Thatcherismus. Ein Erfolgskonzept?


Hausarbeit, 2010
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Finanz- und Arbeitsmarktpolitik
2.1 Die Bewertung der Finanz- und Arbeitsmarktpolitik

3. Die Gewerkschaftspolitik
3.1 Die Bewertung der Gewerkschaftspolitik

4. Die Privatisierungspolitik
4.1 Die Bewertung der Privatisierungspolitik

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Es gibt wohl wenige englische Politiker, die derart polarisieren wie Margaret Thatcher. Die „Eiserne Lady“ war für die konsequente Durchsetzung ihrer politischen Vorstellungen bekannt. Analysiert man ihre politischen Maßnahmen, so sticht vor allem ihre Wirtschaftspolitik, auch unter dem Begriff „Thatcherismus“ bekannt, ins Auge. Dieses nach ihr benannte Konzept prägte ihre Regierungszeit enorm und führte zudem nicht nur bei zeitgenössischen Forschern, sondern auch noch heutzutage zu großen Meinungsverschiedenheiten. Die Diskussion drehte und dreht sich vor allem um die Frage, ob die Politik Thatchers nun eher von Erfolg oder von Misserfolg geprägt war. Zahlreiche Forscher beschäftigten sich bereits während ihrer Zeit als Premierministerin mit dieser Frage und auch noch heute ist diese von großer Präsenz. Einstimmigkeit findet man in der Forschung diesbezüglich kaum. Auch wenn Margaret Thatcher zunächst einmal vor allem durch ihre kompromisslose Persönlichkeit polarisierte, so ist ihr politisches Konzept weitaus interessanter. Um herauszustellen, dass die Politik bzw. die sich daraus ergebenden Diskussionen eben doch weitaus bedeutender als ihre Persönlichkeit sind, ist sich die Frage zu stellen, welche Absichten Thatcher mit ihrer Politik verfolgte und ob ihre zahlreichen Wahlversprechen tatsächlich gehalten wurden oder nicht. Ist die Ära Thatcher tatsächlich von Erfolg geprägt und nahezu einzigartig in Europa? Hat diese Frau als erste Premierministerin Großbritanniens wirklich Außergewöhnliches vollbracht? All dies sind Fragen, mit denen sich diese Arbeit beschäftigt, wobei im Besonderen geklärt werden soll, ob der „Thatcherismus“ nun ein Erfolgskonzept war oder nicht.

2. Die Finanz- und Arbeitsmarktpolitik

Die Finanzpolitik kann als eines der wichtigsten wirtschaftspolitischen Ziele Margaret Thatchers angesehen werden. Deren Regierung verfolgte insbesondere die sogenannte monetaristische Wirtschaftspolitik1, die bewusst ein Ansteigen der ohnehin hohen Zahl an Arbeitslosen in Kauf nahm, um die wirtschaftspolitischen Ziele zu erreichen. Ein wichtiger Aspekt der Geld- und Finanzpolitik war die Kontrolle der Geldmenge, weswegen Thatcher anfangs auch eine unabhängige Zentralbank schaffen wollte. Diese Absicht verwarf sie allerdings später, da die Zentralbank verpflichtet gewesen wäre, ein Staatsdefizit, das nicht über den Kapitalmarkt zu finanzieren gewesen wäre, direkt zu finanzieren.2 Damit wäre Thatchers Möglichkeit, das Geldmengenwachstum selbstständig zu bestimmen, stark eingeschränkt gewesen.

Die Regierung hatte mit der Durchsetzung der Geldpolitik immense Schwierigkeiten, obschon es ihr gelang, die Inflationsrate über mehrere Jahre stark zu senken, was unter anderem zu den primären Zielen der Regierung Thatchers gehörte. Die sinkende Inflationsrate hatte jedoch einen merklichen Anstieg der Arbeitslosenquote zur Folge, was die Regierung, deren anfängliches Ziel es war, diese zu senken, in Kauf nahm. Die zu Beginn angestrebte Geldmengenregulierung konnte jedoch nicht erreicht werden.3 Ein weiteres Ziel der Finanzpolitik war die Reduzierung der Staatsschulden, mit denen zugleich ein niedrigeres Zinsniveau erzielt werden sollte. Zu diesem Zweck wurden die bis dato hohen direkten Steuern in indirekte Steuern umgewandelt. So wurde die Einkommenssteuer von 33 auf 25 % reduziert, was Thatcher vor ihrem Amtsantritt auch versprochen hatte.4 Zudem wurde die Mehrwertsteuer von ehemals 8 bzw. 12,5 % auf 15 % erhöht,5 was jedoch zu Lasten der Geringverdiener ging, die nun einen höheren Anteil ihres Einkommens für ihren täglichen Gebrauch aufwenden mussten.

2.1 Die Bewertung der Finanz- und Arbeitsmarktpolitik

Bezüglich der Erreichung des Ziels der Senkung der Geldmenge ist sich die Forschung nahezu einig, dass dieses Ziel nicht erreicht wurde. Busch6 und Hugo7 sehen das Ziel der Geldmengenkontrolle sogar als gescheitert an. Die Regierung erreichte zwar einerseits die Reduzierung der Inflationsrate, musste jedoch andrerseits die steigenden Arbeitslosenzahlen in Kauf nehmen, was ihrem anfänglich selbst gesetzten Ziel widersprach. Obwohl die Inflation im Vergleich zu 1979 (13,4 %) und dem Jahr 1987 (4,2 %) deutlich reduziert werden konnte,8 bleibt es fraglich, ob die sinkende Inflationsrate als langfristiger Erfolg bewertet werden kann, wenn man berücksichtigt, dass die Inflationsrate im Jahr 1990 erneut auf 10,9 % stieg.9 Zudem ist sich die Frage zu stellen, ob die Inflationsrate nur aufgrund der politischen Maßnahmen der Regierung sank oder ob andere Indikatoren den Ausschlag gaben. Kritiker sehen die Reduzierung der Inflationsrate weniger in Thatchers Reformen begründet, sondern in der allgemeinen positiven europäischen Wirtschaftslage. Argumentiert wird oftmals mit der sinkenden Inflationsrate in allen OECD-Ländern10 in den 1980er Jahren, wenngleich Großbritannien eines jener Länder mit dem größten Erfolg war.11 Einige Ökonomen sehen den Erfolg bei der Senkung der Inflation dagegen nur darin begründet, dass die Steuern deutlich gesenkt wurden.12 Andere Wirtschaftswissenschaftler hingegen sehen die Senkung der Inflationsrate als Ergebnis verringerter wirtschaftlicher Aktivitäten und billiger Importe – und eben nicht als Ergebnis monetaristischer Kontrolle13 des Geldvolumens oder gar veränderter Inflationserwartungen.14 Die Senkung der Inflationsrate ist nach Bonett sogar kein Ergebnis monetaristischer Kontrolle, sondern vielmehr das Resultat verringerter wirtschaftlicher Aktivitäten. Obwohl die Einkommenssteuer gesenkt werden konnte, kamen die finanziellen Vorteile bei den unteren Einkommensschichten nur bedingt an, was vor allem darin begründet liegt, dass andere Ausgaben wie beispielsweise die Verbrauchssteuer und die Sozialabgaben erhöht wurden.15

Besondere Vorteile brachte die Senkung der Einkommenssteuer nur für die oberen Einkommensschichten mit sich,16 weswegen der „Thatcherismus“ oftmals auch als Zwei-Klassen-Politik bezeichnet wird. Als positive Errungenschaften des „Thatcherismus“ kann die Schaffung von einer Million neuer Arbeitsplätze gesehen werden.17 Trotz der stets immens hohen Zahl an Arbeitslosen, die in den 1980er Jahren bei durchschnittlich 3,5 Millionen lag, sank die Zahl jener bis zum Sommer des Jahres 1990 auf 1,6 Millionen.18 Kritiker sehen diesen Rückgang jedoch in einer neuen statistischen Berechnung begründet, die offenbar zu verfälschten Zahlen führte.19 Betrachtet man die öffentlichen Ausgaben, so stellt man fest, dass jene unter Thatcher so gering wie unter keiner anderen Regierung waren. Auch das wirtschaftliche Wachstum erreichte erfreuliche Werte in den 12 Jahren dieser Regierung. Das reale Bruttoinlandsprodukt20 stieg von 1,9 % in den Jahren von 1970 bis 1980 auf 3,2 % im Zeitraum von 1980 bis 1990.21 Die Arbeitsmarktpolitik der Thatcher-Regierung hatte jedoch auch positive Aspekte.

Die Arbeitsproduktivität wuchs zwischen 1980 und 1988 um 2,5 % und lag damit weit über dem Durchschnitt der OECD-Staaten, der bis dato bei 1,8 % lag.22 Vor allem die bis dahin als Sorgenkind bekannte verarbeitende Industrie lag mit einem Wachstum auf 5,2 % deutlich über dem OECD-Durchschnitt von 3,6 %.23 Roland Sturm sieht dagegen im Sektor der verarbeitenden Industrie keinen Erfolg, da dieser Bereich insgesamt schrumpfte. Er begründet seine These vor allem damit, dass das Wachstum dieses Industriezweiges 1979 über dem des Jahres 1986 lag.24 Zudem wurden die Staatsausgaben stark gesenkt, was vor allem durch die Einnahmen aus dem Verkauf des Rohöls der Nordsee finanziert worden war. Hätte die Regierung nicht derart große Mengen an Öl in der Nordsee gefördert und exportiert, so wäre die Senkung der Staatsausgaben in diesem Maße nicht möglich gewesen.

[...]


1 Hierbei handelt es sich um ein geldtheoretisches und politisches Konzept, das zugleich der Vorläufer für eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik ist.

2 Vgl. Hugo, Dirk: Die Zähmung der störrischen Wölfe. Margaret Thatchers Gewerkschaftspolitik (1979-1990), in: Neue Anglistik, Band 12, hg. von Heide N. Rohloff, Essen 2001, S. 155.

3 Vgl. Busch, Andreas: Neokonservative Wirtschaftspolitik in Großbritannien. Vorgeschichte, Problemdiagnose, Ziele und Ergebnisse des „Thatcherismus“, Frankfurt am Main 1989, S. 72.

4 Vgl. Gilmour, Ian: Dancing with Dogma. Britain under Thatcherism, New York u.a. 1993, S. 124.

5 Die Mehrwertsteuer war bis zur Vereinheitlichung gespalten. Sie lag bei 8 oder 12,5 %.

6 Vgl. Busch, Andreas: Neokonservative Wirtschaftspolitik, S. 72.

7 Vgl. Hugo, Dirk, S. 169.

8 Vgl. Busch, Andreas: An „Economic Miracle“? Die Wirtschaftspolitik der Regierungen Thatcher, in: Thatcherismus – eine Bilanz nach zehn Jahren2, hg. von Roland Sturm, Bochum 1991, (= Schriftenreihe des Arbeitskreises Deutsche England-Forschung, Bd. 15), S. 129-155, hier: S. 147.

9 Vgl. Hugo, Dirk, S. 170. Andererseits sank die Inflationsrate seit 1992 weiter und blieb auch in den folgenden Jahren konstant gering. Vgl. Minford, Patrick: Inflation, Unemployment and the Pound, in: Margaret Thatcher´s Revolution. How it happened and what it meant, hg. von John/Clarke, Subroto/Roy, London/New York 2005, S. 56.

10 Hierbei handelt es sich um die Abkürzung für die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Diese Organisation, bestehend aus 32 Mitgliedsstaaten, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Wirtschaftsentwicklung in den Mitgliedsstaaten zu verbessern.

11 Kavanagh, Dennis: Thatcherism and British politics. The End of Consensus?, Oxford 1989, S. 304.

12 Vgl. Gamble, Andrew: The Free Economy and the Strong State. The Politics of Thatcherism, Basingstoke 1991, S. 122.

13 Unter dem Monetarismus versteht man eine wirtschaftspolitische Konzeption, die in den 1960er und 1979er Jahren von Milton Friedman begründet wurde. Die Regulierung der Geldmenge wird in dieser Theorie als eines der wichtigsten Elemente der Wirtschaftssteuerung gesehen. Vgl. Gilmour, Ian, S. 12 ff.

14 Vgl. Bonnett, Kevin: Zur Dynamik des Thatcherismus – Politische Erfolge trotz ökonomischer Fehlleistungen, in: Staat und industrielle Beziehungen in Großbritannien, hg. von Otto/Jacobi, Hans/Kastendiek, Frankfurt/New York 1985, S. 143-161, hier: S. 150.

15 Setzer, Hans: Thatcherismus und die neuere Entwicklung in Großbritannien, in: Thatcherismus – eine Bilanz nach zehn Jahren2, hg. von Roland Sturm, Bochum 1991, (= Schriftenreihe des Arbeitskreises Deutsche England-Forschung, Bd. 15), S. 325-371, hier: S. 333.

16 Döring argumentiert, dass die Einkommen der unteren sozialen Schichten erhöht werden konnten. Vgl. Herbert, Döring: Großbritannien. Regierung, Gesellschaft und politische Kultur, in: Grundwissen Politik, Band 8, hg. von Ulrich von Alemann u.a., Opladen 1993, S. 194. Setzer führt dagegen an, dass die Steuervorteile nur zugunsten der Spitzenverdiener waren und die schlecht verdienenden Gesellschaftsschichten kaum Vorteile hatten. Vgl. Setzer, Hans, S. 333.

17 Vgl. Herbert, Döring, S. 195.

18 Vgl. ebd., S. 195.

19 In der Forschung wird teilweise behauptet, dass die Zahlen absichtlich beschönigt wurden, um den Erfolg des Thatcherismus zu beweisen. Vgl. Gilmour, Ian, S. 72.

20 Hierbei handelt es sich um die Güter und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres von der Volkswirtschaft eines Landes erwirtschaftet werden.

21 Vgl. Pollard, Sidney: Struktur- und Entwicklungsprobleme der britischen Wirtschaft, in: Länderbericht Großbritannien. Geschichte, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, hg. von Hans/Kastendiek, Angelika/Volle, Bonn 1998, S. 295-331, hier: S. 320.

22 Vgl. Döring, Herbert, S. 195.

23 Vgl. ebd., S. 195.

24 Vgl. Busch, Andreas: An „Economic Miracle?“ Die Wirtschaftspolitik der Regierungen Thatcher, S. 148.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Thatcherismus. Ein Erfolgskonzept?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Department Geschichte)
Veranstaltung
Großbritannien nach 1945
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V458034
ISBN (eBook)
9783668874787
ISBN (Buch)
9783668874794
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thatcherismus, Großbritannien, Politk
Arbeit zitieren
Caroline Kochherr (Autor), 2010, Thatcherismus. Ein Erfolgskonzept?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458034

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Thatcherismus. Ein Erfolgskonzept?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden