Der Bündnisvertrag zwischen Hannibal und Philipp V. Ein Testfall der Legitimation römischer Expansionspolitik durch die annalistische Historiographie


Bachelorarbeit, 2018
37 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Kontext

3. Die Quellenlage des Vertrags
3.1. Quellenkritik
3.2. Überlieferung des Vertrags
3.2.1. Darstellung bei Polybios
3.2.2. Darstellung bei Livius
3.2.3. Darstellung in annalistischen Quellen
3.3. Die Abweichungen in der Überlieferung und ihre Hintergründe

4. Motive der historischen Akteure für den Abschluss des Vertrags
4.1. Motive Hannibals
4.2. Motive Philipps

5. Fazit

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Der Zweite Punische Krieg 218 – 201 v. Chr. war eine kriegerische Auseinandersetzung mit bis dahin ungekanntem Ausmaß. Teile der Forschung gehen soweit, ihn als den „ersten ‘Weltkrieg’ der Antike“ 1 zu bezeichnen. 215 v. Chr. entwickelte sich die Lage durch das Bündnis zwischen Hannibal und Philipp V. von Makedonien einen weiteren Schritt in diese Richtung. Der Punische Krieg erstreckte sich schon zuvor über weite Teile des westlichen Mittelmeerraums, inklusive Spanien und Italien. Durch das Bündnis hatte er dann auch direkte Auswirkungen auf den östlichen Mittelmeerraum, er führte zum Ersten Makedonischen Krieg. Es entstand somit eine Situation, in der sich Rom, Karthago und ein Teil der hellenistischen Staaten im Krieg befanden, der sich fast auf den gesamten Mittelmeerraum erstreckte.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich im ersten Teil vorwiegend mit der Überlieferung dieses Vertrages. Da sich die Überlieferung so außergewöhnlich umfangreich darstellt, können die Darstellungen der unterschiedlichen Autoren miteinander abgeglichen werden. Hierbei werden vor allem die Ausführungen von Polybios denen von Livius und der römischen Annalistik gegenübergestellt. Livius wird dabei gesondert behandelt, ist er doch kein klassischer Vertreter der römischen Annalistik.2 Sein Werk ist einerseits eine der Hauptquellen, auf denen die Annalisten direkt oder indirekt zurückgreifen, andererseits muss untersucht werden, woher er selbst seine Informationen bezieht und welche Rolle Coelius Antipater in diesem Zusammenhang zukommt. Dabei untersucht diese Arbeit einen möglichen Zusammenhang der Darstellungen der Annalistik mit der Expansionspolitik der römischen Republik. Es stellt sich die Frage, inwieweit die Intentionen und Geschichtsbilder der Autoren von dieser Expansionspolitik geprägt wurden und welche Auswirkungen das auf deren Werke hatte.

Dazu wird zunächst zur Einordnung knapp der historische Kontext, in dem das Bündnis stand, erläutert, einschließlich der Ereignisse sowohl vor als auch nach Abschluss des Bündnisses. Danach geschieht eine Quellenkritik, wobei der Fokus auf Livius und Polybios liegt. Im darauffolgenden Kapitel werden die Ausführungen der antiken Historiker dargelegt und analysiert, zunächst von Polybios, dann von Livius und schließlich von den römischen Annalisten. Schließlich erfolgt die Analyse der Abweichungen in der Überlieferung, bei der versucht wird, die eingangs erwähnte Frage nach den Quellen der römischen Annalistik und einem möglichen Zusammenhang mit der römischen Expansionspolitik der späteren Jahre näher zu beleuchten und zu beantworten.

Nachdem herausgearbeitet wurde, auf welche Versionen der Überlieferung sich verlassen werden kann und welche zu verwerfen sind, kann in einem zweiten Teil nach den Motiven der historischen Akteure selbst gefragt werden. Dazu wird zunächst dargestellt, welche Hoffnungen Hannibal in dieses Bündnis gesteckt haben könnte. Auch zu den generellen Kriegszielen Hannibals im Zweiten Punischen Krieg lässt sich einiges aus dem Vertrag herauslesen. Dann wird herausgearbeitet, welche Motive Philipp für den Abschluss des Vertrags, der für ihn letztlich den Ausbruch des Ersten Makedonischen Krieges unmittelbar zur Folge hatte, gehabt haben konnte.

In einem abschließenden Fazit werden sowohl die Erkenntnisse aus dem ersten Teil zusammengefasst als auch Erkenntnisse über die generelle Bedeutung des Vertrags dargelegt.

Da dieser Fall eine so außergewöhnliche Quellendichte aufweist, wurde er auch in der Forschung schon viel diskutiert, teils mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Für diese Arbeit maßgeblich waren besonders die Werke von Chroust („Internationale Verträge in der Antike - Die diplomatischen Verhandlungen zwischen Hannibal und Philipp V. von Makedonien.“), Mantel („Der Bündnisvertrag Hannibals mit Philipp V. von Makedonien - Anmerkungen zur Verknüpfung des Zweiten Makedonischen Krieges mit dem Zweiten Punischen Krieg bei Livius“), Bickerman („Hannibal's Covenant“) und Walbanks „historical comment on Polybios“.

2. Historischer Kontext

Nach dem Alpenübergang Hannibals im Jahr 218 v. Chr. schlug er die Römer dreimal vernichtend. Zunächst an der Trebia, dann am Trasimenischen See und schließlich bei Cannae. Entgegen vieler Erwartungen marschierte er in der Folge nicht auf Rom, um es zu belagern, sondern zog weiter innerhalb von Italien, um Bundesgenossen Roms auf seine Seite zu ziehen, was ihm auch in einigen Fällen gelang, sein wichtigster neuer Verbündeter war Capua, die zweitgrößte Stadt Italiens nach Rom.3 Nach der Schlacht von Cannae änderten die Römer ihre Strategie und stellten sich Hannibal nicht mehr in einer offenen Feldschlacht. Stattdessen hielten sie strategisch günstige Punkte besetzt und versuchten, Hannibals Truppen auseinander zu ziehen. Auch Hannibal änderte in der Folge seine Politik und suchte sich strategische Partner außerhalb Italiens. Dazu kam Philipp V. von Makedonien in Frage.

Dieser war zuvor in den Bundesgenossenkrieg verstrickt, in dem er mit dem verbündeten Achaiischen Bund gegen den Ätolischen Bund kämpfte. Hier war er recht erfolgreich und konnte einige Gebietsgewinne verzeichnen. Nachdem er von der römischen Niederlage am Trasimenischen See erfahren hatte, schloss er auf Anraten von Demetrios4 – ein König aus Illyrien, der im Zweiten Illyrischen Krieg gegen die Römer verloren hatte und an den Hof der Makedonen geflüchtet war – Frieden mit den Ätolern. Die römische Niederlage von Cannae führte dann zu Philipps endgültiger Entscheidung, sich auf die Seite Hannibals zu schlagen. Daraufhin tauschten die beiden Gesandtschaften aus und schlossen ein Bündnis.

Dieses Bündnis erwies sich jedoch als nicht besonders wirksam. Die Römer blockierten die Adria und schlossen einen Vertrag mit den Ätolern, die daraufhin Kampfhandlungen mit Philipp aufnahmen und ihn in Griechenland banden und die Römer entlasteten. Währenddessen war auch Hannibal nicht mehr so erfolgreich wie zu Beginn seines Feldzugs. 202 wurde Hannibal schließlich, nachdem er wegen karthagischen Niederlagen in Iberien und Nordafrika nach Karthago zurückbefohlen wurde, in der offenen Feldschlacht von Zama von Scipio besiegt, womit der Zweite Punische Krieg endete und Karthago die Stellung als Großmacht verlor. Die Römische Expansionspolitik war damit jedoch noch nicht beendet, bald folgte auf den Ersten Makedonischen der Zweite und darauf der Dritte Makedonische Krieg, woraufhin auch Makedonien die Unabhängigkeit völlig verlor.5 Der vorläufige Höhepunkt war das Jahr 146, in dem zum einen nach dem Dritten Punischen Krieg Karthago zerstört wurde und zum anderen das lange Zeit von den Makedonen gehaltene Korinth im Zuge des Krieges mit dem Archaiischem Bund vom dem Römern vernichtet wurde. Griechenland war daraufhin römische Provinz.

3. Die Quellenlage des Vertrags

Der folgende erste Teil dieser Arbeit widmet sich der Quellenlage des Vertrags, zunächst wird näher auf die antiken Historiker, die uns den Vertrag überlieferten eingegangen, danach auf die Überlieferung selbst und zuletzt auf die Abweichungen in dieser.

3.1. Quellenkritik

Die wichtigste Quelle des Vertrags stammt von Polybios, der eine Abschrift des Vertrags anfertigte, die bis heute erhalten ist.

Polybios war zwar eng mit den Scipionen verbunden, in seinem Werk sind jedoch weniger prorömischen Tendenzen zu erkennen als in anderen. Er wollte mit seinen Historien nicht unterhalten, sondern es sollte als Ausbildungsmittel für die Arbeit in einem öffentlichen Amt dienen. Denn seiner Ansicht nach geschieht das Lernen am sinnvollsten aus den aus der Geschichte geschöpften Erfahrungen. Seine Historien sollten den gegenwärtigen und zukünftigen Staatsmännern einen Einblick in die Geschichte geben und sie dazu befähigen, bei ähnlichen Situationen zukünftig richtig zu handeln.6 Polybios stellt selbst die Forderung auf, dass Historiker unparteiisch und objektiv bleiben müssen. Würden sie nämlich die Wahrheit aus der Geschichtsschreibung entfernen, bliebe unnützes Gerede übrig, die Wahrheit sei dementsprechend essentiell für den Nutzen.7

Insbesondere für diesen Themenkomplex ist zudem wichtig, dass er explizit sagt, dass Verträge wahrheitsgemäß wiedergegeben werden müssen.8

Es drängt sich jedoch die Frage auf, ob er diesbezüglich seinen eigenen Anforderungen gerecht wurde. Frank W. Walbank beschreibt Polybios als einen „reliable and conscientious writer, with a serious theme and a determination that at all costs his readers shall comprehend and profit by it ” 9 .

Dennoch war auch Polybios nicht frei von Befangenheit. Er lebte in einem alles andere als politisch neutralem Umfeld und war sicherlich gegen dessen Einflüsse nicht resistent. Gunnar Manz resultiert daher, dass

„[…] bei allem ernsthaften Bemühen um Objektivität, Unparteilichkeit und eine wahrheitsgemäße[n] Darstellung der Ereignisse, was ihm größtenteils auch in beachtlicher Weise gelang, an einigen Stellen nicht zu übersehen [ist], dass er mit Rom sympathisierte“ [10] .

Es darf daher nicht zweifelsfrei davon ausgegangen werden, dass Polybios immer die zuverlässigste Quelle liefert, wenn andere Überlieferungen von ihm abweichen.

Die Schilderungen im Werk des Titus Livius, Ab urbe condita, stellen eine zweite Quelle für den Vertrag und seine Umstände dar. Livius wurde ca. 140 Jahre nach Polybios geboren und zog diesen zumindest zum Teil für seine Ausführungen als Quelle heran. Insbesondere in der dritten Dekade des Livius, in der auch das Bündnis behandelt wird, war Polybios wohl eine seiner Hauptquellen.

Livius zog generell eher Sekundärquellen anderer Historiographen Primärquellen vor, was problematisch ist, da er diese nicht unbedingt immer vergleichend kritisch analysierte und die jüngere Annalistik, auf die er sich auch maßgeblich stützte, in der modernen Forschung keinen guten Ruf genießt.11 Die Hauptquelle für die den Vertrag betreffenden Zeilen bei Livius (23,33,10-12) scheint, wie allgemein anerkannt wird, Coelius Antipater gewesen zu sein.12

Die Hauptquellen von Coelius Antipater waren wiederum Cato, Fabius Pictor und wahrscheinlich auch Polybios. Darüber hinaus zog er in großem Stil und mit einiger Sorgfalt antirömische Quellen heran; vor allem die Werke von Silenos von Kaleakte, ein zeitgenössischer Historiker aus dem unmittelbaren Umfeld von Hannibal.

"Die wissenschaftliche Arbeitsweise erhielt dadurch ein wichtiges Standbein und wurde insofern professionalisiert, ohne dass sich Coelius deshalb freilich der karthagischen Sichtweise anschloss. " 13

Er neigte jedoch zu einer (Über-)Dramatisierung der Ereignisse, baute häufig wahrscheinlich erfundene Reden von Akteuren des Feindes14 ein und kann durch die Stilisierung von Scipio Africanus als Hauptheld des Geschehens möglicherweise in die Tradition hellenistischer Historiographie gestellt werden.15

Von Coelius sind nur noch Fragmente erhalten, wovon die Entscheidenden, die den Vertrag betreffen, nicht dazu gehören. Da Coelius jedoch in diesem Zusammenhang von so entscheidender Bedeutung ist, ist die Beschäftigung mit ihm unverzichtbar. Es muss geprüft werden, welches konkrete Interesse er gehabt haben könnte.16

Livius war nicht so sehr an einer Belehrung zukünftiger Staatsmänner interessiert wie Polybios. Er wollte eher ein lebendig geschriebenes Geschichtswerk erstellen, dass Spannung und Emotionen bei den Lesern hervorruft. Dazu schmückte er gerne Begebenheiten aus und auch die mangelnde Quellenkritik und seine Quellenauswahl kann in diesem Zusammenhang gesehen werden.17 In seinem Werk lässt sich seine Grundüberzeugung erkennen, dass die Römer als das von den Göttern auserwählte Volk das Schicksal hatten, die Welt zu beherrschen. Die Frage ist, ob er dieser Grundüberzeugung alles unterordnet und deswegen wissentlich Sachverhalte fälscht und abändert oder ob nachweislich falsche Darstellungen hauptsächlich in seiner mangelhaften Methodik und seinen Vorlagen begründet sind. Manz sieht in ihm trotz seiner patriotischen Grundeinstellung und klar zu erkennenden prorömischen Tendenz keinen massiven Geschichtsfälscher, in den von ihm gesteckten Grenzen sei er um Wahrheit bemüht gewesen.18

Helmut Halfmann konstatiert dagegen, insbesondere in Abgrenzung zu Polybios und dessen Nutzung durch Livius:

„So hat Livius den Polybios als Quelle nur so weit benutzt, wie dessen Darstellung nicht mit der Generallinie des römischen Geschichtsbildes kollidierte. Wenn also das Geschehen über Leisten dieses Geschichtsbildes geschlagen wurde, so führt das unwillkürlich zu gewaltsamen Verbiegungen und Fälschungen des tatsächlichen Geschehens, über deren Grad freilich die Forschung trefflich streitet. “ 19

In jedem Fall muss sein Geschichtsbild und seine generell prorömischen Tendenzen bei der Arbeit mit seinem Werk berücksichtigt werden, dennoch ist Livius, wegen der guten Erhaltung seines Werks insbesondere für das Zeitalter der Punischen Kriege eine der Hauptquellen neben Polybios.

Was bei der Beschäftigung mit Livius auffällt, ist sein Drang, alle Kriege als bellum iustum darzustellen. Dazu muss er auch oft gewaltsam Ereignisse zurechtrücken, das führt zu der sehr deutlichen prorömischen Tendenz.

Polybios hatte einen anderen, erklärenden Ansatz; sein Hauptziel war, zu erklären, wie und mit Hilfe welcher Verfassung Rom in der Lage war, sich in so kurzer Zeit zur Herrscherin der Welt zu erheben. Dabei hält er nicht an einheitlichen Erklärungsmustern fest und hält auch kein einheitliches Urteil über die römische Politik durch.20

Walbank sagt, dass Polybios seine rationale Analyse von Ursachen und Anlässen von Kriegen nicht aufgebe im Angesicht seiner Theorie der Wirksamkeit der Tyche, die von Anfang an Roms Weg zur Weltmacht vorgezeichnet habe.21

Daraus zeigt sich laut Halfmann, dass Polybios´ Darstellung vor allem in den wichtigen Abschnitten, die den Kriegsursachen und Friedensschlüssen gewidmet sind, denjenigen des Livius stets überlegen sind.22 Aber nur mit Polybios kann nicht immer letzte Klarheit erlangt werden. Oft weisen aber die inhaltlich reduzierten Darstellungen mehr Zuverlässigkeit auf als die mit Zusätzen aufgebauschten Versionen der römischen Annalistik.

In unserem Fall steht die alleinige, nüchterne Überlieferung des Vertrags bei Polybios den Ausführungen der Annalisten und von Livius, die die Umstände des Vertragsabschlusses umfangreicher beschreiben, gegenüber.

Die Annalisten in dem Umfang zu analysieren würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Deswegen werden nur kurze Angaben über die Annalisten und deren Quellen gemacht. Appian stützte sich bei seiner Arbeit auf römischen Quellen, wozu auch Livius gehört, und auf griechische Quellen, die heute nicht mehr erhalten sind. Die Ausführungen von Cassius Dio sind bei Zonaras zu finden, er bezog sich hauptsächlich auf Livius oder Quellen, die dieser benutzte. Sehr wahrscheinlich ist die Benutzung von Coelius Antipater. Der Epimator Eutrop steht ebenfalls ganz in der livianischen Tradition.

Die Ausführungen von Pompeius Trogus sind bei Iustin zu finden, er weicht von der Linie der römischen Annalisten ab, seine Hauptquellen kamen offensichtlich aus Griechenland.

3.2. Überlieferung des Vertrags

Im Frühjahr 215 begannen die Verhandlungen zwischen Gesandten Philipps und Hannibals. Dazu schickte Philipp eine Gesandtschaft unter der Führung des Atheners Xenophanes nach Capua.23 Diese Gesandtschaft wurde jedoch abgefangen, sodass der römische Senat früh Kenntnis über das Zustandekommen des Bündnisses hatte. Eine Folge dessen für die heutige Geschichtsschreibung ist, dass die Vertragsurkunde so in ein römisches Archiv gelangte, wo Polybios sie fand und abschrieb. Sie ist heute als griechische Übersetzung des phönizischen Originals erhalten, was durch zahlreiche Semitismen in Wortwahl, Syntax und Formular von Hannibals Eid als sicher angesehen werden kann.24

Die annalistische Geschichtsschreibung stützte sich wohl zumindest zum Teil auf Polybios und kann wegen der guten Überlieferung des Vertrags vergleichend analysiert und auf Fälschungen untersucht werden.

3.2.1. Darstellung bei Polybios

Das Original des Dokumentes, das Polybios abschrieb, ist entweder von einem Karthager auf Griechisch direkt verfasst worden oder von einem Karthager, der der Griechischen Sprache nicht vollumfänglich mächtig war, ins Griechische übersetzt worden. Das lässt sich zum einen daraus schließen, dass er offenkundige stilistische und sprachliche Mängel aufweist25 und zum anderen aus der Art der Ausdrucksweise, den Rückgriff auf bestimmte Gesetzesformeln, die den Griechen fremd waren und in phönizisch-punischer Tradition formuliert wurden.26

Auch Bickermans philologische Untersuchung hat gezeigt, dass es sich um eine griechische Übersetzung eines phönizischen Originals handelt, die zudem „often awkwardly literal“ 27 formuliert ist.

Dieses Dokument wird nun genauer betrachtet, jedoch nicht komplett chronologisch, sondern anhand einiger entscheidender Aspekte.

Zum einen soll der Charakter dieses Abkommens, die beteiligten Akteure und deren Einfluss auf die Art des Abkommens geklärt werden und zum anderen die grundlegenden Konditionen, die Bedingungen für den Krieg gegen die Römer und schließlich die für den Friedensvertrag und die Zeit danach gesetzten Bedingungen dargestellt werden.

Das Abkommen ist in der Form eines Eides verfasst. Zunächst werden die Anwesenden, die den Eid ablegen, und dann die Götter, die den Eid bezeugen, genannt.28 Ein normalerweise typisches Element, was hier jedoch fehlt, ist die Selbstverfluchungsformel. Bickerman definiert das Abkommen mit dem hebräischen Begriff berit als ein feierliches Abkommen (engl. covenant) zwischen Hannibal, Philipp und den bezeugenden Gottheiten.29 So ein Eid hat notwendigerweise immer zwei Teile: die Beteuerung und die übernatürliche Bestätigung. Was in so einem berit allerdings fehlt, ist die Verwünschung im Falle des Eidbruches. Das Fehlen dieser Verwünschungsphrasen machen das Abkommen eigentlich unvollständig, wie ein Gesetz ohne Sanktion, einer „ lex imperfecta“ 30 .

In diesem Falle ist aber wohl die andere Vertragspartei mehr an der Erfüllung der Versprechen als an der Bestrafung für den Eidbruch interessiert. Die Gottheiten haben demnach hier eventuell eher die Funktion, den Eidbruch zu verhindern als ihn zu bestrafen. Das passt zu einem auf längere Zeit ausgerichtetem Bündnis und zeigt den semitischen Ursprung des Eides. Es passt auch zu einem alten phönizischen Brauch, einen Vertrag in ewiger Bruderschaft abzuschließen ohne die Formel der Selbstverfluchung.31

Auch wenn die Liste der Götter auf den ersten Blick sowohl punisch als auch griechisch scheint, zeigt Walbank einleuchtend, dass mit den hier aufgeführten Göttern, punische Gottheiten gemeint waren, da die Invokationsformel auch von Puniern verfasst wurde.32 Diese Gottheiten wurden bei der Übersetzung ins Griechische mitübersetzt, sodass dort beispielsweise von Zeus, Hera und Apollo die Rede ist.33 Zum Schluss der Anrufung werden auch noch explizit die makedonischen beziehungsweise griechischen Götter angerufen, das heißt für die Eidschwörenden fremde Götter. Die Anrufung fremder Götter war für die griechische Diplomatensprache sehr unüblich, gehörte aber zu den Gebräuchen semitischer Völker zum Zwecke der Vollständigkeit. Das ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Invokationsformeln karthagischen Ursprungs waren und bezeugen, was phönizische Sitte gewesen zu sein scheint.34

Es ist von entscheidender Bedeutung, wer diesen Eid abgelegt hat und welche Befugnisse derjenige hatte. Es ergibt einen großen Unterschied, ob karthagische Bevollmächtigte diesen Eid ablegten und ihn so ratifizierten oder ob „nur“ Hannibal ihn ablegte, wobei sich hier die Frage stellt, welche Befugnisse Hannibal selbst hatte. Bickerman stellt fest, dass Hannibal als oberster Feldherr die Verfügungsgewalt über alle Truppen in ganz Italien besaß aber eben nicht befugt war, bilaterale Allianzen abzuschließen.35 Seiner Meinung nach wird hier keine bilaterale Allianz abgeschlossen, sondern nur ein persönliches Abkommen zwischen Hannibal und Philipp.

Die übrigen namentlich genannten Beteiligten (Mago, Myrkan und Barmokan36 ) bezieht er nicht mit ein, beziehungsweise sieht er sie nicht als von Karthago bevollmächtigt an. Chroust zeigt jedoch einleuchtend, dass allein durch ihre namentliche Erwähnung direkt hinter Hannibals Namen die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass sie bevollmächtigt waren, den Vertrag zu ratifizieren und ihn somit zu einem gültigen, bindenden Vertrag zweier Staaten zu machen.37 Auch für Manz geht aus der ausdrücklichen Erwähnung von Mitgliedern des karthagischen Rates hervor, dass es sich hier um einen Staatsvertrag und nicht um ein persönliches Abkommen handelt.38 Für Schmitt bleibt es hingegen unsicher, ob es sich bei den genannten Personen um bevollmächtigte Gesandte Karthagos oder nur um Berater Hannibals handelt, und somit bleibt auch der Charakter des Abkommens unsicher.39

Zum einen die explizite namentliche Erwähnung der drei Personen aber auch die Erwähnung des Beiseins von „alle[n] Mitglieder[n] des Rats von Karthago und alle[n] anderen Karthager[n], die mit im Felde standen“ 40 lässt es stark nach einem ratifizierten Staatsvertrag aussehen.

In Polyb. 7,9,4-7 sind die Grundbedingungen dieses Abkommens verfasst. Zunächst wird gesagt, dass der Eid abgelegt wird um in „Freundschaft und aufrichtige[m] […] Wohlwollen, Freunde, Verbündete und Brüder zu sein“ 41.

Dann wird ein allgemeiner gegenseitiger Schutz vereinbart und zwar mithilfe von zwei sehr ähnlichen Phrasen, einmal sollen die Makedonen und ihre Bundesgenossen42 Schutz gewähren und einmal soll ihnen Schutz zu teil werden.43 Auch Polyb. 7,9,8-9 kann noch unter Grundbedingungen gefasst werden, hier wird auf der einen Seite versichert, „keine Ränke [zu] schmieden, uns [d.h. den Karthagern] keinen Hinterhalt [zu] legen, […] ohne Arglist und böse Gedanken […]“ 44 zu agieren. Auf der anderen Seite wird zugesichert, Feindschaft mit allen Feinden des Vertragspartners zu führen, „ausgenommen die Könige, Städte und Stämme, mit denen wir beschworene Verträge und Freundschaft haben.“ 45 Das wird wieder in doppelter Ausführung formuliert, jeweils einmal für beide Parteien.

Bei der Betrachtung der Grundbedingungen fällt zunächst auf, dass eine formelle Nichtangriffsklausel fehlt. Die Versicherung, keine Ränke, Arglist, böse Gedanken zu hegen und keinen Hinterhalt zu legen stellt nicht einen expliziten Nichtangriffspakt dar, wie er in römischen und griechischen Verträgen normalerweise üblich war. Chroust begründet das damit, dass die beiden Mächte durch den Eid, das Schutzbündnis und darüber hinaus durch die gegenseitige militärische Hilfe in karthagischem Verständnis zu „Brüder[n] für alle Zeiten“ 46 geworden sind.47 Das implizierte für Hannibal wohl einen Nichtangriffspakt und machte eine explizite Aufnahme dessen obsolet. Dass diese Phrase überhaupt festgehalten wurde, könnte auf Philipps Anliegen hin geschehen sein, da er in Griechenland so viele Feinde hatte und verhindern wollte, dass Hannibal dort Unruhe stiftet.48

[...]


1 Zimmermann, Klaus (2005), S. 69.

2 Es ist umstritten, ob Livius Teil der annalistischen Historiographie ist. In dieser Arbeit wird er nicht als ein solcher gesehen, sondern von den anderen annalistischen Autoren abgegrenzt. Zur Frage, ob Livius Annalist ist, vgl. Rüpke, Jörg (2015), S. 155ff.

3 Vgl. Zimmermann, Klaus (2005), S. 126.

4 Siehe hierzu Kapitel 5.2. dieser Arbeit.

5 Vgl. Seibert, Jakob (2005), S. 244, Anm. 93.

6 Pol. 4,9,9f.

7 Pol. 1,14,1ff.

8 Pol. 3,21,9f

9 Walbank, Frank W. (1957), S. 16.

10 Manz, Gunnar (2017), S. 9.

11 Vgl. ebenda, S. 14ff.

12 Chroust, Anton-Hermann (1974), S. 279, vgl. dazu insb. Anm. 18.

13 Beck, Hans / Walter, Uwe (2004), S. 36.

14 Das „ machte […] das Werk nicht mehr oder weniger vertrauenswürdig; Coelius ging hier nicht anders vor als Thukydides, Polybios oder Tacitus.“ (ebenda, S. 38.)

15 Coelius wurde in der Forschung oft in diese hellenistische Tradition gestellt, Beck und Walter relativieren das jedoch etwas. (vgl. ebenda, S. 38f.)

16 Siehe dazu Kapitel 3.3 dieser Arbeit.

17 Vgl. Manz, Gunnar (2017), S. 16.

18 Vgl.ebenda, S. 17.

19 Halfmann, Helmut (2013), S. 54.

20 Vgl. ebenda, S. 54f.

21 Vgl. Walbank, in ebenda, S. 55.

22 Vgl. ebenda, S. 55f.

23 Laut Chroust fanden die Verhandlungen auf dem mons Tifata „oberhalb von Capua“ (Liv. 23,36,1) statt, wo sich Hannibal im Frühsommer 215 verschanzt hatte. (Vgl. Chroust, Anton-Hermann (1974), S. 275.)

24 Vgl. hierzu Schmitt, Hatto H. (1969), S. 248f.

25 Vgl. Chroust, Anton-Hermann (1974), S. 291f.

26 Vgl. ebenda, S. 333.

27 Bickerman, Elias J. (1952), S. 2.

28 Pol. 7,9,1-3.

29 Vgl. Bickerman, Elias J. (1952), S. 2ff.

„The bipartite Oath of Hannibal, lacking imprecation, is a berit, the covenant without the execration of the perjurer.” (Bickerman, Elias J. (1952), S. 6.)

30 Bickerman, Elias J. (1952), S. 4.

31 Vgl. Chroust, Anton-Hermann (1974), S. 299.

32 Vgl. Walbank, Frank W. (1984), S. 46ff.

33 Pol. 7,9,2.

34 Vgl. Chroust, Anton-Hermann (1974), S. 295; Walbank, Frank W. (1984), S. 51.

35 Er begründet dies mit dem Vergleich zu Hieronymus von Syrakus, dem Hannibal rät, sich an die Zentralregierung in Karthago zu wenden, um eine solche bilaterale Allianz abzuschließen, er konnte nicht selber dazu befugt sein. (Pol. 7,2. / Vgl. Bickerman, Elias J. (1952), S. 21.)

36 Pol. 7,9,1.

37 Vgl. Chroust, Anton-Hermann (1974), S. 297, Anm. 97.

38 Vgl. Manz, Gunnar (2017), S. 467.

39 Vgl. Schmitt, Hatto H. (1969), S. 250.

40 Pol.7,9,1.

41 Pol 7,9,4.

42 Wenn dies nicht nur eine formelle Phrase ist, könnten damit die Mitglieder des Hellenenbundes gemeint sein. Scherberich zeigt jedoch, dass der Vertrag nur zwischen Hannibal und Philipp abgeschlossen wurde und die anderen Mitglieder des Hellenenbundes nur eine ganz untergeordnete Rolle spielten. Offensichtlich trat Philipp Hannibal gegenüber als Vertreter des gesamten Hellenenbundes auf, es kann allerdings nicht daraus geschlossen werden, dass Philipp tatsächlich dazu autorisiert war, in ihrem Namen den Vertrag abzuschließen. Es ist mehr als zweifelhaft, ob Philipp eine formale Ermächtigung des Hellenenbundes zu den Verhandlungen erhalten hat. Es wurde wohl nicht erwartet, dass die anderen Mitglieder sich am Krieg gegen Rom beteiligen würden, möglicherweise ist Philipp aus politischen Gründen in den Verhandlungen mit Hannibal als Hegemon des Hellenenbundes aufgetreten, um in den Verhandlungen mehr Gewicht zu haben. (Vgl. Scherberich, Klaus (2009), S. 159f.)

43 „Es sollen König Philipp, die Makedonen und alle übrigen Griechen, soweit sie ihre Bundesgenossen sind, Schutz und Beistand gewähren den Karthagern […], dem Feldherrn Hannibal und denen, die bei ihm sind, und den unter karthagischer Herrschaft Stehenden, die die gleichen Gesetze haben wie sie selbst, und den Einwohnern von Utica, und allen anderen Karthagern untertänigen Städten und Stämmen in Italien, dem Keltenland und Ligurien, mit denen wir Freundschaft haben und mit denen wir dort noch Freundschaft und Bündnis schließen.“ (Polyb. 7,9,5-6.) // „Ebenso soll König Philipp, den Makedonen und den anderen Griechen, die ihre Bundesgenossen sind, Schutz und Beistand zu teil werden von den Karthagern, die mit uns im Felde stehen, den Einwohnern von Utica und von allen Städten und Stämmen, die den Karthagern untertan sind, von den Bundesgenossen und Soldaten, von allen Städten und Stämmen in Italien, dem Keltenland und Ligurien, und von allen, die dort noch Bundesgenossen werden“ (Polyb.7,9,7.)

Zur Sonderstellung von Utica: „ Utica had a privileged position among the Phoenician towns […] and is also separately mentioned in the second treaty between Rome and Carthage”. (Walbank, Frank W. (1984), S. 54.)

44 Pol.7,9,8.

45 Pol. 7,9,8/9.

46 Chroust, Anton-Hermann (1974), S. 309.

47 Es ist im Bündnis an keiner Stelle eine Zeitbegrenzung angeführt, folglich muss angenommen werden, dass das Bündnis ohne Zeitbegrenzung für die Ewigkeit angelegt war.

48 Vgl. Chroust, Anton-Hermann (1974), S. 309.

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Details

Titel
Der Bündnisvertrag zwischen Hannibal und Philipp V. Ein Testfall der Legitimation römischer Expansionspolitik durch die annalistische Historiographie
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für alte Geschichte)
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
37
Katalognummer
V458056
ISBN (eBook)
9783668891623
ISBN (Buch)
9783668891630
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Punischer Krieg, Hannibal, Philipp V., Beistandsvertrag, römische Annalistik, Karthago, Rom, Makedonien
Arbeit zitieren
Richard Wissing (Autor), 2018, Der Bündnisvertrag zwischen Hannibal und Philipp V. Ein Testfall der Legitimation römischer Expansionspolitik durch die annalistische Historiographie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458056

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