Verstandesmangel in der forensisch-psychologischen Diagnostik

Zur Beurteilung und Relevanz von "Schwachsinn"


Hausarbeit, 2017

15 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Schwachsinn: Beurteilung und Relevanz des Verstandesmangels

1 Schwachsinn
1.1 Diagnostik der Intelligenzminderung
1.2 Intelligenzminderung und Delinquenz

2 Schuldfähigkeit, Verantwortlichkeit und Reife
2.1 Paragraph 20 und 21 des StGB
2.1.1 Einsicht und Steuerungsfähigkeit

3 Unterbringung im Maßregelvollzug nach § 63 StGB
3.1 Problematik der gehäuften Unterbringung nach § 63 StGB

4 Prognose

5 Blick in die Zukunft

Literatur

Zusammenfassung

In der folgenden Abhandlung geht es um eine genauere Erläuterung des Begriffes Schwachsinn im juristischen Sinne und dessen Bedeutung für die psychologische Begutachtung im strafrechtlichen Kontext. Es wird auf die rechtlichen Grundlagen der Diagnostik von Intelligenzminderung und ihren Folgen für eine Schuldunfähigkeit eingegangen. Darüber hinaus beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit der Unterbringung von Straftätern in einer forensischen Klinik und deren Umstände, so wie Voraussetzungen. Abschließend werden eine etwaige Prognose und Möglichkeiten einer zukünftigen Entwicklung im Umgang mit intelligenzgeminderten Straftätern angesprochen.

„Schwachsinn“ : Beurteilung und Relevanz des Verstandesmangels in der forensisch-psychologischen Diagnostik.

Die Begriffe Intelligenzminderung oder kognitive Eingeschränktheit, welche allgemein in Gebrauch sind, werden in juristischer Fachsprache unter dem Synonym Schwachsinn gebündelt. Trotz des überholten Begriffes spielt Schwachsinn für psychologische Gutachter in der forensisch-psychologischen Diagnostik eine große Rolle und stellt diese nicht selten vor Bewältigungsschwierigkeiten. Solche Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze sollen im Folgenden erläutert werden.

1 Schwachsinn

Der Begriff „ Schwachsinn “ stammt aus einer Zeit, in der Personen mit Intelligenzminderung noch nicht als behandelnswert galten, sondern allenfalls verwahrt wurden, um andere oder sich selbst nicht zu schädigen. Die eindeutig negative Konnotierung der Bezeichnung Schwachsinn führte und führt noch immer zu einer Stigmatisierung der Betroffenen (Venzlaff, Foerster, Dreßing & Habermeyer, 2015). Heute spricht man in der klinischen Terminologie von einer angeborenen Intelligenzminderung und teilt diese in verschiedene Schweregrade ein: leicht (Debilität), mittel (Imbezillität) und schwer (Idiotie) (Dilling & Freyberger, 2015). Um dies zu verdeutlichen kann davon ausgegangen werden, dass der durchschnittliche IQ der Westeuropäer bei etwa 100 liegt (Jantzen, 2007). Die Weltgesundheitsorganisation definiert die einzelnen Schweregrade der Intelligenzminderung in ihrem Skript ICD-10 Guide for Mental Retardation wie folgt: mild mental retardation (IQ 50 to 69), moderate mental retardation (IQ 35 to 49) und severe mental retardation (IQ is usually in the range 20 to 34) (WHO, 1996). Laut ICD-10 (F70-F79) versteht man unter Intelligenzminderung einen Zustand von verzögerter oder unvollständiger Entwicklung der geistigen Fähigkeiten (Dilling et al. 2015). Dies betrifft insbesondere solche Fertigkeiten, welche zur Entwicklung des Intelligenzniveaus beitragen, wie Sprache, Kognition und auch motorische und soziale Fähigkeiten. Im Sinne des Strafgesetzbuches wird Schwachsinn als angeborene Intelligenzschwäche zu den psychischen Störungen gezählt (Volbert & Dahle, 2010).

1.1 Diagnostik der Intelligenzminderung

Eine allgemeingültige Definition von Intelligenz liegt bis heute nicht vor. Die existierenden Intelligenzmodelle gehen von angeborenen, sowie auch entwicklungsbedingten Anteilen der Intelligenz aus. Ein Beispiel hierfür ist Raymond Bernard Cattel (1987), der in seiner Theorie fluide/angeborene und kristalline/erworbene Intelligenz unterscheidet (Venzlaff et al., 2015). Folgt man diesem Ansatz, muss man davon ausgehen, dass Intelligenzminderung keine Krankheit im klassischen Sinne darstellt, sondern vielmehr eine Art Entwicklungsstörung. Diese kann folglich nicht durch einen einmaligen schriftlichen Test bestimmt werden, sondern bedarf einer Mehrzahl an Untersuchungsmethoden, um als solche festgestellt werden zu können (Došen , 2010). Zumal sich auch in der medizinisch psychologischen Diagnostik keine einheitliche graduelle Einteilung findet, wie in Tabelle 1 dargestellt ist.

Anton Došen erläutert hierzu, dass die Diagnose einer Intelligenzminderung laut ICD-10, DSM-5 und der American Association of Mental Retardation, drei Kriterien zu erfüllen habe: Eine Einschränkung intellektueller Fähigkeiten mit einem IQ unter 70, Einschränkungen im adaptiven Verhalten (soziale und praktische Fertigkeiten) und ein Auftreten vor dem 18. Lebensjahr.

Tabelle 1

Einteilung der Intelligenzminderung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anmerkung. (Venzlaff et al. 2015).

Um den Grad einer eventuell vorliegenden Intelligenzminderung zu bestimmen, werden in der gutachterlichen Praxis primär standardisierte testpsychologische Verfahren eingesetzt, wobei das am häufigsten verwendete Inventar wohl der Wechsler-Intelligenztest ist (Venzlaff et al., 2015). Dieser Test ist jedoch ausschließlich sprachgebunden. Um individuelle Fertigkeiten der Testperson zu ermitteln, eignet sich die, von Franz Peterander und Kollegen (2009) entwickelte, Werdenfelser Testbatterie, welche zeitliche und räumliche Orientierung, auditive und visuelle Merkfähigkeit, episodisches Gedächtnis, rechnerisches Denken, expressive und rezeptive Sprache, visuelle Differenzierung und Folgerichtigkeit, sowie feinmotorische Fertigkeiten erfasst (Theunissen, Kulig & Schirbort, 2013). Hierdurch kann ein umfassendes Bild der individuellen Möglichkeiten eines Menschen gezeichnet werden. Mangels zeitlicher Ressourcen und wissenschaftlicher Untersuchungen an forensischen Patienten, wird dieses Testverfahren jedoch bisher im forensisch-gutachterlichen Kontext kaum genutzt (Venzlaff et al., 2015).

1.2 Intelligenzminderung und Delinquenz

Es gibt unzählige Studien, die belegen, dass psychische Störungen das Delinquenzrisiko maßgeblich erhöhen (Swanson et al., 1990, Hodgins et al., 1996/1998,1999, etc.), wobei das konkrete Ausmaß des Delinquenzrisikos von Diagnose, Symptomatik, Komorbiditäten und Art und Umfang der Betreuung bestimmt wird. Der Zusammenhang zwischen Intelligenzminderung und Delinquenz ist schwer zu belegen, da es sich um einen Komplex von Einflussfaktoren handelt. So kann nicht ausschließlich nur von den momentan im Maßregelvollzug untergebrachten Straftätern mit Intelligenzminderung ausgegangen werden. Die Anzahl derer beträgt zwischen 5 und 10 %, je nach Studie (Venzlaff et al., 2015). Weitere zu beachtende Aspekte wären die Frage nach der diagnostischen Exaktheit. Zudem die Tatsache, dass Menschen mit geminderter Intelligenz leichter zu beeinflussen sind. Diese Sachlage könnte beispielsweise durch Suggestibilität in der Befragung, oder interessengeleiteter Einflussnahme im Vorfeld der Vernehmung, zu einer Falschaussage führen. Zusätzlich könnte die Einschätzung durch einen Vergleich zwischen Menschen mit und ohne Intelligenzminderung verfälscht werden, da es Menschen mit dieser Entwicklungsstörung deutlich schwerer fällt eine Straftat zu leugnen, oder gar zu vertuschen, was letztendlich zu einer häufigeren Festsetzung führt. Es ist nicht nachgewiesen, dass Intelligenzminderung mit einem höheren Risiko für Straffälligkeit einhergeht, als in der sonstigen Bevölkerung (Venzlaff et al., 2015).

2 Schuldfähigkeit, Verantwortlichkeit und Reife

Im deutschen Strafrecht wird die Strafbarkeit und Strafzumessung davon abhängig gemacht, ob der Täter in seiner Entwicklungsreife soweit gediehen ist, dass man ihm sein Verhalten vorwerfen kann und davon auszugehen ist, dass er aus eigenen Stücken auch hätte anders handeln können (Volbert et al., 2010). So besagt § 46 des Strafgesetzbuches (StGB) „Die Schuld des Täters ist Grundlage für die Zumessung der Strafe“. Die Frage der Schuldfähigkeit muss also grundsätzlich geklärt sein, um den Täter zur Verantwortung zu ziehen. Kinder und Jugendliche gelten als schuldunfähig, oder als bedingt schuldfähig. Personen über 18 Jahren gelten grundsätzlich als schuldfähig, daher ist es notwendig im Falle einer psychopathologischen Besonderheit des Täters einen sachverständigen psychologischen Gutachter hinzuzuziehen (Venzlaff et al., 2015). Ein solcher kann aufgrund besonderer Sachkenntnis Auskunft geben oder einen bestimmten Sachverhalt beurteilen. Ein Richter oder Staatsanwalt leitet die Tätigkeit des Sachverständigen in Bezug auf das, was beurteilt werden soll, nicht jedoch in Bezug auf das, wie dies stattfindet. Der Sachverständige entscheidet selbst, welche standardisierten Methoden er verwenden möchte (Bötticher, Nedopil, Bosinski & Saß, 2005). Die rechtlichen Grundlagen für eine Begutachtung der Schuldfähigkeit begründen sich in § 20, wie auch § 21 des Strafgesetzbuches.

2.1 Paragraph 20 und 21 StGB

Die §§ 20 und 21 StGB sind unablässig in der Beurteilung von Schuldeinschränkung aufgrund psychopathologischer Auffälligkeiten des Täters.

Der § 20 des Strafgesetzbuches befasst sich mit der Schuldunfähigkeit aufgrund seelischer Störungen. Er besagt, dass Menschen, die eine krankhafte seelische Störung wie beispielsweise Schwachsinn aufweisen, nicht in der Lage sind das Unrecht einer Tat einzusehen, demnach nicht nach einer gewissen Einsicht handeln können und somit schuldunfähig sind (StGB, 2016). Nachdem eine reguläre Diagnostik einer psychischen Störung unter Bezugnahme von ICD-10 oder DSM-IV erfolgt ist, muss vom Gutachter geprüft werden, ob gewisse Eingangsmerkmale des § 20 vorliegen. Zu diesen gehört Schwachsinn in der Definition einer angeborenen Intelligenzschwäche ohne nachweisbaren Organbefund. Durch das Merkmal angeboren unterscheidet sich der Schwachsinn von anderen krankhaft seelischen Störungen, oder seelischer Abartigkeit, welche auch unter § 20 fallen (Volbert et al., 2010).

Laut § 21 StGB kann es zu einer verminderten Schuldfähigkeit kommen, wenn die Fähigkeit des Täters zur Einsicht des Unrechts und nach dieser Einsicht zu handeln durch die in § 20 bezeichneten Gründe erheblich vermindert ist (StGB, 2016). Um die Schuldfähigkeit zu beurteilen, muss der Gutachter laut Gesetz in zwei Schritten vorgehen. Zuerst prüft er, wie oben beschrieben, ob eine psychische Störung nach den Eingangsmerkmalen des § 20 vorliegt. Im zweiten Schritt muss festgestellt werden, ob die vorliegende Erkrankung den psychopathologischen Zustand des Angeklagten insofern beeinträchtigt, dass dies Auswirkungen auf die Einsichts- und Steuerungsfähigkeit desjenigen hat (Volbert et al., 2010).

2.1.1 Einsichts- und Steuerungsfähigkeit

Einsichts- und Steuerungsfähigkeit bezeichnet die Fähigkeit, das Unrecht einer Tat einzusehen (Einsichtsfähigkeit) und aufgrund dessen zu handeln (Steuerungsfähigkeit). Zu einer Aussage über die mögliche Beeinträchtigung des zu Beurteilenden in seiner sozialen Handlungskompetenz kann der Gutachter über den Vergleich zwischen aktueller psychischer Verfassung des Täters und Aktenlage gelangen. Zudem fließen in diesen Vergleich die dem Gutachter aus klinischer Erfahrung bekannten Störungsbildern und deren Auswirkungen auf die soziale Handlungskompetenz einer Person mit ein (Schneider et al., 2006). Laut Volbert und ihren Kollegen (2010) ist ein Urteil über die Steuerungsfähigkeit immer einer einzelfallspezifischen und störungsorientierten Gesamtbeurteilung zu unterziehen, da keine allgemeingültigen Entscheidungskriterien existieren. Für die Beurteilung der Schuldfähigkeit unter Vorliegen der §§ 20 und 21 StGB kommt es insbesondere darauf an, in welchem Zustand der Angeklagte bei Begehung der Tat war, nicht so sehr ob seine Steuerungsfähigkeit generell aufgehoben oder erheblich eingeschränkt ist (Bötticher et al., 2005). Bötticher und seine Kollegen haben im Jahr 2005 einen Katalog der formellen und inhaltlichen Mindestanforderungen für forensische Schuldfähigkeitsgutachten entwickelt. Dieser kann dem Sachverständigen als Leitfaden dienen und zur Qualitätssicherung forensischer Gutachten beitragen.

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Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Verstandesmangel in der forensisch-psychologischen Diagnostik
Untertitel
Zur Beurteilung und Relevanz von "Schwachsinn"
Hochschule
Universität Ulm
Note
1,3
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V456988
ISBN (eBook)
9783668891340
ISBN (Buch)
9783668891357
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychologie, Diagnostik, Forensik
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Verstandesmangel in der forensisch-psychologischen Diagnostik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456988

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