„Was seh’ ich?- Entsetzen!“ , mit diesen Worten reagiert der Prinz in Lessings bürgerlichem Trauerspiel „Emilia Galotti“ auf den Tod seiner Angebeteten Emilia. Der Prinz scheint mehr als überrascht und empfindet sich selbst als Opfer. Trotzdem gibt es verschiedene Sichtweisen auf die Rolle des Prinzen im gesamten Drama.
Ziel dieser Arbeit ist es, die Figur des Prinzen, vor allem im Bezug auf seine Schuld an Emilias Tod, in den Fokus zu stellen. Dabei wird sowohl sein Verhalten in verschiedenen semantischen Räumen als auch seine Sprache, die grundlegende Konzeption des Prinzen und seine Rolle in der Figurenkonstellation untersucht. Zunächst sollen die für die Figur des Prinzen relevanten semantischen Räume untersucht werden. Hierbei wird ein besonderer Augenmerk auf die in der Kirche erfolgende Grenzüberschreitung des Prinzen gelegt. Eine gesonderte Rolle fällt dem Prinzen außerdem zu, da er im Drama als Vertreter des Adels fungiert. Auch dieser Aspekt wird in der Arbeit erläutert.
Danach wird die Rolle des Prinzen in der Figurenkonstellation betrachtet. Zum einen wird auf Emilias Vater Odoardo geschaut, der als Gegenspieler des Prinzen und Vertreter des Bürgertums fungiert. Zuletzt soll die Arbeit die Rolle des Prinzen in der Intrige um Emilia Galotti und ihren Verlobten Graf Appiani geklärt werden. Sowohl seine offensichtlichen charakterlichen Schwächen, wie auch die Passivität des Prinzen, besonders gegenüber Marinelli, sind hierbei entscheidend. So wird gesondert auf das Verhältnis des Prinzen zu Marinelli eingegangen. Die semantischen Räume werden gemäß Lotmans Raumtopologiemodell analysiert und während der gesamten Charakterisierung und Analyse soll gesondert auf die sprachliche und rhetorische Gestaltung geachtet werden. Die Einteilung des Dramas erfolgt nach Gustav Freytags „Die Technik des Dramas“.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Funktion der Figur des Prinzen in Lessings Emilia Galotti
2. Charakterisierung und Analyse der Figur des Prinzen unter besonderer Beachtung sprachlicher und rhetorischer Besonderheiten
2.1 Untersuchung der semantischen Räume „Schloss“, „ Lustschloss“ und „Kirche“
2.2 Der Prinz als Vertreter des Adels
2.3 Odoardo als Gegenspieler des Prinzen und Vertreter des Bürgertums
2.4 Des Prinzen charakterliche Schwächen und Passivität gegenüber Marinelli als Bedingung für die Katastrophe
3. Prinz als Hauptverantwortlicher für die Katastrophe
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit analysiert die Figur des Prinzen Hettore Gonzaga in Gotthold Ephraim Lessings bürgerlichem Trauerspiel „Emilia Galotti“. Im Fokus steht dabei die Untersuchung seiner Mitverantwortung an der tragischen Katastrophe, wobei insbesondere sein Handeln in verschiedenen semantischen Räumen, seine Sprachgestaltung sowie seine psychologische Konstellation zu anderen Figuren beleuchtet werden.
- Analyse der semantischen Räume (Schloss, Lustschloss, Kirche) und ihre Auswirkung auf die Handlungsdynamik.
- Untersuchung der Rolle des Prinzen als Repräsentant des Adels im Gegensatz zum Bürgertum.
- Charakterisierung des Prinzen durch seine spezifische sprachliche und rhetorische Gestaltung.
- Bewertung der Passivität des Prinzen und seiner Abhängigkeit von Marinelli.
- Herausarbeitung der Mitverantwortung des Prinzen für das Scheitern und den Tod der Emilia Galotti.
Auszug aus dem Buch
2.1 Untersuchung der semantischen Räume „Schloss“, „ Lustschloss“ und „Kirche“
Im Bezug auf die semantischen Räume lässt sich zunächst feststellen, dass alle Auftritte des ersten Aufzugs, an denen der Prinz beteiligt ist, in seinem Schloss, genauer im Kabinett (vgl. Lessing, Emilia Galotti., S. 5), stattfinden. Dort sitzt der Prinz „an einem Arbeitstisch, voller Brieftaschen und Papiere“ (s. E.G.2., S.5 Z.4f). Diese Beschreibung scheint zwar chaotisch, trotzdem verfügt der Prinz über Macht an diesem Ort. Er gewährt und verwährt dort eine begrenzte Art des Zugangs, der über ein Vorzimmer erfolgen muss. So erkundigt sich der Prinz, ob noch keiner seiner Räte in diesem Vorzimmer sei (vgl. E.G., S.5). In seinem Schloss geht der Prinz hauptsächlich Verwaltungsaufgaben, wie beispielsweise der Unterzeichnung von Todesurteilen nach (vgl. E.G., S. 19). Folglich ist das Schloss neben der Verkörperung des Adels auch als Ort des bürokratischen Regierens zu sehen. Neben dem Schloss, auf dem sich der Prinz während der gesamten Exposition befindet, gibt es noch einen zweiten Ort, an dem er direkt in Erscheinung tritt. Diesen Ort stellt sein Lustschloss dar. Das Lustschloss befindet sich in Dosalo. Genaueres erfährt man über den Ort, als Marinelli vom Lustschluss aus aus dem Fenster blickend einen Wagen beobachtet, der Richtung Stadt fährt (vgl. E.G.. S. 43) Daraus lässt sich schließen, dass sich das Lustschloss außerhalb der Stadt befinden muss. Somit wird ein klarer topografischer Gegensatz der beiden Orte Lustschloss und Schloss deutlich. Auf dem Schloss spielen sich sowohl Höhepunkt, wie auch fallende Handlung und letztlich die Katastrophe des Dramas ab. Bereits die Benennung des Ortes als „Lustschloss“ lässt auf Verführung und Sexualität schließen. Als Gräfin Orsina auf dem Lustschloss eintrifft, macht sie deutlich dort mit dem Prinzen sexuellen Kontakt gehabt zu haben: „wo mich sonst Liebe und Entzücken erwarteten? – Der Ort ist es; aber, aber!“ (s. E.G., S.59, Z.8f). Der Prinz verfügt auch auf seinem Lustschloss über Macht und kann Menschen den Zugang zu bestimmten Räumlichkeiten verbieten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Funktion der Figur des Prinzen in Lessings Emilia Galotti: Einleitung in die Forschungsfrage, die sich mit der moralischen Schuld und der Rolle des Prinzen im Drama befasst.
2. Charakterisierung und Analyse der Figur des Prinzen unter besonderer Beachtung sprachlicher und rhetorischer Besonderheiten: Detaillierte Untersuchung des Prinzen durch die Analyse von Raumstrukturen, Standesrepräsentation und psychologischen Merkmalen.
2.1 Untersuchung der semantischen Räume „Schloss“, „ Lustschloss“ und „Kirche“: Analyse der topografischen Orte des Geschehens und deren symbolische Bedeutung für die Charakterentwicklung des Prinzen.
2.2 Der Prinz als Vertreter des Adels: Untersuchung der Herrschaftsweise des Prinzen und seiner Distanz zu pflichtbewusstem Handeln.
2.3 Odoardo als Gegenspieler des Prinzen und Vertreter des Bürgertums: Darstellung der gegensätzlichen Werte von Adel und Bürgertum anhand der Figurenkonstellation zwischen Odoardo und dem Prinzen.
2.4 Des Prinzen charakterliche Schwächen und Passivität gegenüber Marinelli als Bedingung für die Katastrophe: Untersuchung der psychologischen Schwächen des Prinzen und seiner fatalen Abhängigkeit von seinem Intriganten Marinelli.
3. Prinz als Hauptverantwortlicher für die Katastrophe: Synthese der Ergebnisse, die den Prinzen als eigentlichen Auslöser des tragischen Endes identifiziert.
Schlüsselwörter
Emilia Galotti, Hettore Gonzaga, Gotthold Ephraim Lessing, Adel, Bürgertum, Odoardo, Marinelli, Schuldfrage, semantische Räume, Lustschloss, Passivität, Katastrophe, Literaturwissenschaft, Dramentheorie, Figurenkonstellation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit einer literaturwissenschaftlichen Interpretation der Figur des Prinzen in Lessings „Emilia Galotti“ und analysiert dessen Rolle im Kontext der Katastrophe.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Untersuchung abgedeckt?
Zu den zentralen Feldern zählen die Raumtopologie des Dramas, die ständespezifische Charakterisierung, die Sprachanalyse des Prinzen sowie sein destruktives Verhältnis zu seinem Umfeld.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Mitverantwortung des Prinzen am Tod von Emilia Galotti aufzuzeigen und seine Figur über die Exposition hinaus kritisch zu hinterfragen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es erfolgt eine textanalytische Untersuchung unter Einbeziehung von Lotmans Raumtopologiemodell und der dramaturgischen Einteilung nach Gustav Freytag.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der semantischen Räume, die Darstellung des Adelsstandes, den Gegensatz zum Bürgertum durch Odoardo sowie die Untersuchung der Charakterdefizite des Prinzen.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit?
Neben dem Drama selbst sind Begriffe wie Charakteranalyse, Standeskonflikte, Machtmissbrauch und semantische Raumanalyse essenziell für diese Publikation.
Warum spielt die Kirche als Schauplatz für den Prinzen eine besondere Rolle?
Die Kirche fungiert als Ort der Grenzüberschreitung, an dem der Prinz sein adeliges Umfeld verlässt, um in die Sphäre des bürgerlichen Lebens einzudringen und Emilia zu verfolgen.
Wie beeinflusst Marinelli das Handeln des Prinzen maßgeblich?
Aufgrund der Passivität des Prinzen übernimmt Marinelli die Steuerung der Intrigen, wobei der Prinz ihm uneingeschränkten Handlungsspielraum lässt, was letztlich in der Katastrophe mündet.
- Citation du texte
- Hannah Härtl (Auteur), 2017, Die sprachlichen und rhetorischen Besonderheiten des Prinzen in Lessings "Emilia Galotti", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/459407