Bei der Lebensbeschreibung des Ritters Götz von Berlichingen (1480 - 1562) handelt es sich um "eines der ausführlichsten autobiographischen Zeugnisse eines deutschen Ritters, welches uns bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben ist." Vom 80jährigen Ritter dem Heilbronner Stadtschreiber Stefan Feyerabend diktiert, bietet sie eine unmittelbare Darstellung der das Leben Götz von Berlichingens bestimmenden Ereignisse. Gerade durch die vom subjektiven Welt- und Lebensbild des Ritters gefärbte Art dieser Darstellung und durch die hinter der Erzählung stehende Motivation jedoch beschränkt sich dieser Einblick nicht allein auf die historische Wirklichkeit, sondern wirft auch ein Schlaglicht auf die psychologische Rezeption dieser historischen Wirklichkeit durch den Autor, sein Weltbild und damit das seiner zeitgenössischen Umwelt, von der ein Individuum niemals isoliert betrachtet werden kann.
Die vorliegende Arbeit versucht am Beispiel des sich in der Autobiographie niederschlagenden Selbstbildes Götz von Berlichingens die von seiner Lebensbeschreibung ausgehenden mentalitätsgeschichtlichen Schlaglichter 'einzufangen' und auszuwerten sowie am Beispiel seiner Beschreibung der Erziehungs- und Ausbildungsjahre die historische Wirklichkeit näher zu beleuchten. Sie betrachtet dabei den Quellentext im Zusammenhang mit der vorhandenen einschlägigen Forschungsliteratur.
Inhaltsverzeichnis
1. Zielbestimmung
2. Die Ambivalenz zwischen Mittelalter und Neuzeit in der Autobiographie Götz von Berlichingens
2.1 Zu den Begriffen 'Mittelalter' und 'Neuzeit'
2.2 Die der Autographie Götz von Berlichingens zugrundeliegende Vorstellung von Individuum und Individualität
2.3 Die Identitätskrise Götz von Berlichingens als Vertreter des deutschen Adels im 16. Jahrhundert
3. Die Lehr- und Ausbildungsjahre Götz von Berlichingens
4. Schlussbemerkung
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand der Autobiographie von Götz von Berlichingen das Spannungsfeld zwischen mittelalterlichen Lebensvorstellungen und neuzeitlichem Individualitätsbewusstsein im 16. Jahrhundert. Ziel ist es, das Selbstbild des Ritters sowie seine Erziehungs- und Ausbildungsjahre mentalitätsgeschichtlich zu analysieren und in den Kontext der zeitgenössischen Identitätskrise des deutschen Adels einzuordnen.
- Analyse der Autobiographie als historische Quelle
- Wandel von mittelalterlichen zu neuzeitlichen Identitätskonzepten
- Die gesellschaftliche Identitätskrise des Adels im 16. Jahrhundert
- Erziehungsbedingungen und Ausbildungsphasen adliger Jugendlicher
- Rolle des Knappen und fürstliche Hofkultur
Auszug aus dem Buch
2.2 Die der Autobiographie Götz von Berlichingens zugrundeliegende Vorstellung von Individuum und Individualität
Wie S. Pastenaci in seiner Arbeit über Erzählformen und Persönlichkeitsdarstellung in Autobiographien des 16. Jahrhunderts darstellt, unterscheidet sich die moderne Autobiographie von der etwa des ausgehenden Mittelalters durch das sie bestimmende Menschenbild. So liegt nach Auffassung S. Pastenacis der modernen Autobiographie "die Annahme zugrunde, daß der eigene Lebenslauf als Ausfluß der Bestrebungen eines Individuums [...] einmalig, wertvoll und unwiederholbar sei", und daß das Individuum selbst sich durch "seinen besonderen Platz in der Gemeinschaft, seine besondere, von den anderen unterschiedene Eigenart" auszeichne. Diese erst in der Renaissance herausgebildete Vorstellung von Individualität, wie sie sich etwa in Autobiographien wie der Benvenuto Cellinis widerspiegeln, setzt die Persönlichkeit eng mit dem eigenen Ich und seinem Bewußtsein in Beziehung. Das Individuum und seine intimsten Belange werden zum Zentrum des biographischem Interesses.
Von diesem Persönlichkeitsbild unterscheidet sich jedoch das der Autobiographie Götz von Berlichingens. In der Lebensbeschreibung des Ritters finden sich nahezu keine Anhaltspunkte über seine privaten Verhältnisse, seine Lebensgewohnheiten oder sein persönliches Umfeld. Die Schrift trägt ausgesprochen politischen Charakter, die 'Fehden und Abenteuer' des Ritters werden geradezu primitiv aneinandergereiht - die privaten Belange des Individuums Götz von Berlichingen bleiben ausgeklammert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zielbestimmung: Die Einleitung definiert das Ziel der Arbeit, die Autobiographie Götz von Berlichingens als Zeugnis für das Selbstbild und die Mentalität eines Ritters im 16. Jahrhundert zu untersuchen.
2. Die Ambivalenz zwischen Mittelalter und Neuzeit in der Autobiographie Götz von Berlichingens: Dieses Hauptkapitel erörtert den historischen Übergang zwischen den Epochen, die spezifische Vorstellung von Individualität bei Götz von Berlichingen sowie die Identitätskrise des Adels angesichts veränderter politischer und sozialer Rahmenbedingungen.
3. Die Lehr- und Ausbildungsjahre Götz von Berlichingens: Das Kapitel detailliert die Erziehungsphasen des Ritters, insbesondere seine Zeit als Knappe am markgräflichen Hof, und verknüpft diese mit allgemeinen Erkenntnissen zur adligen Standeserziehung.
4. Schlussbemerkung: Die Arbeit resümiert, dass Götz von Berlichingen eine Persönlichkeit zwischen traditionellem mittelalterlichem Standesbewusstsein und dem beginnenden Individualitätsverständnis der Neuzeit darstellt.
5. Literaturverzeichnis: Auflistung der für die Untersuchung herangezogenen wissenschaftlichen Fachliteratur.
Schlüsselwörter
Götz von Berlichingen, Autobiographie, Spätmittelalter, Frühe Neuzeit, Rittertum, Individualität, Identitätskrise, Standeserziehung, Knappe, Hofkultur, Mentalitätsgeschichte, Reichsritterschaft, Fehdewesen, Renaissance, Sozialgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Lebensbeschreibung des Ritters Götz von Berlichingen, um dessen Selbstverständnis und die gesellschaftliche Rolle des Adels im Spannungsfeld zwischen Mittelalter und Neuzeit zu analysieren.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind das adlige Selbstbild, die Konzepte von Individuum und Individualität im 16. Jahrhundert, die Identitätskrise der Ritterschaft sowie die Erziehungspraktiken und Ausbildungswege junger Adliger.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist es, durch die Analyse der Autobiographie mentalitätsgeschichtliche Schlaglichter auf die Zeit zu werfen und die historische Wirklichkeit der ritterlichen Erziehung sowie die Reaktion des Adels auf gesellschaftliche Umbrüche zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit stützt sich auf eine quellenkritische Auswertung der Autobiographie Götz von Berlichingens im Kontext der vorhandenen wissenschaftlichen Forschungsliteratur.
Was behandelt der Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Untersuchung der Ambivalenz zwischen den Epochen sowie eine detaillierte deskriptive Analyse der Lehr- und Ausbildungsjahre des Ritters.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind Begriffe wie Individualität, Identitätskrise, Rittertum, Standesbewusstsein, sowie die spezifischen Erziehungsphasen wie 'Infantia', 'Pueritia' und 'Adolescentia'.
Wie bewertet der Autor Götz' Umgang mit seiner Identitätskrise?
Der Autor argumentiert, dass Götz die Krise seines Standes durch eine "Rechtfertigung durch Identität" und durch die Stilisierung seines Lebens als ritterlicher Krieger bewältigt, wobei er gleichzeitig persönliche Niederlagen verdrängt.
Welche Rolle spielte die Ausbildung für den späteren Lebensweg des Ritters?
Die Ausbildung, insbesondere die Tätigkeit als Knappe, prägte sein ritterliches Selbstverständnis massiv und bereitete ihn auf eine Welt vor, deren traditionelle Strukturen während seines Lebens zunehmend an Bedeutung verloren.
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- Jörg Erdmann (Author), 1995, Die Autobiographie Goetz von Berlichingens als historische Quelle, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45882