Rousseaus Theorie der Zivilreligion. Ein Konzept auch für die Bundesrepublik Deutschland?


Essay, 2019
10 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Ist Rousseaus Theorie der Zivilreligion auf die Bundesrepublik Deutschland übertragbar?

Rousseau spricht über den natürlichen Menschen und dem Bürger. Bei der Untersuchung seiner politischen Philosophie stehen im Zentrum gerade diese beiden im Widerspruch. Er beschreibt den Bürger als Mitglied seiner politischen Gemeinschaft, der Rousseauschen Republik, in der er „gezwungen wird frei zu sein“1. Daher formuliert er die Notwendigkeit einer Zivilreligion, die „als Liebe der Bürger zueinander“2 gelten soll. In diesem Essay soll es speziell um seine Zivilreligion gehen, sowie um die Frage, ob sie zur heutigen Zeit auf die Bundesrepublik Deutschland übertragen werden kann. Dafür werde ich zunächst einleitend aufzeigen, wie Rousseau auf die Idee einer Zivilreligion gekommen ist und weshalb er sie für notwendig hält. Im Anschluss wird ein aktueller Blick auf die Lage in Deutschland geworfen, um so zu entscheiden, ob sie mittlerweile überhaupt benötigt wird. Den Schluss bildet dann das Fazit, in dem kurz die dargelegte Frage beantwortet wird.

Rousseau entwickelt eine Theorie der Zivilreligion, die er als Schlüssel für die Republik sieht, in der der natürliche Mensch zu einem Bürger übergeht. Doch wie entscheidet sich Rousseau für eine Republik mit einer Gesellschaft, wenn er so begeistert von dem Naturzustand des Menschen ist? Das Eigentum ist unter anderem schuld. Denn im Grunde ist Rousseau zufrieden damit, dass die natürlichen Menschen keine Beziehungen untereinander führen und keinen Kontakt zueinander haben, wodurch auch kein Kriegszustand herrscht bzw. herrschen kann. So sind auch keine Herrschende und Beherrschte zu finden, denn jeder ist gleich, besitzt über dieselben Rechte und hat die gleiche Stellung. Allerdings entstehen Herrscher aber z.B. durch das Aneignen von Eigentum, was zu Ungleichheit unter den Menschen und somit zur Gewaltausübung führt.3

Um das Entstehen der Herrschaft zu legitimieren, spricht sich Rousseau für die

Herausbildung einer Gesellschaft aus. Er begründet die Bildung des Staatswesens damit, dass der Mensch zugrunde gehen würde, denn die Widerstände seien größer als die Kraft, die der einzelne Mensch besitzt. So finden sie sich zu einem Staat zusammen und verbinden ihre Kräfte gegen die Widerstände.4

Rousseau merkt an, dass der Staat an sich nicht natürlich ist; der Naturzustand des Menschen wurde für dieses Staatsgebilde verlassen. Für die Entstehung des Staates schließen sich die Menschen zu einer Gesellschaft zusammen, dessen Ziel dann wieder die Gewährleistung der Freiheit im Naturzustand ist. Dieses, so argumentiert Rousseau, könne nur durch einen Gesellschaftsvertrag erreich werden, den die Menschen eingehen.5

Rousseau sieht es für notwendig, die vertragsverbundenen Menschen zu erziehen, sodass sie seiner Theorie des Gesellschaftsvertrages gerecht werden; „die Zivilreligion ist hierfür der Schlüssel.“67

Rousseau ist es wichtig, dass der Mensch in der Gesellschaft gemeinwohlorientiert handelt. Hierzu muss er vom natürlichen Menschen zum Bürger übergehen und die Zivilreligion ist „die treibende Kraft“8 bei diesem Prozess.

Daniel Schulz merkt an, dass nach Rousseau das erste Gesetz einer Republik das Respektieren der Gesetze ist. Daher benutzt Rousseau die Religion als ein „Stabilisierungsinstrument“9, um die Bürger an die Geltung der Gesetze glauben zu lassen.10 So erinnert Hans Vorländer daran, dass für Rousseau nur die Religion den Zusammenhalt des Staates gewährleisten kann: „Sitôt que les h[ommes] vivent en société il leur faut une Religion qui les y maintienne. Jamais peuple n’a subsisté ni ne subsistera sans Religion et si on ne lui donnoit point, de lui-même il s’en feroit une ou seroit bientôt détruit.“1112

Schulz fügt hinzu, dass Rousseau zwischen drei Religionsformen unterscheidet: dem Katholizismus, der christlichen Religion sowie einer Mischform. Die ersten beiden kommen für Rousseau nicht in Frage, denn sie gewährleisten nicht, was er von ihnen erwartet, nämlich das Zusammenhalten der Bürger in der Gesellschaft. So ist es die

Mischform, die Zivilreligion, die übrigbleibt. Sie dient als „ein Syntheseversuch, der den Glauben an Gott und an die politische Verfassung miteinander vereint.“13

Rousseau beschreibt für die von ihm entworfene Form der Zivilreligion die

Glaubenssätze wie folgt:

„Die Glaubenssätze […] müssen einfach sein, gering in der Zahl, klar im Ausdruck, ohne Erklärungen und Auslegungen. Die positiven Sätze sind: die Existenz einer mächtigen, vernünftigen, wohltätigen, vorausschauenden und vorsorglichen Gottheit; das künftige Leben; die Belohnung der Gerechten; die Bestrafung der Bösen; die Helligkeit des Gesellschaftsvertrages und der Gesetze. […]“14

Im Ausgangspunkt Rousseaus Überlegungen ist die Ausweitung der natürlichen Religion, auf das politische Feld. Da der zum Bürger werdende Mensch auf dem Weg zur Vergesellschaftlichung seine natürliche Religion verdrängt, hält es Rousseau für notwendig, eine Zivilreligion einzuführen, die den Menschen Verbindlichkeiten und Vorschriften erteilt. So wird aus der natürlichen Religion eine Zivilreligion.15 Diese Form einer Religion ist dazu da, um in der Republik die Volkssouveränität verbindlich zu machen. An diese Religion müssen sich, so Rousseau, alle Bürger anhängen, d.h. jeder muss religiös sein. Die Bürger müssen den Dogmen, die der Staat formuliert, einwilligen; wer nicht bereit dazu ist, muss nach Rousseau mit hohen Bußen rechnen. Folglich wird auch deutlich, dass Rousseau den Atheisten in seiner Republik mit der Zivilreligion keinen Platz bietet.16 Vorländer beschreibt das Vorhaben Rousseaus als Gründung einer neuen christlichen Religion nach seinen Vorstellungen. Dabei verzichte er auf die Schwächen der christlichen Religion und gründe eine Eigene. Diese solle dann dem Staat Beständigkeit und Dauerhaftigkeit verleihen.17

Rückblickend lässt sich also bisher zusammenfassen, dass Rousseau den Menschen aus seinem Naturzustand entzieht und ihn mit den anderen Menschen zusammen eine Gesellschaft gründen lässt, welche auf einen Gesellschaftsvertrag basiert. Diese Gesellschaft beruht auf einen Staaten, der einer Zivilreligion folgt, bei der es allen, mittlerweile Bürgern, Pflicht ist, sich anzuschließen. Somit sind Rousseaus Vorstellungen und Ziele einer Zivilreligion deutlich geworden.

[...]


1 Rousseau, Jean-Jacques (1977): Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts, Stuttgart: Reclam, S. 77 f.

2 Hamer, Stefanie (2015): W ie der Staat trauert: Zivilreligionspolitik in der Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden: Springer VS, S. 35

3 Vgl. Rousseau a.a.O. Vom Gesellschaftsvertrag, S. 7 f.

4 Vgl. Ebd. S. 12

5 Vgl. Ebd. S. 16 f.

6 Hamer, a.a.O. S. 50

7 Vgl. Rousseau, a.a.O. Vom Gesellschaftsvertrag, S. 16 f.

8 Hamer, a.a.O. S. 38

9 Schulz, Daniel (2013): Naturerzählungen und republikanische Geltungsbedingungen bei Rousseau, Bielefeld: Transcript Verlag, S. 291

10 Vgl. Erdmann, Karl Dietrich (1935): Das Verhältnis von Staat und Religion nach der Sozialphilosophie Rou ss eaus, Berlin: Ebering, S. 15

11 Vgl. Rousseau, Jean-Jaques (1964): Œuvres complètes, Paris: Gallimard, S. 336

12 Vgl. Vorländer, Hans (2013): Brauchen Demokratien eine Zivilreligion, Bielefeld: Transcript Verlag, S. 143

13 Schulz, a.a.O. S. 291

14 Vgl. Rousseau, a.a.O. Vom Gesellschaftsvertrag, S. 207

15 Vgl. Hamer, a.a.O. S. 37

16 Vgl. Vorländer, a.a.O. S. 153 f.

17 Vgl. Ebd. S. 155 f.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Rousseaus Theorie der Zivilreligion. Ein Konzept auch für die Bundesrepublik Deutschland?
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Institut für Politikwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
10
Katalognummer
V457627
ISBN (eBook)
9783668891050
ISBN (Buch)
9783668891067
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politische Theorie, Rousseau, Religion, Zivilreligion
Arbeit zitieren
Gamze Arin (Autor), 2019, Rousseaus Theorie der Zivilreligion. Ein Konzept auch für die Bundesrepublik Deutschland?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/457627

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