Hugo Ball und die bildende Kunst. Sein Roman "Flametti oder Vom Dandyismus der Armen"


Hausarbeit, 2006
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Dadaismus und Hugo Ball

3. Literatur und bildende Kunst – Einfluß Kandinskys auf Hugo Ball

4. Lautgedichte

5. „Flametti oder Vom Dandyismus der Armen“
5.1. Der Titel
5.2. Zur Entstehung des Romans
5.3. Flametti und andere Romanfiguren
5.4. Sprachmittel
5.5. Ziele des Romans

6. Resümee

7. Literatur

1. Einleitung

„jolifanto bambla o fali bambla

großiga m’pfa habla horem

egiga goramen

higo bloiko russula huju ... .“

Karawane. Hugo Ball

War der Autor dieser Strophen ein Spinner, ein Verrückter, ein Genie oder ein Draufgänger? Was war Besonderes in seinem Schaffen? Was wollte er uns mit seinen literarischen Werken mitteilen?

Diese Verse stammen aus dem Zyklus der Lautgedichte von Hugo Ball. Hugo Ball war einer der Mitbegründer einer neuen künstlerischen Richtung in der Literatur, die ihren Höhepunkt 1916 im Cabaret Voltaire, Zürich, nahm. Diese Form der Kunst war anders, als man es zu jener Zeit erwartete. Hugo Ball schreibt man die Erfindung des Namens Dadaismus für diese Literaturrichtung zu, auch wenn die anderen Mitglieder des Cabaret Voltaire das Wort „Dada“ gleichfalls für sich beanspruchten. In der Dada-Periode entstand eine Reihe interessanter Werke. Die folgende Arbeit repräsentiert einen Abschnitt der Schaffensperiode von Hugo Ball. Sie beleuchtet seine schöpferische Suche nach neuen Wegen, die Entstehung der Lautgedichte und seinen Roman „Flametti oder Vom Dandyismus der Armen“. Dabei soll folgende Fragestellung untersucht werden: Vor welchem Hintergrund und welchem politischen Umfeld kommt der Autor zu solchen ungewöhnlichen Ausdrucksformen in seinen Lautgedichten und welchen Zweck erfüllt sein Roman „Flametti“? Und nicht zu vergessen: War er wirklich verrückt?

2.Dadaismus und Hugo Ball

Dada... !

Was bedeuten diese vier Buchstaben? Die Interpretation des Wortes „Dada“ ist ebenso umstritten, wie es keine klare Linie in dieser Kunstrichtung gab. Dada sollte etwas Ursprüngliches, Einfaches bedeuten. Neben dieser Interpretation gibt es weitere zahlreiche Entstehungsvarianten des Begriffs „Dada“.1 Mit „Dada“, das einem kindlichen Ausdruck ähnlich ist, wollte sich eine Gruppe gesellschaftskritischer Individualisten gegen ihre Umgebung abschirmen. So wie Kinder versuchten die Dadaisten, in die Welt der Phantasie zu entfliehen. Hugo Ball mit seiner revolutionären und expressiven Art wird gewöhnlich als Vater des Dadaismus gesehen. Für Ball hatte das Wort „Dada“ eine vielsagende Macht. In seinem Tagebuch2 drückte er ernsten philosophischen Radikalismus aus. Er bezeichnete die Bedeutung des Wortes „ein Signum alberner Naivität und zeugungsfroher Verbundenheit mit dem Kinderwagen“.3 Dada war ein „Narrenspiel aus dem Nichts, in das alle höheren Fragen verwickelt sind“.4 Das „Narrenspiel“ manifestierte sich in seinen Gedichten darin, dass Ball die Bedeutungsseite des Wortes vernachlässigte.

Dada spielte sich in der relativ kurzen Zeit zwischen 1916 und 1925 in unterschiedlichen Städten (hauptsächlich Zürich, Berlin, New York, Paris und Köln) ab. Man kann daher behaupten, daß es eine internationale avantgardistische Bewegung war. Diese völlig neue Künstlergeneration lehnte bürgerliche Verhältnisse und autoritäre soziale Ordnung ab, was „ein expressives Verlangen nach Destruktion und Demarkierung der bürgerlichen Welt“5 zur Folge hatte. Hugo Ball glaubte daran, dass der Dadaismus der richtige Weg sei. Die Dadaisten betrachteten sich und ihr Werk als eine neue Lebensform, die mehr war, als nur Literatur oder eine Kunstrichtung.

Häufig beeinflussen politische Strömungen und Ereignisse Künstler und Kunstwerke ihrer Zeit. Beispiele dafür bilden Impressionismus, Existentialismus und Jugendstil. So auch hier. Daher ist es erforderlich, das historische Umfeld in die Textinterpretation einzubeziehen. Auch auf Dadaismus und Expressionismus trifft das zu, die in der Zeit des ersten Weltkrieges ein furchtbares und fruchtbares Umfeld vorfanden. Die Dada-Periode hatte eine anarchistische, antibürgerliche Tendenz. Frei nach dem Motto „Alles ist kaputt, auch die Kunst. Jetzt kann man Neues erschaffen.“

Der Dadaismus war eine Weltanschauung, die Umbruch proklamierte, Ablehnung gegen Krieg und althergebrachte Tradition. Dadaismus sollte dem Menschen helfen, sich von der Welt der Ursache und Logik zu entfernen und ein Wunderland der Freiheit zu betreten. Der Dadaismus war auch „die Konsequenz einer sich stetig radikalisierenden Boheme“.6 Balls Kontakte mit dem Künstlermilieu und damit auch seine Bekanntschaft mit den führenden modernen Künstlern beeinflusste seine Entwicklung und die des Dadaismus.

„Wie vielen künstlerischen, literarischen und musikalischen Ausdrucksformen jener Jahre während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg, liegt nämlich auch Balls künstlerischem Schaffen die Erfahrung einer doppelten Katastrophe zugrunde: So wie die umgebende Welt zrfällt, zersetzt sich auch das zuvor selbstverständliche, sprachlich-ästhetische Material.“7

Hugo Ball, ebenso wie die anderen Dadaisten, wollte die Welt reformieren und suchte nach neuen Ausdrucksformen, die über seine Zeit hinausgingen. Zufall wurde für die Dadaisten zum schöpferischen Prinzip der Wortfindung.

Hans Arp hatte in seinem Atelier an einer Zeichnung gearbeitet. Als ihm das Ergebnis missfiel, zerriss er das Papier und warf die Fetzen auf den Boden. Wenig später fiel ihm auf, dass die Schnipsel in ihrer Anordnung das ausdrückten, wonach er gesucht hatte. Übertragen auf die Lyrik bedeutete das für ihn: „Wörter, Schlagworte, Sätze, die ich aus Tageszeitungen und besonders aus Inseraten wählte, bildeten 1917 die Fundamente meiner Gedichte. Öfters bestimmte ich auch mit geschlossenen Augen Wörter und Sätze [...]. Ich nannte diese Gedichte Arpaden.“8

Allerdings wäre die Interpretation eines dadaistischen Textes, die nach Sinn oder Unsinn fragt, absolut unzureichend und falsch. Nichts bei Dada steht fest, sondern zeigt sich in Gesellschaftskritik, Provokation sowie Selbstironie und -/kritik („Antidada“).

3. Literatur und bildende Kunst – Einfluß Kandinskys auf Hugo Ball

„Drei Dinge sind es, die die Kunst unserer Tage bis ins Tiefste erschüttern, ihr ein neues Gesicht verliehen und sie vor einen gewaltigen neuen Aufschwung stellten: Die von der kritischen Philosophie vollzogene Entgötterung der Welt, die Auflösung des Atoms in der Wissenschaft und die Massenschichtung der Bevölkerung im heutigen Europa.“9

Dieses Zitat stammt aus Hugo Balls wohl wichtigstem Aufsatz, der Kandinsky-Rede, gehalten in der Galerie Dada am 7. April 1917.

Vom Standpunkt der bildenden Kunst aus betrachtet, hat Vassilij Kandinsky wesentlichen Anteil an der Befreiung der Malerei vom Zwang der Gegenständlichkeit. Geboren 1866 in Moskau war er unbeeinflußt von westeuropäischen Maltraditionen. Er wollte im konkreten Kunstwerk Ideen und Empfindungen sichtbar machen, reine Abbildung genügte ihm nicht.

Kandinsky empfand Farben nicht nur als optische, sondern gleichzeitig als akustische Reize, sog. „Farbklänge“. Sein wohl berühmtestes Gedicht „Sehen“ macht das deutlich: Blau steht darin als Farbe des Himmels, der Weite und des Unendlichen, Rot gilt als brausend, glühend, heiß, während weiß Symbol einer Welt ist, in der alle Farben als materielle Eigenschaften und Substanzen verschwunden sind.

Hans Arp notiert 1951 über Kandinskys Gedichtband „Klänge“:

„Durch die Wortfolgen und Satzfolgen dieser Gedichte wird dem Leser das stete Fließen und Werden der Dinge in Erinnerung gebracht, oft mit dunklem Humor, und, was das Besondere an dem konkreten Gedicht ist, nicht lehrhaft, nicht didaktisch [...]. Kandinsky hingegen stellt den Leser vor ein sterbendes und werdendes Wortbild, vor eine sterbende und werdende Wortfolge, vor einen sterbenden und werdenden Traum. [...]. Die Gedichte Kandinskys enthüllen die Nichtigkeit der Erscheinungen und der Vernunft.“10

Darin unterschieden sich z. B. ein poetisch belehrendes Gedicht (von Goethe) und eine sprachliche Demonstration Kandinskys.

In seinen Malereien und bildenden Kunst drückte Kandinsky das aus, was Ball und den Mitgliedern des Club Voltaire wichtig erschien: keine festgelegten Regeln zu haben, keine Hörigkeit gegenüber der Obrigkeit, keine direkte Abbildung der Gegenwart, die sie als zerstört betrachteten. Literarisch boten Kandinskys Gedichte die Möglichkeit, ein „Querstellen“ zu demonstrieren, ein Dissens mit der sie begleitenden Zeit und Politik. Revolutionäre Hoffnungen verbanden die Dadaisten mit Kandinskys neuartiger Kunstproduktion. Hugo Ball formulierte dazu einen Vortrag in der Galerie Dada:

„Als der erste auch in der Poesie hat Kandinsky rein spirituelle Vorgänge dargestellt. Mit den einfachsten Mitteln gestaltet er in den ‚Klängen’ Bewegung, Wachstum, Farbe und Ton [...]. Die Negierung der Illusion geschieht hier noch als Gegeneinanderstellen sich aufhebender Illusionselemente, die der konventionellen Sprache entnommen sind. Nirgendwo, auch bei den Futuristen nicht, hat man eine ähnlich kühne Purifikation der Sprache versucht. Und Kandinsky ist auch den letzten Schritt noch weitergegangen. Er hat im ‚Gelben Klang’ als Erster den abstrakten Lautausdruck, der nur aus harmonisierten Vokalen und Konsonanten besteht, gefunden.“11

Für Hugo Ball war Kandinsky, den er in München kennen gelernt hatte, ein ausgesprochen avantgardistischer Künstler. Seine allgemeinen Bestimmungen bilden die Grundlage für Balls literarisches Schaffen. Kandinskys Ideen über die erlösende Rolle der Kunst beeinflussten Balls eigene Ideen stark, gaben ihm bedeutende Hinweise für die eigene künstlerische Tätigkeit. Hugo Ball kann man als Kandinskys Nachfolger, nicht aber als seinen Nachahmer bezeichnen. „Er [H. Ball] kann auf die von Kandinsky gewonnenen Einsichten über die Wirkungsmöglichkeiten des sprachlichen Materials zurückgreifen und sich als Künstler aus einer kanonisch geregelten Kunstproduktion entbunden fühlen.“12 Ball lies sich von Kandinskys „Klängen“ inspirieren, was zur Dichtung seiner eigenen dadaistischen Lautgedichte führte.

Kandinskys „Klänge" spielen auch für die Geschichte einer konkret-visuellen Literatur eine außenordentliche Rolle.

4. Lautgedichte

Den Einfluss Kandinskys auf dadaistische Literatur und insbesondere auf Hugo Ball darf man nicht unterschätzen. Lautgedichte werden für die Bewegung des Dada charakteristisch, auffallend in Form und Klang. So wie Kandinsky, haben auch Hugo Ball und andere Dadaisten wie Kurt Schwitters, Tristan Tzara und Hans Arp wesentlich zur Klärung der konkret-akustischen Literatur beigetragen.

Hugo Ball übernimmt Kandinskys Idee und experimentiert auf vielfältige Weise mit der Sprache. Der Wortsinn wird unwichtig. Das Ausgangsmaterial, aus dem das Lautgedicht sich zusammensetzt, ist „nichts anderes als das, was von der zertrümmerten Welt der Systeme noch übrig war: der Sprachschutt zerborstener Weltbilder“. Die Wörter werden dekonstruiert und zerstört, bis nur einzelne Laute übrigbleiben. Die vorgetragenen Gedichte haben zum Ziel, „die Zuhörerschaft ... wachzutrommeln und aufreizen.“ Entscheidend war, dass das Gedicht „von der Technik des Vortrags nicht zu trennen [war] ... und es war aufs engste mit der Situation verknüpft, in der es zu Gehör gebracht wurde.“ Balls Lautgedichte nehmen in dieser Form der Darbietung jedoch eine Sonderstellung ein: Sie beschwören „inmitten von Radau und Posse des literarischen Dadaismus eine beinahe meditative Situation“ herauf. Der Reiz dadaistischer Lautgedichte liegt darin, dass sie nicht vorgeben, einen Sinn in sich verborgen zu haben, und Ball bezeichnet sie als „Verse ohne Worte“.13

Der emotionale Hintergrund der Lautgedichte, vor denen Ball und andere Dadaisten zu dieser Art sprachlichen Ausdrucks kamen, kann als radikale „Gegenposition zur Politik und Gesellschaft ..., zu jenen Kunstrichtungen (Kubismus, Futurismus, Expressionismus)“ beschrieben werden, wobei nicht vergessen werden darf, dass einige Dadaisten ihre künstlerischen Anfänge in gerade diesen Kunstrichtungen erlebten. Die Dadaisten zerstörten alte Ausdrucksformen und wollten mit der Sprache Protest und Verweigerung ausdrücken. Sie wollten sich absetzen von allem, was zuvor traditionell in der Lyrik verwendet wurde.

[...]


1 vgl. Riha, Karl (Hg.) 2005: Dada total: Manifeste, Aktionen, Texte, Bilder. Stuttgart, S. 36

2 Ball, Hugo 1946: Die Flucht aus der Zeit. Luzern, S. 101

3 Riha 2005 : S. 22

4 ebenda, S. 23

5 Korte, Hermann. 1994: Die Dadaisten. Reinbek, S. 11

6 „Wege aus dem Dadaismus.“ Kapitel 1.2.2.2: Die Boheme. Magisterarbeit www.woerter.de/hb/texte/ball-schwitters.html

7 Willeke, Michaela: “Zwischen Anarchie, Autokratie und Ethik der Alterität“ (Zu Christoph Schmidts Hugo Ball-Studie) <http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=7088&ausgabe=200405>

8 Riha 2005: S. 348

9 „Wege aus dem Dadaismus.“ Kapitel 1.2.1: Magie, Mystik und Kunst: Therapie der Zeit der Flucht?“ Magisterarbeit

10 Döhl, Reinhard: „Von der Alphabetisierung der Kunst. Zur Vorgeschichte und Geschichte der konkreten Poesie.“ <http:/www.uni-stuttgart.de/nd11/konkret2.htm>

11 Döhl: „Von der Alphabetisierung der Kunst. Zur Vorgeschichte und Geschichte der konkreten Poesie.“

12 Kammler, Dietmar: „Die Auflösung der Wirklichkeit und Vergeistigung der Kunst im „Inneren Klang“.“ In: Hugo-Ball-Almanach 1983, S. 45

13 Korte, Hermann 1994: Die Dadaisten. Reinbek, S. 7, 49, 50, 53

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Hugo Ball und die bildende Kunst. Sein Roman "Flametti oder Vom Dandyismus der Armen"
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V457907
ISBN (eBook)
9783668896420
ISBN (Buch)
9783668896437
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dada, Hugo ball, kandinsky, Flametti, Dadaismus, Dandy, bildende Kunst
Arbeit zitieren
Ekaterina Klaer (Autor), 2006, Hugo Ball und die bildende Kunst. Sein Roman "Flametti oder Vom Dandyismus der Armen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/457907

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