Die Autobiographie Goetz von Berlichingens als historische Quelle


Hausarbeit (Hauptseminar), 1995

22 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Zielbestimmung

2. Die Ambivalenz zwischen Mittelalter und Neuzeit in der Autobiographie Götz von Berlichingens
2.1 Zu den Begriffen 'Mittelalter' und 'Neuzeit'
2.2 Die der Autographie Götz von Berlichingens zugrundeliegende Vorstellung von Individuum und Individualität
2.3 Die Identitätskrise Götz von Berlichingens als Vertreter des deutschen Adels im 16. Jahrhundert

3. Die Lehr- und Ausbildungsjahre Götz von Berlichingens

4. Schlussbemerkung

5. Literaturverzeichnis

1. Zielbestimmung

Bei der Lebensbeschreibung des Ritters Götz von Berlichingen (1480 - 1562) handelt es sich um "eines der ausführlichsten autobiographischen Zeugnisse eines deutschen Ritters, welches uns bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben ist."[1] Vom 80jährigen Ritter dem Heilbronner Stadtschreiber Stefan Feyerabend diktiert[2], bietet sie eine unmittelbare Darstellung der das Leben Götz von Berlichingens bestimmenden Ereignisse. Gerade durch die vom subjektiven Welt- und Lebensbild des Ritters gefärbte Art dieser Darstellung und durch die hinter der Erzählung stehende Motivation jedoch beschränkt sich dieser Einblick nicht allein auf die historische Wirklichkeit, sondern wirft auch ein Schlaglicht auf die psychologische Rezeption dieser historischen Wirklichkeit durch den Autor, sein Weltbild und damit das seiner zeitgenössischen Umwelt, von der ein Individuum niemals isoliert betrachtet werden kann.

Die vorliegende Arbeit versucht am Beispiel des sich in der Autobiographie niederschlagenden Selbstbildes Götz von Berlichingens die von seiner Lebensbeschreibung ausgehenden mentalitätsgeschichtlichen Schlaglichter 'einzufangen' und auszuwerten sowie am Beispiel seiner Beschreibung der Erziehungs- und Ausbildungsjahre die historische Wirklichkeit näher zu beleuchten. Sie betrachtet dabei den Quellentext im Zusammenhang mit der vorhandenen einschlägigen Forschungsliteratur.

2. Die Ambivalenz zwischen Mittelalter und Neuzeit in der Autobiographie Götz von Berlichingens

2.1 Zu den Begriffen 'Mittelalter' und 'Neuzeit'

Eine scharfe Trennungslinie zwischen Mittelalter und Neuzeit ist nicht leicht zu ermitteln - je nach Forschungslage bzw. wissenschaftlichem Standpunkt ist auch der Zeitraum eines Übergangs strittig. Nach allgemeiner Auffassung vollzog sich der Wandel zwischen Mittelalter und Neuzeit in einem kontinuierlichen Prozeß, der um das 16. Jahrhundert angesiedelt wird. Mittelalterlich-ständische Lebensideale, die auf dem höfischen Moralkodex und einer feudalen Gesellschaft ruhen, werden in dieser Zeit sukzessive verdrängt durch stärker das Individuum und seine Bedürfnisse betonende Lebensvorstellungen, die sich durch die Bewußtwerdung des Individuums überhaupt im Rahmen der Renaissance entwickeln.

Es können in Bezug auf die gesellschaftliche Verhältnisse des 16. Jahrhunderts kaum genaue Zuordnungen zu Mittelalter und Neuzeit vorgenommen werden - wohl aber lassen sich bei der Analyse gesellschaftlicher Zustände und Vorgänge solche erkennen, die man eher dem Mittelalter, und andere, die man eher der Neuzeit zuordnen würde. Etwa in Bezug auf die ständische Orientierung der Gesellschaft, bei Vorstellungen wie Individualität und individuellem Selbstbewußtsein oder bei politischen Veränderungen, die das gesellschaftliche System im Reich betreffen, können solche grundsätzlichen Zuordnungen auch im Zusammenhang mit der Autobiographie Götz von Berlichingens vorgenommen werden. Im folgenden wird in Bezug auf die Lebensbeschreibung des Ritters der Versuch gemacht, Elemente der mittelalterlichen Lebensvorstellung jenen der neuzeitlich-modernen Weltsicht gegenüberzustellen.

2.2 Die der Autobiographie Götz von Berlichingens zugrundeliegende Vorstellung von Individuum und Individualität

Wie S. Pastenaci in seiner Arbeit über Erzählformen und Persönlichkeitsdarstellung in Autobiographien des 16. Jahrhunderts darstellt, unterscheidet sich die moderne Autobiographie von der etwa des ausgehenden Mittelalters durch das sie bestimmende Menschenbild. So liegt nach Auffassung S. Pastenacis der modernen Autobiographie "die Annahme zugrunde, daß der eigene Lebenslauf als Ausfluß der Bestrebungen eines Individuums [...] einmalig, wertvoll und unwiederholbar sei"[3], und daß das Individuum selbst sich durch "seinen besonderen Platz in der Gemeinschaft, seine besondere, von den anderen unterschiedene Eigenart"[4] auszeichne. Diese erst in der Renaissance herausgebildete Vorstellung von Individualität, wie sie sich etwa in Autobiographien wie der Benvenuto Cellinis widerspiegeln, setzt die Persönlichkeit eng mit dem eigenen Ich und seinem Bewußtsein in Beziehung. Das Individuum und seine intimsten Belange werden zum Zentrum des biographischem Interesses.

Von diesem Persönlichkeitsbild unterscheidet sich jedoch das der Autobiographie Götz von Berlichingens. In der Lebensbeschreibung des Ritters finden sich nahezu keine Anhaltspunkte über seine privaten Verhältnisse, seine Lebensgewohnheiten oder sein persönliches Umfeld.[5] Die Schrift trägt ausgesprochen politischen Charakter, die 'Fehden und Abenteuer' des Ritters werden geradezu primitiv aneinandergereiht - die privaten Belange des Individuums Götz von Berlichingen bleiben ausgeklammert.

Darüber hinaus zeigen sich in der Lebensbeschreibung Götz von Berlichingens keinerlei Ansätze einer Persönlichkeitsentwicklung, wie sie die individualisierte Reflexion eines Lebenslaufes voraussetzen würde und wie sie in anderen zeitgenössischen Autobiographien bereits zu finden sind.[6] Seinen Lebensweg schildert er als schon von der Wiege an auf den des Kriegsmannes festgelegt:

"Erstlich hab ich woll etwa von meinem vatter vnnd mutter seligen, auch meinen brudern vnnd schwestern [...] viellmal gehort, das ich ein wunderbarlicher junger knab gewest, vnd mich dermassenn inn meiner khindtheit ertzaigt vnd gehallten, das meniglichenn darauß gespurt vnnd abgenommen, das ich zu einem kriegsman oder reutterßman gerathen wurde".[7]

Das gesamte Leben Götz von Berlichingens wird damit unter das "Motto der ritterlich-kriegerischen Identität"[8] gestellt. Götz beschreibt sein Leben allein aus der Position eines Standesrepräsentanten als "allter treuer vom adel"[9] - ohne explizite Merkmale einer eigenen, von seinem Stand unabhängigen Individualität und persönlicher Entwicklung. Hieran wird deutlich, daß der Götzschen Lebensbeschreibung in den Grundzügen noch das von S. Pastenaci als mittelalterliche Vorstellung von Individuum und Person geschilderte Menschenbild zugrundeliegt, wonach das Individuum im Mittelalter

"mit einer geistigen Substanz versehen [wurde], dem aber die Eigenschaft der Besonderheit mangelt. Das Individuelle stand nicht im Gegensatz zur Menschheit, zum Allgemeinen oder Universellen oder stellte gar die reale Existenz der Universalien in Frage, sondern es stellte einfach eine konkrete und einzelne Verkörperung dieses Universellen dar."[10]

Individualität wird nicht wahrgenommen, sondern zugunsten des Bewußtseins der Zugehörigkeit zu einem im göttlichen Weltplan verankerten Stand verdrängt.[11]

Es zeigt sich an der Selbstdarstellung des Ritters, daß er - und damit vermutlich ebenso seine Zeitgenossen - noch stark den Denkstrukturen des Mittelalters verhaftet waren. Dennoch ist diese Bewertung einzuschränken. Die Tatsache, daß Götz sein Leben einer schriftlichen Fixierung wert hielt, bzw. seiner ihm offensichtlich angeborenen "Neigung zum Erzählen"[12] freien Lauf ließ, lassen auf das Bewußtsein schließen, daß "sein abenteuerliches Leben sich in mancher Hinsicht vom durchschnittlichen ritterlichen Leben unterschied".[13] Mehrfach weist er darauf hin, daß

"vill gutt hertziger frumer redlicher leutt vor ettlichen vielenn jarnn (die mir ehrn vnnd guts gegonndt haben vnd noch gonnen, vnnd auch vielleicht zum theil gewust vnd gehort haben, wie ich mein tag herbracht, vnd viell abennthewr vnd geuerlichkaitt gegen meinen feinden bestanden) mich angesprochenn vnd gebettenn, solche alle meine handlung inn schrifftenn zuuerfassenn".[14]

Einen möglichen Grund für die Bitte so vieler "gutt hertziger frumer redlicher leutt", er solle doch eine Lebensbeschreibung verfassen, sieht er also in der Außergewöhnlichkeit seines Lebens. Daran wird deutlich, daß sich Götz auch im Rückblick sehr wohl der Besonderheit seines individuellen Lebenswandels und der 'Abenteuerlichkeit' seiner Erlebnisse bewußt war.

In diesem Zusammenhang ist deutlich zu spüren, wie groß der Antagonismus zwischen den beiden Triebkräften Götz von Berlichingens in Bezug auf seine Autobiographie sind: Auf der einen Seite steht das renaissancehafte Bewußtsein der eigenen Bedeutung, des Wertes der eigenen Erfahrungen, auf der anderen die Befürchtung, "sein eigenes Ruhmesverlangen und seinen Ehrgeiz zu sehr in den Vordergrund"[15] zu stellen, denn der

"Vorwurf des Egoismus und der Eitelkeit bedeutete in einer Gesellschaft, die sich noch hauptsächlich durch ihren korporativen Charakter auszeichnete, eine sehr schwere Sünde."[16]

Darüber ist sich auch der Ritter bewußt, denn er weist ausdrücklich darauf hin, daß er seine Lebensbeschreibung "mit nichtenn der meinung, ainigen rhum oder grossenn namen darmit zusuchenn oder zuerlangenn"[17] verfaßt habe. Er bemüht sich vielmehr, sein "Bedürfnis nach Selbstdarstellung mit anderen zulässigen Absichten zu kombinieren."[18] So unterlegt er seiner Lebensbeschreibung den Charakter einer Rechtfertigungsschrift. Gleich zu Beginn der Autobiographie stellt er fest, er habe sie geschrieben

"allain vmb der vrsachenn willenn, das mich angelanngt, wie das ettliche meine mißgonner ettwann auß neid vnnd haß, oder villeicht aber auß vnnwissennheit mir gern meine handlung, die ich mein tag gefurtt hab, zum ergstenn vnd vbelstenn außlegenn woltenn, dennen ich dann hier innen zubegegnenn, vnd den wahrenn grunde an den tag zubringenn, furgenomen."[19]

[...]


[1] Pastenaci 1993, S. 49.

[2] Vgl. Ulmschneider 1981, S. 14 f.

[3] Pastenaci 1993, S. 5.

[4] Pastenaci 1993, S. 5. Zu den Begriffen 'Individuum' und 'Person' vgl. Pastenaci S. 2 ff.

[5] Außer vereinzelten Hinweisen auf seine Verwandten im Zusammenhang mit seiner Erziehung (vgl. etwa Ulmschneider 1981, S. 53 f. bzw. S. 57), dem Verlust der Hand (vgl. Ulmschneider 1981, S. 75 ff.) und kurzen, immer im Zusammenhang mit politischen Ereignissen stehenden Erwähnungen seiner Ehefrau und seiner Schwiegermutter (vgl. Ulmschneider 1981, S. 104 und 123) bleibt die persönliche Ebene nahezu völlig ausgeblendet.

[6] Etwa in der Bartholomäus Sastrows (1520 - 1603). Vgl. hierzu Pastenaci 1993, S. 12 ff.

[7] Ulmschneider 1981, S. 53.

[8] Pastenaci 1993, S. 68.

[9] Ulmschneider 1981, S. 141.

[10] Pastenaci 1993, S. 3 f.

[11] Das zeigt sich z.B. an mittelalterlichen Personendarstellungen, die nahezu ausnahmslos keine individuellen Züge tragen, sondern nur die Person mit den Sinnbildern ihrer Stellung im gesamtgesellschaftlichen System versehen zeigen.

[12] Ulmschneider 1981, S. 11.

[13] Pastenaci 1993, S. 50.

[14] Ulmschneider 1981, S. 139 f., vgl. dort auch S. 1.

[15] Pastenaci 1993, S. 5.

[16] Pastenaci 1993, S. 6.

[17] Ulmschneider 1981, S. 52.

[18] Pastenaci 1993, S. 6.

[19] Ulmschneider 1981, S. 52.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Autobiographie Goetz von Berlichingens als historische Quelle
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Spätmittelalterliche Autobiographien und Haushaltsbücher als Quellen
Note
2,3
Autor
Jahr
1995
Seiten
22
Katalognummer
V45882
ISBN (eBook)
9783638432092
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Autobiographie, Goetz, Berlichingens, Quelle, Spätmittelalterliche, Autobiographien, Haushaltsbücher, Quellen
Arbeit zitieren
Jörg Erdmann (Autor:in), 1995, Die Autobiographie Goetz von Berlichingens als historische Quelle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45882

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