Wer sich neben der deutschen auch mit fremden Sprachen und ihren Orthographien, Transkriptionen und Transliterationen beschäftigt, stößt immer wieder auf interessante Zweifelsfälle und kreative Lösungen, etwa wenn man entdeckt, dass im Ungarischen, der Buchstabe <s> nicht – wie man es aus den allermeisten anderen Sprachen kennt – für den Laut [s] steht, sondern für [∫].
Diese Unterschiede in der Buchstaben-Laut-Zuordnung haben alle eine gemeinsame Ursache: Übernimmt ein Benutzer einer Sprache die Schrift einer anderen Sprache, wird er höchstwahrscheinlich vor dem Problem stehen, dass das Phoneminventar seiner Sprache ein anderes ist als das, für das die Schrift konzipiert wurde (das gilt auch für Sprachen im diachronen Wandel), ergo muss er sich was einfallen lassen, seine Texte gleichzeitig so eindeutig wie lesbar zu gestalten. Die Ergebnisse, zu denen die über Schrift verfügenden Sprachen gekommen sind, sind erstaunlich vielfältig und Zeugnisse jahrhundertelanger kreativer und normativer Spracharbeit.
Um diese Vielfalt herauszustellen, wird diese Arbeit früheste Texte nicht nur der deutschen, sondern auch der polnischen Sprache untersuchen. Die Frage ist, welche Lösungen die Schreiber für das Problem gefunden haben, die dem Lateinischen fremden Laute [v] bzw. [w] (je nachdem ob man von klassischem oder Mittellatein spricht) mit Hilfe des lateinischen Alphabets schriftlich zu fixieren. Da schon in lateinischen Texten <u> und <v> austauschbar waren und beide für /u/ wie auch für /v/ stehen konnten, muss auch /u/ in die Untersuchung miteinbezogen werden. Da das heutige deutsche <v> für /f/ wie auch für /v/ stehen kann, ergibt sich ebenfalls ein Interesse an der frühen Verschriftlichungsform des Phonems /f/. Darüber hinaus wird an den deutschen Quellen noch kurz auf weitere aufschlussreiche oder auch rätselhafte Besonderheiten eingegangen.
Als Quellen dienen in beiden Sprachen jeweils zwei zu den ältesten zählenden erhaltenen zusammenhängenden Texte: Das Hildebrandslied und das Wessobrunner Gebet für das Althochdeutsche (beide erste Hälfte des 9. Jh.) sowie die Predigten vom Heiligen Kreuz (Kazania Świętokrzyskie) für das Altpolnische (um 1300).
Der dreisprachige Florianer Psalter (lateinisch, polnisch, deutsch) zeigt zudem, ob einzelsprachlicher Graphie-Usus beim mittelalterlichen Schreiben eine Rolle spielten oder der Usus des Schreibers über die Schreibung entschied.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die graphische Ebene
3. Historisch-phonetische Grundlagen
3.1 Deutsch
3.1.1 Althochdeutsch
3.1.2 Mittelhochdeutsch
3.2 Altpolnisch
4. Quellenanalyse
4.1 Das Wessobrunner Gebet
4.1.1 Quellenbeschreibung
4.1.2 Graphemanalyse <u>, <uu>, <v>, <f>
4.1.3 Sonstige Beobachtungen
4.2 Das Hildebrandslied
4.2.1 Quellenbeschreibung
4.2.2 Graphemanalyse <u>, <uu>, <v>, <f>
4.2.3 Sonstige Beobachtungen
4.3 Die IV. Predigt vom Heiligen Kreuz
4.3.1 Quellenbeschreibung
4.3.2 Graphemanalyse <u>, <uu>, <v>, <f>
4.4 Der erste Psalm des Florianer Psalters
4.4.1 Quellenbeschreibung
4.4.2 Graphemanalyse <u>, <uu>, <v>, <f>
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Herausforderungen bei der Adaption des lateinischen Alphabets zur Verschriftlichung volkssprachlicher Laute im Deutschen und Polnischen des Mittelalters, wobei der Fokus auf der Graphematik der Phoneme /u/, /f/, /v/ und /w/ in ausgewählten frühen Textzeugnissen liegt.
- Vergleich von Graphem-Phonem-Zuordnungen im historischen Kontext
- Analyse von Lösungsstrategien für lautfremde Phoneme durch mittelalterliche Schreiber
- Untersuchung der graphemischen Varianz in Schlüsseltexten (Wessobrunner Gebet, Hildebrandslied, etc.)
- Evaluierung der Entwicklung hin zu normierteren Schreibsystemen
- Kontrastive Betrachtung deutscher und polnischer Schriftdenkmäler
Auszug aus dem Buch
4.1.2 Graphemanalyse <u>, <uu>, <v>, <f>
Der Schreiber ging anscheinend sehr sorgsam bei seiner Arbeit vor: Konsequent schreibt er <f> für /f/ (9 Mal) und für /v/ schreibt er <uu> (insgesamt 12 Mal). Die beiden Graphe sind dabei deutlich als zwei einzelne Buchstaben zu erkennen, eine Tendenz zur Ligatur ist nicht zu erkennen. Kommt <u> alleine vor, steht es für /u/ (5 Mal). Des Weiteren steht <u> auch als Teil der Diphthonge /au/ (3 Mal <au>) und /iu/ (einmal <iu>), ist damit also auch nur vokalisch zu lesen.
Es entstehen dadurch, dass die Handschrift kein Monographem (aus einem Zeichen bestehendes Graphem) für /v/ benutzt, oberflächliche Leseschwierigkeiten – zum Beispiel bei <uuiſtóm>, das fälschlicherweise als *uvistom oder *vuistom gelesen werden könnte. Dem zeitgenössischen Leser dürfte jedoch dürfte, noch mehr als uns heute, die wir uns dieses Wissen etymologisch und inhaltlich erschließen können, klar gewesen sein, dass es sich bei dem Wort um wistom ‘Weisheit’ handelt, umso mehr, da, wie gezeigt, <u> sonst nie konsonantisch gelesen wird.
<v> kommt überhaupt nicht vor. Womöglich ist dies eine bewusste Entscheidung des Schreibers, der ob der Austauschbarkeit von <u> und <v> sich für eine Variante entschieden hat.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Buchstaben-Laut-Zuordnung ein und motiviert die Untersuchung von frühen deutschen und polnischen Texten hinsichtlich ihrer graphemischen Lösungen für fremde Laute.
2. Die graphische Ebene: Dieses Kapitel definiert theoretische Grundlagen zur Graphematik, unterscheidet zwischen Graphem und Buchstabe und betont die Bedeutung der Untersuchung graphischer Zeichen für das Verständnis historischer Schriftdokumente.
3. Historisch-phonetische Grundlagen: Hier werden die lautlichen Annahmen für das Althochdeutsche, Mittelhochdeutsche und Altpolnische dargelegt, um eine Basis für die anschließende Analyse der Konsonantenphoneme zu schaffen.
4. Quellenanalyse: Dieses Kernkapitel führt eine detaillierte graphemische Untersuchung spezifischer Quellentexte durch, um die Verwendung der Zeichen <u>, <uu>, <v> und <f> in unterschiedlichen handschriftlichen Kontexten zu beleuchten.
5. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die beobachteten Strategien zur Anpassung des lateinischen Alphabets zusammen und reflektiert über die Vielfalt der Lösungen sowie die langsame Entwicklung hin zu normierten Schreibsystemen.
Schlüsselwörter
Graphematik, Lautwandel, Lateinisches Alphabet, Wessobrunner Gebet, Hildebrandslied, Florianer Psalter, Phonem-Graphem-Zuordnung, Althochdeutsch, Altpolnisch, Orthographie, Schreibsprache, Diakritika, Palatalisierung, Konsonantenphoneme, Mittelalterliche Schriftkultur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Schwierigkeiten, die mittelalterliche Schreiber hatten, als sie ihre jeweilige Volkssprache mit dem lateinischen Alphabet niederschreiben wollten, für das es keine direkten Entsprechungen für bestimmte Laute gab.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind die historische Graphematik, der Vergleich zwischen deutschen und polnischen Textzeugnissen sowie die Analyse von Graphem-Phonem-Zuordnungen, insbesondere bei den Phonemen /u/, /v/, /w/ und /f/.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, die kreativen Lösungen und unterschiedlichen Strategien der Schreiber aufzuzeigen, wie sie dem Lateinischen fremde Laute mit den zur Verfügung stehenden lateinischen Buchstaben schriftlich fixieren konnten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine kontrastive graphemische Analyse von Digitalisaten und Faksimiles historischer Handschriften durchgeführt, unterstützt durch den Vergleich mit einschlägigen Editionen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden vier spezifische Quellen (Wessobrunner Gebet, Hildebrandslied, IV. Predigt vom Heiligen Kreuz und der Florianer Psalter) einer detaillierten Analyse unterzogen, um die Verwendung verschiedener Grapheme zu prüfen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Graphematik, historischer Sprachwandel, Graphem-Phonem-Zuordnung, Orthographiegeschichte und die spezifischen untersuchten Texte des Mittelalters.
Was zeichnet das Wessobrunner Gebet in der Analyse aus?
Das Wessobrunner Gebet zeigt eine sehr konsequente und sorgsame Arbeitsweise des Schreibers, der für die unterschiedlichen Laute klare Graphem-Zuordnungen wählt, ohne dabei auf Austauschbarkeit zurückzugreifen.
Welche Bedeutung kommt dem Florianer Psalter zu?
Der Florianer Psalter wird als besonders interessant hervorgehoben, da er bereits Ansätze einer sprachenabhängigen Graphie zeigt und eine fortgeschrittenere, wenngleich nicht völlig einheitliche Normierung gegenüber älteren Texten aufweist.
- Citation du texte
- Marek Firlej (Auteur), 2014, Probleme bei der Übernahme des lateinischen Alphabets in andere Sprachen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458661