In der Ungleichheitsforschung spricht man von der "großen Kehrtwende": Bestand lange Zeit ein scheinbar unumstößlicher, positiver Zusammenhang zwischen Demokratien und Einkommensgleichheit, so ist seit den 1970er Jahren in westlichen Demokratien, so auch in Deutschland, eine zunehmende ungleiche Verteilung des Einkommens zu beobachten. In der Forschung werden die Konsequenzen dieser Entwicklung von unterschiedlichen Disziplinen diskutiert, wobei der Fokus vor allem auf ökonomischen, politischen sowie sozialen Folgen liegt.
In etwa zeitgleich mit der Zunahme der Einkommensungleichheit hat in Deutschland und anderen westlichen Demokratien die Wahlbeteiligung deutlich abgenommen. Daher stellt sich aus politikwissenschaftlicher Sicht die Frage, ob ein Zusammenhang zwischen Einkommensungleichheit und der Beteiligung an Wahlen besteht. Bisher herrscht in der Politikwissenschaft Uneinigkeit darüber, ob Einkommensungleichheit zu einer höheren Beteiligung von Personen an den oberen und unteren Enden der Einkommensverteilung führt, oder aber ob Einkommensungleichheit eine Verzerrung der Wahlbeteiligung zugunsten des reicheren Bevölkerungsteils zur Folge hat.
Neben einem forschungsgeleiteten Interesse ist die Untersuchen des Zusammenhangs zwischen Einkommensungleichheit und Wahlbeteiligung auch aus demokratietheoretischen Aspekten relevant. Laut Robert A. Dahl ist politische Gleichheit die Grundvoraussetzung für eine funktionierende Demokratie. Sollte Einkommensungleichheit die Beteiligungen an Wahlen beeinflussen und damit zur Folge haben, dass bestimmte Einkommensgruppen eher wählen gehen als andere, dann würde durch die Einkommensungleichheit das demokratische Prinzip der politischen Gleichheit verletzt werden.
Daher soll sowohl aus demokratietheoretischem Interesse als auch aufgrund der bestehenden Unklarheit in der Forschung in dieser Arbeit der Frage nachgegangen werden, ob und in welcher Art und Weise in Deutschland Einkommensungleichheit die individuelle Wahlbeteiligung beeinflusst.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Einkommensentwicklung in Deutschland und deren ökonomischen und politischen Ursachen
3 Theoretische Grundlage
3.1 Politische Partizipation
3.2 Theorien zur Erklärung politischen Partizipationsverhaltens
3.2.1 Das Civic Voluntarism Model
3.2.2 Konflikttheorie
3.2.3 Kritische Auseinandersetzung mit den Theorien
4 Hypothesen
5 Empirische Analyse
5.1 Daten
5.2 Operationalisierung
5.3 Ergebnisse
6 Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der wachsenden Einkommensungleichheit in Deutschland und der individuellen Wahlbeteiligung, um zu klären, ob ökonomische Disparitäten zu einer politisch verzerrten Repräsentation führen. Dabei wird insbesondere geprüft, welche Rolle das Einkommen im Vergleich zur individuellen Bildung bei der Entscheidung zur Stimmabgabe spielt.
- Analyse der Einkommensentwicklung in Deutschland seit den 1970er Jahren
- Theoretische Einordnung durch das Civic Voluntarism Model und die Konflikttheorie
- Empirische Überprüfung des Einflusses von Einkommen und Bildung auf die Wahlbeteiligung
- Untersuchung der politischen Konsequenzen wachsender Ungleichheit für die demokratische Gleichheit
- Evaluation des Einflusses politischer Einstellungen und sozialer Netzwerke auf die Partizipation
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
In der Ungleichheitsforschung spricht man von der „großen Kehrtwende“(Alderson/Nielsen 2003): Bestand lange Zeit ein scheinbar unumstößlicher, positiver Zusammenhang zwischen Demokratien und Einkommensgleichheit (Muller 1988), so ist seit den 1970er Jahren in westlichen Demokratien, so auch in Deutschland, eine zunehmende ungleiche Verteilung des Einkommens¹ zu beobachten. In der Forschung werden die Konsequenzen dieser Entwicklung von unterschiedlichen Disziplinen diskutiert, wobei der Fokus vor allem auf ökonomischen, politischen sowie sozialen Folgen liegt.
In etwa zeitgleich mit der Zunahme der Einkommensungleichheit hat in Deutschland und anderen westlichen Demokratien die Wahlbeteiligung deutlich abgenommen. Daher stellt sich aus politikwissenschaftlicher Sicht die Frage, ob ein Zusammenhang zwischen Einkommensungleichheit und der Beteiligung an Wahlen besteht. Bisher herrscht in der Politikwissenschaft Uneinigkeit darüber, ob Einkommensungleichheit zu einer höheren Beteiligung von Personen an den oberen und unteren Enden der Einkommensverteilung führt (Brady 2004; Oliver 2001), oder aber ob Einkommensungleichheit eine Verzerrung der Wahlbeteiligung zugunsten des reicheren Bevölkerungsteils zur Folge hat (Verba et al. 1995).
Neben einem forschungsgeleiteten Interesse ist die Untersuchen des Zusammenhangs zwischen Einkommensungleichheit und Wahlbeteiligung auch aus demokratietheoretischen Aspekten relevant. Laut Robert A. Dahl (2006) ist politische Gleichheit die Grundvoraussetzung für eine funktionierende Demokratie. Sollte Einkommensungleichheit die Beteiligungen an Wahlen beeinflussen und damit zur Folge haben, dass bestimmte Einkommensgruppen eher wählen gehen als andere, dann würde durch die Einkommensungleichheit das demokratische Prinzip der politischen Gleichheit verletzt werden. Daher soll sowohl aus demokratietheoretischem Interesse als auch aufgrund der bestehenden Unklarheit in der Forschung in dieser Arbeit der Frage nachgegangen werden, ob und in welcher Art und Weise in Deutschland Einkommensungleichheit die individuelle Wahlbeteiligung beeinflusst.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Problematik der wachsenden Einkommensungleichheit ein und leitet die Forschungsfrage bezüglich der Auswirkungen auf die Wahlbeteiligung in Deutschland her.
2 Einkommensentwicklung in Deutschland und deren ökonomischen und politischen Ursachen: Es wird die Entwicklung der Einkommensverteilung seit den 1970er Jahren nachgezeichnet und die ökonomischen sowie politischen Mechanismen dieser Entwicklung erörtert.
3 Theoretische Grundlage: Hier werden das Konzept der politischen Partizipation definiert und das Civic Voluntarism Model sowie die Konflikttheorie als Erklärungsansätze für politisches Verhalten diskutiert.
4 Hypothesen: Aus den theoretischen Überlegungen werden drei spezifische Hypothesen zum Einfluss von Einkommen und Bildung auf die Wahlbeteiligung abgeleitet.
5 Empirische Analyse: Auf Basis des European Social Survey 2012 wird der Einfluss des Einkommens unter Kontrolle weiterer Variablen mittels logistischer Regression untersucht.
6 Fazit: Die Ergebnisse werden zusammengefasst und die politische Relevanz der Befunde für die demokratische Gleichheit in Deutschland bewertet.
Schlüsselwörter
Einkommensungleichheit, Wahlbeteiligung, Politische Partizipation, Civic Voluntarism Model, Konflikttheorie, Deutschland, European Social Survey, Bildung, politische Gleichheit, Demokratie, Sozialpolitik, Wahlanalyse, Umverteilung, soziale Netzwerke, Responsivität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob und wie die wachsende Einkommensungleichheit in Deutschland die individuelle Bereitschaft beeinflusst, an Bundestagswahlen teilzunehmen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft ökonomische Ungleichheitsforschung mit der politikwissenschaftlichen Partizipationsforschung, um die Auswirkungen auf demokratische Prozesse zu verstehen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Kernfrage lautet, ob Einkommensungleichheit zu einer Verzerrung der Wahlbeteiligung zugunsten wohlhabenderer Bevölkerungsteile führt und damit die politische Gleichheit gefährdet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine empirische Analyse auf Basis von Daten des European Social Survey (ESS) durch, wobei ein logistisches Regressionsmodell genutzt wird, um Zusammenhänge statistisch zu prüfen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Modelle (Civic Voluntarism Model, Konflikttheorie) vorgestellt, Hypothesen gebildet, operationalisiert und anschließend die Befunde der Regressionsanalyse interpretiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Einkommensungleichheit, Wahlbeteiligung, Politische Partizipation, Civic Voluntarism Model sowie der Einfluss von Bildung auf das politische Verhalten.
Welche Rolle spielt die Bildung in diesem Modell?
Die Analyse zeigt, dass Bildung einen wesentlich stärkeren Einfluss auf die Wahlbeteiligung hat als das Einkommen, womit die Annahme gestärkt wird, dass nicht nur materielle Ressourcen über die Partizipation entscheiden.
Warum wurde die Konflikttheorie für die Arbeit herangezogen?
Die Konflikttheorie dient als Gegenpol zum Civic Voluntarism Model, da sie davon ausgeht, dass ökonomische Ungleichheit gerade einen Anreiz zur Partizipation schafft, um politische Interessen abzusichern.
Bestätigen die Ergebnisse die Hypothesen?
Der lineare positive Zusammenhang zwischen Einkommen und Wahlbeteiligung stützt die Hypothese 1, während die Hypothesen bezüglich einer kurvilinearen Beziehung (H3) verworfen werden mussten.
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- Wiebke Schäfer (Author), 2015, Politische Folgen wachsender Einkommensungleichheit. Die Bedeutung des Einkommens für die Wahlbeteiligung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/459375