Delinquente Jugend. Jugendliche in Gangs


Essay, 2013
15 Seiten, Note: 13

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Lebenswelt und Rahmenbedingungen der Jugendlichen

2. Klassische Gründe für den Eintritt in eine Jugendgang

3. Hierarchien innerhalb einer Jugendgang

4. Wechselbeziehung zwischen Umwelt und Jugendgang
4.1 Jugendgangs und Kriminalität / Jugendgangs und Kriminalisierung
4.2. Folgen dieser Wechselbeziehung innerhalb der Jugendgang

5. Einheit – Gleichheit – Brüderlichkeit?

Literaturverzeichnis

Einleitung

Gang. Bande. Horde. Es gibt zahlreiche Bezeichnungen für dieses „Phänomen“, was lange Zeit hauptsächlich aus Amerika bekannt war. Seit einigen Jahren treten Jugendgangs auch immer häufiger in Europa und damit auch in Deutschland auf. „Tübinger Wissenschaftler haben 520 Jugendliche im Alter zwischen 13 und 16 Jahren zu ihrem Freizeitverhalten […] befragt. Ergebnis der repräsentativen Studie: rund 8% der Jugendlichen gehören zu Gruppen, deren Mitglieder eine befürwortende Einstellung gegenüber illegalen Handlungen aufweisen und untereinander oder gegen Dritte schon einmal Gewalt ausgeübt, Sachen beschädigt oder Diebstähle begangen haben.“1 Diese Befragung wurde 2006 innerhalb eines internationalen Forschungsprojektes mit dem Namen „Eurogang Program of Research“ durchgeführt um eine Art Bestandaufnahme der Jugendgangs in Deutschland zu machen.

Denn anders als in den USA und Amerika steht die Gangforschung in Deutschland noch relativ am Anfang. Da ich, auch während meiner Arbeit als Erzieherin in einem Jugendheim, die Erfahrung gemacht habe, dass sich immer mehr Jugendliche einer Gruppe, Clique oder eben auch Gang zugehörig fühlen, habe ich ein verstärktes Interesse an diesem Themengebiet entwickelt. Jugendgangs und ihre Mitglieder entwickeln eine ganz eigene Dynamik, die ich als sehr spannend, aber auch faszinierend empfinde. Der Faszination und den Motiven, die von solchen Jugendbanden auf meist männliche Jugendliche wirken, möchte ich mich im Rahmen dieser Hausarbeit annähern und diese zu erklären versuchen. Dabei werde ich im ersten Teil auf so genannte Eintrittsgründe Jugendlicher im Hinblick auf gesellschaftliche Veränderungen eingehen, um dann spezifisch zu untersuchen, was Jugendliche in Gangs und Banden finden oder zu finden hoffen. Des Weiteren möchte ich, die Wechselbeziehung zwischen Gang und gesellschaftlicher Umwelt beleuchten und hinterfragen.

Im letzten Teil werde ich versuchen, einen Eindruck über das „Innenleben“, über Werte und Richtlinien einer Jugendgang zu geben und abschließend ein Fazit ziehen.

Die erkenntnisleitende Fragestellung dieser Arbeit lautet daher:

Welche Funktionen und Werte erfüllen Banden, wie kommen Gangs zustande und worin besteht der Reiz der Partizipation für Jugendliche?

1. Lebenswelt und Rahmenbedingungen der Jugendlichen

Jugendgangs! Das sind oft erst einmal Gruppen mit Jugendlichen, die sich zur Straße orientieren, an Kaufhäusern, Bushaltestellen, Kinderspielplätzen oder anderen öffentlichen Plätzen aufhalten. Die Jugendlichen in solchen Vereinigungen sind in der Regel zwischen 13 und 20 Jahren alt. Was genau die jungen Menschen in den Gangs suchen oder zu finden hoffen, mag deutlicher werden, betrachtet man die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der vergangenen 30 Jahre. In vielen heutigen Industrieländern wird Status und Ansehen mittlerweile fast ausschließlich durch Erfolg, Leistung und daraus einhergehender Überlegenheit gegenüber dem Schwächeren bestimmt. Einstellungen wie: „Jeder ist sich selbst der Nächste“ oder „wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“ sind exemplarisch für ein neues Lebensgefühl. Vermeintliche Folgen sind Burn-Out und immer mehr psychische Erkrankungen.

Jene, die diesem hektischen, ruhelosen Streben nach immerwährendem Erfolg nicht gerecht werden können (oder es gar nicht erst versuchen, aus Angst zu scheitern), können auch den stetig wachsenden Leistungsanforderungen in Familie, Schule, Freundeskreis oder Beruf nicht mehr genügen. Misserfolge in der Schule und Leistungserwartungen von Seiten der Eltern können ein Grund dafür sein, dass Jugendliche ihre Identität über Beziehungen in (delinquenten) Gleichaltrigengruppen aufbauen.2

„Die Bedingungen für die erfolgreiche gesellschaftliche Integration junger Menschen haben sich derart verändert, dass eine Einpassung in das so gegebene, gesellschaftlich vorgegebene Normen- und Verhaltenssystem insgesamt erschwert und für Teile unmöglich wird. Für immer mehr junge Menschen mündet dieser Prozess in gesellschaftlicher Desintegration.“3 Für den einzelnen Jugendlichen wird es demnach schwieriger, sein Bestes zu geben und dadurch auch das Beste zu erreichen.

2. Klassische Gründe für den Eintritt in eine Jugendgang

So mag es nicht nur die innere Unsicherheit sein, die Jugendliche in dieser Entwicklungsphase zum Zusammenschluss bringt, sondern auch das Bedürfnis, gegenseitige Anerkennung zu finden.4

Neben diesen veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, sehe ich große Anteile für eine „verlorene Jugend“, besser gesagt für den „verlorenen Jugendlichen“ auch in der elterlichen Beziehung verwurzelt. Denn ebenso, wie sich die Welt der Jugendlichen immer schneller und intensiver um Leistung und Erfolg dreht, befinden sich auch Eltern in einer solchen, wie ich finde, prekären Wechselwirkung innerhalb der Gesellschaft. Die elterliche Orientierungslosigkeit wächst und erzieherische Intuition schwindet. Viele, vor allem junge Eltern, handeln und erziehen ihre Kinder auf der Basis von Beziehungsstörungen. Sei es, dass sie in ihrem Kind einen gleichwertigen Partner sehen, das Kind als Messlatte des eigenen Erfolgs betrachten, sich also quasi unter das Kind begeben oder sich selbst nur über das Kind definieren, das heißt in einer symbiotischen Beziehung zum Kind leben.5 Dr. Michael Winterhoff, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bonn sieht in diesen drei Beziehungsstörungen, Partnerschaftlichkeit, Projektion und Symbiose, eine gefährliche Zukunftsprognose:

„Diese Jugendlichen sind in einer frühkindlichen psychischen Phase fixiert, ihr körperliches und ihr psychisches Alter klaffen weit auseinander.“6 Ich kann aus Erfahrung sagen, dass solche Kinder keine erzieherischen Maßnahmen, und damit auch keine altersentsprechende Entwicklung ihrer Psyche, im Elternhaus annehmen und erfahren können. Das Ergebnis: Kinder werden nicht selten zu Jugendlichen, mit der psychischen Reife eines Kleinkindes. Dies äußert sich unter anderem in total lustorientierten Verhalten und enorm niedriger Frustrationstoleranz. Für die Eltern wird es immer schwieriger, ihren Kindern Vorbilder zu sein, Grenzen aufzuzeigen oder intuitiv zu handeln, wo doch das Kind Vorbild der Eltern ist und sagt, wo es lang geht. Eine gesunde Erziehung, mit Liebe und Grenzen durchzusetzen, wird vermeintlich immer schwieriger. Eltern sind hilflos und der Jugendliche orientiert sich zunehmend an anderen Menschen, Gruppen und Vorbildern in seiner Umgebung.

Auch wenn Jugendliche aus solch strukturierten Familien noch einen nur geringen Teil derer ausmachen mögen, die sich einer Jugendgang anschließen, sehe ich durchaus steigende Tendenzen im Bezug auf die beschriebenen Beziehungsstörungen. So bekommen diese Jugendlichen im Handlungsrahmen einer Jugendbande vermeintlich die lustorientierte Befriedigung, die ihnen von der Erwachsenenwelt (abgesehen der eigenen Eltern) verwehrt wird.

Im Gegenzug dazu ist zu sagen, dass diese lustorientierten oder auch narzisstischen Jugendlichen in der gemeinschaftlichen Normen- und Werteregelung einer Gang womöglich nicht lange Befriedigung finden, da es ihnen wahrscheinlich schwer fallen wird, sich ständig den Regeln unterwerfen zu müssen oder moralische Ansätze innerhalb der Gang zu verstehen/ nachzuvollziehen. Die genannten Beziehungsstörungen Partnerschaftlichkeit, Projektion und Symbiose näher zu erläutern, ist mir im Rahmen dieser Hausarbeit nicht möglich. Wichtig war es mir jedoch, diese als mögliche Ursache oder Motivation Jugendlicher, sich Gangs anzuschließen, in Betracht zu ziehen.

Auch die Institution Schule hat in den letzten Jahren in der Wahrnehmung der Schüler ihre Rolle als Ort mit starker LehrerInnenorientierung verloren, stattdessen hat die Peergrouporientierung an Bedeutung zugenommen.7 Der Handlungsraum Schule zieht sich zurück und gibt vermeintlich Verantwortung an die Schüler selbst ab. Ebenso wie in der bereits angedeuteten Eltern-Kind-Beziehungsstörung, wird den Kindern auch hier häufig viel zu früh die Fähigkeiten zugesprochen, wichtige Entscheidungen, was das eigene Leben und Lernen angeht, alleine fällen zu können.

„Diese Kinder haben noch nicht gelernt, ihre Außenwelt und andere Menschen als Begrenzung ihres eigenen Ichs anzusehen. Das Problem besteht darin, dass viele Eltern, […] Erzieher und Lehrer, das Gefühl dafür verloren haben, den Kindern diese Begrenzung zu vermitteln.“8 Der Schulerfolg, welcher von jedem einzelnen Schüler individuell realisiert wird, ist eng mit den späteren Lebenschancen verknüpft.9 Konkurrenzverhalten und Leistungsdruck vermehren sich und die Jugendlichen sind aufgrund des eben dargestellten psychischen Reifegrades eines Kindes völlig überfordert. Das daraufhin logische Scheitern, bzw. die logische Konsequenz ist, dass Jugendliche unweigerlich Fehlentscheidungen treffen. Diese werden aber von ihrer Umwelt häufig nicht als normale Fehlentscheidungen eines noch nicht erwachsenen Menschens wahrgenommen und korrigiert, sondern als Versagen oder Persönlichkeitsschwäche gewertet.

Auch mediale Einflüsse sind an dieser Stelle kurz zu nennen, wenn ich diesen auch nur eine unterstützende Rolle der beiden ersten dargestellten Gründe beimessen kann. Das Fernsehen und Kino beinhaltet einen Großteil an Brutalität und Aggression.

Es werden den Kindern Filme zugänglich gemacht, die ein Höchstmaß an Gewalt aufweisen und diese gewissermaßen normalisiert. Es entwickelt sich ein „Normalitätsgefühl“ im Bezug auf die gesehene Gewalt, ein Erweitern der natürlichen Tolleranzgrenzen. Die Betrachtung von Gewalt im Fernsehen soll hier nicht als Auslöser für Gewalt im realen Leben stehen, sondern vielmehr für die Bewertung von Gewalt durch besagte Medien. Gerade Jugendliche nehmen Informationen und Bilder aus dem Fernsehen oft unreflektiert auf, weshalb die Medien in der Lage sind, Vorbilder und Normorientierungen für junge Menschen zu schaffen. Verantwortlich für das Phänomen der Subkultur von Jugend, so schreibt Roth, sei eben unter Anderem der stilprägende Einfluss der Massenmedien auf die Jugend, ebenso wie der allgemein gesellschaftliche Wandel.10 Eben alle Ereignisse, die die Beziehung der Menschen untereinander, sowie ihr Verhältnis zur natürlichen Umwelt unwiderruflich verändert haben. In Verbindung mit der fehlenden familiären Kommunikation und Beziehung, ergibt sich ein ernst zu nehmender Baustein, für den Eintrittsgrund in eine Gang, da diese vermeintlich für Abenteuer, Gewalt und Macht steht.

Hieraus könnte es sich schließen lassen, dass es mitunter Verhaltenssicherheit, Zugehörigkeit und Macht sind, was der Einzelne in einer Gang zu finden hofft, sowie Anerkennung der Gangmitglieder, die nicht besser oder schlechter als man selbst sind. Wenn sich alle gleich verhalten, kann das individuelle Verhalten nicht völlig verkehrt sein.

Die Beziehungen vieler Jugendgangs beruhen auch auf Solidarität. „Ich weiß, dass es dich stark macht und du von deinen Leuten immer Rückendeckung erwarten kannst. Alleine geht man da draußen drauf!“11 Die Jugendgang löst damit ein Stückweit die dargestellten Institutionen Familie und Schule als Erziehungsräume ab.

Ich denke aber auch, dass traditionelle Jugendarbeit im Wandel der Zeit durch das „Phänomen“ Gang neu definiert werden musste. So war es doch früher die Jugendarbeit, die den Heranwachsenden die Möglichkeit gab, sich zu orientieren und sich selbst zu finden. Natürlich werden entsprechende Jugendhilfeangebote wie Jugendtreffs, Jugendräume oder ähnliches auch heute noch genutzt, jedoch ist es für viele Jugendliche eben die „eigene Gang“ die einem in allen Lebenslagen- und Fragen hilft, in der man sich zu entwickeln versucht.

[...]


1 vgl. http://www.innovations-report.de/html/berichte/gesellschaftswissenschaften/bericht-75768.html [Abruf am 12.07.12].

2 vgl. Heitmeyer, Wilhelm (1995): Gewalt. Schattenseiten der Individualisierung bei Jugendlichen aus unterschiedlichen Milieus. Weinheim und Mündchen: Juventa Verlag, S 23.

3 Wendt, Peter- Ulrich (1993): Haßt du was, dann bist du was. Zum gewaltförmigen Verhalten Junger Menschen. In: Heil/ Perik/ Wendt (Hrsg.): Jugend und Gewalt. Marburg: Schüren Verlag, S. 16.

4 vgl. Wilfert, Dr. Otto (1959): Jugend- „Gangs“. In Grassberger (Hrsg.): Kriminologische Abhandlungen. Wien: Springer Verlag. S. 10.

5 vgl. Winterhoff, Michael (2008): Warum unsere Kinder Tyrannen werden oder: Die Abschaffung der Kindheit. München: Gütersloher Verlagshaus. (1 Auflage) S. 93, S. 113, S. 133.

6 ebd. S. 13.

7 vgl. Lenz, K (1986): Alltagswelten von Jugendlichen. Eine empirische Studie über jugendliche Handlungstypen. Frankfurt a. M.: Campus. S 68.

8 Winterhoff, Michael (2008): Warum unsere Kinder Tyrannen werden oder: Die Abschaffung der Kindheit. München: Gütersloher Verlagshaus. (1 Auflage) S. 28.

9 vgl. Lenz, K. (1990): Mehr Chancen, mehr Risiken. Zum Wandel der Jugendphasen in der Bundesrepublik. In: R. Hettlage (Hrsg.) Die Bundesrepublik: eine historische Bilanz. München: Beck. S. 214- 233.

10 vgl. Roth, Roland (2000): Jugendkulturen, Politik und Protest. Vom Widerstand zum Kommerz? Opladen: Leske+ Budrich. S. 44

11 http://alkoholprojekt.gangway.de/gangway.asp Auszug aus einem Interview mit einem Gangmitglied [Abruf am 28.07.2012].

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Delinquente Jugend. Jugendliche in Gangs
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
13
Autor
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V459388
ISBN (eBook)
9783668908543
ISBN (Buch)
9783668908550
Sprache
Deutsch
Schlagworte
delinquente, jugend, jugendliche, gangs
Arbeit zitieren
Jolita Stecker (Autor), 2013, Delinquente Jugend. Jugendliche in Gangs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/459388

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