Immer mehr Menschen lassen sich in den westlichen Industrienationen scheiden. Dieser Trend scheint unaufhaltsam. In deutschsprachigen Ländern wird etwa jede dritte Ehe geschieden, in den Großstädten der USA schon jede zweite. Aus diesem Grund kommt fast jeder mit dem Thema Scheidung in Berührung: als Kind geschiedener Eltern; als guter Freund von jemandem aus einer gescheiterten Ehe; als Mann oder Ehefrau von jemandem, dessen Eltern geschieden wurden oder sich mit dem Gedanken tragen etc.
Die Scheidung ist nicht nur als simples, normales Ereignis zu sehen, sondern als Prozess, der schon lange vor der Trennung beginnt und mit der Trennung noch lange nicht beendet ist. Somit haben die Folgen der Scheidung Auswirkungen auf die gesamte Entwicklung der Kinder.
Entgegen heutiger Erkenntnisse war in den späten Sechzigern und in den Siebzigern der Glaube verbreitet, dass die ersten zwei Jahre nach einer Trennung für die Familienmitglieder von Bedeutung sind, diese Zeit voller Anpassungen und Veränderungen, Wut und Trauer. Damals waren einige Therapeuten zuversichtlich, dass die Kinder nach der ersten Phase damit zurechtkämen, dass sie in der Lage sein würden, die Scheidung hinter sich zu lassen und ihr Leben produktiv zu gestalten.
Jedoch wiesen darauffolgende Untersuchungen auf Langzeitfolgen einer Scheidung hin. Eine der bedeutendsten Studien wurde von Dr. Judith WALLERSTEIN in Kalifornien
durchgeführt. Diese ergab, dass eine Scheidung nicht nur voraussagbare Auswirkungen auf die Kinder hat, sondern auch einen Schatten ins Erwachsenenleben hineinwirft und Einfluss auf die Fähigkeit hat, das Leben selbständig zu gestalten. Scheidungskinder gehen als Erwachsene Liebesbeziehungen mit dem Gefühl ein, schlechte Karten zu haben.
Aufgrund dieser Untersuchungsergebnisse ist die Hypothese naheliegend, dass es Unterschiede zwischen Scheidungskinder und Non-Scheidungskinder im Umgang mit Liebesbeziehungen gibt.
Diese Unterschiede wollen wir anhand der Bindungsstile nach BARTOHOLOMEW & HOROWITZ und anhand von allgemeinen Fragen zum Thema „Liebesbeziehungen“ feststellen.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 DIE EHESCHEIDUNG
2.1 Die Entwicklung in der Scheidungsforschung
2.2 Scheidungsfolgen für die Kinder
2.2.1 Kurz- und mittelfristige Folgen
2.2.2 Langzeitfolgen
3 DIE BINDUNGSTHEORIE
3.1 Konzeption der Bindungstheorie
3.1.1 Historischer Hintergrund
3.1.2 Evolutionsgeschichtliche Funktion des Bindungsverhaltens
3.1.3 Annahme eines eigenen Bindungsverhaltenssystems
3.2 Entwicklung des Bindungsverhaltens beim Menschen
3.2.1 Bindungsverhalten beim Säugling
3.2.2 Entwicklung des Bindungsverhaltens beim Kind
3.2.3 Mütterliche Feinfühligkeit
3.2.4 Sichere Basis und kindliches Neugierverhalten
3.2.5 Bindungsverhalten bei Jugendlichen und Erwachsenen
3.3 Inneres Arbeitsmodell und Bindungsstil
3.3.1 Definition von Erwachsenenbindung
3.3.2 Verinnerlichung von Bindungserfahrungen
3.3.3 Formen sicherer und unsicherer Bindung
3.4 Klinische Bedeutung der Bindungstheorie
3.4.1 Bindungstheorie und abweichende Entwicklungsverläufe
4 PERSPEKTIVEN UND HYPOTHESEN VON PAUL R. AMATO
4.1 Die „Eltern-Verlust-Perspektive“
4.2 Die „Eltern-Anpassungs-Perspektive“
4.3 Die „Eltern-Konflikt-Perspektive“
4.4 Die „Ökonomische-Härte-Perspektive“
4.5 Die „Lebens-Stress-Perspektive“
4.6 Die „Eltern-Beziehungs-Perspektive“
5 FRAGESTELLUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Hypothese, dass sich Scheidungskinder und Non-Scheidungskinder signifikant in ihrem Umgang mit Liebesbeziehungen unterscheiden. Dabei werden Bindungsstile als primärer Indikator herangezogen und die Ursachen für mögliche Differenzen anhand der theoretischen Perspektiven von Paul R. Amato analysiert.
- Psychologische Auswirkungen elterlicher Scheidung auf Kinder
- Grundlagen der Bindungstheorie und deren Anwendung auf das Erwachsenenalter
- Die verschiedenen Perspektiven und Hypothesen von Paul R. Amato zur Scheidungsforschung
- Empirische Untersuchung von Bindungsstilen bei jungen Erwachsenen
- Einfluss der Familienkonstellation und Scheidungsursachen auf die Beziehungsgestaltung
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Historischer Hintergrund
Bereits SPITZ (1945) hat in seinen Studien zum Hospitalismus dramatische Auffälligkeiten bei Heimkindern beschrieben, die trotz ausreichender physischer Versorgung häufig starben, wenn es ihnen an emotionaler Zuwendung fehlte. BOWLBY (1976) machte in den fünfziger Jahren bei seiner Arbeit in der Tavistock-Klinik in London die Beobachtung, dass zweijährige Kinder bei einer längeren Trennung von ihren Eltern (mehrere Tage bis einige Wochen) eine bestimmte Abfolge von starken Gefühlsreaktionen zeigten. Diese umschrieb er mit den Begriffen Protest (Rufen, heftiges Weinen, Suche nach der Mutter), Verzweiflung (Aufgeben der Hoffnung, die Mutter wiederzufinden) und Entfremdung (die Mutter wird dem Kind scheinbar gleichgültig). Nach Rückkehr der Eltern legten viele Kinder ein auffälliges Verhalten an den Tag, was auf eine Traumatisierung durch die Trennungserfahrung schließen ließ. Sie mieden den Kontakt, und einige behandelten die Mutter wie eine Fremde. Andere Kinder zeigten starke Ängste vor einer erneuten Trennung, klammerten sich an und weinten, wenn sie alleingelassen wurden.
Ausgehend von diesen Beobachtungen vermutete BOWLBY, dass beim Menschen eine sensible Entwicklungsphase im Alter zwischen 6 und 36 Monaten existiert, in welcher er auf die Entbehrung der Nähe zu wichtigen Bezugspersonen besonders empfindlich reagiert. Eine derartige Verlusterfahrung kann nach BOWLBYs Ansicht zu Fehlentwicklungen bis ins Erwachsenenalter hinein führen. So kann einerseits eine Unfähigkeit resultieren, nahe Beziehungen mit anderen Menschen einzugehen, andererseits kann eine emotionale Abhängigkeit bei genereller Ängstlichkeitsneigung entstehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Darstellung der Relevanz des Scheidungsthemas und Formulierung der Forschungsfrage hinsichtlich der Unterschiede im Beziehungsverhalten.
2 DIE EHESCHEIDUNG: Überblick über die historische Entwicklung der Scheidungsforschung sowie Analyse kurz- und langfristiger Folgen der elterlichen Scheidung für die Kinder.
3 DIE BINDUNGSTHEORIE: Erläuterung der bindungstheoretischen Grundlagen und Entwicklung von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter inklusive der verschiedenen Bindungsstile.
4 PERSPEKTIVEN UND HYPOTHESEN VON PAUL R. AMATO: Detaillierte Betrachtung der fünf (bzw. sechs) zentralen wissenschaftlichen Perspektiven, die als Erklärungsmodell für die Auswirkungen von Scheidungen dienen.
5 FRAGESTELLUNG: Zusammenfassung der konkreten Forschungsinteressen und der methodischen Herangehensweise an die Untersuchung.
Schlüsselwörter
Scheidung, Bindungstheorie, Scheidungskinder, Liebesbeziehungen, Bindungsstil, Eltern-Verlust-Perspektive, Eltern-Anpassungs-Perspektive, Eltern-Konflikt-Perspektive, ökonomische Härte, Lebens-Stress-Perspektive, Eltern-Beziehungs-Perspektive, John Bowlby, Paul R. Amato, Erwachsenenbindung, Sozialpsychologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Seminararbeit befasst sich mit der Frage, ob das Erleben einer elterlichen Scheidung in der Kindheit die Art und Weise beeinflusst, wie diese Personen als junge Erwachsene ihre eigenen Liebesbeziehungen gestalten.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit verknüpft die sozialpsychologische Bindungstheorie mit der empirischen Scheidungsforschung, insbesondere unter der Anwendung der theoretischen Modelle von Paul R. Amato.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Überprüfung der Hypothese, dass Scheidungskinder aufgrund ihrer Erfahrungen andere Bindungsstile aufweisen als Kinder aus intakten Familien, was sich auf ihr Beziehungsverhalten auswirkt.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es wurde eine empirische Untersuchung durchgeführt, bei der Studierende mittels Fragebögen befragt und die Daten mittels Hauptkomponentenanalyse und T-Tests statistisch ausgewertet wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Bindungstheorie und eine Analyse von Scheidungsfolgen anhand der sechs Perspektiven von Amato, gefolgt von der Darstellung der eigenen empirischen Ergebnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Scheidung, Bindungsstile, Intergenerational Transmission, Scheidungsfolgen und das innere Arbeitsmodell.
Gibt es einen Unterschied zwischen Scheidungskindern und der Kontrollgruppe?
Die empirische Analyse konnte keine signifikanten Unterschiede in den Bindungsstilen zwischen der untersuchten Gruppe der Scheidungskinder und der Kontrollgruppe der Non-Scheidungskinder feststellen.
Wie wirkt sich das Alter bei der Scheidung aus?
Die Studie ergab, dass bei einer Scheidung vor dem 13. Lebensjahr die Dimension "Angst" stärker ausgeprägt ist, was auf eine höhere Beeinflussbarkeit des Bindungsstils im Kindesalter hindeutet.
Wie steht es um die Heiratsabsichten?
Die Ergebnisse zeigen, dass Non-Scheidungskinder signifikant häufiger den Wunsch äußern zu heiraten als Scheidungskinder, was als mögliches "Lernen am Modell" interpretiert wird.
Welchen Einfluss hat die Beziehung zum Vater auf die Ergebnisse?
Es konnte gezeigt werden, dass Non-Scheidungskinder ihre Beziehung zum Vater signifikant positiver einschätzen und eine bessere Vater-Beziehung mit einer niedrigeren Angst-Dimension korreliert.
- Quote paper
- Hermann Sinz (Author), Monika Höck (Author), Elisabeth Postl (Author), 2002, Untersuchung zum Thema Unterschiede zwischen Scheidungskindern und Non Scheidungskindern im Umgang mit Liebesbeziehungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45891