Seitdem Schriftsteller der Romantik die erste nachchristliche Jahrtausendwende als eine Zeit des Schreckens beschrieben, wird das Thema der Endzeiterwartung in der ottonischen Epoche kontrovers diskutiert. Für die positivistischen Historiker des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts galt jene, auch in Fachpublikationen verbreitete, Auffassung einer von den Zeitgenossen mit Angst erwarteten Zeitenwende als „längst entlarvte[r] Mythos“: Das Jahr 1000 sei ein Jahr wie jedes andere gewesen; Beweise für eine lähmende Furcht seien in den Quellen nicht zu finden.
Obwohl auch die neuesten Forschungen zum Themenbereich Apokalyptik und Jahrtausendwende mehrheitlich die Schreckensthese bestreiten, werden ihre Studien dennoch größtenteils als „neoromantischer Ersatzmythos“ abgelehnt: Desgleichen werden Vermutungen über Zusammenhänge zwischen millenaristischer Endzeiterwartung und diversen religiösen Bewegungen der Epoche, etwa aufflammenden Häresien, dem Aufschwung von Mönchtum, Reliquienverehrung und Wallfahrtswesen sowie der Gottesfriedenbewegung zurückgewiesen. Dabei wird die Debatte bis heute ausgesprochen heftig geführt.
Ähnlich kontrovers verläuft die Beurteilung Ottos III. in der Historiographie. Erst in jüngerer Zeit setzt eine Neubewertung seiner Politik und seiner Person ein. Brun von Querfurt charakterisierte ihn als einen, „der vor den Augen der Menschen Kaiser und Herrscher, in seinem Herzen und vor den Augen des Schöpfers jedoch Mönch war“. Gerade die in der älteren Forschung oftmals ausnehmend negativ bewertete Frömmigkeit des Kaisers gilt häufig als bedeutsamstes Element seiner Persönlichkeit, doch wurde sie, abgesehen von wenigen Ausnahmen, bislang keiner eigenständigen Untersuchung unterzogen. Monographien zu Otto III. klammern eschatologische Aspekte weitgehend aus; Historiker gehen in Studien zum Jahr 1000 kaum auf den Kaiser ein.
Die vorliegende Arbeit wird demgegenüber nach einem kurzen Abriß des eschatologischen Denkens um die Jahrtausendwende belegen, daß Endzeitvorstellungen im engsten Umfeld des Kaisers verbreitet waren. Anschließend wird das Handeln Ottos im Hinblick auf apokalyptische Perspektiven untersucht und abschließend die Frage erörtert, ob Otto III. durch seine Renovatio-Politik das Römische Reich als „Bollwerk“ gegen den Antichrist stärken wollte, um somit nach zeitgenössischem Verständnis das Ende der Zeiten herauszuzögern, oder ob er sich selbst als der Friedenskaiser einer bereits eingetretenen Endzeit sah.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. ESCHATOLOGISCHES DENKEN UM DIE JAHRTAUSENDWENDE
2.1. ANTICHRIST UND APOKALYPSE
2.1.1. Friedenskaiser der Endzeit
2.1.2. De ortu et tempore Antichristi
2.1. DAS JAHR 1000 – INTENSIVIERUNG DER ENDZEITERWARTUNG?
3. DAS UMFELD OTTOS III.
3.1. BYZANTINISCHE EINFLÜSSE
3.2. ERZIEHER UND RATGEBER
3.2.1. Gerbert von Aurillac
3.2.2. Leo von Vercelli
3.3. HEILIGE UND EINSIEDLER
3.3.1. Adalbert von Prag
3.3.2. Romuald von Camaldoli
3.3.3. Nilus von Rossano
3.4 FREUNDE UND VERWANDTE
3.4.1. Gregor V.
3.4.2. Brun von Querfurt
4. ENDZEITBEZOGENE HANDLUNGEN OTTOS III.
4.1. SORGE UM DAS SEELENHEIL
4.1.1. Bußübungen und Pilgerfahrten
4.1.2. Das Versprechen des Amtsverzichtes
4.1.3. Adalbertkult und der „Akt von Gnesen“
4.1.4. Die Öffnung des Karlsgrabes
4.2. RENOVATIO IMPERII ROMANORUM
4.2.1. Herrschertitel Ottos III.
4.2.2. Heidenmission
4.2.3. Die „Familie der Könige“
4.2.4. Endzeiterwartungen in Urkunden
5. SCHLUßBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Wirken Ottos III. im Kontext eschatologischer Erwartungen um die erste Jahrtausendwende. Sie geht der Forschungsfrage nach, inwieweit das Handeln des Kaisers durch die Überzeugung geprägt war, in einer Endzeit zu leben, und ob seine politische "Renovatio"-Politik als Versuch verstanden werden kann, das Römische Reich als "Bollwerk" gegen den Antichrist zu stärken oder sich selbst in der Rolle eines Friedenskaisers sah.
- Eschatologisches Denken und Endzeitvorstellungen um das Jahr 1000
- Das Umfeld Ottos III.: Mentoren, Einsiedler und byzantinische Einflüsse
- Politische und religiöse Handlungen: Sorge um das Seelenheil und Bußpraktiken
- Die "Renovatio imperii Romanorum" als apokalyptisch motivierte Konzeption
- Der Adalbertkult und die Reise nach Gnesen als religiöse Markierung
Auszug aus dem Buch
2.1. Antichrist und Apokalypse
Die Heilige Schrift besagte, daß dem Weltende kosmische Katastrophen unmittelbar vorausgehen werden. Als weiteres warnendes Vorzeichen galt – nach dem großen Abfall der verschiedenen Völker vom Römischen Reich – das Erscheinen des Antichrists. Dieser Gestalt im Mittelpunkt gewaltiger endzeitlicher Ereignisse wandte sich das besondere Interesse der Theologen zu, die zu erkunden versuchten, ob der Widersacher Gottes als Individuum faßbar sein würde, oder die biblischen Aussagen symbolisch-eschatologisch zu verstehen seien. Schon die Kirchenväter hatten die Ankunft des Antichrists mit zeitgeschichtlichen Geschehnissen in Zusammenhang gebracht. Seinen Auftritt würden Helfer vorbereiten, die nicht selten mit historischen Persönlichkeiten identifiziert wurden.
Setzte man in der jüdischen Auffassung den Antichrist noch mit dem Imperium Romanum gleich, galt dieses später, nun in ein christliches Reich gewandelt, als „Bollwerk“ gegen den Teufel, den man nunmehr aus dem Judentum erwartete. Die Existenz des Römischen Reiches galt den Zeitgenossen als sichere Garantie, daß mit Erscheinen des göttlichen Widersachers noch nicht zu rechnen wäre. Als letztes Weltreich werde das Imperium bis zum Anbruch der Endzeit bestehen, als geschichtlicher Schluß- und Höhepunkt konnte es vor dem Weltende nicht mehr abgelöst, sondern nur noch „übertragen“ werden. Die Weltreichlehre und die Translationsidee verbanden sich im später zu behandelnden Traktat von Adso von Montier-en-Der mit der Antichristsage und der Vorstellung eines Endkaisers.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Darstellung der Forschungsdebatte um die Endzeiterwartung in der ottonischen Zeit und der historiographischen Kontroverse um die Person Ottos III.
2. ESCHATOLOGISCHES DENKEN UM DIE JAHRTAUSENDWENDE: Analyse des eschatologischen Hintergrunds, insbesondere der Rolle von Antichrist-Vorstellungen und der Erwartung eines Endkaisers um das Jahr 1000.
3. DAS UMFELD OTTOS III.: Untersuchung der geistigen Mentoren, Eremiten und Freunde des Kaisers und deren Einfluss auf seine religiöse Weltanschauung.
4. ENDZEITBEZOGENE HANDLUNGEN OTTOS III.: Analyse kaiserlicher Bußübungen, der Renovatio-Politik, der Adalbertverehrung und der Graböffnung Karls des Großen unter eschatologischen Gesichtspunkten.
5. SCHLUßBETRACHTUNG: Zusammenfassende Bewertung, wie sehr das Handeln Ottos III. von eschatologischen Motiven und dem Bestreben, ein "Bollwerk" gegen den Antichrist zu errichten, geleitet wurde.
Schlüsselwörter
Otto III., Jahrtausendwende, Endzeiterwartung, Antichrist, Renovatio imperii Romanorum, Apokalyptik, Adalbert von Prag, Romuald von Camaldoli, Nilus von Rossano, Eschatologie, Friedenskaiser, Heiligenkult, Bußübungen, Kaiserurkunden, Mittelalter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die religiöse Mentalität Kaiser Ottos III. und seines Umfelds im Hinblick auf apokalyptische Erwartungen, die um das Jahr 1000 im Abendland verbreitet waren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die eschatologische Reichstheologie, die asketische Lebensführung des Kaisers, der Einfluss byzantinischer Vorstellungen und die Rolle der Kirche bei der Legitimierung seiner Herrschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll geklärt werden, ob Ottos III. "Renovatio"-Politik und sein Bußverhalten als bewusste Vorbereitung auf das nahende Weltgericht und als Schutz vor dem Antichrist zu deuten sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine Analyse zeitgenössischer Quellen, insbesondere Chroniken, Lebensbeschreibungen (Vitae), Briefe und kaiserliche Urkunden sowie deren Arengen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des geistigen Umfelds des Kaisers, seiner Bußhandlungen, seiner Renovatio-Politik und des Adalbert- und Karlskultes als Instrumente kaiserlicher Selbstdarstellung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Otto III., Endzeiterwartung, Renovatio imperii Romanorum, Apokalyptik, Bußfrömmigkeit und Heiligenverehrung.
Inwiefern beeinflussten Adalbert von Prag und Romuald von Camaldoli den Kaiser?
Sie fungierten als geistliche Berater und "Seelenführer", die den Kaiser massiv zu Askese, Weltflucht und der Vorbereitung auf das Seelenheil vor dem Jüngsten Gericht drängten.
Wie interpretierte Otto III. seine Krönung als "servus Iesu Christi"?
Der Titel diente dazu, sich in eine christliche Herrschertradition einzuordnen und seine Stellung als "Apostel" und Stellvertreter Gottes auf Erden zu manifestieren.
Welche Bedeutung hatte die Graböffnung Karls des Großen in Aachen?
Die Handlung wird als Versuch gedeutet, den Apostelkaiser Karl als himmlischen Fürbitter und Vorbild für das Jüngste Gericht in den ottonischen Heiligenkult zu integrieren.
- Quote paper
- Elke Timme (Author), 2004, Endzeiterwartungen im Umfeld Ottos III., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45880