Popliteratur und Popjournalismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Popliteratur
2.1 Inhalt
2.1.1 Alltag als Thema
2.1.2 Jugend und Provokation
2.2 Form
2.2.1 Alltagssprache
2.2.2 Subjektives Erzählen

3 Popjournalismus
3.1 Die Anfänge: New Journalism
3.2 Die Hoch-Phase: Von Spex zum Spiegel

4 Ungleiche Brüder - Gemeinsamkeiten und Unterschiede

5 Mediale Inszenierung der Popliteratur
5.1 Beispiel Tristesse Royale
5.2 Lieblingsfeinde - Popliteratur und das Feuilleton

6 Ende der Popliteratur, Krise des Popjournalismus??

Literaturverzeichnis:

1 Einleitung

Seit September letzten Jahres ist die deutsche Zeitschriften-Landschaft um ein Produkt reicher: Im Springer-Verlag erschien zum ersten Mal „die neue literarische ZeitschriftDer Freund[1] . Das bemerkenswerte an diesem Blatt ist - neben dem Erscheinungsort Katmandu - sein Herausgeber, der Autor Christian Kracht. Das Heft erscheint vierteljährlich und gibt sich elitär: Keine Photos, keine Anzeigen und der stolze Preis von zehn Euro pro Exemplar garantieren schon im voraus, dass es ein Prestige- und Verlustobjekt für den Springer-Verlag bleiben wird. Neben Christian Kracht arbeiten weitere Autoren für das Magazin, die man dem schwer zu definierenden Kreis der Popliteraten zuordnen kann: Eckhart Nickel (Chefredakteur), Benjamin von Stuckrad-Barre und Moritz von Uslar.

Solche Grenzgänge zwischen Literatur und Journalismus sind kein Phänomen des 21.Jahrhunderts, schon früher haben Autoren für Zeitschriften geschrieben, ja sogar Zeitschriften gegründet. Ein Beispiel hierfür ist der Münchner Simplicissimus, für den sowohl Heinrich Mann, als auch sein Bruder Thomas schrieben.

Auch wenn die Verbindung von Journalismus und Literatur also keine neue Erscheinung ist, so fällt doch auf, wie durchlässig die Grenze zwischen den beiden Bereichen des Schreibens mittlerweile geworden ist. Wer schreiben kann, ist heutzutage meist beides: Autor und Journalist[2], wobei der Weg oft vom Journalisten bei den sogenannten Lifestyle-Magazinen[3] hin zum ersten Buch führt. Gleichzeitig sind die meisten Pop-Autoren gewandte Akteure im Mediensystem. Im günstigsten Fall (für Autor und Verlag) entsteht so ein selbstreferentieller, höchst effektiver Kreislauf bei dem Autoren über und für Medien schreiben und die Medien wiederum über diese Autoren schreiben.

Es gibt also ganz offensichtlich Überschneidungen und Wechselwirkungen zwischen Popliteratur und Journalismus beziehungsweise zwischen Pop-Autoren und Journalisten. Dieser Zusammenhang wurde, meines Wissens, bis jetzt noch nicht eingehend untersucht weder von kommunikationswissenschaftlicher, noch von literaturwissenschaftlicher Seite. Der Kommunikationswissenschaftler Bernd Blöbaum vermutet, dass das am eingeschränkten Blickwinkel der beiden Disziplinen liegt:

„Die durch akademische Disziplingrenzen markierten Trennungen lassen den Journalismus aus der Perspektive der Germanistik offenbar ebenso randständig erscheinen wie die Literatur aus der Sichtweise der Journalistik oder Kommunikationswissenschaft als eher peripher gilt. Dabei sind die Fachgeschichten eng miteinander verknüpft.“[4]

In der Tat waren Literatur und Journalismus nicht immer zwei völlig getrennte Sphären. Erst im 19.Jahrhundert entwickelten sich die beiden Bereiche aus der gemeinsamen Tradition auseinander.Die funktionale Rollenteilung in Journalist und Schriftsteller entstand und wurde seitdem immer weiter verschärft. Möglicherweise stellt das Phänomen Pop das Ende dieser Trennung dar, da sich sowohl der Journalismus der Literatur annähert (Popjournalismus) als auch die Literatur dem Journalismus (Popliteratur). Über eine Betrachtung von Entwicklung und Merkmalen der beiden Gebiete und einem anschließenden Vergleich soll gezeigt werden, wo Gemeinsamkeiten und Unterschiede liegen. Als exemplarisches Beispiel für Popliteratur dient dabei das Buch „Faserland“ von Christian Kracht, das als Gründungsdokument der Popliteratur gilt[5].

Was die Forschungsliteratur zum Thema Popliteratur angeht, so gibt es zwar inzwischen ein Reihe von Überblickswerken[6], die aber für meine Fragestellung wenig ergiebig sind. Das meiste Material der hier vorliegenden Arbeit stammt deshalb aus Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln (v.a. ZEIT und SPIEGEL), da sich hier die Debatten um Popliteratur und Popjournalismus besser verfolgen lassen. Das Feuilleton reagierte schneller und wesentlich sensibler als die Literaturwissenschaft, die sich dem Thema erst seit einigen Jahren und mit größerer Gelassenheit annimmt.[7]

2 Popliteratur

Ich hab keine Ahnung, was das sein soll: Popliteratur“, sagte Christian Kracht im Interview mit der ZEIT[8]. Das ist natürlich eine bewusste Verweigerung des Etiketts „Popliteratur“ - ein Spiel mit Erwartungshaltungen. Auf der anderen Seite ist es wirklich nicht einfach zu definieren was das eigentlich ist: Popliteratur.

Verwirrend wurde die Situation vor allem dadurch, dass dieses Label von Verlagen und kategorisierungswütigen Kritikern eine Zeit lang auf nahezu jedes neue Buch eines jungen Autors geklebt wurde. Das hat zwar den Verkaufszahlen der Neuerscheinungen genützt, aber der wissenschaftlichen Brauchbarkeit des Begriffs eher geschadet.

Seit einiger Zeit gibt es deshalb Bemühungen von Literaturwissenschaftlern, eine gültige Definition von „Popliteratur“ zu entwickeln. Einige gehen dabei nach Kriterienkatalogen vor, andere versuchen, die Werke anhand in eine literarische Tradition einzuordnen[9]. Der folgende Versuch, wichtige Merkmale der Politeratur herauszuarbeiten, unterteilt zur sich zur besseren Übersichtlichkeit in die zwei Unterpunkte Inhalt (Was wird gesagt) und Form (Wie wird es gesagt). Diese Darstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und behandelt vor allem sehr deutlich ausgeprägte Merkmale der Popliteratur. Für den angestrebten Vergleich zwischen Popliteratur und Popjournalismus sollte das aber ausreichen. Wie sich zeigen wird, bedingen sich Form und Inhalt gegenseitig, so dass eine gewisse Redundanz unvermeidlich ist.

2.1 Inhalt

Vor allem zwei Dinge fallen bei der inhaltlichen Gestaltung der Texte auf: die demonstrative Fakten- und Gegenwartsbezogenheit und ihre Ansiedlung in einer jugendlichen Lebenswelt. Diese zwei Punkte werden im folgenden anhand von Beispielen aus Christian Krachts Buch „Faserland“ näher betrachtet.

2.1.1 Alltag als Thema

„Popliteratur zeichnet sich auf der Ebene der Thematisierung durch eine spezielle lebensweltliche Orientierung aus.“[10]

Das bestimmende Thema der Popliteratur sind Erfahrungen aus dem jugendlichen Lebensalltag. Die ebenfalls jungen Autoren beschreiben Modestile, Freizeitverhalten, Konsumgewohnheiten und Denkweisen ihrer Generation mit großer Genauigkeit. Vor allem Markennamen spielen ein große Rolle, wobei es verfehlt wäre, den Autoren „Markenfetischismus“ vorzuwerfen. Sieht man genau hin, werden in „Faserland“ Marken nicht glorifiziert, sondern als selbstverständlicher Teil eines konsumorientierten Alltags dargestellt. Kracht setzt Markennamen oft ein, um Menschen in kurzen Sätzen eindeutig zu charakterisieren:

„Am Nebentisch stehen drei Männer und reden ziemlich laut über ihren Testarossa. Sie tragen alle Cartier-Uhren, und man sieht ihnen förmlich an, daß sie Golf spielen. Die haben eine Behäbigkeit, die sich nach dreißig einstellt, so eine braungebrannte, unsympathische Behäbigkeit.“[11]

Die Bücher leben von der detaillierten Beobachtung des Alltags, die beim Leser Widererkennung bis hin zur Identifikation auslöst[12]: „Das Erleben muss authentisch wirken. Musik, Sprache, Gesten, Rituale müssen stimmen. Expertenwissen ist unerlässlich.“[13] Allerdings bleiben diese Beobachtung immer an der Oberfläche; das Konzept zielt „nicht auf Abstraktion und Selbstrefentialität, sondern auf Gegenständlichkeit und die Beschreibung von Empirie[14]

In „Faserland“ beweist Kracht sein Expertenwissen, in dem er reale Personen (Trendforscher „Horx“) und Orte („Fisch Gosch“ in Sylt oder die Disco „Traxx“ in Hamburg) in die Handlung einbettet. Allerdings führt er diese vermeintliche Faktizität der Erzählung wieder ad absurdum, wenn er Walter von der Vogelweide und Bernard von Clairvaux als Maler des Mittelalters bezeichnet. So ein Fehler unterlief Kracht und seinem Lektor wohl nicht zufällig. Es handelt sich möglicherweise eher um ein ironisches Spiel mit dem angeblichen Realismus des Romans. Baßler vermutet, dass Kracht mit diesem Detail den Ich-Erzähler als „beschränkt in seiner halbverdauten Salem-Bildung“ charakterisieren will - Rollenprosa, die eben nicht auf eine Beschränktheit des Autors schließen lässt[15].

Der Reisebericht „Faserland“ bewegt sich auf der Oberfläche der Dinge. Der Protagonist des Roman bleibt die ganze Zeit über namenlos und obwohl das Buch in der Ich-Perspektive verfasst ist, erfährt man nur wenig über das Innenleben des Erzählers. Man hat den Eindruck, dass er seine Gedanken und Gefühle ebenso oberflächlich wahrnimmt, wie seine Umwelt und daraus selber nicht wirklich schlau wird. An einer Stelle denkt der Protagonist beispielsweise über sein Verhältnis zu seinem Freund Alexander nach:

„Als ich dieses Foto mit der Post bekam und einen Brief in seiner üblichen krakeligen, furchtbaren Handschrift, merkte ich plötzlich, wie verdammt fremd er mir geworden war, weil er mir Dinge schrieb, die ich nicht verstanden habe. Das hat mich nicht traurig gemacht, damals, aber irgendwie hat es das doch. Ich weiß auch nicht wieso.“[16]

2.1.2 Jugend und Provokation

Den Bücher der Popliteraten gelang es, eine Zielgruppe für Literatur zu interessieren, die bisher kaum Zugang zu diesem Medium hatte - Jugendliche und junge Erwachsene. Kaulen sieht das als eines der bestimmenden Merkmale von Popliteratur:

„Unter Rezeptionsaspekten ist die Popliteratur eine typische Zielgruppenliteratur, die vorrangig für Leser aus der Generation der „young adults“ zwischen fünfzehn Jahren und Mitte dreißig gedacht ist und bei diesen teilweise den Status eines Szenemediums, also eine Art Kultstatus erlangt hat.“[17]

Auch wenn es bei dieser Bemerkung auf den ersten Blick weniger um den Inhalt, als um die Leser von Popliteratur geht, wirkt sich diese Zielgruppenorientierung deutlich auf den Inhalt der Bücher aus. Typisch für Popliteratur sind Themen, die den „Nerv“ der Jugend treffen. Dazu gehören, neben den bereits erwähnten Mode- und Konsumaspekten, auch die Bereiche Identitätssuche und Abgrenzung[18].

[...]


[1] Pressemitteilung des Springer-Verlags

[2] Diese Entwicklung ist auch bei traditionellen Tageszeitung wie der SZ zu beobachten, die mit Juan Moreno und Axel Hacke einige „Doppelbegabungen“ beschäftigt.

[3] Als „Talentschmiede“ für Popautoren und Popjournalisten galt beispielsweise die Zeitschrift TEMPO, bei der auch Maxim Biller schrieb. Die Zeitschrift existierte nur zehn Jahre lang (1986 - 1996).

[4] Blöbaum und Neuhaus: Vorwort. S.7f

[5] Allerdings ist nicht das ganze Werk von Kracht als Popliteratur einzuordnen. Das Buch „1979“ unterscheidet sich inhaltlich und stilistisch stark von „Faserland“.

[6] Überblicksartig z.B. Ernst, Thomas: Popliteratur. Hamburg 2001 oder Ullmaier, Johannes : Von Acid nach Adlon. Eine Reise durch die deutschsprachige Popliteratur. Mainz 2001.

[7] Ein Beispiel für die „Verwissenschaftlichung“ der Popliteratur ist die „Dozentur für Poetik“ in Heidelberg, die sich im Jahr 2003 ausführlich dem Thema widmete. Geladen waren u.a. Kathrin Röggla, Alexa Henning v. Lange und Eckhart Nickel.

[8] Philippi und Schmidt: „Wir tragen Größe 46“ (ZEIT)

[9] Gansel sieht in der Popliteratur beispielsweise eine Fortsetzung der Tradition „Adoleszenzliteratur“.

[10] Kaulen: Der Autor als Medienstar und Entertainer. S.214

[11] Kracht: Faserland. S.21

[12] Das beste Beispiel für diese detailreichen Alltagsschilderungen ist wohl Florian Illies „Generation Golf“.

[13] Schwander: „Dein Leben ist eine Reise“ S.74

[14] Kaulen: Der Autor als Medienstar und Entertainer. S. 215

[15] Baßler: Der deutsche Poproman. S.114 f.

[16] Kracht: Faserland. S.67

[17] Kaulen: Der Autor als Medienstar und Entertainer. S. 215

[18] Carsten Gansel geht diesen Gedanken noch einen Schritt weiter und ordnet die Werke der Popliteratur in den Kontext der „Adoleszenzliteratur“ ein, zu dem auch Salingers „Der Fänger im Roggen“ oder Karl Philipp Moritz’ „Anton Reiser“ gehören.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Popliteratur und Popjournalismus
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Prosa der 90er Jahre
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
23
Katalognummer
V45939
ISBN (eBook)
9783638432528
ISBN (Buch)
9783638658379
Dateigröße
603 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ein Vergleich zwischen den Werken und der Arbeitsweise von Kracht, Stuckrad-Barre, Nickel etc. mit dem Pojournalismus (TEMPO, SPEX, New Journalism in den USA): Themen, Sprache, Mediale Inszenierung ...
Schlagworte
Popliteratur, Popjournalismus, Prosa, Jahre
Arbeit zitieren
Franziska Walser (Autor), 2005, Popliteratur und Popjournalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45939

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Titel: Popliteratur und Popjournalismus



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