Wie gewiss sind Politiknachrichten?

Diachrone Kontingenzanalyse der innenpolitischen Berichterstattung von SZ und FAZ zu den Bundestagswahlen 1998, 2009 und 2017


Masterarbeit, 2018
160 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Tageszeitungen als politischer Informationslieferant: Zwischen normativem Qualitätsanspruch und ökonomischen Restriktionen

2 Politikjournalismus in der deutschen Tagespresse
2.1 Grundlagen journalistischer Arbeit im politischen Journalismus der
Tagespresse
2.1.1 Berichterstattungsgegenstände
2.1.2 Routinen und Arbeitsprozesse
2.1.3 Einflussfaktoren auf die politische Berichterstattung
2.2 Gesellschaftliche Funktionen des Politikjournalismus

3 Qualität im Politikjournalismus
3.1 Journalistische Qualität in der Kommunikationswissenschaft: Theoretische und empirische Perspektiven
3.2 Unparteilichkeit, Binnenpluralismus und Transparenz als zentrale Dimensionen journalistischer Qualität

4 Ansatz der kontingenzbezogenen Textanalyse nach Theis-Berglmair und Kellermann zur Differenzierung zwischen PR-Angeboten und journalistischen Texten und Ermittlung journalistischer Qualität
4.1 Annäherung über den Begriff der Kontingenz
4.2 Differenzierung zwischen offener und geschlossener Kontingenz
4.3 Theoretisches Konstrukt: Ansatz der Gewissheitsgrade nach Baeriswyl
4.3.1 Gewissheitsreduzierende Klauseln
4.3.2 Semantische Felder und deren Gewissheitsgrade
4.3.3 Gewissheitsgrade in der schweizerischen Tagespresse: Empirische
Erkenntnisse
4.4 Adaptionen im Rahmen der kontingenzbezogenen Textanalyse
4.4.1 Definition der Analyseeinheit
4.4.2 Semantische Felder und Gewissheitsgrade
4.5 Empirische Evidenz: Geschlossene Kontingenz als zentrales Textmerkmal von PR-Texten

5 Diachrone Kontingenzanalyse der innenpolitischen Wahlberichterstattung von Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine Zeitung zu den Bundestagswahlen 1998, 2009 und
5.1 Forschungsfrage und endogene sowie exogene Einflussfaktoren auf die Ausprägung von Kontingenz im Politikjournalismus der deutschen Tagespresse
5.1.1 Akuter Aktualitätsverlust der politischen Printnachrichten: Mehrwert durch ressourcenintensive Hintergrundberichterstattung
5.1.2 Kommerzialisierung als deterministische Marktmechanismus des
Printjournalismus
5.1.3 Medialisierung und Professionalisierung der politischen
Öffentlichkeitsarbeit
5.1.4 Forschungsleitende Hypothesen
5.2 Konzeption der empirischen Methode: Wandel der Kontingenzausprägung in der innenpolitischen Wahlberichterstattung ausgewählter Leitmedien im Vorfeld von Bundestagswahlen
5.2.1 Die Medien: Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine
Zeitung als politische Leitmedien
5.2.2 Der Berichterstattungsgegenstand: Innenpolitische
Wahlberichterstattung
5.2.3 Die Messzeitpunkte: Latente und finale Wahlkampfphase der
Bundestagswahlen 1998, 2009 und
5.3 Forschungsmethodisches Vorgehen
5.3.1 Methodenauswahl und -begründung: Vergleichende Inhaltsanalyse
5.3.2 Durchführung der empirischen Studie
5.3.3 Methodenkritik

6 Empirische Ergebnisse der vergleichenden Kontingenzanalyse
6.1 Darstellung der Häufigkeitsverteilung
6.1.1 Häufigkeitsverteilung der Auswahleinheiten
6.1.2 Häufigkeitsverteilung der Analyseeinheiten
6.2 Darstellung der Ergebnisse der vergleichenden Kontingenzanalyse: Gewissheitsgrade in der innenpolitischen Wahlberichterstattung von FAZ
und SZ in den sechs Erhebungszeiträumen
6.2.1 Erhebungszeitraum M1: März
6.2.2 Erhebungszeitraum M2: September
6.2.3 Erhebungszeitraum M3: März
6.2.4 Erhebungszeitraum M4: September
6.2.5 Erhebungszeitraum M5: März
6.2.6 Erhebungszeitraum M6: September
6.3 Vergleichende Darstellung sowie Einordnung der Kontingenzausprägung in temporärer und medialer Dimension
6.3.1 Das Verhältnis von objektivem zu perspektivischem Text
6.3.3 Die kategorialen Indexwerte
6.3.4 Der Ungewissheitsgrad des Analysematerials
6.3.5 Die kategorialen Mittelwerte
6.3.2 Die kategorialen Summenwerte
6.3.6 Die Anzahl referierter Instanzen

7 Kontingenz als dynamisches Textmerkmal – Wiedererstarken der journalistischen Vielfalt?

Anhang

Literaturverzeichnis

Datenträger

Ehrenwörtliche Erklärung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Tageszeitungen als politischer Informationslieferant: Zwischen normativem Qualitätsanspruch und ökonomischen Restriktionen

„In Deutschland gelten Tageszeitungen als wichtiges Kulturgut und Eckpfeiler der Demokratie. Sie stoßen gesellschaftspolitische Debatten an, die zur Mei- nungsbildung im Land beitragen“ (Hanke 2011: o.S.). In diesem Kontext sind vor allem überregionale Tageszeitungen (TZ) von zentraler Bedeutung (vgl. Ebd.) – insbesondere in Hochzeiten von Fake News auf Internetseiten, „die häu- fig so heißen und aussehen wie seriöse Massenmedien“ (Kaiser 2017: o.S.): Mit der gezielten Streuung und viralen Verbreitung von politischen Fehlinformatio- nen wird nicht nur Einfluss auf die öffentliche Meinung ausgeübt und der öffent- liche Diskurs gelenkt, sondern auch die gewonnene Aufmerksamkeit in ökono- mischen Profit umgewandelt (vgl. Ebd.). Trotz der hohen Dynamik des World Wide Web, derartige Desinformationen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, stuft die Mehrheit der deutsche Online-Nutzer laut des diesjährigen Digital News Report des Reuters Institute der Universität Oxford die Gefahren von Fake News als eher gering ein – nicht zuletzt aufgrund der Vorrangstellung traditioneller Medien als (politische) Nachrichtenquelle (vgl. Peitz 2018: o.S.). Zudem können Rezipienten manipulative Fehlinformationen auf Textebene identifizieren; Indizien hierfür sind etwa einseitige Darstellungen sowie fehlende Quellenangaben von verwendete Zahlen und Zitaten (vgl. Toyka-Seid o.J.: o.S.).

Die entsprechenden Qualitätskriterien der Transparenz, des Binnenplu- ralismus und der Unabhängigkeit beanspruchen hingegen etablierte TZ für sich – etwa die Süddeutsche Zeitung (SZ), die sich als „Qualitätszeitung“ (Süddeut- sche Zeitung o.J.: o.S.) betitelt, und die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), die ihren „exzellenten, unabhängigen Qualitätsjournalismus“ (Frankfurter All- gemeine Zeitung o.J.: o.S.) hervorhebt. Die reine Proklamation von qualitativ hochwertigem Journalismus ist aber keineswegs mit der konstanten Einhaltung qualitätssichernder Standards in der Praxis gleichzusetzen (vgl. Theis-Berg- lmair/ Kellermann 2017: S. 106). Dennoch verankern sich entsprechende Quali- tätsversprechungen bei Mediennutzern: In der aktuellen Erhebung der Langzeit- studie Massenkommunikation schreiben die Befragten TZ insbesondere die At- tribute „glaubwürdig“ „sachlich“ und „kritisch“ zu (vgl. Best et al. 2016: S. 149). In der Folge wird diese Mediengattung als „informationsorientiertes Medium“ (Ebd.: S. 143) zur Erfüllung von Motiven wie „Information, Denkanstöße be- kommen, mitreden können, Nützlichkeit für den Alltag“ (Ebd.) angesehen.

Die Zeitung vereint damit multiple Funktionen: Neben der politischen Informa- tionsvermittlung und der Thematisierung „plurale[r] gesellschaftliche[r] Bedürf- nisse“ (Bisiaux 2002: S. 208) bildet die Berichterstattung (BE) auch das Funda- ment für die Meinungsbildung (vgl. Ebd.). Gleichermaßen fungiert sie als Kon- trollorgan von Legislative, Exekutive und Judikative (vgl. Ebd.). Aus dieser M ultifunktionalität resultiert ein enormes Einflusspotential (vgl. Schulz 2011: S. 28 f.). Dies mündet wiederum in einem gesteigerten Qualitätsanspruch zum Zwecke eines verantwortungsbewussten Umgangs mit politischen Informatio- nen, wenngleich sich Definition und Messung entsprechender Kriterien als prob- lematisch darstellen: „Qualität im Journalismus definieren zu wollen, gleicht dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln“ (Ruß-Mohl 1992: S. 85).

Verschärft wird die journalistische Qualitätsdebatte durch ökonomische Zwänge, mit denen sich aufgrund der Abwanderung der Werbekunden ins Inter- net insbesondere deutsche TZ – inklusive der Leitmedien SZ und FAZ – kon- frontiert sehen (vgl. Pürer/ Raabe 2007: S. 397). Während bei TZ beschäftigte Politikjournalisten (PJS) laut einer Studie von Lünenborg und Berghofer im Auf- trag des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes aus dem Jahr 2009 einen gestei- gerten Arbeitsdruck wahrnehmen (vgl. Lünenborg/Berghofer 2010b: S. 44), „[sind] PR-treibende Organisationen finanziell und personell zunehmend besser ausgestattet [..] als Redaktionen“ (Theis-Berglmair/ Kellermann 2017: S. 104). Aus diesem Ressourcenungleichgewicht der beiden Kommunikationssysteme kann ein neuartiges, aufgrund der ökonomischen Abhängigkeit des Journalismus deterministisches Beziehungsgeflecht resultieren (vgl. Ebd.): Werden Redaktio- nen zu Sprachrohren der Public Relations (PR) – etwa durch organisations- freundlicher BE aus Angst vor dem Ausbleiben von Werbeeinnahmen oder im Rahmen des Native Advertising – verblassen die Grenzen zwischen den Kom- munikationssystemen– insbesondere für die Rezipienten (vgl. Schade 2015: o.S.). Die fehlende Glaubwürdigkeit der TZ kann schließlich nicht nur die „frei- heitlich-demokratische Grundordnung“ (Ebd.) schwächen. Denn auch PR-Trei- bende sehen sich angesichts des Verlusts von glaubwürdigen Multiplikatoren mit neuen Herausforderungen bezüglich der Wahrung des öffentlichen Ansehens konfrontiert (vgl. Ebd.; vgl. Theis-Berglmair/ Kellermann 2017: S. 104).

Doch spiegelt sich dieses düstere Bild tatsächlich in der Praxis wider? Wie ist es um die journalistische Qualität – insbesondere um Vielfaltsanforderungen – be- stellt? Und heben sich journalistische Beiträge (JB) durch die Einhaltung derar- tiger Qualitätskriterien von anderen Textsorten ab? Um den Einfluss der Rah- menbedingungen, unter denen sich journalistisches Handeln in den Redaktionen überregionaler TZ vollzieht, auf das journalistische Endprodukt abzuleiten, greift die vorliegende Studie auf eine vergleichende Inhaltsanalyse zurück, die das T extmerkmal der Kontingenz ins Zentrum rückt: Mit der Umsetzung der journalistischen Qualitätsdimensionen Transparenz, Binnenpluralismus und Un- parteilichkeit geht die Öffnung von Kontingenzräumen – also ein höherer Unge- wissheitsgrad (UG) – einher (vgl. Theis-Berglmair/ Kellermann 2017: S. 108 ff.). Eine diachrone Kontingenzanalyse gibt daher Aufschluss darüber, ob und inwieweit die Kontingenzausprägung (KA) der BE einem Wandel unterliegt.

Konkret liegt der vorliegenden Arbeit die forschungsleitende Frage zugrunde, inwieweit die KA in der innenpolitischen Wahlberichterstattung (WB) zu den Bundestagswahlen (BW) 1998, 2009 und 2017 von SZ und FAZ zwischen la- tenter und finaler Wahlkampfphase sowie im diachronen Vergleich differiert. Neben dem Vergleich der Medien und der Wahljahre als Ganzes findet also auch eine Gegenüberstellung der BE zweier Wahlkampfphasen statt, um differen- zierte Aussagen zur Konstanz dieses Textmerkmals treffen zu können.

Die Schwerpunktsetzung der Kontingenzanalyse auf die politische BE erfolgt einerseits aus Gründen ihrer eben dargelegten Relevanz für die politische Infor- mationssammlung und Meinungsbildung der Rezipienten, andererseits aufgrund ihrer zentralen Bedeutung als klassisches Themengebiet innerhalb des tagesak- tuellen Printjournalismus (vgl. Deutscher Fachjournalisten-Verband o.J.: o.S.). Die Festlegung des Untersuchungsgegenstands auf die innenpolitische WB soll sicherstellen, dass thematisch vergleichbare Texte in die Analyse einfließen. Zu- dem stellt der Themenkomplex eine natürliche Einheit dar und kann anhand spe- zifischer Selektionskriterien von verwandten Themen separiert werden.

In temporärer Dimension kann die Auswahl des Untersuchungsgegenstandes durch die enorme politische Bedeutung von und dem damit einhergehenden Me- dieninteresse an BW begründet werden. Darüber hinaus eignet sich die Konzep- tion der Messzeitpunkte – diese verteilen sich auf jeweils zwei Wahlkampfpha- sen über drei Jahrzehnte –, um sowohl kurzfristige als auch langfristige Verän- derungen in der KA abbilden zu können.

Das Spannungsfeld zwischen normativem Qualitätsanspruch und ökonomischen Restriktionen der Medien und dem damit verknüpften Einfluss der Öffentlich- keitsarbeit wird sowohl in der öffentlichen Diskussion als auch von der Wissen- schaft vermehrt behandelt. In diesem Kontext kann etwa auf die Determinations- forschung als zentrales Forschungsgebiet verwiesen werden, die den Nieder- schlag von PR-Materialien in der BE ergründet (vgl. Raupp/ Klewes 2004: S. 9). Ein solch rollen- beziehungsweise akteurbezogenes Erklärungsmodell basiert je- doch weitgehend auf normativen Vorstellungen und wird der – insbesondere im neuen Kommunikationszeitalter – hohen Komplexität des Entstehungsprozesses eines journalistischen Produkts nicht vollumfänglich gerecht (vgl. Theis-Berg- lmair/ Kellermann 2017: S. 103). Daher mangelt es in der Kommunikationswis- senschaft an theoretischen wie empirischen Beiträgen, die auf Ebene des Textes spezifische Charakteristika herausbilden und damit eine übergeordnete Perspek- tive einnehmen. Einen derartigen Forschungsansatz bringen die Wissenschaftler Theis-Berglmair und Kellermann hervor, indem sie den Forschungsansatz der Gewissheitsgrade (GG) von Baeriswyl weiterentwickeln und verschiedene Textsorten auf das Textmerkmal der Kontingenz analysieren. Ihnen gelingt es im Rahmen einer qualitativen Inhaltsanalyse eine deutliche höhere KA JB im Vergleich zu PR-Texten nachzuweisen (vgl. Theis-Berglmair/ Kellermann 2018: o.S.). An dieser Stelle knüpft die vorliegende Studie an und analysiert Ausmaß und Konstanz der KA innerhalb der innenpolitischen WB der beiden Leitmedien SZ und FAZ. Hierfür wird zunächst eine theoretische Einordnung des politi- schen Journalismus vorgenommen, in diesem Zuge werden neben Berichterstat- tungsgegenständen, Routinen und Arbeitsprozessen auch potentielle Einfluss- faktoren auf das redaktionelle Handeln beleuchtet. Qualitätsanforderungen an die Politikberichterstattung sowie die Schwierigkeit, journalistische Qualität empirisch greifbar zu machen, stehen im Zentrum des dritten Kapitels. Basierend auf diesen Ausführungen wird in Kapitel vier mit dem Ansatz der kontingenzbe- zogenen Textanalyse nach Theis-Berglmair und Kellermann ein innovativer For- schungsansatz vorgestellt, der aus den journalistischen Qualitätsdimensionen das Textmerkmal der Kontingenz ableitet. Auf Grundlage dieses textbasierten Modells erfolgen anschließend Darstellung sowie Erläuterung der Auswahl- gründe von Forschungsanlage und -methode dieser Studie. Kapitel sechs widmet sich den empirischen Ergebnissen, die aus der Kontingenzanalyse hervorgehen, und setzt diese miteinander in Verbindung. Am Ende dieser Arbeit steht ein Fa- zit, in dem zentrale Forschungsergebnisse prägnant zusammengestellt und dis- kutiert werden.

2 Politikjournalismus in der deutschen Tagespresse

Der Politikberichterstattung kommt in der deutschen Medienlandschaft ein zent- raler Stellenwert zu. So eruieren Weischenberg, Löffelholz und Scholl im Rah- men einer Repräsentativstudie über den Journalismus in Deutschland im Jahr 2005, dass rund 15 Prozent der deutschen Journalisten im Politikressort1 eines Medienunternehmens beschäftigt sind. Damit nimmt der Politikjournalismus hierzulande im Hinblick auf die personelle Ressourcenausstattung – nach dem Lokaljournalismus – eine Vorrangstellung innerhalb der deutschen Medienland- schaft ein (vgl. Weischenberg/ Scholl/ Malik 2006b: S. 351). Diese im Vergleich zu anderen Ressorts recht hohe Mitarbeiterzahl des Politikjournalismus kann als ein Indiz dafür angesehen werden, dass die BE über politische Prozesse einen kontinuierlichen und universellen Themenschwerpunkt innerhalb der deutschen Medienlandschaft bildet. Vor dem Hintergrund der voranschreitenden Auflö- sung der klassischen Ressortstruktur in deutschen TZ (vgl. Lünenborg/ Berg- hofer 2010a: S. 17) besteht zudem die Möglichkeit, dass einige Befragte trotz Zugehörigkeit zu einem anderen journalistischen Ressort vermehrt in die Poli- tikberichterstattung involviert sind, dies jedoch im Rahmen der Befragung nicht als ihr Kernressort angegeben haben.

In der Politischen Kommunikation – also der „Kommunikation […], die von po- litischen Akteuren ausgeübt wird, die an sie gerichtet ist, oder die sich auf poli- tische Akteure und ihre Aktivitäten bezieht“ (Schulz 2011: S. 16) – kommt den Printmedien – insbesondere die überregionalen TZ – aufgrund medienspezifi- scher Charakteristika zentrale Bedeutung zu (vgl. Pfetsch 2003: S. 166). So bie- ten Printmedien etwa im Gegensatz zu Rundfunksendern vergleichsweise viel Raum für eine tiefgehende BE. Überregionale Leitmedien erweisen sich zudem als relevante Informationsquelle für Dritte, weshalb deren publizistische Leis- tungen in anknüpfende Kommunikationsmaßnahmen münden können (vgl. Jar- ren/ Donges 2006: S. 167 ff.).

Politikberichterstattung findet in den Printmedien einerseits in TZ, andererseits in Wochenzeitungen sowie Magazinen statt. Erstgenannte kommen ihrem zent- ralen Wesensmerkmal der Aktualität nach und fokussieren sich daher in erster Linie auf die zeitnahe BE über politische Themen (vgl. Deutscher Fachjourna- listen-Verband o.J.: o.S.). In der deutschen Tagespresse überwiegen daher infor- mierende Darstellungsformen über aktuelle Ereignisse (vgl. Schulz 2011: S. 87) – „wie Meldungen, Berichte [und] […] Reportagen […] –, die auf das aktuelle Geschehen Bezug nehmen und dabei professionellen Normen wie Objektivität, Relevanz und Wahrheit verpflichtet sind“ (Ebd.).

Trotz der hohen Bedeutung des Politikjournalismus in Deutschland und der dadurch intensiven Auseinandersetzung der Wissenschaft mit dem Forschungs- komplex herrscht im Fachdiskurs „keine einheitliche oder gar konsistente Defi- nition“ (Jarren/ Donges 2006: S. 170) vor. Dies liegt insbesondere in der bereits angedeuteten Vielfalt Politischer Kommunikation sowie einem abstrakten Hand- lungskontext, bestehend aus Medienbetrieben, Institutionen und Akteuren des politischen Systems, begründet. An dieser Stelle soll daher Politikjournalismus auf Grundlage zweier allgemeiner Wesensmerkmalen beschrieben und von an- deren journalistischen Themenfeldern abgegrenzt werden: Dass Politikjourna- lismus überwiegend im Kontext einer Medienorganisation betrieben wird, er- weist sich als ein zentrales Charakteristikum. Zudem kann Politikjournalismus aus systemtheoretischer Perspektive als Schnittstelle zwischen dem publizisti- schen und dem politischen System angesehen werden (vgl. Ebd.: S. 170 - 174; vgl. Marcinkowski/ Bruns 2004: S. 494). So definieren etwa Marcinkowski und Bruns Politikjournalismus „als Einrichtung der strukturellen Kopplung von Po- litik und Publizistik“ (Marcinkowski/ Bruns 2004: S. 494), weshalb „die Anwen- dungsbedingungen teilsystemischer Codes durch Gesichtspunkte konditioniert werden, die aus anderen Systemen [hier: dem politischen beziehungsweise jour- nalistischen System] stammen und in der Programmstruktur von Organisations- systemen verortet sind“ (Ebd.). Für die Praxis bedeutet dies, dass das journalis- tische System für die „Beobachtung und Beschreibung von Politik“ (Ebd.) auf politische Programmkriterien wie Konflikt oder Macht zurückgreift (vgl. Ebd.).

Auch auf Akteursebene zeichnen sich die Vorteile eines allgemeingülti- gen Definitionsversuchs ab. Grundsätzlich können PJS als Beobachter und Be- richterstatter von Politik in Medienorganisationen verstanden werden (vgl. Jar- ren/ Donges 2006: S. 172). Allerdings unterliegt das Berufsfeld stetigem Wandel (vgl. Wagner 1998: S. 96) – dies äußert sich derzeit etwa in der Auflösung der klassischen Ressortstruktur (vgl. Lünenborg/ Berghofer 2010a: S. 17) – weshalb die Betrachtung der Politikressorts allein nicht genügt, um PJS zu identifizieren. Vielmehr macht es das ausdifferenzierte Mediensystem in Deutschland notwen- dig, die Berufsbezeichnung auch für diejenigen Journalisten anzuwenden, die sich generell „mit politischen Akteuren oder Themen befassen“ (Jarren/ Donges 2006: S. 172). Diese weite Definition, an der sich die vorliegende Arbeit orien- tiert, bezieht damit etwa auch Korrespondenten ein (vgl. Ebd.).

Die Notwendigkeit einer solch unspezifischen Definition liegt nicht nur in dem breiten Tätigkeitsspektrum eines PJS und den Veränderungen im journalisti- schen System begründet, sondern auch in den vielfältigen Ausbildungswegen (vgl. Lünenborg/ Berghofer 2010b: S. 14 f.). So gewährleistet Artikel 5 des Grundgesetzes jedem „das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten“ (Bundesministerium der Justiz und für Verbrau- cherschutz o.J.: o.S.) – und ermöglicht damit den freien Zugang zum Beruf des Journalisten (vgl. Lünenborg/ Berghofer 2010a: S. 18). In der Folge ist die Be- rufsbezeichnung des (Politik-)Journalisten nicht geschützt, außerdem muss kein spezieller Ausbildungsweg für die Berufsausübung durchlaufen werden (vgl. Fengler/ Vestring 2009: S. 27).

2.1 Grundlagen journalistischer Arbeit im politischen Journalismus der Ta- gespresse

Basierend auf diesen Ausführungen wird nun das Arbeitsfeld eines PJS bei einer TZ näher beleuchtet. Hierzu wird sowohl ein prägnanter Einblick in die zentralen Berichterstattungsgegenstände sowie Routinen und Arbeitsprozesse des Politik- journalismus gegeben als auch potentielle Einflussfaktoren auf diesen benannt.

2.1.1 Berichterstattungsgegenstände

Dem Politikressort kommt als klassisches journalistisches Ressorts ein hoher Stellenwert in der Tagespresse zu, Informationen über das tagespolitische Ge- schehen bilden ein zentrales Element deutscher TZ (vgl. Deutscher Fachjourna- listen-Verband o. J.: o. S.). Damit geht allerdings nicht zwangsläufig eine Kon- sonanz der Politikberichterstattung einher. Vielmehr erweisen sich die Politik- ressorts in der deutschen Tagespresse als heterogen, was sich unter anderem in der Thematisierung unterschiedlicher Politikebenen abzeichnet. So misst jede TZ – etwa in Abhängigkeit von ihrer Position in der Medienlandschaft sowie ihrem Verbreitungsgrad – den einzelnen Politikebenen ein bestimmtes Maß an Bedeutung zu (vgl. Lünenborg/ Berghofer 2010b: S. 35). Während sich lokale und regionale Medien vermehrt auf Lokal- und Regionalpolitik konzentrieren, widmen sich überregionale TZ insbesondere der Bundes- und Europapolitik zu (vgl. Deutscher Fachjournalisten-Verband o. J.: o. S.). Der Schwerpunkt der Po- litikberichterstattung in deutschen TZ liegt – das zeigt die Online-Befragung deutscher PJS von Lünenborg und Berghofer aus dem Jahr 2009 – auf bundes- politischem Geschehen (vgl. Lünenborg/ Berghofer 2010b: S. 36).

Die Politikressorts unterscheiden sich allerdings nicht nur im Hinblick auf die unterschiedliche Relevanzbewertung politischer Ebenen, sondern es können zu- dem bestimmte Politikfelder in den Fokus gerückt werden. Die Untersuchung von Lünenborg und Berghofer attestiert diesbezüglich ein breites Themenspekt- rum innerhalb der Politikressorts deutscher Medienorganisationen. Gleichzeitig wird aber ersichtlich, dass bestimmte Themenfelder verstärkt in den deutschen Medien behandelt werden: So gibt die Mehrheit der befragten PJS an, sich ins- besondere mit den Politikfeldern der Sozial-, Innen- sowie Wirtschaftspolitik auseinanderzusetzen (vgl. Ebd.).

2.1.2 Routinen und Arbeitsprozesse

Generell verfügt der Beruf des Journalisten – unabhängig von Medium und The- menschwerpunkt – über ein breites Aufgabenspektrum, das sich im Zuge der Digitalisierung ausgeweitet hat. Mit dieser Ausdifferenzierung geht auch ver- mehrt der Trend zur Arbeitsteilung in Medienorganisationen einher: Im Rahmen der ablaufspezifischen Strukturierung kann etwa zwischen Arbeitsrollen, die für die Verteilung eingehender Materialien, Redigiertätigkeiten, Recherchen oder schließlich für die Produktion eines Medienbeitrags zuständig sind, differenziert werden (vgl. Weischenberg et al. 2006a: S. 78 ff.).

In diesem Unterkapitel werden die Arbeitsprozesse im politischen Themensek- tor einer TZ als Ganzes – unabhängig davon, ob die einzelnen Schritte arbeits- teilig oder ganzheitlich von einem PJS durchgeführt werden – beschrieben. Grundsätzlich durchlaufen PJS, die für eine TZ arbeiten, die klassischen Arbeits- felder in einer Redaktion. Jedoch zeigen sich auch speziell auf das Themenfeld Politik abgestimmte Routinen, die im Folgenden herausgearbeitet werden.

Die Themenfindung für die Politikberichterstattung in TZ geschieht in erster Li- nie in Abhängigkeit vom tagespolitischen Geschehen (vgl. Deutscher Fachjour- nalisten-Verband o. J.: o. S.) und wird „von den Regierungen, Parteien, politi- schen Organisationen oder Bürgeriniativen vorgegeben“ (Ebd.). Eine Übersicht über die wichtigsten Akteure in der Politikberichterstattung ist im Anhang2 ab- gebildet. Aus dieser Fülle an Themen müssen anschließend bestimmte Themen für die Politikberichterstattung anhand gewisser Selektionskriterien – den soge- nannten Nachrichtenfaktoren – ausgewählt werden. Diese beschreiben spezielle Ereignismerkmale, die schließlich in ihrer Summe den Nachrichtenwert eines Themas bilden. Im Rahmen der Politikberichterstattung wird insbesondere den Themen eine große Bedeutung zugemessen, die die Nachrichtenfaktoren Rele- vanz, Status, Valenz, Dynamik und Identifikation bedienen (vgl. Schulz 2011: S. 90 ff.). Eine Übersicht über diese Ereignismerkmale ist im Anhang3 abgebil- det. Zudem können PJS den ausgewählten Themen anschließend durch Platzie- rung und Umfang eine bestimmte Relevanz in der BE zuweisen, was wiederum die Bedeutung des Themas aus Sicht der PJS widerspiegelt (vgl. Ebd.).

Neben genuinen Ereignissen wie Bundestagssitzungen berichten TZ insbeson- dere über m edialisierte Ereignisse – zum Beispiel über den Staatsbesuch eines Präsidenten (vgl. Ebd.) – als auch über Pseudo-Ereignisse – also eigens für die mediale BE erschaffene Ereignisse wie Pressekonferenzen (vgl. Jäckel 2008: S.

210). Politische Ereignisse werden vermehrt strategisch inszeniert, um mediale Aufmerksamkeit zu generieren (vgl. Schulz 2011: S. 99). Neben der Themenfin- dung über die tagespolitische Agenda orientieren sich insbesondere Lokal- und Regionalzeitungen auch an den Themen, die die Leitmedien vorgeben (vgl. Wei- schenberg et al. 2006a: S. 121), um die Personalkosten möglichst gering zu hal- ten (zitiert nach Rehländer 2014: o.S.).

Nach der Themenfindung erfolgt die Themenbearbeitung durch Recherche. Hierfür werden mittels verschiedener Quellen Informationen zum Sachverhalt akquiriert, die Glaubwürdigkeit dieser Quellen bewertet sowie deren Motive of- fengelegt (vgl. Leyendecker 2005: S. 96). Hierbei kann zwischen verschiedenen Recherchequellen für die Politikberichterstattung unterschieden werden: So sind Nachrichtenagenturen Urheber politischer Informationen, die in der Politikbe- richterstattung von TZ aufgrund ihrer unzureichenden Infrastruktur häufig ver- wertet werden. Diese werden von TZ häufig verwendet, ohne die Inhalte umfas- send gegenzuprüfen, da sie sich qualitativer auf die etablierten Agenturen ver- lassen (vgl. Hagen 1995: S. 19 ff.). Kritischer werden Informationen hinterfragt, die aus Pressemitteilungen „von Pressestellen, Parteien und sonstigen politi- schen Organisationen und Initiativen“ (Ebd.) stammen. Denn diese Akteure set- zen die politische Kommunikation strategisch ein, um durch Adaption der Me- dienlogik mediale Aufmerksamkeit zu erregen (vgl. Jarren/ Donges 2006: S. 223 - 226) und letztendlich „positiv besetz[e] Themen durchzusetzen und als schäd- lich angesehene Thematisierungen zu vermeiden oder diese durch öffentliche Stellungsnahmen rechtzeitig und nachhaltig umzudeuten“ (Ebd.: S. 226). Dies spiegelt sich etwa in der Einseitigkeit dieser Texte sowie in der Gewichtung ein- zelner Aspekte wider. Für Hintergrundberichte greifen PJS zudem auf Fachin- formationen von Experten, Ministerien und Behörden zurück (vgl. Hagen 1995: S. 19 ff.). Auch Ortstermine und andere Medien stellen zentrale Informations- quellen für den Politikjournalismus in der Tagespresse dar. Schließlich ist der hohe Stellenwert von Informanten in der Politikberichterstattung hervorzuheben (vgl. Lünenborg/ Berghofer 2010b: S. 26), die jedoch auch spezifische Motive verfolgen (vgl. Burkhardt 2009: S. 153). Durch die Digitalisierung gewinnt auch die Online-Recherche zunehmend an Bedeutung (vgl. Lünenborg/ Berghofer 2010b: S. 26 f.; vgl. Fengler/ Vestring 2009: S. 143).

Schließlich steht am Ende des journalistischen Arbeitsprozesses die Produktion eines Medienbeitrags. PJS müssen hierfür die gewonnen Informationen so ver- arbeiten, dass sich der Rezipient – im Sinne der Objektivitätsnorm – unvorein- genommen und umfassend informieren kann. Aufgrund dieser hohen Anforde- rungen an den Politikjournalismus wird im Politikressort des deutschen Tages- zeitungsjournalismus größtenteils auf tatsachenbetonte Darstellungsformen zu- rückgegriffen, die eine objektive BE ermöglichen (vgl. Wallisch 1995: S. 62 f.). Zusätzlich sind auch meinungsorientierte Darstellungsformen wie Kommentare in den politischen Teilen deutscher TZ vorzufinden, die vornehmlich genutzt werden, um Kritik an politischen Entscheidungen oder Prozessen zu äußern (vgl. Deutscher Fachjournalisten-Verband o. J.: o. S.).

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass PJS verschiedene Arbeitspro- zesse durchlaufen und dabei Entscheidungen treffen, die der Medienlogik unter- liegen. Das Ziel besteht darin, politische Sachverhalte an die Rezipienten ver- mitteln zu können – und so politische Öffentlichkeit herzustellen (vgl. Schulz 2011: S. 78). Ein Überblick über den medialen Vermittlungsprozess befindet sich im Anhang4.

2.1.3 Einflussfaktoren auf die politische Berichterstattung

Für eine umfassende Charakterisierung der Politikberichterstattung in der deut- schen Tagespresse soll auch ein Blick auf die vielfältigen Einflussfaktoren5, die auf diese einwirken können (vgl. Weischenberg et al. 2006a: S. 145 - 165), ge- worfen werden. Um auf dem ökonomisch angespannten und übersättigten Me- dienmarkt bestehen zu können, sind die deutschen TZ heute in hohem Maße auf die „Gunst des Publikums“ (Kramp/ Weichert 2010: S. 201) angewiesen (vgl. Weischenberg et al. 2006a: S. 143). Die Wünsche und Erwartungen der Rezipi- enten dienen folglich als Orientierungshilfe für eine in wirtschaftlicher Hinsicht erfolgreiche BE. Da die Politikberichterstattung in den Printmedien vornehmlich „Teile der aktiven Öffentlichkeit der Gesellschaft sowie die Angehörigen der Eliten“ (Jarren/ Donges 2006: S. 339) erreicht, können diese als Bezugsgröße ausgemacht werden. Allerdings sind die Möglichkeiten der Leserschaft, direkt Einfluss auf die Politikberichterstattung zu nehmen, begrenzt (vgl. Kramp/ Wei- chert 2010: S. 201). Zwar suchen PJS vermehrt sowohl den Kontakt zum Publi- kum als auch nach weiterführenden Informationsquellen wie Kennzahlen aus der Marktforschung (vgl. Lünenborg/ Berghofer 2010a: S. 20 f.), aber auch diese Maßnahmen gewähren nur ein beschränktes Abbild der Publikumsinteressen. Aufgrund dessen orientieren sich PJS in verschiedensten Aspekten ihrer Tätig- keit auch an ihren Vorstellungen von der Leserschaft und deren Wünschen. Das organisatorische Umfeld ist maßgeblich an der Herausbildung derartiger Publi- kumsimages beteiligt (vgl. Weischenberg et al. 2006a: S. 143 f.).

Auch politische Entscheidungsträger (Deutscher Fachjournalisten-Verband o. J.: o. S.) nutzen die Medien als zentrale Informationsquelle rund um das politische Tagesgeschäft (vgl. Marcinkowski/ Bruns 2004: S. 491). Zudem durchbrechen sie mittels strategischer Öffentlichkeitsarbeit die Rolle des passiven Rezipienten und nehmen selbst Einfluss auf die politische Kommunikation (vgl. Schulz 2011: S. 28f.). Im Zuge der Medialisierung, die als „gesellschaftliche[r] Wande[l] infolge des Wandels der Medien“ (Ebd.: S. 30) definiert werden kann, haben sich politische Akteure wie Politiker, Parteien, Parlamente und Regierun- gen an die Medienlogik angepasst und richten ihre Kommunikationsmaßnahmen strategisch nun so aus, dass sie die politische BE in ihrem Sinne beeinflussen können (vgl. Ebd.: S. 38).

Des Weiteren stellen aus Sicht der PJS medienorganisatorische Einflussfaktoren eine wesentliche Größe dar, welche die journalistische Arbeit tangieren kann. Dazu zählen etwa die Einflussnahme von Vorgesetzen oder Kollegen (vgl. Wei- schenberg et al. 2006a: S. 146 ff.). Auch die betrieblichen Entscheidungsstruk- turen und technische Rahmenbedingungen (vgl. Schulz 2011: S. 88) sowie die redaktionelle Linie einer Medienorganisation (vgl. Ebd.: S. 102) vermögen Ein- fluss auf die Politikberichterstattung auszuüben.

Zudem wirken auch auf den PJS als Individuum verschiedene Einflusskräfte – darunter etwa das persönliche Umfeld (vgl. Ebd.: S. 150 - 154) oder individuelle Einstellungen (vgl. Ebd.: S. 88) – und können somit indirekt dessen BE prägen.

2.2 Gesellschaftliche Funktionen des Politikjournalismus

Basierend auf den vorherigen Ausführungen können TZ als informationsverar- beitende Medienorganisationen (vgl. Ebd.: S. 76) begriffen werden, die im Rah- men ihrer Politikberichterstattung „der Öffentlichkeit aktuelle Beobachtungen von Ereignissen [aus dem politischen System] als ,Fremdbeobachtung‘ zur Ver- fügung stellen“ (Weischenberg et al. 2006a: S. 30). Auf Basis dieser Medienre- alität, die nur einen Ausschnitt der politischen Realität wiedergibt und unter Be- achtung medienspezifischer Logiken produziert wird, werden schließlich die po- litischen Vorstellungen der Rezipienten geformt, da sie meist über keinen direk- ten Informationszugang zum politischen Feld verfügen und daher auf die Mas- senmedien angewiesen sind (vgl. Schulz 2011: S. 76 ff.).

Damit erbringt der Politikjournalismus die gesellschaftliche Funktion, die Rezi- pienten mit politischen Informationen zu versorgen und damit Öffentlichkeit herzustellen (vgl. Ebd.: S. 112), und trägt damit maßgeblich zum „Funktionieren demokratischer Gesellschaften“ (Lünenborg/ Berghofer 2010a: S. 18; Fengler/ Vestring 2009: S. 30) bei: Denn durch die Bereitstellung von Wissen rund um politische Prozesse und Entscheidungen wird der öffentliche Diskurs ermöglicht (vgl. Lünenborg/ Berghofer 2010a: S. 18).

Zudem kommt dem Politikjournalismus, der idealtypisch auch als „Vierte Ge- walt“ neben Exekutive, Legislative und Judikative konzipiert wird (vgl. Wei- schenberg et al. 2006a: S. 21), zentrale Bedeutung als unabhängige Kontrol- linstanz zu: Durch die in Artikel 5 des Grundgesetzes gewährleistete Pressefrei- heit und den damit einhergehenden rechtlichen Privilegien des Journalismus – etwa dem Zeugnisverweigerungsgerecht – kann der Politikjournalismus frei von staatlichen Einflüssen agieren und der Funktion des politischen Wächters nach- kommen (vgl. Deutscher Fachjournalisten-Verband o. J.: o. S.).

„Diese normative begründete, diskursive Privilegierung des Politikjournalismus spie- gelt sich auch im Selbstverständnis der Journalisten wider […], steht gleichzeitig [aber] in einem Spannungsverhältnis zur beruflichen Realität der journalistischen Akteure“ (Lünenborg/ Berghofer 2010b: S. 1)

– etwa im Hinblick auf das über die letzten Jahrzehnte kleiner gewordene Zeit- fenster, das für Recherchen aufgewendet wird (vgl. Weischenberg et al. 2006a: S. 80). Grundsätzlich finden sich deutsche Journalisten in den drei klassischen Rollenbildern des Informationsvermittlers, des Wächters und des Ratgebers wie- der (vgl. Greck 2017: S. 107). Auch im Politikjournalismus herrschen derartige Rollenverständnisse vor (vgl. Deutscher Fachjournalisten-Verband o. J.: o. S.): In einem ähnlichen Ausmaß wie deutsche Journalisten generell sehen sich PJS insbesondere als Informationsvermittler und Erklärer, wobei Letzterem im Poli- tikjournalismus im Vergleich zum Journalismus als Ganzes ein höherer Stellen- wert beigemessen wird. Der deutsche PJS unterscheidet sich vom durchschnitt- lichen Journalisten auch durch eine stärkere Ausprägung des Selbstverständnis- ses, Kritik und Kontrolle auszuüben. Deutlich weniger Akzeptanz als bei der Gesamtheit aller deutschen Journalisten erfährt hingegen bei PJS das Rollenbild des Ratgebers und Entertainers (vgl. Lünenborg/ Berghofer 2010b: S. 37 - 40).

Aus dieser – auch im Selbstverständnis der PJS vorherrschenden – öf- fentlichen Informationsfunktion, aufgrund derer die Politikberichterstattung auch den Prozess der Meinungs- und Willensbildung der Rezipienten tangiert (vgl. Wellbrock/ Klein 2014: S. 391), resultieren normative Qualitätsanforde- rungen an den Politikjournalismus 6. So werden unter dem Bestreben nach ob- jektiver BE mehrere Qualitätskriterien – darunter Transparenz, Ausgewogenheit und Vielfalt – subsummiert (vgl. Hagen 1995: S. 19 ff.). Im folgenden Kapitel soll daher das komplexe Konstrukt der Qualität im Politikjournalismus aus the- oretischer und empirischer Perspektive beleuchtet werden.

3 Qualität im Politikjournalismus

Sowohl in der öffentlichen Debatte (vgl. Wellbrock/ Klein 2014: S. 388; vgl. Rehländer 2014: o.S.) als auch in der Kommunikationswissenschaft wird der Diskussion über die Qualität journalistischer Produkte zunehmend große Be- achtung eingeräumt (vgl. Held/ Ruß-Mohl 2005: S. 54). Aufgrund der demokra- tietheoretischen Bedeutung der Politikberichterstattung ist es insbesondere ein

Anliegen des Politikjournalismus, Medienbeiträge mit einer möglichst hohen Qualität zu produzieren. Allerdings agieren Medienorganisationen in unter- schiedlichen strukturellen, ökonomischen und institutionellen Kontexten, wo- raus Qualitätsunterschiede resultieren können (vgl. Deutscher Fachjournalisten- Verband o. J.: o. S.).

3.1 Journalistische Qualität in der Kommunikationswissenschaft: Theore- tische und empirische Perspektiven

Der wachsende Stellenwert der Qualitätsforschung in der Kommunikationswis- senschaft wird maßgeblich von zwei Entwicklungen angeregt: Einerseits werden „staatliche und gesellschaftliche Prozesse immer stärker von den Leistungen der Massenmedien“ (Hagen 1995: S. 35) tangiert, gleichzeitig verschärft sich im Zuge der Kommerzialisierung die Wettbewerbssituation der Medienorganisati- onen (vgl. Ebd.; vgl. Held/ Ruß-Mohl 2005: S. 61; vgl. Haas/ Lojka 1998: S. 117), was in Rationalisierungsmaßnahmen münden kann. Daraus ergibt sich die ökonomische Notwendigkeit, „qualitätssichernde Standards und Routinen“ (Mothes 2014: S. 34) – wie umfangreiche Recherchearbeiten (vgl. Weischen- berg et al. 2006a: S. 80) – in ihrer Intensität zu verringern (vgl. Mothes 2014: S. 34). Vor diesem Hintergrund wird ein zunehmender Qualitätsverfall journalis- tischer Produkte diagnostiziert (vgl. Rehländer 2014: o.S.).

Trotz der intensiven Auseinandersetzung mit dem Forschungskomplex, die im Vergleich zu anderen Fragestellungen der Journalismusforschung verspätet ein- gesetzt hat (vgl. Haas/ Lojka 1998: S. 115), herrscht in der Kommunikationswis- senschaft bis heute keine einheitliche Definition von journalistischer Qualität vor und auch im Hinblick auf zugrundeliegende Qualitätskriterien sind divergie- rende Auffassungen zu verzeichnen (vgl. Wellbrock/ Klein 2014: S. 388). Es ist jedoch festzustellen, dass bisherige Definitionsversuche journalistischer Qualität aus drei verschiedenen Perspektiven betrachten und dementsprechend be- stimmte Qualitätskriterien in den Fokus rücken: Während Journalismus dem funktional-systemorientierter Ansatz zufolge vor allem die gesellschaftliche Selbstbeobachtung durch eine möglichst aktuelle und vielfältige BE ermögli- chen soll (vgl. Arnold 2009: S. 185), betonen normativ-demokratieorientierte Ansätze den Beitrag des Journalismus zum Funktionieren demokratischer Ge- sellschaften – also die öffentliche Aufgabe der Massenmedien (vgl. Ebd.: S. 200). Daraus resultieren Qualitätsanforderungen wie Unabhängigkeit, Kritik so- wie Zugänglichkeit (vgl. Ebd.). Schließlich zeichnet sich Qualität von Medien- produkten auf nutzerbezogen-handlungsorientierter Ebene dadurch aus, dass „Bezüge zur Lebenswelt des Publikums her[ge]stell[t] [werden]“ (Ebd.: S. 223). Als Qualitätsmaßstäbe dienen in diesem Kontext Kriterien wie Quellentranspa- renz, Unterhaltsamkeit und Gebrauchswert (vgl. Ebd.; vgl. Wellbrock/ Klein 2014: S. 389). Eine Übersicht über alle im Rahmen dieser Ansätze relevanten Qualitätskriterien journalistischer Produkte ist im Anhang7 abgebildet.

Anhand dieser unterschiedlichen Ansätze zur Bestimmung journalistischer Qua- lität wird die Komplexität eines Definitionsversuchs (vgl. Haas/ Lojka 1998: S. 132) ersichtlich, denn journalistische Qualität erweist sich als „ multifaktorielles Phänomen “ (Theis-Berglmair/ Kellermann 2017: S. 106), das sowohl theore- tisch als auch empirisch schwer zu greifen ist (vgl. Wellbrock/ Klein 2014: S. 388 f.). In der Kommunikationswissenschaft haben sich deshalb verschiedene Verfahren zur Messung und Bewertung journalistischer Qualität gebildet (vgl. Held/ Ruß-Mohl 2005: S. 54 ff.). Es kann zwischen akteur- sowie produktbezo- genen Messverfahren unterschieden werden (vgl. Theis-Berglmair/ Kellermann 2017: S. 106). Zur erstgenannten Kategorie zählen Untersuchungen, die das Qualitätsverständnis von Journalisten (vgl. Lünenborg 2012: S. 5) beziehungs- weise Journalismus-Experten (vgl. Wilke 1998: S. 138 - 141; vgl. Wellbrock/ Klein 2014: S. 390) oder das der Rezipienten (vgl. Lünenborg 2012: S. 5; vgl. Arnold 2009: S. 298 ff.; vgl. Neuberger 2011: S. 13) in den Mittelpunkt rücken.

„Stehen in der professionellen Bewertung Kriterien wie Relevanz, Vielfalt, Aktualität, Glaubwürdigkeit, Unabhängigkeit, Rechercheleistung und Kritik im Mittelpunkt, so er- halten aus der Rezipientenperspektive unter user quality gefasste Kriterien wie Ver- ständlichkeit sowie leichte und vielfältige Zugänglichkeit verstärkt Bedeutung.“ (Lü- nenborg 2012: S. 5).

Qualitätsmessungen anhand von Akteuren werden im Fachdiskurs jedoch zu- nehmend kritisch betrachtet. Dies liegt hauptsächlich in der geringen Aussage- kraft (vgl. Theis-Berglmair/ Kellermann 2017: S. 106) subjektiver Qualitätsur- teile begründet. Die Bewertung journalistischer Qualität aus Perspektive der Me- diennutzer erfolgt darüber hinaus ohne tiefgehende Fachkenntnis, weshalb die „hohe Akzeptanz beim Rezipienten per se kein hinreichender Qualitätsausweis ist“ (Held/ Ruß-Mohl 2005: S. 58). Die Gefahr einer unreflektierten, vornehm- lich an den Publikumsvorlieben orientierten Bewertung besteht bei Expertenur- teilen zwar nicht. Allerdings sind Fachleute selbst in die Medienbranche invol- viert, wodurch eine völlig unabhängige Qualitätsbeurteilung ausgeschlossen ist. Zudem besteht bei der Befragung von Experten die Möglichkeit, dass diese jour- nalistische Qualität aufgrund ihrer meist langjährigen Tätigkeit stark perspekti- visch und damit nicht umfassend wahrnehmen (vgl. Ebd.).

Die Beurteilung publizistischer Leistungen unter ökonomischen Aspekten ist zwar eng mit der Bewertung journalistischer Qualität aus Rezipientensicht ver- knüpft, kann jedoch nicht den akteurbezogenen Messverfahren zugerechnet wer- den. Hierbei wird der Markterfolg eines Medienprodukts in direkten Bezug zu dessen Qualität – im Sinne von ökonomischer Qualität – gesetzt. Diese wird anhand des Preises, der fristgerechten Bereitstellung der Inhalte sowie der Be- rücksichtigung allgemeingültiger Qualitätsstandards ermittelt. Bei dieser – im Vergleich zu anderen Messverfahren weniger tiefgreifenden – Bewertungsme- thode wird jedoch der Produktqualität als zentralen Faktor für kontinuierlichen Markterfolg zu wenig Bedeutung beigemessen (vgl. Haas/ Lojka 1998: S. 118).

Ein weiteres Messverfahren, das analytisch vorgeht und dadurch weder akteur- noch produktbezogenen Bewertungsmethoden zugeordnet werden kann, stellt die Ermittlung indirekter Qualitätsindikatoren dar. Als relevante Qualitäts- maßstäbe sind in diesem Zusammenhang medienorganisatorische Charakteris- tika wie die Anzahl an Nachrichtenagenturen-Abonnements und beschäftigten Redakteure zu nennen (vgl. Wellbrock/ Klein 2014: S. 390). Aufgrund der un- zureichenden Aussagekraft derartiger Organisationsmerkmale wird diese Mess- methode jedoch kritisch hinterfragt (vgl. Held/ Ruß-Mohl 2005: S. 59).

Schließlich kann journalistische Qualität auf Ebene journalistischer Endpro- dukte eruiert werden (vgl. Theis-Berglmair/ Kellermann 2017: S. 106). Für die Operationalisierung journalistischer Qualität muss das Konstrukt jedoch in ein- zelne Qualitätskriterien zerlegt werden (vgl. Ebd.), die anschließend separat – meist inhaltsanalytisch (vgl. Wellbrock/ Klein 2014: S. 390) – erhoben werden. In diesem Forschungskomplex hat insbesondere die von Barbara Baerns in Deutschland initiierte Determinationsforschung große Beachtung erfahren. Un- ter diesem Forschungsfeld werden Studien summiert, die anhand von akteurspe- zifischen Endprodukten der – meist politischen – Öffentlichkeitsarbeit sowie den daraus resultierenden Medienbeiträgen den Einfluss der Public Relations auf den Journalismus (vgl. Schantel 2000: S. 73 f.) und damit auch die Qualität journa- listischer Produkte (vgl. Haas/ Lojka 1998: S. 126 f.) analysieren.

Baerns hat sich in ihrer Studie „Öffentlichkeitsarbeit oder Journalismus?“ das Ziel gesetzt, den Einfluss der Public Relations auf die mediale BE vor dem Hin- tergrund der öffentlichen Aufgabe der Medien (vgl. Baerns 1991: S. 24) im Hin- blick auf Qualitätskriterien wie Unabhängigkeit, Quellentransparenz, Vielfalt und Aktualität (vgl. Ebd.: S. 87 - 90; vgl. Raupp/ Vogelsang 2009: S. 60) zu analysieren. Die Determinationsforschung als Ganzes bringt heterogene – und teils widersprüchliche – empirische Ergebnisse hervor (vgl. Donsbach/ Meißner 2004: S. 100 f.). Während einige Forscher aufgrund hoher Übernahmequoten einen Autonomieverlust des journalistischen Systems attestierten und damit Baerns Determinationsthese bekräftigten (vgl. Schulz 2011: S. 49; vgl. Lang 1980: S. 110 - 120; vgl. Rossmann 1993: S. 91 ff.), werden in anderen Untersu- chung durchaus Eigenleistungen des Journalisten erkennbar – weitere Faktoren und Rahmenbedingungen beeinflussen die Abdruckwahrscheinlichkeit von PR- Texten (vgl. Schulz 2011: S. 295 f.; vgl. Saffarnia 1993: S. 416 - 419; vgl. Mül- ler-Hennig 2000: S. 60 - 63). Im Rahmen der Determinationsforschung gilt le- diglich als empirisch gesichert, wonach PR-Materialien für die BE eine rele- vante Informationsquelle darstellen (vgl. Fröhlich 1992: S. 37).

Die produktbezogene Messung lässt in diesem Kontext durch die bloße Ermitt- lung gewisser PR- und BE-Anteile keine wissenschaftlich verlässlichen Quali- tätsaussagen zu. Größere empirische Aussagekraft kommen hingegen – insbe- sondere bei qualitativen Analysen – Erhebungen bezüglich journalistischer Transformationsleistungen (vgl. Raupp/ Vogelgesang 2009: S. 72 f.) sowie der Ermittlung der Quellentransparenz zu. Positiv herausgestellt werden muss in die- sem Kontext allerdings, dass die Determinationsforschung zur Beurteilung jour- nalistischer Qualität auch Public Relations in den Kontext journalistischer Hand- lungen integriert (vgl. Haas/ Lojka 1998: S. 129), journalistische Qualität also nicht als statisches Konstrukt begreift.

Aber auch abseits der Determinationsforschung muss die produktbezogene Mes- sung journalistischer Qualität kritisch betrachtet werden. Denn für empirische Erhebungen muss das multidimensionale Konstrukt stets – wie im Beispiel der Determinationsforschung angedeutet – in einzelne Qualitätskriterien, die an- schließend operationalisiert und gemessen werden, aufgegliedert werden (vgl. Theis-Berglmair/ Kellermann 2017: S. 106). Mit dieser notwendigen Simplifi- zierung, durch die nicht alle Facetten eines journalistischen Produkts abgebildet werden (vgl. Held/ Ruß-Mohl 2005: S. 58), geht zudem das Problem einher, dass einige Qualitätskriterien miteinander korrelieren (vgl. Theis-Berglmair/ Keller- mann 2017: S. 106).

3.2 Unparteilichkeit, Binnenpluralismus und Transparenz als zentrale Di- mensionen journalistischer Qualität

Ungehindert dieser Problematik sollen in diesem Unterkapitel Qualitätskriterien identifiziert werden, welche von zentraler Bedeutung für den Politikjournalis- mus sind. Sowohl im Rahmen des funktional-systemorientierten als auch bei normativ-demokratieorientierten und nutzerbezogen-handlungsorientierten De- finitionsansätzen finden die Qualitätsdimensionen Unparteilichkeit, Binnenplu- ralismus und Transparenz Erwähnung (vgl. Ebd.: S. 107; vgl. Wagner 2003: S. 23; vgl. Schönhagen 1998: S. 272 - 279).

Unparteilichkeit wird im kommunikationswissenschaftlichen Qualitätsdiskurs nicht als normativer Anspruch an den Journalismus begriffen, sondern als dessen zentrales Wesensmerkmal (vgl. Wagner 1998: S. 105). Das journalistische Ar- beitsprinzip der Unparteilichkeit herrscht im deutschen Nachrichten- und Zei- tungsjournalismus seit den Anfängen der ersten Periodika vor (vgl. Behmer 2004: S. 34; vgl. Schönhagen 1998: S. 291). Dieses „Ur-Prinzip des Journalis- ten“ (Schönhagen 1998: S. 268) resultiert aus seiner Funktion als unabhängiger Mediator (vgl. Ebd.: S. 267) „für die gesamte soziale Kommunikation wie auch für die gesamte Kommunikation eines gesellschaftlichen Teilbereiches und aller darin vertretenen Partner(schaften) und Interessen“ (Ebd.).

Schönhagen identifiziert journalistische Unparteilichkeit als mehrdimensionales K onstrukt (vgl. Ebd.: S. 291), das „ (1.) […] die allseitige Vermittlung der in der Gesellschaft virulenten Wissens- und Bewußtseinsinhalte, Standpunkte und Meinungen […] (2.) die konsequente Trennung von Nachricht und Kommentar […] (3.) die Offenlegung der Primärquellen […] (4.) die getreue, das heißt dem ursprünglichen Sinn gemäße und vollständige Vermittlung jeder Einzelmitteilung […] [sowie] (5.) ein spezifisches journalistisches Selbstverständ- nis im Sinne der Funktion eines neutralen Vermittlers […]“ (Ebd.)

umfasst. Auf Basis der möglichst vielfältigen und unverzerrten in den Medien abgebildeten Meinungen und Interessen, wodurch die öffentliche Diskussion an- geregt wird (vgl. Wagner 1998: S. 105), wird schließlich die politische Wahlent- scheidung getroffen (vgl. Arnold 2009: S. 234).

Bereits in der ersten Dimension der Unparteilichkeit verweist Schönhagen auf Vielfaltsanforderungen an die journalistische BE, die im Fachdiskurs unter dem Terminus Binnenpluralismus konkretisiert werden (vgl. Wagner 1998: S. 105). Die Forderung nach Vielfalt scheint in einem Spannungsverhältnis zum journa- listischen Qualitätskriterien der Relevanz zu stehen (vgl. Hagen 1995: S. 125), wonach aus der Vielzahl an „Themen, Meinungen, Personen, Organisationen o- der Format[e] für Nachrichten“ (Ebd.) für die mediale BE selektiert wird. Jedoch findet die Forderung nach Pluralität insbesondere dort Anwendung, „wo sich Sachverhalte in ihrer Relevanz nicht sicher vergleichen lassen, oder wo sich keine intersubjektiv akzeptierten Ausgewogenheitskriterien angeben lassen“ (Ebd.). Die Forderung nach binnenpluralistischer Darstellung bezieht sich daher einerseits darauf, alle beteiligten Kommunikationsrepräsentanten des Bezugsys- tems zu identifizieren und in die BE zu integrieren, wofür es aktiver Recherche bedarf (vgl. Schönhagen 1998: S. 272 ff.). Dies wird in der Fachliteratur als in- haltliche Vielfalt bezeichnet, denn die Darstellung von pluralistischen Informa- tionen und Meinungen steht hierbei im Fokus. Andererseits bezieht sich Binnen- pluralismus auch auf die zugrundeliegende Quellenvielfalt eines Medienbeitrags (vgl. Hagen 1995: S. 125). Unparteiliche BE geht also in der Regel mit einer – sowohl im Hinblick auf Inhalte als auch auf Quellen – allseitigen Vermittlungs- leistung der Journalisten einher (vgl. Schönhagen 1998: S. 275).

Schönhagen verbindet mit journalistischer Unparteilichkeit außerdem die Offen- legung der für den Medienbeitrag genutzten Primärquellen. Damit sind „die Ur- heber der vermittelten Mitteilungen, die Ausgangspartner oder Aussageträger“ (Wagner 1998: S. 105) gemeint. Diese Forderung nach Transparenz, die ebenso wie der Binnenpluralismus innerhalb der kommunikationswissenschaftlichen Qualitätsforschung auch als eigenständiges Qualitätskriterien konzipiert werden kann, geht über die bloße Benennung der Informationsquelle hinaus, denn sie ist zudem mit der Bewertung deren Güte verknüpft. Insbesondere bei Bewertungen innerhalb der (Politik-)Nachrichten sind Quellenangaben unerlässlich, damit die Mediennutzer die Aussage ihrem Urheber zuordnen und so akteurspezifische Motive und Interessen identifizieren – und damit letztlich die Glaubwürdigkeit der Inhalte eigenständig bewerten – können (vgl. Schönhagen 1998: S. 277 f.; vgl. Hagen 1995: S. 113 f.). Benennt ein Journalist also eine konkrete Quelle, bezieht er sich auf seine Rolle als reiner Informationsvermittler im Sinne von „relata refero“ (Wagner 1998: S. 105), da er den Mitteilungsinhalt nicht selbst bezeugen kann (vgl. Hagen 1995: S. 113 f.). Übernimmt ein Journalist hingegen etwa PR-Materialien ohne Quellenverweis, handelt dieser nicht transparent und verwehrt damit den Mediennutzern die Einordnung der Aussage in einen über- geordneten Kontext (vgl. Theis-Berglmair/ Kellermann 2017: S. 108). Quellen- transparenz stellt damit eine elementare Orientierungshilfe für das Publikum dar (vgl. Schönhagen 1998: S. 278), erleichtert zugleich aber auch die Nachkon- struktion des redaktionellen Entstehungsprozesses (vgl. Bentele 2008: S. 330).

4 Ansatz der kontingenzbezogenen Textanalyse nach Theis-Berg- lmair und Kellermann zur Differenzierung zwischen PR-Angeboten und journalistischen Texten und Ermittlung journalistischer Qualität

Trotz der aufgezeigten Problematik, journalistische Qualität theoretisch wie em- pirisch greifbar zu machen, wird die Qualitätsdebatte aufgrund aktueller Ent- wicklungen in der Kommunikationsbranche erneut angeregt. So resultiert aus der Kommerzialisierung der Massenmedien ein sich – in ökonomischer und per- soneller Hinsicht – immer deutlicher abzeichnendes Ressourcenungleichgewicht zwischen Öffentlichkeitsarbeit und Journalismus (vgl. Kilz 2005: S. 107 f.). Dies kann die Übernahme von Pressemitteilungen ohne zusätzliche journalistische Ei- genleistungen – wie sie PR-Praktiker zunehmend beobachten und kritisieren – begünstigen (vgl. Rehländer 2014: o.S.).

Für Rezipienten ist es jedoch im Prozess der eigenen Meinungsbildung zwin- gend notwendig, zwischen PR-Texten und JB differenzieren und damit – wie bereits in den Ausführungen zur Quellentransparenz erwähnt – den Informati- onsgehalt mit seinem Entstehungskontext verknüpfen und kritisch hinterfragen zu können (vgl. Fröhlich 1992: S. 47; vgl. Donsbach et al. 2009: S. 18). Vor dem Hintergrund, dass freie Journalisten immer häufiger nebenberuflich die Rolle des Öffentlichkeitsarbeiters einnehmen (vgl. Meyen/ Springer 2009: S. 78 - 81), ver- schärft sich diese Problematik weiter, denn die rollenspezifischen Grenzen zwi- schen den Kommunikationsberufen verschwimmen. Auch die Ausdifferenzie- rung der Öffentlichkeitsarbeit – im Rahmen der Corporate Communications ge- winnen etwa Kundenmagazine, die auf journalistisches Storytelling setzen, an Bedeutung (vgl. Amerland 2013: o.S.) – erschwert die klassische Einteilung in PR-Angebote und journalistische Texte (vgl. Theis-Berglmair/ Kellermann 2017: S. 105). Ebenso tragen die Digitalisierung und die damit aufgekommenen Möglichkeiten, als Laie im Sinne des Bürgerjournalismus oder partizipativen Journalismus journalistisch tätig zu werden, zur Entgrenzung des Journalismus bei (vgl. Ebd.). Eine Qualitätsbewertung wird auf Grundlage dieser Entwicklun- gen für Mediennutzer zunehmend schwieriger.

Ein innovativer Forschungsansatz der renommierten Wissenschaftler Theis- Berglmair und Kellermann verzichtet auf den starken Akteurbezug der bisheri- gen Qualitätsforschung und wählt einen alternativen Zugang, um die Qualität eines Textes zu beurteilen sowie Unterschiede zwischen PR-Texten und JB auf- zuzeigen: Mithilfe eines textorientierten Vorgehens werden die Qualitätsmerk- male Unparteilichkeit, Binnenpluralismus und Transparenz unabhängig vom In- formationslieferanten, stattdessen auf Ebene des Endprodukts greifbar gemacht (vgl. Ebd.: S. 108), sodass „journalistische Produkte nicht automatisch als qua- litativ hochwertig(er) klassifiziert werden können als Texte andrer Informations- lieferanten, wenn sie die Prinzipien des Binnenpluralismus, der Unparteilichkeit und der Transparenz verletzten“ (Ebd.). Eine solche Textanalyse nimmt den Re- ferenzbegriff Kontingenz zum Ausgangspunkt (vgl. Ebd.).

4.1 Annäherung über den Begriff der Kontingenz

„Kontingent ist etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist“ (Luh- mann 1984: S. 152). Kontingenz kann also als Offenheit, als „grundsätzliche Un- gewissheit“ (Kohring 2004: S. 89) begriffen werden.

Verschiedene Kommunikationsebenen sind von Kontingenz betroffen. Nach Luhmann, der Kommunikation als mehrstufigen Selektionsprozess – genauer gesagt als „dreistellige Einheit“ (Luhmann 1984: S. 196) von Information, Mit- teilung und Verstehen (vgl. Ebd.: S. 195 f.) – begreift, ist Kontingenz auf jeder dieser Selektionsstufen zu verorten (vgl. Theis-Berglmair/ Kellermann 2017: S. 108). Auf der Informationsebene spiegelt sich Kontingenz „in der Vielfältigkeit von Gegenständen und Sachverhalten“ (Marcinkowski/ Bruns 2004: S. 493) der BE wider. Dies resultiert aus der Notwendigkeit aus einem immensen Informa- tionsbestand aufgrund beschränkter Publikationskapazitäten Themen mithilfe spezieller Entscheidungsprogramme (vgl. Marcinkowski/ Bruns 2004: S. 494) selektieren zu müssen (vgl. Luhmann 1984: S. 195; vgl. La Roche 2011: S. 17).

Auf der Mitteilungsebene besteht Kontingenz in der Art und Weise, wie die ausgewählten Informationen dargestellt werden (vgl. Luhmann 1984: S. 197). So können etwa „Texte so, aber auch anders verfasst sein“ (Theis-Berg- lmair/ Kellermann 2017: S. 108). Die in Kapitel 3.2 vorgestellten Qualitätsdi- mensionen können in diesem Zusammenhang als Indikatoren für Kontingenz an- gesehen werden, denn sowohl Binnenpluralismus als auch Unparteilichkeit und Transparenz eröffnen Kontingenzräume: Im Rahmen von unparteiischer BE wird der thematisierte Sachverhalt möglichst neutral dargestellt, sodass den Re- zipienten keine Beurteilung der Geschehnisse vorweggenommen wird. Dem- nach steht die Qualitätsdimension der Unparteilichkeit in direkten Zusammen- hang mit Kontingenz, denn unparteiische BE bietet für Rezipienten vielseitige Möglichkeiten zur eigenständigen Bewertung. Auch die Qualitätsdimension des Binnenpluralismus – also der Forderung nach möglichst vielfältiger Darstellung – ist unmittelbar mit dem Kontingenzbegriff verknüpft. Denn durch die Fülle an verschiedenen Themen, Perspektiven und Quellen eröffnen sich Kontingenz- räume. Schließlich verweisen Journalisten im Rahmen der Qualitätsdimension Transparenz mit der Nennung der Primärquellen auf die Möglichkeit, dass sie auch andere Quellen hätten wählen können (vgl. Ebd.: S. 109).

Kommunikation kommt nach Luhmann allerdings erst dann zustande, wenn In- formation, Mitteilung und Verstehen synthetisieren (vgl. Luhmann 1984: S. 196). Auch auf dieser letzten Verstehensebene wird Kontingenz ersichtlich: Sie betrifft unterschiedliche Möglichkeiten des Verstehens, die sich auf Seiten der Rezipienten ergeben. So besteht die Möglichkeit, kommunikative Angebote als solche zu begreifen oder diese anderweitig einzuordnen (vgl. Ebd.: S. 108).

Die vorliegende Forschungsarbeit fokussiert sich – wie die Forscher Theis-Berg- lmair und Kellermann im Rahmen ihres neuartigen Forschungsansatzes vor- schlagen – auf die Mitteilungsebene. Auf Basis der aus journalistischen Redak- tionen sowie PR-Abteilungen stammenden Endprodukte, so die Annahme der Forscher, lassen sich mithilfe des Kontingenzbegriffs spezifische Textmerkmale identifizieren, die – auch ohne Kenntlichmachung des Urhebers – eine Abgren- zung zwischen diesen beiden Kommunikatoren ermöglichen. In einem weiteren Schritt können diese Textmerkmale in Bezug zur journalistischen Qualität ge- setzt werden (vgl. Ebd.: S. 108 f.). Bevor allerdings das eigene Forschungsdesign in Kapitel 5 ausführlich dargestellt wird, soll zunächst eine umfassende Vorstel- lung der weiteren theoretischen Überlegungen sowie des textanalytischen Ver- fahrens der Bamberger Wissenschaftler erfolgen.

4.2 Differenzierung zwischen offener und geschlossener Kontingenz

Dem Forschungsansatz von Theis-Berglmair und Kellermann liegt die Annahme zugrunde, dass sich journalistische Texte auf der Mitteilungsebene deutlich von PR-Angeboten unterscheiden. Erstgenannte müssten aufgrund der spezifischen Qualitätsforderungen – darunter Unparteilichkeit, Binnenpluralismus und Trans- parenz, die wie bereits erwähnt Kontingenzdimensionen aufweisen – mehr Kon- tingenzräume eröffnen als PR-Texte. Diese stellen im Gegensatz zum Journalis- mus, der als Beobachter zweiter Ordnung hervortritt und idealerweise mehrere Perspektiven aufzeigt, partikulare Interessen dar, weshalb geschlossene Kontin- genz als PR-spezifisches Textmerkmal vermutet wird (vgl. Ebd.: S. 109).

Wenn also PR-Texte als journalistische Informationsquelle benutzt werden, so ist nach Theis-Berglmair und Kellermann nicht der Niederschlag der PR-Inhalte in der BE entscheidend – wie es einst die Determinationsforschung suggeriert hat –, sondern die journalistischen Transformationsleistungen, die in Verbin- dung mit der Gewissheitsbewertung der von der PR induzierten Aussage stehen (vgl. Ebd.). So stellt bereits Grossenbacher im Rahmen seiner Analysen von PR- Materialen und deren Niederschlag in der BE im Jahr 1985 (vgl. Grossenbacher 1986: S. 28 - 32) fest, dass in JB, die aus PR-Material hervorgehen, teilweise Änderungen an semantischen Textmerkmalen der ursprünglichen Informations- quelle vorgenommen werden: Journalisten neutralisieren etwa vermehrt Wertun- gen und Relevanzbewertungen aus PR-Materialien, zudem werden auf nicht sig- nifikantem Niveau Zweifel in den Text eingebracht (vgl. Ebd.: S. 82 f.).

Die Kommunikationswissenschaftler Theis-Berglmaier und Kellermann knüp- fen an diese Erkenntnisse an: „Informationsinputs mit geschlossener Kontingenz (z.B. PR-Texte) [müssten also] durch journalistische Bearbeitung wieder geöff- net werden“ (Theis-Berglmair/ Kellermann 2017: S. 109), um als unabhängiger Beobachter verschiedene Perspektiven wiedergeben zu können und damit den journalistischen Qualitätsanforderungen zu entsprechen (vgl. Ebd.). Die For- scher modellieren auf Basis dieser These eine Gewissheitsskala 8, die von maxi- maler Unbestimmtheit bis zur absoluten Bestimmtheit von Textaussagen reicht. PR-Texte verorten sie als Texte mit sehr schwach ausgeprägter Kontingenz am linken Ende der Skala, die die absolute Bestimmtheit von Textaussagen be- schreibt. Demgegenüber ordnen die Wissenschaftler journalistischen Endpro- dukten aufgrund ihrer höheren Kontingenz deutlich geringere GG zu (vgl. Ebd.: S. 110).

4.3 Theoretisches Konstrukt: Ansatz der Gewissheitsgrade nach Baeriswyl

Zur Ermittlung der textspezifischen Kontingenz orientieren sich die Forscher am Ansatz der GG nach Baeriswyl (vgl. Ebd.). Im Zentrum stehen dabei die soge- nannten gewissheitsreduzierenden Klauseln (vgl. Baeriswyl 1989: S. 175), die

„im allgemeinen [sic!] die Gewissheit einer Nachricht [reduzieren], indem sie dem abs- trakten Leser auf irgendeine Art bewusst werden lassen, dass gewisse Instanzen als Ver- mittler zwischen realem Sachverhalt und Nachricht figurieren. Damit wird die Referen- zillussion aufgehoben, d.h. dem Leser wird bewusst, dass es sich bei der Nachricht nicht um den realen Sachverhalt, sondern um das Ergebnis eines Bewusstseinsprozesses han- delt.“ (Ebd.)

4.3.1 Gewissheitsreduzierende Klauseln

Baeriswyl identifiziert im Rahmen seiner theoretischen Hinführung zu einer quantitativen Inhaltsanalyse informativer Zeitungstexte (vgl. Ebd.: S. 88) mit- hilfe einer qualitativen Untersuchung des vollständigen Untersuchungsmaterials (vgl. Ebd.: S. 85) zunächst verschiedene sprachliche Ausdrücke, mit deren Hilfe „der Autor die Gewähr für die Richtigkeit der Nachricht abgeben kann“ (Ebd.: S. 61) und damit schließlich die Gewissheit reduziert. Ein Überblick über die gewissheitsreduzierenden Klauseln nach Baeriswyl in Verbindung mit konkre- ten Beispielen befindet sich im Anhang9 dieser Arbeit.

Als gewissheitsreduzierende Klauseln nennt der Forscher zunächst Modaladver-

bien der bedingten Gültigkeit (vgl. Ebd.: S. 45) – „Wörter wie wohl, womöglich, offensichtlich, möglicherweise, kaum, vielleicht, sicherlich, bestimmt, garan- tiert, vermutlich, durchaus “ (Ebd.: S. 46) sind dieser Kategorie zuzurechnen. Durch deren Verwendung wird eine Nachricht „als Bewusstseinsinhalt des Er- zählers oder einer vermittelnden Instanz deklariert“ (Ebd.), was mit unterschied- lichen Gewissheitsbewertungen einhergeht (vgl. Ebd.). Informationen zu den unterschiedlichen Graden von Gewissheit werden im Kapitel 4.3.2 dargestellt.

Auch den Modalverben „ können, müssen, dürfen, mögen und wollen “ (Ebd.: S. 47) schreibt Baeriswyl im subjektiven Gebrauch – also im Rahmen einer persönlichen Stellungnahme des Autors – die Fähigkeit zu, die Gewissheit einer Aussage zu verringern (vgl. Ebd.). Ebenso wie bei den Modaladverben kann der durch die genannten Modalverben zum Ausdruck gebrachte Bewusst- seinsinhalt als unterschiedlich wahrscheinlich dargestellt werden10 (vgl. Ebd.).

Zugleich weist Baeriswyl den sogenannten Redeerwähnungen eine ge- wissheitsreduzierende Funktion zu (vgl. Ebd.: S. 48 f.). Hierbei wird eine nach- richtenwürdige Proposition – diese kann als sprachlich behaupteter Sachverhalt (vgl. Ebd.: S. 14), der „aktuell, von öffentlichem Interesse oder für das Publikum interessant ist und in einem Satz eines Zeitungsartikels geäussert [sic!] wird“ (Ebd.: S. 210), definiert werden – in die direkte oder indirekte Rede einer ver- mittelnden Instanz integriert, sodass die Aussage als Bewusstseinsinhalt dieser Instanz deklariert wird. Auch Infinitivkonstruktionen, präpositionale Ausdrücke sowie Modalgefüge aus „wollen“ und „sollen“ mit Infinitiv sind den Redeerwäh- nungen zuzurechnen (vgl. Ebd.: S. 48 f.).

Eng mit den Redeerwähnungen sind gewissheitsreduzierende Klauseln rund um Verba Dicendi verknüpft. Neben der bloßen Kennzeichnung einer Rede wird diese häufig durch Verben des Sagens in Gestalt einer Redeeinleitung konkreti- siert. Dem Autor bietet sich dadurch die Möglichkeit, Stellung zum Wahrheits- gehalt der von der vermittelnden Instanz induzierten Aussage zu beziehen. In diesem Kontext unterscheidet Baeriswyl zwischen positiver und negativer Stel- lungnahme des Autors: Während der Erzähler bei Ernstgenannter den Wahr- heitsunterhalt der Nachricht durch seine Bewertung unterstreicht, lassen nega- tive Stellungnahmen die Richtigkeit der Aussage zweifelhaft erscheinen. Die Mehrheit der Verba Dicendi bringt Baeriswyl aber mit keiner direkten Stellung- nahme des Autors in Verbindung (vgl. Ebd.: S. 54 f.).

Auch Verba Sentiendi, also Verben des Wahrnehmens, Wissens und Glaubens, zählt der schweizerische Kommunikationswissenschaftler zu den gewissheitsre- duzierenden Klauseln. Denn zum einen können Verba Sentiendi auf einen Be- wusstseinsinhalt, der auf einen Wahrnehmungsvorgang einer Instanz hervor- geht, verweisen. Zum anderen kann der Autor mit diesen Verben Annahmen so- wie (vorsichtige) Vermutungen der vermittelnden Instanz kennzeichnen. In die- sem Zusammenhang wird – wie bei den Modaladverbien und Modalverben auch – zwischen verschiedenen GG11 differenziert (vgl. Ebd.: S. 55 f.).

Schließlich identifiziert Baeriswyl den Fragesatz als gewissheitsreduzierende Klausel, da dieser absolute Ungewissheit auszudrücken vermag. Es besteht aber die Möglichkeit, dass der Fragesatz als rhetorisches Mittel eingesetzt wird – das bedeutet, dass in diesem Fall die dargestellte Ungewissheit nicht der realen Un- gewissheit entsprechen würde (vgl. Ebd.: S. 56 f.).

4.3.2 Semantische Felder und deren Gewissheitsgrade

In einem nächsten Schritt entwickelt Baeriswyl ein Schema, in dem die gewiss- heitsreduzierenden Indikatoren zunächst auf Grundlage von inhaltlichen Aspek- ten den drei semantischen Feldern „Bewusstseinsinhalt“, „wissende Instanz“ so- wie „Stellungnahme des Erzählers“ zugeordnet werden (vgl. Ebd.: S. 66).

Die Dimension „Bewusstseinsinhalt“ zielt auf die Frage ab, ob „[d]ie Nachricht […] perspektivisch, aus der Sicht des Erzählers oder einer vermittelnden Instanz dargestellt [wird]“ (Ebd.: S. 67). Wird kein Bewusstseinsinhalt ersichtlich, so handelt es sich um objektiven Text (1. Grad). Wird in der Nachricht hingegen ein Bewusstseinsinhalt kenntlich gemacht, verliert diese als perspektivische Dar- stellung im Vergleich zur objektiven Nachricht automatisch an Gewissheit. Mit- hilfe von GG kann im Anschluss daran bestimmt werden, als wie gewiss dieser Bewusstseinsinhalt dann letztendlich einzustufen ist. In diesem Kontext ist zwi- schen einer Feststellung (2. Grad), einer Überzeugung (3. Grad), einer Annahme (4. Grad), einer Vermutung (5. Grad) sowie der vorsichtigen Vermutung (6. Grad) und Ungewissheit (7. Grad) zu differenzieren, wobei die Gewissheit von der erst- bis zur letztgenannten Ausprägung graduell abnimmt (vgl. Ebd.: S. 67 ff.). Eine Kurzbeschreibung dieser einzelnen GG befindet sich im Anhang12.

Die Dimension „wissende Instanz“ bezieht sich auf einen spezifischen Akteur, dem die Nachricht zugeordnet ist. Liegt kein Hinweis auf eine wissende Instanz vor, so handelt es sich um objektiven Text (1. Grad). Tritt jedoch eine Instanz hervor, ist zwischen dem Autor (2. Grad), der Allgemeinheit (3. Grad) und einer vermittelnden Instanz (4. Grad) zu differenzieren. Auch in diesem Zusammen- hang reduziert sich die Gewissheit zwischen den Polen völlige Gewissheit (1. Grad) und maximale Ungewissheit (4. Grad) graduell (vgl. Ebd.: S. 69 ff.). Im Anhang13 sind die Charakteristika der GG dieses semantischen Felds dargestellt. Schließlich zielt die „Stellungnahme des Erzählers“ als drittes semanti- sches Feld auf die Art und Weise ab, wie der Erzähler die Aussage einer wissen- den Instanz bewertet. Hierbei verteilen sich die GG auf insgesamt sechs Ausprä- gungen: So kann der Autor positiv Stellung zur Nachricht der vermittelnden In- stanz beziehen – es werden also Redeeinleitungen verwendet, die die Aussage bekräftigen und wahr erscheinen lassen. Erfolgt eine positive Stellungnahme im Indikativmodus (1. Grad), kann dies als höchstmögliche Gewissheit in dieser Dimension eingestuft werden. Die Gewissheit reduziert sich und Kontingenz- räume eröffnen sich bei einer positiven Stellungnahme im Konjunktivmodus (2. Grad), keiner Stellungnahme im Indikativmodus (3. Grad) sowie keiner Stel- lungnahme im Konjunktivmodus (4. Grad). Mit keiner Stellungnahme ist ge- meint, dass neutrale Redeeinleitungen wie „sagen“ verwendet werden, die keine Rückschlüsse auf eine Bewertung durch den Autor zulassen (vgl. Ebd.: S. 71 - 74). Negative Stellungnahmen im Indikativmodus (5. Grad) und im Konjunktiv- modus (6. Grad) bilden hingegen (völlige) Ungewissheit ab (vgl. Ebd.), da der Erzähler mit Redeeinleitungen wie „behaupten“ die Nachricht „als zweifelhaft/ unsicher qualifizieren kann“ (Ebd.: S. 73). Eine Übersicht über die Grade befin- det sich erneut im Anhang14. Wie die Darstellung der GG bereits verdeutlicht, geht mit der Verwendung des Konjunktivs generell eine Gewissheitsreduktion einher. Dies begründet Baeriswyl mit der gewissheitsreduzierenden Wirkung des Konjunktivs, denn der Erzähler distanziert sich durch die Verwendung die- ses Modus – unabhängig von der Art der Stellungnahme – automatisch von der Aussage der vermittelnden Instanz (vgl. Ebd.: S. 71 - 74).

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass nach der Identifikation ge- wissheitsreduzierender Indikatoren drei semantische Felder konstruiert wurden, in denen zwischen verschiedenen GG differenziert wird. Die GG, die die „Inten- sität der Gewissheitsreduktion der verschiedenen gewissheitsreduzierenden Klauseln“ (Ebd.: S. 80) ausdrücken, orientieren sich in allen drei Dimensionen an einer Gewissheitsskala, die das Spektrum von völliger Gewissheit bis zur ma- ximalen Ungewissheit abbildet. Je niedriger die Ausprägung des entsprechenden Grads ausfällt, desto gewisser wird die Nachricht dargestellt. Hohe Grade drü- cken hingegen fortschreitende Kontingenz aus (vgl. Ebd.: S. 74 f.).

Zur Textanalyse werden für jede Aussage die GG der Dimensionen „Bewusst- seinsinhalt“, „wissende Instanz“ sowie „Stellungnahme des Erzählers“ be- stimmt. Grundsätzlich ergeben sich hierfür nach dem Schema von Baeriswyl theoretisch 168 Kombinationsmöglichkeiten (vgl. Ebd.: S. 75). Allerdings redu- ziert sich die Anzahl der Kombinationsmöglichkeiten vor dem Hintergrund, dass einerseits „gewisse Kombinationen sprachlich nicht möglich sind […] [und an- dererseits] andere aufgrund von Besonderheiten des informativen Zeitungsstiles nicht realisiert werden können“ (Ebd.).

Da sich die semantischen Felder gegenseitig bedingen, werden folgende grund- sätzlichen Aussagen zur Erhebung der GG getroffen: Das Hervortreten einer wissenden Instanz geht zwangsläufig mit einem Bewusstseinsinhalt dieser ein- her, im Umkehrschluss handelt es sich bei einer Nachricht ohne wissende Instanz in den Dimensionen „wissende Instanz“ und „Bewusstseinsinhalt“ zwangsläufig um objektiven Text. Für das semantische Feld „Stellungnahme des Erzählers“ werden nur GG erhoben, wenn eine wissende Instanz in Form der Allgemeinheit oder einer vermittelnden Instanz hervortritt. Demnach identifiziert Baeriswyl 33 in der Praxis auftretende und aus sprachlicher Sicht logische Kombinationsmög- lichkeiten der GG der verschiedenen Dimensionen (vgl. Ebd.: S. 75 ff.).

4.3.3 Gewissheitsgrade in der schweizerischen Tagespresse: Empirische Er- kenntnisse

Im Anschluss an die theoretische Ausarbeitung des Ansatzes der GG wendet Baeriswyl die konzeptionierte Gewissheitsskala auf einen aus informativen Zei- tungsartikeln der schweizerischen Tagespresse bestehenden Textkorpus (vgl. Ebd.: S. 85 ff.) an, um Rückschlüsse auf die 1) Häufigkeit von gewissheitsredu- zierenden Klauseln in informativen Zeitungstexten 2) Häufigkeit bestimmter ge- wissheitsreduzierender Indikatoren in informativen Zeitungstexten sowie 3) Ge- wissheit der Zeitungsartikel als Ganzes ziehen zu können (vgl. Ebd.: S. 83).

Bei Baeriswyl fungieren die Sätze innerhalb eines Zeitungsartikels als Analy- seeinheit (AE) der quantitativen Inhaltsanalyse (vgl. Ebd.: S. 88). Als Satz kann

„eine Texteinheit, die vom Kontext durch Punkte, Fragezeichen, Ausrufezei- chen, Strichpunkte oder durch mehrere Leerzeichen abgetrennt ist“ (Ebd.), ver- standen werden. Insgesamt codiert der Wissenschaftler auf Basis einer repräsen- tativen Stichprobe an informierenden Zeitungsartikeln, die im Januar 1985 in den schweizerischen TZ „Neue Zürcher Zeitung“, „Tages Anzeiger“ und „Blick“ erschienen sind, 10.547 Sätze (vgl. Ebd.: S. 85 - 88).

Baeriswyl stuft 84 Prozent der untersuchten Sätze als objektiven Text ein (vgl. Ebd.: S. 89). Jedoch zeigt der Wissenschaftler diesbezüglich Unterschiede zwi- schen den drei TZ auf: So verwendet die „Neue Zürcher Zeitung“ von allen drei TZ die geringste Anzahl an gewissheitsreduzierenden Klauseln. Kommen solche Elemente allerdings zum Einsatz, so verringern diese die Gewissheit der Nach- richt mittel bis stark. Zudem identifiziert Baeriswyl in der „Neue Zürcher Zei- tung“ vergleichsweise häufig Nachrichten, die auf einen Bewusstseinsinhalt des Autors zurückgehen und als Überzeugung, Annahme oder schwache Vermutung gewissheitsreduzierend wirken. Dennoch treten gewissheitsreduzierenden Klau- seln in der „Neue Zürcher Zeitung“ in einer großen Vielfalt auf (vgl. Ebd.: S. 175 f.).

Die Sätze des „Tages Anzeiger“ bewertet Baeriswyl im Vergleich zu den ande- ren beiden TZ überdurchschnittlich oft als Bewusstseinsinhalt einer vermitteln- den Instanz. Hierbei nutzt der Autor häufig die Möglichkeit, Stellung zur Aus- sage der vermittelnden Instanz zu beziehen – diese wirken in erster Linie ge- wissheitsreduzierende sowie gewissheitsvermittelnd (vgl. Ebd.: S. 176).

Schließlich verfügt die BE der TZ „Blick“ über die größte Anzahl an gewiss- heitsreduzierenden Klauseln. Im Gegensatz zur „Neue Zürcher Zeitung“ treten diese Elemente jedoch in einer vergleichsweise geringen sprachlichen Vielfalt auf. Die Auswertung ergibt, dass in der „Neue Zürcher Zeitung“ insbesondere solche gewissheitsreduzierenden Klauseln eingesetzt werden, die nur schwach gewissheitsreduzierend wirken. Außerdem weist Baeriswyl nach, dass der Er- zähler im Falle eines Bewusstseinsinhalts einer vermittelnden Instanz die Ge- wissheit der getroffenen Aussage vergleichsweise häufig verstärkt (vgl. Ebd.).

4.4 Adaptionen im Rahmen der kontingenzbezogenen Textanalyse

Im Rahmen des Ansatzes der kontingenzbezogenen Textanalyse orientieren sich die Forscher am theoretischen Konstrukt von Baeriswyl. Bei der Erstellung eines speziell auf das Forschungsvorhaben zugeschnittenen Codebuchs – neben Zei- tungsartikeln zählen bei Theis-Berglmair und Kellermann auch Pressemitteilun- gen und Agenturnachrichten zum Untersuchungsmaterial (vgl. Theis-Berglmair/ Kellermann 2017: S. 111) – übernehmen die Wissenschaftler zwar das Grund- gerüst des Codebuchs von Baeriswyl, modifizieren und konkretisieren gleich- zeitig jedoch zentrale Aspekte. Diese werden in diesem Kapitel benannt.

4.4.1 Definition der Analyseeinheit

Dem Forschungsvorhaben von Theis-Berglmair und Kellermann liegt bereits eine alternative Definition der AE zugrunde. Im Gegensatz zu Baeriswyl, der den durch Satzschlusszeichen gekennzeichneten Satz zur AE bestimmt (vgl. Baeriswyl 1989: S. 88), fungiert bei der kontingenzbezogenen Textanalyse ein Satz beziehungsweise eine Aussage als AE, wobei sich diese nicht durch die Kennzeichnung durch Satzschlusszeichen ergibt, sondern durch das Vorhanden- sein der Satzelemente Subjekt, Prädikat sowie Objekt (vgl. Theis-Berglmair/ Kellermann 2016a: S. 1). Auch elliptische Satzformen sind in dieser Definition inbegriffen (vgl. Ebd.). Der Vorteil dieses Vorgehens gegenüber der bloßen Ein- teilung anhand Satzschlusszeichen von Baeriswyl besteht in einer vergleichba- ren Informationsmenge der einzelnen Aussagen (vgl. Baeriswyl 1989: S. 88).

Mit dieser konkreteren Definition der AE gehen spezifische Anweisun- gen zur Einteilung von Sätzen beziehungsweise Aussagen einher, da ein solcher Arbeitsschritt einen vergleichsweise höheren Komplexitätsgrad als die Eintei- lung auf Grundlage der Satzschlusszeichen aufweist. Theis-Berglmair und Kel- lermann haben in diesem Kontext ein Regelwerk – die sogenannten Codieran- weisungen für Sätze beziehungsweise Aussagen – erarbeitet. Dieses soll die Re- liabilität der AE gewährleisten und ist im Anhang15 dieser Arbeit vollständig abgedruckt. In diesem Kontext wird zwischen Parataxen und Hypotaxen unter- schieden. Während Parataxen als eine Aneinanderreihung von Hauptsätzen, die mittels koordinierender Konjunktionen verknüpft sind, für die Satzeinteilung auf Basis von Subjekt, Prädikat und Objekt in ihre einzelnen Aussageelemente zer- legt werden müssen, entfällt dies bei Hypotaxen. Denn bei einer Hypotaxe han- delt es sich um einen Hauptsatz, dem mindestens ein Nebensatz durch unterord- nende Konjunktionen syntaktisch untergeordnet ist. Dieser Differenzierung liegt die Überlegung zugrunde, dass in Parataxen durch die Gleichwertigkeit der Hauptsätze die Möglichkeit besteht, dass unterschiedliche Instanzen hervortre- ten können. Dies erübrigt sich hingegen bei Hypotaxen, da auch für den unter- geordneten Satzteil die übergeordnete Instanz des Hauptteils bezeichnend ist. Folglich dient die exakte Bestimmung der AE dem Zweck, alle Instanzen adä- quat erfassen zu können (vgl. Theis-Berglmair/ Kellermann 2016a: S. 1 ff.).

Im Rahmen dieses Regelwerks wird auch der Umgang mit direkten und indirekten Zitaten einer vermittelnden Instanz thematisiert. Handelt es sich – nach dem bereits dargelegten Satzverständnis im Sinne von Subjekt, Objekt und Prädikat – um mehrere Sätze beziehungsweise Aussagen, so plädieren die Wis- senschaftler für den Zusammenzug der einzelnen Aussagen zu einer Sinneinheit. Es ist bei längeren direkten oder indirekten Zitaten, die auf eine bestimmbare oder unbestimmbare Instanz zurückgeführt werden können, also grundsätzlich unerheblich, ob es sich dabei um Parataxen oder Hypotaxen handelt. Die AE bildet in solchen Fällen lediglich die Redeein- beziehungsweise -ausleitung zum Zitat, obwohl das Zitat selbst mehrere Sätze umfassen kann (vgl. Ebd.: S. 4).

4.4.2 Semantische Felder und Gewissheitsgrade

Weiterhin nehmen die Forscher Adaptionen am theoretischen Konstrukt von Baeriswyl vor. Die Semantischen Felder und GG der kontingenzbezogenen Textanalyse halten die Wissenschaftler in einem Codebuch fest. Deren vollstän- diges Codebuch mitsamt ausführlichen Erläuterungen sowie Praxisbeispielen befindet sich im Anhang16 dieser Arbeit.

Die erste Kategorie, die es im Rahmen der kontingenzbezogenen Textanalyse zu erheben gilt, bezieht sich auf die Instanz, auf die ein Bewusstseinsinhalt zurück- geführt werden kann. Im Gegensatz zu Baeriswyl, der dieses semantische Feld als „wissende Instanz“ bezeichnet, differenzieren Theis-Berglmair und Keller- mann diese Dimension für die empirische Operationalisierung aus: So bezieht sich die erste Kategorie des Codebuchs lediglich auf eine Instanz, die konkret bestimmt werden kann – die Ausprägungen der Kategorie „bestimmbare In- stanz“ entsprechen den GG der Dimension „wissende Instanz“ bei Baeriswyl: Wenn also ein Bewusstseinsinhalt von einer bestimmbare Instanz identifiziert werden kann, kann es sich dabei um den Autor (Ausprägung 1), die Allgemein- heit (Ausprägung 2) oder eine andere konkrete Instanz (Ausprägung 3) handeln. Theis-Berglmair und Kellermann berücksichtigen bei der Erarbeitung ihres der kontingenzbezogenen Textanalyse zugrundeliegenden Theoriekonstrukts zudem eine weitere Gegebenheit: Wird aus einer Aussage nicht zweifelsohne ersicht- lich, auf wen der geäußerte Bewusstseinsinhalt zurückgeführt werden kann, muss die Aussage in dieser Kategorie als nicht codierbar (Ausprägung 99) ein- gestuft werden (vgl. Theis-Berglmair/ Kellermann 2016b: S. 1 f.).

In diesem Fall greift die zweite zu erhebende Kategorie „Unbestimmbare In- stanz“ (vgl. Ebd.). Sie dient als „Auffangkategorie für direkte und indirekte Zi- tate, hinter denen zwar augenscheinlich eine Instanz steht, diese Instanz aber nicht eindeutig identifiziert werden kann“ (Ebd.: S. 2). Wenn die Aussage keinen Bewusstseinsinhalt wiedergibt oder dieser auf eine bestimmbare Instanz zurück- zuführen werden kann, kommt keine unbestimmbare Instanz vor (Ausprägung 77). Kann einem direkten oder indirekten Zitat jedoch keine konkrete Instanz zugeordnet werden, handelt es sich um eine „Unbestimmbare Instanz in direk- tem oder indirektem Zitat“ (Ausprägung 3) (vgl. Ebd.).

Die dritte Kategorie „Perspektive“, die im Rahmen der kontingenzbezogenen Textanalyse erhoben wird, ist gleichbedeutend mit dem semantischen Feld „Be- wusstseinsinhalt“ bei Baeriswyl. Es wird also analysiert, ob der „Inhalt einer Nachricht als Bewusstseinsinhalt einer Person kenntlich [ge]macht [wird]“ (Ebd.). Gleichermaßen wie bei der theoretischen Ausarbeitung von Baeriswyl gilt auch an dieser Stelle, dass die Identifizierung eines Bewusstseinsinhalts zwangsläufig mit der Existenz einer Instanz – also einer Codierung der Ausprä- gung 1 bis 3 in der Kategorie „Bestimmbare Instanz“ oder der Ausprägung 3 in der Kategorie „Unbestimmbare Instanz in direktem oder indirektem Zitat“ – ver- knüpft sein muss. Unterschiede sind hingegen bei den Ausprägungen zu ver- zeichnen, da Theis-Berglmair und Kellermann eine Vereinfachung vornehmen: Zwar bleiben die GG objektiver Text (Ausprägung 0), Primäre Wahrnehmung/ Beobachtung (Ausprägung 1), Überzeugung (Ausprägung 2), Annahme (Aus- prägung 3) sowie Ungewissheit (Ausprägung 5) erhalten. Allerdings fassen die Wissenschaftler die GG Vermutung und vorsichtige Vermutung, die bei Baeris- wyl den fünften beziehungsweise sechsten GG bilden, angesichts vermehrter Problemfälle bei der exakten Einordnung zu dem GG Vermutung/ vorsichtige Vermutung (Ausprägung 4) zusammen. Zudem erweitern Theis-Berglmair und Kellermann das theoretische Konstrukt von Baeriswyl – wie auch bei der Kate- gorie „Bestimmbare Instanz“ – um die Möglichkeit, die Aussage als nicht co- dierbar einzustufen (Ausprägung 99) (vgl. Ebd.: S. 2 f.).

Schließlich bildet die vierte Kategorie „Gewissheitsbewertung“ der kontingenz- bezogenen Textanalyse die Dimension „Stellungnahme des Erzählers“ von Baeriswyl ab – es wird also analysiert, ob der Autor die direkte oder indirekte Aussage einer wissenden Instanz gewissheitsvermittelnd oder gewissheitsredu- zierend darstellt. Zwar behalten Theis-Berglmair und Kellermann in diesem Kontext die GG von Baeriswyl bei. Auch die Annahme, dass sich der Autor durch die Verwendung des Konjunktivmodus von der Aussage distanziert, wird übernommen. Allerdings ordnen die Wissenschaftler die unterschiedlichen GG an einer alternativen Gewissheitsskala, die nun auch negative Werte annehmen kann, an: Die positiven Stellungnahme mit Indikativmodus (Ausprägung -2) so- wie die positive Stellungnahme mit Konjunktivmodus (Ausprägung -1) wirken der Gewissheitsreduktion, die mit dem Vorkommen einer Instanz einhergeht, entgegen. Nicht beziehungsweise nur geringfügig gewissheitsreduzierend wir- ken keine Stellungnahme des Autors mit Indikativmodus (Ausprägung 0) und mit Konjunktivmodus (Ausprägung 1). Zweifelt der Autor die Richtigkeit der Aussage der Instanz an und reduziert damit die Gewissheit deutlich, so kann dies im Rahmen der kontingenzbezogenen Textanalyse als negative Stellungnahme mit Indikativmodus (Ausprägung 2) oder mit Konjunktivmodus (Ausprägung 3) geschehen. Auch an dieser Stelle ergänzen die Wissenschaftler das theoretische Konstrukt von Baeriswyl um die Möglichkeiten, dass der Autor auf eine Rede- einleitung oder -ausleitung verzichtet (Ausprägung 77) oder die Aussage als nicht codierbar eingestuft werden muss (Ausprägung 99) (vgl. Ebd.: S. 4).

Schließlich soll im Rahmen der kontingenzbezogenen Textanalyse zur Ermitt- lung der Vielfalt der Quellen zusätzlich erhoben werden, wie viele unterschied- liche Instanzen innerhalb eines Textes ihre Perspektive in diesen einbringen. Zu diesem Zweck führen Theis-Berglmair und Kellermann die fünfte Kategorie

„ Anzahl der referierten Instanzen“ ein, die erst nach der Codierung aller Aussa- gen innerhalb eines Textes erhoben wird. Hierfür müssen alle Aussagen berück- sichtigt werden, denen eine bestimmbare Instanz zugeordnet werden kann. Al- lerdings ist für diese Kategorie nicht die Häufigkeit des Vorkommens der Instan- zen, sondern nur die Anzahl an unterschiedlichen Instanzen, die innerhalb eines Textes identifiziert werden können, relevant. Das bedeutet, dass gegebenenfalls neben Autor und Allgemeinheit noch konkrete Instanzen namentlich vermerkt werden. Die Anzahl an referierten Instanzen wird anschließend auf dem Code- bogen mit dem entsprechenden numerischen Wert hinterlegt (vgl. Ebd.: S. 5).

Das theoretische Konstrukt, das Baeriswyl zur Analyse der GG von Zei- tungsartikeln erarbeitet hat, wird also von Theis-Berglmair und Kellermann im Rahmen ihrer kontingenzbezogenen Textanalyse weitgehend übernommen, al- lerdings im Sinne ihres eigenen Forschungsvorhabens modifiziert. Insbesondere die Erweiterungen um die Kategorien „Unbestimmbare Instanz in direktem oder indirektem Zitat“ und „Anzahl der referierten Instanzen“ sowie die Einführung der Ausprägungen „nicht vorhanden“ (Kategorie 2 und Kategorie 4) und „nicht codierbar“ (Kategorie 1, 3 und 4) sind in diesem Zusammenhang hervorzuheben.

Wie bereits im Rahmen der Erläuterung der Kategorie „Gewissheitsbe- wertung“ erwähnt wurde, geht mit der Adaption des theoretischen Modells von Baeriswyl auch eine überarbeitete Gewissheitsskala einher: Während die Aus- prägung 0 – wie auch bei Baeriswyl – objektiven Text mit maximaler Gewissheit bezeichnet, reduziert sich die Gewissheit einer Aussage, je größer der numeri- sche Wert einer Ausprägung ausfällt (vgl. Ebd.: S. 1). Die Einführung von ne- gativen Werten im Rahmen der Kategorie „Gewissheitsbewertung“ verweist auf die Möglichkeit, dass der Autor gewissheitsvermittelnd Stellung zu einer Aus- sage einer Instanz nimmt – und damit die eigentlich gewissheitsreduzierende Funktion eines Zitats relativiert (vgl. Ebd.: S. 4).

4.5 Empirische Evidenz: Geschlossene Kontingenz als zentrales Textmerk- mal von PR-Texten

Mithilfe des Codebuchs sowie der Codierregeln17 untersuchen die Forscher PR- Texte sowie journalistische Texte im Hinblick auf die Ausprägung von Kontin- genz. Die Einteilung der AE erfolgte wie in Kapitel 4.4.1 ausführlich vorgestellt auf Grundlage der Codieranweisungen für Sätze beziehungsweise Aussagen. Im Rahmen der qualitativen Inhaltsanalyse analysieren die Forscher verschie- dene Textsorten linguistisch: Als Untersuchungsmaterial fungieren einerseits ausgewählte journalistische Texte der Wirtschaftsberichterstattung, die aus lo- kalen beziehungsweise regionalen TZ, aus überregionalen TZ sowie von der Nachrichtenagentur Deutsche Presseagentur (DPA) stammen (vgl. Theis-Berg- lmair/ Kellermann 2017: S. 110 f.). Diesen Texten wurden wiederrum – sofern sie über eines der 30 DAX-geführten Unternehmen berichten – die zugrundelie- genden Pressemitteilungen des DAX-Unternehmens zugeordnet, wodurch ein direkter Vergleich zwischen PR-Material und den daraus resultierenden JB mög- lich ist. In der Folge werden journalistische Transformationsleistungen konkret nachvollzogen. In die Analyse fließen letztlich Aussagen aus Pressemitteilungen (n= 2.774), aus lokalen beziehungsweise regionalen TZ (n= 518), aus überregi- onalen TZ (n= 885) sowie aus DPA-Agenturbeiträgen (n= 536) ein (vgl. Theis- Berglmair/ Kellermann 2018: o.S.).

Die empirischen Ergebnisse18 der linguistischen Textanalyse bestätigen die These der Wissenschaftler, wonach sich PR-Texte durch das Textmerkmal der geschlossenen Kontingenz auszeichnen: Denn 90 Prozent der analysierten Aus- sagen aus Pressemitteilungen können als objektiv klassifiziert werden. Demge- genüber weisen alle journalistischen Textsorten höhere Kontingenzwerte auf: Während sich der Anteil an objektiven Aussagen in den analysierten Beiträgen von überregionalen TZ auf 78 Prozent beläuft, werden in der untersuchten Wirt- schaftsberichterstattung der lokalen beziehungsweise regionalen TZ sowie der DPA vermehrt Kontingenzräume eröffnet: 72 beziehungsweise 71 Prozent der AE, die aus diesen Textsorten hervorgehen, können als objektiver Text codiert werden. In der Folge werden deutliche Unterschiede im Einsatz von perspekti- vischen Aussagen in Abhängigkeit von der Textart ersichtlich. Während bei Pressemitteilungen nur eine von zehn Aussagen als perspektivisch eingestuft wird, verdoppelt beziehungsweise verdreifacht sich dieser Wert nahezu bei den journalistischen Textsorten (vgl. Ebd.).

Auf dieser Basis lassen sich folgende Indexwerte für die Kategorie Instanz für die verschiedenen Textsorten ableiten: In Pressemitteilungen können an dieser Stelle geringe Abweichungen vom objektiven Text festgestellt werden (In- dexInstanz = 0,28), wohingegen in Beiträgen aus überregionalen Zeitungen ver- mehrt Kontingenzräume eröffnet werden (IndexInstanz = 0,58). In den Beiträgen der lokalen/ regionalen TZ sowie der Nachrichtenagentur werden demgegenüber häufiger höhere Ausprägungen der Kategorie Instanz codiert, weshalb hierfür Indexwerte von 0,86 beziehungsweise 0,87 ausgewiesen werden (vgl. Ebd.).

Ein ähnliches Bild, wenngleich auf leicht geringfügigeren Niveau, ergibt sich bei der Betrachtung der Indexwerte für die Kategorie Perspektive. An dieser Stelle können, sofern nicht nicht codierbar, die Ausprägungen 0 bis 5 codiert werden. Der Indexwert der Kategorie Perspektive beläuft sich für Pressemittei- lungen auf 0,2 und für Beiträge überregionaler Zeitungen auf 0,52. Journalisti- sche Texte aus regionalen/ lokalen TZ und von der Nachrichtenagentur dpa wei- sen erneut mit 0,6 beziehungsweise 0,61 höhere Indexwerte auf (vgl. Ebd.).

Ein Blick auf die Indexwerte der Kategorie Gewissheitsbewertung gibt schließ- lich Auskunft darüber, welche Gewissheit der Autor den Aussagen einer wissen- den Instanz zuschreibt. In Pressemitteilungen werden Redeein- und -ausleitun- gen überwiegend als keine Stellungnahme sowie als positive Stellungnahme co- diert, was sich in einem Indexwert von -0,01 widerspiegelt. Davon heben sich die JB deutlich ab: Bei diesen Textsorten belaufen sich die Indexwert der Kate- gorie Gewissheitsbewertung auf 0,05 (überregionale TZ, dpa) beziehungsweise 0,06 (regionale/ lokale TZ). Damit kommen in journalistischen Texten im Ge- gensatz zu Pressemitteilungen eher gewissheitsreduzierende als gewissheitsver- stärkende Redeein- und -ausleitungen zum Einsatz (vgl. Ebd.).

Insgesamt verifizieren die empirischen Ergebnisse die forschungsleitende Hy- pothese der Wissenschaftler: Die Betrachtung des allgemeinen Indexwertes, der die Ungewissheitswerte aller AE in Bezug zur Gesamtanzahl der Aussagen setzt – also den UG des gesamten Textes abbildet –, offenbart deutliche Differenzen in der KA zwischen PR-Texten und JB. Während Pressemitteilungen mit einem UG von lediglich 0,47 überwiegend objektive Aussagen treffen und damit kaum Kontingenzräume eröffnen, kommen in journalistischen Texten vermehrt ge- wissheitsreduzierende Elemente zum Einsatz. Mit Indexwerten von 1,52 messen Beiträge der regionalen/ lokalen TZ sowie Agenturmeldungen die höchsten UG. Eine schwächere KA wird hingegen im Analysematerial der überregionalen Ta- gespresse nachgewiesen: Hierfür beläuft sich der Indexwert auf 1,15 (vgl. Ebd.).

5 Diachrone Kontingenzanalyse der innenpolitischen Wahlberichter- stattung von Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine Zei- tung zu den Bundestagswahlen 1998, 2009 und 2017

Einen weiteren Beitrag zur von Theis-Berglmair und Kellermann initiierten Kontingenzforschung leistet die vorliegende Arbeit. Allerdings unterscheidet sich dieses Forschungsvorhaben deutlich von der soeben präsentierten Pionier- studie. Denn deren Erkenntnisse stellen, wenngleich diese zunächst nur empiri- sche Evidenz für die Wirtschaftsberichterstattung ausweisen, den theoretischen Ausgangspunkt für ein darauf aufbauendes Forschungsdesiderat dar: Wenn Kon- tingenz ein wesentliches Merkmal journalistischer Texte darstellt, so ist anzu- nehmen, dass sich „Veränderungen in der Öffnung und Schließung von Kontin- genz in journalistischen Texten im Zeitverlauf“ (Theis-Berglmair/ Kellermann 2017: S. 111) abzeichnen (vgl. Baeriswyl 1989: S. 20).

5.1 Forschungsfrage und endogene sowie exogene Einflussfaktoren auf die Ausprägung von Kontingenz im Politikjournalismus der deutschen Tages- presse

Bisher existieren keine Längsschnittstudien, die Veränderungen im Einsatz ge- wissheitsreduzierender Klauseln in journalistischen Texten analysieren. Die vor- liegende Arbeit leistet einen ersten Beitrag zur Schließung der Forschungslücke, um Aussagen dazu treffen zu können, in welcher Zeitspanne und in welchem Ausmaß eventuelle Veränderungen in der Kontingenz der BE auftreten können. Ein weiteres Ziel dieser Arbeit besteht darin gegebenenfalls medienspezifische Kontingenzunterschiede in den journalistischen Texten greifbar zu machen. Mithilfe einer diachronen Kontingenzanalyse soll im Rahmen dieser Arbeit die folgende forschungsleitende Frage beantwortet werden: Inwieweit differiert die KA in der innenpolitischen WB zu den BW 1998, 2009 und 2017 von den Leit- medien SZ und FAZ zwischen latenter und finaler Wahlkampfphase sowie im diachronen Vergleich? Hierzu bedarf es zunächst jedoch einer theoretischen Ein- ordnung, in deren Rahmen ausgewählte zentrale Einflussgrößen auf die journa- listische Qualität des Politikjournalismus in deutschen TZ innerhalb der letzten drei Jahrzehnte benannt werden.

In diesem Kontext werden insbesondere deterministische Marktmechanismen sowie institutionelle Zwänge der TZ – also exogene Determinanten – themati- siert. Denn es wird angenommen, dass endogene Einflussfaktoren auf die BE einer TZ – darunter „der Autor, die Prinzipien der Themenwahl, der Chefredak- tor und die Grundsatzbestimmungen des Verlages“ (Ebd.: S. 21) – eine ver- gleichsweise hohe Konstanz aufweisen und ihnen deshalb keine maßgebliche Bedeutung in der diachronen Analyse potentieller Änderungen in der KA in jour- nalistischer zukommt (vgl. Ebd.). Der Wandel des Journalismus – und damit auch der BE –, den Wagner als zwangsläufig und damit auch als Bestandsmerk- mal des journalistischen Systems begreift, wird vornehmlich durch die Einbet- tung in ein komplexes Umweltgefüge geprägt (vgl. Wagner 1998: S. 96).

5.1.1 Akuter Aktualitätsverlust der politischen Printnachrichten: Mehrwert durch ressourcenintensive Hintergrundberichterstattung

Wie bereits in Kapitel 2 erläutert, fokussieren sich TZ auf die zeitnahe BE über aktuelle Geschehnisse. Denn neben Publizität, Periodizität und Universalität stellt die Aktualität ein zentrales Charakteristikum der Tagespresse dar (vgl. Bisiaux 2002: S. 207). TZ haben sich bereits seit dem ersten Erscheinen diesem grundlegenden Merkmal– wenngleich nicht nach den heutigen Maßstäben – verschrieben (vgl. Dussel 2011: S. 1). Der Aktualitätsbegriff umfasst im Bezug auf TZ neben der „unmittelbaren Tagesaktualität“ (Pöttker 2000: S. 386 ) auch ein „gegenwärtiges Betroffensein“ (Dussel 2011: S. 1) – also ein Wiedererstarken vermeintlich abgehandelter Themen. Mit diesem ausgeprägten Gegenwartsbezug grenzt sich die TZ etwa von Büchern und Zeitschriften ab, die das Konzept der latenten Aktualität verfolgen (vgl. Pöttker 2000: S. 386 ).

Mit der Entwicklung zur Informationsgesellschaft ist der Aktualitätsanspruch an den Journalismus als Ganzes – insbesondere aber an den Politikjournalismus – in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen: Eine erhöhte Nachfrage nach politischen Informationen kann im Speziellen auf die steigende Komplexität politischer Prozesse in modernen Gesellschaften zurückgeführt werden, da die Politik in Folge eines gesellschaftlichen Differenzierungsprozesses vermehrt mit pluralen „Einzelrationalitäten und Interessen“ (Mai 2011: S. 97) konfrontiert wird (vgl. Ebd.). Da die gesellschaftlichen Teilsysteme aufgrund dieses wachsenden Informationsbedarfs vermehrt Informationen aller Art einfordern, will der Journalismus in seiner Funktion als Informationslieferant dieses Bedürfnis mithilfe eines breiten Informationsangebots befriedigen. In der Folge benötigen Medienunternehmen fortlaufend neue politische Informations- angebote, was wiederum den Aktualitätsverfall verschärft.

Die Entstehung der modernen Informationsgesellschaft und der damit verbundene Aktualitätszwang wird vom technischen Wandel angeregt. Waren es einst „in den 1920er Jahren der Hörfunk und in den 1950er Jahren das Fernsehen“ (Deutscher Fachjournalisten-Verband o. J.: o. S.), die neue Aktualitätsmaßstäbe setzten, so verschärft heuzutage das Internet weiter den Zeitdruck im Journalismus (vgl. Ebd.). Im Gegensatz zur TZ bietet das neue Medium nämlich die Möglichkeit, Informationen rund um aktuelle Geschehnisse unmittelbar bereitzustellen. Hieraus entwächst zugleich die Erwartungshaltung der Mediennutzer, unverzüglich unterrichtet zu werden (vgl. Ebd.).

Die Entwicklungstendenz des zunehmenden Aktualitätszwangs, welche insbe- sondere innerhalb der letzten beiden Jahrzehnte durch die Verbreitung des Inter- nets neue Dimensionen angenommen hat (vgl. Ebd.), betrifft auch den deutschen Politikjournalismus als „ältestes journalistisches Ressort“ (Ebd.). Den Stellen- wert in der Berufspraxis zeigt die Online-Befragung deutscher PJS von Lünen- borg und Berghofer aus dem Jahr 2009 auf, in der beinahe ein Drittel der befrag- ten PJS die Digitalisierung beziehungsweise das Internet als zentrale Einfluss- größe auf die journalistischen Arbeitsroutinen nennen. An die Thematisierung dieser Entwicklungstendenz knüpfen sich ambivalente Bewertungen an: Wäh- rend einige PJS die Möglichkeit des direkten Austauschs mit den Rezipienten positiv hervorheben, wird das neue Medium häufig auch aufgrund der Beschleu- nigung der BE als Belastung wahrgenommen (vgl. Lünenborg/ Berghofer 2010b: S. 47 f.).

Mit dem erhöhten Aktualitätsdruck im Politikjournalismus geht schließlich eine Schnelllebigkeit der BE einher, in der weniger Zeit für aufwändige Recherchen zur Verfügung steht, was wiederum die Fehleranfälligkeit der journalistischen Produkte – insbesondere bei Online-Medien – erhöht (vgl. Ebd.: S. 38). In der Folge wird ein zunehmender Glaubwürdigkeitsverlust des deutschen Journalis- mus attestiert (vgl. Rehländer 2014: o.S.). Sowohl die zeitlich bedingte Vernach- lässigung journalistischer Standards als auch die daraus resultierenden negativen Auswirkungen auf die journalistische Glaubwürdigkeit sind vor dem Hinter- grund der demokratietheoretischen Funktion des Politikjournalismus kritisch zu betrachten.

Zwar sind grundsätzlich sowohl die PJS im Online-Journalismus als auch bei TZ einem steigenden Arbeitstempo ausgesetzt (vgl. Schniedermann 2006: S. 112). Allerdings muss in diesem Kontext genauer differenziert werden: So eignen sich Nachrichtenangebote im World Wide Web beziehungsweise mobile Nachrich- tenapplikationen aufgrund der raschen Bereitstellung von politischen Informati- onen für Mediennutzer in erster Linie zur primären Informationsaufnahme. (vgl. Deutscher Fachjournalisten-Verband o.J.: o.S.), weshalb Online-Redaktionen ei- nem besonders ausgeprägten Aktualitätsanspruch obliegen. Auch deutsche (Ta- ges)Zeitungen sind sich der Bedeutung des Internets im Hinblick auf die rasche (politische) Informationsvermittlung bewusst, weshalb mittlerweile die Mehr- zahl der regionalen und überregionalen deutschen TZ über ein entsprechendes Online-Angebot verfügt (vgl. Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger o.J.: S. 18 f.). Wollen klassische Medien über neue Geschehnisse berichten, so „[ver- öffentlichen] sie [meist] einen kurzen Teaser mit der Nachricht auf ihrem On- line-Angebot […] und [kündigen] einen ausführlichen Bericht in der folgenden Ausgabe […] an“ (Deutscher Fachjournalisten-Verband o.J.: o.S.).

Durch die rasche Informationsbereitstellung im Internet verschiebt sich das Leis- tungsmerkmal der überregionalen TZ zunehmend auf die Hintergrundberichter- stattung (vgl. Bürker 2005: S. 3) sowie die Bereitstellung von exklusiven Nach- richten (vgl. Schniedermann 2006: S. 112): Neben informierenden Meldungen und Berichten kommt daher fundierten Analysen der aktuellen politischen Ge- schehnisse – auch in alternativen journalistischen Darstellungsformen – zentrale Bedeutung zu (vgl. Weichler 2003: S. 51 f.). Dies hat weitreichende Konsequen- zen für den Aktualitätsmaßstab von TZ: Während Meldungen sowie Berichte aus dem Online-Angebot des Mediums relativ zeit- und kostensparend für die Printausgabe aufbereitet werden können (vgl. Franzmann 2001: S. 61 f.), sind für die Hintergrundberichterstattung oder Exklusivmeldungen über aktuelle po- litische Geschehnisse arbeitsintensive Recherchearbeiten nötig (vgl. Funck 2016: S. 129), deren Ergebnisse für eine Veröffentlichung am Folgetag bis zum Redaktionsschluss in ein journalistisches Endprodukt umgesetzt werden müssen (vgl. Franzmann 2001: S. 63).

Damit lastet heutzutage auch auf dem Politikjournalismus in TZ eine hohe – wenngleich aus Rezipientensicht im Vergleich zu anderen tagesaktuellen Me- dien Online-Angeboten schwächer ausgeprägte (vgl. Best et al. 2016: S. 149 f.) – Aktualitätsforderung, deren Erfüllung durch ressourcenintensive Arbeitsrouti- nen erschwert wird. Gleichzeitig werden TZ mit einem akuten Aktualitätsverfall konfrontiert, da Nachrichten vom Vortag in der modernen Mediengesellschaft erheblich an Wert verlieren. Denn im Gegensatz zu Online-Angeboten, in die rund um die Uhr neue Inhalte eingespeist und bei Bedarf aktualisiert oder erwei- tert werden können, vermitteln TZ aus medientechnischen Gründen lediglich solche Informationen, die bis zum Redaktionsschluss eingegangen und verwertet worden sind (vgl. Franzmann 2001: S. 63 f.). Die Fokussierung auf die Hinter- grundberichterstattung stellt damit einen Mehrwert der TZ gegenüber Online- Medien dar, verschärft jedoch gleichermaßen den Druck auf die PJS, komplexe Inhalte in möglichst kurzer Zeit aufzubereiten (vgl. Funck 2016: S. 129).

5.1.2 Kommerzialisierung als deterministische Marktmechanismus des Printjournalismus

Neben dem zunehmenden Aktualitätszwang beeinflusst auch eine weitere Ent- wicklungstendenz den modernen Politikjournalismus maßgeblich: Der starke wirtschaftliche Druck, der heute auf den Medienunternehmen lastet, wird im Rahmen der Online-Befragung von Lünenborg und Berghofer aus dem Jahr 2009 von rund ein Viertel der befragten PJS als zentrale Determinante journalis- tischen Handelns genannt (vgl. Lünenborg/ Berghofer 2010b: S. 47 f.). Denn TZ fungieren einerseits „als Informationsträger mit sozialen Zielen, andererseits als Werbeträger mit wirtschaftlichen Zielen“ (Bisiaux 2002: S. 207) – durch diese Doppelnatur der Medien kollidieren also öffentliche mit privatwirtschaftlichen Interessen (vgl. Ebd.).

Während das Phänomen der Ökonomisierung, das die Ausrichtung publizisti- scher Leistungen an wirtschaftlichen Grundsätzen bezeichnet, bereits seit dem Aufkommen der Massenmedien an Bedeutung gewinnt, handelt es sich bei der Kommerzialisierung um eine neue Entwicklungstendenz (vgl. Gadringer/ Vieth 2012: S. 35 ff.). Denn die Kommerzialisierung umfasst sämtliche Anstrengun- gen eines Medienunternehmens, die der Gewinnmaximierung dienen und damit die Journalisten in der Ausübung ihrer öffentlichen Aufgabe behindern (vgl. McManus 2009: 219). „Die primäre Orientierung an maximalen Profiten“ (Gadringer/ Vieth 2012: S. 37) spiegelt sich in den redaktionellen Abläufen so- wie der publizistischen Gestaltung wider (vgl. Donsbach et al. 2009: S. 17 f.) und geht zwangsläufig mit einem Qualitätsverlust journalistischer Produkte ein- her (vgl. Gadringer/ Vieth 2012: S. 37).

Das zweigliedrige Geschäftsmodell der TZ bildet bereits seit ihren Anfängen die Basis für deren wirtschaftlichen Erfolg: Einnahmen werden sowohl über den Verkauf an Rezipienten als auch über Werbeanzeigen generiert (vgl. Plank/ Schopf 2012: S. 22), wobei „zwei Drittel der Einnahmen der Zeitungen und Ma- gazine von der Werbewirtschaft“ (Ebd.) stammen. Innerhalb der letzten Jahre hat dieses Vertriebsmodell jedoch in Folge der im Jahr 2002 einsetzenden Me- dienkrise an Stabilität verloren: Zum einen resultierten aus der angespannte Kon- junkturlage im Rahmen der allgemeinen Wirtschaftskrise drastische Einbußen in den Werbeeinnahmen. Zum anderen sahen sich die deutschen TZ mit einer strukturellen Krise konfrontiert, da vermehrt Werbekunden und junge Rezipien- ten in das neue Konkurrenzmedium Internet abgewandert waren (vgl. Weischen- berg et al. 2006a: S. 14).

Bereits seit den 1980er Jahren verzeichnen deutsche TZ – nach einem kontinu- ierlichen Reichweitenanstieg seit den 1950er Jahren – sinkende Leserzahlen. Die schwindende Leserschaft steht zum einen in Verbindung mit dem Bedeutungs- verlust der TZ innerhalb der jüngeren Kohorten (vgl. Arnold 2009: S. 253 - 257): Während sich 14 bis 29-jährigen Mediennutzer im Jahr 2000 noch durchschnitt- lich rund 16 Minuten pro Tag der TZ gewidmet haben, hat sich die Nutzungs- dauer bis zum Jahr 2015 kontinuierlich auf lediglich neun Minuten täglich redu- ziert. Damit liegt die TZ im Hinblick auf Nutzungsdauer und Tagesreichweite in dieser Kohorte weit hinter den Medien Rundfunk und Internet zurück (vgl. Best et al. 2016: S. 35 f.). Dies liegt nicht zuletzt daran begründet, dass sich diese Zielgruppe vermehrt der großen Anzahl an Online-Angeboten zuwendet, die größtenteils kostenlos abgerufen werden können (vgl. Kilz 2005: S. 105 f.). Zum anderen kann der Leserschwund in der deutschen Tagespresse auf die aus dem Qualitätsverfall journalistischer Produkte resultierende sinkende Nachfrage nach journalistischen Inhalten zurückgeführt werden. Demgegenüber gewinnen alternative Informationsangebote im Internet – etwa Blogs – zunehmend an Be- deutung (vgl. Mothes 2014: S. 43 f.).

Diese negative Entwicklung spiegelt sich zudem in der Gesamtanzahl deutscher TZ sowie in deren Auflagenhöhe wider: Während im Jahr 1980 noch 393 TZ mit einer Gesamtauflage in Höhe von 20,4 Millionen erfasst worden sind (vgl. Bun-desverband Deutscher Zeitungsverleger 1980: S. 1), reduziert sich dieser Kenn-wert im Jahr 2018 auf 327 TZ, die über eine Gesamtauflage von 14,7 Millionen verfügen (vgl. Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger o.J.: S. 5).

[...]


1 s. Anhang 1, S. i

2 s. Anhang 2, S. ii

3 s. Anhang 3, S. iii

4 s. Anhang 4, S. iv

5 s. Anhang 5, S. v

6 s. Anhang 6, S. v

7 s. Anhang 7, S. vi

8 s. Anhang 8, S. vi

9 s. Anhang 9. S. vii

10 s. nachfolgendes Kapitel

11 s. nachfolgendes Kapitel

12 s. Anhang 10, S. viii

13 s. Anhang 11, S. ix

14 s. Anhang 12, S. ix

15 s. Anhang 13, S. x ff.

16 s. Anhang 14, S. xiii - xvi

17 s. Anhang 15, S. xviii f.

18 s. Anhang 16, S. xix

Ende der Leseprobe aus 160 Seiten

Details

Titel
Wie gewiss sind Politiknachrichten?
Untertitel
Diachrone Kontingenzanalyse der innenpolitischen Berichterstattung von SZ und FAZ zu den Bundestagswahlen 1998, 2009 und 2017
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
160
Katalognummer
V459842
ISBN (eBook)
9783668905054
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kontingenz, Journalismus, Public Relations, Kontingenzanalyse, diachrone Kontingenzanalyse, Politiknachrichten, Gewiss, Gewissheit, Baeriswyl, Gewissheitsgrade, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Textanalyse, Linguistische Textanalyse, Inhaltsanalyse, innenpolitische Berichterstattung, Bundestagswahl, Bundestagswahlen, Wahlberichterstattung, Politikjournalismus, Journalistische Qualität, Unparteilichkeit, Transparenz, Binnenpluralismus, Kontingenzbezogene Textanalyse, Theis-Berglmair, Kommerzialisierung, Abhängigkeit, Journalistische Vielfalt, Determinationsthese, Determinationsforschung, Barbara Baerns, Baerns, Determinationshypothese, Bundestagswahl 2017, Bundestagswahl 1998, Bundestagswahl 2009
Arbeit zitieren
Sandra Heimrich (Autor), 2018, Wie gewiss sind Politiknachrichten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/459842

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