Selbstregulation und Fahrverhalten. Zum Einfluss der Variablen Alter, Geschlecht und kriminelle Handlungen


Seminararbeit, 2016
12 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Einflussfaktoren
Alter
Geschlecht
Kriminelle Handlungen

Diskussion

Literatur

Einführung

Im Jahr 2014 lag die Anzahl polizeilich erfasster Straßenverkehrsunfälle in Deutschland bei 2.406.685, darunter 361.935 bei denen ein Fehlverhalten des Fahrzeugführers vorlag und bei denen Personen zu Schaden gekommen sind (Statistisches Bundesamt, 2015). Was führt dazu, dass Menschen trotz des Wissens über die möglichen negativen Konsequenzen dennoch mit überhöhter Geschwindigkeit oder unter Alkoholeinfluss Auto fahren?

Ein möglicher Erklärungsansatz hierfür bietet die unzureichende Fähigkeit zur Selbstregulation in bestimmten Situationen. Unter Selbstregulation versteht man ein zielgerichtetes Verhalten mit einer zeitlichen Perspektive. Aspekte der Selbstregulation sind dabei: 1. Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen, welche von einem Individuum mental repräsentiert und überwacht werden, 2. eine ausreichende Motivation um eine Diskrepanz zwischen dem momentanen Zustand und der mentalen Repräsentation dieser Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen zu überwinden und 3. ausreichende Kapazität und Fähigkeiten um diesen Zustand trotz Widerständen zu erreichen (Hofmann, Schmeichel & Baddeley, 2012).

Erfolgreiche Selbstregulation erlaubt es Menschen Pläne zu erstellen und durchzuführen, ihre Impulse zu kontrollieren, unerwünschte Gedanken und Gefühle zu inhibieren und ermöglicht ein soziales Zusammenleben. Scheitert Selbstregulation jedoch kann dies zu verschiedenen sozialen und gesundheitlichen Problemen führen (Heatherton & Wagner, 2010). Zum Beispiel wird Alkoholabhängigkeit mit einem Scheitern von Selbstregulation in Zusammenhang gebracht (Baumeister & Heatherton, 1996).

Selbstregulation kann scheitern, wenn nicht genug Ressourcen vorhanden sind, um Hindernisse, die der Zielerreichung im Weg stehen, zu überwinden. Dies ist unter anderem der Fall, wenn die Ressourcen durch eine vorherige Anstrengung bereits reduziert wurden (Hofmann, Schmeichel & Baddley, 2012). Ein Beispiel hierfür ist, dass es nach einem anstrengenden Tag im Büro sehr schwer fällt noch ins Fitnessstudio zu gehen. Im Gegensatz zu diesem top-down Prozess steigt bei bottom-up Prozessen durch die Konfrontation mit bestimmten Hinweis-cues die ressourcenbezogene Anforderung an das Individuum (Heatherton & Wagner, 2010). Beispielsweise fällt es vielen Menschen leicht eine Tüte Gummibärchen unangetastet zu lassen, wohingegen sie die Tafel Schokolade nicht mehr aus der Hand legen können (oder – je nach Vorliebe – andersrum).

Betrachtet man die Eigenschaften von selbstregulatorischen Fähigkeiten fällt es nicht schwer, diese in den Straßenverkehr zu übertragen. Ein gewünschter Zielzustand ist hier zum Beispiel ein angepasstes Fahrtempo. Das Hindernis ist eine verkürzte Fahrzeit durch überhöhtes Tempo. Beeinträchtigende Faktoren könnten Übermüdung oder kognitive Beanspruchung durch den Gebrauch eines Smartphones während der Fahrt sein. Angesichts der aufgeführten Verkehrsunfallzahlen ist somit eine Betrachtung des Aspekts Selbstregulation im Straßenverkehr durchaus sinnvoll. In dieser Arbeit sollen verschiedene Einflussfaktoren auf die Selbstregulation in Bezug auf das Fahrverhalten betrachtet werden und mögliche praktische Implikationen aufgeführt werden.

Einflussfaktoren

Alter

Eine der meist untersuchten Variablen in Bezug auf den Zusammenhang von Fahrverhalten und Selbstregulation ist das Alter, im Speziellen das hohe Alter (> 65 Jahre) (z.B. Rudman, Friedland, Chipman & Sciortino, 2006; Baldock, Mathias, McLean & Berndt, 2006; Okonkwo, Crowe, Wadley & Ball, 2007; Meng & Siren, 2012). Dies hängt zum einen mit der durch den demografischen Wandel hervorgerufenen steigenden Anzahl älterer Verkehrsteilnehmer zusammen und zu anderen mit funktionalen Einschränkungen die mit dem Alter einhergehen und einen Einfluss auf die Fahrtüchtigkeit haben könnten (Meng & Siren, 2012). Zudem verändern sich die selbstregulatorischen Fähigkeiten und die damit verbundenen Mechanismen mit zunehmendem Alter (Rothbart, Sheese, Rueda & Posner, 2011), weswegen eine genauere Betrachtung dieser Variable sinnvoll erscheint.

Rudman et al. (2006) fanden heraus, dass es gerade älteren Personen sehr wichtig ist ihre Fahrtüchtigkeit so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Eine Strategie die hierfür genutzt wird ist Selbstregulation in Bezug auf das Fahrverhalten (Okonkwo et al., 2007). Viele ältere Fahrer nutzen diese Strategie bereits (Meng & Siren, 2012). Selbstregulation in Bezug auf das Fahrverhalten bedeutet, die eigenen Fähigkeiten zu beobachten und – nach einer Einschätzung dieser – bestimmte Situationen zu vermeiden. Dies kann z.B. das Autofahren bei Regen, in der Rushhour oder über lange Strecken betreffen (Baldock et al., 2006).

Dass gerade ältere Fahrer selbstregulatorische Strategien im Straßenverkehr nutzen hängt nicht nur mit funktionalen Einschränkungen zusammen, die aus dem Alter resultieren, sondern auch damit, dass die Fähigkeit zur Selbstregulation mit dem Alter steigt (z.B. Bauer, Adler, Kuskowski & Rottunda, 2003). In einer Studie von Gwyneth und Holland (2012) zeigten sich jedoch nicht nur bei älteren Fahrern höhere Selbstregulationswerte als bei Fahrern im mittleren Alter, sondern auch bei jüngeren Versuchsteilnehmern. Die Autoren ziehen aus diesen Ergebnissen den Schluss, dass Selbstregulation eine Copingstrategie ist. Ältere Fahrer nutzen sie als Kompensation für funktionale Einschränkungen wohingegen jüngere Fahrer noch nicht vorhandene Fahrerfahrung ausgleichen wollen. Hierfür spricht, dass in genannter Studie jüngere Fahrer stärker solche Situationen vermieden, in denen Automatismen stark zum Tragen kommen. Nachdem Fahrerfahrung als Kontrollvariable aufgenommen wurde zeigten sich signifikante Alterseffekte, wobei ältere Fahrer höhere Werte in Bezug auf Selbstregulation aufwiesen als jüngere.

Eine weitere Variable, die Einfluss auf den Zusammenhang von Selbstregulation und Fahrverhalten hat, ist das subjektive Wohlbefinden während der Fahrt. Meng und Siren (2012) vermuten, dass eine Veränderung in dieser Variable dem Selbstmonitoring der eigenen Fahrfähigkeiten dient und dadurch selbstregulatorische Strategien motiviert.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Selbstregulation in Bezug auf das Fahrverhalten eine wichtige kompensatorische Strategie darstellt, die es auch älteren Fahrern ermöglicht ihre Mobilität aufrecht zu erhalten und gleichzeitig das Unfallrisiko senkt (z.B. Baldock et al., 2006). Dies belegen bereits jetzt viele Studien. Weniger gut erforscht ist die Selbstregulation in Bezug auf das Fahrverhalten bei Fahrern im mittleren Alter und bei Fahranfängern. Zwar zeigt sich, dass Fahranfänger Selbstregulation als Copingstrategie für geringe Fahrerfahrung nutzen (Gwyneth & Holand, 2012), inwiefern sich dies aber gezielt als Interventionsstrategie einsetzen lässt ist bisher noch wenig untersucht.

Geschlecht

Ob nun Männer oder Frauen die bessern Autofahrer sind ist wohl Ansichtssache und lässt sich nicht abschließend klären. Was sich aber zeigt ist, dass Frauen mehr Selbstregulation in Bezug auf ihr Fahrverhalten zeigen als Männer (Gwyther & Holland, 2012). Viele Autoren vermuten hier einen Zusammenhang mit der Fahrerfahrung (z.B. Kostyniuk & Shope, 1998). Da Autofahrerinnen, die sich heute in einem Alter > 65 Jahren befinden zu einer Generation gehören, in der Frauen auf Grund ihrer Rolle als Hausfrau sehr viel seltener Auto gefahren sind als ihre Männer, haben sie deutlich weniger Fahrerfahrung als diese. Die damit einhergehende Unsicherheit könnte dafür verantwortlich sein, dass Frauen im Schnitt mehr Selbstregulation in Bezug auf das Fahrverhalten zeigen als Männer.

Gwyther und Holland zeigten jedoch in einer 2012 durchgeführten Studie, dass auch Frauen im jungen und mittleren Alter mehr Selbstregulation beim Fahren berichteten als die Männer in der entsprechenden Altersgruppe. Hierfür gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Ein möglicher Ansatz könnte das stereotype threat sein (z.B. Steele & Aronson, 1995). Stereotype threat beschreibt die Angst von Mitgliedern einer sozialen Gruppe ein negatives Stereotyp das ihre Gruppe betrifft zu bestätigen und einer damit einhergehenden selbsterfüllenden Prophezeiung. In Bezug auf das Autofahren würde dies bedeuten, dass Frauen sich beim Autofahren unwohl fühlen, da sie Angst haben das Stereotyp „Frauen fahren schlecht Auto“ zu erfüllen. Dieses Unwohlsein könnte – wie bereits zuvor beschrieben – dazu führen, dass Frauen mehr Selbstmonitoring und damit mehr Selbstregulation betreiben.

Eine weitere Erklärungsmöglichkeit liefert der Geschlechterunterschied bei der Selbstregulation an sich. Hier liegt der Fokus insbesondere auf der Emotionsregulation. Frauen neigen dazu, negatives Feedback intensiver zu verarbeiten als Männer (Fladung & Kiefer, 2015). Im Vergleich zu Frauen nutzen Männer expressive Suppression häufiger als Emotionsregulationsstrategie (Gross & John, 2003). Expressive Suppression beschreibt die Unterdrückung des emotionalen Ausdrucks im Verhalten (Ochsner & Gross, 2005), z.B. die Unterdrückung mimischer Reaktionen auf einen emotionalen Zustand. Kurzfristig gesehen scheint expressive Suppression insofern zu einer besseren Leistungsfähigkeit zu führen, dass weniger Folgefehler bei kognitiven Aufgaben auftreten (Flandung & Kiefer, 2015) und somit auch weniger negative Emotionen zum Tragen kommen. Betrachtet man dies im Kontext des Autofahrens so könnten Frauen negative Emotionen intensiver und häufiger wahrnehmen als Männer, da sie im Schnitt weniger expressive Suppression verwenden. Dies wiederrum könnte zu zuvor beschriebenem Selbstmonitoring und damit einhergehender Selbstregulation führen.

In diesem Kontext könnte starkes selbstregulatorisches Verhalten jedoch nicht nur dazu führen das Unfallrisiko zu senken, sondern auch dazu die Mobilität einer Person einzuschränken. Oxley und Whelan (2008) vermuteten, dass bei älteren Fahrern in einigen Fällen die Mobilität durch Selbstregulation mehr eingeschränkt, als das Unfallrisiko gesenkt wird. Diese Vermutung lässt sich auch auf den Geschlechterkontext übertragen.

Ein Ansatzpunkt solchen negativen Konsequenzen entgegenzuwirken ist die Aufklärung über stereotype threat und dessen Folgen. Die von einer Person verwendete Strategie zur Emotionsregulation lässt sich dagegen zum einen nur schwer verändern und hat zum anderen in verschiedenen Situationen unterschiedliche Vor- und Nachteile. So sind viele negative Konsequenzen mit häufiger Verwendung expressiver Suppression assoziiert, wie beispielsweise reduzierter Fehlerentdeckung bei kognitiven Aufgaben (z.B. Friese, Binder, Luechinger, Boesinger & Rasch, 2013) und einem negativen Einfluss auf soziale Interaktionen (Butler, Gross & Barnard, 2014). Aus diesem Grund ist hier eine Intervention möglicherweise sogar kontraindiziert.

Kriminelle Handlungen

Eine niedrige oder nicht vorhandene Fähigkeit zur Selbstregulation wird vielfach mit sozialen Problemen assoziiert, unter anderem auch kriminellem Verhalten (Baumeister & Heatherton, 1996). Banse (2012) weist in einem Artikel darauf hin, dass Gewaltdelikte mit einem erhöhten Unfallrisiko und Auffälligkeiten im Straßenverkehr einhergehen. Eine mögliche Erklärung hierfür ist, dass selbstregulatorische Fähigkeiten sowohl einen Einfluss auf die Anzahl verübter Straftaten, als auch auf einen riskanten Fahrstil haben.

Eine spezielle Art riskanten Verhaltens im Straßenverkehr haben Kean, Maxim und Teevan (1993) betrachtet, dem Fahren unter Alkoholeinfluss. Sie stellten die Vermutung auf, dass Personen, die geringe Fähigkeiten zur Selbstregulation besitzen die Konsequenzen ihres Handelns nicht im vollen Umfang abwägen können und somit impulsiv und risikoreich agieren. Als Folge dessen begehen sie kriminelle Handlungen – unter anderem Fahren unter Alkoholeinfluss. Die Autoren testeten in ihrer Studie die general theory of crime von Gottfredson und Hirschi (1990) die besagt, dass sowohl soziale – wie externale oder soziale Kontrolle – als auch individuelle Einflüsse – wie Selbstkontrolle – das Verhalten eines Individuums beeinflussen. Hierfür verwendeten Kean et al. die Daten des 1986 Ontario Survey of Nighttime Drivers, das Daten von 12.777 Fahrern beinhaltet, die im Zeitraum vom 28. Mai bis zum 18. Juli 1986 angehalten und befragt wurden. Als abhängige Variable wurde unter anderem die Blutalkohol-Konzentration (blood alcohol concentration, BAC) erhoben. Als unabhängige Variablen wurden verschiedene Indikatoren für Selbstkontrolle herangezogen. Selbstkontrolle ist ein Teilgebiet selbstregulatorischer Prozesse und dient insbesondere der Unterdrückung ungewollter und spontaner Impulse (Hoffmann et al., 2012). Die Auswertung der Studie bestätigte die Annahme der Autoren, dass Selbstkontrolle einen Einfluss auf das Fahren unter Alkoholeinfluss hat. Personen, die niedrigere Selbstkontrollwerte aufwiesen zeigten höhere BAC-Werte.

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Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Selbstregulation und Fahrverhalten. Zum Einfluss der Variablen Alter, Geschlecht und kriminelle Handlungen
Hochschule
Universität Ulm
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
12
Katalognummer
V459088
ISBN (eBook)
9783668902534
ISBN (Buch)
9783668902541
Sprache
Deutsch
Schlagworte
selbstregulation, fahrverhalten, betrachtung, alter, geschlecht, handlungen, einflussvariablen
Arbeit zitieren
Katrin Mayer (Autor), 2016, Selbstregulation und Fahrverhalten. Zum Einfluss der Variablen Alter, Geschlecht und kriminelle Handlungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/459088

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