Der Buddhismus wurde und wird als Glaube zwar gelebt, doch seine überaus durchdachte Theorie übertritt an vielen Stellen die Schwelle von Religion zur Philosophie. Die philosophische Grundsteinlegung fängt lange vor der westlichen Zeitrechnung an und mündet in den heute so zahlreichen Lehrschulen des Buddhismus auf der ganzen Welt. Nicht alle Erkenntnisse der indischen Spiritualität können auch philosophisch eingelöst werden, da manches davon außerhalb jeglicher Form der Sprache liegt. Doch der Weg dorthin wird dezidiert philosophisch erarbeitet. Den Spuren dieser Entwicklung geht diese Arbeit nach.
Ganz im Sinne einer beliebten europäischen Denkfigur, dass in der geschichtlich ursprünglichsten Gestalt der reine und wahre Kern zu erblicken ist, beginnt diese Arbeit mit dem Aufbau des Buddhismus aus seinen vedischen Wurzeln. Erst das System der Buddha-Lehre ermöglicht einen adäquaten Zugang zum dialektischen Denken des Nagarjuna, welches in seiner Art und Weise einzigartig ist. Das Denken des Nagarjuna steht konträr zu allen europäischen Positionen zum Thema Zeit und Sein. Dabei will er die Existenz der Zeit weder falsifizieren, noch verifizieren, sondern darlegen, dass Sein und Nicht-Sein prinzipiell das Gleiche sind. Wieso das Sein und die Zeit miteinander verknüpft sind und wieso das Ergebnis vom Madhyamaka-Sastra zu Ende gedacht gar kein „Ergebnis“ mehr ist, wird in dieser Arbeit argumentativ entfaltet.
Der Buddhismus genießt in der westlichen Welt seit geraumer Zeit den medialen Status einer „Trendreligion“. Dabei spricht vielfach der tibetische Buddhismus mit seinen farbenreichen Zeremonien, seinen Klängen und Düften die Menschen an, welche auf der Suche nach religiöser Erfahrung sind. Doch der gemeinhin als Meditationsreligion verrufene Buddhismus basiert auf einer unglaublich durchdachten Theorie. Auch geschichtlich betrachtet hat nur eine Minderheit der Mönche und Nonnen die Mediation so ausgiebig praktiziert, wie es die heutige westliche Vorstellung suggerieren mag. Die Meditationstechniken stoßen seit dem 20. Jahrhundert auf großes Interesse und werden mittlerweile als Methode zum Stressabbau in der Wissenschaft und Forschung untersucht. Doch obwohl das gesamte Angebot so vielfältige und neuartige Zugänge zu meist uralten Traditionen eröffnet, wird oft missachtet, dass hinter dem Buddhismus mehr steckt, als nur eine meditative Geistesschulung. Denn diese Arbeit widmet sich unter anderem einer der zentralsten Fragen der Menschheit: Was ist Zeit?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Textgrundlage
Geschichtlicher Hintergrund
Siddharta Gautama
Buddhismus und die buddhistischen Schulen
Mahayana und Nagarjuna
Upanischaden
Ein wechselseitiges Sich-Voraussetzen
Grenzen des Denkens
Buddha
Predigt von Benares
Die Wahrheit vom Leiden
Die An-atman Lehre
Befreiung vom Leiden
Vollkommenheit
Scheitern als Möglichkeit
Buddhismus als Reformbewegung
Entstehen in Abhängigkeit
Aufbau des Selbst
Nagarjuna
Leerheit
Selbstaufhebung der Lehre
Fragen nach dem Anfang
Eine erste Betrachtung der Zeit
Analyse der Zeit
Analyse des Seienden
Determinismus
Offenheit und Befreiung
Dialektik
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die philosophische Tiefe des Buddhismus, insbesondere die Madhyamaka-Schule und das Denken Nagarjunas, um die zentrale menschliche Frage nach dem Wesen der Zeit zu ergründen. Ziel ist es, die dialektische Struktur des buddhistischen Denkens freizulegen und aufzuzeigen, wie diese das traditionelle Verständnis von Sein, Nicht-Sein und Identität radikal infrage stellt, um so einen Weg zur Befreiung aus dogmatischen Denkstrukturen zu eröffnen.
- Analyse der buddhistischen Lehre als philosophische Reformbewegung.
- Untersuchung des Konzepts der "Leerheit" (Sunyata) und des abhängigen Entstehens.
- Kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Zeit und des Seienden.
- Darstellung der dialektischen Methode zur Überwindung metaphysischer Fixierungen.
- Reflexion über die Bedeutung von Selbstbestimmung und Verantwortung.
Auszug aus dem Buch
Analyse der Zeit
Weil die menschliche Welterfahrung die fundamentale Basis zahlreicher Analysen in der indischen Spiritualität ist, so zeigt sich, „[…] dass der Anfang des Philosophierens im Buddhismus zutiefst verbunden ist mit dem Phänomen der Zeit. Es scheint von hier aus aber auch einsichtig, dass sich das Phänomen der Zeit in der Grundstimmung der leidenden Trauer, für die die Erfahrung der Zeitlichkeit als Vergänglichkeit selber Voraussetzung ist, anders erschließt, als durch den staunenden oder verwunderten Umgang mit diesem Phänomen.“
Nachdem die Grundlagen, sowohl die des Buddhismus, als auch der menschlichen Zeiterfahrung gelegt wurden, folgt nun die Analyse der Betrachtung der Zeit von Nagarjuna im Madhyamaka-Sastra. Dies erfolgt in Form eines fiktiven Dialogs. Nagarjunas Kontrahent vertritt die Auffassung der natürlichen Weltsicht und argumentiert demnach mit alltäglichen und basalen Meinungen:
„Hier wird eingewandt: Die Zeit existiert“ weil „sie mit den Zeitmaßen […] behaftet ist“. Weil wir die Zeit messen können, gibt es sie auch, so lautet das Basisargument des Gesprächsteilnehmers. Und weiter: „Sie wird auch mit Beziehung erreicht: das gegenwärtige und zukünftige mit Beziehung auf das Vergangene […]“. Diese Zeitdimensionen wurden bereits in der Betrachtung der Zeit durch den Buddha dargelegt und gleichen dem, was John McTaggart als die A-Reihe bezeichnet. Zusammenfassend gilt: Zur Zeit gehören die Horizonte von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Diese stehen in Beziehung zu einander.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Umreißt das Interesse am Buddhismus in der westlichen Welt und führt in die zentrale Forschungsfrage nach dem Wesen der Zeit ein.
Upanischaden: Untersucht die vedischen Wurzeln und das philosophische Fundament des indischen Denkens hinsichtlich Brahman und Atman.
Buddha: Analysiert die Reformbewegung des Buddha, seine Kritik an metaphysischen Entitäten und die Lehre vom Nicht-Selbst (Anatman).
Nagarjuna: Erläutert Nagarjunas radikale Dialektik und die Anwendung des Konzepts der Leerheit auf Kategorien wie Zeit und Sein.
Dialektik: Fasst Nagarjunas operative Logik zusammen, die darauf abzielt, durch widersprüchliche Begriffe das Denken zu befreien, ohne selbst dogmatisch zu verharren.
Schlüsselwörter
Buddhismus, Madhyamaka, Nagarjuna, Zeit, Leerheit, Sunyata, Abhängiges Entstehen, Upanischaden, Dialektik, Sein, Nicht-Sein, Existenz, Philosophie, Selbstaufhebung, Befreiung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die philosophischen Grundlagen des Buddhismus und die dialektische Analyse des Seins und der Zeit durch Nagarjuna.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Lehre vom abhängigen Entstehen, das Konzept der Leerheit sowie die Kritik an metaphysischen Vorstellungen vom "Eigensein".
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die philosophische Argumentationsweise der Madhyamaka-Schule darzulegen und deren Relevanz für das Verständnis von Zeit und menschlicher Existenz aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine phänomenologische und sprachanalytische Herangehensweise, um die inneren Widersprüche alltäglicher und metaphysischer Weltauffassungen aufzudecken.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung des Buddhismus, die Kritik am Atman-Konzept, die Analyse der Zeit bei Nagarjuna sowie die dialektische Auflösung von Determinismus und Selbstvorstellungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Leerheit, abhängiges Entstehen, Madhyamaka, Dialektik, Zeit, Selbstaufhebung und der Mittlere Weg.
Warum bezieht der Autor Immanuel Kant in die Analyse ein?
Kant dient als Vergleichspunkt zur Illustration von Antinomien, um die Schwierigkeit aufzuzeigen, den Anfang der Welt widerspruchsfrei zu denken.
Was bedeutet die "Selbstaufhebung der Lehre" bei Nagarjuna?
Sie besagt, dass auch die buddhistische Lehre selbst als sprachliches Konstrukt erkannt und nicht dogmatisch festgehalten werden darf, um die Befreiung nicht zu blockieren.
Welche Rolle spielt die "Gegenwart" in Nagarjunas Zeitverständnis?
Die Gegenwart ist für Nagarjuna der einzige Ort, an dem die ständige Vergänglichkeit und das Entstehen aufeinandertreffen, was eine Offenheit für Neuanfänge ermöglicht.
- Citation du texte
- Christoph Höveler (Auteur), 2018, Die Dialektik des Nagarjunas, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/459462