Mittelalterliche Literatur im Schulunterricht

Wie kann der Iwein Hartmanns von Aue in den Deutschunterricht der schleswig-holsteinischen Sekundarstufe I integriert werden?


Hausarbeit, 2016

16 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mittelalterliche Literatur im Deutschunterricht
2.1 Die Geschichte mittelalterlicher Literatur im Deutschunterricht
2.2 Gründe für mittelalterliche Literatur im Deutschunterricht
2.3 Das Projekt „mittelneu“ für mittelalterliche Texte im Deutschunterricht

3. Mittelalterliche Literatur im Lehrplan

4. Der Iwein Hartmanns von Aue im Deutschunterricht
4.1 Das Vorlesen der neuhochdeutschen Übersetzung
4.2 Das Lesen der neuhochdeutschen Übersetzung
4.3 Das Lesen des Originaltextes

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ritter und Prinzessinnen, Burgen und Schlösser, Märchenprinzen und Drachen – das Mittelalter beeindruckt nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern findet auch in der Neuzeit immer wieder Anwendung in Filmen wie Der Herr der Ringe oder Serien wie Game of Thrones. Die Erfahrung zeigt, dass ein Thema eine gewisse Aktualität und Relevanz aufweisen muss, ehe es in die Lehrpläne der Schulen aufgenommen wird1. Seit den 1960er- Jahren verschwand die mittelalterliche Literatur aus den deutschen Lehrplänen2 und spielt aktuell höchstens eine marginale Rolle im Deutschunterricht. Filme und Serien wie die oben aufgeführten erfreuen sich gerade bei Jugendlichen und somit bei Schülerinnen und Schülern besonderer Beliebtheit. Doch wie lässt sich nicht nur das Mittelalter sondern insbesondere die mittelalterliche Literatur in den Schulunterricht zurückbringen?

Am Beispiel des Iwein Hartmanns von Aue sollen Ansätze zusammengestellt werden, mittelalterliche Literatur erneut in den Deutschunterricht zu integrieren. Hierfür wird zunächst die Frage beantwortet, warum insbesondere die Literatur des Mittelalters und nicht unbedingt die jüngerer Epochen vor diesem Hintergrund beleuchtet wird. Außerdem soll der schleswig- holsteinische Lehrplan der Sekundarstufe I für allgemeinbildende Schulen fokussiert werden, um herauszufinden, wo die mittelalterliche Literatur eingebettet werden könnte.

2. Mittelalterliche Literatur im Deutschunterricht

The Columbia Electronic Encyclopedia beschreibt das Mittelalter als „Epoche, die dem Zerfall des weströmischen Reiches folgte und bis in die Renaissance andauerte.“3 Auch Krohn und Wunderlich (1983) ordnen das Mittelalter als Epoche zwischen Antike und Neuzeit ein. „Für die Literaturgeschichte ist die Anfangslinie […] das Einsetzen der schriftlichen Textüberlieferung […] um die Mitte des 8. Jahrhunderts.“4 Es schließt mit dem Beginn der Neuzeit um 1500 ab.

Während das Mittelalter in der schleswig-holsteinischen Sekundarstufe I zwar im Geschichtsunterricht thematisiert wird5, findet seine Literatur keinen Einzug in die fachlichen Konkretionen des Faches Deutsch. Das Mittelalter ist nicht nur inhaltlich interessant und bietet Kindern und Jugendlichen Ritter und spektakuläre Schlachten, sondern setzt auch sprachlich einen Grundbaustein unserer heutigen Sprache. Gesellschaft, Literatur und Politik haben sich seither erheblich geändert. Durch die beginnende Verschriftlichung von Dichtung im Mittelalter lassen sich all diese historischen Veränderungen nachvollziehen. Diese Aufschlüsse sind auch für die heutige Forschung interessant und werden deshalb auch in der Literaturwissenschaft thematisiert.6

Zwar kennt man das Nibelungenlied oder Unter der linden Walthers von der Vogelweide eventuell aus der eigenen Schulzeit, ausgiebig behandelt hat man mittelalterliche Literatur jedoch nicht. Im Studium für angehende Deutschlehrkräfte sieht dies anders aus. Hier würden mittelhochdeutsche Texte gelesen, anstatt auf den Schulalltag vorzubereiten. So würde zu viel vermittelt werden, was im eigenen Unterricht keine oder nur eine geringe Anwendung finden kann, weil es nicht mehr im Lehrplan Schleswig-Holsteins gefordert wird.7

2.1 Die Geschichte mittelalterlicher Literatur im Deutschunterricht

Der mittelalterliche Heldenepos, hier insbesondere das Nibelungenlied, fand im 19. Jahrhundert erstmals Eingang in den deutschen Schulunterricht. Um 1800 führte „die Wiederentdeckung der mittelalterlichen Literatur“ zum „Wunsch nach einer Einführung altdeutschen Unterrichts“.8 Weiter beschreibt Peters die Schwierigkeiten des altdeutschen Literaturunterrichts und kommt zu dem Schluss, dass „die Literatur allenfalls Mittel zum Zweck“9 sei.

Mit der darauffolgenden Einführung mittelhochdeutscher Lesebücher wurde der Startschuss für mittelalterliche Literatur im Deutschunterricht gegeben. So gab es bis in die 1960er-Jahre mittelalterlichen Literaturunterricht in den Schulen. Den Umgang mit der Literatur des Mittelalters hat „die stürmische Entwicklung der Literaturdidaktik […] in den siebziger Jahren [dann jedoch wieder] ignoriert.“10

2.2 Gründe für mittelalterliche Literatur im Deutschunterricht

Spätestens J. R. R. Tolkien machte mit seinen Romanen Herr der Ringe und Der Hobbit das Mittelalter wieder zugänglich für die Jugend des 21. Jahrhunderts. Viele weitere Darstellungen des Mittelalters sind Grund dafür, dass die Schülerinnen und Schüler zumindest ein grundlegendes Bild von dieser Epoche erhalten. Im schulischen Unterricht erhalten die Schülerinnen und Schüler Schleswig-Holsteins in der siebten Klasse einen weiteren Einblick in die Grundzüge des Mittelalters.

In der Regel sind es jedoch insbesondere altersgerechte Darstellungen in den neuen Medien, die Jugendlichen ein verfälschtes Bild vermitteln. Durch das Einbinden zeitgemäßer Literatur in den Deutschunterricht können derartige Fehlannahmen korrigiert werden.

Das Einbinden mittelalterlicher Originaltexte in den Deutschunterricht ermöglicht eine Reflexion der deutschen Sprachgeschichte. Im direkten Vergleich können Prozesse des Sprachwandels vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen beobachtet werden.11

Im Deutschunterricht könnte man die Sprachwandelprozesse vom Mittelalter im Laufe der Zeit thematisieren, angefangen vom Altdeutschen bis hin zum Neuhochdeutschen, wodurch die mittelalterliche Literatur wiederum zum „Mittel zum Zweck“12 würde. Hierbei ginge es dann weniger um den Inhalt der mittelalterlichen Literatur an sich, sondern viel mehr um das zeitgenössische Abbild der Sprache.

Die sehr bildliche Darstellung in der mittelalterlichen Literatur, beispielsweise die Naturdarstellung, regt die Vorstellungskraft der Schülerinnen und Schüler an. Im Rahmen des kompetenzorientierten Unterrichts könnte man so die Methodenkompetenz der Schülerinnen und Schüler anregen, indem man Texte und Bilder des Mittelalters miteinander in Verbindung bringt.13

Als Argumente für mittelalterliche Literatur im Deutschunterricht der schleswig- holsteinischen Sekundarstufe I lassen sich somit folgende Aspekte aufführen:

1. Das Mittelalter hat einen spürbaren Einfluss auf moderne Literatur, Filme und Serien und erreicht Schülerinnen und Schüler über die neuen Medien. Die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Literatur wird somit nicht als fremd wahrgenommen.
2. Die verfälschten und oberflächlichen Mittelalterbilder müssen von der mittelalterlichen Wirklichkeit getrennt werden. Die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Literatur eröffnet einen neuen Blickwinkel auf die Epoche und ermöglicht einen fächerübergreifenden Unterricht mit dem Fach Geschichte.
3. Die deutsche Sprache hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Literatur ermöglicht den Vergleich zwischen dem Mittelhochdeutschen und der neuhochdeutschen Sprache und hilft, Sprache als dynamischen Prozess zu verstehen.
4. Die sehr bildliche Darstellung regt die Vorstellungskraft der Schülerinnen und Schüler an. Die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Literatur ermöglicht die Zuordnung durch den Text gegebener Handlungen zum eigenen Leben.

2.3 Das Projekt „mittelneu“ für mittelalterliche Texte im Deutschunterricht

„Erst neuere fachdidaktische und universitäre Bemühungen, wie zum Beispiel das auch mit Landesmitteln geförderte Projekt „mittelneu“ der Universität Duisburg-Essen […], machen auf das Potenzial mittelhochdeutscher Texte für einen lebendigen und kompetenzorientierten Deutschunterricht aufmerksam.“14

Das Onlineportal des Projektes „mittelneu“15 verbindet die ältere deutsche Literatur mit dem Schulunterricht. Das 2010 in Betrieb genommene Portal stellt erprobte Unterrichtseinheiten und Arbeitsmaterialien bereit, bietet somit „Einblicke in das literarische Erbe“ und ermöglicht Einblicke in die Sprachwandelprozesse der deutschen Sprache.

Das Aushängeschild des Projektes ist das Nibelungenlied. Hierzu bietet die Plattform Sachinformationen, Unterrichtsbausteine, Literaturhinweise, Informations- und Arbeitsblätter, die kostenfrei eingesehen und heruntergeladen werden können.

Das Internetportal bietet Materialien zum Nibelungenlied, zur mittelalterlichen Lyrik und zur Kleinepik wie Fabeln und bietet Lehrerinnen und Lehrern die Möglichkeit, mittelalterliche Literatur in den Deutschunterricht einzubinden.

3. Mittelalterliche Literatur im Lehrplan

Nachdem bisher aufgezeigt wurde, warum insbesondere die Literatur des Mittelalters im Deutschunterricht behandelt werden sollte und erste Ansätze für den Unterricht mit mittelalterlicher Literatur erkennbar geworden sind, soll es im Folgenden um eine mögliche Platzierung einer solchen Unterrichtseinheit in den Lehrplänen und Fachlichen Konkretionen der Sekundarstufe I allgemeinbildender Schulen Schleswig-Holsteins gehen.

Etwa seit den 2000er-Jahren findet mittelalterliche Literatur wieder verstärkt Einzug in Schul- und Lehrbücher.16 Dass sich hiermit einhergehend auch die Literaturdidaktik gewendet haben muss, lässt sich aus einer Feststellung Inge Kargs von 1998 ableiten. Demnach zeige die Literaturdidaktik kein Interesse an mittelalterlichen Texten.17

Die Ursachen dieser Entwicklung führt Karg bis ins NS-Regime zurück. So sei etwa seit 1968 die mittelalterliche Literatur aus den Schulen verschwunden. Die traditionellen Inhalte seien den praxisorientierten und gegenwartsbezogenen Inhalten sowie der Technik und Naturwissenschaft gewichen.18

Aktuell zeichnet sich, wie sich am Projekt „mittelneu“ festmachen lässt, eine Gegenbewegung ab, die sich zwar am Arbeitsmaterial, nicht jedoch in den fachlichen Konkretionen festmachen lässt.19

[...]

[...]


1 vgl. KROHN, Rüdiger; WUNDERLICH, Werner: Deutschunterricht konkret. Mittelalterliche Literatur in der Sekundarstufe 1. Hannover 1983. S. 7.

2 KROHN, WUNDERLICH (1983): Deutschunterricht konkret. S. 7.

3 vgl. Columbia University Press (2012): The Columbia Electronic Encyclopedia. 6. Auflage. URL: http://www.infoplease.com/encyclopedia/history/middle-ages.html (aufgerufen am 24.04.2016, 17:45)

4 KROHN, WUNDERLICH (1983): Deutschunterricht konkret. S. 9.

5 vgl. Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein: Lehrplan für die Sekundarstufe I der weiterführenden allgemeinbildenden Schulen Hauptschule, Realschule, Gymnasium. Geschichte. S. 23, 26, 31.

6 KROHN, WUNDERLICH (1983): Deutschunterricht konkret. S. 7f.

7 vgl. hierfür den Artikel „Volksschullehrer sollen ein FH-Studium machen“ aus der Süddeutschen Zeitung (Nr. 131) vom 10.06.2003, S. 52

8 PETERS, Jelko: Zwischen Literatur und Geschichte. Die Konzeptionen der Lehrwerke für den altdeutschen Unterricht im 19. Jahrhundert. In: Zurück zum Mittelalter. Neue Perspektiven für den Deutschunterricht. Hg. v. MIEDEMA, Nine; SIEBER, Andrea. Frankfurt am Main 2013. S. 145.

9 PETERS, Jelko (2013): Zwischen Literatur und Geschichte. S. 162f.

10 KROHN, WUNDERLICH (1983): Deutschunterricht konkret. S. 11

11 MIEDEMA, Nine; SIEBER, Andrea: Zurück zum Mittelalter. Neue Perspektiven für den Deutschunterricht: Einleitung. In: Zurück zum Mittelalter. Hg. v. dies. Frankfurt am Main 2013. S. 8-9.

12 PETERS (2013), wie Anmerkung 9

13 vgl. MIEDEMA, Nine; SIEBER, Andrea (2013): Zurück zum Mittelalter. S. 8-9.

14 SOSNA, Anette: Artusroman und Kompetenzentwicklung im gymnasialen Deutschunterricht: Hartmanns von Aue Erec und Iwein. In: Zurück zum Mittelalter. (2013) S. 60.

15 Das Onlineportal ist unter der URL: https://www.uni-due.de/~hg0222/ (25.04.2016) erreichbar. Die nachfolgenden Informationen sind der Internetseite entnommen.

16 vgl. MIEDEMA, Nine: Mittelalterliche Texte im Deutschunterricht. Ausgewählte Arbeitsmaterialien. In: Praxis Deutsch 230 (2011), S. 62f.

17 vgl. KARG, Ina: „...und waz si guoter lêre wernt...“: Mittelalterliche Literatur und heutige Literaturdidaktik. Versuch einer Kooperation. Frankfurt am Main [u.a.]. 1998. S. 16.

18 vgl. KARG, Ina: „...und waz si guoter lêre wernt...“ (1998) S.20-26. Oder zusammenfassend: FEISTNER, Edith; KARG, Ina; THIM-MABREY, Christiane: Mittelalter-Germanistik in Schule und Universität. Leistungspotenzial und Ziele eines Faches. Göttingen 2006. S. 148.

19 vgl. Ministerium für Bildung Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein: Lehrplan für die Sekundarstufe I der weiterführenden allgemeinbildenden Schulen. Deutsch.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Mittelalterliche Literatur im Schulunterricht
Untertitel
Wie kann der Iwein Hartmanns von Aue in den Deutschunterricht der schleswig-holsteinischen Sekundarstufe I integriert werden?
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
3,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V458949
ISBN (eBook)
9783668887411
ISBN (Buch)
9783668887428
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mittelalterliche, literatur, schulunterricht, iwein, hartmanns, deutschunterricht, sekundarstufe
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Kevin Ruser (Autor:in), 2016, Mittelalterliche Literatur im Schulunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458949

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