Interprofessionelle Zusammenarbeit von Pflegekraft und Arzt im Krankenhaus

Auswirkung der Professionalisierung des Pflegeberufes


Bachelorarbeit, 2016
60 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung.

2 Methode.

3 Situation der Pflege in Deutschland.

4 Profession und Professionalisierung.
4.1 Begriffsbestimmung Profession und Professionalisierung.
4.2 Professionalisierung des Arztberufes.
4.3 Professionalisierung des Pflegeberufes.

5 Interprofessionelle Zusammenarbeit
5.1 Begriffsbestimmung interprofessionelle Zusammenarbeit
5.2 Notwendigkeit interprofessioneller Zusammenarbeit im Krankenhaus.

6 Stand der Zusammenarbeit zwischen Pflegekraft und Arzt
6.1 Aufgabenverteilung zwischen Pflegekraft und Arzt
6.2 Aufgabenbereiche erfolgreicher Zusammenarbeit
6.3 Mangelnde Kooperation.

7 Bedingungen der Zusammenarbeit zwischen Pflegekraft und Arzt
7.1 Strukturelle Rahmenbedingungen der pflegerisch-ärztlichen Zusammenarbeit
7.1.1 Hierarchische Strukturen.
7.1.2 Arbeitsorganisation im Krankenhaus.
7.1.3 Kommunikation und Interaktion im Krankenhaus.
7.2 Individuelle Rahmenbedingungen der pflegerisch-ärztlichen Zusammenarbeit
7.2.1 Sprache.
7.2.1.1 Sprache der Ärzte.
7.2.1.2 Sprache der Pflegekräfte.
7.2.2 Berufliche Sozialisation.
7.2.2.1 Sozialisation der Pflegekräfte.
7.2.2.2 Sozialisation der Ärzte.
7.2.3 Leitbilder
7.2.3.1 Leitbilder der Pflegekräfte.
7.2.3.2 Leitbilder der Krankenhausärzte.

8 Perspektiven interprofessioneller Zusammenarbeit
8.1 Interventionen zur Verbesserung interprofessioneller Zusammenarbeit
8.2 Akademisierung der Pflegeausbildung.
8.3 Interprofessionelle Ausbildung.

9 Fazit und Limitationen der Studie.

10 Zusammenfassung.

11 Literatur

12 Tabellen- und Abbildungsverzeichnis.

1 Einleitung

Die Gesundheitsversorgung in Deutschland wird traditionell von dem Beruf der Ärzte dominiert. Seit Jahrzehnten versuchen die Berufsgruppen, die bisher in starker Abhängigkeit von der Medizin standen, diese Vormachtstellung infrage zu stellen (vgl. Krampe, 2015: 148). In der Geschichte der Berufe finden sich immer wieder berufspolitische Auseinandersetzungen, aus denen Sieger und Verlierer hervorgehen. Im 19. Jahrhundert konnte sich der Ärzteberuf unter anderem deswegen erfolgreich etablieren, weil er die Hebammen und andere traditionelle medizinisch Tätige verdrängen konnte (vgl. Streckeisen, 2010: 8). Die neu entstandene klassische Arztrolle beinhaltete die medizinische Deutungsmacht und einen Großteil der therapeutischen Handlungsmacht und umfasste im Krankenhaus vor allem alltagsferne und wenig routinisierte Aufgaben. Die „übrig bleibenden“ Probleme wurden dem Beruf der Krankenpflege überlassen, der ebenfalls 19. Jahrhundert entstand (vgl. Streckeisen, 2015: 2f).

Das herkömmliche Krankenhaus ist gekennzeichnet durch das klassische Paar Arzt und Pflegekraft. Auf der einen Seite ist das Verhältnis der beiden Berufsgruppen durch eine sachlich sinnvolle Arbeitsteilung charakterisiert, auf der anderen Seite durch ein asymmetrisches Gefälle zwischen dem (meist männlichen) Arzt und der (meist weiblichen) Pflegekraft. Hierdurch wird die Pflege zu einem „ärztlichen Hilfsberuf“. Im Falle des Pflegeberufes stehen sich zwei Interessen gegenüber: Einerseits die Verbesserung der beruflichen Aufgabenbewältigung, andererseits die Befreiung aus einer Bevormundung, die mit dem Kampf um mehr Macht und Einfluss einhergeht (vgl. Streckeisen, 2015: 4).

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts versuchten bildungs- und berufspolitische Initiativen, eine größere Eigenständigkeit der Pflege zu erreichen. Das neue Berufsverständnis der Pflege betonte stärker ein eigenständiges, patientennahes Tätigkeitsfeld (Streckeisen, 2015: 3). Hierdurch konnte zwar eine Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Pflegekräften erreicht werden, die Asymmetrie zwischen den beiden Berufsgruppen bestand aber weiterhin fort (vgl. Streckeisen, 2010: 1).

Die vielfältigen Veränderungen in unserer Gesellschaft haben u. a. einen tief greifenden Einfluss auf die Strukturen der Versorgungssysteme des Gesundheitswesens und zwingen zu Veränderungen im Arbeitsfeld der Pflege. Dazu zählen (vgl. Robert Bosch Stiftung, 2000b: 73f):

- Die demografische Entwicklung, die durch eine überproportionale Zunahme des Anteils hochbetagter Menschen gekennzeichnet ist.
- Eine in rascher Entwicklung begriffene Pflegewissenschaft, Medizintechnologie und Gentechnologie.
- Eine zunehmende Aufspaltung in stationäre und ambulante Versorgung, mit Vorrang des ambulanten Geschehens.
- Eine Finanzierung, in der die Selbstbeteiligung der Patienten und ökonomische Gesichtspunkte bei den Leistungsträgern eine immer größere Rolle spielen.

So haben in den letzten Jahren veränderte ökonomische Rahmenbedingungen und hier insbesondere die Einführung der Diagnostic Related Groups (DRGs) zu einem erhöhten Kostendruck im Gesundheitswesen geführt. In dessen Folge spielt die Verweildauer der Patienten im Krankenhaus eine bedeutsame Rolle und eine möglichst zeitnahe Entlassung erscheint aus ökonomischer Sicht erstrebenswert (vgl. Dettmers, 2010: 277). Darüber hinaus ändern sich die traditionellen Aufgaben und Rollenzuschreibungen der verschiedenen Berufsgruppen im Krankenhaus und diese neuen Rollenverteilungen führen zu Konflikten. Wer Entscheidungsverantwortung abgibt, kämpft in der Regel dagegen an, wer Entscheidungsverantwortung erhält, kämpft dafür. Daher ist die ärztliche Profession neuen Rollenverteilungen gegenüber eher kritisch eingestellt (vgl. Robert Bosch Stiftung, 2011: 29).

Auch wenn der Arztberuf das Feld der Gesundheitsversorgung nach wie vor dominiert, verliert er zunehmend seinen „Leitprofessionscharakter“. Dafür steigen andere, bislang dem Arztberuf untergeordnete, Berufe, wie z.B. die Pflege, in der Hierarchie der Berufe nach oben auf. Dieser Aufwärtstrend ist insbesondere mit einer Verwissenschaftlichung der Ausbildung verbunden, schlägt sich aber bislang weniger in der ausgeübten praktischen Arbeit am Patienten nieder. (vgl. Streckeisen, 2015: 1).

Die Zusammenarbeit der verschiedenen Gesundheitsberufe im Krankenhaus (Interprofessionalität) wird heute als ein Schlüsselelement für eine qualitativ hochwertige klinische Praxis angesehen (vgl. Maeder und Fliedner, 2016: 130). So fordert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Zusammenarbeit aller Berufsgruppen, damit die aktuellen Herausforderungen im Gesundheitswesen bewältigt werden und eine optimale und effektive Versorgung der Patienten sichergestellt werden können (vgl. WHO, 2005; 2010).

Als wichtige Einflussfaktoren auf die Entwicklung einer interprofessionellen Zusammenarbeit gelten die veränderte Demografie, eine Zunahme chronischer Erkrankungen, die Fragmentierung von Arbeitsabläufen, die Reduzierung finanzieller Ressourcen sowie eine weitere Spezialisierung und die Bildung neuer Berufsgruppen (vgl. Dettmers, 2013: 222).

Obwohl die Behandlung von Patienten im Krankenhaus aufgrund der Komplexität ihrer Erkrankungen und der medizinischen Spezialisierung eine multiprofessionelle Versorgung erfordert, findet eine Zusammenarbeit der unterschiedlichen Professionen bislang nur vereinzelt sowie personen- und fachgebietsabhängig statt (vgl. Maeder und Fliedner, 2016: 131). Zwar wurden einige Modell-Projekte zur interprofessionellen Kooperation im Krankenhaus durchgeführt, diese ist aber in der Gegenwart noch keine selbstverständliche Kultur (vgl. Maeder und Fliedner, 2016: 130). Dementsprechend zeigt sich in der klinischen Praxis häufig ein berufszentriertes und paralleles Handeln der Akteure aus den Gesundheitsberufen (vgl. Dettmers, 2013: 213). In Zukunft sollte die Zusammenarbeit der an der Patientenversorgung beteiligten Professionen im Klinikalltag professioneller praktiziert werden.

Aufgrund der hohen Präsenz sowie der großen zeitlichen und räumlichen Nähe zu den Patienten kommt der Pflegeprofession im Krankenhaus eine besondere Bedeutung bei der interprofessionellen Zusammenarbeit zu (vgl. Dettmers, 2013: 222). Daraus erwächst ihr ein großes Potenzial an Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Interprofessionelles Arbeiten im klinischen Alltag stellt Anforderungen an alle beteiligten Professionen. Viele Fragen der Konzeptualisierung, Implementierung und der Evaluation interprofessioneller Zusammenarbeit bedürfen somit noch einer Antwort (vgl. Maeder und Fliedner, 2016: 130-131).

Die vorliegende Literaturarbeit hat das Ziel, den aktuellen Stand der Professionalisierung des Pflegeberufes sowie der ärztlichen Tätigkeit darzustellen sowie den Erkenntnisstand zur interprofessionellen Zusammenarbeit von Pflegepersonal und Ärzten im Krankenhaus zu beschreiben. Weiterhin wird analysiert, welche Schwierigkeiten und Hindernisse die interprofessionelle Zusammenarbeit erschweren bzw. verhindern. Abschließend wird erörtert, inwieweit eine weitere Professionalisierung der Pflege zu einer Verbesserung der interprofessionellen Zusammenarbeit im Krankenhaus beitragen kann.

Im ersten Kapitel der vorliegenden Arbeit erfolgt eine Einführung in die Thematik und die Darlegung der Fragestellung. Das zweite Kapitel beschreibt die Vorgehensweise bei der Literatursuche für die Studie. Die aktuelle Situation der Beschäftigten in der Pflege aus statistischer Sicht wird im dritten Kapitel beschrieben. Im vierten Kapitel erfolgt zunächst eine Begriffsbestimmung von Profession und Professionalität. Darauf hin wird die Entwicklung sowie der Stand der Professionalisierung jeweils für den Arzt- und Pflegeberuf dargestellt. Das fünfte Kapitel beinhaltet eine Arbeitsdefinition des Begriffs der interprofessionellen Zusammenarbeit und es wird die Notwendig einer interprofessionellen Zusammenarbeit im Krankenhaus herausgearbeitet. Das sechste Kapitel stellt den Stand der interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Arzt und Pflegekräften dar, während im siebten Kapitel die strukturellen und individuellen Rahmenbedingungen der interprofessionellen Zusammenarbeit zwischen Pflegekräften und Ärzten im Krankenhaus erläutert werden. Hierbei wird bzgl. der strukturellen Bedingungen insbesondere auf die hierarchischen Strukturen, die Arbeitsorganisation sowie auf die Kommunikation und Interaktion im Krankenhaus eingegangen. Als individuelle Rahmenbedingungen werden die Sprache sowie die berufliche Sozialisation und berufsspezifische Leitbilder des Pflegepersonals und der Ärzte thematisiert. Im achten Kapitel werden Perspektiven der Weiterentwicklung der interprofessionelle Zusammenarbeit von Pflege und Medizin im Krankenhaus aufgezeigt. Limitationen der vorliegenden Studie und ein abschließendes Fazit werden im neunten Kapitel der Arbeit dargestellt.

2 Methode

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine Literaturstudie (qualitative Studie) zu der interprofessionellen Zusammenarbeit von Arzt und Pflegekraft sowie die Auswirkungen einer zunehmenden Professionalisierung der Pflege auf die interprofessionelle Kooperation. Da es fraglich ist, ob Erkenntnisse aus der US-amerikanischen oder britischen Forschung zur Zusammenarbeit von Ärzten und Pflegepersonal sich auf die bundesdeutsche Situation beziehen lassen (vgl. Sander, 2009: 86), beschränkt sich die Literatursuche auf den deutschsprachigen Raum.

Die Literaturrecherche wurde in der Online-Datenbank PubPsych, der ZB MED Online-Datenbank für Life Sciences LIVIO und im Internet mit Hilfe von GOOGLE durchgeführt. Als Suchbegriffe fanden die folgenden Schlüsselwörter Verwendung:

- Interprofessionelle Zusammenarbeit/ Kooperation und Krankenhaus
- Interdisziplinäre Zusammenarbeit/ Kooperation und Krankenhaus
- Multiprofessionelle Zusammenarbeit/ Kooperation und Krankenhaus

Die gefundene Literatur wurde mit dem Literaturverwaltungsprogramm CITAVI 4 verwaltet. Eine Studie wurde in die Literaturanalyse eingeschlossen, wenn die Analyse des Abstracts ergab, dass die Studie einen Beitrag zur Beantwortung der Fragestellung der vorliegenden Arbeit leistet. Darüber hinaus wurde in den ausgewählten Arbeiten relevant erscheinenden Literaturangaben nachgegangen und diese Literatur bei gegebener Relevanz in die weitere Literaturanalyse einbezogen.

3 Situation der Pflege in Deutschland

Der demografische Wandel mit der Zunahme der durchschnittlichen Lebenserwartung und der damit verbundene Anstieg chronischer Erkrankungen stellen die Gesellschaft vor die Herausforderung einer adäquaten Versorgung von pflegebedürftigen Menschen (vgl. Hasseler 2012: 12). Der stetige Anstieg des Versorgungsbedarfs geht einher mit einem Zuwachs an professionellen Dienstleistungsangeboten im Gesundheitswesen (vgl. Dettmers, 2013: 215). Auch für die Krankenhäuser ist damit eine Steigerung des Patientenaufkommens verbunden bei gleichzeitig erhöhten Anforderungen an die Pflegeprofession durch beschleunigte Behandlungsverläufe. Dem entgegen steht bis zum Jahr 2007 ein Personalabbau bei der Pflege in Kliniken von 13 % innerhalb von 10 Jahren (vgl. Hoefert und Härter, 2010: 16).

Nach Angaben von Dreier et al. (2015: 406) stellt die Pflegeprofession mit 1,6 Mio. Beschäftigten im Jahr 2011 die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen dar (vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung und Entwicklung im Gesundheitswesen, 2014). Dabei liegt der Frauenanteil bei ca. 75 % (vgl. Hoefert, 2007: 77). Eine Studie des Deutschen Pflegerates beschreibt detailliert die aktuelle Situation für die Pflege aus statistischer Sicht (vgl. Simon, 2012: 13-14).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Veränderungen am Arbeitsplatz aus Sicht der Beschäftigten in der Pflege (vgl. Bräutigam et al., 2014: 42)

Danach ist die Anzahl von Beschäftigen in der Pflege einschließlich der Pflegefachkräfte wesentlich geringer als bislang angenommen. Dabei steigen die Anteile an der Gesamtzahl für Altenpflege und Altenpflegehilfe stetig an, während die Zahlen in Gesundheits- und Krankenpflege rückläufig sind. Diese dünne Personaldecke beeinflusst wesentlich die Arbeitssituation der Pflegekräfte in Krankenhäusern (vgl. Dettmers, 2013: 214).

Dem gegenüber sind in Deutschland ca. 146.000 Ärzte im Krankenhaus tätig (Stand 2006) (vgl. Hoefert, 2007: 74). Kennzeichnend für die Arbeitssituation der Krankenhausärzte sind überdurchschnittlich lange Arbeitszeiten, eine durch geringere Verweildauern bedingte Arbeitsverdichtung und ein erhöhtes Maß an „arztfremden“ Verwaltungstätigkeiten (vgl. Hoefert, 2007: 74f).

Eine Online-Befragung der Beschäftigten in deutschen Krankenhäusern (vgl. Bräutigam et al., 2014; Evans und Bräutigam, 2015) ergab, dass die Arbeitsplätze im Krankenhaus in den vergangenen Jahren deutliche Veränderungen erfahren haben. Die Situation aus Sicht des Pflegepersonals ist in der Abbildung 1 (vgl. Bräutigam et al., 2014: 42) dargestellt.

71,0 % der Pflegenden berichten über einen Stellenabbau in der Pflege in den vergangenen Jahren, nur 16,2 % konstatieren einen Ausbau der Pflegestellen auf ihren Stationen. Auf der einen Seite sind Stellen in der Pflege abgebaut worden, auf der anderen Seite geben nur 11,0 % der Befragten an, dass sich auch ihre Aufgaben auf den Stationen reduziert haben. Insgesamt belegen die Studienergebnisse eine Reorganisation des Arbeitsplatzes Krankenhaus, die sich primär als Reorganisation der Beschäftigungsstrukturen und Berufsprofile vollzogen hat.

4 Profession und Professionalisierung

Die Analyse der Titel der wichtigsten Fachzeitschriften der Pflege zeigte bereits 1997, dass der Begriff der Professionalisierung schon in den 1980er und 1990er-Jahren in der berufspolitischen Diskussion der Pflege der am häufigsten verwendete Begriff war (vgl. Bollinger und Gerlach, 2015: 84).

4.1 Begriffsbestimmung Profession und Professionalisierung

In der wissenschaftlichen Literatur wird der Begriff „Profession“ in unterschiedlichen Weisen verwendet. Hesse (1972: 45ff) versuchte die Vielzahl der Verwendungen des Begriffs Profession in amerikanischen Publikationen zu systematisieren, indem er ausgezählt hat, in wie vielen Veröffentlichungen welche Professionsmerkmale genannt werden. Die am häufigsten genannten Merkmale waren (zitiert nach Bollinger und Gerlach, 2015: 99):

- Die Berufstätigkeit beruht auf langdauernder theoretisch fundierter Spezialausbildung und ist überwiegend nicht-manuell.
- Die Berufstätigen sind in einem Berufsverband mit weitgehender Selbstverwaltung und Disziplinargewalt organisiert.
- Die Berufsangehörigen genießen ein hohes Ansehen und ein entsprechendes Selbstbewusstsein.
- Gegenüber anderen Berufen existiert ein klar abgegrenzter und monopolisierter Arbeitsbereich.

In Deutschland wird der Begriff Profession traditionell für akademische Berufe verwendet und ähnelt sehr dem Begriff des „ Experten“. In diesem Verständnis werden akademisch fundierte Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen sowie einer entsprechenden Berufserfahrung Kompetenzen erworben, die es ermöglichen, in einem Dienstleistungsfeld professionell agieren zu können. (vgl. Vogd, 2015: 63). Nach Kalkowski und Paul (2015: 322) zeichnet sich eine so verstandene klassische Profession aus durch:

- Selbst generiertes wissenschaftlich fundiertes Spezialwissen sowie Fachterminologie;
- Lang andauernde, theoretisch fundierte Ausbildungsgänge auf akademischem Niveau (Berechtigung zur Berufsausübung gekoppelt an Examen und Titel);
- Berufsständische Normen und eine gesetzliche Beschränkung des Eigeninteresses;
- Monopol für die Handlungskompetenz, Monopolisierung von Zuständigkeiten;
- Hohe Autonomie in der Berufsausübung, Selbstkontrolle der Arbeitsbedingungen;
- Selbst generierte Standards der Leistungsbewertung und deren Kontrolle;
- Interessenvertretung durch Berufsverbände;
- Die Definition der Anforderungen und Zugangswege (Berufsausbildung).

In neueren Konzepten werden Professionen häufig mit wissensbasierten Berufen gleichgesetzt. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass diffuse Anforderungen im Rückgriff auf abstrakte Konzepte und spezifische Problemlösungsstrategien erfüllt werden müssen. Professionelles Handeln ist demnach gekennzeichnet durch den Bezug auf eine spezifizierte Wissensbasis, die Erklärungs- und Handlungswissen bereitstellt, sowie durch fachliche Standards für ein angemessenes Verhalten sorgt. In dieser Begriffsbestimmung stellt der Wissenschaftsbezug ein wesentliches Element dar. Über ein entsprechendes Wissen und anerkannte fachliche Standards verfügen in der Regel nur Personen, die eine entsprechende Ausbildung absolviert und praktische Erfahrungen gesammelt haben (vgl. Kalkowski und Paul, 2015: 323).

Ein weiteres Begriffsverständnis von Profession beschränkt den Begriff auf einige wenige besondere Berufsgruppen, die über eine so hohe Autonomie verfügen, dass sie in Abwägung widersprüchlicher Ansprüche Entscheidungen für ihre Klienten treffen. Professionalität beschränkt sich hierbei nicht nur auf formalisierbares Wissen oder eine bestimmte Expertise, sondern beinhaltet darüber hinaus die Fähigkeit, unter Unsicherheit Entscheidungen zu treffen und diese in Hinblick auf die Verantwortung gegenüber den Klienten abzuwägen und zu reflektieren. Der Professionelle übernimmt damit in besonderem Maße Verantwortung, da auch riskante Entscheidungen getroffen werden müssen (vgl. Vogd, 2015: 63). In der öffentlichen Diskussion wird der Begriff der Professionalisierung meist mit dem der Akademisierung gleichgesetzt (vgl. Bollinger und Gerlach, 2015: 93).

Dabei bedeutet Akademisierung die berufliche Bildung zu verwissenschaftlichen und die beruflichen Bildungsprozesse an die Hochschulen zu verlagern (vgl. Bollinger und Gerlach, 2015: 98).

In der wissenschaftlichen Literatur wird unter Professionalisierung ein Prozess verstanden, der allgemein den Übergang von Tätigkeiten zu einer Arbeit, die überprüfbaren und einklagbaren Qualitätsstandards unterliegt, beschreibt (vgl. Mieg, 2005: 342). In ihr werden die Berufsausbildung und die Entwicklung der professionellen Wissensbasis systematisiert und institutionalisiert. Minimalvoraussetzungen einer Professionalisierung im Bereich der Gesundheitsberufe sind (vgl. Kalkowski und Paul, 2015: 324): - Wissenschaftsorientierung/systematischer Bezug zur Wissensbasis - Strukturierte Intervention - Verstehen der Lebenswelt des Klienten

Ausgehend von dem dargestellten Stand der Diskussion zum Begriff der Professionalisierung wird in der vorliegenden Arbeit unter Professionalisierung der Pflege in erster Linie die Akademisierung der Pflege verstanden. Diese kann zum einen ein Indiz für die Erreichung des Professionalitätsstadiums sein und zum anderen die Voraussetzungen für professionelles Handeln schaffen (vgl. Krampe, 2015: 155).

4.2 Professionalisierung des Arztberufes

Etwa zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert etablierte sich in Deutschland die Profession der Ärzte. Dies führte zu einer nahezu vollständigen Monopolisierung der Zuständigkeit der Ärzteprofession für die Heilung (Kuration) und einer Art Nadelöhrfunktion für andere therapeutische Berufe („Heilmittelprivileg“). Die Professionalisierung ging einher mit einem hohen Sozialprestige und einem, im Vergleich zu anderen Berufen, hohen Einkommen. Diese besondere Stellung der ärztlichen Profession wird insbesondere durch den medizinischen Fortschritt, wie z. B. die Akkumulation von Wissen über die Entstehung von Krankheiten, ihrer Diagnose und die Entdeckung und die kontinuierliche Verbesserung therapeutischer Arzneien und Verfahren, erklärt. Hierbei geht der medizinische Fortschritt im Wesentlichen auf die Verwissenschaftlichung der Medizin zurück (vgl. Bollinger und Gerlach, 2015: 89).

Bollinger und Gerlach (2015: 91ff) stellen die These auf, dass sich die Ärzteschaft in den letzten drei Jahrzehnten in einem Prozess der Deprofessionalisierung im Sinne einer „Entzauberung des Stands“ befindet und ein auslaufendes Erfolgsmodell darstellt (vgl. auch Krampe, 2015: 148f; Gabe, 2013). Als Belege hierfür nennen die Autoren u. a.:

- Zunehmende Verrechtlichung medizinischen Handelns.
- Zunehmende Kritik an der „Halb-Gott-in-Weiß“-Selbstinszenierung (z. B. Prozesse bei ärztlichen Kunstfehlern).
- Zunehmende Technisierung der Medizin.
- Zunehmende Ausrichtung des ärztlichen Handelns an ökonomischen Gesichtspunkten und eigener Profitmaximierung.
- Abnahme der asymmetrischen Arzt-Patient-Beziehung durch den „mündigen Patienten“ (z. B. Selbsthilfegruppen, Internetnutzung).
- Professionalisierung nicht ärztlicher Gesundheitsberufe.

Diese Entwicklungen setzt die Ärzteschaft zunehmend bürokratischen Zwängen und marktwirtschaftlichen Interessen aus und beschränkt die Autonomie des ärztlichen Handelns.

4.3 Professionalisierung des Pflegeberufes

Die Berufsentwicklung der Krankenpflege zeichnet sich durch inhaltliche Diffusität mit Ähnlichkeiten zur familienähnlichen Tätigkeiten von Frauen und Müttern aus. Weitere Kennzeichen des Pflegeberufes sind die Unterordnung unter die Medizin, die Geschlechtstypisierung als „Frauenberuf“ mit seiner Nachrangigkeit gegenüber einem als „männlich“ typisierten Beruf wie dem des akademischen Arztes sowie die Verinnerlichung eines diffusen Berufsverständnisses (vgl. Steppe, 1990).

Die strukturellen Veränderungen im Gesundheitswesen haben zu einer zunehmenden Akademisierung ehemals nicht akademischer Gesundheitsberufe geführt. Dabei wird die Intention verfolgt, diese Berufe in ihrer Fachlichkeit zu stärken und damit eine hochwertige Gesundheitsversorgung sicherzustellen (vgl. Hasseler, 2012: 13). Im internationalen Vergleich ist der Professionalisierungsgrad der Gesundheitsberufe in Deutschland bisher als gering anzusehen (vgl.Alscher, 2013: 43). Nach wie vor wird ein bedeutender Anteil der beruflichen Ausbildung im Bereich der Pflege an Schulen des Gesundheitswesens durchgeführt (vgl. Bonse-Rohmann, 2015: 167f).

Auf die Notwendigkeit einer Kompetenzerweiterung für Pflegeberufe und deren Vermittlung durch Hochschulen hat die Bundesregierung im sogenannten Pflege-Weiterentwicklungsgesetz (PfWG) hingewiesen. In Deutschland gibt es bereits über 50 Pflege-Studiengänge, jedoch sind patientennahe Handlungsfelder bislang kaum Gegenstand dieser Ausbildungsgänge (vgl. Görres, 2009: 2).

Im Bereich der Pflege führten der „Pflegenotstand“ am Ende der 1980er-Jahre und die damit einhergehenden Rekrutierungsprobleme von Pflegepersonal zu Versuchen, die Attraktivität der Pflegeberufe zu erhöhen. Dazu zählte u. a. die Wiederaufnahme der in der Vergangenheit mehrfach gescheiterten Akademisierung der Pflege (vgl. Bollinger und Gerlach, 2015: 93). Von besonderer Bedeutung für die Professionalisierung der Pflege war die 1992 erschienene Denkschrift der Robert Bosch Stiftung (1992), in der zum ersten Mal Hochrechnungen zum Bedarf an akademisch qualifizierten Pflegekräften für Lehr- und Leitungspositionen erfolgten. Auf dieser Datengrundlage wurde die Einrichtung von Pflegestudiengängen gefordert.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen fordert in seinem Gutachten, dass in die Ausbildung und Forschung im Bereich der Pflege deutlich mehr investiert werden muss (vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung und Entwicklung im Gesundheitswesen, 2007). In diesem Zusammenhang wird immer wieder die breitere und tiefergehende Akademisierung der Pflegeberufe diskutiert.

In den Empfehlungen des Wissenschaftsrats wird dazu angehalten, einen Teil des in den Aufgabenbereichen der Pflege tätigen Fachpersonals zukünftig akademisch auszubilden:

„Vor dem Hintergrund einer in vielen Bereichen der Gesundheitsversorgung zu beobachtenden Komplexitätszunahme, einer sich verändernden Arbeitsteilung und der zunehmenden Bedeutung interprofessioneller Zusammenarbeit hält es der Wissenschaftsrat für geboten, die mit besonders komplexen und verantwortungsvollen Aufgaben betrauten Angehörigen der Gesundheitsfachberufe zukünftig bevorzugt an Hochschulen auszubilden. […] Der Wissenschaftsrat empfiehlt daher den Aufbau von grundständigen Studiengängen mit dem Ziel eines zur unmittelbaren Tätigkeit am Patienten befähigenden pflege-, therapie- oder hebammenwissenschaftlichen Bachelor-Abschlusses. Dabei spricht sich der Wissenschaftsrat dafür aus, diese neue Studiengänge primärqualifizierend zu gestalten.“ (vgl. Wissenschaftsrat, 2012: 81f).

Dabei wird empfohlen, zukünftig zwischen 10 bis 20 % eines Ausbildungsjahrgangs in primärqualifizierenden Studiengängen auszubilden (vgl. Wissenschaftsrat, 2012: 85).

Die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Pflege wurde bis zur Novellierung des Krankenpflegegesetzes vom 16. Juli 2003 (BGBl, 2013) überwiegend von Medizinern und darüber hinaus von beruflich weitergebildeten nicht akademisch qualifizierten Pflegern erbracht. Die pflegerischen Lehrkräfte wurden erst in den vergangenen 10 bis 15 Jahren zunehmend, aber immer noch unvollständig durch Lehrkräfte ersetzt, die vorrangig an Fachhochschulen qualifiziert werden (vgl. Bonse-Rohmann, 2015: 167f).

Zur Zeit gibt es in Deutschland ca. 80 Pflege-bezogene Studiengänge (vgl. Bollinger und Gerlach, 2015: 94), jedoch sind patientennahe Handlungsfelder bislang kaum Gegenstand dieser Ausbildungsgänge (Görres, 2009: 2). Insgesamt ist die Studienlandschaft in der Pflege mehr als ein „bunter Mix“ als ein „in sich stimmiges Ganzen“ anzusehen und es fehlt ein Masterplan für die Gesamtentwicklung der Akademisierung der Pflege (vgl. Bollinger und Gerlach, 2015: 95).

Im Laufe des Akademisierungsprozesses in der Pflege entwickelten sich auf der einen Seite primärqualifizierende Studienangebote ohne vorherige abgeschlossene Ausbildung in einem Pflegeberuf und zweitens eine Primärqualifikation ergänzende und weiterbildende Studienangebote, die einen solchen Abschluss voraussetzten. Für beide Varianten gibt es eine Reihe von Vor- und Nachteilen. So ist z. B. der Einsatz von Absolventen grundständig primärqualifizierender Studiengänge in der direkten pflegerischen Versorgung aufgrund berufsrechtlicher Barrieren nur bedingt möglich. Auch in Pflegeverbänden wurde die Primärqualifizierung an Hochschulen lange Zeit kritisch gesehen. So war es z. B. lange Zeit nach Einrichtung der ersten Studiengänge nicht möglich, mit einem pflegerischen akademischen Abschluss in den größten Berufsverband für Pflegeberufe einzutreten, wenn nicht gleichzeitig auch ein entsprechender staatlich anerkannter Berufsabschluss vorlag (vgl. Bollinger und Gerlach, 2015: 94f).

Ende der Leseprobe aus 60 Seiten

Details

Titel
Interprofessionelle Zusammenarbeit von Pflegekraft und Arzt im Krankenhaus
Untertitel
Auswirkung der Professionalisierung des Pflegeberufes
Hochschule
Fliedner Fachhochschule Düsseldorf
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
60
Katalognummer
V458165
ISBN (eBook)
9783668875760
ISBN (Buch)
9783668875777
Sprache
Deutsch
Schlagworte
interprofessionelle, zusammenarbeit, pflegekraft, arzt, krankenhaus, auswirkung, professionalisierung, pflegeberufes
Arbeit zitieren
Cem Kisin (Autor), 2016, Interprofessionelle Zusammenarbeit von Pflegekraft und Arzt im Krankenhaus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458165

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