Das lyrische Ich bei Monika Rinck


Hausarbeit, 2018

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsangabe

1. EINLEITUNG

2. DAS LYRISCHE ICH
2.1 DIE JAHRHUNDERTWENDE ALS GEBURTSSTUNDE DES LYRISCHEN ICHS
2.2 NEUERE THEORETISCHE ANSÄTZE

3. MONIKA RINCKS POETIK
3.1 DAS ICH UND DIE ANDEREN BEI MONIKA RINCK

4. FAZIT

5. BIBLIOGRAPHIE

1. Einleitung

Das lyrische Ich als Instanz subjektiver Aussprache ist eines der zentralen Felder der Lyrik und ist seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts Mittelpunkt zahlreicher Debatten in der Lyrikforschung. 1 Kern dieser Debatten bilden meist Fragen wie: „Wer spricht in einem Gedicht? Welchen Status haben Stimmen, die in Gedichten vorkommen? Sind Autorsubjekt und lyrisches Ich strikt zu trennen oder kann das Ich mit dem Autor identifiziert werden?”. Somit wirft das lyrische Ich Fragen zu grundsätzlichen Problemen der Lyrik als Gattung auf. In vielen Fällen identifiziert man das lyrische Ich an der Ichform, also dem Personalpronomen in der ersten Person Singular, doch können auch andere Pronomen auf Sprechinstanzen hinweisen. Die deutsche Dichterin Monika Rinck reflektiert und spielt sehr bewusst mit den unterschiedlichen Pronomen, ihren Bedeutungen und provoziert mit der gezielten Verwendung der unterschiedlichen Erscheinungsformen des lyrischen Ichs.

Monika Rinck wurde 1969 in Zweibrücken geboren, studierte Religionswissenschaft, Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft in Bochum, Berlin und Yale. Rinck lebt als Autorin in Berlin, bewegt sich künstlerisch jedoch auf unterschiedlichen Gebieten. Als eine der theorieversiertesten Lyrikerinnen der Gegenwart schreibt sie Gedichte, Prosa und Essays, in denen sie oftmals Sprachkritik und bewusste Provokation konventioneller Sprachnormen zum Durchbrechen alter Denkmuster nutzt. Rincks Gedichte zeichnen sich vor allem durch ihre vielstimmige Art und Weise aus: „[...] innere treffen auf äußere Stimmen, rhythmisch Ausgefeiltes auf bewusst gesetzte Brüche, Sprünge, Ausrufe: Ha! Ach so!”2. Diese Stimmenvielfalt erschafft Rinck durch den Gebrauch von Pronomen, welche oftmals als Spiegel von Persona fungieren. Rincks besonderer Umgang mit dem lyrischen Ich, mit besonderem Augenmerk auf die Verwendung von Personal- pronomen ist deshalb Untersuchungsobjekt dieser Arbeit.

Im Folgenden wird zunächst die Historie des Begriffs des lyrischen Ich dargestellt: Die teils widersprüchlichen Theorien der Forschung werden begründet eingeordnet um eine sachangemessene und präzise Abbildung des breiten Forschungsspektrums des lyrischen Ich zu gewährleisten. Im Anschluss werden die neueren theoretischen Überlegungen zum Begriff und seiner Verwendung kurz beleuchtet. Schließlich wird auf dieser theoretischen Basis und mit Hilfe linguistischer und literaturtheoretischer Überlegungen das lyrische Ich bei Monika Rinck analysiert. Ein Vergleich zweier Gedichte der Autorin schließt diese Arbeit ab. Da die Begriffsverwendung des lyrischen Ichs außerordentlich inkonsistent ist, wird es nicht Teil der Arbeit sein, einen Bedeutungskern zu bestimmen. Wie die folgende Zusammenstellung historischer Aspekte und Bestimmungen verdeutlicht, besitzt der Begriff des lyrischen Ich keine alleingültige Grundbedeutung, von der andere Begriffsverwendungen abgeleitet werden könnten.

2. Das lyrische Ich

2.1 Die Jahrhundertwende als Geburtsstunde des lyrischen lchs

Die Vorstellung, dass das Subjekt (der Dichter) in seinem lyrischen Gedicht sich selbst und nichts Erfundenes zum Ausdruck bringt, wurde im 19. Jahrhundert kaum in Frage gestellt und war Grundlage einer oftmals biographischen Leseart von Lyrik.3 Um 1900 ist die deutsche Lyrik in eine neue Epoche ihrer Entwicklung getreten. Als herausragende Vertreter dieser Zeit werden vor allem Stefan George, Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke genannt. Gewöhnlich werden diese drei Namen auch als “Klassiker” der neueren deutschen Lyrik in Verbindung miteinander gebracht. Diese Entwicklung der Lyrik zur Moderne zeichnet sich wie jeder neue Epocheneinschnitt durch den Umschlag in eine “neue Qualität” aus. Noch während der Naturalismus seinen Durchbruch erlebte, traten neue literarische Strömungen auf, die nicht nur ihren Gegensatz zum Naturalismus, sondern zu der gesamten Entwicklung des 19. Jahrhunderts hervorhoben. Im Hervorbringen dieser neugearteten poetischen Sprache werde die Lyrik der Forderung der jeweiligen Zeit gerecht, aber sie bleibt dennoch bestimmten historischen Einflüssen ausgesetzt. Die neue Qualität um 1900 besteht nicht in der Weiterung auf neue Themen (wie im Naturalismus), sondern sie zielt auf das Auseinandergehen des „subjektiven” und „objektiven” Bereichs in der Lyrik ab. Dies bedeutet in sofern eine neue Qualität, als die deutsche Tradition vom Prinzip der Subjektivität bestimmt war. Durch diesen gattungsgeschichtlichen Wandel wurde das späte 19. Jahrhundert zur Geburtsstunde der modernen Lyrik, die vor allem durch die Konstruktion des Ichs, welches sich in der Sprache der Lyrik niederschlägt, gekennzeichnet ist.

Für die umfassende Betrachtung des Begriffs des lyrischen Ichs ist es erforderlich, mitunter aufgrund der Heterogenität der Begriffsverwendung, die Historie des Begriffs nachzuvollziehen und unterschiedliche theoretische Annahmen zu berücksichtigen. Historisch gesehen wurde der Begriff des lyrischen Ichs 1910 von Margarete Susman4 als Abgrenzung vom Autor bzw. vom empirischen Ich eingeführt. Das lyrische Ich bezeichnet bei Susman eine erhöhte Form des empirischen Ich zu einem übergeordneten formalen Ich, welches der Autor aus seinem gegebenen Ich erschafft.5 Laut Susman wird das lyrische Ich, „die objektive Form des Ich sein”, vom empirischen Subjekt, dem Autor, geschaffen. Oskar Walzel übernimmt Susmans Konzepts des übergeordneten formalen Ichs und differenziert den Begriff in seinem, in den 1920er Jahren erschienenen Aufsatz „Schicksale des lyrischen Ich”, indem er auf die Rolle der verschiedenen Personalpronomen hinweist und von einer „Du“- oder „Er“-Lyrik spricht6:

„Das Ich der reinen Lyrik ist so wenig persönlich und subjektiv, dass es eigentlich einem Er gleichkommt. Denn Gegenstand der reinen Lyrik ist nicht ein vereinzeltes, einmaliges Erlebnis, sondern etwas Allgemeines, immer Wiederkehrendes, das von der Persönlichkeit des Dichters sich rein und vollständig abgelöst hat.7

Dieser Beitrag Walzels zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er die Bedeutung des lyrischen Ichs relativiert. Die Aspekte der Biographie des empirischen Autors sind für Walzel demnach nicht relevant und das lyrische Ich wird zum Träger allgemeingültiger Aussagen indem es auf subjektive und persönliche Aussagen verzichtet.

Gottfried Benns Definition des lyrischen Ichs in seinem Text „Problemen der Lyrik”(1951), stimmt den Ausführungen Walzels insofern zu, dass ein grundsätzlicher Unterschied zwischen dem lyrischen Ich und der biographischen Person des Autors besteht. Anders als Susman oder Walzel betont Benn das lyrische Ich als eine dichterische Instanz im Autor, ein ’veräußerlichtes, formuliertes Bewusstsein’8, welches nicht mit der empirischen Person des Dichters gleichzusetzen ist. Das lyrische Ich nimmt bei Benn eine vermittelnde Funktion zwischen personalem Bewusstsein, empirischer Subjektivität und lyrischem Ausdruck ein.9

2.2 Neuere theoretische Ansatze

Zu den neueren theoretischen Überlegungen zum lyrischen Ich gehören die Käte Hamburgers, welche in den 1950er Jahren eine texttheoretische Sichtweise des Erlebnisbegriffs hervorbringen, in der lyrisches Ich und Aussagesubjekt gleichgesetzt sind. Hamburger definiert das vielumstrittene lyrische Ich mit der ’Logik der Aussagenstruktur’10. Das lyrische Ich wird in Hamburgers „Die Logik der Dichtung(1957)” als ein „echtes Aussagesubjekt”11 bestimmt, welches identisch mit dem Dichter ist:

„Wir erleben das lyrische Aussagesubjekt, und nichts als dieses. Wir gehen nicht über sein Erlebnisfeld hinaus, in das es uns bannt. Dies aber besagt, dass wir die lyrische Aussage als Wirklichkeitsaussage erleben, die Aussage eines echten Aussagesubjekts, die auf nichts anderes bezogen werden kann als eben auf dieses selbst. Gerade das unterscheidet ja das lyrische Erlebnis von dem eines Romans oder Dramas, dass wir die Aussagen eines lyrischen Gedichtes nicht als Schein, Fiktion Illusion erleben. Unsere verstehende, interpretierende Ergreifung des Gedichts ist eine in hohem Grade nacherlebende, wir müssen uns selbst befragen, wollen wir das Gedicht verstehen. Denn wir stehen ihm immer unmittelbar gegenüber, so wie wir der Äußerung eines wirklichen anderen, eines DU, das zu meinem Ich redet, gegenüberstehen.”12.

Mit dieser Aussage betont Hamburger, dass das lyrische Ich direkt auf den tatsächlichen Sprecher verweist und die Aussage eines lyrischen Ichs nicht einer „fiktionalen Redesituation” 13 oder wie Hamburger es nennt „Erlebnisfeld” 14 angehört, sondern auf nichts anderes bezogen werden kann als auf die Aussage selbst.

Ebenfalls bedeutsame theoretische Überlegungen zum lyrischen Ich sind Ausführungen von Eva M. Lüders, Karl Pestalozzi und Jürgen Peper. Diese teils widersprüchlichen Ansätze verdeutlichen die grundsätzlich umstrittene Position des lyrischen Ich in der Lyrik. Im Gegensatz zu Hamburgers Gebrauch des lyrischen Ichs, welcher die formalen und bildlichen Strukturen von lyrischen Gedichten unberücksichtigt lässt und somit die ursprüngliche Vorstellung Margarete Susman des lyrischen Ich verfehlt 15, ist die Herangehensweise des Schweizer Literaturwissenschaftlers Karl Pestalozzi wieder näher an der ursprünglichen Intention dran. In seinem Werk “Die Entstehung des lyrischen Ich” übernimmt Pestalozzi Susmanns Trennung des lyrischen und empirischen Ichs, bezieht seine Untersuchungen jedoch auf eine rein inhaltliche Ebene. Er beschränkt den Begriff des Ichs, indem er sich darauf fokussiert, was „inhaltlich mit dem Ich und für das Ich im Gedicht geschieht”16. Anders als Hamburger17 ordnet Pestalozzi den Begriff als eine eher inhaltlich geschichtliche Problematik ein:

[...]


1 Vgl. Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtsanalyse. Stuttgart: Sammlung Metzler. 1995. S.181.

2 Kaspar, Frank: Es muss ja nicht alles von mir sein. http://www.planetlyrik.de/monika-rinck- poesiealbum-314/2017/04/. (24.09.2018).

3 Vgl. Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtsanalyse. Stuttgart: Sammlung Metzler. 1995. S.182.

4 In: Das Wesen der modernen deutschen Lyrik.

5 Vgl. Spinner, Kaspar: Zur Struktur des lyrischen Ich. Frankfurt a.M.: Akad.Verl.-Ges. 1975. S. 8.

6 Vgl. Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtsanalyse. Stuttgart: Sammlung Metzler. 1995. S.190.

7 Oskar Walzel, Schicksale des lyrischen Ich, in: O.W., Das Wortkunstwerk, Leipzig 1926, S. 260

8 Meister, Ulrich: Sprache und lyrisches Ich. Berlin: E. Schmidt Verlag. 1983.

9 Vgl. Ebd. S. 100.

10 Hamburger, K.: Die Logik der Dichtung. 1957. S. 171.

11 Ebd. S. 222.

12 Ebd. S. 181.

13 Spinner, Kaspar: Zur Struktur des lyrischen Ich. Frankfurt a.M.: Akad.Verl.-Ges. 1975. S. 8.

14 Hamburger, K.: Die Logik der Dichtung. 1957. S. 181.

15 Vgl. Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtsanalyse. Stuttgart: Sammlung Metzler. 1995. S.187.

16 Spinner, Kaspar: Zur Struktur des lyrischen Ich. Frankfurt a.M.: Akad.Verl.-Ges. 1975. S. 9.

17 Nach Hamburgers theoretischem Ansatz, wird der Begriff des lyrischen Ich zu einer aussagelogischen Problematik.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das lyrische Ich bei Monika Rinck
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für deutsche und niederländische Philologie)
Veranstaltung
Autorinnenseminar: Monika Rinck
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
20
Katalognummer
V459665
ISBN (eBook)
9783668879706
ISBN (Buch)
9783668879713
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lyrisches Ich, Monika Rinck, Poetik, mein denken
Arbeit zitieren
Sarah Eisenfeld (Autor), 2018, Das lyrische Ich bei Monika Rinck, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/459665

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