebräuchlichsten Schlagworttypen noch einmal zusammen:

Hochwertwörter und Fahnenwörter sind Ausdrücke für positiv bewertete Sachverhalte, Un- wertwörter und Stigmawörter sind Ausdrücke für negativ bewertete Sachverhalte. Der Unter- schied liegt in der Parteilichkeit der Verwendung: Hochwertwörter und Unwertwörter bezie- hen sich auf Sachverhalte, die von allen Parteien positiv […] oder negativ […] bewertet wer- den. Fahnenwörter und Stigmawörter sind dagegen gruppengebunden. (ebd.: 24f.).

Dafür, dass ein ideologiegebundener sprachlicher Ausdruck verschiedenen Ideologien gemeinsam ist, jedoch Unterschiedliches bezeichnet – kurz: ideologische Polysemie – hat Klein den Begriff „Bedeutungskonkurrenz“ eingeführt (vgl. Girnth 2002: 51f.). Die Bedeutungskonkurrenz hat Klein im Rahmen des lexematischen Konkurrenzkampfes unterteilt in dekriptive und deontische Bedeutungskonkurrenz. Daneben stehen die konzeptuell-konzeptionelle Konkurrenz, die Bezeichnungskonkurrenz sowie die Konkurrenz um konnotativen Glanz (vgl. Klein 1991: 51), auf die im Folgenden genauer eingegangen werden soll. Die konzeptuell-konzeptionelle Konkurrenz ist auch bekannt als Begriffsprägung. Durch beispielsweise politische Umbruchsituationen müssen grundlegende Begriffe neu geprägt werden. Dabei wird eine „Vision“, „ein theoretisch und programmatisch mehr oder weniger durchstrukturiertes neues Konzept zur Bewältigung der politischen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Probleme“ (Klein 1991: 52) durch neue Wortverbindungen, Derivation oder Wortkomposition kondensiert. (vgl. ebd.: 52ff.). Es werden folglich durch Begriffe neue Sachverhalte geschaffen. Bei der Bezeichnungskonkurrenz – parteiliches Prädizieren – geht es darum, wichtige Sachverhalte durch eine bestimmte Bezeichnung hervorzuheben, wodurch Zustimmung oder Ablehnung ausgedrückt werden soll. (vgl. ebd.: 55).

Die Bezeichnungen werden so gewählt, daß gerade solche inhaltlichen Momente am Referenz- objekt akzentuiert werden, die geeignet erscheinen, bei den jeweiligen Zielgruppen neben inhaltlichen Vorstellungen auch Assoziationen und Emotionen […] zu wecken, die in beson- ders starker Weise Zustimmung oder Ablehnung provozieren, so daß in der Verwendung der Bezeichnung selbst schon die positive oder negative oder […] ostentativ neutrale Stellungnah- me liegt […]. (ebd.: 55f.).

Für den gleichen Sachverhalt werden folglich verschiedene Ausdrücke gewählt, wobei einer der Ausdrücke als angemessen, der andere hingegen als unangemessen gilt (vgl. Schröter 2009: 31). Das Umdeuten von Wörtern ist auch bekannt als deskriptive Bedeutungskonkurrenz. Bei dieser Art von Konkurrenz wird gegen die deskriptive Bedeutung eines Wortes, die meistens dem Gegner zugehörig ist, versucht, inhaltlich-deskriptive Elemente hinzuzufügen oder abzusprechen, wobei der Ausdruck allerdings konstant bleibt (vgl. Klein 1991: 57). Oftmals steht dabei das Ziel im Vordergrund, die konnotative Bedeutung zu verändern, wodurch die Zuordnung zum Gegner aufgelöst und die „bessere“ Vokabel für die eigene Position genutzt werden soll (vgl. ebd.). Wie bereits erwähnt, ist für die Bedeutungskonkurrenz der Ausdruck „ideologische Polysemie“ üblich. In den ersten drei genannten Arten von Konkurrenzen werden Begriffe umgedeutet, indem die deskriptive Bedeutung verändert wird beziehungsweise Merkmale hinzugefügt oder abgesprochen werden (vgl. Niehr 2014: 93). Das Umwerten ist die deontische Bedeutungskonkurrenz. Durch deontische Elemente werden bezeichnete Dinge als zu befürworten oder abzulehnen empfunden (vgl. Klein 1991: 61). Wörter mit deontischen Bedeutungselementen sind meistens Fahnenwörter, welche oft als Stigmawörter der gegnerischen Partei anzusehen sind und auf konnotativer Ebene umgedeutet werden (vgl. ebd.: 62f.). Der letzte Typ der unterschiedlichen Konkurrenzen ist die Konkurrenz um den konnotativen Glanz. Bisher galt es, durch Veränderung an Wörtern und Prägung neuer Begriffe politischen Nutzen zu ziehen. Bei diesem Typus soll jedoch die eigene Position mit ‚attraktiven‘ Wörtern assoziativ so eng […] verknüpft [werden], daß möglichst viel vom konnotativen Glanz dieser Wörter auf die eigene Position fällt, d.h. daß sich im Bewußtsein der relevanten Zielgruppen die auf Konnotationen gegründete positive Einstel- lung zu den jeweiligen Begriffen überträgt auf die Partei, die sich mit ihnen identifiziert. (ebd.: 65).

Die dargestellten Arten von Konkurrenzen gehören alle der Konkurrenzstrategie an, welche die eigenen sprachlichen Ressourcen stärken und die des politischen Gegners schwächen soll. Bekannt ist diese Strategie auch unter „Begriffe besetzen“ (vgl. Niehr 2014: 87f.). Solche Methoden dienen der Zustimmungsbereitschaft. Klein unterscheidet zwischen Basis-, Kaschier- und Konkurrenzstrategien. Basisstrategien orientieren sich an den Präferenzen relevanter Adressatengruppen und dienen der Aufwertung der eigenen Position, mit der die Abwertung der gegnerischen Position im Einklang steht. Sowohl Hochwertwörter und das Personalpronomen „wir“, als auch Dialekte, gruppenspezifische Redensarten und Anredeformen werden dabei gezielt eingesetzt und führen zu einem Gefühl der Gruppenzugehörigkeit (vgl. ebd.: 82). Die Kaschierstrategie soll hingegen Verstöße gegen Präferenzen der Adressatengruppen sowie gegen kommunikationsethische Normen (wie die Maximen von Grice) verbergen und Wahrheitsdefizite kaschieren. Oft geschieht dies dadurch, dass durch Auslassen relevanter Informationen nicht die ganze Wahrheit mitgeteilt wird (vgl. ebd.: 84). „Eine Kaschierstrategie auf der Wortebene ist auch der Gebrauch von Wörtern als ‚Vexierwörtern‘, d.h. ein Gebrauch, der beim Gros der Adressaten gezielt andere Vorstellungen weckt, als die Insider-Bedeutung des Wortes hergibt.“ (Klein 1996: 13f.). Laut Taubert werden Absichten bewusst verschleiert und Adressaten getäuscht (vgl. Klein 1991: 60).

Wörter werden nie isoliert verwendet, sondern steten immer innerhalb von Texten oder sonstigen strukturellen Zusammenhängen, welche als „Frame“ bezeichnet werden (vgl. Niehr 2014: 76). Texte dienen immer einer bestimmten Absicht, wie zum Beispiel Parteiprogramme. Laut dem Politiker Waigel sind Parteiprogramme „die Grundlage für die Identität einer Partei“ (Waigel 1989: 384, zitiert nach Girnth 2002: 42) In Parteiprogrammen, so Niehr, legen sich Parteien auf bestimmte Aussagen fest, wodurch die Programme zu Commitments werden (vgl. Niehr 2014: 112). Nach innen sollen verbindliche Ziele formuliert werden, nach außen hin soll für die eigenen politischen Standpunkte geworben werden. Des Weiteren sollen Parteiprogramme verbindlich sein. (vgl. ebd.). Die Textsorte Parteiprogramm gilt laut Girnth als Prototyp für das Handlungsfeld „innerparteiliche Willensbildung“ (vgl. Girnth 2002: 37). Girnth bezieht sich auf Grünert, der vier Sprachfunktionen unterscheidet. Zu erwähnen sind im Falle des Parteiprogramms die informativ-persuasive Sprachfunktion sowie die integrative Sprachfunktion. Durch die informativ-persuasive Sprachfunktion soll Bewusstsein gebildet werden, sie dient der Begründung, Motivation und Vorbereitung sowie der Analyse, Kritik und Rechtfertigung politischen Handelns (vgl. ebd.: 40). Die integrative Sprachfunktion dient der Definition von Gruppen, sowie der Abgrenzung jener nach außen und der Stabilisierung nach innen. Jedes Mitglied soll sich mit der Gruppe identifizieren können (vgl. ebd.). Josef Klein hat die Merkmale, durch die sich Parteiprogramme auszeichnen, herausgestellt: „Katalogstil, Bekenntnisse zu Selbstverständlichkeiten, Kompromiß-Formulierungen, kalkulierte Ambivalenz, implizite[r] Gegnerbezug und ostentative Nicht-Erwähnungen.“ (Klein 1996: 203). Der Katalogstil und die deontischen Selbstverständlichkeiten sind grundlegend dafür, dass der Gegner nicht den Verdacht ableitet, dass man selbstverständliche Grundsätze nicht teile (vgl. ebd.). Kompromiss-Formulierungen entstehen häufig in Konflikten um Reizwörter. Dabei ist die Aufnahme oder Nicht-Aufnahme eines Reizwortes in ein Parteiprogramm ein Zeichen dafür, wer im innerparteilichen Kampf die Oberhand behält (vgl. ebd.: 204). Die kalkulierte Ambivalenz dient dazu, „zwei tendenziell unvereinbare Positionen als vereinbar darzustellen. Die simpelste Technik ist die Bejahung jeder der beiden Positionen, ohne ihre Unvereinbarkeit zu thematisieren.“ (ebd.: 206). Parteiprogramme enthalten laut Klein selten explizite Bezugnahmen auf den Gegner, jedoch werden sie mit Blick auf den Gegner und impliziter Bezugnahme formuliert (vgl. ebd.: 207). Die plötzliche Nicht-Erwähnung von etwas, das vorher ein fester Bestandteil der eigenen Position war, ist ein Zeichen stärkster Distanzierung (vgl. ebd.: 208).

2.1. Sprachstrategien im Europawahlprogramm 2014 der CDU

Das Europawahlprogramm der CDU aus dem Jahr 2014 umfasst 83 Seiten. Es ist unterteilt in fünf Hauptkapitel mit jeweiligen Unterkapiteln. Wie bereits erwähnt, soll sich im Folgenden jedoch auf die Flüchtlingspolitik konzentriert werden.

Das Europawahlprogramm der CDU beinhaltet sechs thematische Zusammenhänge, in denen das Thema Asyl behandelt wird (vgl. Dickmeis / Reissen-Kosch / Schilden 2013: 28). Themen sind der Grenzschutz beziehungsweise Flüchtlingsschutz an den EU-Außengrenzen, die Lastenteilung in der Europäischen Union, die Bekämpfung von Fluchtursachen, die Zusammenarbeit mit Herkunfts- und Drittstaaten, Hilfe für Flüchtlinge in Krisengebieten außerhalb der EU sowie die Rückführung von Flüchtlingen.

Immer wieder finden sich im Wahlprogramm Personalpronomen wieder (vgl. Europawahlprogramm CDU 2014: 12, 25, 65). Folgt man Niehr, wird dadurch die Basisstrategie eingesetzt. Unter anderem durch die gezielte Verwendung des Personalpronomens „wir“ soll sich an den Präferenzen relevanter Adressatengruppen orientiert und die eigene Position aufgewertet werden. Dies hat ein Gefühl der Gruppenzugehörigkeit zur Folge (vgl. Niehr 2014: 82). Im Zusammenhang damit stehen Phrasen wie zum Beispiel „[wir müssen verstärkt]“ (Europawahlprogramm CDU 2014: 25), „[wir setzen uns dafür ein]“ (ebd.), „[wir treten entschieden entgegen]“ (ebd.: 26), „wir verpflichten uns“ (ebd.: 65), „wir werden darauf drängen“ (ebd.: 68) und „ [wir treten… ein]“ (ebd.: 69), ebenso wie „wir sagen Ja“ [ebd.: 24], „wir brauchen“ [ebd.: 25], „wir wollen“ [ebd.] und „[wir… appellieren]“ (ebd.: 69). Die Partei bezieht damit klar Stellung zu ihrem zukünftigen Vorhaben, wodurch die Phrasen als Fahnenwörter – beziehungsweise zur Einleitung dieser – fungieren. Die deontische Bedeutungskomponente (etwas nicht dürfen, dürfen oder sollen) tritt dabei in den Vordergrund.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Politische Sprachstrategien. Wie sieht die Sprache der Politik aus?
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft)
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V456979
ISBN (eBook)
9783668890602
ISBN (Buch)
9783668890619
Sprache
Deutsch
Schlagworte
politische, sprachstrategien, sprache, politik
Arbeit zitieren
Mara Galinski (Autor), 2016, Politische Sprachstrategien. Wie sieht die Sprache der Politik aus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456979

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