Atypische Beschäftigung. Sprungbrett in die Prekarität oder Erwerbsform der Zukunft?


Hausarbeit, 2018

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffe
2.1 Atypische Arbeit
2.2 Prekarität

3. Wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen und neue Formen von Arbeitsorganisation

4. Chancen und Risiken
4.1 Ergebnisse der Analyse
4.2 Chancen
4.3 Risiken

5. Fazit

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Die moderne Arbeit ist atypisch. Binnen zwanzig Jahren stieg die Zahl der befristet, in Leih- oder Zeitarbeit Beschäftigten und Minijobbern um mehr als 70 Prozent. Im Jahr 2016 ging jeder fünfte Erwerbstätige zwischen 15 und 64 Jahren einer atypischen Beschäftigung nach, während seit 1991 die Zahlen Erwerbstätiger mit unbefristeter Vollzeitbeschäftigung konstant zurück gehen (destatis 2017). Diese Entwicklung geht mitwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandelungsprozessen wie erhöhtem Marktdruck und Normwandel einher und eröffnete neben einer politischen auch eine Debatte über qualitative Aspekte von atypischer Arbeit. Denn nicht nur gesetzliche Reglementierungen, auch die sozialen Sicherungssysteme erfüllen nicht mehr die Ansprüche des modernen Arbeitnehmers. Es wird zunehmend Flexibilität gefordert, ohne eine hinreichende Flexibilisierung der Sicherungssysteme zu gewährleisten. Dieses Abstimmungsproblem könnte auf lange Sicht zu umfassenden Exklusionsprozessen führen und bedarf dringender Handlung. Erfordert es zusätzlich eine Relativierung des Begriffs „atypisch“, wenn diese Arbeitsform zunehmend zur Normalität wird? Und sind alle atypischen Erwerbsformen auch gleich prekär?

In der vorliegenden Arbeit wird auf diese Fragen detailliert eingegangen. Zusätzlich soll untersucht werden, wie der aktuelle Trend einer Verlagerung vom Normalarbeitsverhältnis auf atypische Beschäftigungsformen zu interpretieren ist und wie dieser Prozess ausgestaltet werden kann. Dazu werden zunächst Begrifflichkeiten wie Atypische Arbeit und Prekarität geklärt und in Bezug zueinander gestellt. Anschließend sollen die Rahmenbedingungen genauer erläutert sowie ein theoretischer Bezug zu Robert Castels Theorie der Desintegrationspotentiale hergestellt werden. Welche Risiken oder auch Chancen sich aus den neuen Beschäftigungsformen entwickeln können, wird dann anhand einer Analyse von Brehmer und Seifert nochmals gegenüber gestellt und in einem Fazit die Fragestellung beantwortet und ein Ausblick auf Lösungs- und Gestaltungsmöglichkeiten gegeben.

2. Begriffe

Zunächst folgt in diesem Kapitel eine definitorische Abgrenzung der Begriffe atypische Arbeit und Prekäre Arbeit, die für das Verständnis und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema notwendig ist.

2.1 Atypische Arbeit

Als atypische Beschäftigungen bezeichnet man diejenigen Beschäftigungsformen, die in mindestens einem Punkt vom Normalarbeitsverhältnis abweichen. Letzteres lässt sich nach Mückenberger in folgende Kriterien einteilen:

- Vollzeittätigkeit mit entsprechendem Einkommen
- Unbefristeter Arbeitsvertrag
- Integration in soziale Sicherungssysteme
- Identität vom Arbeits- und Beschäftigungsverhältnis
- Weisungsgebundenheit des Arbeitnehmers vom Arbeitsgeber (Keller/Seifert 2013, S.11)

Das beschriebene Normalarbeitsverhältnis ist mit 68,7 Prozent nach wie vor die mehrheitlich vorherrschende Erwerbsform. Eng daran gekoppelt ist ein geschlechterspezifisches Ungleichgewicht, das auf dem männlichen Hauptverdienermodell beruht. Demnach geht der Mann der entgeltlichen Erwerbstätigkeit nach, während die Frau mit Aufgaben wie Haushaltsmanagement und Kindererziehung betreut ist.Dem gegenüber steht eine Dominanz der Frauen in atypischen Verhältnissen, welche besonders bei Teilzeitjobs umfangreich vertreten sind (destatis 2016, S.3).

Die Heterogenität von atypischer Beschäftigung wird deutlich, wenn man diese in ihren einzelnen Formen betrachtet: befristete Beschäftigungen, Teilzeitarbeit, Leih- und Zeitarbeit und geringfüge Beschäftigung. Neben diesen Formen von abhängiger atypischer Arbeit existieren auch Sonderformen wie Solo-Selbstständigkeit oder Arbeitskraftunternehmertum. Gewissermaßen grenzen sich atypisch Beschäftigte aber zentral durch drei Merkmale von Beschäftigten mit Normalarbeitsverhältnis ab: Sie arbeiten deutlich kürzer und/oder mit befristetem Arbeitsvertrag oder auf Leiharbeitsbasis (Brehmer/Seifert 2008, S.503). Was genau diese Arten von Beschäftigung ausmacht und wie sie entstanden sind, wird in Kapitel 3 erläutert und mit aktuellen Zahlen und Fakten untermauert.

2.2 Prekarität

Mit dem Begriff Prekarität erlangte die Inklusions- und Exklusionsdebatte eine neue Dynamik. Es lässt sich nicht mehr einfach zwischen „Drinnen“ (Personen mit geschützter Normalarbeit und stabilem sozialen Umfeld sowie Weiterbildungschancen) und „Draußen“ (Gruppen, die dauerhaft von regulärer Erwerbsarbeit ausgeschlossen sind, oft mit negativen Auswirkungen auf soziale Beziehungen und kulturelle Güter) unterscheiden. Nach dieser Logik benennt Robert Castel in seiner Theorie der Desintegrationspotentiale von Erwerbsarbeit eine „Zone der Prekarität“, welche sich zwischen der „Zone der Integration“(„Drinnen“) und der „Zone der Entkopplung“(„Draußen“) befindet. Dort bündeln sich oben genannte atypische Beschäftigungsverhältnisse und bilden eine neue gesellschaftliche Zwischenschicht die zum einen von der Angst vor dem weiteren Abstieg, und zum anderen von der Hoffnung auf stabile Arbeitsverhältnisse geprägt ist (Dörre 2005, S. 252). Atypische Erwerbsformen tendieren zwar zur Prekarität, sind aber nicht grundsätzlich mit prekärer Arbeit gleichzustellen. Da man Prekarität aus verschiedensten Blickwinkeln betrachten kann, wie zum Beispiel den beruflichen Status oder soziale Inklusion betreffend, gibt es mehrere umfangreiche Definitionen. Des Weiteren ist der Begriff schwer zu operationalisieren, da er an gesellschaftlichen Normalitätsstandarts gemessen werden muss, die stark variieren können (Kraemer/Speidel 2004, S.121). Ungeachtet dessen sollen im Folgenden unter Beachtung der Subjektivität und der Kontextabhängigkeit von Prekarität die wichtigsten Aspekte zusammengefasst werden. Allgemein weisen prekäre Beschäftigungsverhältnisse nach Rogers 1989 folgende Charakteristika auf:

- vergleichsweise geringer Grad an Arbeitsplatzsicherheit
- eingeschränkter sozialer Schutz bzw. Absicherung durch Gesetz oder Tarifverträge
- fehlender oder eingeschränkter Zugang zu den sozialen Sicherungssystemen
- geringes Einkommen (Brehmer/Seifert 2008 )

Andere Definitionen beziehen dazu auch außerbetriebliche Faktoren mit ein, die auch zur Bewertung des Arbeitsverhältnisses herangezogen werden sollten. Des Weiteren ist bei atypischer Beschäftigung von gewisser Diskontinuität in der Erwerbsbiografie auszugehen. Da aber vor Allem in Deutschland soziale Sicherung an eine kontinuierliche Beschäftigung gekoppelt ist (siehe Normalarbeitsverhältnis), droht auch hier Abstieg in die Prekarität. Castel spricht hierbei von einer „schleichenden Rekommodifizierung der Arbeitskraft“ im Zuge einer Prognose, nach der sich die Zone der Prekarität und die Zone der Entkopplung weiter vergrößern während die Zone der Integration schrumpft (Kraemer/Speidel 2004, S.367). Genannter Trend umfasst nicht nur die zunehmende Entkopplung von Erwerbsarbeit von sozialen Sicherungssystemen, sondern auch ein wachsendes Gefühl von Ersetzbarkeit, dass sich bei Festangestellten im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit der externen, flexiblen Angestellten (Prekarier) ausbreitet (Dörre 2005, S.254). Es gilt also: die formale Einbettung der Arbeit in soziale Sicherungssysteme ist nicht gleichzusetzen mit prekaritätsvermeidender Erwerbstätigkeit. Denn nicht nur Größe und Umfang der Zonen aus Castels Typologie befinden sich im Wandel, auch die Grenzen der Zonen verschwimmen zunehmend. Weitere Trends, die dem Prekaritätsdiskurs vorausgehen, werden in nachfolgendem Kapitel dargestellt.

3. Wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen und neue Formen von Arbeitsorganisation

Der Rückgang des Normalarbeitsverhältnisses ist durch diverse politische und wirtschaftliche Wandelungsprozesse innerhalb der letzten 40 Jahre bedingt. Beginnend mit dem Beschäftigungsförderungsgesetz von 1985, welches die immer deutlich werdenden Folgen der Globalisierung auf den Arbeitsmarkt abdämpfen sollte, bis zu den Hartz-Gesetzen von 2002 wurde versucht der wachsenden Arbeitslosigkeit entgegen zu wirken. Dabei sollten neue Erwerbsformen wie Leih- und Zeitarbeit und geringfügige Beschäftigung die Reintegration in den Arbeitsmarkt sowohl für den Arbeitnehmer als auch für den Arbeitgeber ermöglichen. Vor Allem durch die Etablierung von Teilzeitarbeit für Frauen gelang vielen Arbeitslosen der Einstieg in die Erwerbstätigkeit. Auch die Zahl der Solo-Selbstständigen wuchs seitdem stätig. Um deutlicher zu machen, inwiefern diese neuen Formen von Arbeitsorganisation die Entstehung atypischer Arbeit fördern, wird im Folgenden genauer auf Teilzeit-, Leih- und Zeitarbeit, sowie geringfügige und befristete Beschäftigungsarten und deren Entstehung im Zuge von Flexibilisierungstrends eingegangen.

Aufgrund von technischem Fortschritt im Rahmen der Digitalisierung und einem allgemeinen Trend zu Liberalisierung des Markthandels in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts entsteht eine zunehmende internationale Verflechtung. Die Grenzen verschwimmen immer mehr während der nationale Wettbewerb wächst, was diverse Restrukturierungsmaßnahmen anleitete. Diese Veränderungen am Arbeitsmarkt verunsichern sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber. Während kollektive Regelungssysteme und Soziale Sicherung geschwächt und zunehmend abgebaut werden, wird von Unternehmen eine enorme Anpassungsfähigkeit gefordert, um schnell auf unvorhersehbare wirtschaftliche Veränderungen reagieren zu können. Folglich steigt der Bedarf an flexiblen Beschäftigungsverhältnissen. Um diesen Bedarf zu decken, bietet es sich an, Leih- und Zeitarbeiter zu beschäftigen. Neben dem Normalarbeitsverhältnis und Teilzeitarbeit machen Leiharbeiter den drittgrößten Anteil der Beschäftigungsformen aus. Im Jahr 2016 wurden insgesamt 737 000 Leiharbeiter beschäftigt, knapp 175 000 mehr als zehn Jahre zuvor (destatis 2017). Leiharbeit zeichnet sich durch ein Dreiecksverhältnis zwischen Verleiher, Entleiher und Beschäftigtem aus. Um Auftragsspitzen zu bewältigen, zieht ein Arbeitgeber externe Ersatzkräfte heran, um die Stammbelegschaft zu entlasten (Promberger 2009, S.128). Bezüglich der Integration in soziale Sicherungssysteme mag diese Art von Beschäftigung zwar vergleichbar mit dem Normalarbeitsverhältnis sein, doch sind Leiharbeitsjobs stets befristet und stellen oft nur eine „Notlösung“ dar, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen und weisen daher ein hohes Prekaritätsrisiko auf. Zusätzlich zu dieser Form der externen Flexibilisierung stellen geringfügige Beschäftigungen, sogenannte Minijobs, eine weitereForm von atypischer Arbeit dar und gelten als zentrales Mittel der Agenda 2010 zur Eindämmung der Arbeitslosigkeit. Dabei handelt es sich um eine abgabefreie Beschäftigung, die nicht sozialversicherungspflichtig ist und eine Arbeitszeit von 15 Stunden pro Woche meist nicht überschreitet. Daraus ergibt sich in der Regel ein nicht existenzsicherndes Einkommen. Ob es sich dabei um ein Prekarisierungsmerkmal handelt, lässt sich nur anhand des Kontextes beantworten, da eine geringfügige Beschäftigung oftmals nur als Zuverdienst für Familien oder als Sprungbrett in eine Vollzeitbeschäftigung dient. Auch hier ist ein drastischer Anstieg zu verzeichnen: während im Jahr 2006 noch knapp 5 Millionen Menschen geringfügig beschäftigt waren, waren es im Jahr 2016 schon 7,01 Millionen (DRV Knappschaft Bahn-See 2016, S.8). Neben Flexibilisierungstrends lässt sich auch zunehmende Individualisierung beobachten, die sich in der Zunahme Solo-Selbstständiger zeigt, eine weitere Form von atypischer Beschäftigung. Solo-Selbstständigkeit bedeutet, außer sich selbst keine Mitarbeiter zu beschäftigen. Zwar arbeiten Solo-Selbstständige im Durchschnitt 15 Stunden weniger pro Woche, doch erzielen sie dafür weniger als die Hälfte des Einkommens von „normalen“ Selbstständigen, was auch hier ein hohes Prekaritätsrisiko erzeugt (Keller/Seifert 2013, S.36). Nicht außer Betracht zu lassen sind Teilzeitbeschäftigungen, die sich von allen atypischen Formen wohl am geringsten vom Normalarbeitsverhältnis unterscheiden. Bis auf eine geringere Arbeitszeit von maximal 35 Stunden pro Woche sind Teilzeitjobs weitestgehend gleichgestellt mit Vollzeittätigkeiten (Keller/Seifert 2013, S12). Mit knapp 15 Prozent macht Teilzeitarbeit den größten Anteil atypisch Beschäftigter aus (Dietz/Himsel/Walwei 2013, S.90). Nicht separat aufgeführt, da es zu Überschneidungen käme, ist befristete Beschäftigung. Sowohl Teilzeit- als auch geringfüge Arbeit ist in den meisten Fällen befristet, von Leih- und Zeitarbeit ist die Befristung sogar zentrales Merkmal.

Oben genannte Entwicklungen machen deutlich, dass Unternehmen zunehmend die Marktrisiken wieder auf die Mitarbeiter verlagern um sich abzusichern in Zeiten der arbeitsweltlichen Veränderung. Somit lässt sich neben Globalisierungs-, Flexibilisierungs- und Individualisierungstrends auch von einer Re-Kommodifizierung sprechen. Kostensenkungsstrategien auch von Gewerkschaften, welche innovative Arbeitspolitik zunehmend ersetzen, verursachen eine Marginalisierung bisheriger Gründe für Arbeitsunzufriedenheit (Dörre 2005, S.255). Dominierend ist nun vielmehr die Sorge um den Erhalt des Arbeitsplatzes. Insgesamt ist ein Rückgang des klassischen Normalarbeitsverhältisses zu beobachten, was einen Anstieg von atypischer Beschäftigung nach sich zieht.

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Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Atypische Beschäftigung. Sprungbrett in die Prekarität oder Erwerbsform der Zukunft?
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Inklusion und Exklusion in der Arbeitswelt
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V457720
ISBN (eBook)
9783668873711
ISBN (Buch)
9783668873728
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Atypische Arbeit Prekarität Zukunft der Arbeit Robert Castel Desinegrationspotenziale, Arbeitsorganisation
Arbeit zitieren
Ella Leicht (Autor), 2018, Atypische Beschäftigung. Sprungbrett in die Prekarität oder Erwerbsform der Zukunft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/457720

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