Prävention bei psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Welche medizinischen, pädagogischen und politischen Maßnahmen gibt es?


Bachelorarbeit, 2018

44 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffserklärungen
2.1 Prävention
2.2 Gesundheitsförderung
2.3 Salutogenese und Pathogenese

3 Psychische Erkrankungen im Kindesund Jugendalter
3.1 Definition Kindesund Jugendalter
3.2 Historie Kinderund Jugendpsychiatrie
3.3 Klassifikation
3.4 Symptome
3.5 Komorbidität
3.6 Risikound Schutzfaktoren
3.6.1 Risikofaktoren
3.6.2 Schutzfaktoren
3.7 Ausgewählte Krankheitsbilder & Prävalenz
3.7.1 Depressionen
3.7.2 Angststörungen
3.7.3 Störungen des Sozialverhaltens
3.7.4 Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen (ADHS)

4 Möglichkeiten der Prävention
4.1 Herausforderungen an Prävention
4.2 Prävention in der Familie
4.2.1 Präventionsprogramm „Triple P“
4.2.2 Elternkurs „Starke Eltern Starke Kinder“
4.3 Prävention im Gesundheitswesen
4.4 Prävention im Kindergarten
4.5 Prävention in der Schule
4.5.1 Präventionsprogramm „Faustlos“
4.5.2 Präventionsprogramm „Dinosaurier-Schule“
4.5.3 Suizidprävention an Schulen
4.6 Prävention im Jugendalter durch soziale Trainingsprogramme
4.7 Politische Aspekte im Bereich Prävention

5 Rechtliche Grundlagen im Bereich der Prävention

6 Handlungsräume der Sozialen Arbeit
6.1 Soziale Arbeit in der Kinderund Jugendpsychiatrie
6.2 Schulsozialarbeit
6.3 Sozialpädagogische Familienhilfe

7 Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Wenn es im einen oder anderen oder gar in mehr Fällen gelingt, den Status Patient erst gar nicht zu erreichen, ist das wohl immer noch das Beste, was wir für die Menschen in diesem Land tun können; daneben geht es darum, Krankheiten frühzeitig zu erkennen, zu behandeln und Krankheitsfolgen zu mildern“ (Schröder 2004: 7).

Prävention bei psychischen Erkrankungen im Kindesund Jugendalter ist noch nicht ausreichend im Bewusstsein der Gesellschaft, obwohl Zahlen und Fakten alarmierend wirken. Hinzu kommt, dass Behandlungen von psychischen Erkrankungen oft sehr kostspielig und zeitintensiv sind, wohingegen sich Präventionsprogramme meist ohne größeren und finanziellen Aufwand in alle Lebensbereiche von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien installieren lassen (vgl. Schröder 2004: 8).

Die Zahl der psychischen Erkrankungen im Kindesund Jugendalter nimmt zu. Aktuell zeigen fast fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis siebzehn Jahren ein psychisch auffälliges Verhalten (vgl. Klasen u.a. 2017: 5). Nicht bei jedem dieser Kinder und Jugendlichen bedarf es einer Therapie oder klinischen Behandlung, jedoch sollten diese Kinder verstärkt im Blick behalten werden, sowohl von Eltern, ÄrztInnen, LehrerInnen als auch SozialarbeiterInnen. Die Hälfte der psychischen Erkrankungen wird vor dem 15. Lebensjahr diagnostiziert. Durch frühe Prävention und ein zeitiges Einschreiten kann die Prognose wesentlich verbessert oder gar das Auftreten einer Erkrankung verhindert werden (vgl. Klasen u.a. 2017: 5). Hierbei hilft die Betrachtung der sogenannten BELLA-Studie des Robert-Koch Instituts. BELLA steht für „Befragung zum seelischen Wohlbefinden und Verhalten“ (vgl. Klasen u.a. 2017: 1) und beschäftigt sich mit der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Die Studie ist ein Teil der, ebenfalls vom Robert-Koch-Institut durchgeführten KIGGS-Studie, welche sich allgemein mit der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auseinandersetzt (vgl. Klasen u.a. 2017: 1). Für die Basisdatenerhebung in den Jahren 2003 bis 2006 wurden insgesamt 2863 Kinder und Jugendliche zwischen sieben und dreizehn Jahren befragt. Die Befragung wurde in verschiedenen Abständen wiederholt und im Jahr 2017 mit der fünften Befragungsrunde abgeschlossen (vgl. Klasen u.a. 2017: 1). Die Ergebnisse wurden unter anderem in Fachjournalen wie der „Zeitschrift für Kinder und Jugendpsychologie“ veröffentlicht (Klasen u.a. 2016: 10-20).

Eine fachliche Auseinandersetzung mit der Thematik Prävention ist elementar wichtig, um die Zahl der neuerkrankten Kinder und Jugendlichen zu senken und Schutzfaktoren zu stärken. Kinder und Jugendliche sind die Zukunft, Sie benötigen jedoch häufig noch Hilfe und Unterstützung von Außen. Umso mehr sollte sich besonders auf diesen Teil unserer Gesellschaft konzentriert werden.

Die nachfolgende Ausarbeitung beschäftigt sich mit den präventiven Möglichkeiten in der Arbeit mit psychisch kranken Kindern und Jugendlichen. Sowohl medizinische, pädagogische als auch politische Maßnahmen werden in die Ausarbeitung einfließen. Ebenfalls werden einzelne Maßnahmen, die für die Prävention bei psychischen Erkrankungen im Kindesund Jugendalter sinnvoll und förderlich sind, detailliert vorgestellt. Die Fragestellung, welche Möglichkeiten Prävention in diesem Bereich hat, entstand sowohl im Laufe des Studiums, als auch durch die eigene Arbeit mit psychisch erkrankten Kindern und Jugendlichen im klinischen Umfeld. Nach der Einführung in die Thematik folgen zunächst einige Begriffserklärungen. Nachfolgend wird das Handlungsfeld der Kinder-und Jugendpsychiatrie vorgestellt. Beginnend mit einer historischen Beleuchtung, werden daran anschließend Klassifikationsmöglichkeiten und auftretenden Symptomen sowie Komorbidität von psychischen Erkrankungen im Kindes undJugendalter erläutert. In diesem Kapitel werden hinzukommend noch Risikound Schutzfaktoren sowie ausgewählte Krankheitsbilder vorgestellt. Der zweite große Teil der Ausarbeitung beschäftigt sich mit den Möglichkeiten der Prävention. Zunächst werden Herausforderungen an dieses Handlungsfeld skizziert, gefolgt von Präventionsmaßnahmen in den Bereichen Familie, Gesundheitswesen, Kindergarten und Schule. Dem Bereich der Schule wird besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Das Kapitel schließt mit politischen Aspekten im Bereich Prävention ab. Nachfolgend werden in einem geringen Rahmen die rechtlichen Grundlagen geklärt, und anschließend die Handlungsräumen der Sozialen Arbeit erläutert. Die Handlungsräume der Sozialen Arbeit werden aufgegliedert in klinische Sozialarbeit, Schulsozialarbeit und Soziale Arbeit in der Familienhilfe. Das daran anschließende Fazit greift die bearbeiteten Themen noch einmal auf und liefert einen weiteren Ausblick und zukünftige Handlungsmöglichkeiten. In der nachfolgenden Arbeit wird eine geschlechtergerechte Sprache verwendet.

2 Begriffserklärungen

Bevor intensiv in die Thematik eingestiegen wird, ist zunächst die Definition und Erläuterung von einem der wichtigsten Schlüsselbegriffe dieser Ausarbeitung notwendig. Prävention ist ein häufig verwendeter Begriff. Aufgrund dessen wird dieser nachfolgend detailliert erklärt und in Verbindung mit den Begriffen Gesundheitsförderung und Salutobzw. Pathogenese gesetzt. In der vorliegenden Arbeit wird hauptsächlich der Begriff der Prävention verwendet. Eine weitere explizite Unterteilung erfolgt, außer in diesem Gliederungspunkt, nicht.

2.1 Prävention

Der Begriff der Prävention lässt sich nach Caplan (1964) in primäre, sekundäre und tertiäre Präventionsmaßnahmen aufteilen (vgl. Aktionsgemeinschaft Suchtprävention in der Offenen Kinderund Jugendarbeit 1997: 65) und umfasst alle Maßnahmen mit dem Ziel eine Krankheit komplett zu vermeiden, den Verlauf zu verzögern, oder die Entstehung weniger wahrscheinlich zu machen (vgl. Robert-Koch-Institut 2015: 243).

Ziel der primären Prävention ist es, das Auftreten bestimmter gesundheitsschädigender Umwelteinflüsse oder Verhaltensweisen zu verhindern bzw. zu beseitigen, um somit die Gefahr einer Neuerkrankung zu minimalisieren und Ressourcen zu stärken. Primärpräventive Maßnahmen richten sich damit an gesunde, noch nicht erkrankte Personen (vgl. Robert-KochInstitut 2015: 243). Die sekundäre Prävention umfasst Maßnahmen, die sich an AdressatInnen mit bereits bestehenden Erkrankungen oder Defiziten wenden. Sekundärprävention versucht das Fortschreiten eines frühen Krankheitsstadiums zu verhindern, um somit negative Verläufe zu minimieren. Die tertiäre Prävention setzt im späteren Krankheitsverlauf an und umfasst Interventionen, die die Auswirkungen einer Erkrankung möglichst gering halten sollen, um das körperliche, seelische und soziale Wohlbefinden wiederherzustellen (vgl. Robert-KochInstitut2015: 243). Besonders im Kindesund Jugendalter spielt Prävention eine sehr große Rolle und stellt eine wichtige Voraussetzung für ein gesundes Aufwachsen und Älterwerden dar (vgl. Lampert/Richter/Klocke 2006 : 95).

Auch die World Health Organisation (WHO) bezieht sich auf die Präventionsdefinition nach Caplan. Jedoch wird der Präventionsbegriff häufig nur für Maßnahmen der primären Prävention verwendet (vgl. Aktionsgemeinschaft Suchtprävention in der Offenen Kinderund Jugendarbeit 1997: 65). Die Entstehung einer Krankheit folgt keinem bestimmten Muster, sondern wird von der Umwelt und dem Individuum beeinflusst (vgl. Hurrelmann & Settertobulte 2000). Erkrankungen lassen sich auf die Lebensverhältnisse und den Lebensstil zurückführen und auch darüber beeinflussen. Voraussetzung für eine angemessene und gelingende Prävention ist ein möglichst umfangreiches Wissen über Krankheitsursachen und mögliche Risikofaktoren (vgl. Robert-Koch-Institut 2015: 243).

Ein anderer Ansatz bezüglich der Unterteilung von Prävention wurde von Gordon (1983) skizziert und anschließend von Munoz, Mrazek und Haggerty im Jahr 1996 verfeinert. Unterteilt wird zum einen in universelle Prävention und zum anderen in gezielte Prävention (vgl. Abb.1). Die gezielte Prävention wird wiederum unterteilt in selektive Prävention und indizierte Prävention (vgl. Beelmann/ Raabe 2007: 131). Die universelle Prävention richtet sich an die Allgemeinbevölkerung. Beispielsweise werden im Rahmen von Großkampagnen verschiedene Risiken, wie z.B. Folgen von massivem Alkoholkonsum thematisiert. Die gezielte Prävention richtet sich an bestimmte Zielgruppen wie z.B. AdressatInnen mit Übergewicht oder verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche. Die selektive Prävention bezieht sich auf noch nicht ausgebrochene oder sichtbare Komplikationen. Die Maßnahmen der indizierten Prävention hingegen beziehen sich auf AdressatInnen bei denen bereits Auffälligkeiten oder Komplikationen spürbar sind (vgl. Beelmann/ Raabe 2007: 131). Themenspezifisch hat die universelle Prävention die Gesamtheit der Kinder und Jugendlichen ohne besondere Auffälligkeiten als Zielgruppe. Die selektive Prävention richtet sich an Kinder und Jugendliche, die ein erhöhtes psychisches oder soziales Krankheitsrisiko aufweisen wohingegen die indizierte Prävention Kinder und Jugendliche anvisiert, die bereits auffälliges Verhalten oder erste Symptome zeigen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Prävention nach Munoz, Mrazek und Haggerty

Eine weitere Möglichkeit der Klassifikation ist die Unterteilung in Verhaltensund Verhältnisprävention. Verhaltensprävention oder personale Prävention zielt dabei auf die Veränderung von Denken und Handeln sowie individuellem Verhalten ab. Verhältnisprävention oder auch strukturelle Prävention hingegen richtet sich an die vorherrschenden Lebensbereiche wie zum Beispiel Schulwege oder Jugendzentren (vgl. Hagen/ Schwarz 2009: 212).

Bei der Beschäftigung mit dem Thema Prävention sind zwei weitere Schlüsselbegriffe unumgänglich Gesundheitsförderung und Salutobzw. Pathogenese. In der vorliegenden Ausarbeitung wird fast ausschließlich auf Maßnahmen der Prävention eingegangen, weitere relevante Schlüsselbegriffe werden jedoch für ein besseres Verständnis nachfolgend kurz erläutert.

2.2 Gesundheitsförderung

Gesundheitsförderung hat die Stärkung von personalen, sozialen sowie materiellen Ressourcen zum Ziel. Die Gesundheitsförderung wurde maßgeblich durch die Verabschiedung der Ottawa-Charta im Jahr 1986 geprägt (vgl. Lauber/Schmalstieg 2018: 6). Dort wurden Gesundheitsziele festgelegt, die zu einer gesunden Gesellschaft führen sollen. In der OttawaCharta wurde Gesundheitsförderung als ein Prozess definiert, der allen Menschen eine Selbstbestimmung über ihre Gesundheit ermöglicht und sie dazu bestärkt ihre Gesundheit zu fördern (vgl. Lauber/Schmalstieg 2018: 6). Die AdressatInnen sollen dazu angeregt werden ihre Gesundheitschancen durch ihr selbstbestimmtes Handeln zu erhöhen (vgl. Robert-KochInstitut 2015: 243). Dieser Ansatz entspricht dem Konzept des Empowerments. Der Begriff Empowerment beschreibt die Förderung von Autonomie und Selbstbestimmung (vgl. Lauber/Schmalstieg 2018: 6).

Die Integration der AdressatInnen in den Prozess der Gesundheitsförderung ist ein zentraler Bestandteil. Hier wird eine gesundheitsförderlichere Gestaltung der sozialen und wirtschaftlichen Lebensbedingungen forciert, die auch die Lebenswelten wie z.B. Kindertagesstätten, Schulen und den Arbeitsplatz miteinschließt (vgl. Robert-Koch-Institut 2015: 243). Die Methoden der Gesundheitsförderung lassen sich gleichsetzten mit den Maßnahmen der Primärprävention.

2.3 Salutogenese und Pathogenese

Salutogenese und Pathogenese werden stets als Gegenspieler dargestellt. Die Salutogenese umfasst die gesundheitserhaltenden und gesundheitsfördernden Prozesse. Gesundheit und Krankheit stellen in der salutogenetischen Perspektive ein Kontinuum und somit auch eine gewisse Abhängigkeit dar. Die Pathogenese hingegen richtet den Blick auf die Entstehung und den Verlauf von Krankheiten, sowie die individuellen Risikofaktoren. Krankheit wird aus Sicht der Pathogenese als Abweichung der Norm, oder als das Fehlen von Gesundheit bezeichnet (vgl. Robert-Koch-Institut 2015: 243).

Das nachfolgende Kapitel liefert nun einen Einblick in das Themengebiet der psychischen Erkrankungen im Kindesund Jugendalter und definiert die ausgewählte Zielgruppe.

3 Psychische Erkrankungen im Kindesund Jugendalter

Um Prävention in der Arbeit mit psychisch kranken Kindern und Jugendlichen individuell und professionell gestalten zu können, ist ein Wissen über verschiedene Krankheitsbilder, deren Entstehung sowie das Wissen über individuelle Risikound Schutzfaktoren sehr förderlich. Nachfolgend wird die gewählte Zielgruppe definiert und in die Thematik der psychischen Erkrankungen im Kindesund Jugendalter eingeführt.

3.1 Definition Kindesund Jugendalter

Entsprechend dem Sozialgesetzbuch (SGB VIII) ist eine Person unter 14 Jahren ein Kind. Als jugendlich gilt eine Person zwischen dem 14. und dem 18. Lebensjahr (vgl. §7 Abs. 1 SGB VIII ). Eine weitere Definition des Lebensabschnittes der Kindheit bezieht sich auf die Altersspanne von null bis elf Jahren und ist unterteilt in Säuglingsalter (0-1. Jahr), Kleinkindalter (2-3. Jahr), Kindergartenund Vorschulalter (4-7. Jahr) und Grundschulalter (8-11. Jahr) (vgl. Trost / Schwarzer 2013: 86).

Das Jugendalter unabhängig vom Gesetzestext zu definieren fällt durchaus schwerer. Nach Alexander Trost und Wolfgang Schwarzer definiert sich das Jugendalter durch die Unterteilung von Pubertät und Adoleszenz, wobei die Pubertät den Altersabschnitt von 12. bis 15. und die Adoleszenz bis zum vollendeten 25. Lebensjahr reicht (vgl. Trost / Schwarzer 2013: 86). Andreas Beelmann und Tobias Raabe bezeichnen den Altersabschnitt von 14 bis 18 Jahren als Jugendalter, welches ebenfalls die Übergangszeit zwischen Kindesund Erwachsenenalter darstellt (vgl. Beelmann/Raabe 2007:12).

3.2 Historie Kinderund Jugendpsychiatrie

Psychiatrie beschreibt die Lehre von seelischen Erkrankungen und Störungen und nimmt deren Ursachen und Entstehung sowie der Diagnosestellung, Prävention und Therapie der Krankheitsbilder in den Blickpunkt. Die Kinderund Jugendpsychiatrie befasst sich speziell mit den Lebensabschnitten Kindheit und Jugendalter und setzt sich als medizinische Disziplin aus der Erwachsenenpsychiatrie und der Kinderheilkunde zusammen. Beeinflusst wird die Kinderund Jugendpsychiatrie zusätzlich durch die Bereiche Psychologie, Pädagogik und Sozialarbeit (vgl. Trost/Schwarzer 2013: 72). Die historische Entwicklung der Kinderund Jugendpsychiatrie hin zu einem eigenständigen Fachbereich geht weit zurück. Bereits vor Begriffseinführung durch den französischen Psychiater Marcel Manheimer im Jahr 1899 wurde sich in den Bereichen Theologie, Pädagogik und Medizin behinderten und verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen gewidmet. Heinrich Hoffmann veröffentlichte sein Werk „Der Struwwelpeter“ und Hermann Emmingshaus das erste Lehrbuch über psychische Störungsbilder im Kindesalter (vgl. Warnke/Lehmkuhl 2003: 7). Heinrich Hoffmann gilt als Begründer der ersten kinderpsychiatrischen Einrichtung in Frankfurt am Main im Jahr 1864 (vgl. Myschker 2009: 27).

Seit 1968, wird die Kinderund Jugendpsychiatrie als eigenständiges Fachgebiet anerkannt (vgl. Warnke/ Lehmkuhl 2003: 1). Ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der Kinderund Jugendpsychiatrie stellt die Psychiatrie-Enquete aus dem Jahr 1975 dar. Die PsychiatrieEnquete verfolgte die Gleichstellung von psychischen und somatischen Erkrankungen als oberstes Ziel. Psychisch erkrankte PatientInnen sollten nicht mehr nur rein medikamentös behandelt werden, sondern auch der Aspekt der Gesprächstherapie wurde fest in den Behandlungsprozess installiert und integriert (vgl. Bosshard/Ebert/Lazarus 2013: 31). Die Einrichtungsgröße von Psychiatrien sollte insgesamt verkleinert und der Ansatz der ambulanten Hilfe sowie die Installation von gemeindenahen, kleingehaltenen stationären Einrichtungen eingebracht werden (vgl. Dörner u.a. 2017: 35).

Die Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher wurde bis Mitte des 19. Jahrhunderts vorwiegend von PädagogInnen in Heilerziehungsanstalten oder Kinderheimen übernommen. Nach dem zweiten Weltkrieg begann schließlich zunehmend die Zusammenarbeit von PädagogInnen, ÄrztInnen und PsychologInnen (vgl. Myschker 2009: 26 f.).

3.3 Klassifikation

Um gezielte und zugeschnittene präventive Maßnahmen für psychisch kranke Kinder und Jugendliche entwickeln, evaluieren und anwenden zu können muss zunächst eine Klassifizierung der Erkrankung erfolgen. Das Feld der psychischen Erkrankungen im Kindesund Jugendalter ist beträchtlich und jedes Krankheitsbild liefert unterschiedliche Ansatzpunkte für Prävention.

Die International Classification of Deseases (ICD), der WHO, erfüllt diese Anforderungen. Das Klassifikationssystem ICD, in dem sich alle bekannten Krankheiten einordnen lassen, befindet sich aktuell in der zehnten Revision, woraus sich auch die Abkürzung ICD-10 ableiten lässt. Die ICD-10 legt ihr Hauptaugenmerk auf wahrnehmbare Symptome und Verhaltensweisen und beschäftigt sich weniger mit Erklärungsansätzen (vgl. Baierl 2017: 29). Psychische Erkrankungen werden dem Kapitel F untergeordnet und die einzelnen Krankheitsbilder durch Nummern codiert. Beispielweise haben Angststörungen den ICD-10 Code F41 oder F93.0 und Bindungsstörungen den ICD-10 Code F94.1 oder F94.2 (vgl. Eggers/Fegert/Resch 2004: 112). Da psychische Erkrankungen im Kindesund Jugendalter einige Unterschiede zu psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter aufweisen wurde die ICD-10 durch ein wichtiges Werkzeug, das „Multiaxiale Klassifikationsschema für psychische Störungen des Kindesund Jugendalters nach ICD-10 der WHO“ (MAS), ergänzt (vgl. Baierl 2017: 29). Multiaxial meint in diesem Zusammenhang, dass die zu klassifizierende Krankheit von verschiedenen Achsen betrachtet wird. Das MAS ist in sechs Achsen unterteilt. Die erste Achse beinhaltet die Klassifikation für psychiatrische Syndrome, welche sich in ICD-10 in den Kapiteln F0-F99 finden, beispielhaft hierfür ist die Nennung der Angststörung. Die zweite Achse kodiert Entwicklungsrückstände wie zum Beispiel eine Lese-Rechtschreibschwäche, nach ICD-10 F80-F83. Die dritte Achse lässt Raum für eine Einschätzung des Intelligenzniveaus auf einer Skala von eins bis acht und die vierte Achse für körperliche, nicht psychische Erkrankungen, wie zum Beispiel Diabetes Mellitus oder Epilepsie. Die fünfte Achse kategorisiert die abnormen psychischen Umstände wie familiäre Beziehungen, belastende Lebensereignisse oder inadäquate intrafamiliäre Kommunikation. In der sechsten und letzten Achse werden die Ressourcen, oder die erfolgreiche psychosoziale Integration, wie zum Beispiel Beziehungen zu Familienangehörigen, Bewältigung belastender Situationen, oder Interessen und Freizeitaktivitäten erfasst. (vgl. Trost/Schwarzer 2013: 97f.; ebenso Baierl 2017: 31).

Eine neue und überarbeitete Auflage der ICD-10, die ICD-11 ist im Juni diesen Jahres von der WHO vorgestellt worden, eine Einführung in das deutsche Gesundheitssystem ist für 2019 geplant (vgl. DIMIDI 2018: o.S.).

Ein weiteres Klassifikationssystem für psychische Erkrankungen ist das „Diagnostic and Statistical Manual“ (DSM) der amerikanischen Gesellschaft für Psychiatrie, die aktuelle Revision DSM-5 erschien im Jahr 2012 als überarbeitete Version des DSM-4. Für das deutsche Gesundheitswesen hat sich jedoch die ICD-10 durchgesetzt, weshalb das DSM-5 nicht näher erläutert wird. Die Klassifizierungen der ICD-10 sind Voraussetzung für eine Abrechnung bei der Krankenkasse und für die Diagnosestellung (vgl. Baierl 2017: 29).

Beiden Klassifikationssystemen liegt eine kategoriale Diagnostik zugrunde, welche psychische Störungen in klar voneinander abgrenzbare Diagnosen unterteilt. Die kategorial strukturierte Diagnostik entscheidet ob eine Krankheit vorliegt oder nicht. Um die verschiedenen Ebenen einer Krankheit oder Störung erfassen zu können ist eine dimensionale Kategorisierung erforderlich, welche durch multitaxiale Klassifikationsmodelle, wie z.B. das MAS, erreicht werden kann (vgl. Trost/Schwarzer 2013: 95f.).

Eine weitere, weniger medizinische Möglichkeit der Klassifikation psychischer Erkrankungen im Kindesund Jugend lässt sich anhand von einigen Kriterien nach Hans-Christoph Steinhausen festlegen. Steinhausen nennt insgesamt zehn Kriterien: Angemessenheit (Verhalten entspricht nicht dem Alter und dem Geschlecht), Persistenz (Verhalten tritt häufig und langfristig auf), Lebensumstände (Trennung der Eltern, Klassenwechsel, Geburt von Geschwisterkind), Soziokulturelle Gegebenheiten (Verhalten verstößt gegen soziale und kulturelle Normen, zum Beispiel onanieren in der Öffentlichkeit), Ausmaß der Störung (Vorhandensein von mehreren Symptomen), Art des Symptoms/der Symptome, Schweregrad der Symptome, Häufigkeit der Symptome und Verhaltensveränderung, sowie Situationsabhängigkeit (Steinhausen 2006: 20f.). Des Weiteren, so Steinhausen, ist es ebenfalls wichtig zu betrachten, welches Ausmaß der Beeinträchtigung die betroffenen Kinder und Jugendlichen empfinden. Um dies zu ermöglichen wurden vier weitere Kriterien festgelegt, der persönliche Leidensdruck, die soziale Einengung bzw. Auswirkung auf soziale Beziehungen, die Beeinträchtigung der physiologischen Entwicklung und das Auswirken auf Andere (vgl. Steinhausen 2006: 21).

Auch können professionell, strukturiert geführte Interviews mit den betroffenen Kindern oder Jugendlichen und ihren Eltern unterstützend zur Diagnosestellung angewandt werden. Durch das Führen eines strukturierten und gut vorbereiteten Interviewgesprächs lassen sich Verhaltensprobleme oder psychische Auffälligkeiten sehr gut einschätzen sowie beurteilen. Je älter die Kinder sind, desto mehr können sie in das Interview eingebunden werden. In der Regel werden in einer Interviewsituation vier Informationsbereiche abgefragt. Am Beginn steht die Befragung zur Häufigkeit und Intensität der psychischen Auffälligkeiten, gefolgt von der aktuellen Lebenssituation, der Entwicklungsgeschichte, sowie dem Vorkommen von psychischen Erkrankungen in der Familie. Im dritten Informationsbereich werden eine eventuelle Komorbidität und die bestehenden Risiken ermittelt. Der vierte Interviewabschnitt beinhaltet Fragen bezüglich der Auswirkung auf soziale Interaktionen, z.B. zwischen dem Kind und Freunden. Die Ergebnisse wirken unterstützend bei der Diagnosestellung nach ICD-10 (vgl. Beelmann/Raabe 2007: 30).

3.4 Symptome

Psychische Erkrankungen im Kindesund Jugendalter lassen sich nur schwer konkreten, einzelnen Symptomen, sondern eher Symptomfeldern zuordnen. Die Symptomfelder können emotionale Symptome, Verhaltensauffälligkeiten, Entwicklungsstörungen oder Beziehungsschwierigkeiten sein (vgl. Goodman/ Scott 2008: 4). Die wichtigsten emotionalen Symptome sind Ängste, Unglücklichsein, depressive Verstimmungen, Hoffnungslosigkeit und Wut. Bei jüngeren Kindern tritt die Einschätzung der Eltern primär in den Vordergrund, mit zunehmendem Alter und zunehmender Selbstwahrnehmung im Hinblick auf emotionale Symptome, rücken die von den Kindern oder Jugendlichen getätigten Aussagen in den Vordergrund. Die Wahrnehmung und das den PatientInnen zugeschriebene Selbsteinschätzungsvermögen signalisieren Wertschätzung und Verständnis. Die Angaben von Eltern und den betroffenen Kindern oder Jugendlichen bezüglich Vorhandensein und Intensität emotionaler Symptome gehen häufig auseinander. Umso wichtiger ist es mit zunehmenden Alter die Sichtweise der Kinder oder Jugendlichen anzuhören und ernst zunehmen, denn nur Sie können am präzisesten und authentischsten schildern, wie es in ihnen aussieht. Jedoch müssen die Aussagen stets in Verbindung mit den elterlichen Angaben gebracht werden, den auch eine große Differenz zwischen den Aussagen kann viel über das Familiengeschehen und die Familienbeziehungen aussagen. Die verschiedenen Sichtweisen können dann für die Familienarbeit genutzt werden (vgl. Goodman/Scott 2008: 5).

Verhaltensauffälligkeiten zeigen sich häufig durch aufsässiges Verhalten wie Distanzlosigkeit, Aggression und Destruktivität, sowie antisoziales Verhalten wie zum Beispiel Stehlen oder verletzendes Verhalten anderen Kindern oder Jugendlichen gegenüber. Bei der Beurteilung der Verhaltensauffälligkeiten rücken die Einschätzungen der Eltern, LehrerInnen oder ErzieherInnen stark in den Vordergrund. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen können sich, wie Erwachsene auch, oft nur schwer eigenes Fehlverhalten oder eigene Reizbarkeit eingestehen, obwohl oft ähnliche Verhaltensmuster bei anderen Kinder und Jugendlichen gut eingeschätzt werden können (Goodman/Scott 2008: 5). Die Beurteilung der Entwicklungsverzögerungen stellt für nicht geschultes Fachpersonal oft eine Herausforderung dar. Zur Feststellung von Entwicklungsverzögerungen sind medizinische Werkzeuge wie Perzentilen (statistisches Werkzeug zur Ermittlung von Körpergröße und Gewicht), oder der Entwicklungskalender von Vorteil. Folgende Bereiche wie Regulation von Aufmerksamkeit, Sprachverständnis und Sprachgebrauch als auch motorische Fähigkeiten sind von besonderer Bedeutung bei der Einschätzung der Entwicklungsverzögerung. Wissen über physiologische und pathologische Entwicklung ist von Nöten, z.B. muss bei einem Kind mit der Verdachtsdiagnose ADHS untersucht werden, ob eine Aufmerksamkeitsspanne von fünf Minuten altersgerecht ist oder ob das Kind Defizite in der Sprachentwicklung aufweist (vgl. Goodman/ Scott 2008: 5f.).

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Details

Titel
Prävention bei psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Welche medizinischen, pädagogischen und politischen Maßnahmen gibt es?
Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
44
Katalognummer
V458005
ISBN (eBook)
9783668932883
ISBN (Buch)
9783668932890
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prävention, Kinder, Jugendliche, psychische Erkrankungen, psychisch krank, Kindesalter, Jugendalter
Arbeit zitieren
Saskia Blüm (Autor), 2018, Prävention bei psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Welche medizinischen, pädagogischen und politischen Maßnahmen gibt es?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458005

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