Negativ-utopische Elemente in Strickers "Daniel von dem blühenden Tal"


Hausarbeit, 2015

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gibt es utopisches Denken im Mittelalter? Zu Herkunft, Geschichte und Definitionen des Utopiebegriffs
2.1Herkunft und Geschichte
2.2 Definitionen

3.König Matur und das Reich Cluse als negativ-utopische Elemente in Strickers Daniel von dem blühenden Tal
3.1 Topographie
3.2 Gesellschaftsordnung
3.3 Herrscherpersönlichkeit König Maturs

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die utopische Literatur und deren Verfilmungen feiern in den Massenmedien auch heutzutage Erfolge – wie beispielsweise an Suzanne Collins Trilogie Die Tribute von Panem, der britischen Fernsehserie Utopia oder David Mitchells Roman Der 1 W olkenatlas zu beobachten ist -, ihre Anfänge jedoch reichen bis in die Antike und Frühe Neuzeit zurück.

Der klassische Utopiebegriff nämlich ist an dem 1516 von Thomas Morus verfassten Roman Utopia, welcher auch der Gattung ihren Namen gibt, orientiert, wobei das Urbild utopischer Literatur bereits in Platons Politeia verankert ist.2 Da die Vorstellung von Utopie und utopischer Literatur folglich bereits bis in die antike Vorzeit zurückreicht und erst wieder in der Frühen Neuzeit aufgegriffen wird, stellt sich die Frage, inwiefern der Utopiebegriff überhaupt an mittelalterliche Literatur und mittelalterliches Denken herangetragen werden kann. Aus diesem Grund beschäftigt sich diese Untersuchung zunächst mit eben dieser Frage und beleuchtet dafür die Begriffsgeschichte, wobei aufgrund des vorgegebenen Umfangs dieser Arbeit dies nur einführend, keinesfalls erschöpfend vorgenommen werden kann. Daraus soll sich ein auch für das Mittelalter gültiger Utopiebegriff ergeben, mit welchem sich die Untersuchung nun an den vom Stricker verfassten Roman Daniel von dem Blühenden Tal heran nähert. Dabei geht es darum aufzuzeigen, inwiefern der Erzähler in der Konstruktion der Herrschergestalt König Maturs und dessen Königreichs Cluses eine negative Utopie entworfen hat.

In der Recherche hat sich dabei schnell zweierlei Verdacht aufgedrängt, der infolge der Untersuchung betrachtet werden und sich letztlich bestenfalls als sinnlogisch herausstellen soll: Die Konstruktion der Gesellschaftsordnung in Cluse sowie der Herrscherpersönlichkeit König Maturs erscheint als diametral entgegengesetzter Entwurf zur idealtypisch beschriebenen Gesellschaftsordnung am Artushof. Betrachtet man Cluse also als negativ- utopischen Entwurf einer Lebenswelt, deutet die extreme Kontradiktion zum Artushof darauf hin, dass es sich bei dieser demgegenüber um eine positiv -utopische Darstellung handeln muss. Folglich erscheinen beide Herrschaftsformen und – gebiete gleichermaßen als mittelalterliche Utopien.

Ein weiterführender Gedanke ist es, dass es die Intention des mittelalterlichen Autors gewesen sein könnte, auf diese Weise nicht nur Kritik an der zeitgenössischen Gesellschaftsordnung zu äußern, sondern auch an der literarischen Verarbeitung des Artus-Mythos. Folglich positioniert sich diese Untersuchung nicht im Forschungsdiskurs, der im Stricker‘schen Daniel eine Parodie des Artusromans zu erkennen meint, sondern sieht in diesem Roman eine sich zumindest andeutende Artus- Kritik.

Um diese Vermutungen zu stützen, beleuchtet diese Arbeit in ihrem Hauptteil relevante Textpassagen des Romans, um die Eigenschaften König Maturs sowie seines Herrschaftsgebiets Cluses, notwendigerweise auch immer im unmittelbaren Vergleich mit Artus und dem Artushof, herauszuarbeiten.

2. Gibt es utopisches Denken im Mittelalter? Zu Herkunft, Geschichte und Definitionen des Utopiebegriffs

2.1 Herkunft und Geschichte

Die Frage nach der „Geburtsstunde“ der Utopie wird in der Forschung kontrovers 3 beantwortet.Gemeinhin wird der Anfang des klassischen Utopiebegriffs in der Frühen Neuzeit angesiedelt; der 1516 von Thomas Morus verfasste Roman Vom besten Zustand des Staates oder von der neuen Insel Utopia (vereinfacht Utopia), der einen auf der entlegenen Insel Utopia existierenden idealen, rationalen Vernunftstaat imaginiert, 4 nämlich gilt als Prototyp utopischer Literatur. 5 Bei der Inselbezeichnung „Utopia“ handelt es sich um einen Neologismus , der in der klassischen Sprache nicht belegt, sondern von dem englischen Humanisten aus dem Altgriechischen entlehnt wörtlich 6 übersetzt „Nichtland“, „Nirgendland“ oder „Nicht-Ort“ bedeutet. Die Wichtung dieses frühneuzeitlichen Romans als erste literarische Utopie führte zur Gattungsbezeichnung und legitimiert einen an den konstitutiven Merkmalen dieses Werkes orientierten klassischen Utopiebegriff. Dass es sich tatsächlich um die erste literarische Utopie handelt, scheint allerdings kein allgemeiner Konsens in der Utopieforschung zu sein, die sich über die Existenz klassischer Utopien in der Antike und dem Mittelalter, sowie deren Wirkung auf neuzeitliche Utopien uneinig ist. Einerseits herrscht die Auffassung vor antike und mittelalterliche Denkströmungen seien weder mit der klassischen Utopie vergleichbar, noch wären überhaupt antike Utopien in der (Frühen) Neuzeit 7 aufzufinden.Andererseits gibt es in der Forschung auch den Standpunkt, dass bereits die Antike und das Mittelalter kontrafaktische, imaginäre Lebenswelten zeichneten, in deren Tradition mitunter neuzeitliche utopische Werke stehen, weshalb der Utopiebegriff nicht zwangsläufig ein modernes Phänomen ist.

Unter antiken Schriften8 und antike Mythologien vom Goldenen Zeitalter sowie der griechischen Atlantis-Sage tat sich insbesondere Platons Politeia „als 9 Orientierungspunkt und teilweise auch als direktes Vorbild“ für moderne Utopisten hervor. In dieser entwirft der Philosoph in einem fiktiven literarischen Dialog einen gerechten, ständisch geordneten Idealstaat, der als „erste rational durchkonstruierte 10 Utopie“ 11 bezeichnet wird, deswegen Platon als eigentlicher „Vater der Utopie“ . Während also diverse „Urbilder“ der klassischen literarischen Utopie aus der Antike und der Frühen Neuzeit überliefert sind, sind aus dem Zeitraum des Hoch- und Spätmittelalters zunächst scheinbar keine einschlägigen Werke bekannt. Doch nicht nur ältere Beiträge von Ferdinand SEIBT und Otto G. OEXLE12, denen in der mediävistischen Utopieforschung besondere Bedeutung zugesprochen wird, auch neuere Forschungsbeiträge plädieren für utopisches Denken im Mittelalter. Texte und Überlieferungen aus dem Mittelalter können inhaltlich, formal, intentional sowie funktional als Vorformen der neuzeitlichen, klassischen Utopie betrachtet zu werden.13

da sie ebenfalls aus der menschlichen Phantasie heraus entstandene „in der Realität 14 nicht erfahrbare, meist angenehme Lebensweisen“ darstellen und darin bereits Reaktionen auf zeitgenössische Realitäten, die zu kritisierende Entwicklungstendenzen 15 dieser Gegenwart artikulieren. Nach BIESTERFELD existieren solche Texte nicht nur früher als die klassische Utopie, vielmehr können sie dieser „den Boden vorbereiten und 16 ihr zeitlose Requisiten liefern“ . Neuzeitliche Utopien weisen Anknüpfungs- und Berührungspunkte an bekanntes, antikes wie mittelalterliches Gedankengut, doch unterschieden sich die Utopievorstellungen wesentlich darin, […] daß, während die utopischen Gesellschaftskonzepte der Neuzeit nach antikem Vorbild zumeist auf säkulare Grundkategorien, wie z.B. den Begriff der Natura, zurückgeführt werden, sich die mittelalterlichen Entwürfe einer ‚wahren und gerechten Lebensordnung‘ stets auch heilsgeschichtlicher Denk- und Darstellungsmuster bedienen.17

Dies liegt am Einfluss der Herrschaft des Christentums, die „als der die Zeit prägenden 18 geistigen Macht [utopische] Entwürfe verhindert haben [könnte]“ 19 und somit den Utopiebegriff weitgehend für obsolet erklärte . Da die christliche Lehre also die eigentliche Geschichte des Menschen als Heilsgeschichte betrachtete, waren alle Vorstellungen von einer idealen, vollkommenen Menschheit in das metaphysische Jenseits verlagert. Biblische Paradiesvorstellungen, die „Uniformität und 20 Dekonstruierung mittelalterlicher Klostergemeinschaften“ , die chiliastische Vision der Johannes-Apokalypse vom Himmlischen Jerusalem und dem tausendjährigen Friedensreich Gottes auf Erden sind der Grund, warum SCHULTE HERBRÜGGEN das 21 Mittelalter als „utopisches Vakuum“ bezeichnet. Doch existierten im Mittelalter auch die Vorstellung eines hedonistischen Schlaraffenlandes, welche durchaus als „Spielart der Utopie“22 zu bezeichnen ist sind. Nicht nur darin, Formen idealtypischer Gesellschaftsordnungen zeitlich versetzt in der Vergangenheit oder Zukunft zu verorten, auch weil sie aus der Phantasie der Menschen, einerseits aus realen Nöten und Ängsten im Mittelalter stimuliert, andererseits durch Lehren und Gebote des Christentums 23 herausgefordert , entstanden sind, handelt es sich also sehr wohl auch um ein gewisses utopisches Gedankengut. Folglich gibt es keine klassischen Utopien in der mittelalterlichen Literatur, vielmehr weisen utopische Entwürfe des Mittelalters 24 eigenständige „Parameter der utopischen Intention“ auf, die allenfalls als Vorformen zu betrachten sind, und am Beispiel des Strickerschen Daniel von dem blühenden Tal – genauer gesagt der Konstitution des Reichs Cluse – besprochen werden sollen. Doch zunächst zusammenfassend zur Definition des Utopiebegriffs.

2.2 Definitionen

Da der Titel des Werkes von Thomas Morus dafür herhalten muss, jegliche „Phantasiereiche, Lügenländer und allgemein märchenhafte Geographie“25 sowie anderweitig die Realität verlassende Fiktionen zu beschreiben, ist für BIESTERFELD der Utopiebegriff zum „Reizwort von feuilletonistischem Niveau“26 geworden. Dieser Umstand erschwert in der Forschungsdiskussion eine verbindliche, einheitliche Definition des Begriffs. Doch wie Martin D’IDLER ausführt, existiert ein zum Idealtypus stilisierter Utopiebegriff, welcher ein präzises analystisches Raster dar[stellt], das, obschon dieser Idealtypus natürlich nicht in Reinform existiert, doch als heuristisches Arbeitsinstrumentarium sowohl die Abgrenzung der Utopie von anderen geistesgeschichtlichen Phänomenen wie auch Identifizierung von Mischformen ermöglicht.

Demzufolge erfasst sein Definitionsversuch anscheinend umfassend den kontrovers diskutierten Utopiebegriff, indem D’IDLER Utopien „als Fiktion einer innerweltlichen Gesellschaft“ bezeichnet, die sich staatlich oder staatsfrei verfasst, […] zu einem Wunsch- oder Furchtbild verdichtet und durch präzise Kritik bestehender Institutionen und sozio-politischer Verhältnisse auszeichnet, denen sie eine durchdachte und rational nachvollziehbare Alternative gegenüberstellt.27

Doch wie zuvor ausführlich erläutert, ist es schwer, diesen Utopiebegriff auch außerhalb der frühneuzeitlichen Literatur geltend zu machen.

[...]


1 Obwohl hier darauf hingewiesen sei, dass „Der Wolkenatlas“ nicht in Gänze ein utopischer Roman ist, lediglich die Handlungen um den weiblichen Klon Sonmi-451 und den Ziegenhirten Zachry erzählen dystopische Zukunftvorstellungen.

2 Vgl. hierzu Kap.2.

3 Vor allem, da die Antwort bereits eine etwaige Vorstellung vom Utopiebegriff impliziert. Vgl. dazu Thomas SCHÖLDERLE, Utopia und Utopie, Thomas Morus, die Geschichte der Utopie und die Kontroverse um ihren Begriff, 1. Aufl. München 2011, S.166.

4 Wobei die Forschung bereits festgestellt hat, dass Morus‘ Utopia per Definition keine Utopie mehr darstellt, vielmehr erweist sich diese exaktes Gegenteil: „Konzipiert als fiktives Gegenbild, als gedankliches Experiment, versucht sie in kritisch-satirischer Absicht den herrschenden Missständen den Spiegel vorzuhalten [,der] allein auf die politische Diskussion gerichtet [ist], nicht auf die praktische Realisierung des vorgestellten Inhalts“, SCHÖLDERLE, S.16.

5 Vgl. dazu Wolfang BIESTERFELD, Die literarische Utopie, 2. neubearb. Aufl., Stuttgart: 1982, S.1.

6 Der Begriff ist aus dem Verneinungspartikel „uo“ und dem Wort „topos“, das einen Ort bezeichnet, zusammengesetzt.

7 Unter anderem, weil es der Diskurs mit sich bringt, danach zu fragen, ob Utopien bereits ante bellum, das heißt vor der Entstehung des Begriffs selbst verfasst werden konnten, also ob erst der Begriff die Gattung schafft, oder ob es diese bereits zuvor gegeben hat.

8 Gemeint sind Ovids Metamorphosen, Iambulos‘ Sonnenstaat oder Plutarchs Leben des Lykurgos.

9 Martin D’IDLER, Die Modernisierung der Utopie: vom Wandel des neuen Menschen in der politischen Utopie der Neuzeit, Politica et Ars, Bd. 15, Berlin 2007, S.55.

10 BIESTERFELD, S.1.

11 BIESTERFELD, S.14.

12 Gemeint sind weiterführend Otto G. OEXLE, Utopie, in: Lexikon des Mittelalters 8 (1997), Sp. 1345 -1348, ders., Utopisches Denken im Mittelalter. Pierre Dubois. Historische Zeitschrift 224 (1977), S.229 -339, ders., Wunschrtäume und Wunschzeiten in Mittelalter, Früher Neuzeit und Moderne, in: Jörg Calließ (Hrsg.), Die Wahrheit des Nirgendwo. Zur Geschichte und Zukunft des Utopischen Denkens, Rehberg - Loccum 1994, S.33-84 sowie Ferdinand SEIBT, Utopie im Mittelalter, Historische Zeitschrift 208 (1969), S.555-594.

13 Vgl.SCHÖLDERLE, S.167 f.

14 BIESTERFELD, S.22.

15 SCHÖLDERLE, S.170.

16 Ebd.

17 Thomas TOMASEK, Auf der Durchreise durch (das arthurische) Utopia, in: Raumerfahrung – Raumerfindung: Erzählte Welten des Mittelalters zwischen Orient und Okzident, Hrsg.v. Leatitia Rimpau, Peter Ihring, Berlin 2005, S.103.

18 BIESTERFELD, S.35.

19 SCHÖLDERLE, S.176.

20 Ebd.

21 Hubertus SCHULTE HERBRÜGGEN, Utopie und Anti-Utopie : Von der Strukturanalyse zur Strukturtypologie, Beiträge zur englischen Philologie (43), Bochum-Langendreer 1960, S.115.

22 SCHÖLDERLE, S.176.

23 Vgl. BIESTERFELD, S.26.

24 TOMASEK, S.100.

25 BIESTERFELD, S.1.

26 Ebd.

27 D’IDLER, S.18.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Negativ-utopische Elemente in Strickers "Daniel von dem blühenden Tal"
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Ältere Deutsche Literaturgeschichte
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V458890
ISBN (eBook)
9783668876583
ISBN (Buch)
9783668876590
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ältere deutsche Literaturgeschichte, Daniel von dem blühenden Tal, Stricker, Utopie, Negativ-Utopie, Utopie im Mittelalter, Mediävistik
Arbeit zitieren
Anna Stumpe (Autor), 2015, Negativ-utopische Elemente in Strickers "Daniel von dem blühenden Tal", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458890

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