Die moderne Arbeit ist atypisch. Binnen zwanzig Jahren stieg die Zahl der befristet, in Leih- oder Zeitarbeit Beschäftigten und Minijobbern um mehr als 70 Prozent. Im Jahr 2016 ging jeder fünfte Erwerbstätige zwischen 15 und 64 Jahren einer atypischen Beschäftigung nach, während seit 1991 die Zahlen Erwerbstätiger mit unbefristeter Vollzeitbeschäftigung konstant zurück gehen (destatis 2017). Diese Entwicklung geht mit wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandelungsprozessen wie erhöhtem Marktdruck und Normwandel einher und eröffnete neben einer politischen auch eine Debatte über qualitative Aspekte von atypischer Arbeit. Denn nicht nur gesetzliche Reglementierungen, auch die sozialen Sicherungssysteme erfüllen nicht mehr die Ansprüche des modernen Arbeitnehmers. Es wird zunehmend Flexibilität gefordert, ohne eine hinreichende Flexibilisierung der Sicherungssysteme zu gewährleisten. Dieses Abstimmungsproblem könnte auf lange Sicht zu umfassenden Exklusionsprozessen führen und bedarf dringender Handlung. Erfordert es zusätzlich eine Relativierung des Begriffs „atypisch“, wenn diese Arbeitsform zunehmend zur Normalität wird? Und sind alle atypischen Erwerbsformen auch gleich prekär?
In der vorliegenden Arbeit wird auf diese Fragen detailliert eingegangen. Zusätzlich soll untersucht werden, wie der aktuelle Trend einer Verlagerung vom Normalarbeitsverhältnis auf atypische Beschäftigungsformen zu interpretieren ist und wie dieser Prozess ausgestaltet werden kann. Dazu werden zunächst Begrifflichkeiten wie Atypische Arbeit und Prekarität geklärt und in Bezug zueinander gestellt. Anschließend sollen die Rahmenbedingungen genauer erläutert sowie ein theoretischer Bezug zu Robert Castels Theorie der Desintegrationspotentiale hergestellt werden. Welche Risiken oder auch Chancen sich aus den neuen Beschäftigungsformen entwickeln können, wird dann anhand einer Analyse von Brehmer und Seifert nochmals gegenüber gestellt und in einem Fazit die Fragestellung beantwortet und ein Ausblick auf Lösungs- und Gestaltungsmöglichkeiten gegeben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffe
2.1 Atypische Arbeit
2.2 Prekarität
3. Wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen und neue Formen von Arbeitsorganisation
4. Chancen und Risiken
4.1 Ergebnisse der Analyse
4.2 Chancen
4.3 Risiken
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den aktuellen Trend zur Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse und analysiert, inwiefern diese als Sprungbrett in stabile Erwerbsbiografien oder als Weg in die Prekarität zu interpretieren sind. Dabei steht die Frage im Vordergrund, wie die Diskrepanz zwischen geforderter Flexibilität und dem statischen deutschen Sozialversicherungssystem aufgelöst werden kann.
- Abgrenzung der Begriffe Atypische Arbeit und Prekarität
- Analyse wirtschaftlicher und politischer Rahmenbedingungen für neue Arbeitsorganisationen
- Gegenüberstellung von Chancen und Risiken atypischer Erwerbsformen
- Theoretischer Bezug zur Theorie der Desintegrationspotentiale von Robert Castel
- Diskussion über Lösungs- und Gestaltungsmöglichkeiten für eine zukunftsfähige Entprekarisierungspolitik
Auszug aus dem Buch
3. Wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen und neue Formen von Arbeitsorganisation
Der Rückgang des Normalarbeitsverhältnisses ist durch diverse politische und wirtschaftliche Wandelungsprozesse innerhalb der letzten 40 Jahre bedingt. Beginnend mit dem Beschäftigungsförderungsgesetz von 1985, welches die immer deutlich werdenden Folgen der Globalisierung auf den Arbeitsmarkt abdämpfen sollte, bis zu den Hartz-Gesetzen von 2002 wurde versucht der wachsenden Arbeitslosigkeit entgegen zu wirken.
Dabei sollten neue Erwerbsformen wie Leih- und Zeitarbeit und geringfügige Beschäftigung die Reintegration in den Arbeitsmarkt sowohl für den Arbeitnehmer als auch für den Arbeitgeber ermöglichen. Vor Allem durch die Etablierung von Teilzeitarbeit für Frauen gelang vielen Arbeitslosen der Einstieg in die Erwerbstätigkeit. Auch die Zahl der Solo-Selbstständigen wuchs seitdem stätig. Um deutlicher zu machen, inwiefern diese neuen Formen von Arbeitsorganisation die Entstehung atypischer Arbeit fördern, wird im Folgenden genauer auf Teilzeit-, Leih- und Zeitarbeit, sowie geringfügige und befristete Beschäftigungsarten und deren Entstehung im Zuge von Flexibilisierungstrends eingegangen.
Aufgrund von technischem Fortschritt im Rahmen der Digitalisierung und einem allgemeinen Trend zu Liberalisierung des Markthandels in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts entsteht eine zunehmende internationale Verflechtung. Die Grenzen verschwimmen immer mehr während der nationale Wettbewerb wächst, was diverse Restrukturierungsmaßnahmen anleitete. Diese Veränderungen am Arbeitsmarkt verunsichern sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber. Während kollektive Regelungssysteme und Soziale Sicherung geschwächt und zunehmend abgebaut werden, wird von Unternehmen eine enorme Anpassungsfähigkeit gefordert, um schnell auf unvorhersehbare wirtschaftliche Veränderungen reagieren zu können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Anstieg atypischer Beschäftigung und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Prekarisierungsgefahr gegenüber dem Integrationspotenzial dieser Arbeitsformen.
2. Begriffe: Dieses Kapitel liefert eine definitorische Abgrenzung der Begriffe atypische Arbeit sowie Prekarität, um die theoretische Basis für die Untersuchung zu schaffen.
3. Wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen und neue Formen von Arbeitsorganisation: Hier werden die historischen und politischen Treiber, wie die Hartz-Reformen, sowie die daraus resultierenden neuen Arbeitsformen und Flexibilisierungstrends analysiert.
4. Chancen und Risiken: Dieses Kapitel stellt empirische Ergebnisse gegenüber und diskutiert sowohl die positiven Aspekte wie Reintegration, als auch die sozialen Risiken und die Prekaritätsspirale.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und fordert eine neue politische Strategie, um das Sozialversicherungssystem an die modernen, flexiblen Arbeitsformen anzupassen.
Schlüsselwörter
Atypische Beschäftigung, Prekarität, Normalarbeitsverhältnis, Arbeitsmarkt, Leiharbeit, Teilzeitarbeit, Flexibilisierung, Soziale Sicherung, Hartz-Reformen, Desintegrationspotentiale, Robert Castel, Entprekarisierung, Arbeitslosigkeit, Arbeitsorganisation, Erwerbsbiografie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Zunahme von atypischen Beschäftigungsformen wie Leiharbeit und Minijobs und hinterfragt, ob diese eine Brücke in den Arbeitsmarkt oder einen Weg in die dauerhafte Prekarität darstellen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen umfassen die Definition von atypischer Arbeit, die Auswirkungen politischer Reformen auf den Arbeitsmarkt sowie die Analyse sozialer Risiken für die betroffenen Arbeitnehmer.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den aktuellen Trend zur Verlagerung vom Normalarbeitsverhältnis hin zu atypischen Modellen zu interpretieren und Ansätze für eine soziale Gestaltung dieser Transformation zu identifizieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Fundierung durch die Desintegrationstheorie von Robert Castel und verknüpft diese mit einer Analyse empirischer Daten, insbesondere der Untersuchung von Brehmer und Seifert.
Welche inhaltlichen Aspekte stehen im Hauptteil im Fokus?
Im Hauptteil werden die politischen Rahmenbedingungen, die spezifischen Formen atypischer Arbeit sowie eine detaillierte Gegenüberstellung von Chancen und Risiken (wie Entlohnung und soziale Absicherung) behandelt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Atypische Beschäftigung, Prekarität, Flexibilisierung und Soziale Sicherung charakterisiert.
Wie bewertet die Autorin das Integrationspotenzial von Leiharbeit?
Leiharbeit wird zwiespältig betrachtet: Einerseits dient sie als Mittel gegen Arbeitslosigkeit, andererseits ist sie oft befristet und mit hohen Prekaritätsrisiken verbunden, was eine echte Integration erschwert.
Warum ist das deutsche Sozialversicherungssystem laut der Autorin problematisch?
Das System ist primär auf das Normalarbeitsverhältnis ausgerichtet; durch die Zunahme atypischer, instabiler Erwerbsbiografien entsteht eine Versorgungslücke, insbesondere in Hinblick auf die Altersvorsorge.
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- Ella Leicht (Autor), 2018, Atypische Beschäftigung. Sprungbrett in die Prekarität oder Erwerbsform der Zukunft?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/457720