Self-Affirmation Kurzintervention zur Verfestigung von Psychoedukation bei jugendlichen Cannabiskonsumenten

Eine experimentelle Studie


Masterarbeit, 2018

56 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1. Einleitung
1.1 Cannabis und Suchtverhalten
1.2 Maßnahmen der Suchtberatungsstelle IMPULS
1.3 Die klassische Self-Affirmation Intervention
1.4 Self-Affirmation Kurz- und Langzeiteffekte
1.5 Fragestellung und Hypothesen

2. Methode
2.1 Design, Gruppenbildung und Stichprobe
2.2 Methodenbeschreibung und Messinstrumente
2.3 Statistische Auswertung

3. Ergebnisse
3.1 Deskriptive Statistiken
3.2 Behandlungseffekte: psychologische Belastungen und Konsumverhalten
3.3 Ermittlung der Eintretenswahrscheinlichkeit einer psychologischen und konsumorientierten Verbesserung durch die Self-Affirmation Kurzintervention
3.4 Langzeiteffekte der Self-Affirmation Kurzintervention

4. Diskussion

5. Stärken und Limitationen

6. Schlussfolgerung

7. Literatur

8. Tabellen und Abbildungen

Abstract

Self-Affirmation – a Short Intervention for Young Cannabis Users

Objective: In order to treat young cannabis users after a critical life event, a short self-affirmation intervention lasting five minutes was developed. Its effectiveness was examined in particular with regard to the severity of symptoms, optimism, self-esteem, consumer behaviour and abstinence motivation.

Method: 131 young people aged from 13 to 21, who were part of IMPULSE Luxembourg CHOICE program, were assessed with standardized questionnaires, for optimism, self-esteem, symptom burden, alcohol consumption and cannabis consumption, the severity of dependency, treatment motivation, consumption patterns and therapy target optimism, measures in an experimental control group design. The control group took part in a placebo intervention. Treatment outcome concerning symptom- and consumption reduction was assessed through the effect size.

Results: The short self-affirmation intervention was found to be an effective add-on treatment for young cannabis users. Compared to a treatment-as-usual group it showed significant effects for needed help ր² = .050, d = .45 and for the reduction attempt ր²=.039, d =.40. With ր²=.032, d =.36 for self-esteem, ր²=.032, d =.36 for the quantity of cannabis use, ր²=.028, d =.33 for symptom burden, ր²=.026, d =.32 for optimism and ր²=.025, d =.32 for cannabis consumption the previous week, small effects can be shown. Adolescents who perform self-affirmation and have increased treatment preparedness (b =1.15, p =.028, Exp (B)=3.17) and problem detection (b =1.26, p =.039, Exp (B)=3.55) at the beginning of treatment will benefit more in the psychological area.

Conclusion: The short self-affirmation intervention is effective and efficient and could be helpful as an additional element for the treatment of young cannabis users.

Keywords: young cannabis users, self-affirmation, short intervention, CHOICE Program

Self-Affirmation - eine kurze Intervention für junge Cannabiskonsumenten

Ziel: Um junge Cannabiskonsumenten nach einem kritischen Lebensereignis zu behandeln, wurde eine kurze Self-Affirmation Intervention von fünf Minuten entwickelt. Seine Wirksamkeit wurde insbesondere hinsichtlich der Symptomschwere, des Optimismus, des Selbstwertgefühls, des Konsumentenverhaltens und der Abstinenzmotivation untersucht.

Methode: 131 Jugendliche im Alter von 13 bis 21 Jahren, die Teil des IMPULSE Luxembourg CHOICE-Programms waren, wurden mit standardisierten Fragebögen hinsichtlich des Optimismus, Selbstwertgefühl, Symptombelastung, Alkoholkonsum und Cannabiskonsum, Schweregrad der Abhängigkeit, Behandlungsmotivation, Konsummuster und Therapiezieloptimismus in einem experimentellen Kontrollgruppendesign befragt. Die Kontrollgruppe führte eine Placebo-Intervention durch. Der Behandlungserfolg hinsichtlich der Symptom- und Konsumreduktion wurde anhand der Effektstärke beurteilt.

Ergebnisse: Die Self-Affirmation Intervention erwies sich als eine effektive Zusatzbehandlung für junge Cannabiskonsumenten. Im Vergleich zur Kontrollgruppe zeigten sich signifikante Effekte für das Hilfebedürfnis ր²=.050, d =.45 und für den Reduktionsversuch ր²=.039, d =.40. Mit ր²=.032, d =.36 für das Selbstwertgefühl, ր²=.032, d =.36 für die Menge des Cannabiskonsums, ր²=.028, d =.33 für die Symptombelastung, ր²=.026, d =.32 für den Optimismus und ր²=.025, d =.32 für den Cannabiskonsum in der vorherigen Woche können kleine Effekte gezeigt werden. Jugendliche, welche die Self-Affirmation durchführen und eine erhöhte Behandlungsbereitschaft (b =1.15, p =.028, Exp (B)=3.17) und Problemerkennung (b =1.26, p =.039, Exp (B)=3.55) zu Beginn haben, verbessern sich vermehrt im psychologischen Bereich.

Schlussfolgerung: Die kurze Self-Affirmation Intervention ist effektiv und effizient. Sie könnte als zusätzlicher Baustein für die Behandlung junger Cannabiskonsumenten hilfreich sein.

Schlüsselwörter: junge Cannabiskonsumenten, Self-Affirmation, kurze Intervention, CHOICE-Programm

1. Einleitung

1.1 Cannabis und Suchtverhalten

Manche Jugendliche konsumieren Cannabis nur zum Genuss in der Freizeit und bei anderen kann sich schnell ein problematischer Drogengebrauch entwickeln. Dabei kann der Drogenkonsum die Spitze des Eisbergs sein und ein Symptom eines tiefer liegenderes Leidens sein. Cannabis ist eine vielverbreitete Droge unter Jugendlichen. Das subjektive Erleben von Cannabis ist durch ein Gefühl der Entspannung, mäßiger Euphorie und gelegentlich auch Apathie gekennzeichnet. Die Wirkung ist abhängig von der Ausgangsstimmung und äußert sich in intensiver Sinneswahrnehmung, Illusionen oder Halluzinationen, Verlust von Zeit- und Raumgefühl, phantasievollerem Denken, erhöhtem Selbstvertrauen und oft auch vermindertem Antrieb oder Passivität (Schandry, 2011, S. 452-454).

In einer Meta-Analyse von 2014 hat Hall die negativen Auswirkungen durch Cannabiskonsum auf die Gesundheit untersucht. Durch regelmäßigen Konsum kann sich eine Abhängigkeit entwickeln. Rund ein Sechstel der Cannabiskonsumenten, die in der Adoleszenz mit dem Konsum begonnen haben, entwickeln eine Abhängigkeit. Durch regelmäßigen Konsum verdoppeln sich die Risiken für psychotische Symptome und Störungen, besonders wenn eine persönliche oder familiäre Prädisposition von psychotischen Störungen vorliegt und wenn der Konsum bereits in der Jugend begonnen hat. Cannabiskonsum, der in der Pubertät beginnt und bis ins junge Erwachsenenalter führt, kann zu kognitiven Beeinträchtigungen führen und verdoppelt das Risiko im Erwachsenenalter an einer Schizophrenie oder psychotischen Störungen zu erkranken (Hall, 2014). In einer weiteren Studie von Degenhardt konnte bestätigt werden, dass schwerer Cannabiskonsum zu erhöhten depressiven Symptome führen kann (Degenhardt, Hall, & Lynskey, 2003). Für Jugendliche ist häufiger Cannabiskonsum mit mehr Risiken verbunden. In der Pubertät ist der Körper und vor allem das Gehirn noch Veränderungen und Entwicklungen ausgesetzt. Der chronische Cannabiskonsum verändert die Gehirnstruktur und –funktion mehr bei Jugendlichen als bei Erwachsenen. Der Gehirnstoffwechsel wird beeinflusst und verändert. Im Alter zwischen 12 und 16 Jahren lernen Jugendliche viele wichtige Merkmale, wie Selbstbewusstsein, Wünsche und Interessen ohne erwachsene Hilfe zu haben oder Konflikte selbständig zu lösen. Dies ist oft mit starken Gefühlen wie Freude, Wut, Enttäuschung verbunden. Die negativen Auswirkungen des Cannabiskonsums auf den Gehirnstoffwechsel und die Entwicklung von Gefühlen und Bedürfnissen empfindet der Jugendliche kaum. Er merkt meistens nur, dass er viel gelassener und entspannter ist, als wenn er nüchtern ist. Bei häufigem Cannabiskonsum besteht die Gefahr, sich selbst gar nicht richtig zu empfinden und wichtige Erfahrungen zu verpassen (Batalla, et al., 2013).

Drogenabhängigkeit kann als ein „überwältigender Wunsch oder das zwanghafte Bedürfnis, den Drogengebrauch fortzusetzen und sich die Droge unter allen Umständen zu verschaffen, eine psychische und allgemein physische Abhängigkeit von den Wirkungen der Droge, eine Tendenz, die Dosis zu erhöhen und eine zerstörerische Wirkung auf den Einzelnen und die Gesellschaft“, definiert werden (Schmidbauer & Vom Scheidt, 2004, S. 490). Tatsächliches Suchtverhalten ist bei Jugendlichen selten anzutreffen. Abhängigkeiten setzen in der Regel einen Gewöhnungsprozess voraus, der sich an eine unterschiedlich lange Einstiegsphase anschließt. Größtenteils handelt es sich um ein Probier- oder Einstiegsverhalten, das noch nicht die für eine Sucht typische Zwanghaftigkeit aufzeigt. Umgekehrt führt ein früher Einstieg und ein anhaltender Missbrauch mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zur Verfestigung des Verhaltens. Deswegen muss sehr sensibel auf den Genuss von legalen und illegalen Rauschmitteln von Jugendlichen reagiert werden. Frühzeitig gezielte und vorbeugende Maßnahmen verzögern den ersten Gebrauch und reduzieren die Anzahl der Erfahrungen, welche die Jugendlichen mit Cannabis machen (Perkonigg, Goodwin, Fiedler, Behrendt, & Beesdo, 2008).

Für Jugendliche spielt die experimentelle Seite eine zentrale Rolle. Sie gehen davon aus, dass der Drogenkonsum erwachsen macht, woraus sich eine relativ hohe Motivation ableiten lässt zu konsumieren. Die langfristigen Schädigungen werden weniger realisiert, weil Jugendliche sehr stark im Hier und Jetzt leben und wenig an ihre Zukunft denken. Zum anderen merken Jugendliche, wie sie sich körperlich entwickeln und gehen deshalb leichtfertig mit ihren gesundheitlichen Ressourcen um. Im Umgang mit Drogen zeigt sich die Risikobereitschaft junger Menschen besonders deutlich. Die meisten Jugendlichen konsumieren legale wie illegale Drogen vornehmlich in Gesellschaft und oft auch in der Öffentlichkeit. Damit kommen gruppendynamische Prozesse in Gang die das Konsumverhalten weiter tragen. Der Konsum wird, abhängig vom sozialen Umfeld, akzeptiert und sogar durch Anerkennung honoriert und damit verfestigt. Jugendliche reagieren empfindlich darauf, wenn man sie selbst oder ihr Verhalten als unreif bezeichnet. Dadurch erklärt sich der Reiz für diese Altersgruppe, sich durch den Konsum von Nikotin, Alkohol oder Drogen Anerkennung zu verschaffen. Dies umso mehr, wenn persönliche Defizite oder ein geringes Selbstwertgefühl vorhanden sind. Es benötigt deshalb eine gehörige Standhaftigkeit und ein entsprechend hoher Status in der Gruppe, um in einer konsumierenden Gruppe abstinent zu bleiben (Liebregts, et al., 2013).

Bei der Ursachenforschung scheitert man regelmäßig schon an der Frage nach Ursache und Wirkung. Meistens treten Wechselwirkungen auf, die man als sogenannten „Teufelskreis“ bezeichnet. Die Interaktion zwischen dem genetischen Risiko der Person und der spezifischen Umwelt mit wirkenden Schutz- und Risikofaktoren spielt eine wichtige Rolle. Dazu gehören genetische- und Persönlichkeitsfaktoren, wie z.B. ein niedriges Selbstwertgefühl, Impulsivität, antisoziales Verhalten, Traumatisierungen (körperlicher, sexueller, emotionaler Missbrauch) und komorbide Störungen (Depressionen, ADHS, Persönlichkeitsstörungen). Faktoren der Umwelt sind z.B. die Struktur und Bindung in der Familie, Konsumverhalten, Einstellungen bezüglich Drogenkonsum in der Familie und Peer-groups, Substanzverfügbarkeit, soziales Milieu und Schichtzugehörigkeit. Wichtige Einflussfaktoren in der Einstiegsphase sind die Intensität des Konsums und das Alter beim Einstieg. Ein niedrigeres Einstiegsalter deutet auf grundsätzliche Problemlagen in der Person oder dessen sozialem Umfeld hin. Das durchschnittliche Einstiegsalter bei Cannabis liegt bei 16,5, Alkohol bei 15,6 und Nikotin bei 13,6 Jahren (Hartmann, Filipek, & Berking, 2012).

Laut dem Jahresbericht 2016 der luxemburgischen Polizei sind von allen Straftaten in Luxemburg, 9,1% von Jugendlichen unter 25 Jahren begangen worden. Drogendelikte gab es 5322 Fälle in Luxemburg, wovon 2612 Delikte von Jugendlichen unter 25 Jahren begangen wurden. Bei Jugendlichen sind Drogendelikte die meist begangenen Taten. Im Jahr 2015 waren es 2350 und im Jahr 2016 waren es 2612 Taten. Die Zahlen der Drogendelikte in dem Bericht der Luxemburger Polizei beziehen sich auf alle illegalen Drogen. Bis ins Jahr 2014 sind Drogendelikte, die von Jugendlichen begangen wurden, stetig gestiegen und im Jahr 2015 sind diese wieder gesunken. 2016 sind die Drogendelikte unter Jugendlichen um 11,6% gestiegen (Police Grand-ducale, 2016).

1.2 Maßnahmen der Suchtberatungsstelle IMPULS

Der Service IMPULS vom Träger „Solidarité Jeunes a.s.b.l.“ in Luxemburg-Stadt bietet im Rahmen des Jugendschutzes eine psychosoziale und therapeutische Hilfe für Jugendliche bis 21 Jahre, die in Kontakt mit legalen und illegalen psychoaktiven Substanzen gekommen sind. In der Jugendsuchtberatungsstelle IMPULS sind 7 Psychologen tätig. Die dort tätigen Psychologen sind alle in der systemischen Therapie ausgebildet, oder zur Zeit in der Ausbildung derselben. Das Team besteht aus 6 Frauen und 1 Mann mit einem Durchschnittsalter von 38 Jahren (28 bis 54 Jahre). Im Durchschnitt sind sie seit 10 Jahren als Psychologe tätig und seit 5 Jahren anerkannter Psychotherapeut oder Psychotherapeut in Ausbildung. In ihrer Arbeit wenden sie neben der systemischen Therapie auch noch Hypnotherapie, Traumatherapie, Psychoanalyse und Verhaltenstherapie an. Im Durchschnitt arbeiten die Psychologen seit 7 Jahren im Service IMPULS (Solidarité Jeunes a.s.b.l., 2017).

Eine der zentralen Aufgaben des Service IMPULS ist ein frühzeitiges Eingreifen bei Jugendlichen, die mit ihrem Drogenkonsum auffällig wurden. Die Einrichtung unterstützt sie in dieser kritischen Phase, indem sie ihnen zur Seite stehen und ihnen helfen, sei es auf einer persönlichen, familiären oder sozialen Ebene. Die frühe Intervention bedeutet, auf die ersten Anzeichen zu reagieren, um eine Abhängigkeit zu vermeiden. Die Einrichtung arbeitet auch mit Jugendlichen, die eine langjährige Erfahrung mit Drogenkonsum haben und bei denen bereits ein problematischer Konsum oder eine Abhängigkeit vorliegt. Der Ansatz der Einrichtung ist es, sich nicht nur auf den Jugendlichen zu konzentrieren, sondern auch auf sein Umfeld. Die Interventionen konzentrieren sich auf die Ressourcen der Jugendlichen und sind auf bestimmte Ziele ausgerichtet. Es geht z.B. darum, das Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl des Jugendlichen zu stärken, sich um das Wohlergehen des Jugendlichen zu kümmern und Hilfe anzubieten, um Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Ebenfalls wird versucht, die Jugendlichen zu stärken, um Verantwortung zu übernehmen, sie in ihrer Autonomie zu unterstützen und sie zu ermutigen, ihre Haltung gegenüber dem Drogenkonsum zu ändern. Die Jugendlichen können von sich aus zur Beratungsstellestelle kommen, von den Eltern oder von anderen Dienstleistern geschickt werden, wie z.B. dem Gericht, Polizei, Jugendamt, Kinder- und Jugendheimen, Schule, Internat, Gefängnis oder anderen Institutionen. Das Gericht und die Polizei geben die Teilnahme an einem Programm oder einer Einzeltherapie in der Jugendsuchtberatungsstelle als Vorlage, damit keine Einträge in die Gerichtsakte einfließen, wenn sie beim Drogenkonsum erwischt wurden. Die Schulen, Heime und Internate geben die Teilnahme als Vorlage, um weiter in dieser Institution bleiben zu können. Manche Jugendliche melden sich aus eigener Entscheidung, mit dem Ziel sich helfen zu lassen. Wenn die Jugendlichen sich im Service IMPULS vorstellig werden, findet zuerst ein Einzelgespräch mit dem Jugendlichen, seinen Eltern oder seinem Erziehungsberechtigten und einem Psychologen statt. In dem Einzelgespräch werden soziodemographische Daten, bereits vorhandene Gerichtseinträge, familiäre Situation, schulische Situation, Arbeitssituation, Tabak-, Alkohol-, Cannabiskonsum, anderer Drogenkonsum, Situation des Jugendlichen und Komorbidität erhoben. Wenn ein Erstgespräch ausreicht, wird in dem Gespräch zusammen mit dem Jugendlichen entschieden, wie der weitere Verlauf der Behandlung aussieht. Dies kann die Teilnahme an einem Programm Choice sein, eine Einzeltherapie oder eine Weitervermittlung an andere Dienstleister (Solidarité Jeunes a.s.b.l., 2017) (Service IMPULS, 2016, S. 7-9).

Das Programm Choice ist aufgebaut auf dem FRED, Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumenten in verschiedenen Settings (Görgen, Hartmann, & Oliva, 2011). Unter anderem wird das „Realize it! X-tra, Einzel- und Gruppenangebot für Jugendliche mit schädlichem Cannabiskonsum“ angewendet (Kuttler & Eichin, 2008). Das Programm Choice ist eine Gruppenintervention für Jugendliche, die von der Polizei im Zusammenhang mit ihrem Cannabiskonsum protokolliert wurden, oder beim Drogenkonsum innerhalb einer Institution im Bildungssektor auffällig wurden. Das Programm Choice besteht aus 4 Sitzungen von je 2 Stunden. In der ersten Sitzung werden Regeln aufgestellt und die Motivation der Jugendlichen erfragt. In der Gruppe wird versucht sich gegenseitig kennen zu lernen und die Themen für die kommenden Sitzungen festzulegen. In der zweiten Sitzung wird an die gesetzliche Reglung von Drogen erinnert und es werden Pro- und Contra-Argumente für Cannabiskonsum erarbeitet. In der dritten Sitzung wird die Suchtspirale ausführlich erklärt und der Jugendliche soll sich darin positioniert. In der letzten Sitzung werden dann anhand von Übungen Zukunftsziele erarbeitet. Beim Programm Choice 18+ handelt es sich um die gleiche Gruppenintervention für Jugendliche von 18-21 Jahren, die ganz spezifisch vom Gericht die Auflage bekommen, an der Gruppenintervention teilzunehmen. Dieses Programm verläuft fast gleich, nur sind es 3 Sitzungen von je 3 Stunden und die Ziele werden in einem Einzelgespräch erarbeitet. Nach dem Programm findet dann das „Out-take“ Gespräch statt. In diesem Nachgespräch wird das Programm mit dem Jugendlichen noch einmal besprochen und es wird geklärt, ob die Situation sich verbessert hat und ob so von einer weiteren Einzeltherapie abgesehen werden kann. Jugendliche, welche aus verschiedenen Gründen nicht an einem Programm Choice teilnehmen, können in einer Einzeltherapie das Programm durchführen (Solidarité Jeunes a.s.b.l., 2017) (Service IMPULS, 2016, S. 24).

Laut dem Jahresbericht des Service IMPULS, waren im Jahr 2016, 571 Jugendliche in Behandlung. Davon waren 330 (57%) in einzeltherapeutischer Behandlung und 241 (43%) in einem Programm Choice. Beim Großteil handelte es sich um Jungen zwischen 16 und 17 Jahren. Insgesamt wurden 51,2% von der Polizei oder dem Gericht übermittelt, 15,8% sind auf eigenen Wunsch in Behandlung gewesen. 10,6% wurden von der Schule und 10,3% von anderen psychosozialen Einrichtungen übermittelt, 7,2% von der Familie oder Freunden und 4,9% von Heimen. 89 % der Personen gaben an, Cannabis zu konsumieren, 84% Tabak und alkoholische Getränke, 7% Stimulanzien und 2,4% Halluzinogene (Service IMPULS, 2016, S. 11-16).

1.3 Die klassische Self-Affirmation Intervention

Sozialpsychologische Interventionen bewirken eine langfristige Verbesserung von sozialen Problemen in der Gesellschaft. In zunehmendem Maße zeigt die Forschung auch, dass Kurzinterventionen dauerhafte Vorteile haben. Zum Beispiel kann eine 5-minutige Self-Affirmation-Aufgabe, in der die Menschen über persönliche Werte schreiben, Effekte über Jahre hinweg haben. Wie ist das möglich? Wie und wann führt die sozialpsychologische Intervention der Self-Affirmation nachhaltig zu positiven Veränderungen? Greenwald vergleicht das Selbst mit einem totalitären Regime das mit unterdrückten und verzerrten Informationen ein gutes, leistungsstarkes und stabiles Selbstbild projiziert (Greenwald, 1980). Menschen haben die Fähigkeit, selbstkritisch zu sein. Eine gesunde Selbstsicht gibt den Menschen genug Optimismus, um dem täglichen Ansturm von Bedrohungen, Beleidigungen, Herausforderungen standzuhalten und Rückschläge zu verkraften. Sozialpsychologische Interventionen helfen den Menschen, diese Selbstsicht durch zwei Möglichkeiten aufzugreifen. Eine Möglichkeit besteht darin, einen schwierigen Umstand in eine Hoffnung umzuwandeln, wobei die wahrgenommene Angemessenheit des Selbst aufrechterhalten wird. Eine weitere Möglichkeit ist es, Menschen nicht zu beurteilen, sondern sich selbst einzuschätzen oder zu bestätigen (Cohen & Sherman, 2014). Die vorliegende Studie befasst sich mit diesem zweiten Weg, der Selbstbestätigungstheorie, auch Self-Affirmation genannt.

Die Selbstbestätigung ist ein Akt der Anerkennung der Existenz und des Wertes des eigenen Selbst. Schon kleine Bestätigungen des Selbstsystems können große Auswirkungen haben. Ein gesundes Selbstsystem motiviert, die Selbstintegrität zu erhalten und Bekräftigungen zu erzeugen. Zeiten, in denen die Gefahren für das Selbst besonders hoch sind, können identifiziert werden, und so kann im passenden Moment, wie z.B. in belastenden Übergängen, eine Self-Affirmation Interventionen durchgeführt werden. Selbstbestätigungen können so dem Menschen helfen, Schwierigkeiten zu überwinden und sich zu verändern. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten kann wachsen und hilft bei der Bewältigung von zukünftigen Problemen. Die Self-Affirmation ermöglicht einen Blick auf das Selbst und auf seine eigenen Ressourcen (Cohen & Sherman, 2014).

Obwohl viele Formen der Selbstbestätigung erforscht wurden, ist die am besten untersuchte experimentelle Manipulation die, dass Menschen über persönliche Werte schreiben. Bei persönlichen Werten handelt es sich um verinnerlichte Normen. Zunächst wird den Personen eine Liste von Werten vorgelegt, in der sie den für sie wichtigsten Wert auswählen. Die Liste schließt absichtlich relevante Werte zu Bedrohungen aus, um so ihren Fokus zu erweitern. Um die Menschen vor drohenden Gesundheitsinformationen zu puffern, sind auch z.B. keine Werte zur Gesundheit und Rationalität auf der Liste. Die Person schreibt dann eine kurze Abhandlung darüber, warum der ausgewählte Wert ihr wichtig ist und berichtet von einer Zeit, in dem der Wert ihr geholfen hat. Das Beschreiben eines Wertes ist in der Regel keine Selbstdarstellung, sondern ein psychologisches „time-out“, in dem man sich einen Moment zurück zieht und sich auf das konzentriert, was wirklich zählt. Der Akt des Schreibens des Aufsatzes kann eine Quelle zu einer lebenslangen Stärke sein (Cohen & Sherman, 2014).

In der Sozialpsychologie haben sich kurze Interventionen etabliert, da sie große und langfristige Auswirkungen haben. Ein Schlüsselmerkmal der Self-Affirmation besteht darin, dass ihre Wirksamkeit vom Zeitpunkt, in dem das Verfahren eingeführt wird, abhängt. Wie jede prägende Erfahrung, ist eine erfolgreiche Intervention kein isoliertes Ereignis, sondern ein Prozess. Wenn die Intervention zeitlich gut geplant ist, berührt sie eine Reihe von gegenseitig sich verstärkenden Wechselwirkungen zwischen dem Selbstsystem und dem sozialen System. Die Ressourcen für Verhaltensänderungen müssen dabei aber grundsätzlich vorhanden sein (Cohen & Sherman, 2014). Eine positive Rückkopplung zwischen diesen beiden Systemen kann adaptive Ziele über die Zeit antreiben. Dies ist der Zyklus des adaptiven Potentials, da er die Fähigkeit des Menschen erhöht, adaptive Ergebnisse zu erzielen. Der Zyklus kann übernommen werden und so können adaptive Ergebnisse noch lange nach der Intervention im Gedächtnis wirken.

Durch drei Prinzipien kann erklärt werden, wie und wann sich Prozesse im Laufe der Zeit in einen Zyklus des adaptiven Potentials verwandeln. Erstens wird durch die Wiederholung des Prozesses und die Self-Affirmation der Zyklus eingraviert. Bessere Leistung kann das Selbst bestätigen, was zu einer noch besseren Leistung führt. Dadurch wird das Selbst bekräftigt, es entstehen Verbesserungen und das Selbst wird aufgebaut. Zweitens, kann der Ausgang eines Prozesses mit anderen Prozessen in der Umgebung auf Grund von Interaktionen beeinträchtigt werden. Ein früher Erlebtes kann somit Menschen in späteren Erfahrungen lenken und ihnen ein Vorteil verschaffen. Effekte wirken durch die miteinander verbundenen Kräfte im sozialen System. Durch die Wiederholung und die Interaktion der Prozesse kann eine Intervention dazu führen, dass der Mensch sich an Erlebtes erinnert und in jetzigen Situationen anwendet. Drittens, kann eine Intervention eine dauerhafte Verschiebung der Wahrnehmung durch eine subjektive Deutung auslösen. Auch wenn die objektive Umwelt konstant bleibt, kann die subjektive Erfahrung von ihr ändern. Bei Selbstbestätigung neigen Menschen dazu, Widrigkeiten als ein isoliertes Ereignis zu sehen, anstatt ihre Angemessenheit in Frage zu stellen. Anstatt ein Problem zu vermeiden, versucht der Mensch eher eine Lösung zu finden. Das gute Handhaben eines Problems in der Vergangenheit kann den Menschen bestärken, ein zukünftiges Problem zu bewältigen. Eine erfolgreiche Intervention wirkt wie fast jede prägende Erfahrung. Sie funktioniert gut bei einem Wendepunkt in der Lebensgeschichte, einem Ereignis, das Konsequenzen mit sich bringt. Die rechtzeitige Intervention kann Menschen in den Zyklus des adaptiven Potentials bringen. Eine kurze Intervention, die in geeigneter Weise und zeitlich angepasst ist, kann eine nachhaltige Wirkung haben. Diese kann einen positiven Zyklus auslösen oder einen negativen unterbrechen (Cohen & Sherman, 2014).

Der Aspekt, dass Menschen motiviert sind, die Selbstintegrität zu erhalten, liegt im Mittelpunkt der Self-Affirmation-Theorie. Die Selbstintegrität ist das Gefühl, ein positives Bild von sich selbst zu haben um so in der Lage zu sein, mit den moralischen Folgen seiner Entscheidungen zu leben. Zweifel an sich selbst rufen psychologische Bedrohungen hervor. Die Self-Affirmation kann eine psychologische Bedrohung bekämpfen. Eine psychologische Bedrohung stellt einen inneren Alarm dar, der Wachsamkeit und das Motiv weckt, das Selbst zu bekräftigen (Steele, 1988). Obwohl psychologische Bedrohungen manchmal positive Veränderungen herbeirufen können, kann es auch die adaptive Bewältigung behindern. Wie ein störender Alarm kann psychologische Bedrohung auch mentale Ressourcen verbrauchen, die ansonsten für eine bessere Leistung und Problemlösung angewendet werden könnten. Somit kann die psychologische Bedrohung ein Hindernis für adaptive Änderungen darstellen. Einschneidende Ereignisse im Leben, wie zum Beispiel polizeiliche Erstauffälligkeit bei Cannabiskonsum, können selbstverständlich ein Anlass für eine psychologische Bedrohung sein. Normalerweise ist die Selbstintegrität so stark, dass wenn das Selbst durch banale Ereignisse bedroht wird, es sich durch Abwehrreaktionen schützt (Cohen & Sherman, 2014).

Die Self-Affirmation erinnert Menschen an psychosoziale Ressourcen hinter einer bestimmten Bedrohung und erweitert damit ihre Perspektiven. Unter normalen Umständen neigen die Menschen dazu, ihre Aufmerksamkeit auf eine direkte Bedrohung einzugrenzen. Dies erlaubt eine schnelle Reaktion zum Selbstschutz. Sind die Menschen jedoch selbstbestätigt, können die vielen normalen Belastungen des täglichen Lebens in einem Zusammenhang gesehen werden. Eine spezifische Bedrohung und ihre Implikationen für das Selbst benötigen somit weniger Wachsamkeit. Des Weiteren fördern Affirmationen sich einer Bedrohung zu stellen, anstatt sie zu vermeiden (Cohen & Sherman, 2014). Durch die Self-Affirmation kann somit die Bedrohung in einer konstruktiven Art und Weise behandelt werden anstatt, dass geistige Energie auf Vermeidung, Unterdrückung und Rationalisierung zu verschwenden werden. Studien zeigen, dass während kognitiven Aufgaben, selbstbestätigte Teilnehmer intensiver mit ihren Fehlern befasst haben. Dieses Muster zeigt ein größeres Engagement, aus ihren Fehlern zu lernen. Affirmationen heben so psychologische Barrieren durch zwei Möglichkeiten auf: die Pufferung oder das Vermindern psychologischer Bedrohung und die Einschränkung der defensiven Anpassungen (Cohen, et al., 2007).

Self-Affirmation reduziert Abwehrreaktionen und Anpassungen zum Schutz des Selbst vor Bedrohungen. Dazu gehören Strategien, wie z.B. die Verantwortung für das Scheitern zu leugnen oder die selektive Einschätzung von Erfolgserlebnissen. Defensive Reaktionen können auch Verunglimpfung anderer sein, um das Selbst zu bekräftigen. Auch das Herunterspielen von starkem Alkoholkonsum und anderen Substanzen, können den Menschen helfen, Bedrohungen selbst kurzzeitig zu bewältigen. Obwohl diese Abwehr die Selbstintegrität kurzfristig schützt, können sie das Wachstum des Selbst unterbrechen und so langfristig besiegen. Eine Möglichkeit, warum Self-Affirmation Veränderungen fördert, ist die Eindämmung von Abwehrreaktionen. Studien haben gezeigt, dass defensive Verweigerung, Bias und Verzerrungen in einem Bereich durch Bestätigungen der Selbstintegrität in einem anderen Bereich, verringert werden. Zusammenfassend kann man sagen, dass Self-Affirmation Menschen hilft, eine Selbstsicht der persönlichen Eignung in bedrohlichen Situationen, zu halten. Sie puffern somit Menschen gegen Bedrohung und reduzieren defensive Reaktionen darauf. Kräfte, die sonst durch psychologische Bedrohung unterdrückt wurden, so wie kognitive Begabung oder ein eindeutiger Nachweis, sind entfesselt (Cohen & Sherman, 2014). Somit ergeben sich zwei Erkenntnisse: Erstens ermöglicht die Self-Affirmation den Menschen ausgewogenere Informationen zu verarbeiten und besser in der Lage zu sein, Fakten positiver zu bewerten. Die Self-Affirmation erzeugt keine Veränderung vom Selbst, sondern das Auftreten kann sich verändern wenn Beweise es rechtfertigen. Zweitens fördert Self-Affirmation Veränderungen bei den Menschen, die unter konstanten psychologischen Bedrohungen stehen.

1.4 Self-Affirmation Kurz- und Langzeiteffekte

Durch randomisierte Versuche wurde die Self-Affirmation bereits in verschiedenen Feldsituationen untersucht. Die Self-Affirmation hat die untersuchten Probleme nicht beseitigt, aber sie führte zu positiven und, in einigen Fällen, zu dauerhaften Veränderungen (Cohen & Sherman, 2014). Selbstbestätigungsprozesse wirken nicht nur bei Unterperformance, sondern auch z.B. bei Mobbing und Aggressionen. In einer Studie von Thomaes et al. von 2012 haben Jugendliche eine Self-Affirmation in der Schule durchgeführt. Self-Affirmation verringert das Verhalten wie Schlagen, Beschimpfungen, Gerüchte verbreiten oder anderes asoziales Verhalten bei einer Bedrohung über mehrere Wochen oder Monate. In einer weiteren Feldstudie erhöht Self-Affirmation prosoziales Verhalten bei Studenten. Dabei wurde eine Geschichte von unsozialem Verhalten vorgelesen und dann durch den Lehrer beurteilt (Thomaes, Bushman, De Castro, & Reijntjes, 2012).

Selbstbestätigte Menschen können besser mit bedrohlichen Informationen konfrontiert werden und bewerten diese in einer Art und Weise, die weniger gebunden ist an ihre Bedürfnisse nach Selbstintegrität. Dieser Effekt wurde in vielen Studien bestätigt. Zum Beispiel ließ sich zeigen, dass Affirmationen die Offenheit für Informationen über das Rauchen erhöht. Wenn Menschen bestätigt sind, gehen sie auch eher in Richtung einer positiven Verhaltensveränderung (Harris, Mayle, Mabbott, & Napper, 2007). Unklar ist noch, wie sich die Selbstbestätigung auf Jugendliche auswirkt und, ob sie unterschiedliche Einflüsse auf die Wirkung einer Botschaft bei Personen mit einem geringeren oder höheren Risiko hat. In der Studie von Good et al. von 2015 absolvierten die Jugendlichen eine Selbstbestätigung und lasen dann über die gesundheitlichen Folgen von mangelnder körperlicher Aktivität. 98% der Jugendlichen erreichten das bestimmte Aktivitätsniveau nicht. Sie wurden darüber informiert, dass sie ein höheres Risiko für Herzerkrankungen hätten. Die Selbstbestätigung war mit einer erhöhten Überzeugungskraft verbunden (Good, Harris, Jessop, & Abraham, 2015). Es gibt zunehmend Belege dafür, dass Selbstbestätigung die defensive Verarbeitung von bedrohlichen Gesundheitsinformationen bei Personen mit hohem Risiko verringern kann. Allerdings ist weniger klar, wie Selbstbestätigung Menschen mit geringem Risiko beeinflussen kann. Die Studie von Zhao et al. untersuchte 2014 die Wirkung von Self-Affirmation bei täglichen und gelegentlichen Rauchern auf die graphischen Warnhinweise auf der Zigarettenverpackung. Die Self-Affirmation hatte keinen Einfluss bei gelegentlichen Rauchern (Zhao, Peterson, Kim, & Rolfe-Redding, 2014).

Die Studie von Armitage et al. von 2011 hat Alkoholkonsumenten in einer Bar eine kurze Self-Affirmation durchführen lassen und sie dann eine Nachricht über die medizinischen Risiken von Alkoholkonsum lesen lassen. Sowohl die Kontroll- als auch die Experimentalgruppe haben den Konsum von Alkohol reduziert. Bei den Teilnehmern aus der Self-Affirmation-Gruppe stieg der Prozentsatz derjenigen, die im gesunden Maße trinken. Es handelt sich um eine doppelt so große Reduzierung wie in der Kontrollgruppe. Tatsächlich genügen Veränderungen in der Einstellung und Motivation für eine langfristige Verhaltensänderung (Armitage, Harris, & Arden, 2011). Eine weitere Studie testet, ob die Steigerung der Alkohol-Risikobotschaften mit Self-Affirmation die Absichten zur Reduzierung des Alkoholkonsums erhöht und den tatsächlichen Alkoholkonsum reduziert. Es wurde auch untersucht ob sich diese Effekte bezüglich des Risikostatus unterscheiden. Nach der Self-Affirmation sahen die Probanden emotional wirkende Alkohol-Warnplakate. Es gab signifikante Erhöhungen der Absichten bei der Self-Affirmation Gruppe den Alkoholkonsum zu reduzieren, und diese Effekte waren stärker bei Teilnehmern mit höherem Verhaltensrisiko. Diese Ergebnisse unterstützen die Verwendung von Self-Affirmation um Kampagnen zur Sensibilisierung für Alkohol zu verstärken, insbesondere bei Personen mit hohem Verhaltensrisiko (Scott, Brown, Phair, Westland, & Schüz, 2013). Studien, welche die Auswirkungen von Self-Affirmation auf alkoholbezogene Kognitionen und Verhalten bei Universitätsstudenten testen, haben zu mehrdeutigen Ergebnissen geführt. Da die Self-Affirmation eine motivationale Technik ist, welche die defensive Verarbeitung reduzieren soll, kann sie mit volitionalen Techniken ergänzt werden, wie z. B. das Bilden von Wenn-Dann-Plänen, um positive Absichten in ein Verhalten zu übertragen. Die Teilnehmer absolvierten eine Self-Affirmation Aufgabe (Werte beschreiben), lasen eine Zusammenfassung über die gesundheitlichen Risiken von Alkoholexzessen und bekamen dann eine volitionale Aufgabe („Wenn-Dann-Pläne“). Teilnehmer, die diese Umsetzungsabsichten formulierten berichteten, dass sie weniger Alkohol konsumierten. Insgesamt liefern die Ergebnisse zusätzliche Belege für die positiven Auswirkungen von volitionalen Techniken, stellen jedoch die Verwendung der Self-Affirmation in Frage, um den Alkoholkonsum bei Universitätsstudenten zu reduzieren (Norman & Wrona-Clarke, 2016). Viele Gesundheitskampagnen sind darauf ausgerichtet, gefährliches Rauschtrinken zu reduzieren indem sie die vom Trinken empfundene Norm in Frage stellen. Sowohl Informationen über Gesundheitsrisiken als auch Aussagen, dass nur wenige Menschen Alkohol konsumieren, bedrohen die Selbstintegrität der Betroffenen. Um diese Selbstbedrohung zu bekämpfen und ihre positive Selbstintegrität zu bewahren, diskreditieren Trinker die Botschaft als Form einer Bewältigungsstrategie. Als Alternative zur Bewältigungsstrategie wurde in einer weiteren Studie die Self-Affirmation angewendet um die Eigenintegrität zu schützen. In drei Experimenten wurde herausgefunden, dass die Selbstbestätigung tatsächlich Diskreditierung reduziert oder löscht, aber nur unter der Voraussetzung, dass keine normativen Informationen in der Gesundheitsnachricht enthalten sind (Voisin, Girandola, David, & Aim, 2016).

Behandlungen können ineffektiv sein, wenn Menschen Selbststigma erfahren, die mit der Suche nach einer Behandlung verbunden sind. Lannin et al. testeten experimentell, ob das Selbststigma durch die Self-Affirmation reduziert werden kann. Die selbstbestätigten Teilnehmer berichteten bei der Nachuntersuchung über ein geringeres Selbststigma. Darüber hinaus führte die Selbstbestätigungs-Schreibaufgabe zu einem positiven indirekten Effekt auf die Bereitschaft, eine Behandlung zu suchen. Dies auch, obwohl die Ergebnisse eine indirekte Wirkung auf die Absicht, eine Behandlung zu suchen, nicht unterstützten. Die Ergebnisse legen nahe, dass die Self-Affirmation einen nützlichen Rahmen für die Gestaltung von Interventionen, welche versuchen, die Nicht-Inanspruchnahme von psychologischen Diensten durch Verringerung der Selbststigmatisierung zu bekämpfen, bieten kann (Lannin, Guyll, Vogel, & Madon, 2013). Die Studie von Livingston et al. bietet einen systematischen Überblick über bestehende Forschungsergebnisse, die empirisch Interventionen zur Verringerung der Stigmatisierung in Zusammenhang mit Substanzstörungen ausgewertet haben. Interventionen von drei Studien (23% der Gesamtstudie) konzentrierten sich auf Menschen mit Substanzstörungen und Selbststigma. Neun Interventionen (69% aller Interventionen) verwendeten Ansätze, die Bildung oder direkten Kontakt mit Menschen mit Substanzstörungen beinhalteten. Bis auf eine Studie konnte gezeigt werden, dass Interventionen positive Auswirkungen auf mindestens ein Stigma-Ergebnis-Maß hatten. Eine Reihe von Interventionen zeigen gute Ergebnisse bei der Stigmatisierung von Substanzstörungen. Solche wirksamen Strategien zur Bekämpfung sozialer Stigmatisierung umfassten motivierende Interviews und die Vermittlung positiver Geschichten von Menschen mit Substanzstörungen. Ob die Self-Affirmation Intervention auch zu einer geringeren Stigmatisierung, besonders bei Substanzstörungen führt, wäre noch zu prüfen (Livingston, Milne, Fang, & Amari, 2011).

Um langfristige Verhaltensänderungen zu fördern, muss der Zeitpunkt der eingesetzten Self-Affirmation dann sein, wenn das Risikoverhalten auftritt. Affirmationen helfen den Menschen kurzfristig Gratifikationen im Interesse der langfristigen Ziele zu verschieben und Stress zu reduzieren, den sie sonst z.B. durch Trinken und Rauchen versuchen zu reduzieren. Die Auswirkungen der Self-Affirmation auf die Einstellung und Motivation können noch einen Monat nach der Intervention bestehen (Cohen & Sherman, 2014). Selbstbestätigung kann die Beziehungssicherheit unsicherer Menschen verbessern und dies kann es ihnen ermöglichen, ein sozialeres Verhalten zu erlernen. In einer Langzeitstudie verbesserte eine 15-minutige Self-Affirmation sowohl die relationale Sicherheit als auch das bewertete soziale Verhalten von unsicheren Menschen bis zu 8 Wochen nach der ersten Intervention (Stinson, Logel, Shepherd, & Zanna, 2011). Die Studie von Ogedegbe et al. untersuchte, ob eine Intervention zur Patientenschulung mit positiver Affekt-Induktion und Self-Affirmation wirksamer war als die Patientenschulung bei der Verbesserung der Medikamentenadhärenz und Blutdrucksenkung. So führte eine mit Self-Affirmation verstärkte Patientenschulung bei hypertensiven Afroamerikanern zu einer signifikant höheren Medikationsadhärenz bis zu 12 Monaten nach er Schulung, im Vergleich zur Patientenschulung alleine (Ogedegbe, et al., 2012).

Ein 2-Jahres-Follow-up eines randomisierten Feldexperiments testete die Self-Affirmation zur Verringerung der psychologischen Bedrohung von Minderheitsschülern in Bezug auf negative Stereotypen in der Schule. Die Intervention reduzierte die Minderheit betreffende Leistungslücke. Über 2 Jahre hinweg hat sich z.B. der Notendurchschnitt der Afroamerikaner erhöht und ihre Klassenwiederholung war geringer. Darüber hinaus zeigten die Selbstwahrnehmungen der behandelten Schüler langfristige Vorteile (Cohen, Garcia, Purdie-Vaughns, Apfel, & Brzustoski, 2009). In einer Studie von Sherman et al. absolvierten Schüler im Rahmen ihrer regulären Klassenaufgaben mehrere Aktivitäten zur Selbstbestätigung. Lateinamerikanische Studenten erzielten höhere Werte als die Kontrollgruppe. Die Effekte hielten bis zu 3 Jahren an und viele Schüler setzten ihre Schulausbildung fort (Sherman, et al., 2013). Die Ergebnisse legen nahe, dass scheinbar kleine, aber frühe Veränderungen der Trajektorie langfristige Auswirkungen haben können.

1.5 Fragestellung und Hypothesen

Das Hauptziel dieser Studie ist es herauszufinden, ob bei jugendlichen Cannabiskonsumenten die Notwendigkeit besteht, die herkömmliche Interventionsmaßnahme Choice mit einer Self-Affirmation Kurzintervention zur Stärkung des psychischen Wohlbefindens, sowie der Verhinderung negativer Auswirkungen auf kognitiver und motivationaler Ebene, zu ergänzen. Durch den Kontakt mit der Polizei aufgrund von Cannabiskonsum ist das Selbstwertgefühl psychologischen Bedrohungen ausgesetzt und muss wieder heraufreguliert werden. Die Frage die man sich stellt, ist ob erstauffällige Cannabiskonsumenten, die sich im Programm Gedanken über die Wichtigkeit von Familie, Schule usw. machen, anders auf das Programm reagieren, nämlich mit stärkeren Vorsätzen, mit dem Drogenkonsum aufzuhören und vor allem mit höherem Risikobewusstsein. Es soll überprüft werden, ob die Self-Affirmation Kurzintervention zur Verbesserung des Therapieergebnisses beiträgt.

Die Studie lässt sich in drei Teile einteilen. Im ersten Teil geht es darum, welchen Einfluss die Self-Affirmation Kurzintervention in einem Interventionsprogramm für erstauffällige Cannabiskonsumenten auf das Therapieergebnis hat. Zur günstigen Beeinflussung der Self-Affirmation nach einem kritischen Lebensereignis wurden folgende Hypothesen aufgestellt:

Hypothese 1a: Bei erstauffälligen Cannabiskonsumenten, die vor der Therapie die Self-Affirmation Kurzintervention durchführen, reduzieren sich psychische Belastungen mehr als bei denen, die keine Self-Affirmation machen.

Hypothese 1b: Erstauffällige Cannabiskonsumenten, die vor der Therapie die Self-Affirmation Kurzintervention durchführen, haben eine stärkere Ressourcenaktivierung zur Erleichterung der Verhaltensänderung als die, die keine Self-Affirmation machen.

Hypothese 1c: Erstauffällige Cannabiskonsumenten, die vor der Therapie die Self-Affirmation Kurzintervention durchführen, haben eine stärkere Substanzkonsumreduzierung als die, die keine Self-Affirmation machen.

Zur Prävention von Konsumentenidentität wurden folgende Hypothesen aufgestellt:

Hypothese 1d: Erstauffällige Cannabiskonsumenten, die vor der Therapie die Self-Affirmation Kurzintervention durchführen, haben eine realistischere Wahrnehmung von problematischem Konsum als die, die keine Self-Affirmation machen.

Hypothese 1e: Die Self-Affirmation Kurzintervention vor der Therapie verhindert bei erstauffälligen Cannabiskonsumenten die Verfestigung unkritischer substanzbezogener Einstellungen eher als bei jenen, die keine Self-Affirmation machen.

Im zweiten Teil der Analyse geht es darum vorherzusagen, welche Merkmale der Jugendlichen im Zusammenhang mit der Self-Affirmation zu einer konsumorientierten als auch psychologischen Verbesserung führen. Dazu wurden folgende Hypothesen aufgestellt:

Hypothese 2a: Die Self-Affirmation Kurzintervention unterstützt bei erstauffälligen Cannabiskonsumenten in kritischen Lebenssituationen eine konsumorientierte Verbesserung.

Hypothese 2b: Die Self-Affirmation Kurzintervention unterstützt bei erstauffälligen Cannabiskonsumenten in kritischen Lebenssituationen eine psychologische Verbesserung.

Im dritten Teil der Analyse geht es darum, ob die Self-Affirmation auch über längere Zeit Effekte zeigt. Dafür wurden folgende Hypothesen aufgestellt:

Hypothese 3: Erstauffällige Cannabiskonsumenten, die vor der Therapie die Self-Affirmation Kurzintervention durchführen, profitieren länger von den Erfolgen der Therapie als die, die keine Self-Affirmation machen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Self-Affirmation Kurzintervention zur Verfestigung von Psychoedukation bei jugendlichen Cannabiskonsumenten
Untertitel
Eine experimentelle Studie
Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
56
Katalognummer
V457612
ISBN (eBook)
9783668900967
ISBN (Buch)
9783668900974
Sprache
Deutsch
Schlagworte
junge Cannabiskonsumenten, Self-Affirmation, kurze Intervention, CHOICE-Program
Arbeit zitieren
Carmen Schmit (Autor:in), 2018, Self-Affirmation Kurzintervention zur Verfestigung von Psychoedukation bei jugendlichen Cannabiskonsumenten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/457612

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