Darstellung, Inszenierung und Funktion der Visitenkarte in Filmen

American Psycho (2000), The Social Network (2010), Seven Pounds (2008), The Dark Knight (2008) und Narcos (2018)


Essay, 2018
8 Pages

Excerpt

„Look at that subtle off-white coloring. The tasteful thickness of it. Oh my God, it even has a watermark…“ Diese Worte sind schön längst Klassiker der Popkultur. Es sind die Gedanken Patrick Batemans (Christian Bale) beim Betrachten der Visitenkarte eines Arbeitskollegen in Marry Harrons AMERICAN PSYCHO (USA/CAN 2000). Eine Visitenkarte, im Originalenglisch des Filmes und in dessen Kontext sogar treffender die „business card“, ist vom Duden als eine „kleine Karte mit aufgedrucktem Namen und aufgedruckter Adresse“ definiert. In AMERICAN PSYCHO aber werden die Sujets des Namens, der Identität und der Außendarstellung nahezu pervertiert. Die Rolle der Visitenkarte spielt innerhalb dieser Inszenierung eine beachtliche Rolle. Auch in vielen weiteren Filmen geht die narrative Nutzung der Visitenkarte weit über ihre eigentliche Funktion, die der Informationsverbreitung, hinaus.

Im Kontext der Gestaltung einer Visitenkarte lassen sich Schlüsse über ihre zugedachten Funktionen ziehen; beim Betrachten der filmischen Inszenierung werden ihre vielseitigen narrativen Funktionen deutlich. Meine These ist, dass die Funktion der Visitenkarte oftmals nicht ihr normativer Nutzen – eine spätere Kontaktaufnahme − ist, sondern die Karte symbolisch aufgeladen wird. Kann die Visitenkarte für die Charaktere sogar eine Möglichkeit sein, ihre Individualität und Einzigartigkeit selbst zu kreieren?1

Doch nicht nur AMERICAN PSYCHO bietet Eigenheiten in der Inszenierung der Visitenkarte und ihrer narrativen Funktion. Wie ist die Interaktion zwischen Karte und Schauspieler anderen Filmen? Welche Ansprüche geben Filmemacher der Visitenkarte? Bestimmen die Genres die narrative Funktion? Welche immateriellen Zustände können Visitenkarten veranschaulichen? Neben AMERICAN PSYCHO sollen die Filme THE SOCIAL NETWORK (USA 2010), SEVEN POUNDS (SIEBEN LEBEN, USA 2008) und THE DARK KNIGHT (USA/UK 2008) sowie eine Episode der Serie NARCOS: MEXICO (USA seit 2018) hinsichtlich Darstellung, Inszenierung und Funktion der Visitenkarte analysiert werden.

Die Visitenkarte ist ein Ding, welches nicht unbedingt zu der Standardausrüstung eines Spielfilmes zählt, wie es klassische Gebrauchsgegenstände oder ikonische Filmgegenstände tun: Ikonische Dinge wie das Schwert oder der Revolver können typischen Genres zugeordnet werden. Darüber hinaus nimmt die Visitenkarte stets nur wenige Sekunden eines Filmes ein.

Nicht nur auf der visuellen Ebene ist die Visitenkarte in AMERICAN PSYCHO speziell inszeniert. Auch die Dialoge handeln von der Visitenkarte, wie sie in AMERICAN PSYCHO sonst von Markenanzügen oder Frauen handeln. Im eingangs dargelegten Zitat fehlt die Beschreibung dessen, was das Betrachten der Visitenkarte in Bateman auslöst: Er beginnt zu schwitzen, verliert den Fokus und die Selbstbeherrschung. Der Zuschauer vor dem Fernseher mag kaum Unterschiede zwischen den Karten erkennen, geschweige denn Unterschiede in ihrer Qualität. Der von Neid und Scham befallene Bateman jedoch lässt die Karte aus seinen schwitzenden Händen fallen.

Gleichzeitig leitet die Visitenkarte einen Wendepunkt ein: Die nächste Szene ist der Beginn der „Mordserie“. Somit besteht ein direkter Bezug zwischen dem Sujet des Namens, verbunden mit einer Portion Neid, welches die „Verrücktheit“ des Protagonisten quasi auslöst. Die Visitenkarte verbildlicht diesen Namen-Fetischismus und interagiert direkt mit dem Charakter: als Bateman die Karte Paul Allens (Jared Leto) betrachtet, wird der umgebende diegetische Sound nahezu ausgeblendet. Ein Voice-over lässt die Gedanken des nun schwitzenden Bateman deutlich werden. Kommentare anderer Charaktere gibt es während der Betrachtung der Karte nicht. Paul Allen, der Besitzer der optimalen Visitenkarte, ist bei der Betrachtung seiner Karte nicht anwesend, die Karte „gewinnt“ somit stellvertretend für seinen Besitzer.

In NARCOS: MEXICO benutzt der undercover ermittelnde Agent Camarena (Michael Peña) die Visitenkarte eines Gärtners, um sich notfalls ausweisen zu können. Seinen skeptischen Gegenüber, der glaubt, ihn zu kennen, kann er so überzeugen. Obwohl die Visitenkarte im Gegensatz zum (Dienst-)Ausweis von nichtoffizieller Seite hergestellt wird, trägt sie einen Wahrheitsanspruch mit sich. Die Visitenkarte wird hier auch vom Schauspieler wie ein Ausweis präsentiert.

In SEVEN POUNDS scheint die narrative Rolle der Karte anfangs normal: In der vom Protagonisten Ben (Will Smith) beabsichtigten Wirkung hilft die Visitenkarte dabei, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen – ganz banal, durch die vermerkte Telefonnummer. Auch eine andere Frau, der Ben eine Karte gegeben hatte, meldet sich telefonisch. Aber: in SEVEN POUNDS ist die Funktion der Visitenkarte, so banal sie anfangs erscheint, als sie von Ben verteilt wird, im Endeffekt antithetisch. Denn gegen Ende des Films offenbart sich, dass es in Wahrheit die Visitenkarte seines Bruders ist und er den gesamten Film über unter falscher Identität agierte. Hier ist die Rolle der Karte sogar authentischer als in NARCOS: MEXICO, denn selbst der Zuschauer glaubt ihr.

Während bei vielen Filmen keine filmtechnisch spezielle Inszenierung der Karte vorliegt, stellt in American Psycho die Montage die Visitenkarte in den Mittelpunkt: Bateman verliert beim Betrachten der Karte Paul Allens den Fokus. Die Montage, sein Gesicht im Close-Up, lässt die diegetischen Geräusche auf der auditiven Ebene ausblenden und es werden nur Batemans Gedanken wiedergegeben. Der Hintergrund verliert an Konturen und Batman beginnt zu schwitzen und leicht zu schielen. Ebenso wie Bateman verliert die Montage, im wahrsten Sinne des Wortes, den Fokus.

Schon davor werden im Verlauf der Szene die Visitenkarten – beim Betrachten des Filmes kaum merkbar – mit einer Art extradiegetischen, mystischen Hauchen hinterlegt, wenn sie ausgeteilt werden.

In THE SOCIAL NETWORK nimmt die Visitenkarte gleichermaßen eine Statusrepräsentation vor. Hier symbolisiert sie einen beruflichen Aufstieg und die damit verbundenen Möglichkeiten. Im Rahmen eines visionären Zukunftsgespräch wird dem jungen Mark Zuckerberg gesagt, bald könne er sich die Aufschrift „I’m a CEO, bitch“ auf seine Visitenkarte drucken, wenn seine Firma erfolgreich sein werde und er sich diesen Umgangston mit Geschäftspartnern bzw. Kontrahenten leisten könne. Hier wird keine Visitenkarte gezeigt, sondern nur auf auditiver Ebene über eine Visitenkarte geredet, was in Filmen auch kein allzu häufig vorkommendes narratives Mittel ist. Die Visitenkarte und ihre Bedeutung werden hier sprachlich konstruiert, die visuelle Abbildung folgt zu einem späteren Zeitpunkt: Zuckerberg, seine Firma nun mit Erfolg gesegnet, hat sich diese Karte tatsächlich erstellt, aber sie wird nur kurz gezeigt. Bemerkenswert ist die auditive Untermalung der Szene: Es handelt sich um einen Dialog in einem Nachtclub und die Bässe übertönen die Sprecher, sodass der Zuschauer sich wirklich konzentrieren und anstrengen muss, um dem Dialog folgen zu können.

Bemerkenswert ist, dass die Visitenkarte auch metaphorische Sphären betritt. Man denke nur an THE DARK KNIGHT und den Joker, der bei Attentaten eine von ihm auserkorene Form der Visitenkarte hinterlässt: Die Spielkarte. Diese Form der Visitenkarte kommt in jener fiktionalen Welt sogar vollkommen ohne Text aus und hinterlässt eine spürbare Wirkung, sie verbreitet Angst und Schrecken und verstärkt die mystische Anonymität des Jokers.

Die erste Assoziation mit Visitenkarten ist die Verwendung in Kriminalfilmen. Eine Standard-Narrative ist, dass Kommissare ihre Visitenkarte, mit der Telefonnummer versehen, bei Zeugen zurücklassen, „falls diesen noch etwas einfällt.“ Im späteren Verlauf des Filmes erhält der Ermittler dann einen hilfreichen Anruf. So weit, so gut.

Nichtsdestotrotz: abgesehen von den Kriminalfilmen zeigen sich die Genres der Spielfilme, in denen eine Visitenkarte vorkommt, divers. Satirische Horrorfilme (AMERICAN PSYCHO), actionbetonte Superheldenfilme (THE DARK KNIGHT) und Dramen (SEVEN POUNDS) bedienen sich ebenso der Visitenkarte als narratives oder stilistisches Mittel wie Filme mit biographischem Charakter (THE SOCIAL NETWORK). Hierbei wird die Karte dann auch gerne besonders inszeniert. Ihr Vorkommen ist in diesen Genres narrativ gesehen nicht notwendig, daher wird die Funktion der Karte auch nicht in ihrem ursprünglichen Sinne der Informationsverbreitung genutzt.

Aber auch im Kriminalfilm wird nicht immer die gleiche Narrative verfolgt. Im Falle der Drama-Krimiserie NARCOS: MEXICO ereignet sich Gegenteiliges: der Wahrheitsanspruch, der mit einer Visitenkarte assoziiert wird, wird ausgenutzt, um sich unter einer falschen Identität frei zu bewegen: Der Ermittler gibt sich − lediglich mithilfe einer Visitenkarte − als Gärtner aus.

Erst im Kontext ergibt sich die genaue Funktion der Visitenkarte, die immer im Zusammenspiel mit ihrem Besitzer, der Handlung und dem Wissensstand des Zuschauers zu betrachten ist – aber auch im Kontext des Filmgenres. Letzteres macht American Psycho als Satire gerade so einzigartig in der Darstellung der Visitenkarte und ihrer narrativen Funktion.

Nicht nur die Visitenkarten wirken auf den neutralen Betrachter kaum divers: In American Psycho sehen sich alle Charaktere in Kleidung und Frisur enorm ähnlich. Dies

[...]


1 Dudenredaktion (o.J.).

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Details

Title
Darstellung, Inszenierung und Funktion der Visitenkarte in Filmen
Subtitle
American Psycho (2000), The Social Network (2010), Seven Pounds (2008), The Dark Knight (2008) und Narcos (2018)
Author
Year
2018
Pages
8
Catalog Number
V457974
ISBN (eBook)
9783668881501
Language
German
Tags
darstellung, inszenierung, funktion, visitenkarte, filmen, american, psycho, social, network, seven, pounds, dark, knight, narcos
Quote paper
Ulli Armbrust (Author), 2018, Darstellung, Inszenierung und Funktion der Visitenkarte in Filmen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/457974

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