Bundestagswahlprogramm im Vergleich

Eine diskurslinguistische Analyse der Wahlprogramme der CDU/CSU und SPD aus den Jahren 2013 und 2017


Hausarbeit, 2018

20 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Der Migrationsdiskurs – Eine thematische Einführung

3 Methodik
3.1 Vom Diskurs zur Diskursanalyse
3.2 Die wortorientierte Analyse auf intratextueller Ebene – Eine Definition

4 Eine wortorientierte Analyse – Von der Frequenzuntersuchung zur Schlüsselwortanalyse
4.1 Auswahl des Textkorpus
4.2 Frequenzuntersuchung und Kategorisierung
4.2.1 Analyse der Bundestagswahlprogramme von CDU und CSU 2013 und 2017
4.2.2 Analyse der Bundestagswahlprogramme der SPD 2013 und 2017
4.2.3 Gegenüberstellung der Wahlprogramme der Parteien CDU/CSU und SPD

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Deutschland ist ein Einwanderungsland. „Statista“, dem deutschen Online-Portal für Statistik, zufolge gab es 2015 circa 1,14 Millionen mehr Ein- als Auswanderer in Deutschland. Von den „rund 2,14 Millionen Zuwanderern waren „etwa 2,02 Millionen“ Ausländer (vgl.statista.com). Laut Eckert (2017) änderte das Jahr 2015 alles. Mittlerweile ist die „Migration aus dem außereuropäischen Ausland“ beinah mit der aus der Europäischen Union zu vergleichen. Zudem ist schon seit Jahren „nur noch“ ein Bevölkerungswachstum „durch Migration“ zu verzeichnen (vgl. ebd.). „Migration“ und „Flucht“ wurden somit auch in den Wahlprogrammen zur Bundestagswahl 2017 thematisiert.

Aus dem Grund werden die Wahlprogramme der regierenden Parteien CDU/CSU und SPD im Folgenden einander gegenübergestellt. Bevor der Sprachgebrauch der beiden Parteien miteinander verglichen werden kann, wird das Wahlprogramm der CDU/CSU zur Bundestagswahl 2013 mit dem zur Bundestagswahl 2017 verglichen. Anschließend folgt die Gegenüberstellung der Programme der SPD derselben Jahre. Durch die Gegenüberstellung der Jahre 2013 und 2017 soll die Frage, inwieweit sich die Positionen der Parteien CDU/CSU und SPD im Hinblick auf „Migration“ und „Flucht“ innerhalb dieser Jahre verändert haben, beantwortet werden.

Erst nachdem ermittelt wurde, inwiefern sich die Positionen innerhalb der Parteien von 2013 bis 2017 verändert haben, erfolgt der Vergleich der Parteien miteinander. Das heißt, das Menschenbild, welches sich aus den Programmen der CDU/CSU herauskristallisiert, wird anhand einer diskurslinguistischen Analyse untersucht und dem der SPD gegenübergestellt. Im Laufe der Ausarbeitung findet die Bezeichnung „Menschenbild“ des Öfteren Gebrauch. Dieses kann auch im Sinne einer Ideologie gegenüber geflüchteten Menschen verstanden werden.

Bevor die Methodik erläutert und die Analyse durchgeführt werden kann, muss zunächst eine thematische Einordnung erfolgen. Eine wissenschaftliche Betrachtung der Thematik ist hier von Nöten. Was macht das Thema „Migration“ zu einem gesellschaftlich und politisch relevanten Thema?

Im ersten Analyseschritt soll kurz begründet werden, warum der vorliegende Textkorpus ausgewählt wurde. Bevor die eigentliche Analyse erfolgt, werden neben der „Linguistischen Diskursanalyse“ Begriffe wie „Schlüsselwortanalyse“ und „Schlagwörter“ erläutert. Kollektivbezeichnungen, insbesondere solche für Personengruppen, sollen eine Rolle spielen (vgl. Niehr 2014a, S. 91). Auch Mehrworteinheiten, die sogenannten „n-Gramme“ oder „Kollokationen“ sind von Bedeutung (vgl. ebd., S. 40). Es wird sich bei der diskursanalytischen Analyse um eine wortorientiere Analyse auf intratextueller Ebene handeln (vgl. Spitzmüller/Warnke 2011, S. 137 f.). Mithilfe der Wortanalyse werden die Wahlprogramme der CDU/CSU und SPD analysiert. Dabei werden Schlagwörter Gewicht haben. Um darlegen zu können, welche Ausdrücke gehäuft in einem Korpus auftreten, wird eine Frequenzuntersuchung durchgeführt. Durch die Betrachtung des spezifischen Wortgebrauchs soll letztendlich geklärt werden, inwieweit ein gewisses Menschenbild durch sprachliche Erscheinungen in den Wahlprogrammen der Parteien sichtbar wird, inwieweit sich dieses über die Jahre von 2013 bis 2017 in den Wahlprogrammen verändert und inwieweit diese Veränderungen mit einem gesellschaftlichen Wandel in Verbindung stehen.

2 Der Migrationsdiskurs – Eine thematische Einführung

„Unter Migrationsdiskurs in den Medien verstehen wir […] die diskursive Bewältigung von Migrationsphänomenen in den Medien“ (Luchtenberg 2000, S. 72). Zur Analyse des Themenfeldes Migration und Flucht, muss zunächst genauer auf diese eingegangen werden. „Migration“ stammt von dem lateinischen Wort „migrare“ und bedeutet übersetzt „wandern“. Es handelt sich also um eine Art „Bewegung“ (Liebig 2007, S. 7). „Wanderungen sind kein neues Phänomen.“ (Treibel 1990, S. 11) Über Jahrtausende verließen Menschen ihre Heimat, um sich „in anderen Gebieten“ niederzulassen (vgl. ebd., S.11). Migration wird auch als „notwendige Bedingung der Evolution“ verstanden (vgl. Wessel/Naumann 1993, S. 9) und ist darüber hinaus „nicht als zeitgenössisches Phänomen anzusehen, sondern als Teilbestand der Kulturgeschichte der Menschheit.“ (Aigner 2017, S. 3). Demnach muss „Migration zukünftig von der Wissenschaft, der Öffentlichkeit, der Politik, den Hilfsorganisationen, den Entscheidungsträgern und der Allgemeinheit thematisiert werden“ (ebd., S. 165). Migration war, ist und bleibt also ein relevantes Thema.

Die Anzahl der Geflüchteten und Asylsuchenden nimmt weltweit zu. Da jährlich ansteigende Flüchtlingszahlen zu verzeichnen sind, müssen Flucht und Asyl weiterhin öffentlich diskutiert werden (vgl. ebd., S. 153). Allein in Deutschland wurden, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2016) zufolge, im Jahr 2015 476.649 Asylanträge gestellt, wobei es sich um „die höchste Anzahl seit der statistischen Erfassung von Asylanträgen“ handelt (Aigner 2017, S. 128). Es wird angenommen, dass die Flüchtlingszahlen weiterhin steigen werden. Gründe dafür sind vor allem Hungersnöte, Gewaltregime und im Allgemeinen Gewalt sowie politische Verfolgung (vgl. ebd., S. 153). „Migrationsströmungen, die durch Fluchtbewegungen ausgelöst werden, prägen Migration und werden in Zukunft auf globale Migration noch stärker einwirken.“ (ebd., S. 123). In der Genfer Flüchtlingskonvention (1951, Art. 1 Kapitel A Nr. 2) findet sich folgende Definition einer geflüchteten Person: Als „Flüchtling“ wird die Person bezeichnet, die sich aufgrund „ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt und den Schutz jenes Landes nicht in Anspruch nehmen kann [oder] will.“ (Aigner 2017, S. 123). Neben unfreiwilliger Migration gibt es Migration auf freiwilliger Basis, „wie Arbeitsmigration oder Familienzusammenführungen“ (vgl. ebd., S. 165).

In allen Wahlprogrammen zur Bundestagswahl nimmt der Bereich Asyl- und Flüchtlingspolitik einen großen Raum ein. Die Positionen der Parteien unterscheiden sich allerdings. Differenzen, aber auch Ähnlichkeiten bezüglich der Positionen oder des Menschenbildes, welche in den Wahlprogrammen deutlich werden, sollen deshalb im Laufe der Ausarbeitung herausgestellt werden.

3 Methodik

Zur Herausarbeitung der Postionen der Parteien und zur Beantwortung der Frage, inwieweit sich ihr Menschenbild über die Jahre hinweg verändert hat, muss die zur Analyse notwendige Methodik dargelegt werden. Dabei wird der Begriff der linguistischen Diskursanalyse erläutert, bevor anschließend geklärt wird, was unter einer Schlüsselwortanalyse zu verstehen ist und wie diese im Folgenden angewendet wird.

3.1 Vom Diskurs zur Diskursanalyse

Nach Foucault (1981, S. 156) lässt sich der Begriff Diskurs als „eine Menge von Aussagen, die einem gleichen Formationssystem zugehören“ definieren (vgl. Kujawa 2014, S. 28). Dabei sind Diskurs und Macht Foucault zufolge eng miteinander verbunden (vgl. ebd., S. 31). Ohne Wissen gäbe es auch keine Macht und ohne Macht kein Wissen. Ein Diskurs hat somit etwas Mächtiges an sich und wird zugleich durch Macht strukturiert. Da Macht Bestandteil eines Diskurses ist, ist eine Analyse eines Diskurses auch nur unter Berücksichtigung dieser Machtaspekte möglich (vgl. ebd., S. 32 f.). Durch die Diskursanalyse soll ermöglicht werden, den Hintergrund eines gewissen Zeitpunktes, einer Epoche, der Diskurse, aufzubrechen sowie die Regeln, die das Handeln der Menschen bestimmen. In Diskursen liegt Organisation vor. Sie regeln also, was in einer Epoche zu einem bestimmten Zeitpunkt sagbar ist (vgl. ebd., S. 32 f.). Ein Diskurs wird „kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert“ (Foucault 1991, S. 10 f.). Demnach ist ein Diskurs reglementiert. Es gibt bestimmte Kontrollmechanismen, die festlegen, was wann, wo und wie gesagt werden kann und zu welchen Umständen nicht gesagt werden sollte (vgl. Kujawa 2014, S. 104).

Politische Diskurse haben „einen nachhaltigen Einfluss auf das (politische) Denken und Handeln von Individuen“ (Kujawa 2014, S. 99). Link (1985, S. 5) bezeichnet sie aus dem Grund auch als „Instrumente“ für bestimmte (auch politische) Zwecke. Sie haben demnach eine Wirkung von Macht und vermitteln politisches Wissen an die Gesellschaft (vgl. Kujawa 2014, S. 99). Somit erfolgt eine gezielte Beeinflussung der Gesellschaft, der Denkweise der Menschen und ihrer Meinungsbildung (vgl. ebd., S. 100).

Das Ziel einer Diskursanalyse besteht darin, typische Muster im Sprachgebrauch eines Diskurses aufzuzeigen und diese zu interpretieren. Doch erst durch die Zusammenstellung eines Textkorpus wird es möglich, diese Muster herauszuarbeiten und dadurch den Gesamtkorpus näher zu beleuchten (vgl. Niehr 2014a, S. 35). Durch die Zusammenstellung von sogenannten „Textkorpora“ sollen „Textmengen von Diskursen für die linguistische Analyse verfügbar“ gemacht werden (ebd., S. 32).

3.2 Die wortorientierte Analyse auf intratextueller Ebene – Eine Definition

In dieser Ausarbeitung soll zur Herausarbeitung des Menschenbildes der Parteien eine wortorientierte Untersuchung auf intratextueller Ebene erfolgen. Um die Menschenbilder der Parteien in den Vordergrund zu stellen, ist es sinnvoll, den Gebrauch von bestimmten Schlüsselwörtern in den Parteiprogrammen zu beleuchten (vgl. Spitzmüller/Warnke 2011, S.138 f.), da diese die Ideale einer Gruppe ausdrücken können (vgl. ebd., S. 143). Schlagwörter, die nicht eindeutig von Schlüsselwörtern zu differenzieren sind, haben nach Habermas (1994, S. 12) die Funktion, „auf die öffentliche Meinungsbildung einzuwirken“ (Spitzmüller/Warnke 2011, S. 134). Währenddessen bezeichnet Bubenhofer solche Wörter als Schlagwörter, „die bezüglich ihrer Frequenz signifikant häufiger im Korpus im Vergleich zu einem Referenzkorpus auftreten“ (Bubenhofer 2013, S. 110). Schlagwörtern wie den Hochwert-, Unwert-, Fahnen- und Stigmawörtern wird vermutlich im hier untersuchten politischen Diskurs eine wichtige Rolle zukommen (vgl. Spitzmüller/Warnke 2011, S. 143). Böke bezeichnet solche Wörter, die nicht nur thematisch relevant sind, sondern sich des Weiteren auch durch Merkmale wie gehäuftes Vorkommen, „sprachliche Heterogenität bzw. Konkurrenz, metasprachliche Thematisierung [und] Sprachwandel auszeichnen“ als diskursrelevant (Böke 2000, S. 162). Um Musterhaftes in einem Diskurs darlegen zu können, eignen sich Frequenzuntersuchungen sehr gut (vgl. Niehr 2014a, S. 72). Häufig vorkommende Begriffe werden durch eine Frequenzuntersuchung hervorgehoben (vgl. ebd., S. 77). Es erfolgt also eine quantitative Wortanalyse. Die Textlänge eines Wahlprogrammes sollte nicht außer Acht gelassen werden. Das quantitative Vorkommen von mehreren Wörtern, den sogenannten n- Grammen, soll berücksichtigt werden (vgl. ebd., S. 78). Dabei wird angenommen, dass Verben wie „wollen“, „werden“, „einsetzen für“ in Verbindung mit dem Personalpronomen „wir“ gehäuft auftreten werden (vgl. ebd., S. 80). Außerdem ist zu vermuten, dass eine Kategorisierung der diskursrelevanten Wörter vorgenommen werden kann, indem zwischen Kollektivbezeichnungen für Personen mit Migrationshintergrund, Bezeichnungen für den Migrationsprozess, für die Anpassung der Migranten an ihre Aufnahmegesellschaft und Wörtern für die Ausgrenzung von MigrantInnen und für solche, die kennzeichnend für die Migrationsgesellschaft sind, unterschieden wird (vgl. Böke/Jung/Niehr/Wengeler 2000, S. 30). Diese Kategorisierungen sollen es möglich machen, nicht nur die sprachlichen Veränderungen bezüglich der Wortwahl in den Wahlprogrammen innerhalb des Zeitraumes von 2013 bis 2017 zu verdeutlichen, und möglicherweise eine Veränderung der Menschenbilder aufzuzeigen, sondern auch, die unterschiedlichen Positionen der Parteien CDU/CSU und SPD in den Vordergrund zu stellen. Das heißt also, „[m]ithilfe der Linguistischen Diskursanalyse kann gezeigt werden, welche Funktionen solche Beziehungen innerhalb der politischen Auseinandersetzung erfüllen“ (Niehr 2014b, S. 139).

4 Eine wortorientierte Analyse – Von der Frequenzuntersuchung zur Schlüsselwortanalyse

4.1 Auswahl des Textkorpus

Politische Diskurse haben, wie bereits erwähnt, als „Instrumente“ eine gewisse Wirkung von Macht und sind für die Übermittlung von Wissen verantwortlich. Medien sind dabei für die Verbreitung von Texten verantwortlich (Kujawa 2012, S. 102). Über die Medien oder die Politik ist es somit leichter, diskursive Verläufe zu prägen oder zu beeinflussen (vgl. Jäger 1997, S. 71 ff.). Bei der Auswahl eines Teilkorpus, die zur Interpretation typischer Muster im Gesamtkorpus von Bedeutung ist (vgl. Niehr 2014a, S. 35), soll sich auf die Printmedien beschränkt werden. Eine erste Auswahl des Textkorpus wird durch die Beschränkung auf das politisch und gesellschaftlich relevante Thema „Migration“ vorgenommen. Dann erfolgt eine weitere Einschränkung durch die Konzentration auf die Bundestagswahlen der Jahre 2013 und 2017 sowie die Wahlprogramme der Regierungsparteien CDU/CSU und SPD, um einen Vergleich der Aussagen dieser zum Thema „Migration“ und „Flucht“ erzielen zu können. Gerade aufgrund des Kontrastes, den die Wahlprogramme von 2013 und 2017 wegen einer immer weiter steigenden Zahl an Migranten seit dem Jahr 2015 vermutlich bilden werden, ist eine vergleichende Analyse der Jahre interessant. Es ist also sinnvoll, Textkorpora zu wählen, die miteinander vergleichbar sind, da sie nach ähnlichen Kriterien aufgebaut sind, also sowohl thematische als auch strukturelle Ähnlichkeiten aufweisen (vgl. Böke/Jung/Niehr/Wengeler 2000, S. 16). Da die Wahlprogramme der Regierungsparteien die genannten Kriterien erfüllen, das heißt, nicht nur eine ähnliche Struktur aufweisen, sondern auch umfangreich die Thematik der Migration, Flucht und Integration behandeln, wurden diese Texte zur näheren Untersuchung und Durchführung einer wortorientierten Analyse gewählt.

4.2 Frequenzuntersuchung und Kategorisierung

Aus dem Vergleich der Parteipositionen ergibt sich ein Unterschied in der Quantität des Auftretens bestimmter Ausdrücke im Textkorpus. Inwieweit lässt sich dieser Unterschied, falls vorhanden, mit dem Menschenbild der einzelnen Parteien in Verbindung setzen? Inwieweit lässt sich ein politischer oder gesellschaftlicher Wandel aus dem Gebrauch bestimmter Lexeme herleiten? Kann eine Kategorisierung von diskursrelevanten Wörtern dazu beitragen, den Standpunkt der Parteien in ihren Wahlprogrammen zu verdeutlichen? Diese Fragen sollen im Folgenden beantwortet werden. Dazu wird zunächst eine Frequenzuntersuchung durchgeführt, um darlegen zu können, welche Ausdrücke besonders häufig im Korpus auftreten. Wie zuvor angedeutet, soll eine Kategorisierung der Lexeme vorgenommen werden (vgl. ebd., S. 30).

In einem ersten Schritt werden die Bundestagswahlprogramme der CDU/CSU aus den Jahren 2013 und 2017 einander gegenübergestellt, bevor es zu einem ähnlichen Vergleich von den Bundestagswahlprogrammen der SPD kommt. Anschließend sollen die Parteien CDU/CSU einerseits und die SPD andererseits kontrastiert werden.

4.2.1 Analyse der Bundestagswahlprogramme von CDU und CSU 2013 und 2017

Im Wahlprogramm der CDU und CSU aus dem Jahre 2013 fällt bei einer Frequenzuntersuchung auf, dass dem Thema Integration von Migranten eine erhebliche Rolle im Wahlprogramm zukommt. Darauf verweisen Wörter wie „Willkommenskultur“, „willkommen“, „Vielfalt“ oder das quantitativ am häufigsten gewählte Wort „Integration“ (CDU/CSU 2013, S. 40 f.). Dabei steht das Wort „Integration“ meist in Verbindung mit den Wörtern „erfolgreiche“ oder „gelungene“ (ebd., S. 40 f.), wodurch verdeutlicht werden soll, was eine gelungene Integration ausmacht. Von manchen Kollektivbezeichnungen für Personen machen die Unionsparteien häufiger Gebrauch als von anderen. Diesbezüglich wären Personenbezeichnungen wie „Zuwanderer“, „Neuzuwanderer“, „Zuwanderungsfamilien“ oder „Flüchtlinge“ (ebd., S. 40 ff.) zu nennen. Am Häufigsten kommen die Bezeichnungen „Menschen“ oder „Menschen mit Zuwanderungsgeschichte“ (vgl. ebd., S. 40) zur Verwendung. Da die Bezeichnung „Menschen“ fast ausschließlich mit Bezeichnungen wie „Zuwanderungsgeschichte“ oder „die in unser Land kommen“ stehen, könnte man zu der Annahme kommen, dass dadurch eine strikte Trennung zu den deutschen BürgerInnen geschaffen werden soll. Die Bezeichnung „Ausländer“ (ebd., S. 41) ist ein Mal im Wahlprogramm vorzufinden, wodurch ebenfalls eine strikte Trennung vorgenommen, und eine sogenannte Wir-Sie-Dichometrie aufgebaut wird. Da für die CDU und CSU eine Willkommenskultur und Integration klar im Vordergrund stehen, handelt es sich bei den Bezeichnungen „Menschen“ und „Zuwanderer“, die am häufigsten gewählt wurden, um positiv konnotierte Bezeichnungen, die das humane, menschliche unterstreichen während die Bezeichnung „Integrationsverweigerer“ (ebd., S. 41) selbstverständlich eine negative Konnotation erhält und in Zusammenhang mit Unwertwörtern wie „Missachtung“, „Abschottung“, „missbrauchen“, „Missbrauch“ oder „auszunutzen“ (ebd., S. 41 f.) steht. Die Parteien machen deutlich, dass nur denjenigen „unsere Unterstützung“ zukommt, die „Willen zur Integration“ (vgl. ebd., S. 41) zeigen und nur den „Flüchtlingen“ geholfen wird, die keinen „Missbrauch“ der „europäischen Freizügigkeit“ anstreben (vgl. ebd., S. 42).

Eine weitere Kategorisierung von diskursrelevanten Wörtern lässt sich vornehmen, nämlich die solcher „Wörter, die die Anpassung der MigrantInnen an die Aufnahmegesellschaft kennzeichnen“ (vgl. Böke/Jung/Niehr/Wengeler 2000, S. 30). Dabei fallenWörter wie „Integration“ oder „Staatsangehörigkeit“ (CDU/CSU 2013, S. 41) häufig ins Auge. Auch „Staatsbürgerschaft“ und „doppelte Staatsbürgerschaft“ (ebd., S. 41) lassen sich dieser Kategorie zuordnen, wobei die doppelte Staatsbürgerschaft mit einer Ablehnung seitens der CDU und CSU einhergeht und somit negativ konnotiert ist. Positiv konnotierte Wörter stehen meist eng mit Integration und den Forderungen an eine gelungene Integration in Verbindung. In dem Zusammenhang treten Forderungen und Ziele der Parteien meist mit n-Grammen auf, die mit einem Verb wie beispielsweise „wollen“, „erwarten“ oder „werden“ in Verbindung stehen, und dem Personalpronomen „wir“, wodurch sich die Politiker der Parteien von anderen Parteien abzugrenzen versuchen (Niehr 2014a, S. 80). Ein derartiger Versuch der Abgrenzung kommt zum einen durch die Verwendung der Pronomen „wir“ und „unser/en“ (CDU/CSU 2013, S. 40ff.) zum Ausdruck, verstärkt wird er durch Fahnenwörter wie „Schutz“ oder „Grundrecht auf Asyl“ (ebd., S.42), die durch die bereits genannten n-Gramme Unterstützung finden: „Deshalb bekennen wir uns zum Grundrecht auf Asyl“ (ebd., S. 42).

Hochwertwörter wie „Chancen“ (ebd., S. 40) stehen ebenfalls im Zusammenhang mit gelungener Integration. Um eine solche Integration erreichen zu können, fordern CDU und CSU „Zusammenhalt“, „Zusammenwirken“ und „Zugehörigkeit“ (ebd., S. 41). Das Lexem „Zusammen“ soll an dieser Stelle ein positives Wir- Gefühl hervorrufen. Ziel ist es, Zusammenhalt und Akzeptanz gegenüber Zuwanderern zu erzeugen, wobei das Erlernen der deutschen Sprache erheblich zum „Zusammenhalt in unserer Gesellschaft“ beitragen kann (vgl. ebd., S.41), um ein positives Bild von Zuwanderung zu vermitteln. Das Wort „Vielfalt“ (ebd., S. 40 f.) wird des Öfteren erwähnt. Um Vielfalt ermöglichen zu können, ist Zusammenhalt erforderlich. Es soll auf mögliche Konsequenzen aufmerksam gemacht werden, die „Integrationsverweigerern“ bei Verweigerung des Erlernens der deutschen Sprache drohen. Zum Beispiel, erhält das Wort „Zukunftschancen“ mit „keine“ eine negative Konnotation (vgl. ebd., S. 41).

Inwieweit sich politische und gesellschaftliche Veränderungen im aktuellsten Wahlprogramm der CDU/CSU niederschlagen, soll erneut durch eine Frequenzuntersuchung beleuchtet werden. Es ist anzunehmen, dass im Wahlprogramm der CDU und CSU eine gewisse Oberflächlichkeit bezüglich des Themas Migration sichtbar werden wird, denn erst nach der Bundestagswahl 2017 konnten die Unionsparteien zu einer Einigung kommen. Ihren Standpunkt zum Thema Migration hielten sie in dem „Regelwerk zur Migration“ fest (vgl. CDU 2017).

Im Wahlprogamm zur Bundestagswahl 2017 wird deutlich, dass das Thema Flucht und Vertreibung einen immer größeren Stellenwert einnimmt. Unter Kollektivbezeichnungen, mit denen Bezug auf Migranten genommen wird, finden sich nun Bezeichnungen wie „Menschen in Not“, „Asylbewerber“ oder „Flüchtlinge“, aber auch „Menschen“ oder „Migranten“ (CDU/CSU 2017, S. 62 f.). Im Wahlprogramm ist zudem die Rede von „Zeiten von Verunsicherung“ (ebd., S. 63), was das große Ausmaß an Zuwanderung beschreibt und außerdem gefährlich und erschreckend erscheinen lässt. Zugleich sichern CDU und CSU der Bevölkerung aber „Sicherheit“ zu, beziehungsweise bezeichnen sich mit diesem Fahnenwort selbst als „Sicherheit unserer Bevölkerung“ (ebd., S. 63) und durch das positiv konnotierte Wort „stark“ (ebd., S. 63) findet diese Sicherheit Unterstützung. Außerdem lassen sich zahlreiche „Bezeichnungen für den Migrationsprozess und die Maßnahmen, die ihn beeinflussen“, finden (Böke/Jung/Niehr/Wengeler 2000, S. 30). Derartige Bezeichnungen waren im Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2013 noch nicht von Bedeutung. Dazu zählen Wörter wie „Flüchtlingsbewegung“, „Bleiberecht“ oder „Relocation“ (CDU/CSU 2017, S. 63 f.). Weiterhin sticht hervor, dass das Thema „Integration“, welches noch einen zentralen Punkt im Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2013 einnahm, sich 2017 gar nicht mehr im Wahlprogramm von CDU und CSU wiederfindet. Stattdessen stößt man häufiger auf negativ konnotierte Wörter, die die Abgrenzung und Ablehnung von Migranten bezeichnen, wie „zurückzuführen“, „abzuschieben“ oder „abgelehnt“ (ebd., S. 62). „Menschenverachtende Aktivitäten der Schleuser“ sollen zudem unterbunden und „die Lebensbedingungen vor Ort“ verbessert werden, um die Flüchtlingszahlen niedrig zu halten (vgl. ebd., S. 62 f.).

Hier finden sich erneut n-Gramme, die zumeist in Verbindung mit den Verben „wollen“, „werden“ und „haben“ stehen, wobei „wir werden“ nicht so häufig Verwendung findet wie die anderen beiden Mehrworteinheiten, was aber nicht zwangsläufig an einer Uneinigkeit der Parteien liegen muss. Was allerdings auffällt, ist, dass das Thema Migration in dem Wahlprogramm von 2017 deutlich kürzer gehalten wurde, als 2013, obwohl es 2017 zu den am häufigsten diskutierten Themen gehörte und nach wie vor gehört. Diese Tatsache lässt definitiv auf eine Uneinigkeit zwischen den beiden Parteien schließen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Bundestagswahlprogramm im Vergleich
Untertitel
Eine diskurslinguistische Analyse der Wahlprogramme der CDU/CSU und SPD aus den Jahren 2013 und 2017
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Germanistik)
Note
1.0
Autor
Jahr
2018
Seiten
20
Katalognummer
V457623
ISBN (eBook)
9783668897939
ISBN (Buch)
9783668897946
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diskurslinguistische Analyse, Schlüsselwortanalyse, Wahlprogramm, Bundestagswahl, 2013, 2017, Politik, Linguistik
Arbeit zitieren
Katharina Ontrup (Autor), 2018, Bundestagswahlprogramm im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/457623

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