Der künstliche Mensch in Ovids "Pygmalion" und Ray Bradburys "Marionetten AG"

Zwischen Sehnsucht und Furcht


Seminararbeit, 2012
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Motiv des künstlichen Menschen und Einordnung der gewählten Texte

3. Analyse von Pygmalion
3.1 Kreation und Beschaffenheit der Statue
3.2 Beziehung zwischen Mensch und Statue

4. Analyse von Marionetten AG
4.1 Kreation und Beschaffenheit von Braling Zwei
4.2 Beziehung zwischen Braling und Braling Zwei

5. Fazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Mensch wird Maschine“ – So lautet die Überschrift eines Artikels1 im Politikteil der Wochenzeitung „Die Zeit“ im Juni 2012. Autorin Meckel stellt darin Prognosen und aktuelle Technologien vor, bei denen Menschen mit Maschinen kommunizieren und wodurch die Maschinen menschengleicher werden.

Sie beschreibt zum Beispiel, wie sich reales und virtuelles Leben immer mehr einander annähern. So habe personalisiertes Internet, insbesondere die individuellen Profile der Suchmaschinen zur Folge, dass zwei verschiedene Personen, die nach dem gleichen Begriff suchen, zwei unterschiedliche Ergebnisse bekämen. Auf diese Weise entstünde ein individuelles Profil „das zum Ansprechpartner der Maschine und in der Folge auch zum Gesprächspartner anderer Menschen wird.“

Solche kommunikativen Beziehungen zwischen Mensch und Maschine sind heutzutage in vielen Bereichen präsent. Der Artikel zeigt die Aktualität einer Mensch-Maschine-Diskussion und gibt Anlass für diese Hausarbeit, die untersucht, wie die Beziehung zwischen Menschen und künstlichen Menschen in der Literatur dargestellt wird, und ob sich diese Beziehung vor dem Hintergrund neuer Technologien wandelt oder gleichbleibt.

Um eine mögliche Veränderung in der literarischen Darstellung festzustellen, wurden zwei Texte ausgewählt, die zeitlich, kulturell als auch technologisch sehr weit auseinander liegen: Ovids „Pygmalion“ ist ein Werk der Antike während Ray Bradburys Kurzgeschichte „Marionetten AG“ 1977 erschienen ist.

Bevor die Texte analysiert werden, wird der jeweilige Begriff des künstlichen Menschen, der beiden Texten zugrunde liegt, näher betrachtet, und die Texte entsprechend eingeordnet.

Anschließend werden sie unter zwei ausgewählten Aspekten betrachtet:

1. Kreation und Beschaffenheit des künstlichen Menschen und
2. seine Beziehung zu Menschen hinsichtlich Verhalten und Reaktionen aufeinander.

Abschließend werden die Ergebnisse der Literaturanalyse resümiert und im Kontext des jeweiligen Zeitalters betrachtet.

2. Das Motiv des künstlichen Menschen und Einordnung der gewählten Texte

In ihrem Lexikon „Motive der Weltliteratur“ fasst Elisabeth Frenzel die Begriffe Automat, Golem, Homunkulus, Marionette, Statuenbelebung mit einem Verweis auf das Motiv „Der künstliche Menschen“ zusammen. Laut diesem Eintrag werden künstliche Menschen unter Umgehung des Geschlechtsaktes künstlich hergestellt2. Das Motiv in der Literatur umfasse außerdem den Schöpfer selbst sowie das Spannungsfeld zwischen Schöpfer und Geschöpf und Mitmenschen. Inhaltlich gäbe es zwei Grundhandlungen:

1. Den Wunschtraum vom Schöpfermenschen.
2. Die Angst, dass Geschöpf könne den Schöpfer überrunden.

Beide Primärtexte dieser Seminararbeit weisen die genannten Handlungsschemata auf.

Der erste Text, „Pygmalion“, ist Teil von Ovids antikem Werk „Metamorphosen“, eine Sammlung von Dichtungen und Mythen, in der jeweils eine Verwandlung dargestellt wird.

Nach Frenzel ist das Motiv des künstlichen Menschen, speziell in der klassischen Antike, dadurch charakterisiert, dass jene Menschen durch einen künstlerischen Prozess erschaffen werden, in den Götter involviert sind, die entweder erschaffen oder lebendig werden lassen3. In „Pygmalion“ findet sich dieses Motiv genau so wieder: Die Statue wird aus Elfenbein geschnitzt, was den künstlerischen Prozess darstellt. Außerdem wird sie als Kunst bezeichnet („so war Kunst umhüllet mit Kunst“4 ) und erst durch die Göttin Venus belebt.

Die Grundhandlung des „Wunschtraums vom Schöpfermenschen“ findet sich zum Teil in „Pygmalion“ wieder, da der Bildhauer sich aus Verdruss und wegen seiner bisherigen Erfahrungen mit Frauen, eine weibliche Statue nach seiner Vorstellung erschafft. Er verliebt sich daraufhin in seine eigene Schöpfung und von da an steht die Liebesbeziehung und die Sehnsucht nach der lebendig gewordenen Statue im Vordergrund.

Der zweite Text, „Marionetten AG“, ist eine dystopische Kurzgeschichte, die 1977 erschienen ist und in der Zukunft, vermutlich zwischen den Jahren 1989/1990 spielt: Darauf weist zum einen die Bezeichnung „1990er Modeller“5 hin, zum anderen die Information, dass Braling 1979 geheiratet hat und dies nun zehn Jahre zurückliegt6. Die Erzählung basiert auf dem zweiten Schema, das Frenzel zur Literatur über den künstlichen Menschen zählt: Der Angst vor dem künstlichen Menschen. Diese Angst begründet sich darin, dass sich der Doppelgänger Braling Zwei zunehmend verselbstständigt und nicht mehr kontrollierbar ist. Laut Braling Zwei gäbe es selbst für die Hersteller, die Marionetten AG, „eine Menge, was sich nicht über uns wissen“7.

Das Konzept des künstlichen Menschen ist in Bradburys Kurzgeschichte sprachlich nicht eindeutig festgelegt. Nach den Herstellerangaben der Marionetten AG handelt es sich bei Braling Zwei um „Humanoid Plastik“8. Der Sprachgebrauch der Figuren Smith und Braling selbst ist dagegen unklar und vielfältig. Smith vermutet einen Zwillingsbruder9 hinter dem Doppelgänger und stellt fest, dass Braling Zwei genauso wie Braling riecht10. Diese Aussagen suggerieren, dass es sich bei Braling Zwei um einen Klon handeln könnte. Im Verlauf der Erzählung fallen weitere Begriffe, die den Doppelgänger als Ding, Marionette, Roboter und Geschöpf bezeichnen11. Dass vom Oberkörper von Braling Zwei ein hörbares Ticken12 ausgeht, erinnert an ein Uhrwerk und die Mechanik eines Automaten.

Ausgehend davon, dass sich die Kybernetik im 20. Jahrhundert entwickelt hat13, könnte diese Technik bei den künstlichen Menschen in Bradburys Kurzgeschichte angewandt worden sein. Im Nachwort seiner Herausgeberschrift „Künstliche Menschen“ beschreibt Klaus Völker, dass in der Kybernetik und Biochemie der vollkommen künstliche Mensch möglich sei, „dessen sämtliche physischen und physiologischen Reaktionen vorauszuberechnen und zu beeinflussen sind“14. Da es sich bei den Doppelgängern der Marionetten AG um besondere Anfertigungen handelt, deren Reaktionen nach ihrem Vorbild berechnet oder nachgeahmt wurden, könnte es sich um die Technik der Kybernetik handeln.

Heute zeige sich die „Furcht der Menschen vor wissenschaftlichen Versuchen, deren Konsequenzen nicht absehbar sind“15. Diese Angst wird ebenfalls in Bradburys Kurzgeschichte thematisiert, denn der Besitz und Einsatz von Braling Zwei ist offiziell noch nicht zugelassen und gilt als „Staatsverbrechen“16. Dieses Verbot scheint gerechtfertigt, da am Ende deutlich wird, dass die Produkte der Marionetten AG noch zu unkontrolliert funktionieren.

Beide Primärtexte handeln von unterschiedlichen Konzepten des künstlichen Menschen: In „Pygmalion“ ist eine belebte Statue, in „Marionetten AG“ ein nach Maß konstruierter Doppelgänger, wobei sich aus Bradburys Kurzgeschichte heraus nicht eindeutig einordnen lässt, um welche Art von künstlichem Menschen es sich handelt.

Deshalb wird im weiteren Verlauf der Seminararbeit der Begriff „künstlicher Mensch“ verwendet, da er umfassend ist, all die angedeuteten Konzepte aus Bradburys Erzählung beinhaltet und auf die Merkmale des Motivs des künstlichen Menschen von Elisabeth Frenzel zutrifft.

3. Analyse von Pygmalion

In diesem Kapitel wird Ovids „Pygmalion“ analysiert. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Metamorphose und die Belebung der Statue sowie deren Beziehung zu Pygmalion.

3.1 Kreation und Beschaffenheit der Statue

Pygmalion schnitzt die Statue aus Elfenbein. Die Verwandlung vom Rohmaterial zur Statue mit menschlichen Zügen könnte man als erste Metamorphose, sozusagen als Gestaltenwechsel betrachten. Die zweite, eigentliche Verwandlung, tritt dann ein, nachdem Pygmalion der Göttin Venus ein Opfer gebracht hat und seinen Wunsch nennt. Interessanterweise spricht Pygmalion nicht aus, dass seine Geliebte aus Elfenbein ist, sondern nennt sie „der elfenbeinenen ähnlich“17. Das lässt erkennen, dass Pygmalion die unbelebte Statue nicht als etwas aus Elfenbein wahrnimmt, sondern etwas Menschliches in ihr sieht. Das hat er bereits als er sein fertiges „Werk mit inniger Liebe“ betrachtet18. Im Text wird die fertige Statue von Anfang an mit lebendigen Zügen beschrieben. Der Erzähler schreibt, dass die Statue lebendig wirkt und selbst Pygmalion, der sich seit dem ersten Anblick verliebt hat, „wähnt sich geküsst“19.

Während des Schnitzens scheint Pygmalion keine spezielle Frau im Sinne zu haben, nach deren Vorbild er das Elfenbein formt, denn er „gibt ihm Gestalt, wie nimmer noch aufwuchs irgendein Weib“20. Da zuvor von den Frauen und seiner Einsamkeit erzählt wird, kann angenommen werden, dass es Pygmalions allgemeines Ziel ist, eine Frau zu modellieren, sie aber durch Feinheiten und seine Vorstellung zu einem Individuum und keinem Abbild wird. Stoichita beschränkt die Entstehung in seinen Analysen jedoch auf den künstlerischen Prozess, laut ihm liege die Besonderheit der Erzählung von „Pygmalion“ darin, „dass seine Statue nichts (und auch niemanden) abbildet, sie ist vielmehr das Ergebnis der Einbildungskraft und ‘Kunst‘ des Bildhauers“21.

Ein weiterer Hinweis auf menschliche Eigenschaften in der Statue ist die Oberfläche. Pygmalion fühlt, dass diese bei seinen Berührungen nachgibt und befürchtet, dass die Statue blaue Flecken durch den Druck bekommt. Diesen Zustand, zwischen Elfenbein vor der Metamorphose zu einem menschlichen Körper aus Fleisch bezeichnet Stoichita als Wachs22.

Tatsächlich lebendig wird die Statue nachdem Pygmalion von der Opferung zurückkehrt, sie küsst und berührt. In seiner Analyse wirft Stoichita die Frage auf, ob Venus die Statue verwandelt hat, oder ob sie Ovid die Fähigkeit gegeben, sie durch „Liebesbezeugungen“ und Berührungen zu erwecken23.

Letztlich ist das nicht die entscheidende Frage, denn Stoichita geht von der Eigenheit eines literarischen Textes aus, etwas zu erschaffen – demnach sei es der Text, der die Metamorphose der Statue bewirke24.

3.2 Beziehung zwischen Mensch und Statue

Die Beziehung zwischen Pygmalion und der Statue kann man als eine Liebesbeziehung bezeichnen. Wobei die Statue für Pygmalion eine Art Ersatz für eine reale Frau dient, da er sie aus Verdruss und schlechter Erfahrungen mit Frauen schnitzt.

Zunächst betrachtet Pygmalion die Statue, berührt, küsst sie und spricht mit ihr. Daraufhin umwirbt er sie, beschenkt und schmückt sie mit Schmuck und Kleidern. Diese Annäherungen an die Statue sind einseitig und gehen von Pygmalion aus. Obwohl die Statue optisch lebendig wirkt, ist sie es noch nicht, da sie weder antwortet, noch Reaktionen auf Pygmalion zeigt. Stoichita deutet das Betasten zunächst als Suche nach einem Lebenszeichen25.

[...]


1 Meckel, Miriam: Mensch wird Maschine. Wie lange unterscheiden wir uns noch vom Computer?, in: Die Zeit (2012), Nr. 27, S. 13.

2 Frenzel, Elisabeth: Mensch, der künstliche. In: Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungs-geschichtlicher Längsschnitte. Hrsg. von Elisabeth Frenzel. 6. Auflage. Stuttgart: Kröner 2008. S. 501-512.

3 Ebd. S. 501.

4 Ovid: Pygmalion, In: Metamorphosen. Köln: Anaconda 2010. S. 228.

5 Bradbury, Ray: Marionetten AG. In: Der illustrierte Mann. Zürich: Diogenes 1977. S. 279.

6 Ebd. S. 276.

7 Ebd. S. 284.

8 Ebd. S. 279.

9 Ebd. S. 278.

10 Ebd. S. 278.

11 Ebd. Vgl. S. 278-284.

12 Ebd. S. 278.

13 Wittig, Frank: Maschinenmenschen. Zum Wandel eines literarischen Motivs im Kontext von Philosophie, Naturwissenschaft und Technik. Würzburg: Königshausen & Neumann 1997. S. 96.

14 Völker Klaus: Nachwort: In: Künstliche Menschen. Über Golems, Homunculi, Androiden und lebende Statuen. Hrsg: Klaus Völker. München: Suhrkamp. 1994. (= Phantastische Bibliothek). S. 429-430.

15 Ebd. S. 430.

16 Bradbury, Ray: Marionetten AG. In: Der illustrierte Mann. Zürich: Diogenes 1977. S. 281.

17 Ovid: Pygmalion, In: Metamorphosen. Köln: Anaconda 2010. S. 229.

18 Ebd. S. 228.

19 Ebd. S. 228.

20 Ebd. S. 228.

21 Stoichita, Victor I.: Der Pygmalion-Effekt. Trugbilder von Ovid bis Hitchcook. München: Wilhelm Fink Verlag 2011. S. 11.

22 Ebd. S. 26.

23 Ebd. S. 26.

24 Ebd. S. 28.

25 Ebd. S. 22.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der künstliche Mensch in Ovids "Pygmalion" und Ray Bradburys "Marionetten AG"
Untertitel
Zwischen Sehnsucht und Furcht
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Germanistik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V459648
ISBN (eBook)
9783668902756
ISBN (Buch)
9783668902763
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ray Bradbury, Ovid, Pygmalion, Künstlicher Mensch, Mensch-Maschine
Arbeit zitieren
Ann-Christin Helmke (Autor), 2012, Der künstliche Mensch in Ovids "Pygmalion" und Ray Bradburys "Marionetten AG", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/459648

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der künstliche Mensch in Ovids "Pygmalion" und Ray Bradburys "Marionetten AG"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden