Diese Arbeit befasst sich mit der Novelle "Das Erdbeben in Chili" von Heinrich von Kleist. "Jeder ist seines Glückes Schmied" lautet ein bekanntes Sprichwort, doch bei Heinrich von Kleists Novelle "Das Erdbeben in Chili" mutet eher der Zufall an, des Glückes Schmied zu sein. Denn hier scheint der Zufall immer wieder dazu zu führen, dass Glück Unglück und Unglück Glück ablöst. Besonders auffällig an der Novelle ist, dass es zu einem beständigen Wechsel von Glück und Unglück kommt, ohne dass die Figuren etwas dagegen tun können, denn die gesamte Handlung wird von plötzlichen Zufällen bestimmt. Wie genau diese Wechsel sich vollziehen und ob sie als Glück oder Unglück der Protagonisten zu verstehen sind, soll die folgende Untersuchung der Novelle zeigen.
Dabei wird zunächst erläutert, was im weiteren Verlauf unter Glück, Unglück und Katastrophe zu verstehen ist. Im Anschluss an die Untersuchung erfolgt ein Fazit, bei welcher die Frage, ob das Erdbeben Glück oder Unglück für Jeronimo und Josephe gebracht hat, und inwiefern der Erzähler eben jenes dem Leser vermittelt oder auch nicht, diskutiert wird.
"Das Erdbeben in Chili" wirft bei dem Leser immer wieder Fragen auf, welche jedoch bis zum Schluss keine wirklichen Antworten erhalten, nicht zuletzt weil der Erzähler vieles undurchsichtig lässt und er einen immer wieder in die Irre führt. Gerade eben war es noch Glück, welches die Protagonisten erfahren, im nächsten kommt ein Zufall und verkehrt das ganze wieder ins Unglück für die beiden. Nie kann der Leser sicher sein, was als nächstes passieren wird und ob es denn tatsächlich Glück für Jeronimo und Josephe bedeutet oder nicht. Denn Glück und Unglück scheinen wie zwei Seiten derselben Münze zu sein, denn immer wieder werden sie in widersprechender Art und Weise eingesetzt. Dies ermöglicht dem Leser unendliche Möglichkeiten einer Interpretation, und selbst wenn man glaubt, zu einem befriedigenden Ergebnis gekommen zu sein, werfen sich plötzlich wieder neue Fragen auf und es kommt zu neuen Spekulationen auf die Auswirkungen bestimmter Ereignisse, Handlungen und Zufälle.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Glück und Unglück bei Jeronimo und Josephe in „Das Erdbeben in Chili“
2.1 Glück und Unglück in Teil A – Das Erdbeben
2.2 Glück und Unglück in Teil B – Die Idylle und Täuschung
2.3 Glück und Unglück in Teil C – Der Mord
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das ambivalente Zusammenspiel von Glück und Unglück in Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“. Dabei wird analysiert, inwiefern Zufälle die Handlung bestimmen und ob das titelgebende Erdbeben für die Protagonisten Jeronimo und Josephe retrospektiv als rettendes Glück oder verhängnisvolles Unglück zu bewerten ist.
- Strukturelle Analyse nach der Dreiteilung von Wellbery
- Definition und theoretische Einordnung von Glück, Unglück und Katastrophe
- Untersuchung der narrativen Rolle des Erzählers und seiner „Als-ob“-Sätze
- Diskussion des trügerischen Scheins der Idylle
- Bewertung der gesellschaftlichen Ordnung und des menschlichen Schicksals
Auszug aus dem Buch
Glück und Unglück in Teil B – Die Idylle und Täuschung
Als sie erwachten, stand die Sonne schon hoch am Himmel, und sie bemerkten in ihrer Nähe mehrere Familien, beschäftigt, sich am Feuer ein kleines Morgenbrot zu bereiten. Jeronimo dachte eben auch, wie er Nahrung für die Seinigen herbeischaffen sollte, als ein junger wohlgekleideter Mann, mit einem Kinde auf dem Arm, zu Josephen trat, und sie mit Bescheidenheit fragte, ob sie diese armen Wurme, dessen Mutter dort unter den Bäumen beschädigt liege, nicht für kurze Zeit ihre Brust reichen wolle?
In dieser Einleitung des zweiten Abschnittes des „Erdbebens in Chili“, zeigt sich, wie sehr die Gesellschaft sich anscheinend gewandelt hat, sozusagen ein „Umsturz aller Verhältnisse“. Interessant ist dabei, dass sich die Handlung aus der Stadt auf das Land verschoben hat. Es kommt zu einem Stillstand und dieser „idyllische Stillstand ist das Aufatmen nach dem Schrecken, das sich mit Sinn füllt. […] die Idylle [wird] hier zum Ort des Glücks […].“ Vergessen scheinen die Taten Jeronimos und Josephes und alle sind herzlich zueinander und insbesondere der junge Don Fernando nimmt sich der beiden an und es scheint für Jeronimo und Josephe eine Wiederaufnahme in die Gesellschaft zu sein, sodass die Pläne ohne Wiederkehr nach Spanien zu flüchten ad acta gelegt werden und sie sich in die neue Gesellschaft einordnen und ein neues Leben beginnen wollen. Hier zeigt sich, dass die Idylle Glück für die beiden zu sein scheint und eine gerechtere Ordnung herrscht.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik des ständigen Wechsels von Glück und Unglück durch Zufälle in der Novelle sowie Darlegung der methodischen Vorgehensweise.
Glück und Unglück bei Jeronimo und Josephe in „Das Erdbeben in Chili“: Theoretische Definition der zentralen Begriffe Glück, Unglück und Katastrophe als Grundlage für die folgende Analyse.
Glück und Unglück in Teil A – Das Erdbeben: Untersuchung des ersten Teils der Novelle, in dem das Erdbeben die Protagonisten vor dem sicheren Tod rettet, sie jedoch kurz darauf erneut in eine existenzielle Krise stürzt.
Glück und Unglück in Teil B – Die Idylle und Täuschung: Analyse des zweiten Teils, der eine trügerische Harmonie im ländlichen Raum zeigt, in dem die Figuren die drohenden Gefahren der gesellschaftlichen Realität verkennen.
Glück und Unglück in Teil C – Der Mord: Betrachtung des dritten Teils, in dem die Rückkehr in die Stadt, initiiert durch eine fanatisierende Predigt, zur finalen Katastrophe und Ermordung der Liebenden führt.
Fazit: Zusammenfassende Diskussion über die Unmöglichkeit einer eindeutigen Deutung des Geschehens, da der Erzähler den Leser bewusst in der Schwebe lässt.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Das Erdbeben in Chili, Glück, Unglück, Zufall, Katastrophe, Idylle, Täuschung, Jeronimo, Josephe, Erzähler, Literaturanalyse, Ordnung, Schicksal, Ambivalenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die dialektische Beziehung von Glück und Unglück in Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“ und wie der Erzähler den Leser durch eine unzuverlässige Perspektive in der Deutung beeinflusst.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Analyse?
Im Mittelpunkt stehen die Begriffe von Glück und Unglück, die Rolle des Zufalls, die trügerische Idylle im Kontrast zur gesellschaftlichen Gewalt sowie die narrativen Strategien des Erzählers.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu klären, ob das Erdbeben und dessen Folgen für die Protagonisten Jeronimo und Josephe letztlich als positives Glück oder als zerstörerisches Unglück zu interpretieren sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es wird eine textnahe Analyse unter Anwendung der erzähltheoretischen Dreiteilung nach D. E. Wellbery durchgeführt, ergänzt durch literaturwissenschaftliche Sekundärquellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert die Novelle in drei Abschnitte, die jeweils hinsichtlich des Wechsels zwischen Glücksmomenten und Unglücksereignissen unter Einbeziehung von Fachliteratur untersucht werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind „Zufall“, „Glück“, „Unglück“, „Katastrophe“ und die literaturwissenschaftliche Einordnung der Kleistschen Erzählweise.
Warum wird der dritte Teil der Novelle in dieser Arbeit anders eingeteilt als bei Wellbery?
Der Autor argumentiert, dass der Mord als Teil C erst mit der Ankunft in der Kirche der Dominikaner beginnt, während der vorangegangene Textabschnitt noch zur Täuschung gezählt werden sollte.
Was ist das zentrale Ergebnis der Arbeit in Bezug auf die „Idylle“?
Die Idylle wird als „fadenscheinige Lüge“ entlarvt, die den Protagonisten ein temporäres Glück vorgaukelt und sie blind gegenüber der weiterhin existierenden gesellschaftlichen Gefahr macht.
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- Anonym (Autor), 2015, Glück und Unglück von Jeronimo und Josephe in der Novelle "Das Erdbeben in Chili" von Heinrich von Kleist, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/457598