Thema der vorliegenden Arbeit ist es, die Möglichkeiten und Grenzen der Bezugspflege im Alltag einer Station zur qualifizierten Behandlung schwer- und mehrfachabhängiger Menschen zu beleuchten. Ich selber bin seit vier Jahren als examinierter Krankenpfleger auf einer solchen Station tätig. Ein Hauptbestandteil der Entzugsbehandlung von stofflichen Suchtmitteln ist neben der Behandlung der rein körperlichen Entzugssymptomatik, die Beziehungsgestaltung zwischen Behandelndem und Patient. Aufgrund der spezifischen Krankheit und der damit oftmals verbundenen Beziehungsstörung, aber auch aufgrund der erlebten Erfahrungen von Patienten aus dem Drogen- und Gefängnismilieus, fällt es immer wieder außerordentlich schwer, intakte und tragfähige Arbeitsbeziehungen mit dem Patienten aufzunehmen. Während meiner Tätigkeit auf der geschlossenen Aufnahmestation des Suchtbereichs gab die zu leistende Beziehungsarbeit der Pflegekräfte häufig Anlass zu regen Diskussionen. Deutlich wurden dabei die sehr anspruchsvollen und schwierigen Bedingungen der Arbeit mit abhängigkeitserkrankten Menschen. Ein Hilfsmittel zur Gestaltung einer professionellen therapeutischen Beziehung ist das Instrument der Bezugspflege. In der psychiatrischen Krankenpflege ist es während der letzten Jahre in vielen Kliniken fast vollständig gelungen, die psychiatrische Arbeit von der einst praktizierten Funktionspflege auf die Bezugspflege umzustellen. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es nun, das Instrument der Bezugspflege mit all seinen Möglichkeiten und Grenzen als Hauptbestandteil der Beziehungsgestaltung im Rahmen einer Station für die qualifizierte Behandlung abhängiger Menschen zu untersuchen. Hierzu werden zuerst einmal grundlegende Aspekte der Sucht und Abhängigkeitserkrankung näher beleuchtet. Erläutert werden sowohl historische und gesellschaftliche Inhalte als auch verschiedene Entstehungsmodelle der Substanzabhängigkeit. Im zweiten Teil werden wichtige Grundlagen wie die Definitionen und Inhalte von Pflege, psychiatrischer Pflege und Bezugspflege erklärt und die Pflegetheorie von Hildegard Peplau vorgestellt. Der anschließende dritte Teil stellt die Verknüpfung der ersten beiden Teile dar und beleuchtet die Möglichkeiten und Grenzen von Bezugspflege im Setting einer geschlossenen Station zur Behandlung substanzabhängiger Menschen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Stoffliche Suchtmittel (Historie, Konsumarten, Wirkungen)
Kokain
Hanf
Heroin
1.1 Definitionen
Missbrauch
Sucht
Abhängigkeit
Opioidentzugssyndrom nach ICD-10
1.2 Entstehungskonzepte der Substanzabhängigkeit
Persönlichkeitspsychologische Konzepte
Psychiatrische Konzepte
Psychoanalytische Konzepte
Sozialpsychologische Konzepte
Modell der Risikofaktoren
Das Trias Konzept
1.3 Gesellschaftliche Aspekte und psychosoziale Folgen einer Abhängigkeitserkrankung
2 Was ist psychiatrische Pflege
2.1 Was ist Bezugspflege
2.2 Vorrausetzungen für die Bezugspflege
2.3 Die Psychodynamische Krankenpflege nach Hildegard Peplau als Grundstein der Bezugspflege
Die vier Phasen der Beziehungsgestaltung
Die sechs Rollen des Pflegenden
3 Möglichkeiten der Bezugspflege im Stationsalltag auf einer Station zur qualifizierten Entzugsbehandlung abhängigkeitserkrankter Menschen
4 Grenzen der Bezugspflege im Stationsalltag auf einer Station zur qualifizierten Entzugsbehandlung abhängigkeitserkrankter Menschen
5 Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Möglichkeiten und Grenzen der Bezugspflege als zentrales Instrument der Beziehungsgestaltung bei der Behandlung schwer- und mehrfachabhängiger Menschen im Rahmen einer stationären Entzugsbehandlung.
- Grundlagen stoffgebundener Suchterkrankungen
- Entstehungskonzepte der Substanzabhängigkeit
- Theoretische Fundierung durch das Pflegemodell von Hildegard Peplau
- Praktische Anwendungsbereiche der Bezugspflege im Stationsalltag
- Herausforderungen und systemische Grenzen bei der Umsetzung des Konzepts
Auszug aus dem Buch
3 Möglichkeiten der Bezugspflege im Stationsalltag auf einer Station zur qualifizierten Entzugsbehandlung abhängigkeitserkrankter Menschen
Nun möchte ich zum Hauptteil dieser Arbeit kommen, welcher sich mit der Verwendung der Bezugspflege als Teil der Beziehungsgestaltung zwischen Pflegendem und Patient auf einer Station zur akuten Drogenentgiftung beschäftigt. Ein Bezugspflegesystem ordnet Menschen (Pflegepersonen), Menschen (Patienten) zu. Die Bezugspflege ermöglicht, dass jeder Patient unabhängig von seiner Attraktivität, eine oder mehrere Bezugspersonen erhält. Die Bezugspflegeperson sollte idealerweise für alle Bereiche und alle Krankheits- und Lebensaspekte des Patienten Ansprechpartner sein und deckt alle Aktivitäten des täglichen Lebens ab. Sie orientiert sich am Pflegeprozess und bedient sich der Hilfsmittel der Pflegeplanung sowie den Pflegediagnosen.
Nachfolgend werden einige Möglichkeiten der Umsetzung von Bezugspflege im Umfeld einer geschlossenen Entzugsstation benannt. Einige Patienten waren bis zu vierzig Male in Entgiftungen. Auch in den Jahren meiner Arbeit mit drogenabhängigen Menschen habe ich viele der Patienten oftmals wiederholt zur Entgiftung auf der Station betreut. Im Rahmen der Bezugspflege bietet sich hier die Möglichkeit, eine Beziehung zu dem Patienten auf zu nehmen, welche auch beim nächsten Aufenthalt auf der Station weiter besteht bzw. wieder aufgenommen werden kann. Der Erfahrung nach, ist es außerordentlich schwierig, mit Patienten, die an einer Suchterkrankung leiden und zur Entgiftung auf die Station kommen, eine Beziehung auf zu nehmen und zu gestalten.
Oftmals kommen Patienten auf die Station, welche in den Monaten oder Jahren vor ihrer Aufnahme auf der Strasse gelebt haben und im Rahmen ihres sozialen Umfeldes (Drogenszene) massiv negative Erfahrungen mit Kontakten und Beziehungen zu anderen Menschen gemacht haben. Nicht selten ist auch die „natürlich vorgegebene“ Beziehung zur Familie abgebrochen. Gelernte Verhaltensmuster erschweren die offene Kontaktaufnahme. Hauptziel einer Kontaktaufnahme in diesem Rahmen muss es meiner Meinung nach sein, die bestehende Hürde der illegalen Subkultur des Drogenmilieus durch eine offene, direkte und emphatische Ansprache etwas abzubauen und dem Patienten die Möglichkeit zu einer persönlichen Öffnung zu geben.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung des Themas und der Zielsetzung, die Möglichkeiten und Grenzen der Bezugspflege in der spezialisierten Suchtbehandlung zu untersuchen.
1 Stoffliche Suchtmittel (Historie, Konsumarten, Wirkungen): Überblick über relevante Suchtmittel, theoretische Entstehungsmodelle von Abhängigkeit sowie gesellschaftliche Auswirkungen.
2 Was ist psychiatrische Pflege: Definition psychiatrischer Pflege und Einführung in das Konzept der Bezugspflege sowie die Pflegetheorie von Hildegard Peplau als Basis.
3 Möglichkeiten der Bezugspflege im Stationsalltag auf einer Station zur qualifizierten Entzugsbehandlung abhängigkeitserkrankter Menschen: Detaillierte Darstellung von elf verschiedenen Bezugspflegebereichen im therapeutischen Alltag.
4 Grenzen der Bezugspflege im Stationsalltag auf einer Station zur qualifizierten Entzugsbehandlung abhängigkeitserkrankter Menschen: Analyse der systemischen und persönlichen Hürden sowie der Gefahr von Überidentifikation und Burnout.
5 Zusammenfassung und Ausblick: Kritische Reflexion der aktuellen Situation in der Entzugsbehandlung und Plädoyer für eine kontinuierliche, beziehungsorientierte Pflege.
Schlüsselwörter
Bezugspflege, Suchtbehandlung, psychiatrische Pflege, Hildegard Peplau, Entzugsstation, Drogenabhängigkeit, therapeutische Beziehung, Ressourcenorientierung, Pflegeprozess, Suchtdruck, Psychodynamik, Empowerment, Suchthilfe, Motivation, Interaktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Anwendung und den spezifischen Herausforderungen der Bezugspflege im klinischen Kontext einer geschlossenen Station für Drogenentzug.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die professionelle Beziehungsgestaltung, der Umgang mit Suchtdruck bei Patienten und die theoretische Fundierung durch das Pflegemodell von Peplau.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, das Instrument der Bezugspflege in all seinen Möglichkeiten und Grenzen bei abhängigkeitserkrankten Menschen kritisch zu untersuchen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine Kombination aus fachliterarischer Analyse, theoretischen Pflegemodellen und seiner vierjährigen beruflichen Erfahrung als Krankenpfleger auf einer Entzugsstation.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden elf Bereiche der Bezugspflege definiert, darunter ressourcenorientierte, edukative, konfrontative und empathische Ansätze im Stationsalltag.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Bezugspflege, Suchtdruck, Beziehungsgestaltung, Entzugsbehandlung und psychodynamische Pflege.
Welche Rolle spielt Hildegard Peplau für das Konzept?
Peplau dient als theoretischer Grundpfeiler, da ihr Modell der Beziehungsgestaltung (Orientierung, Identifikation, Nutzung, Ablösung) besonders geeignet ist, die komplexe Dynamik zwischen Pflegendem und Suchtkranken zu strukturieren.
Welche Gefahren ergeben sich bei der Durchführung der Bezugspflege laut Autor?
Es besteht unter anderem die Gefahr der emotionalen Erschöpfung (Burnout), von Spaltungstendenzen im Team sowie der Überidentifikation des Pflegenden mit der Rolle des Fürsprechers.
Warum ist die Konfrontation in der Suchtpflege ein sensibles Thema?
Der Autor argumentiert, dass Konfrontation nur dann erfolgreich sein kann, wenn bereits eine tragfähige, vertrauensvolle emotionale Bindung zwischen Bezugspfleger und Patient besteht; andernfalls führt sie zu Abwehr und Abbruch der Behandlung.
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- Sebastian Böttner (Author), 2005, Möglichkeiten und Grenzen der Bezugspflege bei mehrfachabhängigen Menschen in einer stationären Entzugsbehandlung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46017