Familie und soziale Ungleichheit. Hängen die Bildungschancen eines Kindes von der sozialen Herkunft ab?


Fachbuch, 2019
48 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsbestimmung Familie

3 Familienvariationen und ihre Bedeutung
3.1 Die traditionelle Familie
3.2 Alleinerziehende Eltern
3.3 Alternative Familienformen
3.4 Vor-und Nachteile verschiedener Familienkonstellationen

4 Aufgaben der Institution Familie
4.1 Funktion der Familie
4.2 Familie im Alltag

5 Familiale Entwicklung
5.1 Demographische Entwicklung
5.2 Familienstruktur
5.3 Rollenverteilung innerhalb der Familie

6 Sozialisation in der Familie
6.1 Aspekte der Sozialisation
6.2 Sozialisation in der Gesellschaft: Bourdieu
6.3 Sozialisation in Schule und Umfeld

7 Familie und soziale Ungleichheit
7.1 Der soziale Raum
7.2 Kapitalsorten
7.3 Kapitalsorten in der Familie

8 Was ist Bildung?

9 Bildungsformen und -chancen
9.1 Perspektiven der Bildung
9.2 Außerschulische Bildung von Jugendlichen und Kindern
9.3 Zusammenhang von Bildungschancen und sozialer Herkunft
9.4 Spannungsfeld Schule: Differenzen und Lösungsversuche

10 Fazit

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Warum bekommt ein „Kevin“ oder eine „Chantal“ im Schnitt schlechtere Noten als ein „Christian“ oder eine „Marie-Sophie“? Haben nicht alle Kinder die gleichen Chancen auf erfolgreiche Bildung? Die Antwort ist: nein! Die Ungleichheiten, die dazu führen, sind vielfältig und zum einen in der Gesellschaft aber auch in der Familie verankert.

Die Fragen rund um das Thema „soziale Ungleichheit“ sind trotz vieler Reformen und gestiegenem Bildungsstandard aktuell (vgl. Allmendinger, 2003). Dabei spielt zum einen die Familie als ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft eine große Rolle, aber auch die Wirkungsmechanismen der Gesellschaft an sich. Im Hinblick auf Schule und Familie werden vor allem die Ursachen, Determinanten und Auswirkungen der sozialen Ungleichheit und ungleichen Bildungschancen ermittelt (vgl. Floren, 2004: 131).

Zum Beginn der Arbeit wird zuerst der Begriff der Familie geklärt (Kapitel 2). Dazu werden einleitend verschiedene Familienformen vorgestellt (Kapitel 3). Danach werden die Funktionen der Familie (Kapitel 4) beleuchtet, bevor die familiale Entwicklung in Bezug zum demographischen Wandel gesetzt wird (Kapitel 5). Darauf folgend soll näher auf die Sozialisationstheorie Bourdieus und der Sozialisation innerhalb der Familie eingegangen werden (Kapitel 6). Die Aspekte des sozialen Raums und der Kapitalsorten werden schließlich unter dem Punkt der sozialen Ungleichheit in der Familie zusammengefasst (Kapitel 7). Letztendlich soll der Begriff der Bildung (Kapitel 8) erklärt werden, sowie die Perspektiven und Chancen in der Bildungslaufbahn (Kapitel 9).

Zum Schluss wird ein kritischer Blick auf das Feld Schule geworfen und Lösungsvorschläge vorgestellt, die sowohl das Verhältnis Schule-Familie, als auch Aspekte der sozialen Ungleichheit ansprechen. Die Ergebnisse dieser Untersuchung werden schließlich zur Beantwortung der Leitfragen im Fazit (Kapitel 10) vorgestellt.

2 Begriffsbestimmung Familie

Eine genaue Definition von Familie gestaltet sich schwierig, da die Aspekte ihrer Betrachtung zahlreich sind und je nach Fachbereich unterschiedliche Schwerpunkte besitzen. Das System Familie bildet eine elementare Einheit der Gesellschaft. Ob in Debatten um Familienpolitik, Bildung, Erziehung oder wirtschaftssoziologischen Themen - die Einheit Familie ist in der Gesellschaft fest verankert und trägt so zur Entwicklung der Gesellschaft bei (vgl. Maihofer, Böhnisch, & Wolf, 2001: 8). In der Sozialwissenschaft wurden bis dato einige Versuche gemacht, den Begriff der Familie näher zu beschreiben. R. König, beispielsweise, sieht das System Familie zum einen eingebettet in der Gesellschaft an sich, aber auch als eigenes System, der Kleingruppe (vgl. Rosenbaum, 1973: 54). König konzentriert sich bei seiner Familiensoziologie dabei hauptsächlich auf den zweiten Teil: der Familie als eigener, relativ autonomer, von der Gesamtgesellschaft unabhängiger Bereich. Diese Ausgliederung der Familie erklärt er durch die neuen Verhältnisse der Familie zur Gesellschaft, die sich in der Zeit des Kapitalismus ergeben haben und nennt es Desintegration (ebd.: 94). Jedoch spricht unter anderem die Untersuchung von Schelsky dafür, dass die Familie von der Gesellschaft aufgrund vieler Faktoren, die von außen auf die Familie einwirken, abhängig ist, auch wenn er dabei hauptsächlich von der Verlagerung von Ursachen bei Konflikten zwischen Familie und Gesellschaft spricht (ebd.: 129). Hinzu kommt, dass die Familie fest in die Gesellschaft einbezogen wird wie zum Beispiel im Grundgesetzbuch. So steht beispielsweise im Artikel 6 des Grundgesetzbuches, die Familie stehe unter dem Schutz „der staatlichen Ordnung“ (Bundeszentrale für politische Bildung, 2009: 12, zit. nach: Dunkake, 2010: 47).

Grundsätzlich kann man die Familie als ein Geflecht von Beziehungen bezeichnen, welches historisch gesehen früher aus einem Zusammenleben von mehreren Personen als nur Mutter, Vater und Kind bestand. Im 19. Jahrhundert bestand die Familie oftmals vielmehr aus einem Haushalt, also nicht nur aus den Familienmitgliedern an sich, sondern auch aus Dienern oder weiteren Angestellten, die mit der Familie unter einem Dach wohnten (vgl. Bertram, 1991: vi f). Somit unterscheidet sich der Haushalt in dem Sinne von der Familie, als das er Beziehungen beinhalten konnte, die nicht notwendigerweise miteinander verwandt sein mussten (ebd.).

Heutzutage definiert eine Familie nicht unbedingt das Zusammenleben von Personen in einem Haushalt und auch der Konstellation von Familienmitgliedern ist keine Grenze gesetzt. Kinder, die bereits ausgezogen sind, oder Schwiegereltern, die im benachbarten Haus wohnen, werden trotzdem zur Familie gezählt. Jedoch spricht man in diesem Sinne häufiger von Verwandtschaft. Familie bezeichnet in erster Linie die „eigene“ Familie, also den Partner und die eigenen Kinder (vgl. Diefenbach, 2000: 169f).

3 Familienvariationen und ihre Bedeutung

Die Bedeutung der Familie und damit verschiedener Familienformen und ihre Entwicklung werden besonders dann diskutiert, wenn es um die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen geht. Vor allem, wenn es zu Problemen der schulischen Entwicklung oder anderen soziale Auffälligkeiten kommt, ist der familiäre Hintergrund von großer Relevanz. In diesem Kapitel wird untersucht werden, inwiefern die Familie und besonders neu entstandene Familienkonstellationen in dem großen Geflecht aus Familie, Gesellschaft und Schule verwickelt sind (vgl. Dunkake, 2010: 47).

3.1 Die traditionelle Familie

Ein Blick zurück in die Vergangenheit: Es wurde aus Liebe geheiratet, nicht aus materiellen Gründen. Die Ehe wurde sehr ernst genommen und die Partner schworen sich ewige Treue. Eine Scheidung war in den Augen der Gesellschaft nicht gern gesehen. Nach der Hochzeit kam die Gründung eines eigenen Haushalts. Die Ehe ging somit in die Familie über und blieb die ganze Zeit fest mit ihr verankert (vgl. Maihofer, Böhnisch, & Wolf, 2001: 15). Aus diesen Werten bildete sich somit vor einigen Jahrzehnten das typische Bild einer Kleinfamilie: Ein verheiratetes Paar, welches mindestens ein Kind hat. Die Mutter ist Hausfrau und bleibt daheim bei den Kindern, kümmert sich um sie und den Haushalt. Der Mann geht arbeiten und sorgt so alleine für die Finanzen. Die Kinder wachsen gut behütet bei den Eltern auf, durchlaufen mit großer Unterstützung der Eltern die Schullaufbahn, und ziehen schließlich als junge Erwachsene aus dem Elternhaus aus. Zusammengefasst spiegelt das das Bild einer traditionellen deutschen Familie wieder (vgl. Bertram, 1991: vi). Diese Form der Familie nennt man auch Kernfamilie, bestehend aus Eltern und Kindern (vgl. Bertram, 1991: vii). Diese Form kann durch Großeltern oder weitere Familienmitgliedern erweitert werden, bis sie zu einer Großfamilie wird. Sie hat ihre Wurzeln in den 60er Jahren zu Zeiten des Baby-Booms (vgl. Richter, 2014). Zu dieser Zeit war die Annahme einer einzigen „gültigen“ Familienform sehr etabliert, doch diese Ansicht hat sich bereits ab 1968 geändert (ebd.). Bis zum heutigen Punkt hat sich eine Vielzahl an Familienformen durchgesetzt und so sind der Familienkonstellationen nahezu keine Grenzen gesetzt. Doch trotz dieser Entwicklung ist auch im 21 Jahrhundert die Zwei-Kind-Familie das häufigste und üblichste Modell der Familiengründung. Im Jahre 2010 waren 73 Prozent der Frauen mit Kind verheiratet (ebd.). Dieses Ergebnis bestätigt auch eine freiwillige Umfrage zur derzeitigen Lebensform junger Erwachsener in Deutschland 2015: 69 Prozent der jungen Erwachsenen gaben an, in einer Kernfamilie mit ihrem Partner und ihren Kindern zusammen zu leben (vgl. www.statista.com, 2016).

3.2 Alleinerziehende Eltern

Während in den 50er Jahren Alleinerziehende als unnormal und falsch betrachtet wurden, ist der Anblick heutzutage weder ein besonderer noch ein seltener (vgl. Maihofer, Böhnisch, & Wolf, 2001: 30). Doch erst zur Begriffsklärung: Wer gilt als alleinerziehend? Zu den Alleinerziehenden werden Mütter und Väter gezählt, die nicht verheiratet sind oder mit einem Partner zusammen leben und mit einem Kind bis 18 Jahre in einem gemeinsamen Haushalt wohnen. Dabei kommt es weniger darauf an, wer der beiden Eltern das Sorgerecht hat, sondern wer mit dem Kind aktiv zusammen lebt und für dessen Unterhalt sorgt. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass Alleinerziehende schon im Jahre 1996 einen großen Teil der Bevölkerung ausmachte. 1,3 Millionen Alleinerziehende gab es damals, das machte circa 14 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. 2009 stieg die Zahl der Alleinerziehenden auf 1,6 Millionen (vgl. Bundesamt, 2010: 7). Von den rund 18 Millionen alleinlebenden Menschen, die 2014 vom statistischen Bundesamt erfasst wurden, waren ganze 2,7 Millionen Väter oder Mütter alleinerziehend, 1,6 Millionen von ihnen alleinerziehend mit einem minderjährigen Kind (vgl. Krack-Roberg, Rübenach, Sommer, & Weinmann, 2016: 47).

Auch wenn die Zahl der alleinerziehenden Väter, besonders nach der Sorgerechtsreform, gestiegen ist, so stehen hauptsächlich alleinerziehende Mütter im Mittelpunkt der Untersuchungen (vgl. Maihofer, Böhnisch, & Wolf, 2001: 31). Im Jahre 2009 waren 9 von 10 alleinerziehenden Personen Mütter. Festzuhalten ist dabei auch, dass die Mütter im Vergleich zu den Vätern häufig jüngere Kinder betreuten, was in Abbildung 1 deutlich wird (vgl. Bundesamt, 2010: 14).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Alleinerziehende nach Alter des Kindes (Bundesamt, 2010: 15)

Ein weiterer Punkt, weswegen Alleinerziehende oft im Mittelpunkt politischer Diskussionen stehen, ist der, dass diese anfälliger für Sozialhilfeleistungen sind als zusammenlebende Paare. Sie sind dementsprechend auch häufiger von Armut betroffen als Paare mit Kindern. 2009 bezogen 41,6 Prozent der Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern Sozialhilfe, hingegen nur 8,7 Prozent der Paare mit minderjährigen Kindern (vgl. Bundesamt, 2010: 5). Grund dafür ist hauptsächlich die Ausübung eines Teilzeitjobs, während Mütter mit einem Partner häufiger einen Vollzeitjob finden (ebd.: 19).

3.3 Alternative Familienformen

Eng verbunden mit dem familialen Wandel steht auch die Entwicklung der Familienformen und damit die wachsende Anzahl alternativer Lebensformen. Während in den letzten Jahren zu beobachten war, dass Ehepaare mit minderjährigen Kindern zunehmend seltener wurden, stieg hingegen die Anzahl der Lebensgemeinschaften mit minderjährigen Kindern von 684.000 im Jahre 2004 auf 883.000 im Jahre 2014. Dieser Anstieg von 22 Prozent sorgte dafür, dass sich die Familienstruktur zunehmend veränderte (vgl. Krack-Roberg, Rübenach, Sommer, & Weinmann, 2016: 51f).

Lebensgemeinschaften bestehen aus Paaren, die nicht verheiratet sind, aber trotzdem zusammen leben und einen gemeinsamen Haushalt führen. Da die Eintragung einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft ab 2001 gesetzlich befürwortet wurde, stieg ab da die Zahl bis zum Jahr 2014 auf 78 000 an (ebd.: 46). Davon waren rund 41 000 auch gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften (ebd.: 46). Neben den Lebensgemeinschaften gibt es auch noch Patchwork- oder Stieffamilien. Sie bilden sich meist aus Partnern mit Kindern aus vorherigen Beziehungen und bilden so eine neues Familienkonstrukt (vgl. Richter, 2014). Auch alleinerziehende Mütter und Väter werden zu den alternativen Formen der Familie gezählt und bilden nach der Kernfamilie die zweithäufigste Form aller Familien in Deutschland (vgl. Krack-Roberg, Rübenach, Sommer, & Weinmann, 2016: 44).

3.4 Vor-und Nachteile verschiedener Familienkonstellationen

Festzuhalten ist: Die Pluralisierung der Lebensformen ist ein Prozess, der allgegenwärtig in Deutschland geschieht. Das traditionelle Mutter-Vater-Kind-Modell ist zwar immer noch das häufigste, jedoch gibt es eine stetige Zunahme an alternativen Familienformen. Zudem besteht eine immer größer werdende Zahl an Alleinerziehenden, die sich entweder bewusst für diese Lebensform entschieden haben oder durch Trennung oder Scheidung diesen Weg gehen mussten. Auch steigt die Zahl an nicht verheirateten Paaren und mit ihnen die Zahl der homosexuellen Paare (vgl. Maihofer, Böhnisch, & Wolf, 2001: 39).

Dieser Trend sorgt dafür, dass das Verständnis von Familie nicht nur gelockert, sondern teilweise komplett neu definiert wird. Starre traditionelle Familienformen sind seltener geworden. Hingegen kommt es zu immer mehr Patchworkfamilien, die sich aus vorherigen gescheiterten Beziehungen neu zusammenschließen (ebd.: 39 ff). Diese Entwicklung bietet allen Beteiligten mehr Freiheit. Weg von konventionellen Zwängen steht es jedem Menschen offen, seine Zukunftsplanung selbst in die Hand zu nehmen. Von einer Vielzahl an Familienkonstellationen kann sich für die passende entschieden werden. Auch bei der Frage nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf haben sich die Verhältnisse gelockert (ebd.). Zum einen, weil Frauen mittlerweile hochqualifiziert sind und ihre Rechte verstärkt in Anspruch nehmen, das heißt, nicht auf ihren Beruf verzichten wollen, aber auch, weil die Männer sich nicht mehr allein über ihren Beruf identifizieren und mehr am Familienleben und der Erziehung beteiligt sein wollen (ebd.).

Doch diese Freiheit bringt jedoch auch viel Unsicherheit mit sich. Der Ablauf der Zukunft und damit der Familiengründung ist nicht mehr selbstverständlich. Die eigene Lebensplanung muss organisiert werden und die Familiengründung auf die momentane Lebenslage und soziale Situation angepasst werden und mit den individuellen Vorstellungen der einzelnen Personen in Einklang gebracht werden (ebd.: 39).

Auch das Verständnis der Ehe hat sich im Laufe der letzten Jahre zunehmend gelockert. Ehe steht nicht mehr in fester Verbindung mit der Familie und andersherum. Man geht nicht mehr davon aus, verheiratet sein zu müssen, um eine Familie zu gründen. Die Ehe ist heutzutage immer häufiger ein Ausdruck der Ernsthaftigkeit einer Beziehung. So kommt es, dass viele Paare Kinder bekommen bevor sie heiraten (ebd.: 39f). Auch die homosexuelle Ehe ist mittlerweile etabliert, auch wenn sie in Deutschland noch relativ selten anzutreffen ist (circa 41 000 eingetragene Lebenspartnerschaften im Jahr 2014) (vgl. Krack-Roberg, Rübenach, Sommer, & Weinmann, 2016). Die sinkende Zahl an Eheschließungen bestätigt diesen Trend. Jedoch werden immer noch verheiratete Paare in der Gesellschaft privilegiert, was die über die Jahre entstandene Wirkmacht der Institution Ehe deutlich macht. Das mag auch der Grund sein, warum homosexuelle sich für eine Hochzeit entscheiden, denn bedauerlicherweise gelangen sie nur so an entsprechendes Ansehen und Gleichberechtigung (vgl. Maihofer, Böhnisch, & Wolf, 2001: 39f).

Das neue offene Verständnis von Familie sorgt dafür, dass Familie heutzutage bunt gemischt sein kann und aus verschiedensten Gründen entsteht. Oft entsteht sie nicht mehr aus konventionellen Zwängen, sondern aus freiwilligen Entscheidungen. Am deutlichsten wird dies bei den Patchworkfamilien, die lediglich aus der aktiven Entscheidung zueinander bestehen können. Die Familie ist deshalb heute mehr denn je ein Ort des Beisammenseins und der Geborgenheit (ebd.: 40).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Familie weniger selbstverständlich und als gegeben anzusehen ist. Sie wird aktiv gebildet, was aber auch gewisse Kompetenzen voraussetzt, gerade wenn Beruf und Familie vereint werden sollen oder die Familie eine Wahlfamilie ist, deren Beziehungen permanent gepflegt werden müssen. Das erfordert ein hohes Maß an Bereitschaft, Aufopferung und soziale Kompetenz, aber auch Flexibilität und gutes Zeitmanagement. Maihofer et al. beschreibt die Familie deshalb oft als ein „Ergebnis von Tätigkeiten“ (vgl. Maihofer, Böhnisch, & Wolf, 2001: 41), besonders bei den sogenannten Fortsetzungsfamilien (ebd.: 41f).

4 Aufgaben der Institution Familie

Neben der Frage nach möglichen neuen Familienkonstellationen oder Familienmodellen soll auch ein Blick darauf geworfen werden, inwiefern sich die Funktionen innerhalb der Familie im Wandel der Zeit geändert haben (vgl. Maihofer, Böhnisch, & Wolf, 2001: 7). Haben sich komplett neue Aufgabenbereiche gebildet oder lediglich das Verhältnis der Aufgaben unter den Individuen?

4.1 Funktion der Familie

Die Funktionen der Familie sind vielfältig und beinhalten sowohl biologische als auch kulturelle und soziale Faktoren. Die wichtigste Funktion, nämlich die der Reproduktion, sei hier an erster Stelle zu nennen. Durch die Fortpflanzung trägt die Familie zur Erhaltung der Gesellschaft bei und gibt dabei einen Teil ihrer eignen Familien weiter (vgl. Huinink, 2009). Festzuhalten ist hierbei, dass es zur reinen Fortpflanzung nicht zwangsläufig einer Familie bedarf, in der heutigen Gesellschaft dies jedoch die am häufigste auftretende Form ist. Der Grund der Fortpflanzung hat sich somit im Laufe der Zeit geändert (ebd.). Im Gegensatz zum reinen Überlebens- und Fortpflanzungswillen ist heute die Fortpflanzungsfunktion von der Sexualität getrennt. Eine starke Motivation ist in erster Linie einen Teil seiner selbst an die nächste Generation weiterzugeben (ebd.).

Mit der Familiengründung ist die wichtigste Funktion der Familie, besonders gegenüber den Kindern, die emotionale Zuwendung und Liebe. Beim Großziehen der Kinder und bei den Partnern unter sich bilden soziale Beziehungen das Grundgerüst für das Bestehen einer Familie (ebd.). Das vertraute Verhältnis ist nirgendwo anders so stark wie in der Institution Familie. Dazu gehören die Aufopferungsbereitschaft, der emotionale Beistand und die Unterstützung in nahezu jeder Lebenslage (ebd.). Die Familie fungiert als Ruheort für die einzelnen Mitglieder, als Rückzugsort, in dem sie sowohl körperlich als auch geistig Zuwendung und Ausgeglichenheit erfahren. Diese positiven Erfahrungen stärken besonders die in ihr heranwachsenden Individuen und sorgen bestenfalls für eine optimale Entwicklung und einem stabilen Selbstvertrauen (ebd.).

In diesem Atemzug sei auch die Sozialisation der Kinder und damit die Erziehung und in gewissem Maße auch Bildung der Kinder erwähnt (ebd.). Dabei stellt besonders die Erziehung in den ersten Lebensjahren eine elementare Rolle dar, denn durch die besonders enge Beziehung zwischen Eltern und Kind wird großer Einfluss auf den späteren Bildungsprozess ausgeübt (ebd.). Bei dieser ersten sozio-kulturellen Prägung sollen aber nicht nur allgemeine Fähigkeiten, sondern auch Werte und Normen vermittelt werden (ebd.).

4.2 Familie im Alltag

Der Alltag der Familie ist zum einen geprägt durch die in Kapitel 4.1 genannten Funktionen, die sie automatisch und oft unbewusst erfüllt. Ein weiter Bestandteil ist zudem die Aufgabenverteilung innerhalb eines Haushalts. Familienmitglieder haben in diesem Punkt einen Vorteil gegenüber Alleinstehenden, in dem sie Aufgaben des Haushalts untereinander aufteilen können (ebd.). Doch neben all dem Zeitmanagement und der Organisation, welche die Familie zu bewältigen hat, bestehen auch Aufgaben und Verpflichtungen der Gesellschaft gegenüber (ebd.). Um beruflich angemessene Leistungen zu erbringen, muss der Mensch regeneriert sein. Die Familie übernimmt die in Kapitel 4.1 beschriebene Funktion des Rückzugsortes. Darüber hinaus ist der Zusammenhalt zwischen den Generationen von großer Bedeutung für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft (ebd.). Diese Fakten unterstreichen die These von Shelsky, der die Institution Familie als Ursprung von Stabilität für die Familie und die Gesellschaft ansieht (vgl. Rosenbaum, 1973: 37).

5 Familiale Entwicklung

Im Hinblick auf die Fragestellungen dieser Arbeit, soll der Umbruch der Gesellschaft und der damit verbundene Wandel der Familie vor allem im Blick auf die Auswirkungen auf Kinder und Bildung beleuchtet werden.

Wenn vom Wandel der Familie gesprochen wird, muss Familie als eine Art Institution gesehen werden, in der Eltern sowie Kinder in einer festen Ordnung miteinander leben. Dies geschieht auf sozialer Ebene in Form von Beziehungen, Handlungsmustern und strukturellen Abläufen, die sich über die Zeit gebildet und verfestigt haben. Bohrhardt führt daher an, dass die Institution Familie durch diese Eigenschaften sowohl eine „normative Dimension“, eine „strukturelle Dimension“ und eine „eigendynamische Binnendimension“ umfasst (Bohrhardt, 1999: 45). Durch die in diesen Ebenen eingebetteten Aufgaben und Funktionen der Familie sowie die Erwartungshaltung, die die Familienmitglieder an einander haben und die Ordnung, die je nach Familie ihre Eigenart hat, ähnelt die Institution Familie der Ordnung der Gesellschaft, da es auch hier Leitbilder, rechtliche Verfestigungen und Aushandlungsprozesse gibt, nur eben nicht auf „Mikro“- sondern auf „Makroebene“ (ebd.). Familialer Wandel vollzieht sich nach Bohrhardt in allen drei Dimensionen. Jedoch unterscheiden sich die Entwicklungen zwischen sozialen, kulturellen und rechtlichen und demografischen Faktoren. Die „Binnendimension“ (ebd.) der Familie, die sich durch ihre Eigendynamik auszeichnet, bildet im Bezug zu diesen Unterschieden einen Ausgleich. Ihr relativ stabiler Charakter sichert die Familie und hält sie, auch bei stärkeren Umbrüchen, zusammen. Veränderungen in der Familie entstehen jedoch nicht von selbst, also von innen heraus. Vielmehr werden sie durch Spannungsverhältnisse mit anderen institutionellen Einrichtungen hervorgerufen. Auf die Familie hat hier der Arbeitsmarkt den stärksten Einfluss (ebd.).

Wie sich zusammenfassen lässt, vollzieht sich der Wandel der Familie auf mehreren Ebenen. Deshalb ist es wichtig, auch bei der Suche nach den Gründen für diesen Wandel die entsprechenden Ebenen zu beleuchten. Zum einen spielen natürlich gesellschaftliche und politische Veränderungen eine Rolle, aber auch veränderte soziale Verhaltensmuster und Interaktionen sowohl innerhalb der Familie als auch in Bezug zur Gesellschaft, die vor allem im Zeitvergleich deutlich werden, sollten betrachtet werden (ebd.).

5.1 Demographische Entwicklung

Auch nach Jahrzenten zählt die Geburtenrate Deutschlands im weltweiten Vergleich zu den niedrigsten. Wenn auch in den letzten Jahren ein Anstieg zu verzeichnen war, so bleibt auf lange Sicht fraglich, ob sich das Geburtenniveau je erholen wird (vgl. Olga Pötzsch, 2013: 6). Ein genauerer Blick auf die Ursachen wäre nicht im Rahmen dieser Arbeit gewesen. Es werden jedoch die wichtigsten Faktoren kurz angerissen.

Der Baby-Boom Mitte der Sechziger Jahre sorgte für ein Rekordhoch der Geburtenrate: rund 1,4 Millionen Neugeborene zählte die Bundesrepublik im Jahre 1964 (ebd.: 11). Dieser Schub bildet die heute stark vertretenden Jahrgänge der um die 50ig-jährigen. Die Geburtenrate ging Ende der 1960er Jahre in ganz Deutschland jedoch kontinuierlich zurück und sank 1972 erstmals unter die Millionenmarke, bis sie sich bei 0,8 bis 0,9 Millionen Geburten pro Jahr einpendelte (ebd.). Wie Abbildung 1 zeigt, geht seit 1991 die Geburtenrate weiter zurück. Im Jahre 2012 wurden nur noch halb so viele Kinder geboren wie 1964: nur noch rund 673.500 (ebd.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Geburtentrends in Deutschland (Olga Pötzsch, 2013: 11)

Zwei Faktoren bestimmen die Geburtenrate:

Anzahl der potentiellen Mütter

Um die Anzahl der potentiellen Mütter bestimmen zu können, muss man alle gebärfähigen Frauen in Betracht ziehen. Gebärfähig ist eine Frau im Schnitt in einem Alter von 15 bis 49 Jahren (ebd.). Die folgende Abbildung zeigt, dass diese Gruppe der Bevölkerung in Deutschland sehr unregelmäßig verteilt ist. Auffällig ist vor allem der Unterschied von den unter 30ig-jährigen und den Mitte/Ende 40-jährigen Frauen (ebd.). In Abbildung 2 ist deutlich erkennbar, dass je jünger die Bevölkerungsschicht wird, desto spärlicher ist sie auch vertreten. Das wirft ein Problem auf, denn wenn die vielen gebärfähigen Frauen, die jetzt zwischen 45 und 49 Jahre alt sind, durch die schwächer besetzen jüngeren Jahrgänge ersetzt werden, wird die Anzahl der potentiellen Mütter stark sinken (ebd.). Das muss nicht zwangsläufig weniger Geburten bedeuten, jedoch ist diese negative Tendenz nicht außer Acht zu lassen (ebd.: 12).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Verteilung der weiblichen Bevölkerung nach Alter (Olga Pötzsch, 2013: 12)

Innerhalb dieser Zeitspanne hat sich im Vergleich von damals bis heute jedoch viel verändert. Abbildung 3 verdeutlicht, dass vor allem die Geburtenrate in Bezug auf das Alter im Zeitvergleich sehr unterschiedlich ist (ebd.). Während im Jahre 1964 vor allem junge Mütter die meisten Kinder bekamen, und die Altersgruppe von 21- bis 30-jährigen war zu der Zeit zudem am stärksten vertreten, so bekamen im Jahre 2012 die Frauen im Alter von 26 bis 36 die meisten Kinder (ebd.: 13).

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Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Familie und soziale Ungleichheit. Hängen die Bildungschancen eines Kindes von der sozialen Herkunft ab?
Autor
Jahr
2019
Seiten
48
Katalognummer
V457431
ISBN (eBook)
9783960955900
ISBN (Buch)
9783960955917
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale Herkunft, Kinder, Jugendliche, sozialer Raum, Schulbildung, Gleichheit
Arbeit zitieren
Fenna Mohrbach (Autor), 2019, Familie und soziale Ungleichheit. Hängen die Bildungschancen eines Kindes von der sozialen Herkunft ab?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/457431

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