Religiös bedingter Antisemitismus? Antisemitische Ressentiments im deutschen Islam


Bachelorarbeit, 2018

56 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

1. Einleitung

1.1 Forschungsstand
1.2 Forschungsfrage
1.3 Vorgehensweise

2. Antisemitismus
2.1 Operationalisierung
2.2 Typologisierung

3. Kontextualisierung: Der deutsche Islam - Muslime in Deutschland
3.1 Soziodemographie
3.2 Organisationsstruktur
3.3 Sozialintegration
3.4 Religiositat von Muslimen in Deutschland

4. Exkurs: Antisemitismus in islamisch gepragten Gesellschaften

5. Phanomen des ,importierten‘ Antisemitismus

6. Antisemitische Ressentiments unter Muslimen in Deutschland

7. Ursachen und Ursprunge antisemitischer Ressentiments unter Muslimen in Deutschland
7.1 Antisemitische Ressentiments als Folge der Auslegung religioser Quellen
7.2 Antisemitische Ressentiments als Reaktion auf den Nahostkonflikt
7.3 Antisemitische Ressentiments als Resultat von Diskriminierungs- und Marginalisierungserfahrungen

8. Schlussbemerkungen

Quellenverzeichnis

Vorbemerkungen

Um eine optimale Leserlichkeit zu gewahrleisten, ist im nachfolgenden Text die Rede von Muslimen und Antisemiten. Dabei sind jedoch zu jeder Zeit beide Geschlechter gemeint.

1. Einleitung

„Attacke auf Israeli in Berlin - Wenn der Islam zu Deutschlandgehort, dann auch sein Antisemitismus“ 1

So titelte ein konservatives Politmagazin vor wenigen Monaten nach einem antisemitisch motivierten Ubergriff eines offenbar muslimischen Taters auf einen jungen Israeli in Berlin. Die Liste ahnlicher Schlagzeilen konnte beliebig weitergefuhrt werden. Im offentlichen Diskurs, der medialen Berichterstattung und politischen Debatte scheinen Muslime derzeit unter Generalverdacht zu stehen, wenn die Taterschaft antisemitischer Ubergriffe und das Hegen antisemitischer Ressentiments thematisiert wird. Studien bekraftigen die aktuelle Wahrnehmung:

So gaben Betroffene antisemitischer Ubergriffe an, dass sie hinter 13 von 16 korperlichen Angriffen Personen muslimischen Glaubens vermuten. Hinter verbalen antisemitischen Beleidigungen und Belastigungen steckten zu ca. 62 Prozent Muslime. 2 Das ergab jungst ein Bericht des Instituts fur interdisziplinare Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universitat Bielefeld nach Befragungen deutscher Juden (Anzahl judischer Gemeinden in Deutschland: 104; Anzahl Mitglieder: ca. 97. 800) 3. Mediale wie auch wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit antisemitischen Ressentiments im deutschen Islam gebrauchen Klassifizierungen wie ,islamischer‘, ,muslimischer‘, ,islamisierter‘ oder ,neuer‘ Antisemitismus. In diesem Zusammenhang stellen sich zahlreiche Fragen: Sind die genannten Zuschreibungen gerechtfertigt? Wenn ja, wie unterscheidet sich die Semantik eines ,islamischen‘ Antisemitismus von ,klassischen‘ antisemitischen Phanomenen? Wurzeln ,muslimische‘ Antisemitismen im Koran und sind sie somit ein genuin islamisches Problem?

Die weiterhin steigenden Zahlen nach Deutschland immigrierter Gefluchteter aus mehrheitlich arabischen Krisen- und Burgerkriegsregionen, somit aus muslimischen Mehrheitsgesellschaften, und die somit immer noch andauernde Fluchtlings- und Asyldebatte potenziert die der Problematik ohnehin bereits immanente Sprengkraft. Wahrend Wissenschaftler vom Phanomen eines ,importierten‘ Antisemitismus durch Migranten sprechen, wissen politische Krafte dies zu instrumentalisieren, um gegen die deutsche Asylpolitik zu schieGen. Dass Antisemitismus innerhalb deutsch-islamischer Kontexte eine prasente und greifbare Problematik ist, zeigt ebenfalls der alljahrliche Qudstag-Marsch (bzw. Al-Quds-Marsch) in Berlin. Auch die jungste Demonstration fur ein freies Palastina artikulierte sich offen antisemitisch, so kam es zum Beispiel zu Parallelisierungen zwischen der Politik Israels und den Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands.4 Unter dem Eindruck einer motivahnlichen anti-israelischen Demonstration im Jahr 2017 warnte der Zentralrat der Juden explizit vor Antisemitismus in Moscheen: „Die lauteste antisemitischen Verunglimpfungen kame seit einiger Zeit von muslimischer Seite, sagt Zentralratsprasident Schuster." 5

Antisemitische Ressentiments im deutschen Islam sind eine offenkundig gewichtige und kontrovers diskutierte Thematik von grower Aktualitat und Prasenz in vielen Teilen der offentlichen, politischen und wissenschaftlichen Debatte. Dieser Debatte schlieGt sich die vorliegende Ausarbeitung an. Wie dabei genau vorgegangen werden soil, wird in den Folgekapiteln expliziert. Zunachst ist der Forschungsstand dargestellt.

1.1 Forschungsstand

Die Antisemitismusforschung ist, aufgrund der historisch bedingten Sensibilitat in Deutschland, Gegenstand verschiedenster Forschungsbereiche, so z. B. der Sozial- sowie der Politikwissenschaften oder auch der Bildungswissenschaften, und ein enorm breites Forschungsfeld. Allerdings soll folgend ,nur‘ ein Lagebild der Forschung zum Antisemitismus im deutschen Islam und unter Muslimen in Deutschland dargelegt werden.

Die Initialzundung(-en) fur konkrete Forschung war der Beginn der Zweiten Intifada (2000) und die daraus resultierenden antisemitischen Wellen im unmittelbaren Kontext muslimischer Minderheiten innerhalb Europas. Zuvor existierten vor allem Untersuchungen zum Antisemitismus islamischen Kontexts in der arabischen Welt und in der turkischen Republik. In diesem Zusammenhang konnen exemplarisch der Politikwissenschaftler Bassam Tibi und der Historiker Rifat Bali genannt werden. Des Weiteren gab es bereits 1990 eine Studie des Theologen und Islamwissenschaftlers Johan Bouman zur Stellung von Juden im Koran.6 Diese ergab, dass Antisemitismus als eine genuin islamische Problematik ausgelegt werden konne. Aktuell besteht kein Konsens uber die Existenz eines ,muslimischen‘ oder ,islamischen‘ Antisemitismus, also eines Antisemitismus, der essenziell auf der Religionszugehorigkeit basiert und somit religios bedingt ist. Mehrheitlich wird die These vertreten, dass keine Kausalitat zwischen islamischer Religionszugehorigkeit und antisemitischen Ressentiments besteht, die derzeit beispielsweise innerhalb der Islamwissenschaft von Michael Kiefer und Gotz Nordbruch, in der Soziologie von Klaus Holz und in der Zeitgeschichte von Juliane Wetzel und Wolfgang Benz befurwortet wird.

Studien:

Eine erste differenzierte Analyse des Islam in Deutschland veroffentlichten Brettfeld und Wetzels im Auftrag des Bundesinnenministerium 2007.7 Zur konkreten Untersuchung antisemitischer Ressentiments unter Muslimen in Deutschland bestehen qualitative sowie quantitative Studien, vorwiegend mit der Fokusgruppe junger (oft mannlicher) Muslime. Haufig nutzt die Wissenschaft Zahlen der U S - a m e r i k a n i s c h e n Meinungsforschungsinstitute Anti Defamation League (ADL) und Pew Research Center. Diese veroffentlichen unter anderem Einstellungserhebungen zu Antisemitismen unter Muslimen auf Basis der Zustimmung bzw. Ablehnung relativ eindimensionaler Items wie z. B. ,Juden sind geldgierig‘ oder ,Juden haben zu viel Macht‘. Aktuell bildet die Studie des Unabhangigen Expertenkreises Antisemitismus (UEA) einen durchaus ausdifferenzierten Blick auf alle Facetten des Antisemitismus in Deutschland ab, unteranderem wird hier auch ein moglicher Zusammenhang islamischer Religionszugehorigkeit zu antisemitischen Ressentiments analysiert, so z.B. durch die Befragung von Imamen und Hodschas. Viele Studien sind explorativ, da sich die Forschung zum Antisemitismus in muslimischen Kontexten innerhalb Deutschlands gegenwartig in einem entwicklungsfahigen Stadium befindet. Zudem werden Muslime in Deutschland oft als eine homogene Fokusgruppe untersucht, dies verhindert differenzierte Ergebnisse uber innerislamische Einstellungsunterschiede. Es bestehen bisher keine reprasentativen Ergebnisse uber Antisemitismus als Phanomen des Imports muslimischer Migranten. Insgesamt ist die Faktenlage somit (noch) defizitar, explorative ForschungsvorstoGe mit der Fokusgruppe junger mannlicher Muslime dominieren, wahrend es an groR> angelegten reprasentativen Studien mangelt.

1.2 Forschungsfrage

Das zentrale Forschungsobjekt stellen antisemitische Ressentiments unter Muslimen in Deutschland dar. Das Forschungsinteresse bildete sich durch das Mitverfolgen der in der Einleitung beschriebenen aktuellen Debatte und der personlichen Motivation nach Erkenntnisgewinn heraus. Ziel dieser Arbeit ist die Beantwortung folgender konkreter Fragestellungen:

1. Sind antisemitische Ressentiments unter Muslimen in Deutschland auf die Religionszugehorigkeit zuruckzufuhren, sind sie religios bedingt? Ist eine Klassifizierung als ,islamischer‘ bzw. ,muslimischer‘ Antisemitismus gerechtfertigt?
2. Welche anderen Faktoren konnen antisemitische Ressentiments unter Muslimen in Deutschland schuren?

Die Forschungsthematik und erstgenannte, fur diese Arbeit zentrale Forschungsfrage entstand in Zusammenarbeit mit und unter Verantwortung von Prof. Dr. Klaus Hock.

1.3 Vorgehensweise

Zunächst erfolgt eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem komplexen Begriff des Antisemitismus, vorrangig um darzustellen in welcher Form Antisemitismus gegenwärtig in Deutschland auftritt. Nachfolgend wird der deutsche Islam dargestellt. Hier bietet der Religionsmonitor der Bertelsmannstiftung von 2017 aktuelle Daten zur Soziodemographie und Religiositat, erganzend dazu nutze ich die bereits erwahnte Analyse von Brettfeld und Wetzels. Diese basiert auf Daten aus dem Jahr 2007, wird aber ebenfalls im hier intensiv verwendeten Bericht des UEA unter Verweis auf die Daten-Stabilitat verwendet. Die bestehenden Studien, wie auch die vorhandene Literatur zur Thematik des Antisemitismus im deutschen Islam, fokussieren sich mehrheitlich auf den deutschen ,Mainstream‘-Islam. Dies schlagt sich in dieser Ausarbeitung nieder, islamistische Kontexte werden nur gering betrachtet. Inwieweit eine Kausalitat zwischen der islamischen Religionszugehorigkeit und antisemitischen Einstellungen besteht, soll vorrangig anhand der Auslegung religioser Quellen untersucht werden. Weiterhin werde ich mich mit Antisemitismus als mogliche Reaktion auf den Nahostkonflikt und Diskriminierungs- sowie Marginalisierungserfahrungen befassen.

Eine breite Auseinandersetzung mit dem deutschen Judentum erfolgt nicht, da diese fur das Eruieren des Antisemitismus unter Muslimen in Deutschland keine Bedeutung hat. Weiterhin wird Antisemitismus unter Gefluchteten nur randstandig betrachtet, dieses Phanomen hat bisher noch keine breite wissenschaftliche Analyse erfahren.

2. Antisemitismus

2.1 Operationalisierung

Auf die Frage Was ist Antisemitismus? weiR> die Wissenschaft keine eindeutige Antwort. Im modernen Sprachgebrauch steht Antisemitismus fur jegliche Form der Judenfeindschaft. Diese offene Deutung lasst sowohl Raum fur Interpretation als auch Raum fur Missverstandnisse.8 Aus Ermangelung einer prazisen Definition ergeben sich wissenschaftliche wie auch praktische Probleme; man denke nur an politische Debatten und gesellschaftliche Diskurse. Da ich in meiner Ausarbeitung mit Studien des Unabhangigen Expertenkreises Antisemitismus (UEA)9 arbeite, soll hier zunachst dessen Arbeitsdefinition angefuhrt werden. Dazu wird im Folgenden ein Auszug aus dem aktuellen Bericht des UEA zitiert: „ Antisemitismus wird hier in Obereinstimmung mit den Ausfuhrungen im Bericht des ersten UEA definiert als Sammelbezeichnung fur alle Einstellungen und Verhaltensweisen, die den als Juden wahrgenommenen Einzelpersonen, Gruppen oder Institutionen aufgrund dieser Zugehorigkeit negative Eigenschaften unterstellen. “10 Diese Definition entspricht dem europaisch-politischen Konsens und wird in dieser Form von EU- Parlament und Bundesregierung genutzt. Als praktisches Instrument soll diese Arbeitsdefinition primar der gezielten Erkennung von Judenfeindschaft und so der Begrundung von z. B. strafrechtlichen MaGnahmen dienen.

Werner Bergmann, einer der führenden deutschen Antisemitismusforscher, beschreibt Antisemitismus als „nicht nur xenophobe, religiöse und soziale Vorurteile gegen Juden, sondern darüber hinaus eine ant i l iberal e und ant imoderne Weltanschauung, die in der Judenfrage die Ursache tief greifender sozialer, politischer, religiöser und kultureller Probleme sieht. (…) Der Begr i f f umschl ießt hier, wi e es inzwischen im wissenschaftlichen wie alltäglichen Sprachgebrauch üblich geworden ist, alle Formen der Judenfeindschaft: von der Judäophobie der Antike über den christlichen Antijudaismus bis hin zum modernen, nationalistisch und rassistisch geprägten AS im engeren Sinne.“11 Ungeachtet einer wie hier sehr umfassenden und präzisen Definitionen, ist es nur schwer möglich Antisemitismus in seiner Tiefe und Variabilität in nur wenigen Sätzen zu erfassen. Daher möchte ich diesen übergreifenden Terminus folgend genauer inhaltlich differenzieren.

2.2 Typologisierung

Für die hier darlegte Differenzierung nutze ich die in Europa gegenwärtig wissenschaftspopuläre Unterscheidung nach der Typologie von Samuel Salzborn. Als sozialwissenschaftlicher Antisemitismusforscher unterscheidet Salzborn zwischen fünf Artikulationsformen bzw. Grundphänomenen.12 Diese Unterscheidung ist in der sozialwissenschaftlichen und historischen Antisemitismusforschung etabliert. Zunächst nennt er den religiös-antijüdischen Antisemitismus (oft religiöser Antijudaismus): Diese Form bildet die lange antijüdische Vorgeschichte des modernen Antisemitismus (die Semantik des modernen Antisemitismus wird im weiteren Verlauf noch expliziert). Bereits im Mittelalter war der religiös-antijüdische Antisemitismus bzw. religiöse Antijudaismus christlich motiviert und gegen das Judentum als Religion gerichtet. Die christliche Abneigung richtete sich besonders gegen das jüdische Selbstverständnis des Auserwähltseins und war durchsetzt von Mythen und Phantasmen einer Weltbeherrschung durch das Judentum.13 Bereits im Mittelalter existierten somit Vorstellungen der auch noch heut eallzu präsenten ‚ jüdischen Weltverschwörung‘. Die beschriebenen christlich-religiösen Motive des Antijudaismus transformierten sich in Vorstellungen des modernen Antisemitismus, wie in die des völkisch-rassistischen Antisemitismus. Diese Artikulationsvariante koppelte den Antisemitismus von realen religiös-gesellschaftlichen Konflikten zwischen Juden und Nicht-Juden ab und mündete in der Ideologie des Nationalsozialismus. So formierten 14 sich antisemitische Vorstellungen , antisemitische Ideologien als „gesellschaftspolarisierendes Moment im Rahmen der Nationenwerdungsprozesse der europäischen Moderne sowie des Widerstandes gegen die jüdische Emanzipation und die soziale wie rechtliche Gleichstellung der Juden …“15. Durch die militärische Niederschlagung der völkisch-rassistischen Ideologie kam es zu einer Tabuisierung dieser in der Öffentlichkeit. Schon in den ersten Nachkriegsjahrzehnten wurde Antisemitismus so über kommunikative Umwege artikuliert, so z. B. im Antikommunismus. Gleichzeitig brachte der Wunsch nach Entlastung von der NSVergangenheit Motive der Schuldabwehr hervor. Die Motive des sekundär-schuldabwehrenden Antisemitismus (in der Literatur meist nur sekundärer Antisemitismus) gipfeln in der Leugnung des Holocausts und bilden die heute in Deutschland wohl präsenteste antisemitische Artikulationsform. Die BRD sanktioniert jegliche offen-judenfeindliche Rede staatlich oder zivilgesellschaftlich, daher suchen Antisemiten damals wie heute rhetorische Umwege, um ihre Ansichten öffentlich zu propagieren. In der Forschung wird dies als Kommunikationslatenz bezeichnet (Werner Bergmann). Neben dem sekundären Antisemitismus ist der Antizionismus ein weiterer kommunikativer Umweg. Als Sammelbegriff für verschiedene politische Ideologien richtet er sich seit seiner Gründung 1948 gegen den Staat Israel. Der Antizionismus dämonisiert Israel und spricht dem israelischen Staat jegliches Existenzrecht ab. Dabei muss er nicht grundsätzlich antisemitisch aufgeladen sein, vermischt sich jedoch oftmals mit Antisemitismen, so wird in diesem Fall vom antizionistischen Antisemitismus gesprochen. Salzborn bezeichnet diesen als „Antisemitismus unter dem Deckmantel von Antizionismus“.16 Michael Kiefer konstatiert der antizionistischen Artikulation erhebliche Schnittmengen mit dem sekundären Antisemitismus.17 Samuel Salzborn beschreibt die antizionistischen Ressentiments als Artikulationsform, die „sich [die] Projektionsfläche im Staat Israel, der Idee des Zionismus und/oder der Politik Israel such[- en].“18 Auf Kernbestandteile ntizionistischer Antisemitismen komme ich in Abschnitt 6.2 zu sprechen.

Der arabisch-islamische Antisemitismus gilt als die jüngste Artikulationsvariante in Europa. Seit einigen Jahren ist ein rasanter Bedeutungszuwachs antisemitischer Agitationen und Aktionen muslimischen Hintergrunds in Europa zu beobachten. Das Phänomen des arabisch-islamischen Antisemitismus ist eine besonders in islamwissenschaftlicher und Nahost-bezogener Forschung gegenwärtig häufig diskutierte Thematik. Die Diskussion bewegt sich im Grunde zwischen zwei Positionen: Die erste geht von einem ‚neuen‘ Antisemitismus aus, der sich aus einer Annäherung arabisch-nationalistischer und ‚klassisch‘ europäischer Antisemitismen speise.19 Zentral ist hierbei, dass jede Auseinandersetzung mit Israel weit über legitime Kritik hinausgehe und dabei auf antisemitischen Motiven fuße.20 Im Zentrum dieser Auseinandersetzungen mit Israel stehen primär arabisch-islamische Gesellschaften und große muslimische Minoritäten in Europa.21 Die entgegensetzte Position weist die These von der Existenz eines ‚neuen‘ Antisemitismus in Form des islamischen oder auch „muslimischen“ (David Ranan, Robert Wistrich) Antisemitismus zurück. Die Bestimmung eines ‚neuen‘ Antisemitismus sei einzig und allein konstruiert, um Kritik an israelischer Politik als antisemitische Einstellung zu brandmarken.22 Unter Punkt 4.1 werde ich mich tiefergehend mit der hier angesprochenen Problematik auseinandersetzen.

Di e i n der Theor i e scheinbar klar separ ier ten Grundphänomene des Antisemitismus können in ihrer realen Artikulation kaum so eindeutig differenziert werden. So kommt es zu vielen Überschneidungen und eine antisemitische Artikulationsform bedient sich an Motiven der anderen. Zudem ist der hier dargelegten Typologie keine Hierarchie oder Chronologie immanent, auch wenn die antisemitischen Grundphänomene „historisch in unterschiedlichen Epochen aufeinander folgend erstmals aufgetreten sind, so existieren doch alle bis heute fort.“23

Abschließend sei noch der bereits erwähnte Terminus ‚moderner Antisemitismus‘ erläutert. Diese Kategorie umfasst alle hier dargestellten Ausformungen bis auf den christlichen Ant i judaismus (nach Salzbor n rel igiös-ant i jüdischer Antisemitismus). Dieser ist religiös (christlich) motiviert, bildet keine universale Ideologie und weist keine für den ‚modernen‘ Antisemitismus grundlegenden Strukturmerkmale auf. Das charakteristischste, allen Grundphänomenen des modernen Antisemitismus immanente Strukturmerkmal ist die Vorstellungen der eine jüdischen Macht durch Verschwörung.24 Diese Verschwörungstheorie imaginiert eine geheimnisvolle jüdische Macht. Laut dieser Theorie steckt eine weltumspannende Potenz des Judentums hinter allen als negativ bewerteten sozialen, politischen oder ökonomischen Weltgeschehnissen und - entwicklungen. Zudem werden ‚die Juden‘ mit modernen Machtmitteln, wie dem Finanzkapital oder den Medien, identifiziert.25

3. Kontextualisierung: Der deutsche Islam – Muslime in Deutschland

In den Medien, der Politik und der Gesellschaft sowie zu Teilen auch in der Wissenschaft kommt es oftmals zur Ethnisierung von Muslimen; häufig wird von ‚den Muslimen‘ gesprochen. Aus diesem Grund möchte ich folgend die Diversität von Muslimen und Islam in Deutschland darstellen. Dazu werden zu Beginn grundlegende soziodemographische angeführt.

3.1 Soziodemographie

Die Bertelsmann Stiftung publizierte nach 2007 und 2013 im Jahr 2017 den dritten Religionsmonitor. Ziel dieser Studie war die Untersuchung und Faktenschaffung zur Integration von Muslimen in Europa. In der repräsentativen Untersuchung wurden Ende 2016 mehr als 10 000 Menschen aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Großbritannien und der Schweiz per namenbasierter Zufallsstichproben via Telefoninterview befragt. Aus Deutschland haben über 1000 Muslime mit Wurzeln in der Türkei, Südosteuropa, dem Iran, Südostasien, Nordafrika sowie dem Nahen Osten teilgenommen. Viele der Telefoninterviews wurden auf Türkisch, Arabisch, Serbokroatisch oder Farsi geführt. Neben Telefon- wurden zudem Face-to-Face-Interviews und Online- Fragebögen berücksichtigt.26

Der verwendete Datensatz besteht für jedes der fünf oben angeführten europäischen Länder aus einer allgemeinen Bevölkerungsstichprobe (Nichtmuslime) und einer Stichprobe der Muslime (Muslime, die erst jüngst durch Fluchtmigration nach Europa gekommen sind, wurden nicht berücksichtigt). Bei den Samples handelt es sich um repräsentative Auswahlen für das jeweilige Land. Die Stichproben der Muslime für Deutschland wurden nach Geschlecht, Altersgruppe und Herkunftsland gewichtet. „Die Befragten sind aufgrund ihrer Selbstzuschreibung als dem Islam zugehörig definiert.“27 Insgesamt wurden in Deutschland 2567 Menschen befragt, davon 1114 Muslime. Mithilfe demographischer Statistiken des BMI 28 ergibt sich folgendes Profil für Deutschland:

Ende 2015 leben 4,4 bis 4,7 Millionen Muslime in Deutschland (Zahl des BMI), das entspricht zwischen fünf und sechs Prozent der Gesamtbevölkerung (Großteil davon in urbanen Zentren). Die Muslime bilden somit die größte religiöse Minderheit Deutschlands. Ca. ein Viertel der Muslime sind seit 2011 nach Deutschland gekommen, viele davon als Flüchtlinge aus dem Nahen Osten. Als wichtigstes Herkunfts- oder Ursprungsland ist immer noch die Türkei zu nennen, insgesamt haben 59 Prozent der Muslime in Deutschland türkische Wurzeln (ein Viertel davon kurdisch). Elf Prozent gaben an, einen südosteuropäischen Hintergrund zu haben, sieben Prozent stammen aus dem Nahen Osten und weitere sechs Prozent aus Nordafrika. 54 Prozent erklärten, selbst nach Deutschland eingewandert zu sein, 41 Prozent leben in zweiter und vier Prozent in dritter Generation i m L and . Knapp ein Drittel der muslimischen Minderheitsbevölkerung ist zwischen 18 und 29 Jahre alt, zudem durchschnittlich jünger als die nichtmuslimische Bevölkerung. Im Folgenden werden die Anhänger der verschiedenen Glaubensrichtungen von Muslimen in Deutschland angeführt: 61 Prozent der Befragten sind sunnitisch

[...]


1 MARGUIER, A. (2018): Attacke auf Israeli in Berlin. Wenn der Islam zu Deutschland gehort, dann auch sein Antisemitismus. von: https://www.cicero.de/innenpolitik/Antisemitismus-Attacke-Berlin- Islam-Juden-Michael-Mueller. (Zugriffsdatum: 27.11.18).

2 ZICK, A. / HOVERMANN, A. / JENSEN, S. (2017): Judische Perspektiven auf Antisemitismus in Deutschland Ein Studienbericht fur den Expertenrat Antisemitismus. von: https://uni-bielefeld.de/ ikg/daten/JuPe Bericht April2017.pdf. (Zugriffsdatum: 27.11.18).

3

4 RECHERCHE- UND INFORMATIONSSTELLE ANTISEMITISMUS BERLIN (RIAS). (2018): Auswertung des Qudstag-Marsches 2018. von: https://report-antisemitism.de/media/18-06-14- Auswertung-des-Qudstag-Marsches-2018.pdf. (Zugriffsdatum: 02.12.18).

5 FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG. (2017): Zentralrat der Juden warnt vor Antisemitismus in Moschee. von: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/zentralrat-der-iuden-fordert-handeln- gegen-antisemitismus-in-moscheen-15343646.html. (Zugriffsdatum: 02.12.18).

6 BOUMAN, J. (1990): Der Koran und die Juden. Die Geschichte einer Tragödie. 1. Auflage. Darmstadt: wbg

7 BRETTFELD, K. / WETZELS, P. (2007): Muslime in Deutschland. Integration, Integrationsbarrieren, Religion und Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religiös motivierter Gewalt. Hamburg: Universität Hamburg.

8 KIEFER, M. (2006). Islamischer, islamistischer oder islamisierter Antisemitismus?. von: https:// www.istor.org/stable/20140739?read-now=1. S. 283. (Zugriffsdatum: 29.11.2018).

9 BRETTFELD, K. / WETZELS, P Bundesministerium des Innern (Hrsg.). (2007): Muslime in Deutschland. Integration, Integrationsbarrieren, Religion sowie Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religios motivierter Gewalt. 1. Auflage. Paderborn: Bonifatius GmbH.

10 UNABHANGIGER EXPERTENKREIS ANTISEMITISMUS / BUNDESMINISTERIUM DES INNERN, FUR BAU UND HEIMAT (Hrsg.). (2017): Antisemitismus in Deutschland. Aktuelle Entwicklungen. 1. Auflage. Frankfurt am Main: Zarbock. S. 23.

11 BERGMANN, W. / KORTE, M. (Hrsg.). (2004): Antisemitismusforschung in den Wissenschaften. Berlin: Metropol. S. 9.

12 KIEFER, M.: Islamischer, islamistischer oder islamisierter Antisemitismus?. S. 281.

13 SALZBORN, S. (2014): Antisemitismus. Geschichte, Theorie, Empirie. 1. Auflage. Baden-Baden: Nomos. S. 13.

14 Ebenda.

15 Ebenda.

16 SALZBORN, S.: Antisemitismus. Geschichte, Theorie, Empirie. S. 19.

17 KIEFER, M.: Islamischer, islamistischer oder islamisierter Antisemitismus?. S. 281.

18 SALZBORN, S.: Antisemitismus. Geschichte, Theorie, Empirie.

19 KIEFER, M.: Islamischer, islamistischer oder islamisierter Antisemitismus?. S. 279.

20 Ebenda.

21 NORDBRUCH, G. (2004): Antisemitismusforschung als Gegenstand islamwissenschaftlicher und Nahost-bezogener Sozialforschung. in: BERGMANN, W. (Hrsg.) / KORTE, M. (Hrsg.); Antisemitismusforschung in den Wissenschaften. S. 241.

22 Ebenda.

23 SALZBORN, S.: Antisemitismus. Geschichte, Theorie, Empirie. S. 108.

24 KIEFER, M.: Islamischer, islamistischer oder islamisierter Antisemitismus?. S. 287.

25 Ebenda.

26 Vgl. HALM, D. / SAUER, M. (2017). Muslime in Europa. Integriert, aber nicht akzeptiert?. von: https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/ Studie LW Religionsmonitor-2017 Muslime-in-Europa.pdf. (Zugriffsdatum: 03.11.18). S. 12.

27 Ebenda. S. 12-13.

28 BMI: Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Religiös bedingter Antisemitismus? Antisemitische Ressentiments im deutschen Islam
Hochschule
Universität Rostock
Note
1,8
Autor
Jahr
2018
Seiten
56
Katalognummer
V459057
ISBN (eBook)
9783668899445
ISBN (Buch)
9783668899452
Sprache
Deutsch
Schlagworte
religiös, antisemitismus, antisemitische, ressentiments, islam
Arbeit zitieren
Jonas Runge (Autor), 2018, Religiös bedingter Antisemitismus? Antisemitische Ressentiments im deutschen Islam, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/459057

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