Macht uns Achtsamkeit sozial? Der Einfluss von Achtsamkeit auf Prosozialität und zwischenmenschliche Beziehungen


Fachbuch, 2019
41 Seiten
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Abstract

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Hintergründe
2.1 Achtsamkeit
2.2 Prosozialität
2.3 Fragestellung & Hypothesen

3 Methode
3.1 Stichprobe & Rekrutierung
3.2 Erfassung der Variablen
3.3 Ablauf
3.4 Statistische Auswertung

4 Ergebnisse
4.1 Positiver Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und Prosozialität
4.2 Auswirkungen von Achtsamkeit auf kurzfristige und langfristige Prosozialität
4.3 Positiver Zusammenhang der Facetten Beschreiben, Achtsames Handeln und Nichturteilen und Prosozialität
4.4 Negativer Zusammenhang der Facetten Beobachten und Nicht-Reagieren und Prosozialität

5 Diskussion
5.1 Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und prosozialem Verhalten
5.2 Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und langfristiger versus kurzfristiger Prosozialität
5.3 Zusammenhang zwischen einzelnen Facetten der Achtsamkeit und prosozialem Verhalten
5.4 Limitationen der Studie und Ausblick

6 Literatur

Zusammenfassung

Achtsamkeit als Qualität des Bewusstseins bietet Menschen die Möglichkeit innere und äußere Sinneseindrücke, Gedanken und Gefühle vorurteilsfrei anzunehmen, zu akzeptieren und gehen zu lassen. Das Ziel der vorliegenden Arbeit war es, Zusammenhänge zwischen Achtsamkeit und den einzelnen Facetten der Achtsamkeit und sowohl kurzfristigem als auch langfristigem prosozialem Verhalten zu untersuchen. Die Stichprobe bestand aus 72 Probanden (M = 24,38 Jahre, SD = 7,43), wovon 12 männlich und 59 weiblich waren. Die Studie bestand aus zwei Teilen: einer schriftlichen Befragung, in welcher unter anderem die UV Achtsamkeit erhoben wurde, und der Erfassung der AV Prosozialität anhand einer Realsituation. Die Ergebnisse fielen insbesondere in Bezug auf generelle Achtsamkeit und Prosozialität entgegen den Erwartungen aus, wobei sich bei den Untersuchungen zu den einzelnen Facetten teilweise Tendenzen in Richtung der formulierten Hypothesen erkennen ließen. Eine Begründung für die paradoxen Resultate liegt vermutlich in der Art der Operationalisierung von Prosozialität. Zukünftige Forschung sollte daher ein besonderes Augenmerk auf die Optimierung der Erfassungsmöglichkeiten von prosozialem Verhalten legen, wie auch auf die detaillierte Untersuchung der einzelnen Facetten von Achtsamkeit und deren Auswirkungen auf das menschliche Verhalten.

Schlüsselwörter: Achtsamkeit, Facetten der Achtsamkeit, kurzfristige Prosozialität, langfristige Prosozialität.

Abstract

Mindfulness as a quality of consciousness offers the possibility to accept and let go inner and outer feelings, thoughts and sensations without any prejudice. The goal of this work was to research relationships between mindfulness and different facets of mindfulness and short-term prosociality as well as long-term prosociality. The sample was about 72 subjects (M = 24, 38 Years, SD = 7, 43) with 12 male and 59 female persons. The study consisted of two parts: on the one hand a survey in written form to determine mindfulness amongst others and on the other hand the registration of prosociality in a real setting. The results related to general mindfulness and prosociality came up against the expectations. But the analysis of the individual facets of mindfulness showed some trends towards the hypotheses. One reason for the paradox results could be probably find in the sort of operationalization of prosociality. Therefore further research should turn special attention to the improvement of acquisition options of prosocial behaviour, as well as a detailed study of the single facets of mindfulness and its impact on human behaviour.

Keywords: mindfulness, facets of mindfulness, short-term prosociality, long-term prosociality.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Häufigkeiten des prosozialen Verhaltens

Abbildung 2: Differenzierung zwischen den einzelnen prosozialen Verhaltensweisen

Abbildung 3: Häufigkeiten von prosozialem Verhalten bei hoch und niedrig ausgeprägter Achtsamkeit

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Beschreibung der Stichprobe (Häufigkeiten)

Tabelle 2: Einzelne Facetten des FFMQ und zugeordnete Beispielitems

Tabelle 3: Interpretation von Effektstärkemaßen nach Cohen (1988)

Tabelle 4: Koeffizienten der logistischen Regression zur Vorhersage kurzfristigen prosozialen Verhaltens anhand von Achtsamkeit

Tabelle 5: Koeffizienten der logistischen Regression zur Vorhersage langfristigen prosozialen Verhaltens anhand von Achtsamkeit

Tabelle 6: Regressionskoeffizienten B der Facetten Beschreiben, Achtsames Handeln und Nicht-Urteilen in Beziehung zu Prosozialität

Tabelle 7: Koeffizienten der logistischen Regression zur Vorhersage langfristigen prosozialen Verhaltens anhand der Facetten Beschreiben, Achtsames Handeln und Nichturteilen

Tabelle 8: Koeffizienten der logistischen Regression zur Vorhersage kurzfristigen prosozialen Verhaltens anhand der Facetten Beschreiben, Achtsames Handeln und Nichturteilen

Tabelle 9: Koeffizienten der logistischen Regression zur Vorhersage prosozialen Verhaltens anhand der Facetten Beobachten und Nicht-Reagieren

1 Einleitung

„Unsere Verabredung mit dem Leben findet im gegenwärtigen Augenblick statt. Und der Treffpunkt ist genau da, wo wir uns gerade befinden.“

Buddha (560 - 480 v. Chr.)

Mit seinem Verständnis von Achtsamkeit prägte der Religionsführer Buddha nicht nur eine religiöse Form der Meditation, sondern inspiriert Menschen bis heute zu einer wertschätzenden und achtsamen Lebensweise. Bereits aus diesem alten Zitat lässt sich durch Wörter wie Verabredung und Treffpunkt eine Art sozialer Kern oder Gemeinschaftswesen herauslesen.

Achtsamkeit wird gemeinhin oft als Synonym für Aufmerksamkeit im Sinne von Beobachtungsgabe verwandt. Oft hat sie auch einen moralischen Beigeschmack. So wird das Verhalten des Gegenübers, wenn es nicht den eigenen Bedürfnissen nach Zuwendung entspricht, häufig als Unachtsamkeit deklariert. Dabei kann es sein, dass der Betreffende in diesem Moment sehr wohl achtsam anwesend war, aber eben nicht bereit, genau diese Bedürfnisse des Anderen zu erfüllen. Es ist zu betonen, dass das eine mit dem anderen nicht in kausalem Zusammenhang steht. Vielmehr ist das zentrale Ziel von Achtsamkeit eben von einem Ziel als solchem abzusehen. Die Essenz dessen ist dann, den gegenwärtigen Moment so zu erleben, wie er gerade jetzt ist, ohne Kontrolle über ihn oder den Wunsch ihn zu verändern (Kabat-Zinn, 2014). Zudem steht Achtsamkeit in Verbindung mit einer moralisch-ethischen Grundhaltung, welche Mitgefühl und Großzügigkeit in sich trägt (Kabat-Zinn, 2003).

Interessant ist daher, wie sich Achtsamkeit auf unser soziales Verhalten auswirken kann. Achtsamkeit als mehrdimensionales Konstrukt weist verschiedene Eigenschaften auf (Baer, 2006), wie etwa urteilsfreies Beobachten, wertfreies Beschreiben, achtsam zu handeln und andere, die eventuell unterschiedlich auf unsere Prosozialität einwirken und somit als begünstigend oder sogar determinierend anzusehen sind. In der bisherigen Forschung gibt es kaum Untersuchungen zu diesen Zusammenhängen.

Die Psychologie hat es sich zum Ziel gesetzt, Erkenntnisse über das menschliche Verhalten in den verschiedensten Situationen und aus den unterschiedlichsten Gründen zu erlangen (Schneewind, 2015). Da es in der bisherigen Forschung kaum Arbeiten zum Einfluss einzelner Facetten der Achtsamkeit auf das menschliche Sozialverhalten gibt, soll diese Arbeit einen Teil zum Erkenntnisgewinn in der Psychologie beitragen, indem sie genau dieses Thema untersucht.

2 Theoretische Hintergründe

Im Folgenden soll ein Überblick über die Grundkonzepte von Achtsamkeit und Prosozialität, welche für diese Arbeit von Relevanz sind, gegeben werden. Dadurch soll eine tiefere Einsicht in die hier behandelte Thematik, sowie eine theoretische Grundlage für die Ableitung der Hypothesen entstehen.

2.1 Achtsamkeit

Achtsamkeit als Konzept zur Selbstschulung ist schon aus alten buddhistischen Lehren bekannt. Die Erkenntnisse des legendären Buddha sind in detaillierten Übungswegen dokumentiert und in umfassen Methoden und Praktiken zur Erforschung und Schulung des Geistes mit dem Ziel, alles Leid der Welt zu überwinden, überliefert. Buddha sagte, dass alles Leid durch Unwissenheit entstehe und daher diese beendet werden müsse (Pischel, 2015). An diesem Punkt setzt das Konzept der Achtsamkeit an.

Ein zeitgenössischer Vertreter der buddhistischen Lehren, Thich Nhat Hanh, schreibt in einem seiner Bücher über Achtsamkeit, dass der gegenwärtige Augenblick das Einzige sei über das wir verfügen könnten und deshalb die Kunst nicht darin bestehe, über Wasser laufen zu können, sondern auf der Erde (1992). Diese poetisch anmutende Beschreibung der Achtsamkeit wird von Jon Kabat-Zinn in einer Art Arbeitsdefinition als „absichtsvolle und nicht urteilende Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Moment“ bezeichnet (Kabat-Zinn, 2014, S. 29). Jon Kabat-Zinn ist Begründer der Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR), ein Achtsamkeits-Trainingsprogramm, welches inzwischen in zahlreichen Therapien erfolgreich eingesetzt wird. Die Psychologinnen Shapiro und Carlson schreiben in ihrem Buch zur Integration der Achtsamkeit in die psychologische Praxis von Achtsamkeit als Bewusstheit, Umsicht und Einsicht (2009). Sie teilen Achtsamkeit in zwei Bereiche: das achtsame Bewusstsein (mindful awareness), welches ein dauerhaftes und wandelbares Wissen über den aktuellen Zustand des Geistes beinhaltet und zu einer Art innerem Frieden führen kann, sowie die achtsame Praxis (mindful practice), welche eine bewusste, offene, mitfühlende und beobachtende Anteilnahme am augenblicklichen Geschehen voraussetzt (Shapiro & Carlson, 2009). Man könnte also sagen, sie unterscheiden Achtsamkeit in das achtsame Sein und das achtsame Handeln. Beide interagieren miteinander und bedingen sich gegenseitig. Ähnlich differenziert auch Jon Kabbat-Zinn die Achtsamkeit, wenn er in seinen Schriften vom Modus des Tuns und Modus des Seins spricht (Kabbat-Zinn, 2014). Was alle wohl gemein haben, ist die Auffassung, dass es sich bei Achtsamkeit um eine neue Form von Bewusstseinskultur handelt.

Persönlichkeitsentwicklung anhand von Achtsamkeit wird inzwischen vermehrt im klinisch psychologischen Kontext eingesetzt. So binden Hayes, Strohsal und Wilson grundbasale Elemente der buddhistischen Achtsamkeitstheorie in ihre Akzeptanz-Commitment-Therapie (ACT) ein (Hayes, Strohsal & Wilson, 1999). Diese beinhaltet beispielsweise kleine Übungen zur Aufmerksamkeitsfokussierung und Schulung der Achtsamkeit im Alltag. Ein weiteres Beispiel wäre die Dialektisch-behaviorale Verhaltenstherapie (DBT) von Linehan, in welche wesentliche Elemente fernöstlicher Meditationstechniken anhand kleiner Übungssequenzen inkludiert sind (Linehan, 1993). Die DBT arbeitet anhand einer dialektischen Grundhaltung an einer langfristigen Verhaltensänderung durch Akzeptanz des Selbst, des Gegenübers und des Lebens an sich (Robins & Chapman, 2004). Das wohl bekannteste Beispiel für Achtsamkeitstraining ist die bereits erwähnte Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) von Jon Kabbat-Zinn, welche ausschließlich achtsamkeitsbasiert arbeitet und gezielt die Ausbildung der achtsamen Persönlichkeit in den Mittelpunkt der therapeutischen Intention stellt (Kabbat-Zinn, 1982, 1990).

Eine einheitliche Definition von Achtsamkeit ist bis heute nicht gefunden. Zwei entscheidender Ansätze jedoch unterscheiden die Achtsamkeit jeweils in ein eindimensionales oder ein mehrdimensionales Konstrukt (Brown & Ryan, 2003; Baer et al., 2006). Da sich die vorliegende Arbeit mit Achtsamkeit als mehrdimensionales Konstrukt und spezifisch mit den einzelnen Facetten der Achtsamkeit beschäftigt, soll im Folgenden noch auf verschiedene Eigenschaften der Achtsamkeit genauer eingegangen werden. Die Auswahl des verwendeten Instruments zur Messung von Achtsamkeit (siehe 3.2.1) legt es nahe, die dort verwendeten Facetten im Einzelnen zu betrachten.

2.1.1 Beobachten

Wie schon aus dem Begriff zu ersehen ist, beinhaltet diese Facette der Achtsamkeit das beobachtende Wahrnehmen. Im Speziellen sind alle Veränderungen auf körperlicher und mentaler Ebene gemeint, welche es zu beobachten gilt. Beispielsweise Körperbewegungen, Berührungen, Sinneseindrücke, Gefühle und Gedanken (Baer et al, 2006). Nach Shapiro und Carlson (2009) träfe dies wohl eher auf das achtsame Bewusstsein zu.

2.1.2 Beschreiben

Diese Facette der Achtsamkeit meint die Fähigkeit, beobachtete Eindrücke in Worte fassen zu können (Baer et al., 2006). Dies könnte eher der achtsamen Praxis zugeordnet werden, wenn man sich an Shapiro und Carlson (2009) orientiert.

2.1.3 Achtsames Handeln

Achtsam zu handeln heißt, fokussiert und ohne sich ablenken zu lassen bei einer Sache zu bleiben, während die zu tätigende Aufgabe die volle Aufmerksamkeit bekommt (Baer et al, 2006). Da es hier um das Tun geht, ist dies selbstverständlich der achtsamen Praxis zuzuordnen.

2.1.4 Nichtbewerten des inneren Erlebens

Gemeint ist hier, die eigenen Gefühle und Gedanken zuzulassen, ohne diese in irgendeiner Form zu bewerten, also weder positiv, noch negativ. Sie sollten einfach wahrgenommen werden (Baer et al, 2006). Die reine Wahrnehmung der Eindrücke würde nach Shapiro und ihrer Kollegin (2009) wieder zum achtsamen Bewusstsein gehören. allerdings ist das aktive Kommen- und Gehenlassen der Gefühle und Gedanken, ohne diese zu bewerten, auch eine gesteuerte Form von Handlung und wird somit prioritär der achtsamen Praxis zugeordnet.

2.1.5 Nichtreaktion auf das innere Erleben

Auf ein inneres Erleben nicht zu reagieren, soll nicht heißen, affektgemindert oder gar emotionsarm zu sein, sondern vielmehr auf einen Gefühlszustand oder Gedankengang nicht impulsiv mit einer Handlung zu reagieren, sondern sich diesen erst einmal genauer anzuschauen (Baer et al, 2006), wie auch unter den Abschnitten 2.1.1 bis 2.1.4. zu sehen. Auch das Nicht-Reagieren ist keine aktive Handlung und daher eher dem achtsamen Bewusstsein zuzuschreiben.

In der vorliegenden Arbeit wird vorausgesetzt, dass Achtsamkeit aus den beschriebenen Facetten besteht und durch unterschiedliche Ausprägung der Facetten verschieden zur Äußerung kommen kann.

2.2 Prosozialität

Das prosoziale Verhalten als solches lässt sich durch die vorhandene Literatur nicht einheitlich definieren. Verschiedene Autoren unterscheiden zwischen diversen Begriffen, wie Altruismus, Hilfeverhalten, sozialem Verhalten, Kooperation und weiteren, die hier nicht näher beschrieben werden sollen (Sussman & Cloninger, 2011; Dovidio, Piliavin, Schroeder & Penner, 2006; Bierhoff, 1990). Die unterschiedlichen Begriffe beinhalten verschiedene Handlungsweisen. Bierhoff beispielsweise setzt eine freiwillige Handlung, mit der Intention einer konkreten Person eine Wohltat zu erweisen, voraus (Bierhoff, 1990). Demnach braucht es eine Absicht und eine konkrete Zielperson.

Bereits 1981 bemühte sich Wolfgang Bilsky, der bis heute intensiv auf dem Gebiet der Sozialpsychologie forscht, ein integratives Prosozialitätskonzept zu entwickeln. Er unterzog 182 Items aus fünf Fragebögen zu Variablen der Hilfeleistung einer Adaptation und Faktorenanalyse. Hierdurch erlangte er die Erkenntnis, dass die Faktoren Interventionskompetenz in Gruppensettings, diagnostische Kompetenz, Toleranz, Mitleid und soziale Verantwortung das Konzept der Prosozialität am besten beschreiben könnten. Allerdings waren die ersten beiden Faktoren fast ausschließlich auf einen einzigen Fragebogen zurückzuführen und daher haben sich lediglich die restlichen drei bis heute in der Forschung gehalten (Bilsky, 1981). Demzufolge gelten als Grundvoraussetzungen für prosoziales Verhalten die Fähigkeiten zu Toleranz, Mitleid und sozialer Verantwortung.

Helmut Lukesch hingegen entwickelte 2006 einen neuen Fragebogen, in welchem unter anderem auch Prosozialität erfasst wird. In seinem Manual dazu beschreibt er Prosozialität ganz allgemein als „Verhalten das zum Wohle anderer beiträgt“. In seiner Beschreibung der Prosozialität wird deutlich, dass die reine Volition für eine solche Verhaltensform nicht ausreicht, sondern zudem sowohl motivationale Aspekte wie Werte, Normen und Überzeugungen, als auch situative hemmende oder begünstigende Faktoren für die Realisierung prosozialen Verhaltens eine entscheidende Rolle spielen (Lukesch, 2006).

Dovidio und Kollegen sprechen außerdem von einer Tat zum Wohlergehen eines Einzelnen oder einer Gesellschaft (Dovidio et al, 2006). In einem ihrer Artikel gehen die genannten Autoren auf Entstehung und Einflussgrößen von prosozialem Verhalten ein. Da all dies zu erläutern diesen Rahmen sprengen würde, sollen zumindest einige genannt sein: So spielen Motivation, soziale Einflüsse, soziale Identität, individuelle Fähigkeiten und Persönlichkeitsunterschiede wie auch Konsequenzen der Handlung eine entscheidende Rolle bei der Tatsache, ob und wie es letztendlich zu prosozialem Verhalten kommt (Penner, Dovidio, Piliavin & Schroeder, 2005). Auch Lukesch (2006) spricht davon, dass sowohl das Erfahren und Erleben von Prosozialität im direkten Umfeld, ergo der Familie, als auch der soziale Umgang im weiteren Freundes- und Bekanntenkreis und ein damit verbundenes Wahrnehmen von Wechselseitigkeit des prosozialen Verhaltens einen Einfluss auf die Entwicklung eben dieser Verhaltensweise hat.

Eine neuere Erkenntnis aus der Psychologie bringt weitere Aspekte in die Diskussion über die Definition von prosozialem Verhalten ein. So konnten einige Forscher in von einander unabhängigen Studien zeigen, dass das dopaminerge System, also das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert wird, wenn Menschen helfen, spenden oder teilen (Moll, Krueger, Zahn, Pardini & Grafman, 2006; Fehr & Fischbach, 2003). Es könnte sich also auch um eine Art Selbstbelohnung handeln.

Offenbar ist es vonnöten, weitere Einflussgrößen und -faktoren für prosoziales Verhalten zu evaluieren, um eine einheitlichere Definition zu erlangen. Die vorliegende Arbeit soll ihren Teil dazu beitragen. Da jedem der beschreibenden Begriffe wie Hilfeverhalten, Hilfsbereitschaft, Prosozialität, Altruismus und weitere einerseits verschiedene, andererseits aber auch gleiche Handlungsweisen zugeordnet werden, soll in der vorliegenden Arbeit zur Vereinfachung von prosozialem Verhalten gesprochen werden.

2.3 Fragestellung & Hypothesen

Im folgenden Abschnitt soll die bisherige Forschung in Bezug auf den Zusammenhang von Achtsamkeit und prosozialem Verhalten zusammengefasst und kurz erläutert werden. Diese empirischen Erkenntnisse sollen als Grundlage für die daraus folgenden Hypothesen fungieren.

Es existieren einige Studien zum Zusammenhang von Achtsamkeit und prosozialem Verhalten, allerdings wurde in den meisten davon das prosoziale Verhalten durch Selbstberichte erfasst (Flook, Goldberg, Pinger & Davidson, 2015; Kirk, Gu, Sharp, Hula, Fonagy & Montague, 2016). Studien aus jüngster Zeit zeigen aber auch Zusammenhänge zwischen Achtsamkeit und Prosozialität bei Messung des prosozialen Verhaltens anhand realer Situationen. So konnten Tubbs, Berry und Brown (2016) in einer Arbeit über das prosoziale Verhalten innerhalb der eigenen und anderen ethnischen Gruppen zeigen, dass dispositionelle Achtsamkeit, also das bewusste Richten des Bewusstseins auf Denken und Fühlen, prosoziales Verhalten in beiden Gruppen vorhersagen kann (Tubbs et al, 2016). Die dispositionelle Achtsamkeit wurde in besagtem Versuch durch die Mindfulness Attention Awareness Scale (MAAS) erfasst und das prosoziale Verhalten in einem scheinbar realen Setting. Hierfür brachte man die Probanden in eine Situation, in welcher sie Hilfeverhalten zeigen konnten, indem sie einem angeblichen Mitprobanden auf Krücken halfen scheinbar zufällig heruntergefallenes Papier wieder einzusammeln. Probanden mit einem höheren Score auf Achtsamkeit zeigten deutlich häufiger spontanes Hilfeverhalten.

Als Grundlage für weiterführende Fragen in der vorliegenden Arbeit soll das eben beschriebene Ergebnis in einem anderen Setting wiederholt, und die Ergebnisse repliziert werden. Daher soll zuerst untersucht werden, ob Personen mit hoch ausgeprägter Achtsamkeit auch häufiger prosoziales Verhalten zeigen als Personen mit niedrig ausgeprägter Achtsamkeit.

Hypothese 1: Es besteht ein positiver Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und prosozialem Verhalten. Demzufolge zeigen achtsame Menschen häufiger prosoziales Verhalten als wenig achtsame Menschen.

Es gibt Studien, die den Zusammenhang zwischen impulsiven Verhalten und Achtsamkeit untersuchen und berichten, wie Achtsamkeitsübungen Entscheidungsverhalten beeinflussen können (Lattimore, Fisher, & Malinkowski, 2011; Melinda, Michelle, Newman, & Stephen, 2015). So reagieren hoch achtsame Menschen nach neueren Erkenntnissen weniger impulsiv, wonach anzunehmen wäre, dass sie auch nicht direkt zu Hilfe eilen, wenn dies gefragt wäre (Peters, Erisman, Upton, Baer, & Roemer, 2011). In Achtsamkeit geschulte Menschen nehmen Situationen wahr, bevor sie eine Bewertung und letztendlich eine Entscheidung treffen. Dies dürfte aber ihre Hilfsbereitschaft nicht schmälern. Vielmehr führt dies zu der Annahme, dass hoch achtsame Menschen kurzfristig weniger hilfsbereit agieren, dafür aber langfristig in gesteigertem Maße. Diese Anschauung soll in einer weiteren Hypothese überprüft werden.

Hypothese 2: Achtsamkeit wirkt sich positiver auf langfristige denn auf kurzfristige Prosozialität aus. Demnach agieren hoch achtsame Menschen eher langfristig prosozial als kurzfristig.

Zudem existieren Forschungsarbeiten, die zeigen, dass die Achtsamkeit nicht als ein einheitliches Konstrukt aufzufassen ist, sondern sich aus unterschiedlichen Komponenten zusammensetzt, welche auch verschieden stark ausgeprägt sein können (Bear et al. 2006, Shapiro et al. 2009). So stellt sich zwangsläufig die Frage, ob eventuell nicht die Achtsamkeit als gesamtes Konstrukt, sondern möglicherweise nur eine oder mehrere Facetten der Achtsamkeit Einfluss auf prosoziales Verhalten haben. Ebenso gut könnte es sein, dass ein Teil der Facetten von Achtsamkeit dem prosozialen Verhalten dienlich, ein anderer Teil sogar hinderlich sein könnte. Betrachtet man die Facetten im Einzelnen, auch unter Einbezug der zuvor beschriebenen Einteilung in Anlehnung an Shapiro et al. (siehe die Abschnitte 2.1.1 bis 2.1.5), kommt man unwillkürlich zu dem Schluss, dass sich zwei Gruppen von Facetten bilden lassen, sogenannte aktive Facetten und nicht aktive Facetten. Zu den aktiven Facetten zählt man nach obiger Charakteristik das Beschreiben, das Achtsame Handeln und das Nichtbeurteilen. Wohingegen die Facetten Beobachten und Nicht-Reagieren als kaum aktiv betrachtet werden.

Das eingangs beschriebene Konstrukt der Prosozialität weist zwar keine einheitliche Definition auf, jedoch sind sich alle Autoren einig, dass es sich um eine aktive Form der Hilfestellung handelt. Demzufolge kann man davon ausgehen, dass die aktiven Facetten der Achtsamkeit prosoziales Verhalten eher begünstigen und die nicht aktiven Facetten der Achtsamkeit ein solches Verhalten sogar hemmen könnten. Um diese Annahmen zu überprüfen, wurden aus der genannten Fragestellung noch zwei weitere Hypothesen gebildet.

Hypothese 3: Es besteht ein positiver Zusammenhang zwischen den Facetten Beschreiben, Achtsames Handeln und Nichturteilen und Prosozialität. Demnach agieren Menschen mit hohen Werten auf diesen Facetten prosozialer als Menschen mit niedrigen Werten.

Hypothese 4: Es besteht ein negativer Zusammenhang zwischen den Facetten Beobachten und Nicht-Reagieren und Prosozialität. Demzufolge agieren Menschen mit hoch ausgeprägten Werten der Facetten Beobachten und Nicht-Reagieren weniger prosozial als Menschen mit niedrig ausgeprägten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Macht uns Achtsamkeit sozial? Der Einfluss von Achtsamkeit auf Prosozialität und zwischenmenschliche Beziehungen
Jahr
2019
Seiten
41
Katalognummer
V457212
ISBN (eBook)
9783956877674
ISBN (Buch)
9783956877681
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Achtsamkeit, Bewusstsein, Prosozialität, Verhalten
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Macht uns Achtsamkeit sozial? Der Einfluss von Achtsamkeit auf Prosozialität und zwischenmenschliche Beziehungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/457212

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