Kurköln am Scheideweg. Verfahren und Ritual der Kölner Bischofswahl von 1688


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
34 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.1 Einleitung
1.2 Quellenlage
1.3 Forschungsstand

2.1 Die kirchenrechtlichen Voraussetzungen der Wahl
2.2 Die politische Ausgangssituation: Kurköln im späten 17. Jh.

3. Die Wahl von 1688
3.1 Die Kandidaten der Wahl
3.2 Bestechung und Einflussnahme beider Parteien im Vorfeld der Wahl
3.3 Der Wahltag
3.4 Ausblick auf die Folgen der Wahl

4. Fazit

Chronologie der Ereignisse

Quellen- und Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tafelteil

1.1 Einleitung

Die immense Bedeutung der Kölner Bischofswahl von 1688 mag den Zeitgenossen spätestens nach dem Lesen der folgenden Zeilen bewusst geworden sein: „(...) dahero die Resolution genommen hatten (...) einige wenige Truppen zu Fuß und Pferd einzig und allein zur Defension dieses Erzstiffts, nicht aber zu eines Menschen Beleidigung, oder dem geringsten Last und Schaden der Unterthanen in dieses Land anmarschieren und verlegen zu lassen, so hätten wir, zwar lieber sehen und wünschen mögen, daß dieses Erzstifft, von aller solcher Einlegung wäre befreyet bliebe, nach dem aber höchst gedachte Gr. Kön. Maj. sichere Nachricht erhalten haben sollen, daß die auff dieses Erzstifts gränzen mit Artillerie und allerhand Munition sich versammelte Kriegs-Macht (...) vermuthlich um einiger Plätze dieses Erzstiffts zu bemächtigen angesehen wäre (...) haben wir zu Vorkommung allerhand fernerer Ungelegenheit und befahrenden Landverderbens nöthig zu sein erachtet mit der Generalität obgedachten Französischen Völker uns dahin zu vergleichen (...) Bonn, den 12. Sept. 1688 Wilhelm Egon, Kardinal Landgraf zu Fürstenberg als Dom Dechant und postulierten Erz Bischof und Churfürst zu Cölln“.1 Ein Krieg2 hatte also begonnen und sollte insbesondere dem Rheinland im Verlauf der nächsten Jahre Leid und Zerstörung bringen. Ein postulierter Kölner Erzbischof hatte französischen Truppen den Marsch über den Rhein erlaubt, um militärisch gegen das Heer einer kaiserlichen Allianz vorzugehen. Eine Allianz, die sich freilich die Absetzung desselben Bischofs zum Ziel erklärt hatte. Der vorausgegangene Wahlakt, der diesem Kölner Erzbischof und Kurfürsten Legitimität zur Ausübung seiner geistlichen und weltlichen Herrschaft hatte geben sollen, mußte daher ganz offensichtlich versagt haben, wenn nun ein französischer König gegen einen deutschen Kaiser über das Wahlergebnis zu Felde ziehen konnte. In der Tat können der vorige Wahlakt und das postulierte Ergebnis als turbulent bezeichnet werden, wie noch zu zeigen sein wird. Diese Wahl, die Anlass zu einer derartigen Eskalation gegeben hat, ist nämlich das Thema der vorliegenden Arbeit. Im Besonderen wird hierbei der Frage nachgegangen werden, welche Elemente der Wahl eher den Charakter eines Verfahrens3, respektive den eines Rituals4 aufweisen. Vorab muß hierzu festgestellt werden, daß eine derartige Differenzierung modernen Theoremen der Sozial- und Politikwissenschaften entstammt5 und generell nicht im Bewusstsein der frühneuzeitlichen Wahlakteure präsent gewesen ist. Für sie war der Wahlprozess vielmehr nur in seiner Gänze sichtbar und wirkungsmächtig6. Die technischen Elemente der Prozedur, die in dieser Arbeit als Verfahren aufgefasst werden, bilden grundsätzlich immer eine Einheit mit den rituellen Elementen. Nach dieser Klärung begrifflicher Aspekte folgen nun erst Ausführungen zu Quellenlage sowie Forschungsstand und danach einige Bemerkungen zu den Voraussetzungen der Wahl. Letztere sollen einerseits die zugrunde liegende rechtliche Situation erhellen, andererseits auch den politischen Rahmen der Ereignisse aufzeigen. Nach diesen einleitenden Punkten beginnt der Hauptteil der Arbeit, der sich dezidiert mit der Wahl von 1688 beschäftigen wird. Es werden darin sowohl die Kandidaten der Wahl, die Einflussnahme der beiden Parteien im Vorfeld der Wahl, die Geschehnisse am Wahltag selbst, sowie ein Ausblick auf die Folgen der Wahl zu behandeln sein. Die Ergebnisse der Arbeit sollen daraufhin in einem Fazit versammelt werden. Abschließend folgen zur Illustration des Textteils eine Chronologie der Ereignisse, die relevante Geschehnisse in Auswahl tabellarisch präsentieren wird, sowie ein Tafelteil.

1.2 Quellenlage

Die Quellenlage zur Wahl von 1688 ist überaus günstig. Verschiedenste Briefe und Dokumente sind zu dem Themenkomplex dieser Wahl tradiert worden. Bereits den Zeitgenossen waren verschiedene offizielle Schreiben und für die Öffentlichkeit bestimmte Flugschriften, etc. bekannt7. Einen intimeren Einblick, der dieser damaligen Öffentlichkeit verborgen geblieben ist, geben die erhaltenen Briefe. Die Akteure der Wahl standen nämlich mit ihren Seilschaften im ständigen Kontakt und haben somit viel über die sich entwickelnde Situation geschrieben. Sowohl zu strategischen Manövern im Vorfeld der Wahl, wie z.B. Bestechung, als auch zu den Geschehnissen am Wahltag selbst und den nachfolgenden Ereignissen sind deshalb Quellen verfügbar. Diese liegen hauptsächlich in 3 Sprachen vor. Dabei handelt es sich um das Französische, das als Modesprache der Zeit ja insbesondere den Aristokraten gut bekannt gewesen ist; ferner liegen auch zahlreiche Quellen in lateinischer und deutscher Sprache vor. Latein findet als traditionelle Sprache des Klerus insbesondere von kirchlicher Seite Verwendung, wobei der damalige Papst Innozenz XI. auch durchaus in italienischer Sprache mit seinem Kölner Nuntius Tanara zu korrespondieren pflegte8. Das Deutsche wird zumeist dann gebraucht, wenn sich an ein einfacheres, volkssprachliches, Publikum gewandt wird. Ein ausgewählter Teil dieser angesprochenen Quellen liegt heute in edierter und gedruckter Form vor. In der vorliegenden Arbeit haben ausschließlich diese gedruckten Quellen Verwendung finden können. Im Besonderen sind hierbei die frühneuzeitlichen Editionen von Johann Christian Lünig9 und Michael Caspar Lundorp10 benutzt worden.

1.3 Forschungsstand

Aufgrund ihrer politischen Bedeutung hat die Wahl von 1688 vom ausgehenden 17. Jh. bis zum heutigen Tag häufig das Interesse der Forschung auf sich gezogen. Schon die Zeitgenossen beschäftigten sich eingehender mit ihr; sie untersuchten die Wahl auf ihren rechtlichen Gehalt11. Im Zentrum des damaligen Diskurses stand hierbei die Frage nach der Gültigkeit der von den konkurrierenden Parteien vertretenen Interpretationen des Wahlergebnisses. In der modernen Historiographie war ein Verweis auf die Wahl, als ein maßgebliches Ereignis der Kölner Geschichte, ubiquitärer Bestandteil von zahlreichen, insbesondere ereignisgeschichtlichen, Darstellungen der Zeit. Das gemeinsame Element der Wahl von 1688 vereinte dabei sowohl Geschichtswerke über Kurköln12, die Geschichte der katholischen Kirche und ihrer Päpste 13, als auch Biographien 14 über die verschiedenen Akteure des Wahlgeschehens. Hierbei stand jedoch hauptsächlich eine Betrachtung der Wahl aus rechts- oder ereignisgeschichtlicher Perspektive im Vordergrund. Die Wahl selbst war zudem meist einer größeren Narration untergeordnet; in Biographien ist sie eine Lebensepisode der Handelnden und in der Geschichte des Bistums der Auslöser einer Krisenzeit. Nur der Aufsatz Böhmländers von 191215 beschäftigt sich ausführlicher mit der Wahl an sich und ihren historischen Voraussetzungen. Selbst hier nimmt die Beschreibung des Wahltages jedoch verhältnismäßig wenig Raum ein. Aufbauend auf Böhmländers Arbeit hat Feine 1921 eine noch immer grundlegende rechtshistorische Studie über die Besetzung der Reichsbistümer, die auch die Kölner Bischofswahl ausführlich behandelt, geschrieben16. Ferner ist zu konstatieren, daß die ältere Forschung, besonders im deutschsprachigen Raum, die Wahl von 1688 nicht, um es mit Tacitus zu sagen, „sine ira et studio“17 sondern eher im Sinne der Deutsch-Französischen Erbfeindschaft zu deuten pflegte 18. In jüngster Vergangenheit ist ein neues Interesse an den Akteuren der Wahl feststellbar, wobei neue Fragestellungen im Zentrum des Interesses stehen19. Dem Verfasser ist aber keine Studie bekannt, in der eine Analyse der Wahl auf ihren Verfahrens- und Ritualcharakter hin bereits unternommen worden wäre.

2.1 Die kirchenrechtlichen Voraussetzungen der Wahl

„In einem Zwiespalt der Geister ist Gott nicht“20. Diese theologische Aussage des Papstes Gregor I. ist eine wichtige Voraussetzung für das Konzept der Unanimitas21, wonach der Einheit der Kirche, ja der gesamten Christenheit, eine heilsgeschichtliche Bedeutung zukommt und das Ziel einer kirchlichen Wahl (lat. electio) in größtmöglicher Einmütigkeit besteht; die Einheit Gottes sollte quasi anhand der eigenen Unanimitas demonstriert werden. Da es jedoch in der menschlichen Natur liegt, nach mehr zu streben, konnte der Wunsch nach Eintracht allein diese nicht herstellen22. Es brauchte also Regelungen. Insbesondere über die Frage, wer die geistliche und ,nicht zuletzt, auch weltliche Macht eines Bischofs ausüben durfte. Das vierte Laterankonzil von 1215 schaffte solche Regelungen23 ; sie sollten auch noch für die Wahl von 1688 verbindlich bleiben. Zunächst wurde in den Beschlüssen des Konzils den Kapiteln 24, denen grundsätzlich das Recht der Wahl ihres Bischofs zukam, eine dreimonatige Frist der Vakanz gegeben. Sollte eine Wahl zur Neubesetzung einer Kathedralkirche ohne „rechtliches Hindernis“25 länger als 3 Monate aufgeschoben worden sein, sollte das Wahlrecht des Domkapitels einmalig verfallen und auf höhere Instanzen übertragen werden. Nach dieser zeitlichen Fristsetzung wird das eigentliche Wahlverfahren genauer festgelegt. Offenbar war dies notwendig geworden, um dem Desiderat von rechtlicher Sicherheit durch Schaffung eines verbindlichen und allgemeinen Rahmens nachzukommen. Zumindest beklagte das Konzil große Gefahren, die aus der bisher unsicheren Rechtslage entstehen konnten: „Quia propter electionum formas diversas, quas quidam invenire conantur (...) magna pericula imminent (...)“ 26 Als erstes legitimes Wahlverfahren tritt das Scrutinium27 in Erscheinung: „Steht die Feier einer Wahl an, werden in Gegenwart aller, die teilnehmen müssen, teilnehmen wollen und ohne Umstände teilnehmen können, drei vertrauenswürdige Personen aus dem Kollegium bestimmt. In geheimer Einzelbefragung ermitteln sie sorgfältig die Stimmen aller, halten sie schriftlich fest und machen sie alsbald öffentlich bekannt. Jede Form von Appellation ist wirkungslos, so daß nach Auswertung der Stimmen derjenige als gewählt gilt, auf den sich das ganze Kapitel oder der größere und gesündere Teil des Kapitels (vel maior vel sanior pars capituli) einigt.“ Die zweite Form der Wahl ist das Compromissum (Wahlauftrag): „Eine andere Art der Wahl besteht darin, die Wahlvollmacht wenigstens einigen geeigneten Männern (viris ideoneis) zu übertragen, die an Stelle aller für einen Hirten in der verwitweten Kirche sorgen“. Zuletzt besteht noch die Möglichkeit einer Electio quasi per inspirationem (Inspirationswahl) : “Eine auf andere Art vorgenommene Wahl ist nicht gültig, außer sie wäre gemeinsam von allen – gleichsam durch göttliche Eingebung (Quasi per inpirationem 28 ) – ohne Fehler gefeiert worden.“ Gegensätzliche Wahlformen sind untersagt, Stellvertreter nur bei notwendiger Abwesenheit des Wählenden gestattet und eine feierliche Verkündigung der Wahl nach Abschluss derselben notwendig:

„Alle, die im Gegensatz zu den genannten Formen zu wählen versuchen, verlieren für dieses Mal ihre Wahlvollmacht. Die Bestellung eines Stellvertreters in einem Wahlerfahren untersagen wir völlig, es sei denn, jemand wäre an dem Ort, von wo er gerufen werden müßte, nicht anwesend und könnte wegen einer rechtmäßigen Verhinderung nicht kommen. Dies müßte er nötigenfalls durch Eid beglaubigen und könnte dann, bei Belieben, einer Person aus dem betreffenden Kollegium seine Stellvertretung übertragen. Geheime Wahlen verwerfen wir und bestimmen, daß eine Wahl sofort nach ihrer Beendigung feierlich veröffentlicht wird.“

Zuletzt werden noch Idoneitätskriterien29 angesprochen, wonach niemand in die Würde eines Bischofs gewählt werden darf, der zu jung, zu ungebildet oder zu charakterschwach für dieses Amt ist oder dem bereits ein anderes Bistum untersteht. Obschon diese Kriterien der Eignung im Grundsatz auch für die Kandidaten der Wahl von 1688 gelten sollten, hatte sich in den Jahrhunderten nach dem 4. Laterankonzil die Situation dahingehend verändert, daß der Papst bei fehlender Eignung nachträglich ein Dispens30 erteilen konnte. In der Regel war die Leistung einer finanziellen Gefälligkeit Voraussetzung dafür. Auch die Ausstellung eines Wählbarkeitsbreves im Vorhinein war ein möglicher und gängiger Usus geworden, weshalb also auch Kandidaten, die bereits andere Bistümer innehatten und ein zu geringes Alter aufwiesen in der Frühen Neuzeit zu Bischöfen gewählt werden konnten31. Da die Wahl eines untauglichen Kandidaten jedoch faktisch strafbar war, durfte nicht das Wort „wählen“ (lat. eligere) verwendet werden. Stattdessen musste unmissverständlich von „fordern“ (postulare) gesprochen werden, um die Rechtslage direkt offen sichtbar zu machen32. Es oblag ja grundsätzlich dem Papst, über das Ergebnis einer Wahl zu entscheiden33 und gerade die Annahme und Dispensierung einer eigentlich nicht wählbaren Person mußte stets als Gnadenakt verstanden werden. In jedem Falle war der wählbare Kandidat dem zu postulierenden Kandidaten insofern überlegen, als die Hürden des Wahlverfahrens für ihn weniger steil waren. Sollte nämlich ein zu postulierender Kandidat (Postulandus) gegen einen zu wählenden Kandidaten (Eligendus) antreten, bestimmte das Kirchenrecht nach c. 40 X de elect. I 634 von 1212, daß der Postulandus eine 2/3 Mehrheit benötigte. Der Eligendus benötigte dagegen nur 1/3 der Gesamtstimmen zur erfolgreichen Wahl. Diese Regelung ist insbesondere für die Kölner Wahl von 1688 von Bedeutung gewesen, da sie in Praxi zwischen einem zu postulierenden und einem zu wählenden Kandidaten ausgefochten wurde, wie noch zu zeigen sein wird.

2.2 Die politische Ausgangssituation: Kurköln im späten 17. Jh.

Ein Name hat das 17. Jh. wohl vor allen anderen geprägt; der des französischen Königs Louis XIV.35 Auch Kurköln konnte sich dem Einfluss dieses mächtigen Mannes und des politischen Systems, das er wie kein anderer Herrscher verkörperte, dem Absolutismus, nicht entziehen. Die Herrschaft dieses sogenannten Sonnenkönigs, der wie die Sonne selbst, als machtvoller Fixstern im Staate fungierte, sodaß sich alle Untertanen, wie Planeten, um ihn drehen sollten, ist freilich das prominenteste Beispiel für den Absolutismus in der Frühen Neuzeit im Urteil der Nach- und auch Mitwelt geworden. Absolutismus ist jedoch kein zeitgenössischer Ausdruck des 17. Jhs. gewesen. 36 Bekannt war allerdings schon die Bezeichnung der absoluten Monarchie, für ein monarchisches System, bei dem der Großteil der Macht vom König selbst ausging.37 Sicher ist jedenfalls, daß Ludwig XIV. mit enormer Machtfülle herrschte und auch gewaltsame Konflikte mit dem Heiligen Römischen Reich um die Hegemonie innerhalb Europas nicht scheute. Ab 1667 begann der König mit dem Devolutionskrieg die militärische Eskalation seiner Reunionspolitik 38. Im Verlauf der nächsten Jahre folgten weitere Kriege und Friedensverträge, bis 1684 ein auf 20 Jahre festgelegter Waffenstillstand zwischen Frankreich und dem Reich vereinbart wurde. Die politische Agenda des Königs bezüglich der Rheinlande, die darauf abzielte Kurköln zu einem Satelliten Frankreichs zu machen, sollte sich jedoch als verbindlichere Verpflichtung Ludwigs erweisen, wie im Ausblick auf die Folgen der Wahl noch zu zeigen sein wird. Nach diesem Blick auf den mächtigen Potentaten im Westen, gilt es den Blick auf Kurköln selbst zu richten. Hier verstanden es die Wittelsbacher, einen der ihrigen an die Macht und Kurwürde zu bringen. Von 1583 bis 1761 waren insgesamt 5 Männer aus diesem Geschlecht Kölner Erzbischöfe39. Die Wahl von 1688 hatte indes das Ableben des Kurfürsten Maximilian Heinrich notwendig gemacht. Dieser wurde 1651 ins Amt gewählt und ließ sich in den folgenden Jahrzehnten zunehmend für die Politik des Sonnenkönigs verwenden. Der eher ängstliche Kurfürst konnte dabei sogar für eine direkte Teilnahme an einem Krieg gegen Holland gewonnen werden. Der Wittelsbacher Maximilian Heinrich hat sich als Kölner Erzbischof und Kurfürst 40 insgesamt nicht sonderlich um sein Territorium verdient gemacht41. Er überließ den Brüdern Franz Egon und Wilhelm Egon von Fürstenberg den Großteil der politischen Geschäfte des Kurstaates. Diese Brüder wiederum bauten auf den König von Frankreich, um ihre eigenen Ambitionen von Macht und Reichtum zu verfolgen. Östlich des Kölner Kurstaates war derweil Kaiser Leopold I. mit Türkenkriegen beschäftigt42. Obschon die Türken ein beliebtes Feindbild jener Zeit waren, sorgte sich der Kaiser auch zunehmend um die Integrität des Reiches im Westen, die ja von der Reunionspolitik Ludwigs XIV. bedroht wurde. Das Interesse des Kaisers mußte dabei in besonderem Maße dem Erhalt Kurkölns im Reich gelten. Schließlich war der Kölner Erzbischof ein wichtiger Reichsfürst und Elektor des Kaisers. Zuletzt ist noch der Papst Innozenz XI. zu nennen. Die Macht des Sonnenkönigs hatte ihn, den letztlich obersten Herren aller Domkapitel und der gesamten katholischen Christenheit, nicht davon abbringen können, die Kirchenpolitik Ludwigs, die sich zum Ziel erkoren hatte, auch den lokalen Zweig der katholischen Kirche dem König untertan zu machen, zu kritisieren. Die Beziehungen zwischen Papst und König sollten sich im Zuge der Wahl von 1688 noch bis zu offenen Drohgebärden hin verschärfen 43. Zusammenfassend lässt sich also ein durchaus düsteres Bild der Lage Kurkölns im 17. Jh. zeichnen, da zwei mächtige Potentaten es an sich binden wollten. Daß eine derartige Ausganssituation Krieg grundsätzlich befördert hat schon Thukydides in seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges erkannt44.

[...]


1 Zitiert nach L. Ennen, Frankreich und der Niederrhein, oder Geschichte von Stadt und Kurstaat Köln seit dem 30 jährigen Kriege bis zur französischen Occupation, meist aus archivalischen Dokumenten 2, Köln- Neuß 1856, S. 502f. Auch Lundorp XIII, S. 616.

2 Dieser ging als Pfälzischer Erbfolgekrieg (1688-1697) in die Geschichte ein. Vgl. dazu ausführlicher Punkt 3.4

dieser Arbeit.

3 Unter Verfahren soll dabei, im Gegensatz zum eher kultisch-symbolisch konnotierten Ritual, etwas technisch- instrumentelles verstanden werden, das sich , zumindest idealiter, durch Autonomie und Ergebnisoffenheit auszeichnet. Letzteres ist jedoch für die Frühe Neuzeit grundsätzlich immer nur eingeschränkt der Fall gewesen. Vgl. T. Weller, Technik und Symbolik vormoderner Wahlverfahren – Einleitung, in: Technik und Symbolik vormoderner Wahlverfahren (= Historische Zeitschrift Beihefte 52), C. Dartmann; G. Wassilowsky; T. Weller (Hgg.) München 2010, S. 4-10.

4 Dieser Arbeit liegt die Definition des Begriffes nach Barbara Stollberg-Rilinger zugrunde, wonach ein Ritual „eine menschliche Handlungsabfolge bezeichnet, die durch Standardisierung der äußeren Form, Wiederholung, Aufführungscharakter, Performativität und Symbolizität gekennzeichnet ist und eine elementare sozial strukturbildende Wirkung besitzt.“ Vgl. B. Stollberg-Rilinger, Rituale (= Historische Einführungen 16) Frankfurt-New York 2013, S. 9.

5 Diese Arbeit ist dahingehend von Murray Edelmans Konzept der ritualisierten Politik, wonach auch eine politische Wahl als scheinbar komplexes Zivilisationsphänomen eine grundsätzliche Ähnlichkeit zu dem Regentanz einer einfachen Stammesgesellschaft aufweist, inspiriert worden. Edelman wiederum griff Ideen der Ethnologie auf. Vgl. M. Edelman, Politik als Ritual. Die symbolische Funktion staatlicher Institutionen und politischen Handelns, Frankfurt-New York 20053 S. 207 und passim. Zu der Gemeinsamkeit von Regentanz und Wahl, die in der Konstruktion eines vereinfachten Abbilds der Wirklichkeit durch gemeinsame motorische Aktivität besteht, vgl. Ders. Ebd. S. 14.

6 Vgl. Weller 2010, S. 2 und S. 12.

7 Ein Beispiel dafür ist das in der Einleitung dieser Arbeit zitierte Dokument Fürstenbergs, worin er die Bewohner des Kurstaates auf den begonnenen Krieg hinweist.

8 Vgl. Pastor 1930, S. 938.

9 Vgl. B. Roeck, s.v. „Lünig, Johann Christian“ in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987) S. 468-469. Lünig (14.10.1662-14.09.1740) kompilierte und publizierte nach seinem Jurastudium in Jena eine Vielzahl von Akten zu Fragen des Reichsrechts. In diesem Sinne überrascht es nicht, daß sich in dieser Quellenfülle auch eine Beschreibung der Wahl von 1688 finden lässt. Zu Bedenken gilt es dabei jedoch, daß die kritische Methode der Edition Lünigs nicht sonderlich umfassend ist. Der geneigte Leser erfährt hier nicht, woher Lünig seine Quellen im Einzelnen bezogen hat. Dennoch kann die Schilderung der Ereignisse nach Lünig insofern als wertvoll gelten, als er ein Zeitgenosse der Sache gewesen ist. Sein persönliches Schicksal ist sogar eng mit den Ereignissen der Wahl von 1688 verknüpft gewesen, was seine persönliche Teilnahme am Pfälzischen Erbfolgekrieg, für die offenbar die Geldnot des jungen Juristen ursächlich gewesen ist, beweist.!

10 Vgl. F. X. Wegele, s.v. „Lundorp, Michael Caspar“ in: Allgemeine Deutsche Biographie 19 (1884) S. 637- 638. Lundorp hatte nach dem Verlust einer Anstellung an einem Gymnasium seiner Vaterstadt Frankfurt am Main, wo er ca. 1580 geboren wurde, ab 1607 als Autor recht kaisertreuer Geschichtswerke und Quelleneditionen gearbeitet. Er starb noch vor dem 24.09.1629. Die logische Konsequenz seines Ablebens ist, wie auch Wegele korrekt bemerkte, die Unmöglichkeit seiner Urheberschaft der späteren Bände der Acta Publica, die unter seinem Namen veröffentlicht wurden. Jedoch endet das Lemma in der ADB mit eben dieser Feststellung und weiß somit keine konkretere Antwort auf die Frage der tatsächlichen Editoren dieser Quellen zu geben. Die Quellen werden hier gemäß Wortlaut, jedoch ohne die retardierenden Trennstriche zitiert werden.

11 Gerade zu diesem Zwecke sind die Quellen z.B. bei Lundorp so versammelt worden, daß die Argumente

beider Parteien gegeneinander abgewogen werden. Vgl. z.B. Lundorp XIII, S. 610f. !

12 Zu nennen ist hier der Historiker Max Braubach, der sowohl eine Geschichte Kurkölns, als auch eine Biographie des späteren Postulandus der Wahl, Wilhelm Egon Fürstenberg, verfasst hat. Es handelt sich hierbei um die Werke: M. Braubach, Kurköln. Gestalten und Ereignisse aus zwei Jahrhunderten rheinischer Geschichte, Münster 1949, im Folgenden abgekürzt zitiert als Braubach 1949 und M. Braubach, Wilhelm von Fürstenberg (1629-1704) und die französische Politik im Zeitalter Ludwigs XIV. (= Bonner Historische Forschungen 36), Bonn 1972, fortan als Braubach 1972 zitiert. Daneben findet die Wahl auch in Eduard Hegels Geschichte des Erzbistums Köln Erwähnung: E. Hegel, Das Erzbistum Köln zwischen Barock und Aufklärung vom Pfälzischen Krieg bis zum Ende der Französischen Zeit 1688-1814(= Geschichte des Erzbistums Köln 4) Köln 1979, weiterhin zitiert als Hegel 1979. Zuletzt ist noch darauf hinzuweisen, daß auch Duchhardt in seiner aktuellen Darstellung der Epoche kurz auf die Wahl eingeht. Vgl. H. Duchhardt, Barock und Aufklärung (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte 11), München 20074 S. 38: „(...) die Kölner Erzbischofswahl, bei der Frankreich mit seinem Kandidaten Fürstenberg letztlich nicht durchdrang (...)“.

13 Pastors monumentale und durchaus katholisch gesinnte Geschichte des Papsttums mag als Beispiel hierzu gelten: L. Pastor, Geschichte der Päpste im Zeitalter des fürstlichen Absolutismus von der Wahl Innozenz’ X. bis zum Tode Innozenz’ XII. (1644-1700) (= Geschichte der Päpste seit Ausgang des Mittelalters 14) Freiburg im Breisgau 1930.!

14 Neben der erwähnten Biographie Fürstenbergs von Braubach hat auch der amerikanische Historiker John T. O’Connor zu dem Leben des späteren Postulandus!geforscht und biographische Werke über ihn verfasst: J. T. O’Connor, William Egon von Fürstenberg. German Agent in the Service of Louis XIV, in: French Historical Studies 5;2 (1967) S. 119-145 und J. T. O’ Connor, Negotiator out of Season. The Career of Wilhelm Egon von Fürstenberg 1629 to 1704, Athens in Georgia 1978, im Folgenden zitiert als O’Connor 1967, respektive O’Connor 1978.!

15 E. Böhmländer, Die Wahl des Herzogs Joseph Klemens von Bayern zum Erzbischof von Cöln 1699, in: Oberbayerisches Archiv für vaterländische Geschichte 56 (1912) 173-248.

16 H. E. Feine, Die Besetzung der Reichsbistümer vom Westfälischen Frieden bis zur Säkularisation 1648-1803 (= Kirchenrechtliche Abhandlungen 97; 98), Stuttgart 1921. Im weiteren Verlauf als Feine 1921 zitiert.

17 D.h. ohne Zorn und Eifer. Vgl. Tac. ann. 1,1,3.

18 Treffende Beispiele hierzu finden sich z.B. in den Werken Leonhard Ennens: „Der Jammer, den die Franzosen auf Grund der streitigen Wahl in diesen Gegenden angerichtet hatten, ging dem Kurfürsten schwer zu Herzen. Der ganze Kurstaat war von Soldaten überfüllt, und seine Bewohner wurden durch die drückendsten Contributionen von Seiten französischer Raubschaaren, die auf verschiedenen Streifzügen in das Land einfielen, auf das Aeußerste ausgesogen und auf das Empfindlichste gequält.“ Vgl. L. Ennen 1856, S.1. Für Ennen und seine Zeitgenossen zeigte sich in der Wahl grundsätzlich eine intrigante Parteinahme des französischen Königs für dessen Agenten Fürstenberg, mit dem Ziel der Unterdrückung des Heiligen Römischen Reiches und seiner Adligen. In der Tat stritten Frankreich und das Reich in jener Zeit um Hegemonie, wie noch zu zeigen sein wird. Die Darstellung Ennens verfolgt jedoch ein eindeutig propagandistisches, Frankreich diffamierendes, Ziel. Gerade der im 17. Jh. so weitverbreiteten Frankophilie, die sich auch gerade in der Person Fürstenbergs offenbart, läuft diese spätere Darstellungsweise des 19. Jhs. entgegen.

19 So beschäftigt sich Tilman Haug in seinem Werk „Ungleiche Außenbeziehungen und grenzüberschreitende Patronage. Die französische Krone und die geistlichen Kurfürsten (1648-1679)“ von 2015 an zahlreichen Stellen mit dem späteren Postulandus Fürstenberg. Hierbei steht das Patronageverhältnis zwischen ihm und dem französischen König im Mittelpunkt des Interesses. Die Wahl von 1688 fällt dagegen nicht in den gesetzten Untersuchungszeitraum der Studie, wie bereits der Titel verrät.

20 In scissura mentium deus non est. Vgl. hierzu und zu den Ausführungen über das Konzept der Unanimitas: W. Maleczek, Abstimmungsarten. Wie kommt man zu einem vernünftigen Wahlergebnis? in: R. Schneider-H. Zimmermann (Hgg.) Wahlen und Wählen im Mittelalter (Vorträge und Forschungen 37) Sigmaringen 1990, S. 81ff.

21 D.h. Einmütigkeit.

22 Insbesondere die Akteure der Wahl von 1688 werden diesen menschlichen Charakterzug noch anschaulich illustrieren und beweisen, daß eine Bischofswahl allein durch machtpolitisches Kalkül gelenkt werden kann.

23 Die folgenden Textpassagen im lat. Original und in Übersetzung sind der zweisprachigen Edition Wohlmuths entnommen. Vgl. J. Wohlmuth, Konzilien des Mittelalters. Vom ersten Laterankonzil (1123) bis zum fünften Laterankonzil (1512-1517) (=Dekrete der Ökumenischen Konzilien 2), Paderborn 2000, S. 246-249.

24 Das Kölner Domkapitel ist als Senat des Bischofs tätig gewesen. Als autonome Korporation verfügte das Kapitel über politischen und geistlichen Einfluss. Insbesondere das Recht zur Wahl des Bischofs war ein gewichtiger Faktor, da es dem Kapitel dadurch möglich war, die eigenen Rechte und Interessen in Form von Wahlkapitulationen zu befördern. Mitglieder eines Kapitels werden als Kanoniker bezeichnet. Auch ihnen war meist daran gelegen, ihre persönlichen Interessen zu befördern. So plagten auch das Kölner Domkapitel 1688 Nepotismus und Korruption. Vgl. Hegel 1979, S. 77-79.

25 Iusto Impedimento, im Original.

26 D.h. „Weil wegen der verschiedenen Formen von Wahlen, die von gewissen Leuten zu erfinden versucht werden, (...) große Gefahren drohen“. Die ersten Worte dieser Textpassage „Quia propter“ haben der ganzen Regelung des Wahlverfahrens ihren später gebräuchlichen Namen verliehen, wie noch zu zeigen sein wird. Wohlmuth übersetzt den ganzen Satz: „Wegen der verschiedenen Wahlformen, die manche zu erfinden versuchen, entstehen für verwitwete Kirchen viele Hindernisse und bedrohen sie große Gefahren.“

27 Von lat. scrutari, einem Deponens, das mit den dt. Verben durchsuchen, durchforschen übersetzt werden kann.

28 Wobei gerade die Bischofswahlen der Frühen Neuzeit, bei einem derart reibungslosen Wahlergebnis, Inspiratio weniger durch göttliche Fügung, als viel mehr durch immense Summen im Vorfeld gezahlter Bestechungsgelder erhalten haben. Vgl. S. Schraut, Die Bischofswahl im Alten Reich seit Mitte des 17. Jahrhunderts. Symbolische Formen einer Wahl mit verabredetem Ausgang, in: Vormoderne politische Verfahren (= Zeitschrift für Historische Forschung Beiheft 25) B. Stollberg-Rilinger (Hg.) Berlin 2001, S. 120ff.

29 Die Idoneität bezeichnet nach dem lat. Adjektiv idoneus (geeignet, passend, zuverlässig) die Eignung eines Wahlkandidaten für die, durch Wahl, zu besetzende Position.

30 Von lat. Dispensatio.

31 Vgl. hierzu Feine 1921, S. 238 und S. Kremer, Herkunft und Werdegang Geistlicher Führungsschichten in den Reichsbistümern zwischen Westfälischem Frieden und Säkularisation. Fürstbischöfe – Weihbischöfe – Generalvikare (= Römische Quartalschrift für Christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte Supplementheft 47), Freiburg 1992, S. 69. Zu den nachfolgenden Ausführungen zu Postulation und Elektion vgl. Feine 1921, S. 237-244.

32 Auch der zu gebende Kürspruch mußte deshalb dem Schema „Ego vice mea ... postulo“ folgen. Vgl. Ders. Ebd. und die Analyse des Kurspruches der Wahl von 1688 in Punkt 3.3 dieser Arbeit.

33 Das Wiener Konkordat, das bereits 1448 in Kraft getreten war, sicherte dieses päpstliche Recht gegenüber dem Römisch-Deutschen Kaiser , dem eine direkte Einmischung in die Besetzung von Bistümern somit de iure nicht zukam, auch bei der Wahl von 1688 zu. Vgl. L. Weinrich, Quellen zur Verfassungsgeschichte des Römisch-Deutschen Reiches im Spätmittelalter (= FSGA 33), Darmstadt 1983, S. 498-507.

34 Nach Urteil der Kurie war diese Regelung aber grundsätzlich Quia propter unterzuordnen, weshalb die Postulation als Verfahren grundsätzlich weniger Legitimität inne hatte als die Elektion. Die Diskussion darüber prägte die Interpretation des Ergebnisses der Wahl von 1688 maßgeblich. Vgl. dazu Feine 1921, S. 242f. und auch Lundorp XIII, S. 646: „cap. scriptum 40. de Elect.“.

35 Louis, bzw. Ludwig, XIV. (1638-1715) ging sowohl als erfolgreicher Feldherr, wie auch als Patron der Künste in die Geschichte ein. Während er die Grenzen seines Königreiches militärisch zu erweitern suchte, förderte er durch seine Bau- und Kulturpolitik eine neue Blüte höfischen Kunstschaffens, die von den musikalischen Kompositionen eines Jean-Baptiste Lully bis hin zum prunkvollen Schloss Versailles bezeugt wird. Vgl. z.B. Hegel 1979, S. 29ff. Der Franzosenkönig allein könnte diese Arbeit füllen. Er soll hier jedoch nur an denjenigen Stellen Erwähnung finden, wo es zur Erläuterung der Wahl von 1688 dienlich scheint. Vgl. Taf. 3.

36 Als Epochenbegriff wurde er nämlich erst im 19. Jh. eingeführt. Vgl. zum Begriff des Absolutismus R. G. Asch, s.v „Absolutismus“ in: Lexikon zum Aufgeklärten Absolutismus in Europa (2005), S.15-21 und Duchhardt 2007, S. 169-176.

37 Daß der Monarch, entgegen der inhärenten Bedeutung seines Namens (dieser leitet sich nämlich von gr. µοναρχος [monarchos] ,Alleinherrscher, einem Kompositum aus µονος [monos], allein, sowie αρχος [archos], Herrscher, von αρχειν [archein], herrschen, her) nicht zwangsläufig der mächtigste politische Akteur sein musste, bewiesen die römisch-deutschen Könige, deren Herrschaft ebenso von der Lehenstreue ihrer einflussreichen Vasallen, wie auch von ihrem Verhältnis zur katholischen Kirche abhing. Als Beispiel sei hier auf den Habsburger Maximilian I. verwiesen, der es als römisch-deutscher König nicht vermocht hatte, sich die Unterstützung der Stände für eine Reichsreform in seinem Sinne auf dem Wormser Reichstag von 1495 zu sichern. Erreicht werden konnte nämlich nur ein Kompromiss, der nicht zu der vom König erhofften Stärkung der eigenen Macht führte. Vgl. W. Pfeifer, s.v. „Monarchie“ in: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (20058), S. 885 zur Etymologie des Wortes Monarchie und H. Angermeier, Die Reichsreform 1410-1555. Die Staatsproblematik in Deutschland zwischen Mittelalter und Gegenwart, München 1984 zur Reichsreform Maximilians.

38 Réunion, d.h. Wiedervereinigung, meinte hierbei die Annexion von Teilen des Heiligen Römischen Reiches. Die propagierte Wiedervereinigung dieser Reichsteile mit Frankreich wurde schon von Zeitgenossen als rechtswidrig wahrgenommen. Vgl. hierzu und zu dem gesamten Thema Duchhardt 2007, S. 29-39.

39 Vgl. Braubach 1949, S. 2.

40 Vgl. Taf. 5. Bereits die Goldene Bulle von 1356 kodifizierte das Recht des Kölner Erzbischofs zur Kur, d.h. Wahl, des Römisch-Deutschen Königs, bzw. Kaisers. Der erste Römisch-Deutsche König, der als Rückgriff auf die Antike 1508 wieder den Kaisertitel einführte, der fortan auch bei seinen Nachfolgern bis zum Ende des Alten Reichs zu Beginn des 19. Jhs. in Gebrauch bleiben sollte, war Maximilian I. Die römischen Kaiser der Antike führten bekanntlich den Titel Caesar, in Anlehnung an Iulius Caesar. Als Reges, also Könige, bezeichneten sie sich dagegen nie, da der Begriff seit der Vertreibung der alten Könige, die das Zeitalter der Republik einleitete, negativ konnotiert war. Vgl. M. Hollegger, Maximilian I. (1459-1519). Herrscher und Mensch einer Zeitenwende, Stuttgart 2005, S. 186-190.

41 Ursächlich dafür war die, in seiner Persönlichkeit verankerte, politische Inkompetenz. „In Wirklichkeit lagen in der Persönlichkeit Max Heinrichs schwerste Mängel vor, die ihn zum Staatsmann, zum Politiker absolut ungeeignet machten. (...) Die mit einer ausgesprochenen Weltabgewandtheit verbundene Frömmigkeit auf der einen, die Absonderlichkeit seiner Neigungen – von der „Bizarrerie“ seines Geistes spricht einmal ein Beobachter – auf der anderen Seite mußten eine konsequente politische Arbeit verhindern“. Vgl. Braubach 1949, S. 7. Die seltsamen Neigungen Max Heinrichs äußerten sich insbesondere in dessen Gier nach Schätzen und Betreiben von Alchemie. Ziel des Bischofs war es, Gold herzustellen. Ein Plan, der sicher auch unter dem Eindruck der wachsenden Schuldenlast des Kurstaates zunehmend Bedeutung gewinnen konnte.

42 Vgl. R. Place, Bavaria and the Collapse of Lous XIV’s German Policy, 1687-1688, in: The Journal of Modern

History 49;3 (1977) S. 370 und Taf. 4.

43 Ludwig drohte dem Papst mit einer militärischen Invasion des Kirchenstaates, was der Papst mit

Exkommunikation beantworten wollte. Vgl. Pastor 1930, S. 841-953.

44 Vgl. Thuk. 1,88: „Zu diesem Beschluß der Spartaner, daß der Vertrag gebrochen und der Krieg nötig sei,

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Kurköln am Scheideweg. Verfahren und Ritual der Kölner Bischofswahl von 1688
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
34
Katalognummer
V458900
ISBN (eBook)
9783668903135
ISBN (Buch)
9783668903142
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kurköln, scheideweg, verfahren, ritual, kölner, bischofswahl
Arbeit zitieren
Kevin Grossart (Autor), 2015, Kurköln am Scheideweg. Verfahren und Ritual der Kölner Bischofswahl von 1688, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458900

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