Muss ein Konflikt in einer Revolution ausbrechen?

Vergleich der Konflikttheorie von Marx & Engels zu Dahrendorf


Essay, 2018
11 Seiten, Note: 2,8

Leseprobe

Einleitung:

Der Begriff Revolution in einem politischen und sozialen Zusammenhang, bezeichnet in allgemeiner Auffassung zunächst eine Umwälzung, die in kurzer Zeit einen strukturellen Wandel herbeiführt. Dabei ist die Voraussetzung einer jeden revolutionären Bewegung ein Problem, Konflikt zwischen zwei oder mehreren Gruppen, sozialen Schichten oder Klassen einer Gesellschaft.1 Beispielhaft wird anhand des „Modellfall[s]“2 der berühmten französischen Revolution 1789, der Versuch angestrebt, das Phänomen Revolution zu fassen und näher zu definieren. Jedoch kann der Revolutionsbegriff an sich, nicht einheitlich definiert werden, denn im selben Moment scheitert eben dieser „[...] an der Unterschiedlichkeit der politischen Ereignisse und Prozesse, die mit dem Begriff Revolution in Verbindung gebracht werden“3. Ebenso findet eine Differenzierung statt, die sich in einer Vielzahl von Revolutionstheorien offenbart. Doch wie festigen sich Konflikte, die möglicherweise zu Revolutionen führen? Müssen diese Konflikte in einer Form der „Revolution“ ausbrechen?

In berühmterweise haben Marx und Engels den Begriff des „Klassenkampfs“ geprägt. Die Ursache für den Konflikt zwischen den Unterdrückten und den Herrschenden bildet die Einführung von Eigentum. Die utopisch, zugespitzte Vorstellung: Der durch eine Revolution erreichte Zustand des eigentumsfreien Lebens im Kommunismus. Aus der Perspektive der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die Theorie von Marx und Engels nur noch eine unhaltbare Vereinfachung, so Ralf Dahrendorf.4 Nicht die Eigenschaften des Eigentums führen zu einem Konflikt, sondern vielmehr die Ausübung von Macht und Herrschaft. Konflikte bestehen zwar weiterhin, dennoch werden diese innerhalb eines Systems ausgetragen. Angesichts dieser konträren Positionen soll das folgende Essay der Frage nachgehen, in welcher Hinsicht gesellschaftliche Konflikte entstehen, um herauszuarbeiten, inwieweit dies eine theoretische Voraussetzung für den Ausbruch von „Revolutionen“ bildet. Aufgrund der Komplexität der Autoren ist die Betrachtung auf die jeweiligen Hauptargumente begrenzt. Infolgedessen soll die grundlegende Konflikttheorie von Marx und Engels dargestellt und mit der soziologischen Betrachtung von Ralf Dahrendorf verglichen werden.

„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“5

Mit diesen Worten ist klar umrissen, worin sich der Konflikt in der Gesellschaft manifestiert. Das Zusammenleben, in dem sich der Mensch bewegt, verändert und handelt ist für Marx und Engels immer geprägt vom stetigen Kampf der Klassen. Der Klassenkampf drängt in eine Lebensweise und blockiert so gleich die eigenen Entfaltungsmöglichkeiten. Das Ziel ist die Überwindung der unfreiwilligen Unterordnung und das anschließende Leben in einer friedlichen klassenlosen Gesellschaft des Kommunismus.6 Als Motor für gesellschaftliche Entwicklung nimmt die Theorie einer Klassengesellschaft eine Hauptrolle in der Konflikttheorie von Marx ein. Um den Konflikt zwischen den Klassen näher zu bestimmen, ist es zunächst entscheidend, den Begriff der „Klasse“ näher zu definieren und die Ursachen für den Ausbruch eines Kampfes zwischen den Klassen zu bestimmen. Obgleich Marx Klassentheorie nicht eindeutig definiert werden kann, da sich der Begriff der Klasse in zahlreichen Texten mitunter in ihrer Definition unterscheidet, ergeben sich trotz dessen Umrisse, die eine nähere Beschreibung erlauben.7

Im Hintergrund eines kapitalistischen Ordnungssystems bilden sich die unterschiedlichen Klassen anhand ihrer Lage in den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen heraus. Kennzeichnend hierfür ist die Dominanz einer Klasse von Individuen, die über Produktionsmittel verfügt, die von den Mitgliedern einer Gesellschaft benötigt werden, um ihre materiellen Bedürfnisse zu befriedigen. Gegenüber dieser Klasse der „Bourgeoisie“ steht die Klasse der Eigentumslosen - das „Proletariat“. Das Proletariat verfügt gerade nur über ihre eigene Arbeitskraft, die auf dem Arbeitsmarkt in Form von jeglicher Tätigkeit gegen Bezahlung des Käufers angeboten werden kann. Der Wert der Arbeitskraft ist „[...] im Durchschnitt des Marktgeschehens [...] durch den Wert der Waren bestimmt, die zu ihrer Erzeugung und Erhaltung erforderlich sind“8. Dies schließt Lebensmitteln, sowie zum Teil auch die Kosten zur „[...] Erhaltung der Familie, für Bildung, Vergnügen und langlebige Konsumgüter [...]“9 mit ein. Grundsätzlich ist der Arbeiter zwar frei und unabhängig, dennoch ist er im Angebot seiner Arbeitskraft angewiesen auf den Unternehmer und muss seine Vorstellungen an die des Arbeitgebers anpassen. In diesem Abhängigkeitsverhältnis steigt der Reichtum der Bourgeoisie, wohingegen die Arbeiter des Proletariats verarmen. Gleichwohl herrschen innerhalb der Klasse der Bourgeoisie Konflikte aufgrund von Konkurrenz, um Marktanteile und Profite. Diese Konkurrenz zwingt Einzelkapitalisten die Produktivität ihrer Arbeiter zu steigern, um nicht von anderen Konkurrenten verdrängt zu werden.10 Besonders der Konkurrenzdruck macht die kapitalistische Klasse dynamisch, denn „[...] im Kampf gegen sich selbst, gegen ihr Sicherheits- und Beharrlichkeitsinteresse revolutioniert sie ständig die Produktionsmittel, die Produktionsverhältnisse und sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse“ 11. Einerseits ist die Fähigkeit zur Veränderung und Anpassung ausschlaggebend für das bestehen eines einzelnen Unternehmers, andererseits ist er abhängig von den Klassenbeziehungen zur Arbeiterklasse, die ebenfalls von diesem stetigen Wandel betroffen ist. Es liegt in der Klasse des Proletariats, inwieweit sie sich zu ständigen Veränderungen zwingen lässt oder welche Kompromisse sie eingehen werden.12 Letztendlich kommt es angesichts der Konkurrenz, schließlich zur Konzentration von Produktionsmitteln, die die Bildung von Monopolen nach sich zieht, wodurch Kleinunternehmer des Mittelstandes in die Klasse des Proletariats verdrängt werden. Die Folge ist eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der eine kleine Minderheit von Produktionsmittelbesitzern, einer großen Mehrheit an Lohnabhängigen gegenübersteht.13

Aus dieser Beschreibung der Klassengegensätze erschließt sich die eigentliche Ursache für die Spaltung der Gesellschaft. Der Mensch lebte zunächst in einer Urform des Kommunismus.14 Weder großer persönlicher Besitz, noch Herrschaft oder Überproduktion charakterisierten diese Gemeinschaft von Menschen. In weiterer Entwicklung der Menschheit überholte die Produktion den eigentlichen Gebrauch. Die geringe Entwicklung der Produktion führte folglich zur Spaltung in eine herrschende und unterdrückte Klasse, denn „[s]olange die gesellschaftliche Gesamtarbeit nur einen Ertrag liefert, der das zur notdürftigen Existenz aller Erforderliche nur um wenig übersteigt, solange also die Arbeit alle oder fast alle Zeit der großen Mehrzahl der Gesellschaftsglieder in Anspruch nimmt, solange teilt sich die Gesellschaft [...] in Klassen“15. Somit kann mit der Entwicklung von erhöhter Produktivität der Arbeit auch eine zunehmende Bildung von Privateigentum und Austausch beobachtet werden. Daraus folgen die Unterschiede im Reichtum und sogleich die Verwertbarkeit fremder Arbeitskraft, die die Grundlage von Klassengegensätzen darstellen.16

Das Eigentum ist schlussendlich in der Geschichte für Marx und Engels, die begründete Macht, in der sich die Herrschaftsverhältnisse offenbaren. Exemplarisch legitimierte das Eigentum die Herrschaftsverhältnisse schon damals zwischen Sklave und Sklavenhalter, später zwischen Grundherr und Leibeigener im Feudalismus und nun im modernen Zeitalter zwischen Kapitalist und besitzlosem Arbeiter.17 Eigentum entfremdet die Gesellschaft und stellt die Ursache der Ausbeutung der Arbeiter dar. Folgend ist es das Ziel der Kommunisten durch eine Revolution, ausgehend vom Proletariat, die „Aufhebung des Privateigentums“18 zu erreichen und die Herrschaft der Bourgeoisie zu beenden.

II.

„Das von Marx prognostizierte Aufeinanderprallen der Klassen in einem Klassenkampf sei infolge der Differenzierung von Klassengrenzen [...], ausgeblieben.“19

Ralf Dahrendorf, ist ein deutsch-britischer Soziologe und zählt mit seinen Schriften schon längst als „Klassiker“ in der Soziologie. Seine Abhandlungen beruhen vornehmlich auf der Rezeption, Kritik und Reflexion anderer Sozialwissenschaftler. Besonders Max Weber, der Strukturfunktionalismus von Talcott Parsons, sowie die Theorie von Karl Marx waren ausschlaggebend für die Soziologie Dahrendorfs.20 In das Zentrum seiner Konflikttheorie stellt er, wie bereits Marx, die „[...] soziale Genese sozialer Konflikte [...] und schränkt zugleich die Gültigkeit seiner Konflikttheorie auf ,soziale Konflikte’ ein“21. Ein Konflikt wird eben dann sozial, wenn er überindivduell ist.22

[...]


1 Vgl. Widmaier, U., 2000: S. 607.

2 Ebd.

3 Ebd.

4 Vgl. Dahrendorf, R., 1996: S. 280.

5 Marx, K. F. Engels, 1977: S. 462.

6 Vgl. Demirovic, A., 2002: S. 49.

7 Vgl. Ebd. S. 49f.

8 Ebd. S. 50.

9 Ebd.

10 Vgl. Ebd. S. 50f.

11 Ebd. S. 51.

12 Vgl. Ebd.

13 Vgl. Ebd. S. 51f; Vgl. Marx, K. & F. Engels, 1977: S. 466f.

14 Vgl. Engels, F., 1962: S. 30ff. 3

15 Engels, F., 1975: S. 262.

16 Vgl. Engels, F., 1962: S. 28.

17 Vgl. Marx, K. & F. Engels, 1977: S. 462.

18 Ebd. S. 475.

19 Kühne, O., 2017: S. 32.

20 Vgl. Ebd. S. 1; 5f.

21 Ebd. S. 27f.

22 Vgl. Dahrendorf, R., 1972: S. 24. 4

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Details

Titel
Muss ein Konflikt in einer Revolution ausbrechen?
Untertitel
Vergleich der Konflikttheorie von Marx & Engels zu Dahrendorf
Hochschule
Universität Leipzig  (Politikwissenschaften)
Veranstaltung
Wissen und Macht; Was heißt Revolution?
Note
2,8
Autor
Jahr
2018
Seiten
11
Katalognummer
V457729
ISBN (eBook)
9783668888203
ISBN (Buch)
9783668888210
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Revolution, Karl Marx, Marx, Marx und Engels, Konflikttheorie, Politikwissenschaften, Philosophie, Essay
Arbeit zitieren
Max Hillebrand (Autor), 2018, Muss ein Konflikt in einer Revolution ausbrechen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/457729

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