Die Evolution der Maschinen im Roman "Erewhon" von Samuel Butler

Eine literaturwissenschaftliche Analyse


Hausarbeit, 2015
14 Seiten, Note: 1,33

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Der Einfluss Charles Darwins' und die Rolle Samuel Butlers'

3) „The Book of the Machines“ und die Evolution der Maschinen

4) Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

In seinem Roman „Erewhon“ entwickelt Samuel Butler in drei Kapiteln „The Book of the Machines“, mit Bezug auf Charles Darwin's (1809) Evolutionstheorie, die Idee einer Evolution der Maschinen. Diese könnten irgendwann ein eigenes Bewusstsein entwickeln und dem Menschen schließlich überlegen sein. Der Mensch führt in diesem Szenario stellvertretend für die Maschinen den Evolutionskampf und avanciert so zur unterlegenen Rasse. Was im England des späten 19. Jahrhunderts als absurd abgetan und als Satire oder auch mutwillige Verunglimpfung der Thesen Darwins verstanden wurde (Butler bedauert in seinem Vorwort zur zweiten Auflage, dass diese Kapitel dahingehend missinterpretiert wurden), soll im Kontext von Trans- und Posthumanismus einer neuen, aktuelleren Betrachtung unterzogen werden. Des Weiteren soll kurz dargestellt werden, welchen Einfluss Charles Darwin's On the Origin of Species by Means of Natural Selection hatte und welche Rolle Samuel Butler in der damaligen Darwinismus Diskussion zukommt.

Der Einfluss Charles Darwins' und die Rolle Samuel Butlers'

Vor der Veröffentlichung von Charles Darwin's „On the Origin of Species by Means of Natural Selection“ hielt man an einem religiösen Weltbild fest. Das Universum und der Mensch wurden von Gott erschaffen. Anpassung sah man als Beweis für einen intelligenten Schöpfer (vgl. Bowler 1996: 18). Darwin war der erste Wissenschaftler, der überzeugend nachweisen konnte, dass es möglich ist, die Existenz und die zweckmäßigen Eigenschaften der Organismen auf natürliche Weise zu erklären (vgl. Junker 2011: 28). Jede Spezies kann aus einigen wenigen simplen Formen hervorgehen und Anpassungen organischer Strukturen sind das Resultat zufällig auftretender und ausgewählter Veränderungen (vgl. Breuer: 368). Göttliche Intelligenz ist demzufolge nur eine unnötige Ableitung. Laut Breuer (1975) zeigt Butler, dass sich eine teleologische Sichtweise nicht auf einen vorgefassten göttlichen Plan berufen muss, sondern, dass sich der Zweck aus dem Leben heraus entwickelt (vgl.: 383). Dass Butler für eine teleologische Sichtweise einsteht, sieht Breuer demnach nicht durch empirische Forschung begründet, sondern in Butler's Glauben an Wissenschaft im Allgemeinen (vgl. ebd.). Dieser Glauben kommt auch in folgendem Aphorismus zum Ausdruck:

„Science: If it tends to thicken the crust of ice on which, as it were, we are skating, it is all right. If it tries to find, or professes to have found, the solid ground at the bottom of the water, it is all wrong. Our business is with the thickening of this crust by extending our knowledge downward from above, as ice gets thicker while the frost lasts; we should not try to freeze upwards from the bottom.“ (Butler 2013: 329)

Eine Wissenschaft, die versucht, einen letzten (oder ersten) Zweck in der Welt auszumachen, irrt demnach. Es geht nicht um Metaphysik oder Glauben. Die Aufgabe des Menschen besteht darin, sein Wissen ausschließlich anhand des Beobachtbaren zu vergrößern, um auf diese Weise Sinn und Ordnung für sein Leben zu stiften.

„The Book of the Machines“ und die Evolution der Maschinen

„Erewhon“ ist der Name eines fiktiven Landes, dass von Higgs, dem Erzähler, der sich auf eine Reise dorthin begibt, beschrieben wird. Higgs besitzt eine Uhr, was ein Kapitalverbrechen darstellt, denn in „Erewhon“ wurden alle Maschinen vor 500 Jahren zerstört. Vor seiner Abreise gelingt es ihm, eine von einem „Erewhonischen“ Professor verfasste, philosophische Abhandlung, die die Zerstörung der Maschinen bewirkt hat, zu lesen. Dieses Dokument wird in den drei Kapiteln „The Book of the Machines“ von Higgs, in Form einer unvollständigen Übersetzung aus dem „Erewhonischen“, vorgestellt. Im Folgenden soll die Argumentationsweise dieses Schriftstücks in Auszügen nachvollzogen werden.

Zuerst wird eine Entstehungsgeschichte des Bewusstseins dargelegt. Die Erde wird zu einer Zeit beschrieben, als diese noch frei von pflanzlichem und tierischem Leben ist: „It was simply a hot round ball with a crust gradually cooling.“ (Butler 1965: 189). Hätte nicht jeder Mensch der die Erde in diesem Stadium hätte betrachten können, behauptet, dass sich in dieser Umgebung niemals Bewusstsein würde entwickeln können (vgl. ebd. f.)? Was wir heute unter Bewusstsein verstehen, war einst ein neues Ding. Warum sollte sich nicht eine neue Form von Bewusstsein entwickeln können, die sich von allen bisher bekannten Formen unterscheidet (vgl. Butler 1965: 190)?

„There was a time when fire was the end of all things; another when rocks and water were so.“ (ebd.) Betrachtet man die facettenreichen Stadien von Leben und Bewusstsein, die sich bisher entwickelt haben, wäre es voreilig anzunehmen, dass tierisches Leben das Ende aller Dinge sei (vgl. ebd.). Bei der Frage ob sich bereits jetzt Spuren der Entwicklung einer neuen Lebensform auffinden lassen, wird auf die „higher machines“ (ebd.) verwiesen: Es gibt keine Sicherheit, die gegen eine Bewusstseinsentwicklung von Maschinen spricht (vgl. ebd.). Im Vergleich zur Tier- und Pflanzenwelt haben Maschinen in den letzten Jahrhunderten enorme Fortschritte verzeichnet. Nimmt man an, dass es Lebewesen mit Bewusstsein seit 20 Millionen Jahren gibt und Maschinen im Vergleich dazu Existenzen der letzten fünf Minuten sind und die Welt noch weitere 20 Millionen Jahre bestehen bleibt, so ist nicht abzusehen was aus den derzeitigen Maschinen einst werden wird.

Wäre es aus diesem Grund nicht sicherer weiteren Fortschritt zu unterbinden (vgl. Butler 1965: 191)?

Als Nächstes werden Gemeinsamkeiten zwischen Maschinen und Pflanzenwelt herausgearbeitet. Im Grunde sei alles miteinander verflochten: Die Eierschale ist ebenso eine Maschine wie der Eierbecher. Die Schale ist ein Gerät zur Verwahrung des Eies und der Becher ein Gerät zur Verwahrung der Schale (vgl. ebd.).

Anschließend wird der Frage nachgegangen ob Pflanzen ein Bewusstsein attestiert werden kann. Dabei wird auf fleischfressende Pflanzen und die Kartoffelpflanze verwiesen: Fleischfressende Pflanzen schließen ihre Blätter ausschließlich dann, wenn etwas sie Essbares auf ihnen landet. Wenn diese Pflanzen unbewusst agieren, wo ist dann der Nutzen von Bewusstsein (vgl. Butler 1965: 192)? Außerdem geht es darum, inwieweit scheinbar frei handelnde Organismen, nicht auch nur mechanisch funktionierende Mechanismen sind. Wenn es uns Menschen so scheint, dass eine Pflanze eine Fliege mechanisch tötet und isst, muss die Pflanze dann nicht annehmen, dass ein Mensch ein Schaf mechanisch tötet und isst (vgl. ebd.) Dem wird entgegnet, dass eine Pflanze keine Vernunft besitzt und ihr Wachstumsprozess demnach ein unfreiwilliger sei. Solange sie genug Erde, Luft und angemessene Temperatur zur Verfügung hat, kann sie nicht anders als zu wachsen. Trifft dies aber nicht auch auf einen gesunden Jungen zu, der ausreichend zu Essen und Trinken hat (vgl. ebd.)? „Can anything help going as long as it is wound up, or go on after it is run down?“ (ebd.)

Das Heranwachsen einer Kartoffelpflanze wird ebenfalls als bewusst koordinierte Handlungsabfolge verstanden. Die Pflanze ist dabei von einer gewissen niederen Durchtriebenheit geleitet, die sie dazu veranlasst Wurzeln zu schlagen und Richtung Sonne zu wachsen (vgl. ebd.) Demnach könnte man die Kartoffel folgendes sagen hören: „I will have a tuber here and a tuber there, and I will suck whatsoever advantage I can from all my surroundings.“ (ebd. f.) Wenn wir also das Pflanzenleben rein mechanisch und chemisch erklären müssen wir eine Untersuchung darüber anstellen, ob nicht alle Handlungen und Ereignisse auf solche Weise erklärbar sind, was einer dynamischen Theorie der Gefühle gleichkäme (vgl. Butler 1965: 193)

Das führt zu der Schlussfolgerung, dass Handlungen, die bisher als rein mechanisch und unbewusst beschrieben wurden, mehr Elemente von Bewusstsein enthalten müssen, als bisher zugestanden worden ist (vgl. ebd.) Dies träfe dann auch auf einige Handlungen der „higher machines“ zu. Oder aber der Mensch stammt von Vorfahren ohne Bewusstsein ab, was a priori nicht ausschließt, dass die Nachfolger der derzeitigen Maschinen einst ein Bewusstsein entwickeln könnten (vgl. Butler 1965: 194).

Die derzeit existierenden Maschinen stecken also noch in den Kinderschuhen. „The machines are still in their infancy; they are mere skeletons without muscles and flesh.“ (ebd.: 212) Angesichts ihrer rasanten Entwicklung sei es notwendig die fortgeschritteneren zu zerstören (vgl. ebd.: 195): „No class of beings have in any time past made so rapid a movement forward.“ (ebd.) Anhand der Uhr wird die „rapidity with which they are becoming something very different to what they are at present“ (ebd.) aufgezeigt: „This little creature is but a development of the cumbrous clocks that preceded it: it is no deterioration from them“ (Butler 1965: 194f.)

Im Sinne der von Darwin geprägten Formel des „Survival of the Fittest“ sieht Butler die Weiterentwicklung der Arten maßgeblich durch den gegenseitigen Kampf miteinander begründet: „The lower animals progress because they struggle with another; the weaker die, the stronger breed and transmit their strength.“ (ebd.: 199) Da Maschinen nicht dazu in der Lage sind sich gegenseitig zu bekämpfen, agiert der Mensch für sie als Stellvertreter: „The machines (…) have got man to do their struggling for them“ (ebd.) Neben seinem Stellvertreter Dasein dient der Mensch den Maschinen auch noch auf andere Art und Weise: Der Heizer einer Dampfmaschine kann als Koch angesehen werden, ebenso wie die Bergarbeiter die Kohle abbauen und die Fahrer, die die Kohle an ihren Bestimmungsort bringen (vgl. Butler 1965: 201). „What an army of servants do the machines thus employ!“ (ebd.).

Außerdem kommt dem Menschen eine zentrale Rolle im Reproduktionssystem der Maschinen zu. Vergleichbar mit Insekten, die die Befruchtung von Pflanzen sichern und so deren Reproduktion erst ermöglichen, ohne sich dessen bewusst zu sein, realisiert der Mensch die Reproduktion auf die selbe Weise für die Maschinen (vgl. Butler 1965: 203).

Bezugnehmend auf Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Maschine führt Butler aus, dass sich bei Maschinen auch schon die zweckmäßige (Weiter-) Entwicklung von „Organen“ beobachten lässt. Dies wird anhand von Teetasse und Tabakpfeife dargestellt: Der Rand am Boden einer Teetasse, der dafür sorgt, dass die Hitze nicht ungehindert auf die Unterlage übertragen wird, sei identisch mit dem Höcker unter der Schale einer Pfeife, der die selbe Funktion erfüllt (vgl. a.a.O.: 207). Schaut man sich frühere Pfeifen an, erkennt man, dass sich die Form des Höckers im Laufe der Zeit verändert hat: „Use and disuse must have come into play and reduced the function to its present rudimentary condition“ (ebd.)

Abschließend hält Butler (1965) fest, dass der Unterscheid zwischen Mensch und Maschine hauptsächlich gradueller Natur ist: „After all, then it comes to this, that the difference between the life of a man and that of a machine is one rather of degree than of kind, though differences in kind are not wanting.“ (212)

Es wird auf Interdependenzen zwischen Mensch und Maschine hingewiesen: Der Mensch ist ohne Maschinen nicht mehr lebensfähig. Würden alle Maschinen auf einen Schlag vernichtet und stünde ihm nur sein bloßer Körper zur Verfügung, ohne jegliches Wissen über Physik und Mechanik um neue Maschinen herzustellen, würde er bald aussterben. Die Seele des Menschen ist durch die Maschine bedingt - er denkt und fühlt durch die von ihr verrichteten Werke. Die Maschine ist dem Menschen eine conditio sine qua non und umgekehrt (vgl.: ebd. 198). „It is the machines which act upon man and make him man, as much as man who has acted upon and made the machines“ (ebd. 214).

Der Mensch müsse sich entscheiden, ob er einiges an gegenwärtigem Leid in Kauf nehmen will, oder sich in Zukunft von seinen selbstgeschaffenen Kreaturen verdrängen lassen will (vgl. ebd.) Der Professor glaubt nicht daran, dass auch nur seine entferntesten Vorfahren etwas anderes als Menschen gewesen sein könnten und kann sich eine Zukunft in der die menschliche Rasse unterlegen ist nicht vorstellen (vgl. Butler 1965: 215f.). Letztlich wurden in „Erewhon“ alle technischen Errungenschaften der letzten 271 Jahre zerstört (vgl. ebd.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Evolution der Maschinen im Roman "Erewhon" von Samuel Butler
Untertitel
Eine literaturwissenschaftliche Analyse
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Department of English)
Veranstaltung
„The Shape of Things to Come“ - Von der Utopie zur Dystopie
Note
1,33
Autor
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V458048
ISBN (eBook)
9783668896833
ISBN (Buch)
9783668896840
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Künstliche Intelligenz, Samuel Butler, Utopie, Dystopie, Posthumanismus, Transhumanismus, Charles Darwin, Evolutionstheorie
Arbeit zitieren
Marco Tonioni (Autor), 2015, Die Evolution der Maschinen im Roman "Erewhon" von Samuel Butler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458048

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