„Doktor Faustus“, das Alterwerk, welches Thomas Mann mit 67 Jahren zu schreiben begann, hat ihn, über drei Jahre und acht Monate hinweg, viel Anstrengung und fast das Leben gekostet. Er selbst schreibt, man möge seine Krebserkrankung, „demWerk zur Last zu legen, daß wie kein anderes an mir gezehrt und meine innersten Kräfte in Anspruch genommen hat.“1Der Stoff wuchs sich mit der „fehlerhaftenNeigung ‚Zauberberg’-artige Formen und Dimensionen“2anzunehmen zu einem fast 700-seitigen Roman aus. Ein beeindruckendes Gebilde voller Anspielungen und biographischem Material, dessen Handlung, nur scheinbar eine Künstlerbiographie, voller Nebenstränge und Exkurse ist. In diesem ausufernden Werk nimmt der Erzähler Serenus Zeitblom eine Schnittstellenfunktion ein - er hält Handlungsstränge und Zeitebenen zusammen, muss als Stellvertreter des humanistischen Bildungsbürgertums herhalten und zu alledem noch für die „Durchheiterung“3des Romans sorgen. Thomas Mann lädt seiner ungewöhnlichen Erzählerfigur damit eine große Bürde auf, unter der die Einheit und Glaubwürdigkeit der Figur teilweise zu zerbrechen droht.
Diese Arbeit will einerseits die Funktionen Zeitblom im Buch aufzeigen, andererseits aber auch die Dehn- und Bruchstellen aufzeigen, die bei einer näheren Untersuchung der Figur Zeitblom offensichtlich werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Aufbau und Literaturlage
2 Serenus Zeitblom als Romanfigur
2.1 Biographie und Sprache Zeitbloms
2.2 Der „andere“ Zeitblom
3 Serenus Zeitblom und der Aufbau des Romans
3.1 Handlungsebenen
3.2 Zeitebenen
3.3 Motivtechnik
4 Serenus Zeitblom als Erzählerfigur
4.1 Erzähltyp und Erzählstandort
4.2 Brüche in der Erzähler-Konstruktion
5 Das Problem der Glaubwürdigkeit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle von Serenus Zeitblom als Erzählerfigur in Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“. Ziel ist es, die Funktion Zeitbloms als Bindeglied zwischen verschiedenen Handlungsebenen zu analysieren und dabei gleichzeitig die inneren Widersprüche und Bruchstellen seiner Erzählkonstruktion aufzuzeigen, die seine Glaubwürdigkeit in Frage stellen.
- Konstruktion von Serenus Zeitblom als Romanfigur
- Strukturelle Bedeutung des Erzählers für den Aufbau des Romans
- Erzähltheoretische Einordnung von Zeitblom
- Problematik der Erzählperspektive und Glaubwürdigkeit
- Verhältnis zwischen dem Erzähler und dem Autor Thomas Mann
Auszug aus dem Buch
4.2 Brüche in der Erzähler-Konstruktion
„Bei meiner Darstellung, meinen Berichten möge der Leser nicht fragen, woher denn das Einzelne mir so genau bekannt ist, da ich ja nicht immer dabei, dem verewigten Helden dieser Biographie nicht immer zur Seite war“
Mit diesen Worten verbittet sich Zeitblom ein näheres Hinterfragen seiner Erzählposition. Diese trotzige Rechtfertigung zeigt aber auch, dass sich Zeitblom (und mit ihm sein Autor) durchaus der Problematik bewusst ist, die mit der seine Erzählerhaltung verbunden ist: Einerseits will Zeitblom seinen Aufzeichnungen den Anschein von Authentizität zu geben; Redewendungen wie „noch sehe ich mich“ erzeugen ein Gefühl des Dabeigewesenseins. Auch nennt er ab und zu ausdrücklich die Quelle, auf die er sich beruft (v.a. Briefe und Aufzeichnungen Adrians). Gleichzeitig schreibt er aber über Dinge, an die er sich unmöglich erinnern kann, weil er nicht dabei war, und verliert kein Wort über seine Quellen. Man könnte sagen: Zeitblom wird im Verlauf des Romans immer „allwissender“.
Zur Verdeutlichung dieser Entwicklung einige Beispiele aus dem Text: Der Bordellbesuch bei dem Adrian auf Esmeralda trifft (Kap. XVI) wird durch wörtliche Wiedergabe eines Briefes geschildert, von dem sogar der Zeitpunkt und Ort des Versands bekannt sind: „Hier lasse ich einen Brief folgen, den ich zwei Monate nach meinem Dienstantritt in Naumburg vom ihm erhielt (...)“.
Auch das gesamte Kapitel des Teufelsgesprächs schreibt Zeitblom wörtlich, und, wie immer, „mit zitternder Hand“ von den „geheimen Aufzeichnungen“ des Freundes ab. Bei der Schilderung der indirekten und missglückten Brautwerbung durch Schwerdtfeger (Kap. XLI), macht er sich die Mühe des Belegens nicht mehr, sondern schreibt provokant: „(...) wie es sich abspielte, - ich weiß es, und möge man zehnmal den Einwand erheben, ich könnte es nicht wissen, da ich nicht <dabeigewesen> sei. Nein, ich war nicht dabei. Aber heute ist seelische Tatsache, daß ich dabeigewesen bin., denn wer eine Geschichte erlebt und wieder durchlebt hat, den macht seine furchtbare Intimität mit ihr zum Augen- und Ohrenzeigen auch ihrer verborgenen Phasen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Aufbau und Literaturlage: Einleitung in das Werk und die Forschungslage, inklusive der Fragestellung zur Funktion und Glaubwürdigkeit der Erzählerfigur Zeitblom.
2 Serenus Zeitblom als Romanfigur: Analyse von Zeitbloms Biographie, seiner Sprache und seiner doppelten Natur als bürgerlicher Studienrat und kunstverständiger Schriftsteller.
3 Serenus Zeitblom und der Aufbau des Romans: Untersuchung der verschiedenen Handlungs- und Zeitebenen und wie Zeitblom als notwendiges Bindeglied fungiert, um die Komplexität des Werkes zu bündeln.
4 Serenus Zeitblom als Erzählerfigur: Erzähltheoretische Einordnung von Zeitblom nach Stanzel und Genette sowie Aufdeckung von Brüchen in der erzählerischen Konstruktion.
5 Das Problem der Glaubwürdigkeit: Abschließende Betrachtung, wie Zeitbloms zunehmende Allwissenheit und subjektive Färbung seine Rolle als verlässlicher Berichterstatter untergraben.
Schlüsselwörter
Doktor Faustus, Thomas Mann, Serenus Zeitblom, Erzählerfigur, Romanstruktur, Erzählperspektive, Bildungsbürgertum, Glaubwürdigkeit, Handlungsebenen, Zeitebenen, Motivtechnik, Literaturanalyse, Parodie, Adrian Leverkühn, Narratologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Figur des Serenus Zeitblom in Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“ und untersucht dessen Rolle als Erzähler sowie die damit verbundenen narrativen Probleme.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen die Charakterisierung Zeitbloms, die komplexe Struktur des Romans (Handlungs- und Zeitebenen) und die erzähltheoretische Einordnung der Figur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Zeitblom trotz seiner Rolle als Biograph und Bindeglied im Verlauf des Romans immer unzuverlässiger wird und welche Bruchstellen dies in der Erzählkonstruktion offenbart.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt literaturwissenschaftliche Ansätze, insbesondere erzähltheoretische Kategoriensysteme (nach Stanzel und Genette), sowie eine Analyse von Sekundärliteratur und Thomas Manns eigenen Selbstzeugnissen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Zeitblom als Romanfigur, seine tragende Rolle beim Aufbau der komplexen Romanstruktur und seine Analyse als Erzählerfigur hinsichtlich Erzähltyp und Standort.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Thomas Mann, Doktor Faustus, Serenus Zeitblom, Erzählperspektive, Romanstruktur und Glaubwürdigkeit des Erzählers.
Wie unterscheidet sich die Rolle von Zeitblom von der eines einfachen Biographen?
Zeitblom agiert nicht nur als neutraler Berichterstatter, sondern wird zunehmend als „allwissend“ dargestellt, wodurch er die Grenzen seiner selbst gesetzten Rolle als Ich-Erzähler sprengt.
Welche Rolle spielt die Ironie in der Darstellung Zeitbloms?
Thomas Mann setzt Zeitblom gezielt als Karikatur eines Bildungsbürgers ein, um das Pathos des Werkes zu brechen und die Rolle des Erzählers durch den Autor selbst parodistisch in Frage zu stellen.
- Citation du texte
- Franziska Walser (Auteur), 2005, Serenus Zeitblom eine problematische Erzählerfigur in Thomas Manns "Doktor Faustus", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45938