Die Beschreibung der Gewalt in Homers "Ilias" und Analyse von Achills Charakter und seiner Rolle im Werk


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
18 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung.

2. Gewalt in der Antike im Vergleich zur heutigen Gewalt

3. Gewalt in Homers „Ilias“.

4. Achills Charakter und Darstellung in der „Ilias“.

5. Zweikampf Achills und Hektors im 22. Gesang.

6. Schlusswort

Quellen- und Literaturverzeichnis.

1. Einleitung

Μήνιν άειδε, θεά, Πηληΐάδεω Άχιλήος
ούλομένην, ή μυρί' Άχαιοϊς άλγε' έθηκε,
πολλάς δ' ΐφθίμους ψυχάς "Αιδι προίαψεν
ήρώων, αυτούς δέ έλώρια τεϋχε κύνεσσιν
οίωνοΐσΐ τε δαϊτα, Διός δ' έτελείετο βουλή,
έξ ού δή τά πρώτα διαστήτην έρίσαντε
'Ατρεΐδης τε ἄναξ ανδρών καί δϊος Άχιλλεύς.1

Mit diesen Worten beginnt Homer seinen Epos „Ilias“. Darin wird mehr als deutlich um was es darin gehen wird – nicht um eine Beschreibung eines Krieges oder die Geschichte Troias, sondern die Geschichte einer einzelnen Person: Achill.2 So wird schnell ersichtlich welche zentrale Rolle Achilles in der „Ilias“ spielt, welche Rolle Homer im zugedacht hat und warum er so wichtig in diesem Epos ist. Schon zu Homers Zeiten war Achilles der größte Griechenheld, den das damalige Publikum mit Troja in Verbindung brachte.3

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht der Gewaltaspekt in der „Ilias“. Dabei werde ich zuerst allgemein auf die Gewalt in der Antike eingehen und einen Vergleich zur Moderne anstellen. War die Antike wirklich gewalttätiger als die Zeit, die auf sie folgt?

Danach wird der Gewaltaspekt in der „Ilias“ ins Zentrum gerückt. Was macht die Gewalt in der Ilias aus? Es folgt dann eine Analyse Achills Charakters. Was macht sein Wesen aus? Was ist seine Motivation? Macht er eine Wandlung durch? Als Beispiel soll der 22. Gesang, also der Zweikampf zwischen Achill und Hektor, dienen und genauer darauf geschaut werden, wie sich dort Achills Zorn äußert und warum dieser Gesang als der Höhepunkt der „Ilias“ angesehen werden kann.

Als primäre Quelle dient Homers „Ilias“. Im zweiten Schritt wird noch Sekundärliteratur hinzugezogen, welche den Gewaltaspekt in der Antike und auch in der „Ilias“ behandelt.

2. Gewalt in der Antike im Vergleich zur heutigen Gewalt

Betrachtet man die Antike, wie in unserem Fall, kommt einem oft zuallererst der Gewaltaspekt in den Sinn – sei es durch die Gladiatorenkämpfe im Römischen Reich oder wie in unserem Fall der Trojanische Krieg. Unterschieden werden muss hier aber die Gewalt im Alltag oder die Gewalt während einer Aufführung in einem Amphitheater. Martin Zimmermann macht dabei in seiner Ausführung „Zur Deutung von Gewaltdarstellungen“ die folgende Feststellung: „Von antiken Autoren wird zwar verschiedentlich eine Verrohung des Publikums im Amphitheater behauptet und entsprechend von modernen Autoren übernommen.“4 Daraus lässt sich schließen, dass die antiken Autoren klar in der Gewaltausübung, wie -darstellung, zwischen den Orten der Unterhaltung und des Alltags unterschieden haben.5

Ob die Antike generell gewalttätiger war, kann meines Erachtens sogar verneint werden. Martin Zimmermann sieht dies genauso.6 Als Beispiel soll an dieser Stelle ein Ereignis dienen, das sich im November 2016 in Hameln abgespielt hat. Dort schleifte ein Mann eine Frau mit einem Strick um den Hals mit seinem Auto durch die Stadt.7 Die Frau wurde lebensgefährlich verletzt, überlebte aber glücklicherweise diese Tat. Diese Szene erinnert doch aber stark an die Schleifszene von Hektor durch Achill in Homers „Ilias“. Natürlich muss erwähnt werden, dass es sich bei Homer um Dichtung handelt, aber trotzdem ist es ein weiteres Indiz, dass selbst antike Dichtung sich immer noch relativ wenig von Gewalt in der heutigen, modernen Zeit unterscheidet. So ein Gewaltausbruch macht Menschen immer betroffen. Zumal in Homers Werk Hektor schon tot war, als er geschleift wurde - im Falle der Frau war diese noch am Leben. Wenn die These standhaft sein sollte, dass Gewalt früher präsenter und brutaler war, müsste diese Tat des Mannes an der Frau im Grunde ein Einzelfall sein, doch könnte die Liste an grausamen, gewalttätigen Taten hier beliebig verlängert werden, wie etwa mit kriegerischen Auseinandersetzungen oder Terroranschlägen. Zimmermann hat dazu folgende These:

„Physische Gewalt scheint nach diesen Beobachtungen8 fester Bestandteil der Menschheitsgeschichte zu sein, die temporären Schwankungen unterlag. […] Vielmehr ist nach den sozialen und kulturhistorischen Dimensionen der Gewalt zu fragen.“9

Wird dieses Zitat näher betrachtet, sagt Zimmermann, dass Gewalt immer ein Aspekt menschlicher Natur ist. Es gibt sie schon immer und lässt sich als roter Faden von der Antike bzw. den ersten schriftlichen Aufzeichnungen bis in die Neuzeit verfolgen. Die Frage, die aufgeworfen wird, ist nicht die, dass die Antike gewalttätiger war, sondern wann die Gewalt besonders stark ausgeprägt und wann weniger stark ausgeprägt war. Dimension der Gewalt, von der Zimmermann spricht, ist auch nicht nur rein historisch zu begründen, sondern umfasst auch eine soziologische, wie kulturelle Komponente, die nicht zu unterschätzen sind.

Somit lässt sich sagen, dass es Gewalt, vielleicht auch ausufernde Gewalt, im Altertum gab, es aber kein ausschließlich antikes, oder besser altes Phänomen ist, sondern auch ein neuzeitliches.

3. Gewalt in Homers „Ilias“

Homer schrieb seine „Ilias“ im 8. Jahrhundert v. Chr. und beschreibt einen Ausschnitt des Troianischen Krieges, welcher laut Forschung in das späte 2. Jahrtausend10 zu datieren ist.11 Somit ist die „Ilias“ kein zeitgenössisches Werk und darf auch nicht als historisches Werk zu verstehen sein: Es handelt sich um eine Dichtung.12 Beeinflusst hat das Werk natürlich die archaische Zeit, in der Homer lebte – deren soziale Strukturen und die Ideale, der damaligen Zeit. Diese sind mit in das Werk eingeflossen und so sollte das Werk verstanden werden.

Auch die dort beschriebene und teilweise angedrohte Gewalt, die mitunter sehr detailliert zu finden ist, ist ein Stilmittel, welches Homer nutzt. Todesszenen werden so genau dargestellt, dass sogar die Vermutung aufgestellt wurde, dass Homer selbst ein Militärarzt gewesen sei.13 Diese Vermutung lässt sich weder bestätigen, noch revidieren. Allenfalls kann gesagt werden, dass Homer an Schlachten bzw. Kämpfen als Beobachter teilgenommen haben muss oder zumindest von Schlachtteilnehmern ein detailliertes Bild beschrieben bekam. Martin Zimmermann meint in seiner Ausführung, dass in der Erzählung keine langen Qualen, d.h. keine Agonie, vorkommen.14 Das muss kritisch betrachtet werden. Als Beispiel soll an dieser Stelle der 22. Gesang dienen: Dieser behandelt den später im Verlauf dieser Arbeit noch näher beschriebenen Kampf zwischen Hektor und Achill. Es wird sehr lang beschrieben, wie Achill Hektor jagt, am Ende stellt und im direkten Zweikampf besiegt. Hier wird über eine lange Phase der Todeskampf Hektors dargestellt. Der eigentliche Todesstoß, oder der dazu führt, dass Hektor stirbt, ist relativ kurz dargestellt:

„Nur wo das Schlüsselbein Hals und Schultern begrenzt, an der Gurgel, Schien er entblößt, an der allergefährlichsten Stelle des Lebens. Hier durchbohrte den Stürmenden gleich mit dem Speere Achilleus. Geradewegs durchfuhr das Genick die Spitze der Lanze.“15

Was danach folgt, ist eigentlich an Kampf und Qual nicht zu überbieten, denn Hektor war an dieser Stelle noch nicht tot und tritt in einen Dialog mit Achill. So wird er von Achill erniedrigt. Ihm wird im Angesicht des Todes sehr ausführlich von Achill erläutert, was mit ihm und seinem Leichnam geschehen wird. Dass er nicht rausgegeben wird an seinen Vater Priamos und seine weinende Mutter Hekabe. Auch sollen Tiere seinen Körper entstellen.16 Achill fügt Hektor an dieser Stelle nicht nur physischen, sondern vor allem auch psychischen Schaden zu. Das steht im Widerspruch zu Zimmermanns Auffassung, dass hier kein Todeskampf stattfindet. Auch wenn andere Szenen diese Agonie aussparen, so bildet diese Szene, bzw. der gesamte 22. Gesang, die Ausnahme. Begründen lässt sich dies wahrscheinlich damit, dass dieser Gesang eine zentrale Rolle in der „Ilias“ einnimmt und auch als Höhepunkt zu verstehen ist. Hier entlädt sich Achills komplette Wut, sein Zorn und seine Genugtuung mit der Rache an Patroklos‘ Tod.

Die ausführliche Gewaltbeschreibung in der „Ilias“ ist nicht das Mittel, sondern der eigentliche Zweck.17 Daher werden die Todesarten oftmals auch so detailliert beschrieben. Es soll dem Leser, auch denen den das Kämpfen von Schlachten unbekannt oder nicht übermäßig vertraut ist, einen genauen Eindruck geben. Es transportiert Bilder in die Köpfe der Menschen, die das Werk lesen oder rezitiert bekommen. Es lässt sogar wenig Spielraum für Fantasie. So geht Homer auf der einen Seite sicher, dass der Leser die Gewalt auch als solche versteht, auf der anderen Seite kann Homers genau für diese Person geschriebene Todesart auch zugeordnet werden, denn diese gibt es in der „Ilias“ sehr zahlreich. Die genauen Beschreibungen wirken schon fast wie Szenenanweisungen aus Drehbüchern moderner Filme. Schaut man sich die Kämpfe im Detail an, so wird deutlich, dass ein weiterer Zweck ist, die Helden in ihrer heroischen Form hervorzuheben. Sie befinden sich in einer gefährlichen Situation, sie müssen kämpfen, um nicht selbst getötet zu werden. Die Brutalität zeigt ihren Mut und ihre Qualität.18 Die Helden werden auf eine andere Stufe gehoben, als zum Beispiel der gemeine Soldat. Sie sollen sich auszeichnen und den Umgang mit den Waffen zeigen, der sie so einzigartig macht. Des Weiteren spiegelt sich so ihre Opferungsbereitschaft wider. Die Helden sind bereit ihr Leben zu geben und gehen so Kämpfe ein, die ihnen auch den Tod bringen können – ja sie nehmen diesen sogar gerne in Kauf, denn das ist das, was sie ausmacht.

Es wechseln sich die Einzelkämpfe mit den Überblicksbeschreibungen der Szenerie ab.19 Das macht auf den Leser fast schon einen vertrauten Eindruck, denn auch das ist eine bekannte Methode heutiger Filme. Gewalt und die geschilderte Brutalität sind ein Stilmittel, wobei der Zuschauer bzw. der Leser sich immer vor Augen halten sollte, dass es keine reale Gewalt ist.20 Es handelt sich bei beidem, den heutigen Filmen, wie auch Homers „Ilias“, um erdachte, künstlerisch bearbeite Werke. Somit lässt sich sagen, dass die Gewalt nur in den Gedanken der Menschen stattfindet, nicht jedoch real ist.

Ein weiterer Punkt sind die Götter. Diese bilden im ganzen Werk eine Konstante und beeinflussen die Erzählung nicht unerheblich. Die Götter greifen ins Geschehen ein21 und tragen ihren Teil, auch zur Gewalt im Werk, bei. Sie schlagen sich auf die Seite der Helden, wobei es immer wieder zu Diskrepanzen kommt. Werfen wir den Blick wieder auf den Zweikampf zwischen Hektor und Achill. Hektors Schicksal wird durch die Götter entschieden, nicht gänzlich allein durch Achill:

„Als sie nun endlich zum vierten Male die Quellen erreichten, Richtete Vater Zeus die goldenen Schalen der Waage, Warf zwei Lose hinein des trauerbringenden Todes, Das des Achilleus und das des Rossebändigers Hektor, Faßte die Mitte und wog. Da sank des Hektor Verhängnis Lastend zum Hades hinab, es verließ ihn Phoibos Apollon“22

[...]


1 Homer: Ilias, hrsg. von N. Holzberg et al., übers. von Hans Rupé, Berlin 2013, 1, 1-7: Singe, Göttin, den Zorn des Peleiaden Achilleus / Der zum Verhängnis unendliche Leiden schuf den Achaiern / Und die Seelen so vieler gewaltiger Helden zum Hades / Sandte, aber sie selbst zum Raub den Hunden gewährte / Und den Vögeln zum Fraß — so wurde der Wille Kronions / Endlich erfüllt —, nachdem sich einmal im Zwiste geschieden / Atreus' Sohn, der Herrscher des Volks, und der edle Achilleus.

2 Vgl. Latacz, J.: Das Troia Homers, das Troia der Geschichte und das Troia Wolfgang Petersens, in: Homers Ilias. Studien zu Dichter, Werk und Rezeption (Kleine Schriften II), hrsg. J. Latacz et al., Berlin 2014, 621.

3 Vgl. ebd.

4 Zimmermann, M.: Zur Deutung von Gewaltdarstellungen, in: Extreme Formen von Gewalt in Bild und Text des Altertums, hrsg. von M. Zimmermann, München 2009, 22.

5 Vgl. ebd.

6 Vgl. ebd., 19f.

7 Vgl. Brunnert, M.: Ein Verbrechen, das fassungslos macht, unter: https://www.welt.de/vermischtes/

article160311988/Ein-Verbrechen-das-fassungslos-macht.html (abgerufen am 11.04.2017).

8 Vorangehend beschreibt Zimmermann den momentanen quantitativen Höhepunkt an tatsächlicher Gewaltausübung, welcher heute in Form von kriegerischen Konflikten stattfindet.

9 Zimmermann, Deutung von Gewaltdarstellungen, 24.

10 J. Latacz wird sogar mit dem 12. Jahrhundert etwas expliziter: Vgl. Latacz, Troia Homers, 625.

11 Vgl. Zimmermann, M.: Gewalt. Die dunkle Seite der Antike, München 2013, 99.

12 Vgl. ebd.

13 Vgl. Zimmermann, M.: Extreme Formen physischer Gewalt in der antiken Überlieferung, in: Extreme Formen von Gewalt in Bild und Text des Altertums, hrsg. von M. Zimmermann, München 2009, 162.

14 Vgl. Zimmermann, Extreme Formen physischer Gewalt, 163.

15 Hom. Il. 22, 324-327 (Übersetzung H. Rupé).

16 Vgl. Hom. Il. 22, 344-354 (Übersetzung H. Rupé).

17 Vgl. Zimmermann, Extreme Formen physischer Gewalt, 162.

18 Vgl. Zimmermann, Extreme Formen physischer Gewalt, 163.

19 Vgl. Zimmermann, Gewalt Antike, 104.

20 Vgl. ebd., 105.

21 Vgl. ebd., 106.

22 Hom. Il. 22, 208-213 (Übersetzung H. Rupé).

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Beschreibung der Gewalt in Homers "Ilias" und Analyse von Achills Charakter und seiner Rolle im Werk
Hochschule
Universität Leipzig  (Historisches Seminar)
Note
1,5
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V458735
ISBN (eBook)
9783668876118
ISBN (Buch)
9783668876125
Sprache
Deutsch
Schlagworte
beschreibung, gewalt, homers, ilias, analyse, achills, charakter, rolle, werk
Arbeit zitieren
Michael Ziewitz (Autor), 2017, Die Beschreibung der Gewalt in Homers "Ilias" und Analyse von Achills Charakter und seiner Rolle im Werk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458735

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