Im Rahmen der weltweiten Lockerung von Handelsschranken ist ein globaler Markt entstanden, der von transnationalen Unternehmen (transnational corporations, TNCs) vorangetrieben, genutzt und dominiert wird. Verheerende ökologische und soziale Folgen in manchen Produktionsländern der Dritten Welt riefen Anfang der 90er Jahre bei den zivilgesellschaftlichen Organisationen massive Kritik hervor. Der Ruf nach mehr Verantwortung, nach Balance von Rechten und Pflichten der transnationalen Konzerne konnte auch auf staatlicher Ebene nicht auf Dauer ignoriert werden. Nachdem jedoch 1992 Verhandlungen der Vereinten Nationen über einen weltweiten Verhaltenskodex für transnationale Unternehmen gescheitert waren, waren in der Folge nur noch soft-law-Ansätze möglich – d.h. freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen, bestimmte Umwelt-, Sozial- und Menschenrechtstandards einzuhalten. Unter öffentlichem Druck verankerten die Konzerne eigene Verhaltenskodizes (Code of Conduct) in ihren Firmenzielen.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
1.1 KONTEXT UND AUSGANGSPOSITION
1.2 DIE FRAGESTELLUNG UND IHRE RELEVANZ
1.3 AUFBAU
2 DIFFUSIONSFORSCHUNG - BEGRIFFLICHKEITEN UND ABGRENZUNGEN
2.1 DAS PHÄNOMEN
2.2 DIE THEORETISCHEN KONZEPTE
2.2.1 Policy-Transfer
2.2.2 Lesson-drawing
2.2.3 Norm life cycle
2.2.4 Institutioneller Isomorphismus
2.3 DIE MECHANISMEN
2.4 DIE BESTIMMUNGSFAKTOREN
2.4.1 Die Charakteristik der Norm und des zu lösenden Problems
2.4.2 Die Kommunikationskanäle
2.4.3 Die geographische Nähe
2.4.4 Das Umfeld
2.4.5 Das soziale System und seine Ressourcen
2.5 DIE MOTIVATION
2.5.1 Normübernahme als Risikomanagement
2.5.2 Normübernahme als Reputationsmanagement und Legitimitätsmotor
2.5.3 Normübernahme aus ethischen Gründen
2.6 DIE AKTEURE
2.7 DAS DIFFUSIONSKONZEPT DIESER ARBEIT
3 TRANSNATIONALE KONZERNE IM DIFFUSIONSPROZESS
3.1 POTENTIAL
3.2 ZIELE
3.3. ERFOLG
4 FALLBEISPIEL: DIE BASF AG
4.1 VORSTELLUNG DES UNTERNEHMENS
4.1.1 Eckdaten
4.1.2 Institutionalisierungsgrad
4.1.2.1 Einbindung in Initiativen, Verbänden und Organisationen
4.1.2.2 Verhaltensstandards
4.1.2.3 Organisationsstruktur
4.1.2.4 Überprüfung und Transparenz
4.2 GEMEINWOHLORIENTIERTE AKTIVITÄTEN
4.3 DIE BASF ALS NORMENTREPRENEUR - DAS BEISPIEL ESPAÇO ECO
4.3.1 Vorstellung des Projektes
4.3.1 Erfolgsaussichten einer Normdiffusion
4.3.1.1 Die Charakteristik der Norm und des zu lösenden Problems
4.3.1.2 Die Kommunikationskanäle
4.3.2.3 Die geographische Nähe
4.3.2.4 Das Umfeld
4.3.2.5 Das soziale System und seine Ressourcen
5 TRANSNATIONALE KONZERNE ALS NORMENTREPRENEURS? FAZIT UND AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob und unter welchen Bedingungen transnationale Unternehmen (TNCs) als "Normentrepreneurs" (Normunternehmer) im Rahmen von globalen Diffusionsprozessen agieren können. Das zentrale Ziel ist es, die politikwissenschaftliche Diffusionstheorie durch die Integration privatwirtschaftlicher Akteure zu erweitern und deren Potential sowie Erfolgsfaktoren bei der Verbreitung von Normen (insbesondere im Kontext des UN Global Compact) zu analysieren.
- Erweiterung der Diffusionstheorie um privatwirtschaftliche Akteure
- Analyse der Motivation und Mechanismen der Normübernahme durch TNCs
- Untersuchung der institutionellen Einbindung von Unternehmen in Selbstregulierungsinitiativen
- Fallstudienbasierte Analyse der BASF AG und des Projekts "Espaço Eco"
- Diskussion von Möglichkeiten und Grenzen unternehmerischen Handelns als Normvermittler
Auszug aus dem Buch
2.4.1 Die Charakteristik der Norm und des zu lösenden Problems
Eine Innovation ist jede Idee, jedes Objekt oder jedes Verfahren, das von einer Gruppe des sozialen Systems als neu wahrgenommen wird (Mahajan/Peterson 1985: 7). Entscheidend ist demnach nicht, ob die Idee objektiv gesehen neu ist, sondern ob sie als neu wahrgenommen wird: „The perceived newness of the idea for the individual determines his or her reaction to it. If the idea seems new to the individual, it is an innovation“ (Rogers 1995: 11). Wie bereits erwähnt, interessieren in dieser Arbeit nur Innovationen, die normative Standards setzen oder erfüllen.
Ein Faktor für die Übernahme der Innovation bzw. Norm ist ihre inhärente Beschaffenheit. Sie muss deutliche Vorteile gegenüber dem Status quo haben, gut sichtbare Veränderungen bringen und sollte trotzdem möglichst einfach strukturiert, klar und präzise formuliert sein (Kern 2000: 257, Finnemore/Sikkink 1998: 906f). Des Weiteren hätten universalistische Normen eher Chancen zu diffundieren als partikulare, von denen nur ein Teil aller Menschen profitieren kann (Garcia 2004). Normen, die die körperliche Unversehrtheit von Unschuldigen bzw. Nichtverursachern betreffen, haben zusätzlich ein hohes Diffusionspotential - “research has shown that norms that are directly connected to prohibiting bodily harm to innocent bystanders are extremely powerful in mobilizing transnational support“ (ibid: 25). So hat z.B. die Norm des Verbotes von Landminen einen lebenserhaltenden und damit direkt sichtbaren Effekt, ist klar und einfach strukturiert und ist somit auf breiter Basis anerkannt. Bei diesem Beispiel wird deutlich, dass moralische und emotionale Faktoren bei der Verbreitung von gemeinwohlorientierten Normen eine wichtige Rolle spielen (so auch Nadelmann 1990). Allerdings dürfen auch ökonomische oder politische Gewinne nicht außer Acht gelassen werden (siehe Kpt. 2.5 bzgl. der Motivationen).
Der Inhalt der Norm hängt selbstverständlich auch mit der Charakteristik des zu lösenden Problems zusammen. Je sichtbarer dies ist und je unmittelbarer die Wirkung des Problems auf das soziale System ist und eine Lösung als dringend empfunden wird, desto schneller wird eine Norm oder Innovation übernommen werden (Jörgens 2003: 11, Dolowitz/Marsh 1996).
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Dieses Kapitel führt in die Global-Governance-Debatte ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Rolle transnationaler Unternehmen als Normentrepreneurs.
2 DIFFUSIONSFORSCHUNG - BEGRIFFLICHKEITEN UND ABGRENZUNGEN: Es erfolgt eine theoretische Aufarbeitung der Diffusionstheorie, ihrer Konzepte, Mechanismen, Bestimmungsfaktoren und Motivationen, ergänzt um Aspekte der Organisationssoziologie.
3 TRANSNATIONALE KONZERNE IM DIFFUSIONSPROZESS: Dieses Kapitel prüft das Potential, die Ziele und Erfolgsbedingungen für transnationale Unternehmen, um als Normentrepreneurs in Selbstregulierungsinitiativen aktiv zu werden.
4 FALLBEISPIEL: DIE BASF AG: Eine empirische Fallstudie der BASF AG untersucht deren institutionelle Strukturen und Aktivitäten, insbesondere das Projekt "Espaço Eco", auf ihre Eignung als Normunternehmer.
5 TRANSNATIONALE KONZERNE ALS NORMENTREPRENEURS? FAZIT UND AUSBLICK: Die Arbeit fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert die Grenzen unternehmerischen Handelns sowie zukünftige Forschungsfragen zur politischen Steuerung durch transnationale Konzerne.
Schlüsselwörter
Diffusionstheorie, transnationale Unternehmen, TNCs, Normentrepreneurs, Global Governance, Selbstregulierung, Corporate Social Responsibility, CSR, Normen, Policy-Transfer, Institutioneller Isomorphismus, BASF, Espaço Eco, Nachhaltigkeit, Global Compact
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwiefern transnationale Unternehmen, die bisher primär als Akteure in "coercive diffusion"-Prozessen wahrgenommen wurden, eine aktive Rolle als "Normunternehmer" bei der Verbreitung gesellschaftlich gewünschter Normen einnehmen können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind internationale Politikdiffusion, Global Governance, Unternehmensethik (CSR) sowie die theoretische Verknüpfung politikwissenschaftlicher Diffusionsansätze mit soziologischen Organisationstheorien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage ist, ob transnationale Konzerne (TNCs) als Normentrepreneurs fungieren können, ob diese Funktion mit ihrer Profitmaximierungslogik vereinbar ist und unter welchen Bedingungen sie dabei erfolgreich sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine theoretische Aufarbeitung politikwissenschaftlicher Diffusionsmodelle (Policy-Transfer, Norm life cycle) mit einer empirischen Fallstudie am Beispiel der BASF AG, ergänzt durch Experteninterviews.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretisch die Mechanismen und Erfolgsfaktoren für Normdiffusion und prüft anschließend in einer Fallstudie, wie die BASF AG Nachhaltigkeitsnormen in ihren internen Strukturen institutionalisiert und extern durch Projekte wie "Espaço Eco" verbreitet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Diffusionstheorie, transnationale Konzerne (TNCs), Normentrepreneurs, Global Governance und Corporate Social Responsibility (CSR) definiert.
Welche Rolle spielt die BASF AG in diesem Dokument?
Die BASF dient als exemplarisches Fallbeispiel, an dem untersucht wird, wie ein großer Industriekonzern durch Compliance-Strukturen und Nachhaltigkeitsinitiativen wie "Espaço Eco" versucht, eigene Standards in sein Umfeld zu diffundieren.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von NGOs?
NGOs werden als Impulsgeber und zivilgesellschaftlicher Druckfaktor betrachtet, der Unternehmen zu einer aktiveren Auseinandersetzung mit Normen (Skandalisierungsgefahr) und zur Zusammenarbeit in "Multistakeholder-Initiativen" zwingt.
Warum wird das Projekt "Espaço Eco" detailliert analysiert?
Es dient als konkreter empirischer Beleg, um zu prüfen, ob die theoretisch hergeleiteten Erfolgsfaktoren (z.B. Kommunikationskanäle, Ressourcen) in der Praxis eines Unternehmensprojekts greifen, selbst wenn eine quantitative Erfolgsmessung aufgrund der Projektlaufzeit noch nicht möglich ist.
- Citation du texte
- Beate Bernstein (Auteur), 2005, Normdiffusion durch transnationale Unternehmen? Möglichkeiten und Grenzen privatwirtschaftlicher Normentrepreneurs am Beispiel der BASF, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46032