Schwierigkeiten im DaZ-Erwerb bei Lernenden mit Persisch als L1

Eine qualitative empirische Studie


Bachelorarbeit, 2017

73 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Motivation
1.2 Zielsetzung
1.3 Aufbau

2 Grundlagen des Persischen
2.1 Überblick
2.1.1 Historisch
2.1.2 Geographisch
2.3 Sprachliche Strukturen des Persischen
2.3.1 Alphabet und Schrift
2.3.2 Morphologie
2.3.3 Syntax

3 Empirische Befunde
3.1 Testaufbau
3.2 Ergebnisse und Auswertung
3.2.1 Morphologie
3.2.2 Syntax
3.3 Reflexion

4 Schluss
4.1 Zusammenfassung
4.2 Problematik
4.3 Fazit
4.4 Ausblick

5 Quellenverzeichnis

6 Anhang

Anhang 1: Testverfahren A

Anhang 2: Testverfahren B

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Persisch Sprecher in Asien

Abbildung 2 Auswertung der morphologischen Fehler

Abbildung 3: Auswertung der syntaktischen Fehler

Tabellenverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Motivation

Bereits 1803 veröffentlichte A. Seidel sein Werk Praktische Grammatik der Neupersischen Sprache für den Selbstunterricht; in dem er auf Deutsch das Persische untersuchte und erläuterte. Seidel war nicht der Einzige, der sich bereits Anfang des 19. Jahrhunderts mit der persischen Sprache und ihren Dichtern befasste. Die Begeisterung für die persische Literatur und deren Schriftsteller1 wie Rudagi, Firdausi, Nisami, Rumi, Saadi, Hafis oder Hatifi gab es bereits vor der Erscheinung von Goethes West-östlicher Divan im Jahr 1819. Goethe ließ sich von Hafis‘ Werken inspirieren, wodurch sich persische Literatur in Europa zusätzlich verbreitete (vgl. Seidel 1803, 2). Es ist festzustellen, dass Untersuchungen wie die Seidels über die sprachlichen Strukturen des Persischen aus dem frühen 20. Jahrhundert in Deutschland nicht existieren. Ob dies aufgrund der politischen Spannungen zwischen Deutschland und dem Iran und Afghanistan passierte, ist unklar. Innerhalb der letzten Jahre ist anhand von neuen Persisch Lehrwerken und Studiengängen über das Persische ein größeres Interesse festzustellen. Das steigende Interesse an der persischen Sprache und Literatur in Deutschland ist auf die steigende Anzahl der Persisch Sprecher seit 2013 zurück zu führen. Die gesamte Anzahl der in Deutschland lebenden Ausländer 2 aus Afghanistan und dem Iran im Jahr 2015 betrug 469.673 (Statistisches Bundesamt 2016, 39-41). Die in Deutschland geborenen Persisch sprechenden Kinder dieser Migranten sind innerhalb der Statistik nur teilweise erfasst, da davon auszugehen ist, dass die Mehrheit von ihnen einen deutschen Pass besitzt. Die neue Form des Interesses an der persischen Sprache entstand, nachdem 58.7803 anerkannte Asylbewerber aus Afghanistan und dem Iran zwischen 2013 und 2016 nach Deutschland kamen und blieben (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2015, 5). Das erhöhte nicht nur das Interesse an der Sprache und Literatur, sondern ebenfalls an Transferphänomenen innerhalb der Sprachdidaktik. Die Fremdsprachendidaktik, die im Unterricht von Deutsch als Zweitsprache (DaZ) und Deutsch als Fremdsprache (DaF) genutzt wird, setzt sich mit den Bezügen zur Erstsprache auseinander. Als Erstsprache gilt „die Sprache, die wir – meist im familiären Kontext – von Geburt an lernen“ (Ahrenholz 2014, 3). Die Erstsprache ermöglicht eine Emotionalität, die durch Zweit- oder andere Fremdsprachen selten erlangt werden kann. Sie wird umgangssprachlich als Muttersprache bezeichnet und im Folgenden mit L1 abgekürzt. Deutsch als Zweitsprache unterscheidet sich von Deutsch als Fremdsprache unter anderem in Bezug auf die Spracherwerbssituation, aber auch in der Funktion. DaZ kann als bilingualer Erstspracherwerb (Doppelspracherwerb), als früher Zweitspracherwerb von Kindern oder Zweitspracherwerb von Jugendlichen und Erwachsenen stattfinden. Deutsch wird als Zweitsprache erlernt, wenn ein direkter Bezug zur Alltagskommunikation vorliegt und es im Inland, d.h. in einem zielsprachigen Land erfolgt. Beim Erwerb von Deutsch als Fremdsprache erfolgt der Spracherwerb außerhalb des zielsprachigen Landes, e.g. im Iran an einem Goethe-Institut oder einer deutschen Schule. Zusätzlich haben Lernende mit DaF-Unterricht keinen direkten Sprachbezug in ihrem Alltag, sie wenden das Gelernte nicht direkt an (vgl. Rösch 2011, 11-16; Ahrenholz 2014, 7ff.). Persisch sprechende Migranten in Deutschland lernen Deutsch in Sprachkursen, der Schule oder ihrem direkten sozialen Umfeld. Daher erfolgt dieser Spracherwerb sowohl in der Situation, als auch der Funktion hauptsächlich als Zweit- und nicht als Fremdsprache 4. Die Fragestellung, inwieweit die Erstsprache Einfluss auf die Zielsprache nimmt, erlangte auch innerhalb von Schulen und ehrenamtlichen Deutschkursen mehr Aufmerksamkeit. Verschiedene Ausgangssprachen haben unterschiedliche Auswirkungen auf den Zweitspracherwerb (vgl. Ahrenholz 2014, 65). Die vorliegende Arbeit soll daher aufzeigen, welche spezifischen Fehler aufgrund der persischen Ausgangssprache von Lernenden gemacht werden und wo die größten Schwierigkeiten liegen. In der Fremdsprachendidaktik und deren Wissenschaft wurden Transferphänomene bereits seit Jahrzehnten diskutiert, um die didaktischen Methoden für Lernende zu optimieren. Transferphänomene werden insbesondere bei der Interferenztheorie untersucht, die besagt, dass morphosyntaktische Regeln aus der Ausgangssprache auf die Zielsprache angewandt werden. Laut Sprachwissenschaftler Henning Wode müssen Sprachen ausreichende Ähnlichkeiten zeigen, damit Transferphänomene möglich sind (vgl. Jeuk 2008, 34). Persisch gehört wie Deutsch zu der indoeuropäischen Sprachfamilie (vgl. Sadaghiani, 3). Ob Sprachähnlichkeiten aufgrund von Transferphänomen oder Sprachdifferenzen zu einer höheren Fehlerzahl führen, soll weiter untersucht werden. In der vorliegenden Arbeit werden daher nicht ausschließlich Schwierigkeiten aufgrund von Transferphänomenen untersucht. Sprachliche Phänomene im Deutschen, bei denen die Lernenden auf eine Leerstelle im Persischen stoßen, sollen ebenfalls berücksichtigt werden.

1.2 Zielsetzung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit Schwierigkeiten beim DaZ-Erwerb für Lernende mit Persisch als L1. Es werden ausschließlich Schwierigkeiten untersucht, die sich auf den schriftsprachlichen Deutscherwerb auswirken. Phonologie und Phonetik von Deutsch und Persisch werden deshalb nicht berücksichtigt. Stattdessen sollen die Schwierigkeiten in Morphologie und Syntax in den Fokus genommen werden. Um die morphologischen und syntaktischen Phänomene der beiden Sprachen nach ihren Differenzen in Kategorien einzuteilen, erfolgt ein Vergleich der beiden. Die größten Differenzen sind innerhalb der Morphologie zu verzeichnen, die wiederum in drei Kategorien eingeteilt werden können. Die Einteilung in verschiedenen Kategorien soll eine Aussage darüber ermöglichen, ob die höchste Fehlerzahl bei Phänomenen vorzufinden ist, die Lernende bereits aus ihrer Ausgangssprache kennen oder bei solchen Phänomenen, bei denen Lernende auf eine Leerstelle in ihrer Ausgangssprache treffen. Mithilfe eines erstellten Testverfahrens soll überprüft werden, bei welchen morphologischen und syntaktischen Phänomene Lernende mit Persisch als L1 die größten Schwierigkeiten und die höchste Fehlerzahl aufweisen.

1.3 Aufbau

Aufgeteilt ist die Arbeit in einen theoretischen und einen empirischen Teil. Zunächst werden die Historie des Persischen und die geographische Verteilung der Sprecher und Varietäten vorgestellt. Danach werden spezifische Unterschiede zwischen dem Persischen und dem Deutschen innerhalb des Alphabets, der Morphologie und der Syntax aufgezeigt. Die morphologischen und syntaktischen Phänomene werden in drei Kategorien eingeteilt. In der ersten Kategorie werden Phänomene untersucht, in denen der Lernende auf eine Leerstelle in seiner persischen Ausgangssprache trifft. Die zweite Kategorie umfasst Phänomene, bei denen der Lernende im Deutschen auf wesentlich komplexere Strukturen als im Persischen trifft, die Funktion des Phänomens jedoch bereits aus dem Persischen kennt. Die dritte Kategorie umfasst persische Phänomene, bei denen Lernende im Deutschen auf eine Leerstelle treffen. Anschließend werden zu erwartenden Fehler für DaZ-Lernende erläutert und mit den Ergebnissen des Sprachvergleichs begründet. Im weiteren Verlauf der Arbeit werden die eigens erstellten Testverfahren und die Probanden vorgestellt. Die Testpersonen sind zwischen 14 und 36 Jahre alt und stammen aus Afghanistan. Ihre Erstsprache ist Persisch, viele sind jedoch bilingual mit einer weiteren Stammessprache aufgewachsen. Alle Probanden sind als Asylbewerber nach Deutschland gekommen und lernen daher in ehrenamtlichen Sprachkursen und in offiziellen Integrationskursen die deutsche Sprache5. Ihre Aufenthaltsdauer in Deutschland variiert zwischen sechs Monaten und eineinhalb Jahren. Die Teilnahmedauer an einem Sprachkurs oder Schulunterricht variiert ebenfalls sehr stark. Manche Probanden nehmen noch nicht an einem Sprachkurs teil, andere besuchen seit einem Jahr eine deutsche Schule und haben so bereits über einen längeren Zeitraum Kontakt zum Deutschen. Aufgrund der verschiedenen Sprachniveaus der Probanden wurden zwei verschiedene Testverfahren erstellt, die an das Sprachniveau angepasst wurden. Die Testaufgaben orientieren sich an den untersuchten sprachlichen Phänomenen des Theorieteils. Mit verschiedenen Aufgaben werden so die morphologischen und syntaktischen Kompetenzen in der deutschen Sprache getestet. Zusätzlich können die Probanden mit einer Selbsteinschätzung angeben, welche sprachlichen Phänomene sie ohne Probleme lernen und welche ihnen besonders große Schwierigkeiten bereiten. Anschließend werden die Testergebnisse von Morphologie und Syntax vorgestellt, um sie danach auszuwerten. Diese werden ebenfalls mit der Selbsteinschätzung der Probanden vergleichen. Innerhalb der Auswertung wird sich auf die Fehlerzahl der einzelnen Kategorien des Sprachvergleichs konzentriert, die Fehlerzahl der einzelnen Probanden wird hier nicht vordergründig untersucht. In der Reflexion der Empirie werden die aufgestellten Fehlerhypothesen mit der empirischen Ergebnisauswertung überprüft. Im Schlussteil wird nach der Zusammenfassung der vorliegenden Arbeit auf die Problematik bei der Ergebnisauswertung gesondert eingegangen. Das Fazit dient der Einordnung der Ergebnisse in den pädagogischen Kontext. Hier soll beleuchtet werden, inwieweit die vorliegenden Ergebnisse über die Schwierigkeiten beim DaZ-Erwerb für Lernende mit Persisch als L1 im Unterricht genutzt werden können. Im abschließenden Ausblick wird aufgezeigt, welche Bereiche, die in der Problematik bereits erläutert wurden, als Grundlage weiterer Arbeiten dienen können.

2 Grundlagen des Persischen

Das folgende Kapitel dient der Vermittlung von Grundwissen über die persische Sprache. Zunächst soll ein kurzer Überblick über die Grundlagen des Persischen gegeben werden, um dann die historische Entwicklung und geographische Verteilung des Persischen zu betrachten.

2.1 Überblick

Persisch ist eine plurizentrische Sprache und hat mehrere Bezeichnungen wie Fārsi, Dari, Fārsi-e Dari und Tāǧiki 6. Die Standardvarietäten des Neupersischen im Iran und Afghanistan sind Fārs i und Dari. Tāǧiki ist die Standardvarietät, die in Tadschikistan gesprochen wird (vgl. Sadaghiani, 3). Verschiedene Autoren behaupten, Dari und Farsi seien zwei unterschiedliche Sprachen. Allerdings sind sie lediglich zwei verschiedene Standardvarietäten des Persischen und deshalb der gleichen Sprache zuzuordnen. Die Standardvarietäten beinhalten jeweils unterschiedliche Dialekte, die sich hauptsächlich in Wortschatz und Aussprache unterscheiden. Im Iran bildet der Teheraner Dialekt den Standard, während Kaboli, der Kabuler Dialekt, in Afghanistan den Standard bildet (vgl. Windfuhr 2008). Die hohe Anzahl der Dialekte ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass kurze Vokale nicht verschriftlicht werden. Insgesamt ist festzuhalten, dass als allgemeine Bezeichnung für die persische Sprache im Iran, Afghanistan und anderen Ländern der Begriff ‚Farsi‘ verwendet wird. Der Begriff ‚Dari‘ wird nur in Abgrenzung an das im Iran gesprochene Persisch genutzt. Innerhalb dieser Arbeit wird axiomatisch der Begriff ‚Persisch‘ synonym für die Standardvarietäten Dari und Farsi verwendet, deren Differenzen nicht weiter untersucht werden. Persisch gehört wie Deutsch zu der indoeuropäischen Sprachfamilie, ist allerdings dem iranischen Zweig zugehörig. Dass sich das Deutsche und das Persische ähneln, lässt sich bereits anhand vieler ähnlicher Wörter wie Name (nam), Mutter (madar), Tochter (daxtan) feststellen (vgl. Sadaghiani, 3ff.). Weitere Gemeinsamkeiten bezüglich Alphabet, Morphologie und Syntax werden in Kapitel 2.2 untersucht und vorgestellt.

2.1.1 Historisch

Im Folgenden wird die historische Entwicklung des Persischen beschrieben. Persisch ist die einzige iranische Sprache, die bereits seit zweieinhalb Jahrtausenden dokumentiert ist. Innerhalb der zweitausend Jahre entwickelte und veränderte sich die Sprache stark. Das Neupersische, das in dieser Arbeit untersucht wird, entstand ab dem 8. Jahrhundert n. Chr. nach der Islamisierung durch die Araber in Zentralasien. Ab diesem Zeitpunkt wurden das arabische Alphabet und viele arabische Wörter übernommen. Persisch verlor unter der arabischen Einflussnahme morphologische Phänomene wie das Genus (vgl. Windfuhr, 2008 445f.). Zusätzlich änderte sich die Bezeichnung des Persischen von Parsi zu Farsi, weil das arabische Alphabet kein /p/ beinhaltet und stattdessen /f/ verwendet. Eine Besonderheit des Persischen ist die Behauptung gegen die arabische Übernahme, wodurch Neupersisch Sprecher über tausend Jahre alte Texte verstehen können (vgl. Sadaghiani, 3). Neupersisch fungierte ab dem 10. Jahrhundert n. Chr. in großen Teilen West-, Süd- und Zentralasiens entlang der Seidenstraße bis nach China als lingua franca und hatte so Einfluss bei der Entwicklung anderer Sprachen im asiatischen Raum. Teheran gilt seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Zentrum der persischen Sprache. Hier entstand das heutige moderne Neupersisch des Iran. Auch im 19. Jahrhundert vereinfachte sich das Persische progressiv aufgrund des immer stärker werdenden europäischen Einflusses in Politik, Ökonomie und Wirtschaft. Zur gleichen Zeit entwickelte sich eine eigene literarische Sprache in Tadschikistan unter russischer und sowjetischer Herrschaft. Dieses Persisch basierte auf lokalen Dialekten und wurde in kyrillischer Schrift geschrieben, heute wird jedoch wieder das persische Alphabet verwendet (vgl. Windfuhr 2008, 447f.).

2.1.2 Geographisch

Die Persisch Sprecher sind in zwei Gruppen aufgeteilt. Die erste Gruppe lebt in Ländern mit Persisch als Amtssprache, wie in Abbildung 1 in Rot erkenntlich. Dies gilt für den Iran, Afghanistan und Tadschikistan mit den jeweiligen Standardvarietäten Farsi, Dari und Tāǧiki, in Abbildung 1 in Gelb markiert (vgl. Windfuhr 2008, 445). Die zweite Gruppe spricht Persisch als Minderheitensprache in einem Land mit anderer Amtssprache. Diese zweite Gruppe lebt in Usbekistan, Kasachstan, Kirgisien, Turkmenistan, Russland, Pakistan und China (gelb). Persisch sprechende Emigranten in Nordamerika, Israel und Bahrain werden aufgrund der Emigration nicht in der Abbildung 1 berücksichtigt (vgl. Sadaghiani, 3). Es lassen sich unterschiedliche Angaben über die Anzahl der Persisch Sprechenden weltweit finden, weil Sprecher häufig bi- oder multilingual aufwachsen. Windfuhr (2008, 446) nennt innerhalb der erste Gruppe 42 Millionen Persisch Sprecher mit Persisch als L1 im Iran (70 Millionen Einwohner), in Afghanistan 15,5 Millionen (31 Millionen Einwohner) und in Tadschikistan 6 Millionen (7,5 Millionen Einwohner). Andere Autoren begrenzen die Anzahl der Erstsprachensprecher nicht ausschließlich auf Tadschikistan, sondern beziehen die zweite Gruppe mit 17 Millionen Minderheitensprechern in Zentralasien mit ein (vgl. Sadaghiani, 3f.). Die Untersuchungen beziehen sich ausschließlich auf Sprecher mit Persisch als Erst- oder Zweitsprache. Um die Gesamtzahl der Persisch Sprecher zu betrachten, müssen die 60 Millionen Persisch sprechenden Emigranten und Fremdsprachensprecher in Statistiken Beachtung finden, die vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika, Israel, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Deutschland leben (vgl. ebd., 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Persisch Sprecher in Asien (rot: Persisch als Amtssprache; gelb: Persisch als Minderheitensprache) (angelehnt an: http://www.asien.net/wp-content/uploads/2013/12/asien-laender.jpg)

2.3 Sprachliche Strukturen des Persischen

Im folgenden Kapitel werden die Unterschiede zwischen Deutsch und Persisch aufgezeigt und erläutert. Alphabet und Schriftsystem der persischen Sprache werden erklärt, hierbei werden die Unterschiede zum Deutschen ohne ausführliche Analyse skizziert. Anschließend werden Morphologie und Syntax der beiden Sprachen verglichen und Hypothesen über die zu erwartenden Schwierigkeiten für DaZ-Lernende aufgestellt.

2.3.1 Alphabet und Schrift

Schreibung und Lautung des Persischen entwickelten sich in über zweitausend Jahren stark unabhängig voneinander. Dadurch wurde Persisch zu einer Sprache mit zwei Formen, der gesprochenen und der geschriebenen Form (Majidi 2000, 81). Erstere wird als direktes Kommunikationsmedium genutzt. In folgender Arbeit wird die geschriebene Form untersucht, weshalb auf die persische Phonologie und Phonetik nicht eingegangen wird. Die Schrift verläuft linksläufig. Alle Konsonanten des Lautsystems werden verschriftlicht. Im Gegensatz zum Deutschen wird nicht zwischen Groß- und Kleinschreibung unterschieden (vgl. Duden 2009, 85) Zusätzlich erfolgt im Persischen keine Silbentrennung (vgl. Majidi 2000, 83). Wie bereits zu Beginn thematisiert, veränderten sich das Persische und seine Schrift innerhalb der letzten Jahrhunderte. Das Altpersische wurde in der Keilschrift Pehlevi geschrieben. Das arabische Schriftsystem wurde nach der Islamisierung während der Entwicklung des Neupersischen übernommen. Seitdem verfügt Persisch über einen fast 50%igen Anteil arabischer Wörter. Insgesamt beinhaltet das persische Alphabet somit 32 Buchstaben7 und diakritische Zeichen (vgl. ebd., 83f). Diese werden in Tabelle 1 dargestellt. Die Tabelle zeigt den Namen des Buchstabens, seine isolierte Schreibweise und die Schreibweise innerhalb eines Wortes. Die verschiedenen Grapheme werden mit dem anliegenden Graphem verbunden. Das bedeutet, dass die Schreibweise eines Buchstabens von seiner Stellung innerhalb des Wortes abhängig ist. Steht ein Buchstabe zu Beginn, wird er häufig anderes geschrieben, als am Ende oder in der Mitte eines Wortes. Zusätzlich zeigt die Tabelle die isolierte Schreibweise des Buchstabens und seine Transkription nach den Richtlinien der DMG.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 Buchstaben im persischen Schriftsystem (angelehnt an: Saleman/Shukosvki 1889, 4f.)

Für bestimmte persische Laute beinhalten die 28 Buchstaben des übernommenen arabischen Alphabets kein Graphem, weshalb das persische Alphabet um folgende vier Grapheme ergänzt wurde:

1. Pâ <پ>
2. Tschîm <ﭺ>
3. Shâ <ژ>
4. Gâf <گ>

Die sechs Grapheme <Thâ> (ﺙ), <Ssâd> (ﺹ), <Sâd> (ﺽ), <Tâ> (ﻁ), <Sâ> (ﻅ) und <Qâf> (ﻕ) werden nur in arabischen Wörtern verwendet und geben so Auskunft über die Herkunft eines Wortes (ebd. 1889, 3ff.). Das Persische beinhaltet insgesamt sechs Vokale: drei kurze und drei lange. Die kurzen Vokale /a/, /e/ und /o/ werden innerhalb eines Wortes nicht verschriftlicht, nur das kurze /o/ wird in manchen Wörtern mit dem Buchstaben Waw <و> dargestellt. Zu Beginn eines Wortes werden jedoch auch die kurzen Vokale mithilfe des Buchstabens Alef <ا> dargestellt, dem die Funktion einer Stütze bzw. eines Trägers zukommt. Die Phoneme /ā/, /ū/ und /ī/ sind die langen Vokale im Persischen. Der lange Vokal / ā/ wird als < ā ا>dargestellt. Die langen Vokale /ū/ und /ī/ werden mit <و> (Waw) und <ﻯ > (Jâ) verschriftlicht und haben eine zusätzliche konsonantische Funktion als / w / und / y / (vgl. Asbaghi 2010, 61). Neben den vier zusätzlichen Graphemen setzt sich das persische Alphabet von dem arabischen in einer weiteren Eigenschaft ab. Einige Grapheme haben dieselbe Aussprache, weshalb im Persischen keine 1:1 Graphem-Phonem-Korrespondenz wie im Deutschen vorliegt. Wie bereits zu Beginn festgestellt, unterscheiden sich sowohl Alphabet als auch Schriftbild im Persischen und Deutschen. Beim DaZ-Erwerb für Lerner ohne Fremdsprachenkenntnisse einer rechtsläufigen Schrift sind aufgrund der linksläufigen persischen Schrift starke Schwierigkeiten beim Erlernen des rechtsläufigen Schriftbilds zu erwarten. Beherrscht ein Persisch Sprecher bereits die lateinische Schrift, muss er lediglich die Umlaute /ä/, /ö/, /ü/ des deutschen Alphabets erlernen. Verfügt der Lernende nicht über Kenntnisse der lateinischen Schrift, muss er zunächst in dieser alphabetisiert werden. In Anbetracht der Tatsache, dass das deutsche Alphabet zwischen Groß- und Kleinschreibung, nicht jedoch zwischen der Stellung der Buchstaben innerhalb eines Wortes unterscheidet, ist eine schnelle Alphabetisierung eines Lerners zu erwarten. Weil das persische Alphabet nicht über einen äquivalenten Buchstaben für jeden deutschen Buchstaben verfügt, muss der Persisch Sprecher deutsche Phoneme wie /c/ oder /x/ neu erlernen. Es ist zu erwarten, dass Zweitschriftlerner häufiger einzelne Buchstaben verwechseln oder aufgrund der persischen linksläufigen Schrift die Reihenfolge innerhalb eines Wortes vertauschen (Majidi 2000, 81f.).

2.3.2 Morphologie

Wie bereits in der Einleitung begründet, konzentriert sich die Untersuchung auf die morphologischen und syntaktischen Phänomene der beiden Sprachen, weil hier die größten Unterschiede zu verorten sind. Im folgenden Abschnitt werden spezifische morphologische Phänomene untersucht. Anschließend werden Fehlerhypothesen auf Grundlage der Sprachdifferenzen aufgestellt. Ob diese Prognosen empirisch belegbar sind, wird mit den Testverfahren in Kapitel 3.2 tiefergehend untersucht. Die große Differenz innerhalb der Morphologie lässt eine erhöhte Fehlerzahl im morphologischen Bereich vermuten. Um eine Prognose über die Qualität der Fehler zu ermöglichen, erfolgt eine Einteilung der persischen morphologischen Phänomene in drei Kategorien. In diesen Kategorien werden Relativpronomen, Possessivpronomen, bestimmte und unbestimmte Artikel, Genus, Pluralbildung, Kasus und Ezāfe-Verbindung untersucht. Innerhalb der ersten Kategorie stehen Phänomene, die Lernende für den Deutscherwerb benötigen, aber in ihrer Ausgangssprache auf eine Leerstelle stoßen. Hierzu zählen bestimme Artikel und Relativpronomen. Weist die Zielsprache komplexere Regeln als die Ausgangssprache bezüglich eines bestimmten Phänomens auf, fällt dieses in die zweite Kategorie. Dazu gehören Kasus, unbestimmte Artikel, Possessivpronomen und Plural. Die dritte Kategorie beinhaltet Phänomene im Persischen, die das Deutsche nicht nutzt. Das sind die persische Ezāfe-Verbindung und der Kasus Ablativ. Einerseits sind keine Auswirkungen beim Deutscherwerb aufgrund der dritten Kategorie zu erwarten, weil diese Phänomene im Deutschen nicht existieren. Andererseits nutzt das Persische die Ezāfe-Verbindung für so viele morphologische Phänomene, dass sie im Gegensatz zum Ablativ beschrieben werden muss. Die aufgestellten Hypothesen über die möglichen Fehler beim Deutscherwerb werden auf Grundlage der folgenden Ergebnisse erstellt.

Erste Kategorie

Zu den morphologischen Phänomenen der ersten Kategorie gehören wie bereits genannt die bestimmten Artikel inklusive Genus und die Relativpronomen. Im Deutschen bestimmen die bestimmten Artikel ‚der/die/das‘ ein Substantiv (vgl. Duden 2009, 291). Das Persische verfügt über keine bestimmten Artikel (vgl. Seidel 1803, 15; Amin-Madani/Lutz 1972, 40). Ein Nomen ist im Persischen bestimmt, wenn ihm die begleitenden Demonstrativpronomen in (1) oder ān (2) vorhergehen (vgl. Amin-Madani/Lutz 1972, 40; Adli 2014, 188).

(1) in mard (dieser Mann, der Mann da)
(2) ān zan (jene Frau, die Frau dort)

Die Bestimmtheit eines Nomens kann zusätzlich mit dem Suffix - e markiert werden (3). Steht ein Nomen in einem possessiven Bezug, schließt das Possessivpronomen die Unbestimmtheit des Nomens obligatorisch aus und definiert es somit als bestimmtes Nomen (4) (vgl. Amin-Madani/Lutz 1972, 47). Die Markierung der Bestimmtheit ist nur für Objekte möglich, weshalb die beschriebenen Suffixe als Objektmarker bezeichnet werden (vgl. Adli 2014, 188).

(3) marde (der Mann, ein bestimmter)
(4) ketāb-man (mein Buch)

Eine Unterscheidung von Substantiven nach Genus gibt es im Persischen nicht. Das Geschlecht des Nomens ist unbedeutend. Bei Tieren zeigen zusätzliche Lexeme die Unterscheidung zwischen männlich und weiblich auf. Mit den Lexemen nar und māde kann ein Tier als männlich oder weiblich bestimmt werden (1-2).

(1) šire-nar (Löwe) und šire-māde (Löwin),
(2) sage-nar (Rüde) und sage-māde (Hündin) (vgl. Amin-Madani/Lutz 1972, 40) .

Obwohl das Geschlecht in der persischen Sprache keine Bedeutung trägt, können bestimme Personenbezeichnungen aufgrund ihrer Semantik als Maskulina oder Feminina bestimmt werden (3-7).

(3) mard (Mann) und zan (Frau, Dame)
(4) āqā (Herr) und xānom (Frau, Fräulein)
(5) pesar (Sohn, Junge) und doxtar (Tochter, Mädchen)
(6) pedar (Vater) und mādar (Mutter)
(7) amu (Onkel von Seiten des Vaters) und dāyi (Onkel von Seiten der Mutter)

[Herv. durch d. Verf.] (vgl. ebd., 40).

Obwohl bei Personen und Tieren zwischen männlich und weiblich unterschieden werden kann, gibt es kein grammatisches Geschlecht im Persischen (vgl. Seidel 1803, 15). Das fehlende Genus spiegelt sich nicht nur bei den fehlenden bestimmten Artikeln wieder, sondern infolgedessen auch bei den Relativpronomen. Die deutsche Sprache beinhaltet die Relativpronomen „‚der, die, das‘; ‚welcher, welche, welches‘; ‚wer, was‘, das relative Artikelwort ‚welcher, welche, welches‘ das einfache relative Pro-Adverb ‚wo, wie‘, das relative Präpositionaladverb ‚womit, woran, wodurch, worüber‘ und die Relativpartikel ‚je, so, wie, als‘“ (Duden 2009, 1030). Während die Relative ‚wer/was‘ in freien Relativsätzen genutzt werden und deren Bezugswort nicht im Satz genannt werden muss, beziehen sich die Relativpronomen ‚der/die/das‘ auf ein genanntes Substantiv. Das Relativ ‚welcher‘ kann in der Funktion eines Relativpronomens stehen und sich auf das Substantiv beziehen (1). Zusätzlich kann ‚welcher‘ die Funktion eines Relativs übernehmen, dessen Bezugswort im nachfolgenden Satz hinzuzudenken ist (2).

(1) Das ist der Freund, welcher gestern Geburtstag hatte.
(2) Die Freundin sagt, ihre Tochter sei krank, welchen Eindruck ich bestätige.

Das Persische verfügt über keine Relativpronomen, sondern lediglich über flexionslose Relativpartikel. Diese Relativpartikel sind relative Ausrücke mit der Funktion eines Pronomens (3-7).

(3) ânče (derjenige, der oder diejenige, die)
(4) hamânče (dasselbe, das)
(5) har (jede/jeder)
(6) har-ân-ke (wer)
(7) har-ân-če (was) (vgl. Rohschürmann 2008, 24; Lazard 1992, 123f).

Nach Amin-Madani und Lutz (1972, 174ff) entspricht die Funktion der unveränderlichen Partikel ke im Persischen der Funktion der deutschen Relativpronomen und wird am häufigsten in Relativsätzen gebraucht. Zusätzlich kann auch ce die Funktion eines Relativpronomens übernehmen. Ce ist mit dem deutschen Relativ ‚was‘ zu vergleichen. Dieses Relativpartikel bezieht sich nicht auf Personen, sondern Dinge wie ‚Geld‘ (8).

(8) „ har ce pul dāštam, xarj kardam. (Was ich an Geld hatte (soviel Geld ich hatte), gab ich aus.)“ [sic!] (ebd., 175).

Trotz der fehlenden Relativpronomina ist im Persischen eine Relativsatzbildung möglich. Die Relativsatzbildung wird in der syntaktischen Untersuchung ausführlich erläutert.

Zweite Kategorie

Morphologische Phänomene, die in beiden Sprachen genutzt werden, gehören der zweiten Kategorie an. Innerhalb dieser Arbeit sollen ausschließlich solche untersucht werden, die in der Zielsprache Deutsch komplexere Strukturen als im Persischen aufweisen. Im Folgenden werden Kasus, unbestimmte Artikel, Possessivpronomen und Pluralbildung im Persischen und Deutschen vergleichend untersucht. Diese vier Phänomene kennt der Lernende bereits aus seiner Ausgangssprache. Die Kasus sind der zweiten Kategorie zuzuordnen. Sie werden im Persischen wie im Deutschen verwendet, allerdings verändert sich bei Genitiv und Dativ weder Artikel, noch Objekt. Zusätzlich verfügt Persisch über kein Genitivobjekt. Somit wir der erst beim Deutscherwerb vermittelt, wie ein Substantiv vom Kasus dekliniert oder ein Genitivobjekt gebildet wird. Die Kasus haben in beiden Sprachen die Funktion, Beziehungen innerhalb eines Satzes darzulegen und zu verdeutlichen. Im Deutschen stehen Sätze im Nominativ, Genitiv, Dativ oder Akkusativ. Spezifische Endungen werden Kasusmarker genannt und können Hinweis darauf geben, in welchem Kasus ein Satz steht. Als normale Form gilt der Nominativ (vgl. Duden 2009, 806f). Die deutsche Kasusflexion ist von Numerus und Genus abhängig. Kasusmarker sind verschiedene Suffixe wie ‚-(e)n‘, ‚-e‘ oder auch ‚-(e)s‘, die dem Substantiv angehängt werden und zeigen auf, welcher Kasus vorliegt. Da nicht jeder Kasus einen bestimmten obligatorischen Objektmarker fordert, ist ein Objektmarker kein ausreichendes Kriterium bei der Bestimmung. Auffällig ist, dass nicht nur die Substantive den Kasus angepasst werden, sondern auch die Artikel. Im Nominativ bleibt der Artikel unverändert, im Dativ wird der bestimmte Artikel ‚der‘ zu ‚dem‘. Im Genitiv dagegen von ‚die‘ und ‚der‘ zu ‚der‘ und ‚des‘ an. Statt ‚die Mutter‘ wird im Genitiv ‚der Mutter geschrieben (1), statt ‚der Vater‘ steht ‚des Vaters‘ (2):

(1) ‚der Brief der Mutter‘
(2) ‚der Brief des Vaters‘.

Bestimmte und unbestimmte Artikel werden an den Kasus angepasst. Auf die einzelnen Regeln soll an dieser Stelle nur hingewiesen werden. Für die folgende Untersuchung sind die verschiedenen Regeln nicht von Bedeutung, sondern die Tatsache, dass sich der Artikel eines Substantivs ändert und ein Suffix als Objektmarker hinzutritt (vgl. ebd., 805ff). Während das Deutsche vier Kasus verwendet, kann das Persische auf einen zusätzlichen, den Ablativ, verweisen8. Dieser tritt in vielen Sprachen der indoeuropäischen und indogermanischen Familie auf und wird als indirekter Fall bezeichnet. Er wird verwendet, um eine Trennung auszudrücken. Ein Satz im Persischen steht im Normalfall ebenso im Nominativ (3).

(3) „ šāgerdān be madrese miravand. (Die Schüler gehen in die Schule.)“ (Amin-M­adani/Lutz 1972, 52).

Das Nomen šāgerdān (die Schüler) wird nicht in Bezug auf den Kasus flektiert und steht hinter der Präposition. Präpositionen wie be (zu), barāye- (für) oder az (von) leiten einen Satz im Dativ ein. Das Dativobjekt steht immer hinter dem Akkusativobjekt (4).

(4) „ minu pulrā be gedā dād. (Minu gab dem Bettler das Geld.)“ (ebd., 52).

Hier steht das Dativobjekt gedā (dem Bettler) hinter dem Akkusativobjekt pulrā (das Geld). Die Präposition be (zu) leitet den Dativ ein und das Verb dād (gab) steht an letzter Stelle des Satzes. Ist ein Akkusativobjekt unbestimmt, wie pul (Geld), steht es hinter dem Dativobjekt gedā (dem Bettler) (5).

(5) „ homā be gedā pul dād. (Homa gab dem Bettler Geld.)“ (ebd., 52).

Weitere Regeln zum persischen Satzbau werden in der syntaktischen Untersuchung vorgestellt. Asbaghi (2010, 26) bestätigt die Aussage von Amin-Madani und Lutz (1972, 54f.), dass der Genitiv im Persischen nicht mit dem im Deutschen gleichzusetzen ist. Im Persischen gibt es keine Possessivpronomen, die mit den deutschen gleichzusetzen sind. Ein Besitzverhältnis kann mit einem zusammengesetzten Possessivum ausgedrückt werden (6).

(6) „in otomobile-pezešk ast. (Das ist das Auto des Arztes.)“ (ebd., 54)

Das Zusammenfügen von Besitz und Besitzendem bildet eine Konstruktion, die ansatzweise mit dem deutschen Genitivobjekt verglichen werden kann. In (6) ist dies otomobile-pezešk (wörtlich: Auto-von-Arzt). Diese Zusammensetzung ähnelt der Possessivbildung, wie sich bei der Untersuchung der Possessivpronomen zeigen wird. Während sich der Genitiv der beiden Sprachen stark unterscheidet, sind Ähnlichkeiten bei der Verwendung des Akkusativs festzustellen. Die Akkusativpartikel - für das bestimmte Akkusativobjekt ist die einzige Kasusflexion innerhalb des Persischen und weist die gleiche Funktion wie die bereits beschriebenen Objektmarker im Deutschen auf. Wird ein bestimmtes direktes Objekt hervorgehoben, wird an das Objekt die Akkusativpartikel - angehängt. So wird aus dem Objekt sīb (Apfel) das hervorgehobene Objekt sīb-r ā (dieser Apfel) (7).

(7) „ man sīb-r ā xordam. (Ich habe diesen Apfel gegessen.)
(8) man sībhā-rā xordam. (Ich habe die Äpfel gegessen.)“ (Asbaghi 2010, 32)

Steht das Akkusativobjekt im Plural, wird die Akkusativpartikel erst nach der Pluralendung - angehängt (8). Sīb-rā (dieser Apfel) ist die Singularform (7), sībhā-rā (diese Äpfel) die Pluralform (8) (vgl. Amin-Madani/Lutz 1972, 52). Die unbestimmten Artikel gehören im Gegensatz zu den bestimmten Artikeln der zweiten morphologischen Kategorie an. Im Persischen kann ein Nomen als unbestimmt markiert werden, jedoch nicht mit unbestimmten Artikeln wie im Deutschen. Die unbestimmten Artikel ‚ein/eine‘ stehen im Deutschen nur im Singular. Im Plural wird auf unbestimmte Artikel verzichtet (vgl. Duden 2009, 330). Das Persische nutzt unterschiedliche Möglichkeiten, um ein Nomen als unbestimmt zu kennzeichnen. Laut Amin-Madani und Lutz (1972, 40f) kann hierfür das Zahlwort yak (eins) genutzt werden. Zusätzlich gibt das Suffix - i einen Hinweis auf die Unbestimmtheit eines Nomens, e.g. aspi (ein Pferd, irgendein Pferd) (vgl. Seidel 1803, 15; Adli 2014, 188). Das Zahlwort yak (eins) wird unverändert vor das Nomen gesetzt. Eine Deklination ist im Persischen nicht nötig, weil es nicht über ein Genus verfügt. Im Deutschen gibt es verschiedene possessive Artikel und Possessivpronomen. Diese werden nach Genus, Numerus und Kasus flektiert (1,2).

(1) Das ist das Auto von Sabine. Das ist ihr Auto.
(2) Das sind die Autos von Sabine. Das sind ihre Autos.

[...]


1 Soweit im Folgenden Personen- und Gruppenbezeichnungen Verwendung finden, so ist auch stets die jeweils weibliche Form gemeint.

2 Als Ausländer gelten Migranten ohne deutsche Staatsangehörigkeit.

3 Die Anzahl der Asylbewerber sind in der Anzahl der Ausländer des statistischen Bundesamtes nur bis zum Jahr 2015 erfasst.

4 Weil die Unterscheidung zwischen DaZ und DaF in dieser Arbeit keine Auswirkungen auf die Ergebnisse hat, wird im Folgenden der Begriff ‚DaZ‘ als Synonym für beide Bezeichnungen verwendet.

5 Der Unterschied zwischen verschiedenen Sprachkursen wird im späteren Verlauf weiter erläutert.

6 In folgender Arbeit wird mit der Transkription der Persischen Schrift gearbeitet, damit Begriffe und Beispiele für Leser ohne Persischkenntnisse verständlich sind. Da es weltweit keine einheitliche Transkription des gesamten persischen Alphabets gibt, wird nach der Umschrift der DMG transkribiert (Deutsche Morgenländische Gesellschaft).

7 Als Buchstabe wird hier die Realisation des Graphems bezeichnet, welches wiederum die Wiedergabe eines Phonems innerhalb des persischen Schriftsystems darstellt (Majidi 2000, 81).

8 Der Ablativ im Persischen hat für die Bezugsgruppe beim DaZ-Erwerb keine Funktion und wird deshalb nur benannt.

Ende der Leseprobe aus 73 Seiten

Details

Titel
Schwierigkeiten im DaZ-Erwerb bei Lernenden mit Persisch als L1
Untertitel
Eine qualitative empirische Studie
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Germanistik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
73
Katalognummer
V458719
ISBN (eBook)
9783668893207
ISBN (Buch)
9783668893214
Sprache
Deutsch
Schlagworte
DaZ, Persisch, DaF, Sprachwissenschaft, Vergleichende Sprachwissenschaft, Morphologie, Syntax, Farsi, Phonologie, Dari, Germanistik, Deutsch als Zweitsprache, Deutsch als Fremdsprache, Schwierigkeiten beim DaZ-Erwerb, Erstsprache, L1, L2
Arbeit zitieren
Klara Ventz (Autor), 2017, Schwierigkeiten im DaZ-Erwerb bei Lernenden mit Persisch als L1, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458719

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