Die Determinanten der Ausgaben für Aktive Arbeitsmarktpolitik

Parteipolitische Einflussfaktoren im OECD-Ländervergleich


Bachelorarbeit, 2012
42 Seiten, Note: 1,6
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung und Fragestellung

2 Konzept der aktiven Arbeitsmarktpolitik

3 Theoretische Grundlagen und Hypothesenbildung
3.1 Parteiendifferenztheorie
3.2 Parteiendifferenztheorie und aktive Arbeitsmarktpolitik
3.3 Hypothesenbildung

4 Forschungsdesign
4.1 Methodik
4.2 Operationalisierung der Variablen

5 Empirische Analyse : Determinanten der Höhe der Ausgaben für aktive Arbeitsmarktpolitik 2007
5.1 Einzeleffekte der Unabhängigen Variablen
5.2 Ergebnisse der Regressionsanalyse
5.3 Regressionsdiagnostik
5.4 Inhaltliche Bewertung der Ergebnisse

6 Fazit

Literatur

„Erwerbsarbeit und das durch sie erzielte Einkommen spielen eine zentrale Rolle für das materielle Wohlergehen, das Selbstverständnis, die Lebenschancen, die Anerkennung und die gesellschaftliche Einbindung der meisten Individuen.“

(Kocka & Offe 2000: 9)

1 Einleitung und Fragestellung

Entsprechend dieser Bedeutung von Erwerbsarbeit auf individueller und gesellschaftlicher Ebene, stellt für Parteien als Entscheidungsträger des politischen Prozesses aber auch als Anbieter von politischer Programmatik auf dem Wählerstimmenmarkt, der Arbeitsmarkt eines der Kernstücke der politischen Agenda dar. Nicht umsonst lassen sich Politiker insbesondere an ihren Erfolgen in der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik messen, Indizes wie eine hohe Arbeitslosenquote können wahlentscheidend sein. Dabei stellt sich die Frage, in wie weit es überhaupt in der Hand der regierenden Parteien liegt, über eine Steuerung des volkswirtschaftlichen Konjunkturzyklus indirekt Einfluss auf die Höhe der Arbeitslosigkeit zu nehmen. In Zeiten von zunehmender Globalisierung, vertiefter europäischer Integration und Austerität wird Parteien auf nationaler Ebene zunehmend die Steuerungsfähigkeit von volkswirtschaftlichen Prozessen abgesprochen. Insbesondere die Kapitalverkehrsfreiheit führt dazu, dass eine antizyklische Konjunkturpolitik, zur Erhöhung der nationalen Nachfrage und damit zur Schaffung von Arbeitsplätzen, über Importsteigerung zum Teil ins Ausland abfließt (Hirst & Thompson 1996: 143).

Ein unabhängig von diesen Entwicklungen wirkmächtiges Instrument zur Steuerung des Arbeitsmarktes ist die aktive Arbeitsmarktpolitik (auch AAMP). Diese steht mit dem Ziel, Arbeitssuchende, oftmals Problemgruppen des Arbeitsmarktes, in den Arbeitsmarkt zu reintegrieren, der passiven Arbeitsmarktpolitik gegenüber, die sich aus Maßnahmen wie Arbeitslosenversicherung, Arbeitslosenzahlungen und Frühverrentung zusammensetzt. Die aktive Arbeitsmarktpolitik wirkt auf nationaler Ebene auf die Qualität des Arbeitskräfteangebots, die Arbeitsnachfrage sowie deren Schnittstelle die Arbeitsvermittlung ein. Dabei ist es möglich, mit den Maßnahmen dieser Policy zur Senkung der Arbeitslosigkeit den Schritt über die volkswirtschaftliche Entwicklung zu umgehen. Dies resultiert in einer erhöhten Ergebniserwartbarkeit. Internationale Organisationen, wie die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die International Labour Organization (ILO) oder die Europäische Union (EU) empfehlen ihren Mitgliedsstaaten den Einsatz der aktiven Arbeitsmarktpolitik. Gemessen an diesen Empfehlungen fallen die Ausgaben für aktive Arbeitsmarktpolitik anteilig am Bruttoinlandsprodukt jedoch äußerst unterschiedlich aus. Durchschnittlich geben die etablierten OECD-Demokratien 0,58 % des Bruttoinlandsprodukts aus, den Höchstwert erreicht Dänemark mit 1,3 %, den Minimalwert Island mit 0,047 % des Bruttoinlandsprodukts (siehe Abbildung 1).

Die politischen und sozioökonomischen Ursachen dieser Variation waren bereits Forschungsgegenstand vielfältiger wissenschaftlicher Studien. Als eine der ersten untersuchten Thomas Janoski (1990, 1994) und Charles Boix (1998) den Einfluss von Parteien auf die Ausgaben für aktive Arbeitsmarktpolitik. Sie konnten bei einem Untersuchungszeitraum ab 1980 feststellen, dass linke Parteien mit höheren Ausgaben für aktive Arbeitsmarktpolitik einhergehen. Auch aktuellere wissenschaftliche Studien von Martin & Swank (2004), Huo et al. (2008) und in Teilen Nelson (2012) belegen den ausgabensteigernden Effekt von linken Regierungsparteien. David Rueda (2006, 2007) dagegen zeigte mit seinen Untersuchungen ebenso wie Franzese & Hays (2006), Armingeon (2007) und Vlandas (2011), dass die parteipolitische Zusammensetzung der Regierung hinsichtlich der Ausgaben für aktive Arbeitsmarktpolitik keinen signifikanten Unterschied macht. Klaus Armingeon (2007) untersuchte in seiner Studie den Einfluss von internationalen Organisationen, im speziellen der Europäischen Union und der OECD, auf die Ausgaben für aktive Arbeitsmarktpolitik. Er kommt zu dem Schluss, dass die OECD keinen starken direkten Einfluss auf die nationalen Policies hat. Die Europäische Union dagegen wirkte über die europäische Beschäftigungsstrategie ab dem Jahr 1997 in den Mitgliedsstaaten ausgabensteigernd. Martin & Swank (2004) stellen zudem einen signifikant positiven Einfluss von korporatistischer Einbindung der Arbeitgeberverbände auf die Ausgaben für aktive Arbeitsmarktpolitik fest. Ähnliche Ergebnisse jedoch für die korporatistische Einbindung von Gewerkschaften findet Nelson (2006).

Insbesondere die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der parteipolitischen Zusammensetzung der Regierung und den Ausgaben für aktive Arbeitsmarktpolitik bleibt demnach in der wissenschaftlichen Debatte nicht abschließend geklärt. Daher möchte ich, als Zielsetzung dieser Arbeit, mit den mir gegebenen methodischen Möglichkeiten einen Beitrag zur Klärung dieser Frage leisten. Die Fragestellung dieser Arbeit lautet:

Welchen Einfluss hatten parteipolitische Determinanten im Zeitraum von 1990-2007 auf das Niveau der Ausgaben für aktive Arbeitsmarktpolitik in etablierten OECD-Demokratien im Jahr 2007?

Die Beantwortung der gestellten Forschungsfrage erfolgt anhand folgender Schritte:

Zu Beginn wird in Kapitel 2 die Policy der aktiven Arbeitsmarktpolitik inhaltlich erläutert, ihre wirtschaftstheoretisch begründeten Effekte aufgezeigt sowie ein Überblick über ihre historische Entwicklung gegeben. Kapitel 3.1 stellt die zur Beantwortung der Forschungsfrage notwendige Parteiendifferenztheorie vor, die im darauffolgenden Abschnitt spezifisch auf den Bereich der Arbeitsmarktpolitik angewandt wird. Diese praktische Anwendung mündet schließlich in Kapitel 3.3 in zwei empirisch zu überprüfenden Hypothesen. Diese werden mit Hilfe eines makro-quantitativen Vergleichs der etablierten OECD-Demokratien untersucht. Kapitel 4 beschäftigt sich genauer mit dem Forschungsdesign und widmet sich abschließend ausführlich der Operationalisierung von abhängiger und unabhängiger Variable. Des Weiteren werden alternative Kontrollkonzepte, beispielsweise der Einfluss der Europäischen Union, vorgestellt und der erwartete Wirkungszusammenhang theoretisch begründet. Das folgende Kapitel 5 dient der Untersuchung der Ergebnisse von einfachen bivariaten Analysen sowie mehreren multivariaten Querschnittsregressionsmodellen, die es erlauben, funktionale Zusammenhänge zwischen abhängiger und unabhängigen Variablen zu identifizieren. Abschließend erfolgt eine inhaltliche Bewertung der Ergebnisse.

2 Konzept der aktiven Arbeitsmarktpolitik

Die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Europa (OECD) definiert das Ziel aktiver arbeitspolitischer Maßnahmen als „[...]enhancing labour market mobility and adjustment, facilitating the redeployment of workers to productive activities, and generally enabling people to seize new job opportunitis as they arise“ (OECD 2012). Diese Definition soll im Folgenden grundlegend für die weitere Arbeit mit dem Begriff der aktiven Arbeitsmarktpolitik sein. Darüber hinaus lassen sich fünf Teilbereiche der aktiven Arbeitsmarktpolitik unterscheiden:

0pt

- Weiterbildungsmaßnahmen
- Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt
- Subventionierung von Arbeit
- Direkte Schaffung von Beschäftigung durch den öffentlichen Sektor
- Maßnahmen zur Effizienzsteigerung der Arbeitslosenvermittlung

In der makroökonomischen Theorie haben Maßnahmen der aktive Arbeitsmarktpolitik vielfältige Wirkungen auf Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage. Nach Kröger & v. Suntum (1999) kann durch eine effizientere Arbeitsvermittlung, d.h. eine Verbesserung des Matching-Prozesses, die Suchdauer nach qualifizierten Arbeitskräften reduziert und dadurch offene Stellen zügiger bsetzt werden. Zudem begünstigt eine Senkung der Suchkosten für die Arbeitgeber die zusätzliche Einstellung von Arbeitskräften. Über den Einsatz von Weiterbildungsmaßnahmen, insbesondere für Problemgruppen des Arbeitsmarktes, lässt sich Dequalifizierungsprozessen aufgrund von Langzeitarbeitslosigkeit entgegenwirken. Dadurch kann eine Stabilisierung des effektiven Arbeitskräfteangebots einer Volkswirtschaft erreicht werden. Im Idealfall wird außerdem die Produktivität der Teilnehmer der Qualifizierungsmaßnahmen gesteigert. Dies kann wiederum zu einer Erhöhung der Arbeitsnachfrage führen (ZEW 2012). Ein weiterer Effekt der genannten Maßnahmen ist die Verbesserung der Situation von Arbeitsmarktoutsidern, d.h. von Arbeitslosen und Personen in prekären Beschäftigungsverhältnissen, gegenüber Arbeitsmarktinsidern, den festangestellten Arbeitnehmern. Der letztgenannten Gruppe ist es theoretisch ohne intervenierende Maßnahmen „aufgrund von Marktmacht möglich, den gesamtwirtschaftlichen Lohnsatz bei den Tarifverhandlungen oberhalb des markträumenden Niveaus festzusetzen, wodurch [...] Outsider zum herrschenden Lohnsatz keine Beschäftigung finden können“ (Kröger & v. Suntum 1999: 20). Die theoretischen Effekte von Beschäftigungssubventionen sind umstritten, da Substitutionseffekte auftreten können. Dies ist z.B. der Fall, wenn die Förderung einer Zielgruppe zu Lasten einer anderen Personengruppe erfolgt, etwa wenn anstelle von Kurzzeitarbeitslosen primär Langzeitarbeitslose eingestellt werden.

Insgesamt kann der Gesamteffekt der genannten Maßnahmen zu einer Steigerung des subjektiven Wohlbefindens der Programmteilnehmer führen, da diese aus der Situation der Erwerbslosigkeit in gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse reintegriert werden (Kröger & v. Suntum 1999: 17ff).

Die Ursprünge dieser Policies, dem präventiven und aktiven statt reaktionären arbeitsmarktpolitischen Vorgehen, liegen zu Beginn der 1950er Jahre in Schweden. In dieser frühen Phase zielten die von Sozialdemokraten initiierten Maßnahmen auf eine Verbesserung der Situation von erwerbstätigen Arbeitnehmern ab, da sie auf bestehende Vollbeschäftigung bei partiellen Arbeitskräfteengpässen zugeschnitten waren (Oschmiansky 2010). Angestrebt wurde die Angleichung von Löhnen und Gehältern im Sinne sozialer Gerechtigkeit sowie Humankapitalverbesserungen, um den durch technologischen Wandel determinierten, wachsenden Anforderungen prosperierender Industrienationen an die Arbeitnehmerschaft gerecht zu werden.

Obwohl diese Policy ursprünglich von sozialdemokratischen Parteien geprägt wurde, adaptierten liberale und konservative Regierungen teilweise die Vorgehensweise und der Einsatz von aktive Arbeitsmarktpolitik fand auch außerhalb von Skandinavien vermehrt Anwendung. Unterstützend wirkten Policy-Empfehlungen der OECD sowie der International Labour Organisation (ILO), die ihre Mitgliedsstaaten mit den ihnen gegebenen Mitteln zu größerer Initiative für aktive Arbeitsmarktpolitik verpflichteten bzw. durch Expertisen ermunterten. Beispielhaft dafür ist das von der in Deutschland regierenden großen Koalition verabschiedete Arbeitsförderungsgesetz aus dem Jahre 1969 (Bonoli 2010: 16), welches Bildungs- und Mobilitätsförderung in den Fokus rückte.

In Reaktion auf die Ölkrise der Jahre 1973/1974 und der damit verbundenen Massenarbeitslosigkeit, verschob sich der Schwerpunkt der aktive Arbeitsmarktpolitik von der Arbeitsangebots- auf die Arbeitsnachfrageseite. Ziel war von nun an die Generierung von Beschäftigung im öffentlichen Sektor bzw. die Subventionierung von Arbeit auf der Makroebene (Bonoli 2010: 14).

Als dritte Phase in der Genese der aktive Arbeitsmarktpolitik lassen sich die durch sozialdemokratische Wahlerfolge gekennzeichneten Jahre ab 1996 bezeichnen. Geprägt war diese Phase von der Politik des Dritten Weges nach Anthony Giddens welche in weiten Teilen der OECD-Demokratien den Anstoß für Reformkonzepte mit dem Ziel eines aktivierenden Wohlfahrtsstaates gab. Entsprechend dem Prinzip des Workfare State verschob sich die Priorität zunehmend auf die arbeitsmarktpolitische Aktivierung auf Mikroebene sowie die damit verbundene Konditionalisierung sozialer Rechte statt der Zahlung finanzieller Transfers (Dingeldey 2011:40, Knuth 2005: 179). ’Keine Rechte ohne Pflichten’ und ’Fördern und Fordern’ wurden im Zuge dessen zu Paradigmen der deutschen aktivierenden Arbeitsmarktpolitik, die sich in den Hartz Reformen und dem Job AQTIV Gesetz wiederspiegelt.

Zusätzlich zu dieser Entwicklung erhielt die aktive Arbeitsmarktpolitik in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union Auftrieb durch die europäische Beschäftigungsstrategie aus dem Jahr 1997. Diese wurde im Zuge des Vertrages von Maastricht verabschiedet, um das im Vertrag von Amsterdam festgelegte Ziel eines hohen Beschäftigungsniveaus zu erreichen (Ostheim & Zohlnhöfer 2002: 9). Die Strategie besteht im Kern aus den jährlich durch die Europäische Kommission vorgeschlagenen beschäftigungspolitischen Leitlinien, welche als Mindeststandards im Sinne verbindlicher Richtlinien verstanden werden können. Gemäß dem Subsidiaritätsprinzip verbleiben die Regelungskompetenzen bei den nationalen Regierungen. Die 1998 erstmalig verabschiedeten Leitlinien galten unter anderem der Implementierung der aktive Arbeitsmarktpolitik in Form von Steigerung der Beschäftigungsfähigkeit durch lebenslanges Lernen (Ostheim & Zohlnhöfer 2002: 11).

3 Theoretische Grundlagen und Hypothesenbildung

Die vergleichende Staatstätigkeitsforschung arbeitet primär mit sechs Theorieschulen, die das Handeln sowie das Nicht-Handeln von Regierungen analysieren und erklären. Diese Theorieschulen legen jeweils den Fokus auf einen Erklärungsfaktor der Staatstätigkeit. So betrachtet die Theorie der Sozio-Ökonomischen Determinanten „Staatstätigkeit vor allem als Reaktion auf strukturelle gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen“ (Schmidt et al. 2007: 22), während die Internationale Hypothese davon ausgeht, dass „Staatstätigkeit im Wesentlichen von inter- oder transnationalen Konstellationen und Kräften beeinflusst wird“ (Schmidt et al. 2007: 24). Die Grundlage meiner Arbeit, das forschungsleitende Theoriefundament, ist die Parteiendifferenztheorie. Nichtsdestotrotz werden Ansätze der übrigen Theorieschulen, etwa über die Verwendung entsprechender Kontrollvariablen, als weitere Erklärungsfaktoren in die Analyse der Determinanten der Ausgaben für aktive Arbeitsmarktpolitik mit einbezogen.

3.1 Parteiendifferenztheorie

Die Parteiendifferenztheorie erklärt die Variation der policy outcomes von politischen Systemen mit der parteipolitischen Zusammensetzung der Regierung. Dabei beruht die Theorie auf den Annahmen, dass a) Parteien die Interessen ihrer Hauptwählerklientel vertreten, um bei Wahlen ihren Stimmenanteil zu maximieren und b) ihre Steuerungskompetenz ausreichend groß ist, um diese Interessen durchzusetzen. Dies führt im Resultat zu divergierenden policy outcomes, da beispielsweise in Bezug auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik „[..] linke Parteien eher und in höherem Ausmaß gewillt sind, in die Volkswirtschaft einzugreifen und den Wohlfahrtstaat auszubauen, während rechten Parteien eher eine Politik zur Stärkung der Marktkräfte unterstellt wird“ (Zohlnhöfer 2008: 159f).

Genese der Parteiendifferenztheorie

Der Kausalpfad der ’partisan theory’ geht auf den Ansatz von Douglas Hibbs aus dem Jahr 1977 zurück, der die unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Präferenzen von linken und rechten Parteien für die Variation von Arbeitslosenquote und Inflationsrate verantwortlich macht. Grundlage dessen ist der von Alban Phillips aufgestellte, inverse Zusammenhang zwischen der Höhe der Arbeitslosenquote und der Höhe der Inflationsrate, die sogenannte Phillips-Kurve (Mankiw 2011: 492ff). Da Hibbs diese Theorie als korrektes Abbild der Realität annimmt, folgert er für Regierungen einen Trade-Off zwischen Vollbeschäftigung und Preisstabilität. Regierungsparteien haben bei gegebener Steuerungskompetenz demnach die Möglichkeit, die „Arbeitslosenquote auf Kosten einer steigenden Inflationsrate zu senken und vice versa“ (Zohlnhöfer 2003: 48). Für welche dieser beiden Möglichkeiten sich linke bzw. rechte Parteien entscheiden, macht Hibbs an der jeweiligen Wählerklientel fest, deren Interessen die Parteien aus wahltaktischen Gründen verfolgen.

Da sozialdemokratische bzw. sozialistische Parteien vorrangig von der Arbeiterklasse gewählt werden, steht für sie das Politikziel der Vollbeschäftigung im Vordergrund, auch unter Inkaufnahme von Inflation. Konservative Parteien vertreten dagegen als Wählerklientel vor allem die gehobene Mittel- und Oberschicht (Hibbs 1977: 1468). Diese gesellschaftliche Klasse sieht Preisstabilität als primäres Ziel, da für sie die größte Bedrohung nicht der Verlust des Arbeitsplatzes, sondern die Entwertung ihres Kapitals durch Inflation darstellt. Die Parteiendifferenz nach Hibbs baut demnach entscheidend auf der Konfliktlinie von Arbeit und Kapital, dem klassischen sozio-ökonomischen Cleavage, auf. Einer empirischen Überprüfung halten seine Hypothesen stand. Er resümiert nach einem Vergleich von zwölf westlichen Industrieländern zwischen 1960 und 1969, dass „the macroeconomic policies pursued by the left- and right-wing governments are broadly in accordance with the objective economic interests and subjective preferences if their classdefined core political constutiencies“ (Hibbs 1977: 1458).

Nach heutigem Stand der Forschung sind Hibbs Befunde jedoch nicht mehr tragbar. Zum einen zeigte Manfred G. Schmidt (1982), dass Hibbs empirische Ergebnisse im wesentlichen darauf beruhen, dass er abweichende Fälle aus der Analyse ausgechlossen hat. Zum anderen ist das wirtschaftswissenschaftliche Fundament, die Phillips-Kurve, durch Milton Friedman & Edmund Phelps in dem Sinne widerlegt, dass bedingt durch adaptive Erwartungen der Wirtschaftssubjekte nur ein kurzfristiger Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Infaltion besteht.

Weitere fundamentale Kritik setzt an Hibbs Annahme an, dass klassenbasierte Massenintegrationsparteien existieren, deren Wählerklientel jeweils klare wirtschaftspolitische Interessen zugeordnet werden können. Katz und Mair wollen stattdessen eine Veränderung der Massenintegrations- hin zu Kartellparteien feststellen. Kartellparteien sind vom Staat abhängig und haben zum Ziel, ihre Privilegien im politischen System zu sichern. Die klare inhaltliche Abgrenzung der Parteien untereinander verliert an Bedeutung, da sie sich in Koalitionen zusammenfinden, um die angesprochene Privilegiensicherung zu ermöglichen (Katz & Mair 1995:23). Daraus lässt sich eine Verminderung der Parteiendifferenzen folgern.

Trotz der angesprochenen Kritik ist Hibbs Kernargument wegweisend in der vergleichenden Staatstätigkeitsforschung und bietet vielfältige Ansätze zur Weiterentwicklung, die im weiteren Verlauf dieses Abschnitts vorgestellt werden.

Edward Tufte erweitert Hibbs Theorie „um zwei wichtige Bestimmungsfaktoren der Wirtschafts- und Sozialpolitik: den Wahlzeitpunkt und das vorherrschende wirtschaftspolitische Problem“ (Schmidt & Ostheim 2007: 53). Diese beiden Faktoren können die ursprüngliche Parteiendifferenz, die von der sozio-ökonomischen Konfliktlinie geprägt ist, beeinflussen (Tufte 1978: 100). Tufte nimmt damit Bezug auf die Theorie des politischen Konjunkturzyklus, nach dem Regierungen insbesondere in Vorwahlphasen die wirtschaftliche Performanz steigern oder z.B. sozialpolitische Transferzahlungen erhöhen, um Wählerstimmen zu gewinnen. Durch diesen Mechanismus ist es denkbar, dass Parteien konträr zu ihrer eigentlichen Programmatik handeln.

Francis Castle legt in seiner Erweiterung der Parteiendifferenztheorie ein besonderes Augenmerk auf die Parteifamilie der Zentrumsparteien, die seiner Ansicht nach nur schwer in die bis dato dichotome Unterscheidung von Links- und Rechtsparteien, einzuordnen sind. Als Begründung führt er das Fehlen einer einheitlichen Wählerschaft dieser Parteifamilie an. Daraus ergibt sich, dass die Interessen der Wählerklientel von Zentrumsparteien nicht homogen sind und daher ein Rückschluss auf das parteipolitische Handeln nicht möglich ist. Aufgrund dieser Sachlage vermutet Castles in Bezug auf öffentliche Ausgaben, dass „the impact of parties of the centre is likely to be indeterminate“ (Castles 1982: 58). Hinsichtlich des Sozialstaatsausbaus findet Castles jedoch in seiner empirischen Analyse Anhaltspunkte dafür, dass Zentrumsparteien tendenziell sozialstaatsfördernd agieren.

Eine weitere vielbeachtete Weiterentwicklung der Parteiendifferenztheorie ist der Ansatz von Alexander M. Hicks und Duane H. Swank, die den Einfluss von starken Oppositionsparteien und kleinen Koalitionspartnern auf das Regierungshandeln als gewichtige Rahmenbedingung in ihre Analyse miteinbeziehen. Hicks und Swank gehen davon aus, dass es zu sogenannten Ansteckungseffekten der Oppositionsparteien auf das Regierungshandeln kommen kann (Schmidt &Ostheim 2007: 54). Der politische Outcome hinsichtlich des Wohlfahrtsstaates „led by particular types of parties show significant differences and vary notably with the strength of oppositional (and junior coalitional) parties“ (Hicks & Swank 1992: 658). Nehmen Rechtsparteien Ansätze von politischen Programmen linker Parteien an, erfolgt eine „contagion from the left“ (Hicks & Swank 1992: 668f) und vice versa ist eine Bezeichnung als contagion from the right möglich. Damit wird die klare Zuordenbarkeit parteipolitischer Effekte eingeschränkt und die Aussagefähigkeit der Parteiendifferenztheorie gemindert.

[...]

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Die Determinanten der Ausgaben für Aktive Arbeitsmarktpolitik
Untertitel
Parteipolitische Einflussfaktoren im OECD-Ländervergleich
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,6
Jahr
2012
Seiten
42
Katalognummer
V457432
ISBN (eBook)
9783668887985
ISBN (Buch)
9783668887992
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aktive Arbeitsmartpolitik, Parteiendifferenztheorie, Arbeitsmarktpolitik
Arbeit zitieren
Anonym, 2012, Die Determinanten der Ausgaben für Aktive Arbeitsmarktpolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/457432

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Determinanten der Ausgaben für Aktive Arbeitsmarktpolitik


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden